Chapter 4
Er entsann sich, daß er nicht immer so gefestigt gewesen war wie heute, ein paar Wochen in seiner frühesten Leutnantszeit gehabt hatte, wo er beinahe unter die Räder gekommen wäre ... Wegen eines raffinierten kleinen Frauenzimmers, das er -- im Notfall unter Einsetzung der eigenen Existenz -- aus dem »Sumpfe« zu erretten gedachte, in den es schuldlos geraten war. Auf der Bühne eines vorstädtischen Gartenlokals sang sie in langem Schleppkleide sentimentale Lieder, von der letzten Rose und dem Vergißmeinnicht am Bachesrand. Heute mußte er darüber lächeln, aber damals war er so unsinnig verliebt gewesen, daß ihn das Herz an allen Ecken und Enden drückte. Und als die sentimentale Sängerin, die bei dem vorstädtischen Publikum vielen Beifall fand, ihm bei einer Flasche sauren Mosels ihr Vertrauen schenkte, da war sein Entschluß gefaßt. Heilige Ehrenpflicht war es, die wegen eines einzigen Fehltritts von den grausamen Eltern Verstoßene vor dem Untergange zu bewahren, und kurz entschlossen bot er ihr Herz und Hand. Sie begnügte sich vorläufig mit dem größten Teile seines monatlichen Wechsels, aber Gott allein mochte wissen, zu welchen törichten Streichen ihn seine Verliebtheit getrieben hätte, wenn ihn nicht einer der älteren Regimentskameraden in eine Art von Gewaltkur genommen hätte. Er lud ihn zu einem größeren »Budenfest mit Damen«, ersuchte ihn aber, erst ein paar Stunden nach dem offiziellen Anfange zu erscheinen. Unter den »Damen« befand sich auch seine sentimentale Sängerin, aber sie schien sehr lustig, drehte sich auf dem Tisch in einem unsäglich frechen Tanz, und als er sie entsetzt anstarrte, schlug sie ihm mit der Fußspitze die Mütze vom Kopf. Da schossen ihm die hellen Tränen in die Augen vor grimmem Weh, dann aber stieg ihm der Ekel empor in den Hals ...
Also diese Art temporären Wahnsinns um ein Weib hatte er auch durchgemacht am eigenen Leibe. Da war es wohl ein wenig ungerecht, sich über den Landsberger Husaren wie ein Pharisäer zu erheben. Bei dem einen entwickelten sich die Hemmungsgefühle, die den Menschen vor Torheiten bewahren, früher, bei dem andern später. Und schließlich, wer wollte sagen, was er tun oder lassen würde, wenn ihm eines Tages die Leidenschaft wie ein Feuerbrand in die Seele schlug? ...
Er holte die Arbeit aus dem sicheren Verschlusse des Schreibtisches, aber in den ersten Stunden wollte sie nicht recht schmecken. Ein paar weiße Arme störten ihn ab und zu zwischen den Zahlenreihen und eine tiefpurpurne Rose. Und manchmal beschäftigte ihn der Gedanke, was er wohl beginnen würde, wenn das Schicksal ihm so unermeßliche Reichtümer in den Schoß geworfen hätte wie diesem Manne, der als ein Gezeichneter des Todes sich von Genuß zu Genuß schleppte. Da mußte er lächeln. Beim besten Willen gelang es ihm nicht, viel mehr zu verbrauchen, als ihm jetzt schon im Jahre zur Verfügung stand. Höchstens ein schnittiges Juckergespann hätte er sich noch angeschafft und einen aus allerbestem Blute stammenden englischen Hunter, der eine mannshohe Mauer wie ein leichtes Hindernis sprang. Weiter reichten seine Wünsche nicht, und die konnte er bei einiger Einschränkung in der kleinen Garnison da fern im Osten auch aus eigenen Mitteln bestreiten. Vierhundert Mark im Monat neben seinem Gehalt als Rittmeister. Damit heirateten andere und unterhielten eine Familie. Seine Gedanken flogen der nahen Zukunft voraus. Wie hatte der Oberst Wegener gestern gesagt? »Verplempern Sie sich nicht, ehe Sie die kleinen ostpreußischen Mädels kennen gelernt haben!« Na, da war nicht viel Gefahr. Das kleine Abenteuer heute war gewissermaßen eine Probe aufs Exempel gewesen. Ein anderer hätte vielleicht schon lichterloh gebrannt unter den Augen der schönen Frau Rheinthaler -- er hatte sich als der standhafte Zinnsoldat erwiesen. Nur die für den Oberleutnant Wentorp übernommene Arbeit machte bei diesen irrlichterierenden Gedanken keine sonderlichen Fortschritte.
