Sturmzeichen

Chapter 3

Chapter 33,650 wordsPublic domain

»Haus? Schon mehr ein Restaurant! Sehen Sie den Dicken da, der so nach Whisky brüllt? Das ist der gewerbsmäßige Spieler Leopold David! Wenn ich ihn ansehe, fehlen mir ungefähr dreimalhunderttausend Mark. Ich bin seiner eisernen Ruhe nicht gewachsen, aber gerade das reizt mich ... und, was wollte ich doch sagen? Ja richtig -- so geht das hier jeden Sonntag zu. In der Woche weniger. Da ladet meine Frau mir nur meine ständige Pokerpartie ein, weil ich keinen Klub besuchen kann. Hier drin nämlich ist alles kaput« -- er schlug sich mit der Faust gegen die Brust, ein kurzer, trockener Husten folgte danach, er sprach nur mit Mühe weiter: »Ja, also, was spielen Sie? Gar nichts? Das ist sehr bedauerlich! Was wollen Sie da mal als pensionierte Exzellenz machen? Ich lebe nur, wenn ich Karten in der Hand habe. Im Sarge gedenk' ich die 'Teufelspatience' zu legen, die geht erst am Jüngsten Tag auf. Na denn, auf Wiedersehen. Herr David winkt mir, die Partie kommt in Gang. Sie entschuldigen mich wohl ... jeder amüsiert sich hier auf seine eigene Fasson. Wenn Sie flirten wollen, es ist alles da! Nicht wie bei armen Leuten ... Wenden Sie sich nur an meine Frau, die wird's Ihnen aussuchen. Erst vorige Woche hat sie eine Verlobung gestiftet, und der Bräutigam konnte lachen. Die einzige Tochter von Martin Neudecker ... zwei Millionen bar auf den Tisch des Hauses, nach dem Ableben des hochverehrten Papas und Erblassers das Vierfache. Und so was Aehnliches läuft hier noch in mehreren Exemplaren herum, zum Beispiel die reichere, dafür jedoch häßlichere Cousine der eben genannten, christlichen Jungfrau und Braut -- aber jetzt entschuldigen Sie mich wohl wirklich. Wenn Sie Durst oder Hunger haben, brauchen Sie nur zu klingeln.«

Gaston fühlte einen feuchtkalten Händedruck und stand allein. Allein in einem Haufen von Menschen, die ihn nichts angingen, und deren Gebaren ihm fremdartig vorkam, wie aus einer anderen Welt. Es war ja ganz interessant, da mal hineinzublicken, aber damit auch holla ... Und jetzt hätte er sich still entfernen können, niemand achtete auf ihn. Nur es reizte ihn, zu erfahren, ob Frau Josepha wirklich erraten haben mochte, was er vor dem Besteigen des Autos gedacht hatte.

Der Jüngling am Klavier intonierte plötzlich den Einzugsmarsch aus dem »Tannhäuser«, oben auf der Treppe, die von der Halle zu einer Galerie führte, erschien Frau Josepha. In einem Kleid aus duftigem, weißem Stoff, das Hals und Schultern frei ließ, eine große, purpurdunkle Rose vor der Brust. In dem hoch aufgesteckten Haar blitzte ein Diadem aus Brillanten und Rubinen ... wie eine Königin stand sie da, ließ ihre Blicke gleichgültig über die Menge da unten schweifen. Er sah hinauf, da winkte sie mit dem Fächer, lachte und rief etwas hinab, was er bei der dröhnenden Musik nicht verstand. Nur ein gewisser Stolz erfüllte ihn, als die in der Nähe Stehenden ihn verwundert anblickten. Irgendwoher aus der Menge kam eine fettige Stimme in unverfälschtem Dialekt: »Da schau her, a neuches Schweinderl in Frau Circes Hofstaat! Noch schaut's aus wie a Mensch, aber gib Obacht -- in a paar Täg wird's zu grunzen anfangen ...«

Brüllendes Gelächter ringsum, die Zornröte stieg ihm ins Gesicht. Aber töricht wäre es gewesen, zu zeigen, daß er sich getroffen fühlte, oder gar den Rückzug anzutreten. Nur eins war natürlich klar: heute war er zum ersten- und letztenmal in der Villa Rheinthaler gewesen ...

