Chapter 5
»Ueberwindung, gnädige Frau? Vielleicht wäre Furcht das Richtigere ... Furcht, daß aus dem Spiel Ernst werden könnte! Ich bin schließlich nicht bloß ein auf zwei Füßen gehendes Bündel von Grundsätzen, sondern daneben auch ein ganzes Ende lang ein junger Kerl mit Blut in den Adern. Damals, nach dem Rennen, gelang es mir, mich noch leidlich heil in Sicherheit zu bringen, ich möchte die Gefahr nicht zum zweiten Male herausfordern ...« Halb aus Mitleid sprach er so, halb unter dem Einflusse der Weingeisterchen, die ihm im Blute spukten. Und Frau Josepha beugte sich zu ihm über den schmalen Tisch, so daß er ihren Atem spürte.
»Ist ja alles nicht wahr, aber schön Dank! Wenn man die Gulden nicht kriegen kann, muß man mit die Kreuzeln vorlieb nehmen ... Und jetzt will _ich_ Ihnen ein Geständnis machen, aber das dürfen Sie Wort für Wort glauben. Wie ich Sie damals auf der Rennbahn sah, spürte ich ein ganz seltsames Gefühl ... wie eine plötzliche Erkenntnis: den da hätt'st ein paar Jahre früher kennen lernen müssen, dann hätt' vielleicht aus dir was werden können! So aber, das Leben, das ich jetzt führ' ...« Sie brach ab und sah starr geradeaus, in ihren Augenwinkeln schimmerte es feucht.
Da stieg es ihm heiß im Herzen empor, und nicht nur seine Sinne entzündeten sich.
»Wenn ich mich nun wirklich in Sie verlieben würde, Frau Josepha?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Es wär' nicht gut! Nicht gut für uns beide.«
»Und wenn ich's nun schon wäre?«
»Dann ...« Sie atmete tief aus ... »Dann wär's halt unser Schicksal! Und vielleicht wär's auch noch Zeit, sich zu dem zurückzufinden, was man früher war.«
Sie legte ihm die Hand über den Arm, er erschauerte leicht unter der Berührung, sie blickten sich in die Augen.
»Frau Josepha, ich bin ein schwerfälliger Gesell. Ich kann keine schönen Worte machen ... ich gehör' Ihnen von dieser Stunde an.«
»Du lieber Bub' ...«
Er fuhr zusammen, einer jener klappernden bunten Bälle, mit denen man sich von Tisch zu Tisch bewarf, hatte seinen Kopf getroffen. Eine Frauenstimme, die seltsam blechern klang, wie eine geborstene Glocke, rief aus der Loge herüber: »Da sehen Sie nur, Rheinthalerchen! Und so was lassen Sie sich gefallen?«
Herr Rheinthaler wandte sich lässig um, seine Augen blickten schon ein wenig verglast vom reichlichen Trunk.
»Ist ja so egal! ... Die Hauptsache, hier ist's gleich Schluß -- also gehen wir weiter!«
Frau Josepha erhob sich.
»Wenn's Dir recht ist, werden wir jetzt nach Hause fahren. Ich bin nicht in der Stimmung.«
»Das kommt schon noch! Kellner, zahlen! ... Nämlich, paß auf, die junge Dame, die da vorhin auf Deinem Platz saß, erzählte von einem Café in der Ackerstraße. Das soll zum Kugeln sein. Die Herren ohne Kragen und in gestickten Morgenschuhen, die Damen im Umschlagtuch. Für einen Taler tanzen sie 'ne neue Art von Apachentanz mit allen Schikanen -- Fräulein Sandori will für ihren nächsten Sketch Studien machen. Sie kommen doch selbstverständlich mit, Herr Hauptmann?«
»Ich bedauere lebhaft!«
»Sind Sie vielleicht auch nicht in der Stimmung? Oder müssen Sie sich heute wieder Schlachtpläne ausdenken?«
»Keins von beiden. Mir ist es nur, selbst in Zivil, nicht möglich, ein derartiges Lokal zu besuchen.«
»Na, dann können wir ja auch wo anders hingehen?«
Frau Josepha schüttelte den Kopf.
»Ich fahre nach Hause!«
Herr Rheinthaler verbarg mühsam den aufsteigenden Aerger.
