Sturmzeichen

Chapter 18

Chapter 183,701 wordsPublic domain

»Das mit den Forderungen überlegst Du Dir wohl noch! In Anbetracht dessen, daß damit jede -- vielleicht noch mögliche -- Einigung im Guten ausgeschlossen wäre. Ich möchte meine Tochter nicht im Mittelpunkt eines Skandals sehen. Das mit diesem Herrn von Foucar hoffe ich ihr auszutreiben. Das ist vielleicht nur eine vorübergehende Laune. Und wenn Du gesonnen bist, an Deiner Werbung festzuhalten ...«

»Selbstverständlich, lieber Onkel Gorski! Jetzt, wo ich sie verlieren soll, merke ich erst eigentlich, wie lieb ich sie habe. Weißt Du, vorher nahm man das als eine Art von Selbstverständlichkeit hin, aber jetzt bäumt sich mir da drinnen alles auf, wenn ich daran denke, daß vielleicht ein anderer -- na schön ... da nützt kein Beschwichtigen! Wenn die Sache nicht restlos aus der Welt geschafft wird, hat dieser interessante Herr nur noch einen Tag zu leben.«

»Lieber Hermann,« sagte der alte Herr, »das sind frivole Redensarten! Mir selbst würde ein Lieblingswunsch zerstört, wenn meine Tochter Dich nicht heiraten würde. Aber sie ist ein ernsthafter Mensch. Ich kann mir kaum vorstellen, daß sie wegen eines einzigen, unbedachten Wortes ...«

Hermann von Brinckenwurff machte sich etwas an dem Zaumzeug seines Gauls zu schaffen.

»Gott, lieber Onkel, es wird viel geklatscht. Kleinigkeiten werden zu Riesenverbrechen aufgeblasen. Ich bin nicht anders als andere junge Leute von meinem Kaliber. Und den Rittmeister von Lüttritz lang' ich mir auch einmal bei Gelegenheit. Weil seine Frau zu dieser Kuppelei die Hand geboten hat.«

Der alte Herr fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Mir ist das eben wie ein Gußregen über den Kopf gepladdert. Du wirst begreifen, daß ich im Augenblick keinen Entschluß fassen kann. Nur eins darfst Du glauben: wenn meine Tochter Dich zu Unrecht schlecht behandelt hat, aus einer unerfindlichen Laune, gibt's kein Erbarmen. Launen gibt's nicht, wenn Du Dir nichts vorzuwerfen hast ... na, ist gut!«

Auf der Freitreppe, deren schlanke Säulen von hundertjährigem Efeu überwuchert waren, standen zwei Hand in Hand. Annemarie und der Rittmeister von Foucar. Herr von Gorski schwang sich aus dem Sattel, stieg mit finsterer Stirn die Stufen empor.

»Herr von Foucar, ich glaube zu wissen, weshalb Sie hier sind. Ich sage Ihnen gleich, ich bin dessen nicht froh. Ehe ich Ihnen jedoch die Antwort gebe, muß ich ein paar Worte mit meiner Tochter sprechen.«

Der wartende Reitknecht hatte den alten Perkuhn nach dem Stall geführt. Hermann von Brinckenwurff hielt noch im Sattel, die drei anderen standen auf der Freitreppe. Annemarie preßte einen Augenblick lang die Hand auf die Brust, dann trat sie vor.

»Lieber Vater, ich glaube, es wird nicht nötig sein, daß Herr von Brinckenwurff sich hier noch länger aufhält. Ich wundere mich, daß er die Stirn hat, mir unter die Augen zu treten, nach dem, was ich seinem Bruder gesagt habe.«

»Liebe Annemarie,« warf der im Sattel ein, »das sind doch törichte Klatschereien ...«

»Ah nein, sondern die Wahrheit, die schimpfliche Wahrheit! Durch einen blöden Zufall habe ich sie erfahren von zwei Mägden, die im Garten Bohnen pflückten, ohne mich zu sehen. Die unterhielten sich über das Schicksal, das mir bevorstände als Gattin des Orlower jungen Herrn. Und jetzt helf' mir Gott, wenn ich zwischen Euch Männern nicht zimperlich spreche wie ein junges Mädchen, das von nichts eine Ahnung hat. Ich bin ja kein Kind mehr! Mit allem, was lange Zöpfe trüge in Orlowen, hätte ich die Gunst meines zukünftigen Herrn Gemahls zu teilen, vom Stubenmädchen bis hinauf zur Mamsell! Ich flog am ganzen Körper, aber hielt mich still, um noch mehr zu hören. Und eine Stunde später ritt ich nach Orlowen und fischte mir die Mamsell. Erst leugnete sie, dann wurde sie frech. Ich sollte mir auf meine Schönheit nur nichts einbilden. Der junge Herr fände sie viel schöner und hätte ihr versprochen, sie gleich nach der Verheiratung wieder nach dem Hof zu bringen, wenn seine unbequeme alte Dame nach der Uebergabe des Gutes nichts mehr zu sagen hätte! Da spie ich aus und schrieb Dir, Hermann, den Absagebrief. Und jetzt verantworte Dich, wenn Du kannst!«