Frau Josepha kam langsam die Treppe hinab und ging durch die Menge wie eine Fürstin, die Cercle hielt. Hie und da sprach sie eine Dame oder einen Herrn an, endlich stand sie vor Gaston.

»Das ist nett von Ihnen, daß Sie geblieben sind. Und bin ich jetzt schön genug, daß Sie ab und zu mal wiederkommen werden? Wenn Ihr strenger Dienst es erlaubt?«

Er biß sich auf die Lippen und verneigte sich stumm. Wollte sie ihn lächerlich machen vor den anderen, oder warf sie sich ihm an den Hals?

Frau Josepha wartete einen Augenblick auf die Antwort, dann sprach sie lächelnd weiter.

»In einer Stunde wird das Auto vor der Tür stehen -- es ist nicht viel anders, als hätten Sie ein wenig länger beim Nachtmahl gesessen. Inzwischen gestatten Sie, daß ich Sie ein bisserl bekannt mache.« Sie sah sich um, winkte einer jungen Dame, die von einem Kreise von Courmachern umringt war: »Ach, liebe Magda ...«

Die junge Dame, eine Rotblondine mit mageren Schultern, blickte auf.

»Was denn, liebe Josepha?«

»Gestatte, daß ich Dir Herrn Hauptmann von ... pardon, wie war doch gleich der Name?«

»Von Foucar ...«

»Herr Hauptmann von Foucar -- Fräulein Magda Neudecker! Sie werden viele Berührungspunkte haben, meine Herrschaften, in der beiderseitigen ernsten Lebensauffassung ...«

Frau Josepha neigte lächelnd den Kopf mit den schweren Flechten und dem funkelnden Diadem und schritt zu der nächsten Gruppe. Die junge Dame trat einen Schritt näher und kniff die kurzsichtigen Augen zusammen.

»Wie ich sehe, Herr Hauptmann, gehören Sie zum Generalstab, nach Ihrer Uniform zu schließen. Ja, da wird gearbeitet, das weiß ich von einem Vetter, einem Grafen Krottenburg -- er hat eine Cousine von mir geheiratet. Wissen Sie, von der 'anderen' Linie der Neudecker ... wenn Sie in der Berliner Gesellschaft ein bißchen Bescheid wissen, werden Sie sich auskennen.«

»Keine Ahnung, mein gnädiges Fräulein ...«

»So, nicht? Na, mir widerstrebt es ... lassen Sie sich das von unserer Wirtin erklären, gelegentlich ... nur so viel, mein Vetter Krottenburg hatte eine kleine Enttäuschung zu verzeichnen infolge einer falschen Auskunft -- es war wieder einmal eine Verwechslung passiert mit der anderen Neudeckerschen Linie ... aber ja, was die ernsthafte Lebensauffassung anbetrifft, da finden Sie in mir eine kongeniale Seele.«

So sprach sie noch eine Weile lang selbstgefällig fort, ihre Zunge lief wie das Rad eines Scherenschleifers, und Gaston fühlte ordentlich, wie sie ihn dabei mit prüfenden Blicken betrachtete. Ob es sich wohl lohnte, vom Standpunkt einer Millionenerbin aus, diesen neuen Bewerber, den man ihr vorgeführt hatte, ein wenig näher kennen zu lernen.

Als er sich nach schroffer Verneigung umwandte und zum Ausgang schritt, begegnete ihm Frau Josepha mit einem, wie ihm scheinen wollte, spitzbübischen Lächeln in den Augenwinkeln.

»Was denn? Doch nicht etwa schon fort? Das Auto, das Sie heimbringen soll, ist noch nicht vorgefahren. Es fehlt noch eine halbe Stunde -- genau auf neun hab' ich's befohlen. Und ich hab' Sie noch was zu fragen.«

Sie deutete auf eine offenstehende Tür, die zu einem hell erleuchteten, saalartigen Zimmer führte. Er neigte den Kopf und folgte. Was lag schließlich an der halben Stunde?