»Das ist doch nur 'ne Laune, liebes Kind! Und wir können unsere Gäste doch nicht einfach so stehen lassen.«
Fräulein Sandori zeigte hinter den tiefrot geschminkten Lippen zwei Reihen blendend weißer Perlenzähne, zu klein und zu regelmäßig, um echt zu sein.
»Aber, bitte, das macht doch nichts! Fahren Sie mit Ihrer Frau Gemahlin nur ruhig nach Hause, Rheinthaler. Ich bummel' inzwischen mit dem Herrn Rechtsanwalt weiter! Und wir beide werden schließlich auch nach der Ackerstraße hinfinden, nicht wahr, Doktorchen?« Sie hakte sich in den Arm eines schwarzbärtigen Herrn, der ebenfalls in der Loge gesessen hatte, und sah ihn mit kokettem Augenaufschlag an.
Herrn Rheinthaler stieg das Blut zu Kopfe.
»Also, Josepha, jetzt sei vernünftig! Ich kann Dich doch nicht allein fahren lassen, und was liegt schon an der einen Stunde?«
»Gar nichts liegt daran, da hast Du recht. Aber laß Dich durch mich nicht stören! Mein Auto steht unten, ich fahre nach Hause!«
Fräulein Sandori lachte kurz auf mit ihrer blechernen Stimme.
»Stellen Sie Ihre Frau Gemahlin doch unter den Schutz der bewaffneten Macht, Herr Rheinthaler! Und haben Sie 'ne lange Leitung! Darauf geht doch die ganze Reise, daß die beiden da uns versetzen wollen!«
Frau Josepha hob den Saum ihres Kleides und trat mit zornsprühenden Augen einen Schritt auf die andere zu.
»Sie! Daß i mi net vergeß'! Aber die Ehr' tu ich Ihnen nicht an, daß ich Ihnen darauf was antwort'. Ich tät' mich ja erniedrigen, wenn ich mich mit Ihnen auf eine Stuf' stellen wollt'!«
In den Nachbarlogen war man aufmerksam geworden, reckte die Köpfe. Das Mädel, das vorhin in der Loge auf Josephas Stuhl gesessen hatte, kam vorbei und blieb lachend stehen.
»Immer feste, meine Damen! Nur nich lang gefackelt -- mit 'ne Sektpulle über'n Kopp, det schafft am besten.«
Gaston von Foucar biß die Zähne aufeinander. Ekelhaft war das ... Er bot Josepha den Arm.
»Darf ich Sie zu Ihrem Wagen führen, gnädige Frau?«
Sie gingen an den Logen vorüber, die breite Treppe hinunter, an der Garderobe holte sie Herr Rheinthaler, ein wenig außer Atem, ein.
»Also, Josepha, wie Du Dich wieder einmal benommen hast ... Fräulein Sandori ist außer sich! Und wenn Du sie nicht sofort um Entschuldigung bittest ...«
Gaston fühlte ein seltsames Zucken im Arm, aber die lange geübte Selbsterziehung erstickte die zornige Aufwallung im Keime.
»Verzeihen Sie, Herr Rheinthaler, wenn ich mich einmische, aber bis zu einem gewissen Grade bin ich an dem ärgerlichen Auftritt beteiligt. Ich habe keine Ahnung von dem sonstigen Umgangston bei diesen abendlichen Vergnügungen, aber die Bemerkung dieses Fräuleins Sandori war eine freche Verdächtigung. Die Dame müßte also wohl zuerst um Entschuldigung bitten, wenn Sie überhaupt eine solche Staatsaktion für notwendig halten sollten.«
In dem hageren Gesicht leuchtete es auf. Herr Rheinthaler sah eine Möglichkeit, mit leidlichem Anstande zu Fräulein Sandori zurückkehren zu können.
»Da haben Sie recht! So etwas muß man am besten mit Stillschweigen übergehen. Morgen sind die beiden Damen wieder die besten Freundinnen -- verlassen Sie sich d'rauf! Ich werde jetzt der Gegenpartei gut zureden! Wenn Sie die Liebenswürdigkeit haben wollten, bei meiner Frau das gleiche zu versuchen, wenn Sie sie jetzt nach Hause bringen ...«
Mitten in aller Erregung mußte Gaston auflachen.