Der im Sattel lachte verlegen auf. Das Spiel war verloren, jetzt galt es nur, einen nicht unrühmlichen Rückzug zu gewinnen.

»Weißt Du, Annemieze, man sollte es kaum glauben, daß Du ein Mädel vom Lande bist! Das ist doch überspannter Kram, und nenn' mir nur einen der Herren in unserem Kreise, der als Lediger ...«

Gaston wollte vortreten mit einem heftigen Wort auf den Lippen. Der alte Herr aber hob die Hand.

»Hermann, ich frage Dich auf Ehre und Gewissen als ein Edelmann den andern: Was meine Tochter da eben sagte, ist das wahr?«

Der andere blickte trotzig in die Höhe.

»Wozu soll ich's leugnen -- etwas ist schon dran! Nur die Geschichte ist maßlos übertrieben natürlich. Ich weise es ganz energisch zurück, daß ich deswegen auf ein Armesünderbänkchen soll. Ich lebe, wie es mir paßt. Und habt Euch bloß um Gottes willen nicht so! Schließlich bin ich doch ein Brinckenwurff! Wenn ich Deiner Tochter die Ehre antue, um sie zu freien, soll sie froh sein, statt hinter mir her zu spionieren!«

Aus der Brust des alten Herrn kam ein Stöhnen.

»O Du ... jetzt habe ich Dich auch erkannt! Aber eins sage ich Dir: Wenn Du nach denen suchst, die meine Tochter vertreten, zuerst stehe _ich_ da und lass' mir dieses Recht nicht nehmen! Hörst Du, zuerst! Halt' Dich zu Hause, damit Dich meine Zeugen treffen! Und jetzt marsch, fort von meinem Hof!«

Hermann von Brinckenwurff verneigte sich im Sattel.

»Das letzte hättest Du Dir sparen können! Und Gott sei davor, daß ich mich an Deinem weißen Haupt vergreife. Es sind Jüngere da, an die ich mich halten kann!« Er wandte seinen Gaul mit einem Schenkeldruck, ritt in gestrecktem Galopp die lange Allee zurück, die über das Kalinzinner Kätnerdorf nach Orlowen führte.

Annemarie warf sich mit einem Aufschluchzen an die Brust ihres Vaters.

»Um Gottes willen, Papa, das leide ich nicht, daß Du ... Und was heißt das, daß er sich gewissermaßen herabgelassen hätte, wenn er um mich warb?«

Herr von Gorski antwortete mühsam: »Das ist eine gedankenlose Frechheit gewesen, mein Kind, nichts weiter. Weil die Brinckenwurffs sich bekanntlich einbilden, sie wären mit dem lieben Herrn Jesus Christus zugleich in dieses heidnische Land gekommen!« Und nach einer kleinen Pause der innerlichen Sammlung fuhr er fort: »Herr von Foucar, ich bitte Sie, mir es nachzusehen, wenn ich Sie jetzt nicht als Gast in mein Haus lade. Ich muß mich erst selbst zurechtfinden, ehe ich einen Entschluß fassen kann.«

Gaston verneigte sich respektvoll.

»Sehr wohl, Herr von Gorski. Es wird sich eine Stunde finden, in der Sie die Güte haben werden, mir zuzuhören. Ihr Fräulein Tochter hatte die Gnade, meiner Werbung Gehör zu schenken. Morgen werde ich anfragen, wann Sie für mich zu sprechen sind.«

Herr von Gorski nickte schweigend, Annemarie bot ihm die Hand zum Kusse. In ihren Augen glaubte er jedoch eine leichte Enttäuschung zu lesen. Aber er konnte ihr nicht helfen. Es wäre gar leicht gewesen, sich einen effektvollen Abgang zu sichern. Sich als ein Edelmütiger aufzuspielen, der es als seine Pflicht ansähe, für den Vater des geliebten Mädchens in die Bresche zu treten. Das war eine Selbstverständlichkeit, über die sprach man nicht. Und als ihn der Kalinzinner Sandschneider, aus dem er jetzt die Zügel führte, in schneller Fahrt zum Städtchen zurücktrug, überlegte er, wie er am raschesten wohl dem Herrn von Brinckenwurff die Forderung zustellen könnte, ehe ihm der alte Herr zuvorkäme.