Der Sommermorgen blaute schon zum Fenster hinein, als er mit einem Ausatmen die Feder aus der Hand legen durfte. Er öffnete die Flügel und lehnte sich hinaus. Auf dem obersten Knaufe des turmartigen Aufbaues an dem Eckhause drüben saß eine Amsel und sang in die heilige Morgenstille ein sehnsüchtiges Liebeslied. Nur ganz von ferne kam ein leises, rhythmisch auf- und abschwellendes Geräusch. Der Atem der noch schlafenden Riesenstadt. Und da überfiel ihn eine seltsam schwermütige Stimmung. Ganz einsam stand er in der weiten Welt, außer der gebrechlichen alten Dame daheim kein Mensch, der sich um ihn sorgte. Keinen wirklichen Freund unter den vielen Kameraden, dem man sich in vertraulicher Stunde ganz aufschloß, der in der Not für einen eintrat, wie für sich selbst. Vielleicht lag es daran, daß ihm die Fähigkeit abging, eine sich entspinnende Bekanntschaft bis zur Freundschaft zu pflegen. Immer hatte sich ihm im letzten Augenblick da innen eine Wand emporgeschoben, über die er nicht hinauskonnte. Und wenn er jetzt in nicht allzu langer Zeit nach dem Osten ging, riß sein Scheiden in den Kreis, der sich ein paarmal in der Woche zu versammeln pflegte, keine Lücke. Höchstens, daß der eine oder andere mit einer gewissen Bitterkeit bemerkte: »Na ja, er hat's wieder einmal geschafft, der kaltnasige Streber! Kriegt seine Schwadron außer der Tour, überspringt ein Dutzend Vordermänner, der Schuster!«
Ein Vers flog ihm durch den Sinn, den er mal vor Jahren in einem Gedichtbuche gelesen hatte:
Auch keinem hat's den Schlaf vertrieben, Daß ich am Morgen weitergeh -- Sie konnten's halten nach Belieben, Von einer aber tut's mir weh -- -- --
Das letzte stimmte nicht recht, nicht ein einziges kleines Mädel in dem ganzen großen Berlin dachte an ihn, wenn er sich anschickte, Abschied zu nehmen. Von gar manchen seiner unverheirateten Kameraden wußte er, daß sie in den Vierteln im Norden eine süße kleine Verschwiegenheit hatten, mit der sie im Räuberzivil am Sonntag irgendwohin über Land fuhren. Er war immer nur als ein Packesel dahingetrabt, dem die anderen Arbeit aufhalsten. Wie dieser freche Schlot von Wentorp, dem er in ein paar Stunden wegen der angeblich verstorbenen Tante einen Sack voll Grobheiten zu sagen gedachte. Er selbst hatte keine Zeit für törichte Tändeleien, ging auf dem Heimweg gleichgültig gradeaus den Kurfürstendamm hinunter, wenn er es auch zuweilen fühlte, daß ihm ein paar blaue oder braune Mädchenaugen wohlgefällig folgten. Und noch etwas anderes hielt ihn zurück ... ein gewisses, hochgesinntes Spartanertum. Schlechtbehütete junge Mädchen aus gutem Hause schienen ihm die meisten, die da mit blänkernden Augen um sich sahen. Den Frevel mochten andere begehen ... wenn ihn das Blut trieb, folgte er einigen lustigen Kameraden. Irgendwohin, wo nichts mehr zu verderben war ... Da war es ganz natürlich, daß man einsam verblieb, trotzdem die schöne Frau Rheinthaler noch vor wenigen Stunden gesagt hatte, man sähe wie einer aus, der seine tausend Abenteuer mit diskretem Lächeln verschwiege. Wahrscheinlich achtete sie ihn jetzt gering, weil er so ehrlich widersprochen hatte, und wieder war eine Chance verscherzt, die andere vielleicht skrupellos wahrgenommen hätten. Es wurde ihm heiß bei dem Gedanken. Als ihn endlich die Müdigkeit übermannte, lag er noch eine ganze Weile mit offenen Augen. Die aller Hemmungen bare Phantasie in dem Dämmerzustand zwischen Wachen und Träumen zauberte ihm allerhand lockende Bilder vor ...