»Ich soll Ihre Frau Gemahlin nach Hause bringen?«
Herr Rheinthaler schien den geheimen Unterton der Frage nicht verstanden zu haben.
»Selbstverständlich, sie kann doch nicht allein fahren. Und ich muß die Sache mit der Sandori noch heute aus der Welt schaffen, sonst schwatzt morgen ganz Berlin davon. Sie versäumen nicht viel ... das Auto fährt rasch, in dreiviertel Stunden können Sie wieder zurück in der Stadt sein.«
Frau Josepha hatte sich von der Garderobenfrau in den Mantel helfen lassen.
»Kommen Sie, Herr Hauptmann!« Ihren Gatten sah sie mit einem merkwürdigen Blick an: »Na, alsdann adieu, Fritz.«
»Du bist mir doch nicht bös, Peperl?«
»I bewahre, komm nur nicht zu spät nach Haus.«
Herr Rheinthaler wandte sich, sichtlich erleichtert, der anderen Gruppe zu, die in erregter Unterhaltung von der Treppe her in den Garderobenraum trat: »Es ist alles in schönster Ordnung, meine Herrschaften! Wir fahren in die Ackerstraße, teuerste Freundin ...«
Das Auto bog durch das Brandenburger Tor in den Tiergarten, Frau Josepha saß mit zusammengezogenen Augenbrauen, plötzlich schluchzte sie auf, preßte das feine Batisttuch, das sie in der Hand knüllte, gegen den Mund.
»O, wie schimpflich ist das alles! Und wie müssen Sie mich verachten, daß ich mir das alles hab' gefallen lassen die ganze Zeit über ...«
Er ergriff ihre Linke, nahm sie in beide Hände.
»Das ist ein bißchen töricht, was Sie da sagen, Frau Josepha. Woher sollten Sie den Mut zum Widerstand nehmen? Aber jetzt ist das ja etwas anderes ... Ich stehe neben Ihnen.«
Sie rückte näher an ihn, sah ihm in die Augen.
»Das ist nicht bloß so im Augenblick und morgen ist alles wieder verflogen?«
»Im allgemeinen pflege ich zu halten, was ich verspreche.«
Sie brachte ihr Gesicht ganz nahe an das seinige.
»Du, überleg's Dir wohl! Noch kannst Du zurück. Auf der Antwort jetzt baut sich meine ganze Zukunft auf!«
Ein feiner Duft drang aus ihren Haaren, aufreizend leuchteten ihre Augen. Er schlang den Arm um ihren leicht erschauernden Rücken.
»_Unsere_ Zukunft, wolltest Du wohl sagen, Liebstes! Ich bin doch kein Knabe, der morgen vergißt, was er heute geschworen hat?«
Da bot sie ihm durstig die Lippen ...
Das Auto passierte eine hell erleuchtete Straßenkreuzung, sie löste sich hastig aus der Umarmung.
»Sei nicht bös, aber ich muß vorsichtig sein. Er läßt mich beobachten, an jeder Ecke können seine Spione stehen. Die beiden Lackeln da vorn, der Chauffeur und der Diener, sind auch in seinem Sold.«
Ein häßlicher Gedanke sprang ihn unversehens an ... Daher also vielleicht die »unverbrüchliche Treue«, von der damals der Herr von Wodersen gesprochen hatte, als sie von der Grunewaldvilla heimgingen?
Frau Josepha hatte sich rückwärts gegen die Polster gelehnt, schlang ihren weichen Arm in den seinigen.
»Da komm her, Bubi, bring Dein liebes kleines Ohrwaschel näher 'ran, daß ich nicht so laut zu sprechen brauch' ... so ... und jetzt hör' fein zu ... Ich schwör' Dir bei der heiligen Mutter Gottes, ich hab' außer Dir noch nie einen lieb gehabt, Du bist der erste. Und ich kann ja nichts dafür, daß ich Dich so spät kennen gelernt hab' ... Als Du damals im Unwillen fortgingst, hab' ich hinterher geweint die ganze Nacht, aber meine alte Kinderfrau hat mich getröstet. In den Karten hat gestanden, ich würd' Dich wiederfinden ... Und jetzt, b'hüt Di Gott ... träum' von mir und schlaf' gut heute nacht, ich hab' noch viel zu tun ...«
So sprach sie halblaut, von Zeit zu Zeit berührten ihre weichen Lippen sein Ohr.