In einer Ecke stand ein runder Pokertisch, von einer großen Hängelampe bestrahlt. Die sieben Plätze waren besetzt, hinter den Stühlen standen ein paar schweigsame Zuschauer. Ein klapperndes Geräusch von Zeit zu Zeit, wenn die beinernen Chips in die Mittelschale flogen, die notwendigen Erklärungen im Spiel wurden nur halblaut gegeben. Einer der Herren wandte den Kopf, eine Hakennase stand über einem Paar flackernder Augen.

»Na, Baronchen, amüsieren Sie sich?«

»Danke, ausgezeichnet!«

»Um so besser!« ... Ein heiseres Lachen folgte: »=Et quant à moi, ma chérie= ... unberufen -- ein Festschießen! =Aujourd'hui j'ai une veine comme un= ...«

Ein einziger an dem runden Tische belachte die zynische Bemerkung: der dicke Herr David, den der Hausherr vorhin als gewerbsmäßigen Spieler bezeichnet hatte. Die anderen blickten nicht einmal auf, griffen mit gespannten Gesichtern nach ihren Karten. Frau Josepha aber zog die Augenbrauen zusammen. Sie seufzte leicht auf und wies auf einen breiten Klubsessel.

»Da bitt schön! Und wollen's was zum Trinken haben? Nicht ... na denn ...« Sie setzte sich ebenfalls, kreuzte die kleinen Füße in den Atlasschuhen und legte die weißschimmernden Arme auf das dunkelrote Leder der Seitenlehnen. Kein Schmuck störte die prachtvoll verlaufende Linie bis zu dem feinen Handgelenk, nur an den schlanken Fingern funkelten ein paar Ringe.

»Alsdann ... ich hatte versprochen, ich würd' Ihnen sagen, was Sie gedacht haben, eh' daß wir eingestiegen sind. Sie haben gedacht: 'Hat die Frau einen Größenwahn! Bildet sich ein, alles auf dieser Welt dreht sich um sie.' Stimmt das?«

»So ähnlich!«

»Na, sehen Sie! Und jetzt will ich Ihnen erklären, wieso ich mir das einbild'. Nämlich erstens denkt jede Frau so, die ein bisserl hübsch ist, und zweitens, bei mir ist das immer so gewesen, in der Welt, die um mich 'rum war. Schon als Kind ... Mein Vater betete mich an, jede Ungezogenheit von mir war ein geistvolles Aperçu, und ich ... als siebenjähriges Mädel hab ich schon drauf gespitzt, ob die Leute auf der Gassen sich nach mir umschauten! Und später beim Theater -- wie ich dahin gekommen bin, ist eine Geschichte für sich -- ja, Sie dürfen's wirklich glauben, ganz Wien war in mich närrisch! Jeden Tag Blumen und Geschenke von ganz unbekannten Menschen, und alle Wochen fast ein Heiratsantrag. Wissen's, die Leuteln da unten sind leichter beweglich als hier oben ... also schließlich auch ein -- na, sagen wir mal, ein sehr ein hochstehender junger Herr. Ein Bürscherl noch, aber ein sehr hochgeborenes. Ich lacht' ihn aus, aber er kam wieder, wollt' auf all' seine Titel verzichten, wenn ich nur Ja sagen würd' ... Ein paar Tage drauf teilt mir mein Direktor mit, er könnt' meinen Kontrakt nicht verlängern. Aha, sagt' ich, und ich weiß schon, weshalb. Z'wegen höhere Rücksichten! ... Und da wär' ich beinahe tück'sch geworden, hätt' den Herrn Verwandten von dem hochgeborenen Bürscherl doch noch den Streich gespielt! Aber ich besann mich, ich hatt' ein Beispiel vor Augen, auch von so einer morganatischen Ehe ... also nach Berlin. Geheult hab' ich ... in Wien taten die Herren Rezensenten Feuilletons über mich schreiben, hier erwischt' ich bei der fünfzigsten Aufführung ein Notizerl von zwei Zeilen. Da kam mein Mann. Das heißt, er wurd's erst später ... Herr Fritz Rheinthaler. Zuerst lud er mich mit einem prachtvollen Ring aus Brillanten und Smaragden ein, ich möchte bei dem nächsten seiner 'berühmten Herrenabende' mitwirken. Als ich ihm den Ring zurückschickte, kam er persönlich. Ich ließ ihn nicht vor ... er kam aber jeden Tag wieder ... drei Wochen danach hatte ich eingewilligt, seine Frau zu werden. Eigentlich wegen einem guten Witz. Er hatte mir nämlich geschrieben, er selbst wär' häßlich. Aber er hätte das schönste Haus in Berlin, die schönsten Autos und Pferde, nur die schönste Frau tät' ihm noch fehlen ... Da mußt' ich lachen ...«