Persönlich nach Orlowen zu fahren und mit ein paar kurzen Worten Ort und Zeit festzusetzen, ging nicht an. Nach altüberkommenem Brauche, der in manchen Fällen vielleicht lächerlich sein mochte, aber an dem man nicht zu rütteln hatte. Und da fiel ihm ein, daß er auf halbem Wege zur Stadt die Möglichkeit hatte, den Rittmeister v. Lüttritz telephonisch anzurufen, er möchte ohne jede Zeitversäumnis nach Orlowen reiten, dem Herrn von Brinckenwurff die Forderung zu überbringen. Wegen einiger unziemlicher Worte, die er sich Fräulein von Gorski gegenüber herausgenommen hätte. Dann war die Angelegenheit erledigt, und Annemarie brauchte sich nicht um ihren alten Vater zu sorgen.

Unter den rostbraunen Kiefern des Beldahner Waldes, zwischen denen die sandige Straße hinführte, stand die sonnendurchglühte Luft wie in einem Backofen. Der nur unwillig trabende Gaul hatte nasse Flanken, unter dem Riemenzeug bildete sich weißlicher Schaum, und Hunderte von blutgierigen Bremsen schwirrten ihm um die Stellen, an denen er wehrlos war. Gaston versuchte, ihm mit der Peitsche zu helfen, so gut es ging, sobald er aber in Schritt fallen wollte, trieb er ihn unbarmherzig vorwärts. Er hatte keine Zeit zu verlieren, wenn er dem alten Herrn zuvorkommen wollte.

Und wie den armen Gaul die Bremsen, stachen ihn die Gedanken. Daß nach allem menschlichen Ermessen sein Glück nur kurzen Bestand hatte -- morgen um diese Zeit war er schon ein toter Mann. Weil der andere aus seiner Kaste in der Handhabung der Waffe mehr Uebung besaß. Er selbst hatte vor wichtigeren Aufgaben dazu keine Zeit gehabt. Ein junger Herr, dessen reichliche Mußestunden ihm gestatteten, sich zu einem Virtuosen im Pistolenschießen herauszubilden, schoß ihn morgen über den Haufen. Einer, dessen Leben für die Allgemeinheit so unbeträchtlich war, als wenn da um den schwitzenden Gaul eine Bremse mehr flog oder weniger, streckte einen Mann in den Sand, der in schweren Zeiten dem Vaterlande vielleicht Nützliches hätte leisten können. Verrückt war das, wenn man sich die Anschauungen derer zu eigen machte, die, von keiner Tradition beschwert, an jedem durch Jahrhunderte geheiligten Brauch zersetzende Kritik übten. Entweder gehörte man zu der Kaste, die den Begriff der persönlichen Ehre mit besonderen Gesetzen umschrieben hatte, oder man stand draußen. Ein Aussuchen von Fall zu Fall gab es da nicht. Und eine unwillige Regung erhob sich in ihm gegen sich selbst, daß er auch nur einen Augenblick lang eine Anwandlung gehabt hatte, die, genau besehen, reichlich nach Feigheit schmeckte. Als wenn er nach einem Auswege gesucht hätte. Eins aber konnte ihm niemand verwehren, daß er mit Trauer daran dachte, das Leben aufs Spiel setzen zu müssen, als es eigentlich erst anfing. Das Leben voll von Glück, von dem er zuweilen in müßigen Stunden geträumt hatte ...

Vor einer kurzen Weile erst hatte er einen Vorgeschmack von den Seligkeiten bekommen, die seiner vielleicht gewartet hätten. Als er auf dem Heimwege mit seiner langen und aufrichtigen Beichte fertig gewesen war. Da hatte die neben ihm sitzende Annemarie geantwortet: »Was soll ich dazu sagen? Du hast mich damals doch nicht gekannt. Wir alle gehen durch Irrtümer. Ehe ich Dich kannte, gab es Zeiten, in denen ich mit meinem Los ganz zufrieden war.« Und, weil sie mit den Zügeln in der Hand auf den Weg passen mußte, neigte sie sich nur ein wenig zur Seite und bot ihm die Wange. Ihm aber weitete sich die Brust unter einem bisher nicht gekannten Gefühl. Von aller Erdenschwere befreit flog man dahin in einer einzigen Glückseligkeit ...