Das Auto hielt, der Diener öffnete den Schlag. Sie stieg aus.
»Schön Dank, Herr Hauptmann, für die liebenswürdige Begleitung. Karl, Sie fahren den Herrn Hauptmann jetzt nach seiner Wohnung und kommen zurück. Ich brauche Sie noch heute.«
»Zu Befehl, gnädige Frau.«
Gaston von Foucar wollte noch etwas sagen, aber Frau Josepha trat unter dem Geleit eines Dieners in die geöffnete Haustür, der Wagenschlag flog zu, und das Auto fuhr von der breiten Rampe wieder auf die Straße hinaus.
»Rankestraße hundertsechzehn!« rief er zum offenen Fenster hinaus und lehnte sich in die Polster zurück. Der Kopf war ihm benommen, er konnte keinen klaren Gedanken fassen, nur ein sehnsüchtiges Gefühl war in seiner Brust. Noch hundert Meilen hätte er so dahinfahren mögen wie vorhin, und durstig sog er den zarten Duft ein, der noch das Innere des Wagens füllte. Erst ganz allmählich wurde er nüchterner ...
Das also eben war die Entscheidung über sein Schicksal gewesen. Unauslöslich war er jetzt an die Frau gebunden, die er zweimal bisher gesehen hatte ... von der er nichts weiter wußte als das wenige, was sie selbst und der Landsberger Husar damals erzählt hatten. Wie ein Sturmwind war das gekommen, keinen Augenblick zu ruhiger Ueberlegung. Es reute ihn nicht, wahrhaftig nicht, aber schier unbegreiflich erschien es ihm jetzt, wie er bei seiner sonst so kühl abwägenden Art so rasche Entschlüsse hatte fassen können. Wenn er einmal in müßiger Stunde davon geträumt hatte, wie es sich wohl abspielen würde, wenn er sich den guten Kameraden fürs ganze Leben gewann, hatte ihm immer etwas Zartes, Feines vorgeschwebt, ein langsames scheues Annähern ... Irgendwo auf einem Fest im Grünen sollte es anfangen, und monatelang stimmte man sich hinterher aneinander ab, ehe man das entscheidende Wort sprach. Das war nun alles anders gekommen. Im heißen Atem einer jäh emporlodernden Leidenschaft ... Und recht so! Ein Narr nur schneiderte sich sein Leben nach Prinzipien zurecht, man mußte das Glück nehmen, wie man es fand. Und nun galt es, einige klare Entschlüsse zu fassen. Morgen vormittag depeschierte man an die kleine, alte Dame im Schwabenland: »Liebes Mutterle, in ein paar Tagen bring' ich Dir Deine zukünftige Tochter. Ich weiß, Du wirst ihr gut sein und sie freundlich bei Dir aufnehmen, bis ...« Ja, wie zum Teufel, wie faßte man das am besten in Worte? ... »Bis die unwürdige Fessel, die sie noch an einen anderen bindet, gelöst ist!« Und er stand in Gedanken dabei, wie das liebe Mütterchen die Depesche las. »So, so, mei Büble! Wo hast Du sie denn kennen gelernt?«
»Ganz zufällig in dem Restaurant einer Rennbahn.«
»Und wo habt Ihr Euch verlobt?«
Da stockte ihm zunächst die Zunge: »In einem öffentlichen Ballokal. Auch ganz zufällig ... noch eine Viertelstunde vorher hatte ich im Traum nicht daran gedacht. Das kam wie ein Gewittersturz.«
Das alte Frauchen nahm die Brille ab.