Frau Josepha machte eine kleine Pause, strich sich über die Stirn und sah nachdenklich auf ihre Fußspitzen.

»Ja, so hab' ich ihn halt genommen. Auch weil er mir ein bisserl leid tat ... Na, und jetzt --« Sie blickte wieder auf -- »jetzt ist die Reih' an Ihnen. Aber hübsch ausführlich, bitt' ich mir aus!«

Er schrak unwillkürlich zusammen. Zuerst hatte er aufmerksam zugehört, dann war es wie ein sachtes Dämmern gekommen. In einem großen Garten blühten tausend Rosen, und die allerschönste, eine tief purpurfarbene, neigte sich ihm zu.

»Ich, gnädige Frau? Von mir ist wenig zu erzählen. Zum mindesten nichts, was Sie interessieren könnte.«

Sie machte eine kurze Handbewegung.

»Ah ... gehn's! Wenn man so ausschaut wie Sie ... Aber Sie haben ganz recht! Sie brauchen nicht mit Erlebnissen zu renommieren, das spürt man als Frau. Aber nur eins möcht' ich gern wissen: wer ist denn augenblicklich die Glückliche?«

Er errötete bis unter die Haarwurzeln, und es klang unwilliger, als er beabsichtigt hatte: »Gnädigste Frau, ich muß gestehen, über solche Dinge habe ich noch nie zu einer Dame ...«

»Ah was, zu mir können's sprechen wie zu einem Bub'n ...«

»Nun denn, in meiner allerersten Leutnantszeit hatte ich ein paar kurze wilde Wochen. Die liegen hinter mir. Und ich glaube, ich hatte heute schon einmal Gelegenheit, auszusprechen, ich hätte nicht einmal für die Freundschaft Zeit. Geschweige denn für irgend welche leichtfertigen Abenteuer!«

Frau Josepha lachte leise auf.

»Alsdann, wenn ich noch ein junges Mädel wär', in Sie tät ich mich unrettbar verlieben! Aber jetzt will ich mal wieder ganz gesetzt sein: so schrecklich viel müssen Sie arbeiten?«

»Ich muß nicht, es ist mein freier Wille. Tausende machen sich ihre Karriere leichter.«

An dem Spieltisch wurde es ein wenig lauter, man sprach lebhaft durcheinander. Herr Rheinthaler wandte sich auf seinem Stuhle um: »Du, Josepha, das hättest Du eben sehen sollen! So 'was war überhaupt noch nicht da ... drei Vierer gegeneinander, und ich kaufe zu Coeur Aß, König, Dame, Bube die Zehn -- =royal flush=! Also, Sie dürfen mir heute überhaupt nicht fort, Herr Hauptmann, Sie sind meine Maskotte.«

Gaston erhob sich, ein plötzlicher Widerwille war in ihm aufgestiegen. Gegen die frivole Gesellschaft hier und die Frau, deren ganzes Gehabe doch darauf ausging, ihn listig zu umgarnen, zu einem Spielzeug zu machen für ihre Launen einer gewesenen Theaterprinzessin.

»Ich bedaure sehr, Herr Rheinthaler, ich habe zu Hause noch eine dringliche Arbeit zu erledigen. Gnädige Frau, ich bitte gehorsamst um die Erlaubnis, mich zurückziehen zu dürfen.«

Er klappte die sporenbewehrten Hacken zusammen, Herr Rheinthaler winkte mit der Hand: »Auf Wiedersehen denn.« Frau Josepha sah ihn ordentlich erschreckt an.