3.
Es kamen die Wochen, die der Chef vorausgesagt hatte. Wochen, die an die Arbeitskraft der Herren in seiner Abteilung Anforderungen stellten, denen man nur mit erhöhter Anspannung des Pflichtbewußtseins gewachsen war. Zu einer Maschine wurde man, die ihr Letztes herzugeben hatte. Nach Mitternacht vom Bureau ins Bett, ein paar Stunden Schlaf und wieder ins Bureau. Minuten für das Frühstück, eine Viertelstunde fürs Mittagessen ... ein rasendes Eilzugstempo in der Arbeit, die trotz aller Hetze bis aufs letzte Tüpfelchen stimmen mußte, und immer dabei das niederdrückende Gefühl, das Ganze wäre nicht viel anders als eine spielerische Schachpartie. Die Diplomaten schoben gut und schlecht Wetter wie ein Regisseur im Theater die hellen und dunklen Wolken auf der Leinwand. In der letzten Woche endlich sah es wieder so aus, als hätte die ganze Arbeit einen wirklichen Zweck gehabt. Der »politische Horizont« verfinsterte sich, »Krieg, es gibt Krieg,« lief es durch alle Gassen. Das große Haus am Königsplatze glich jedem Wissenden als eine rastlos im stillen arbeitende Maschine, deren aufgespeicherte Leistung sich in einem langhinzündenden Schlage entlud ... Da endlich ein Aufatmen, die Arbeit war fertig, es konnte losgehen. Wie bei einer schweren Mensur: »Herr Unparteiischer, wir von unserer Seite sind bereit ...« Der oberste Kriegsherr hatte nur das Wort zu sprechen, das ein ganzes Volk zu den Waffen rief, und der sorgsam vorbereitete Apparat funktionierte wie eine seit Jahren eingespielte Maschine ... Nirgends eine Stockung ... Die Hunderte sammelten sich in den kleinen Städten und Dörfern. Die Tausende flossen zusammen in größere Rinnsale, und schließlich schieden sie sich in zwei gewaltige Ströme nach Westen und Osten ...
Der Abteilungschef rief seine Untergebenen zusammen. Die Augen standen ihm hohl unter der Stirn, denn er hatte sich mehr zugemutet als all die übrigen.
»Ich danke Ihnen, meine Herren, ich glaube sagen zu dürfen, wir haben unsere Schuldigkeit getan. Wir sind fertig. Seine Majestät brauchen nur auf den Knopf zu drücken, um sich davon zu überzeugen. Na denn: Guten Abend allerseits ...«
Kein Hurra danach, keine chauvinistische Phrase, nur man trennte sich mit leuchtenden Augen. Es war mehr wert als ein Orden, daß der im Dienste sonst so wortkarge Chef sich zu dieser unerhört langen Rede aufgeschwungen hatte.
Gaston von Foucar hatte sich mit mehreren, gleich ihm unverheirateten Kameraden zu einem kleinen Zivilbummel verabredet. Erst in ein Weinrestaurant in der Französischen Straße, um dort einer guten Flasche den Hals zu brechen, endlich einmal etwas Ordentliches zu essen nach all den entbehrungsreichen Wochen, und dann wollte man weiter sehen ... Je nach der Stimmung. Ein bescheidenes Glas Bier oder schäumenden Sekt irgendwo, wo es Musik gab und fesche Mädel. Aus der einen Flasche wurden mehrere, man entschied sich für den »unsoliden Lebenswandel«. Wer mochte wissen, ob er in wenigen Wochen nicht schon ein toter Mann war! Da schlugen auch ernsthafte Leute mal über die Stränge ...