»So, so, mei Büble! Und darauf willst Du Dein Lebensglück aufbaue? Das ischt ungesund, aber i will Dir da nit dreinrede ... Du bischt ein ausgewachsener Mann, mußt selbscht am beschte wisse, was Dir frommt ... Und wenn Du ihr Dein Wort gegeben hast ...«
»Muß ich es selbstverständlich halten, da hast Du recht, Mutterle. Und, sieh mal, man muß an Außergewöhnliches nicht den Alltagsmaßstab legen. Es gibt Situationen, wo langes Ueberlegen vom Uebel ist. Mit beiden Füßen zugleich muß man hineinspringen wie in ein Abenteuer, nur daß hier eben alle Garantien vorhanden sind, daß es gut ausgeht. Sie ist von ganz besonderem Schlag, ich kann Dir das nicht so mit Worten ausschildern -- Du mußt sie eben selbst kennen lernen! Und wenn wir erst die paar unumgänglichen Widerwärtigkeiten der Scheidung überwunden haben ...«
Das Auto hielt, er gab dem Diener, der ihm den Schlag öffnete, ein reichliches Trinkgeld und stieg langsam die drei Treppen zu seiner Wohnung empor. Er machte Licht, vor dem Lampenfuß lag eine Depesche. Er riß sie mit ungeduldiger Hand auf und las bei dem Scheine des verglimmenden Zündhölzchens: »Gratuliere zur fünften Schwadron Ordensburger Dragoner! Wegener.«
Eine ganze Weile saß er mit dem Blatte im Dunkeln. Mit einer gewissen, stumpfen Verwunderung, daß der Chef sein vor Wochen gegebenes Versprechen gehalten hatte. In der ganzen letzten Zeit war nicht mit einem Worte mehr davon die Rede gewesen. Und morgen mußte er sich dafür bedanken. Wie sehr er gejubelt hätte, daß sich ihm sein sehnlichster Wunsch so rasch erfüllte, und daß er bei dieser außerordentlichen Auszeichnung sich eines Gefühls der Beschämung nicht erwehren könnte, weil er nämlich einen Teil der Voraussetzungen, die damals vielleicht mit bestimmend gewesen, nicht mehr erfüllte. Er wäre heute nicht mehr frei, hätte sein Schicksal an das einer anderen gebunden, der er von jetzt an zur Seite stehen müßte. Da erwiderte der gütige Chef wohl mit einem Lachen: »Na, lieber Foucar, deswegen brauchen Sie sich keine grauen Haare wachsen zu lassen! Das war damals nur ein kleines Scherzchen von mir. Und ich schätze, Sie haben in Ihrer klugen Art mit Liebe, aber auch mit Vorsicht gewählt. Eine junge Dame, die Sie im Kreise des vornehmen alten Regiments mit Stolz präsentieren können ...« Und er mußte darauf sagen: »Verzeihung, Herr Oberst, das weiß ich noch nicht! Ich kenne von der Herkunft und Vergangenheit meiner Verlobten blutwenig, eigentlich so gut wie gar nichts. Ich weiß heute noch nicht einmal, ob ich nicht genötigt sein werde, meinen Abschied zu nehmen, wenn ich das ihr gegebene Versprechen einlösen soll.«
Da schrie es plötzlich in ihm auf, verrückt war das, was er in dieser letzten Stunde getan hatte! Ein sinnloser Karnevalsstreich war das gewesen, den ihm ein anderer gespielt hatte, der für eine kurze Weile in seine Haut geschlüpft war. Ein leichtfertiger Bursch, der halb im Trunke, halb unter dem Einflusse seiner aufgepeitschten Sinne mit Menschenschicksalen spielte ... dem ein bißchen Mitleid, ein plötzliches Begehren genug waren, die Worte zu sprechen, mit denen er sich für das ganze Leben verpflichtete. So sinnlos war das alles, daß er keinen Augenblick zögern durfte, sich aus dieser Verstrickung wieder zu lösen.