»Ja, aber wieso denn? Es ist doch noch nicht neun Uhr, und ich wollt' Sie noch so vieles fragen.«

»Ich möchte gern ein paar Schritte laufen. Die ganze Woche habe ich kaum Zeit, am frühen Morgen meine beiden Gäule zu bewegen.«

Sie biß sich auf die Unterlippe.

»Dann will ich Sie nicht länger zurückhalten.«

Auf dem Vorflur gesellte sich der Landsberger Husar zu ihm, schnallte ebenfalls um und setzte die Mütze auf.

»Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir ein Stück zusammen. Ich habe in einem spontan entrierten Bac zwei Mille verloren. Das ist für den einzigen Sohn eines kümmerlich lebenden Agrariers reichlich genug.«

»Sagen Sie mal,« -- Gaston deutete zurück -- »das Haus da ist wohl so eine Art von Mausefalle? Wie man's in den Romanen liest: die schöne Frau als Lockmittel, und den Gästen werden die Unkosten abgeknöpft?«

Der Kleine blieb entrüstet stehen.

»Foucar, ich glaube -- entschuldigen Sie den harten Ausdruck -- Sie sind nicht recht bei Trost! Wissen Sie, was eine Kohlengrube ist?«

»Ich denke ...«

»Na, davon besitzt Herr Rheinthaler ungefähr ein Dutzend. Die nötigen Hüttenwerke dazu -- sein Großvater schon war einer der reichsten Männer von ganz Schlesien, sein Vater hat das Vermögen verdreifacht, und nun kann _er_ sich noch so viel Mühe geben, er kriegt's nicht einmal fertig, die Hälfte seiner Zinsen auszugeben! Und die Frau? Wissen Sie, was die für eine Geborene ist? Eine richtige Baronin Nadanyi! Aus der morganatischen Ehe eines Prinzen von Leuchtenfels, der in österreichischen Diensten stand, mit einer Dame aus böhmischem Adel. Und das sind keine Theatermärchen, ich selbst habe die Dokumente gesehen! Wie so etwas zur Bühne kommen konnte, wollen Sie fragen? Die Mutter war früh gestorben, sie kam mit sechzehn Jahren ins Kloster. Da brannte sie durch. Ein schöngeistiger Pater hatte sie verrückt gemacht, weil sie Corneillesche Verse deklamierte, daß sich's anhörte wie Musik. Ihr Herr Papa hatte keine Autorität, war auch wohl in den Händen irgend einer Dame, die ihn ebenfalls morganatisch zu heiraten gedachte ... kurz, sie setzte es durch. Ein paar Jahre war sie an österreichischen Provinzbühnen, dann kam sie nach Wien. Feierte beispiellose Triumphe ...«

»Ich weiß,« sagte er lächelnd. »Sie hat es mir vorhin erzählt.«

»Ah nein, lieber Foucar, nicht so ironisch! Ich habe die Kritiken gelesen. Es war fabelhaft! Hier in Berlin erlebte sie ja nachher eine Enttäuschung.«

»Aber sie hat sich mit Herrn Rheinthaler getröstet! Erzählte sie mir auch vorhin. Na und nun wollen wir von etwas anderem reden. Müssen Sie noch heute nach Landsberg zurück?«

»Nein, ich hab', Gott sei Dank, drei Tage Urlaub erwischt. Aber jetzt erlauben Sie mir eine Frage: Sind Sie wirklich so eine kaltschnäuzige Natur, oder verstellen Sie sich bloß?«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, Sie haben heute eine der schönsten lebenden Frauen kennen gelernt ... Unsinn, _die_ schönste Frau überhaupt! Sie hatten den Dusel, von ihr ausgezeichnet zu werden, und jetzt sagen Sie gewissermaßen, na wenn schon?«

»Ah nein, das nicht! Es hat mich sehr lebhaft interessiert, eine Sorte von Menschen kennen zu lernen, die mir bisher fremd war. Menschen, die den einzigen Trieb in sich haben, schrankenlos ihren Gelüsten zu folgen, für die der Begriff Arbeit nicht zu existieren scheint, und die sich infolgedessen viel zu viel mit dem eigenen Ich beschäftigen. Dafür hab' ich mal in einer Zeitung ein recht nettes Wort gelesen, das darauf anzuwenden wäre: 'Die janze Richtung paßt mir nicht!' Es ist etwas in diesem Betrieb, da sträubt sich mein Empfinden als Offizier und Edelmann dagegen. Es ist muffig! Treibhausatmosphäre, in die unsereins nicht hineingehört.«

Der Kleine neben ihm stöhnte auf.