In dem eleganten Ballokal in der Jägerstraße war »großer Betrieb«. Alle verfügbaren Plätze besetzt, in dem Mittelraum ein Gewoge tanzender Paare, helle Toiletten und schwarze Fracks ... über den weißen Hemdbrüsten gebräunte Gesichter mit deutlich abgesetzter, heller Stirn ... ein reichliches Schock von Provinzleutnants, die das Boxer-, Schmirgel- oder sonstige Kommando für ein paar kurze Wochen nach Berlin geführt hatte. Die Musik spielte den neuesten Schlager aus einer Posse, ein Walzerlied, dessen Refrain unwillkürlich zum Mitsingen herausforderte. Sektpfropfen knallten dazwischen, sinnlose Schreie, Schwatzen und Lachen ... eine Welle von Licht, Lärm und überschäumender Tollheit schlug den Eintretenden entgegen.
Einer der Kameraden verhandelte mit dem »Herrn Direktor« über die Frage, für fünf Personen Platz zu schaffen. Gaston stand an dem Eingange zum Tanzsaal, ein schlankes blondes Mädel stieß ihn an.
»Du, dös' nich so! Da oben winkt Dir Eene egalwech zu, schon fast 'ne halbe Stunde.«
Er hob den Kopf, sein Blick folgte dem ausgestreckten Arm ... wahrhaftig, da oben aus einer Loge winkte ein Fächer, und ein paar Augen lachten ihm zu, an die er in diesen Zeiten kaum einmal ganz flüchtig zurückgedacht hatte ... Und jetzt hatte ihn auch der Gatte der schönen Frau Rheinthaler erspäht. Er legte die Hände an den Mund und rief etwas herunter, in dem Lärm jedoch war kein Wort zu verstehen. Da gab es kein Ausweichen mehr. Gaston entschuldigte sich für ein paar Minuten bei seinen Kameraden und stieg die breite Treppe empor, die zu den Logen führte. Mit Verwunderung und einigen Gewissensbissen. Wie, zum Teufel, kamen diese Leute hierher, wo doch nur die ganz unzweideutige Gesellschaft verkehrte? Und er entsann sich, eigentlich wäre es doch seine Pflicht gewesen, nach der ersten Einladung damals seine Karte abzugeben. Auch sonst hatte er sich an jenem Abend ein wenig rauh benommen. Aber Frau Josepha ließ es ihn nicht entgelten, streckte ihm mit aufrichtiger Freude die Hand entgegen.
»Grüß Gott, Herr von Foucar! Und ich glaubt' meinen Augen nicht trauen zu dürfen ... wie kommen Sie denn hierher? Der Gerechte unter die Gottlosen?«
Er beugte sich über die schmale Hand mit den funkelnden Ringen: »Ein Junggeselle hat ab und zu mal das Recht, sich eine Nacht um die Ohren zu schlagen, aber Sie, gnädige Frau?«
Frau Josepha zuckte mit den Achseln.
»Meinen's, ich tu's zu meinem Vergnügen? Die neueste Marotte meines Mannes. Aber, Fritz, möchtest Du nicht ...«
Herr Rheinthaler nannte ein paar Namen der Herren und Damen, die in der Loge saßen, es folgten einige Verbeugungen, dann fragte er laut: »Nicht wahr, Herr Hauptmann, wenn ich mich recht entsinne, Sie sind doch im Generalstab?«
»Zu dienen ...«
»Also, gibt's nu endlich Krieg oder Frieden? Man kommt aus den ewigen Beunruhigungen ja gar nicht mehr raus: soll man fixen oder kaufen?«
»Pardon, diese Ausdrücke sind mir unverständlich.«
Die herumsitzenden Herren lachten kurz auf, Herr Rheinthaler schnitt eine Grimasse.
»Beneidenswerter Mensch! Ich wollte, mir wären sie auch unverständlich geblieben, diese Ausdrücke -- da hätte ich viel Geld erspart! Also ich wollte fragen, ob man jetzt an der Börse auf Hausse oder Baisse spekulieren soll. Wenn man einen sicheren Tip besitzen würde, könnte man einen hübschen Posten auf Gewinnkonto verbuchen.«
Gaston parierte die taktlose Anzapfung mit einem Scherz, der die Lacher auf seine Seite brachte.