Er steckte die Lampe an und setzte sich, wie er ging und stand, in Hut und Ueberzieher, an den Schreibtisch. Aber schon nach den ersten Zeilen zerriß er den Bogen in tausend kleine Fetzen, warf sie in den Papierkorb. Wie und womit sollte er seine plötzliche Sinnesänderung erklären? Noch vor kaum einer Stunde hatte er gesagt: »Ich bin doch kein Knabe mehr, der morgen vergißt, was er heute geschworen hat.« Sollte er schreiben: »Gnädige Frau, als ich das sprach, war ich verrückt oder betrunken, und jetzt, nachdem ich wieder zur Besinnung gekommen bin, muß ich Sie bitten, mir mein Wort zurückzugeben?« Zorn und Scham trieben ihm das Blut ins Gesicht, allerhand wirre Gedanken und Bilder schossen ihm durchs Hirn. Wort war Wort, und wenn man es nicht einlösen konnte, hatte man es eben auf andere Weise zu zahlen. Solch ein haltloser Tropf, der für die Folgen seiner Handlungen nicht eintrat, hatte auf der Welt nichts mehr zu suchen! Und ein längst vergessenes Bild trat plötzlich vor seine Augen. Ein armes junges Kerlchen aus seinem alten Regiment lag da mit durchschossener Schläfe, weil es sein verpfändetes Wort nicht hatte halten können. Eine in der Trunkenheit eingegangene Spielschuld war es gewesen, und er selbst hatte damals unter den strengen Richtern gesessen.
Da stöhnte er auf wie ein weidwundes Tier und barg sein Gesicht in den Händen. Heute hätte er wohl nicht so unbarmherzig geurteilt wie damals vor acht oder neun Jahren. Und nur eine letzte leise Hoffnung hielt ihn vor dem jähen Schritte ins Dunkle zurück, daß die Frau, der er sein Wort gegeben, morgen vielleicht auch schon anders dachte ... Vielleicht als ein tändelndes Spiel ansah, was ihm in dem einen Augenblicke, da er die Zucht über sich verloren hatte, heiliger Ernst gewesen war. Als er sie während den Tanzes aus den Hals küßte, hatte sie ja selbst gesagt, in ihren Kreisen nähme man es nicht so genau, wenn ein Herr einer verheirateten Dame mit einer Huldigung nahte, die, bei Licht besehen, eine bodenlose Unverschämtheit war ...
* * * * *
Gegen Morgen mußte ihn wohl die Müdigkeit übermannt haben. Als Gaston von Foucar aus einem von wirren Träumen erfüllten Schlafe erwachte, schien die helle Sonne zum Fenster herein. Sein Bursche stand vor dem Bett, mit einem Briefe in der Hand.
»Herr Hauptmann werde gütigscht verzeihe, aber es ischt Zeit zum Dienscht, und zudem, das alt Weible, was den Brief da bracht hat, will sofort Antwort habe.«
Gaston richtete sich im Bett auf.
»Was für ein altes Weib?«
»Die wo ebe gekomme ischt, Herr Hauptmann. Sie hockt im Vorzimmer, schaut aus wie eine von dene Schpreewäldlerinne, und der Herr Hauptmann tät scho wisse, von wem daß das Briefle wär'.«
»Sagen Sie ihr, sie soll noch ein paar Minuten warten! Und legen Sie mir die erste Garnitur Ueberrock zurecht!«
»B'fehl, Herr Hauptmann!«
Als der Bursche das Schlafzimmer verlassen hatte, hielt Gaston eine ganze Weile lang den Brief unschlüssig in der Hand. Mit einem Schlage war ihm die Erinnerung zurückgekehrt, und ein Gefühl des Ekels vor sich selbst schnürte ihm die Kehle zusammen. Körperliches Unbehagen nach dem ungewohnten schweren Trunke und dazu ein ganzes Heer bohrender und nagender Vorwürfe. Wie ein Verbrecher erschien er sich, der nach einer im Rausche begangenen Freveltat erwachte. Der bleierne Schlaf hinterher hatte sie nicht ungeschehen gemacht, nur um so schreckhafter stand sie im klaren Tageslichte da! Und der Brief hier brachte ihm sein Urteil.
Mit zitternder Hand riß er ihn auf, das Herz schlug ihm bis in den Hals hinauf.
»Mein Liebstes!
In aller Eile ein paar Zeilen, weil ich Dich beim Erwachen nicht ohne Gruß lassen wollte. Ich habe die Nacht nicht geschlafen. Ich lag mit offenen Augen und konnte nicht fassen, was geschehen war. Immer hatte ich Angst, wenn es wieder Morgen würde, wäre es nicht wahr. Dann aber wiederholte ich mir alles, was Du gesprochen hattest, und die selige Gewißheit zog in mein Herz, daß Du mir gehörst und ich Dir, für immer! An Deiner Hand, Du Lieber, in ein neues Leben gehen zu dürfen, die Seligkeit ist so groß, daß ich sie kaum ertragen kann. In einem einzigen Lachen und Weinen gehe ich umher!