»Herrgott, was sind Sie zu beneiden! Haben Sie vielleicht eine kleine Eismaschine in der Brust? Ich bin seit einem halben Jahr ein bißchen verrückt. Ich muß das mal aussprechen, Sie werden es auch natürlich für sich behalten ...«

»Aber selbstverständlich ...«

»Also die Frau ... ich glaube, ich schieß mich ihretwegen noch einmal tot. Sie hat etwas, was mich toll macht und meine Sinne reizt, irgend ein Fluidum, das auch ihre unerhörten Erfolge beim Theater erklärt ... jeden Abend ausverkauft, aber nur wenige Damen im Publikum, lauter Herren.«

»Vielleicht müßten Sie bloß ein bißchen forscher 'rangehen, lieber Wodersen. Nur dem Kühnen blüht das Glück.«

Der Landsberger Husar stieß unwillig mit der Säbelscheide auf die Steinfliesen des Trottoirs.

»Sprechen Sie nicht so leichtfertig, Herr von Foucar! Das heißt, pardon ... Sie kennen die Dame ja erst seit ein paar Stunden. Ich schwöre Ihnen, sie ist ihrem Manne unverbrüchlich treu. Das weiß ich genau, denn ich lasse sie beobachten. Lachen Sie nicht ... ich lasse sie täglich beobachten und bekomme täglich meinen Bericht. Es würde mich wahnsinnig machen, wenn ich verdursten sollte, während ein anderer ... na, ist gut! Und immer laufe ich um ein Rätsel herum, wie um ein Haus, zu dem kein Eingang zu finden ist ... weshalb hat sie nur diesen Menschen genommen?«

»Um sich glänzend zu versorgen, vielleicht?«

»Unsinn. Sie verfügt nach dem Tode ihres Vaters selbst über ein recht beträchtliches Vermögen.«

»Nun, vielleicht aus Mitleid?«

»Auch das stimmt nicht. Wenn er seine Anfälle hat, betritt sie nicht mit einem Fuß das Krankenzimmer.«

»Na, dann weiß ich wahrhaftig nicht. Möchte mir auch nicht den Kopf darüber zerbrechen.«

Ein paar hundert Schritte gingen sie schweigend nebeneinander her. Dann fing der Kleine wieder an:

»Bei ihm kann ich's verstehen. Er möchte in seinen paar letzten Jahren noch alles an Genuß an sich reißen, was auf dieser Welt zu haben ist. Wenn damals der Riesendiamant in Südafrika verkäuflich gewesen wäre -- er hätte ihn gekauft. So macht er's mit allem, was seiner Gier erreichbar ist.«

»Kann ich bis zu einem gewissen Grade begreifen. Aber unverständlich ist es mir, daß er dieses mühsam errungene Juwel so schlecht behandelt. Pfui Deuwel noch einmal! Zum Ohrfeigen! ...«

Herr von Wodersen ballte die Faust.

»Ich war schon öfter drauf und dran. Aber man darf sich doch an so einem kläglichen Jammergestell nicht vergreifen. Und wer will sich in die Empfindungen eines so degenerierten Menschen hineinversetzen? Eines Menschen, der genau weiß, daß er in kurzer Frist ins Gras beißen muß? Vielleicht ist das noch der letzte Reiz für ihn, zu besudeln, was andere auf den Knien anbeten würden ... Na, gute Nacht! Ich sehe dort an der Ecke ein Auto stehen. Ich fahr' nach meinem Hotel, zieh' mich um und geh' noch irgend wohin, mich betäuben. Haben Sie Lust, mitzukommen?«