»Ich glaube, Sie verwechseln mich mit Sr. Exzellenz dem Herrn Kriegsminister. Aber ich fürchte, auch der könnte Ihnen keine ganz sichere Auskunft geben.«
Ein Herr mit glattrasiertem Gesicht, der neben Frau Josepha gesessen hatte, stand auf.
»I muß eh' schon z' Haus, die verwaisten Kinder schreien nach ihren Vatter! Also, wenn's meinen Platz hab'n wolln, Herr Hauptmann ...« Er fühlte einen Widerwillen, klappte die Hacken zusammen.
»Bitte sehr, sich durch mich nicht stören zu lassen! Meine Kameraden, mit denen ich hierher gekommen bin, erwarten mich.«
Frau Josepha stand auf, drückte den glattrasierten Herrn auf seinen Platz zurück.
»Sie kommen noch früh genug in den Klub, Ihre paar Kreuzerln los zu werden ... und erlauben's mal ...« Sie trat aus der Loge, raffte ihr Kleid mit beiden Händen und machte vor Gaston einen leichten Knix.
»Für mich haben's vielleicht noch ein paar Minuten übrig. 'Damenwahl' hat der Maître unten ausgerufen ... darf ich bitten, Herr Hauptmann?«
Er trat unwillkürlich einen halben Schritt zurück.
»Um Gottes willen, gnädige Frau, das geht doch nicht ...«
»Ah was ...« Sie warf den Kopf in den Nacken. »Es geht schon in einem hin, und mir ist halt gerad' so zumut.«
Da verneigte er sich schweigend, bot ihr den Arm und führte sie die Treppe hinab. Die Musik spielte einen Wiener Walzer mit seltsam aufreizendem Rhythmus. Er mußte aus einer bekannten Operette stammen, die meisten der Tänzerinnen in phantastischen Hüten und fliegenden Seidenfähnchen sangen zu der Melodie den Text: »Wo steht denn das geschrieben, daß man soll einen lieben? Man liebt oft mehrere, bald Leichtere, bald Schwerere ...« Einen hellen Juchzer gab es jedesmal, die Herren schwenkten ihre Damen hoch in die Luft. Frau Josepha legte sich in seinen Arm, er führte sie die erste Runde, als wenn er auf dem Hofballe im Weißen Saal von einer Prinzessin befohlen gewesen wäre. Da spürte er einen leichten Druck, seine Tänzerin schmiegte sich näher an ihn, und er griff zu. Schließlich war er doch kein Säulenheiliger, und er hatte zwei Flaschen alten Rauenthaler im Leibe, das Blut ging ihm rascher als sonst durch die Adern. Da tanzte er wie all die anderen Paare ringsum ... wenn es ihr recht war, weshalb sollte er nicht? Und zum ersten Male sah er, wie schön die Frau eigentlich war, die, anscheinend dem Tanze ganz hingegeben, in seinem Arme dahinflog ... wie eine Feder so leicht. Den Kopf hatte sie ein wenig zurückgelegt, die Augen hielt sie halb geschlossen, unter den leicht geöffneten Lippen blitzten die weißen Zähne, und die feinen Nasenflügel zitterten. Da ging ihm das erhitzte Blut mit der kühlen Ueberlegung durch, mitten im dichtesten Gewühl beugte er sich nach vorn, preßte eine Sekunde lang seine Lippen auf den schneeweißen Hals, da wo er sich aus dem spitzenbesetzten Kleidersaum hob. Sie schauerte leicht zusammen, ließ die Arme sinken: »Bitte, führen Sie mich wieder nach oben!«
Auf der Treppe blieb er einen Augenblick lang stehen.
»Sind Sie mir böse, gnädige Frau?«
Sie strich sich mit einer müden Bewegung eine kleine Haarsträhne aus dem Gesicht.
»Wieso denn? In unseren Kreisen nimmt man das nicht so genau ... Nur ...« Sie brach ab und zog mit einer kurzen Bewegung das feine Batisttuch durch die geschlossene Hand.