Mit dem Widerwärtigen, was heute nacht noch geschah, will ich Dich verschonen, auch all das Ueble und Häßliche soll Dir fernbleiben, was in dem Kampf um meine Freiheit nun mal nicht zu vermeiden ist. Er wird kurz sein, denn ich habe gute Waffen in der Hand.
Heute nachmittag um fünf erwarte ich Dich. Da will ich noch einmal von Dir hören, daß Du mich lieb hast. Dann aber müssen wir für eine ganze Zeit Abschied voneinander nehmen. Sieh, mein liebster Bub, die Tränen fallen mir aus den Augen auf dieses Blatt, weil ich daran denke, daß wir uns vielleicht auf Monate nicht wiedersehen sollen, aber auf unseren zukünftigen Bund soll kein häßlicher Schatten fallen. Kein Gezischel und kein hämisches Gerede soll sich erheben dürfen. Daß wir uns heimlich versprochen haben, geht keinen Menschen was an!
Meine alte Ursel, die um mich ist, seit ich auf der Welt bin, überbringt Dir diesen Brief. Gib ihr mündlich Bescheid, ob ich Dich um fünf erwarten darf. Den Brief aber verbrenne, denn die Leute, mit denen ich's jetzt zu tun bekomme, schrecken auch vor einem verschlossenen Schreibtisch nicht zurück.
Ich umarme Dich und küsse Deine lieben, blauen Augen, die es mir zuerst angetan hatten bei Dir. Ich zähle die Minuten, bis Du bei mir bist.
Josepha.«
Unwillkürlich regte sich in Gastons Brust etwas von dem Gefühl, das er in der vergangenen Nacht empfunden hatte, als er die schöne Frau im Wagen heimgeleitete. In dem Briefe da war etwas, das ihn seltsam ans Herz rührte ... Und daß er sich mit Skrupeln plagte, wo andere, die das Leben leichter nahmen, mit beiden Händen zugegriffen hätten, lag vielleicht nur an seiner übergroßen Gewissenhaftigkeit. An einer schier schulmeisterlichen Strenge, mit der er noch immer sich selbst erzog. Der Landsberger Husar, Herr von Wodersen, war gewiß ein Offizier und Edelmann von untadeliger Gesinnung. Der aber würde ohne ein Wimperzucken sein Seelenheil verpfänden, wenn er in diesem Augenblick an seiner Stelle stehen dürfte! Und die Befürchtung, er müßte seine Karriere aufgeben, wenn er eine gewesene Schauspielerin heiratete, hielt bei näherem Ueberlegen nicht stand. Da ließ sich mit einigem guten Willen zu einer kleinen Vertuschung ein Ausweg finden. In dem kleinen ostpreußischen Städtchen da oben an der Grenze gab es wohl keinen Menschen, der Josepha auf der Bühne gesehen hatte. Da war sie nichts anderes als die geborene Baronesse Nadanyi, die nach schuldlos geschiedener Ehe den Rittmeister von Foucar heiratete. Wenn er sich aber in dem Regiment erst die gesellschaftliche und dienstliche Stellung geschaffen hatte, die ihm bei seinen Fähigkeiten sicher war, sollte wohl niemand auf den Gedanken kommen, daß bei seiner Verheiratung irgend etwas zu bemäkeln wäre. Na, und nachher richtete man sich miteinander ein, so gut es eben ging. Und was heute wie eine Art von Zwang aussah nach dem gegebenen Wort, wurde vielleicht eine ehrliche Zuneigung, auf der man sein Leben aufbauen konnte. Ein fester Entschluß aber mußte endlich gefaßt werden.
Er griff nach der Klingel, sein Bursche betrat das Zimmer.
»Herr Hauptmann befehle?«
»Sagen Sie der Alten draußen, ich laß mich ihrer gnädigen Frau bestens empfehlen. Ich werde heute nachmittag um fünf meine Aufwartung machen.«
Der Bursche schüttelte den Kopf.