»Danke! Ich, im Gegenteil, brauche heute noch mein bißchen Grips. Aber eins noch: Weshalb gaben Sie mir heute abend in dem Grunewaldrestaurant eine so wesentlich andere Auskunft über diese schätzenswerte Familie Rheinthaler?«

»Weil ... na also schön, auf die Gefahr hin, daß Sie ein bißchen größenwahnsinnig werden -- Frau Josepha hatte mir schon auf der Rennbahn befohlen, Sie heranzuschleifen. Sie waren ihr aufgefallen, und zwar gleich so, daß ich es mit der Eifersucht kriegte. Da hatte ich mich zuerst natürlich geweigert. Dann aber, als Sie in das Restaurant kamen, hatte sie mit ihren scharfen Augen Sie sofort entdeckt, ich mußte gehorchen. Und nachher, als Sie mich beiseite nahmen, konnte ich Ihnen doch nicht gut raten: 'Drücken Sie sich wieder, so rasch als möglich! Wenn Sie in kurzen vierzehn Tagen nicht ebenso ein trauriger Bonze werden wollen wie ich --' Da hätten Sie mich doch für leicht verrückt halten müssen! Ekelhaft ist das alles, nicht wahr? Na, gute Nacht, Foucar, und auf Wiedersehen morgen abend oder spätestens nächsten Sonntag.«

»Gute Nacht, Wodersen! Wenn Sie aber meinen sollten, in der Villa Rheinthaler, fürchte ich, wird aus dem Wiedersehen nichts werden!«

»Ich lege Ihnen hundert zu eins, bis nächsten Sonntag sind Sie dagewesen!«

»Und ich bin nicht habsüchtig genug, Sie beim Wort zu nehmen: der Ausgang der Wette würde nur in meinem Belieben stehen. Aber da wir schon dabei sind, ein paar von den Klappen hochzuziehen da innen, die man sonst vor anderen geschlossen hält, ja, da möchte ich bemerken, daß ich einige altmodische Grundsätze habe. Einer davon lautet, man soll nicht in eine Ehe einbrechen, auch wenn sie noch so schlecht verwahrt ist! Oder die Tür sperrangelweit offen steht.«

Der Kleine sah ihn fast feindselig an.

»Sie tun ja ganz so, als brauchten Sie nur den Finger auszustrecken, und ...«

Er fiel ihm ins Wort: »Das ist ein Mißverständnis. Ich sprach im Augenblick ganz allgemein ... nichts lag mir ferner, als der von Ihnen verehrten Dame irgendwie zu nahe zu treten.«

»Dann ist's gut -- danke. Was aber unsere Wette angeht ...«

»Also, wenn Sie Ihr Geld durchaus los werden wollen: ein gutes Sektfrühstück! Jeder von uns darf ein paar Gäste mitbringen.«

»Abgemacht! Und wir werden ja sehen, wer das Frühstück bezahlt.«

Herr von Wodersen stieg in das Auto, er rief ihm lachend nach: »Immer derjenichte, welcher verloren hat ...« und ging langsam seiner Wohnung zu. Sie lag in der Rankestraße, wegen der bequemen Verbindung zu seiner täglichen Dienststelle. Er hatte reichlich Zeit, die Ereignisse des Nachmittags noch einmal zu überdenken. Und da überkam ihn fast ein Gefühl der Mißachtung gegen den kleinen Husaren ... Schlapp war es, sich so widerstandslos einer -- im letzten Grunde doch verbrecherischen -- Leidenschaft hinzugeben! Da mußte man sich einfach bei den Ohren nehmen, holla, bis hierher und nicht weiter! Und die Zeiten der Troubadoure waren doch vorüber ... ein Ziel mußte man sich ausrichten, nach dem man strebte, da war Minnedienst vom Uebel!

Er stieg die drei Treppen zu seiner Wohnung empor, im Vorzimmer machte er Licht und trat vor den Spiegel. Kopfschüttelnd betrachtete er sein Bild. Unsinn, es sah noch genau so aus wie sonst. Keine Spur eines interessanten »Helden«, ein nüchterner preußischer Offizier, der keinen anderen Ehrgeiz kannte, als an dem Platze, auf den man ihn gestellt hatte, vollauf seine Pflicht zu tun ...