»Na, was denn, wenn ich fragen darf?«
Sie schüttelte den Kopf mit den schweren Zöpfen, auf denen ein merkwürdiges Geflecht thronte aus gelbem Stroh und schwarzen Spitzen, mit einem kostbaren Marabou an der Rückseite, der wie ein Helmbusch in die Höhe ragte.
»Ah na! Nur so viel: das, jetzt eben, stimmt nicht zu dem Bild, das ich mir von Ihnen in all den Wochen zurechtgemacht hab'.«
Da fühlte er den Drang, sich zu rechtfertigen.
»Gnädige Frau, ich bin wie ein ausgehungerter Wolf. Vier Wochen lag ich an der Kette ... wie ein Kuli im Dienst. Heute hat man mich zum ersten Male ein bißchen wieder losgelassen, da heißt es, die Stunde genießen. Wer weiß, morgen ändern sich vielleicht die Dispositionen, und die Rechnerei fängt von neuem an. Oder es geht endlich los, die bösen Bleikugeln pfeifen, und man küßt keinen weißen Frauenhals mehr, sondern die kalte, schwarze Erde.«
Sie sah ihn aus erschreckten Augen an.
»Um Gottes willen, hören's auf! Aber haben Sie in dieser Zeit wenigstens ab und zu einmal an mich gedacht?«
Da antwortete er ehrlich: »Wie sollte ich wohl, gnädige Frau? An dem ersten Abend freilich nach dem Rennen im Grunewald, da habe ich mich viel mit Ihnen beschäftigt. Nachher hatte ich keine Zeit. Zu viel Dienst. Mein Abteilungschef hatte den sechzehnstündigen Normalarbeitstag eingeführt, und -- Sie wissen vielleicht -- bei den Militärsoldaten ist's noch nicht üblich, in solchen Fällen durch Streiken eine höhere Gewinnbeteiligung zu erzwingen.«
Sie nickte zufrieden.
»Jetzt sind Sie wieder wie damals ...« Und plötzlich lachte sie auf: »Gott, war das komisch an dem Abend! Wie schlecht Sie die verwöhnte Magda Neudecker behandelt haben!«
»Gnädige Frau, ich war an dem Abend in einer seltsamen Mißstimmung. Das Ungehörige meiner Antwort wurde mir erst später klar ...«
»Ungehörig? ...« Frau Josepha schüttelte den Kopf.
»Entweder sind Sie wirklich was Besonderes, oder ein ganz ein Raffinierter: Fräulein Neudecker brennt lichterloh. Endlich mal hat sie einen Mann entdeckt! Einen Mann, der nicht mit verdrehten Augen und Liebesgegirr an die Millionenerbin herantritt! Wenn Sie morgen in der Tiergartenstraße Besuch machen, können Sie in acht Tagen die hold errötende Magda um das Jawort befragen ... Und nehmen's das nicht auf die leichte Achsel! Vier Millionen sofort! Haben Sie eine Ahnung, was schon eine Million bedeutet?«
Er verneigte sich lächelnd.
»Vielleicht, gnädige Frau! Ich habe vierhundert Mark monatlichen Zuschuß! Den brauche ich bloß mit zehn zu multiplizieren -- Sie werden mir zugeben, ein lächerlich kleiner Koeffizient -- ja, und ich kriege einen Begriff von den mir winkenden Freuden. Auch ohne die reizvolle Zugabe von Fräulein Magda. Aber ich hege nicht die geringste Absicht, mein Leben als so eine Art von Prinzgemahl zu beschließen.«
Da lachte sie ihm zu, sie schüttelten sich die Hände wie ein paar gute Kameraden.
Der Platz von Frau Josepha in der Loge war besetzt. Neben dem Herrn mit dem glattrasierten Gesicht saß ein junges Mädchen in einer Balltoilette aus grellfarbener Seide. Brust und Nacken tief entblößt, auf dem gefärbten Haar ein großer Hut mit wallenden Federn. Sie wußte, daß man sie in eine sogenannte anständige Gesellschaft geladen hatte ... Das war neuerdings ja Mode geworden, daß die Damen aus dem Westen in Begleitung ihrer Herren die öffentlichen Ballsäle besuchten. Und damit nicht genug, bis in die schmutzigsten Nachtlokale kletterten sie hinab. Da brauchte man also kein Blatt vor den Mund zu nehmen; wer sich unter die Treber mengte, den fraßen die Schweine. Und sie sprach unflätige Gemeinheiten, Gemeinheiten, die man in ihrem gewohnten Kreise nicht geduldet hätte, weil man dort einen gewissen äußeren Anstand bewahrte ... hier aber die Damen wollten sich ausschütten vor Lachen! Nur die Herren sahen ein wenig verlegen drein bei den ungenierten Kraftausdrücken, die sie gebrauchte.
Frau Josepha hatte ein paar Augenblicke mit gerunzelter Stirn zugehört, jetzt zog sie ihren Begleiter in die hinter der Loge liegende Fensternische. Ein Kellner in weißer Jacke kaum herzugelaufen, säuberte eifrig mit der Serviette das Tuch auf dem kleinen Tisch.
»Bitt' schön, hier die Weinkarte.«
»Sekt,« entschied Frau Josepha, und, als der Kellner eingeschenkt hatte, hob sie ihr Glas. Sah ihr Gegenüber aus glitzernden Augen an.
»Prost, Herr Hauptmann, und machen's nicht so ein verteufelt ernstes Gesicht! Nehmen Sie sich ein Beispiel an meinem Herrn Ehegemahl, der legt sich nicht den geringsten Zwang auf.« Sie deutete auf den in der Loge sitzenden Gatten, und der Zufall fügte es, daß er sich gerade über den Nacken seiner Nachbarin beugte, sie mit einem himmelnden Ausdruck in den Augen zwischen die gebrannten Halslöckchen küßte. Ein paar feine Puderstäubchen waren ihm in den Hals gefahren, er bekam einen Hustenanfall, an dem er fast erstickte. Einer der Herren in der Loge sprang auf, flößte ihm ein paar Tropfen ein, Frau Josepha rührte sich nicht. Und feindselig sagte sie: »Recht geschieht ihm! Wenn er nur endlich a mal dabei bleiben tät ...«
Gaston sah sie erschreckt an, sie zuckte mit den Achseln.
»Was wollen Sie, vielleicht Mitleid mit ihm haben? Seit wir uns nicht mehr gesehen haben, hat sich vieles hier geändert. Das traurige Gestell da neben ihm soll meine Nachfolgerin werden. Ich bin ja nichts mehr, eine Größe von vorgestern, um mich wird er nicht mehr beneidet. Aber die da, die Lisa Sandori, ist die neueste Sensation. Wann sie abends im Theater die Röckeln hebt über die klapperdürren Knie und zu tanzen anfangt vor dem Einbrecher, der zum Fenster eingestiegen ist, lauft all die Trotteln im Parkett das Wasser im Mund zusammen. Jeden Abend seit zwei Wochen sitzt er mitten drunter, seine Pokerpartie ist deswegen auseinandergegangen. Und hinterher ladet er die Person zum Nachtmahl. Ich immer dabei, denn das wär ja kein Vergnügen für ihn, wann ich nicht dabei wär', die Demütigung nicht schlucken tät ...«
»Ah pfui Teufel!« Er stürzte ein Glas Sekt hinab und setzte es so heftig auf den Tisch, daß ihm der Stiel in der Hand zerbrach. »Und das lassen Sie sich gefallen?«
Sie nickte, ihre Augen wurden plötzlich ganz dunkel.
»Ich werd's ihm schon heimzahlen. Ich hab' mir was ausgedacht, und das wird für ihn schlimmer sein, als tät' ihn einer mit glühenden Zangen kneifen. Nur noch zwei kurze Wochen Geduld, dann geht's an. Lustig wird's werden ...«
Sie leerte durstig ihr Glas.
»So, und jetzt wollen wir von was anderem reden. Machen's mir ein bisserl den Hof, wenn Sie's auch eine Ueberwindung kostet. Bloß daß ich vor der Person da nicht so steh, als wär' ich auf einmal eine Bettlerin ... Kein Mensch tät mehr den Kopf nach mir wenden.«
Er zog die schmale Hand, die sie ihm über den Tisch entgegenstreckte, an die Lippen.