Zwischen grünen Tannenwipfeln leuchtete ein rotes Ziegeldach. Die Waldschenke neben den Schießständen, von denen in kurzen Zwischenräumen gellende Kugelschläge durch die Mittagsschwüle drangen. Wie scharfes Peitschenknallen. Der Wirt Burdeyko, ein hagerer kleiner Mann mit ausdrucklosem Gesicht, kam eilig durch den Garten, als das Fuhrwerk mit dem schaumbedeckten Gaul auf der Straße hielt.

»Guten Tag, Herr Rittmeister. Was steht zu Diensten?«

Gaston vermochte im ersten Augenblick nicht zu antworten. Aefften ihn seine erregten Nerven, oder war das Wirklichkeit, was er eine Sekunde lang hinter einem rasch wieder vorgezogenen Fenstervorhang zu sehen geglaubt hatte? Ein gelbes Gesicht mit einem bunten Kopftuch darüber, anders geknüpft, als es hier die Bauernfrauen trugen. Er deutete mit der Peitsche nach dem Hause.

»Was ist das für ein altes Weib in Ihrer Wohnstube, Herr Burdeyko?«

Der andere blickte erstaunt auf.

»Wie meinen der Herr Rittmeister? Ein altes Weib? Da müssen Sie sich versehen haben. Nur mein Kellnerjunge ist im Hause. Sonst keine Menschenseele.«

»So, nicht? Na, ist gut! Kann ich bei Ihnen ungestört telephonieren?«

»Aber gewiß doch, Herr Rittmeister. In der Zelle neben meinem Kontorchen. Ich hab' ja auch manchmal nötig, was zu sprechen, wo kein andrer was davon hören darf.«

Gaston gab die Zügel dem hinter ihm sitzenden Kutscher und ging über den kiesbestreuten Gartenweg mit einem Angstgefühl im Herzen, das ihm den Schweiß aus allen Poren trieb. War er denn im Begriff, verrückt zu werden, weil er am hellen Tage Spukgestalten sah? Wenn er sich vielleicht auch beim ersten Male getäuscht haben konnte, diesmal erschien es ihm fast unmöglich. Wenn er sich eben nicht in einem Zustande befand, in dem man Halluzinationen hatte? Ganz deutlich hatte er das Gesicht gesehen, das ihm damals von der Begegnung in der Rankestraße im Gedächtnis geblieben war ... Da beschloß er, sich Gewißheit zu schaffen. Ohne sich an das verwunderte Gesicht des Wirtes zu kehren, durchschritt er rasch die Räume der Schenke, stieg in den niedrigen Keller und blickte auf den Hof hinaus. Wenn außer dem Gläser spülenden Kellner jemand im Hause gewesen wäre, hätte er ihn sehen müssen ... Ein Schauder flog ihm über den Rücken wie am Vormittag, diesmal aber von anderer Art. Vor sich selbst bekam er Angst und er fing an zu zweifeln, ob er noch nach klaren Erwägungen handelte ...

Das Fräulein auf dem Amte weigerte sich zunächst, die Verbindung herzustellen, wegen drohender Gewittergefahr. Es bedurfte erst einigen Zuredens und des Hinweises, daß es sich um eine wichtige militärische Meldung handle. Dann aber pochte und knatterte es in dem Apparat, er vernahm wohl, daß der Rittmeister von Lüttritz am andern Ende sprach, aber eine Verständigung war unmöglich. Da gab er es auf, die erhoffte Zeitersparnis war ärgerliche Versäumnis gewesen.

Als er wieder zu seinem Fuhrwerk kam, meldete Herr Burdeyko, soeben wäre ein ganzer Wagen mit Herren vom Dragonerregiment vorübergefahren, dazwischen die beiden Herren von Gorski.

»Schade,« sagte Gaston, »den jüngeren hätte ich gerne gesprochen,« und stieg in den Kutschiersitz. »Na, dann los, Braunerchen.«

Herr Burdeyko lief ein paar Schritte neben dem Wagen her.

»Wann soll ich zur nächsten Stunde kommen, Herr Rittmeister?«

»Weiß ich nicht,« rief er zurück, »ich lasse es Ihnen noch sagen.«

Als Gaston schon ein Ende weit gefahren war, fiel ihm plötzlich ein: wie kamen die Brüder Gorski eigentlich dazu, ohne Urlaub die Garnison zu verlassen? Beide hatten doch am Nachmittage Dienst? Der ältere beim Turnen, der jüngere beim Baden. Aber er vermochte nicht weiter zu denken. Eine Art von Stumpfheit war über ihn gekommen nach all den Aufregungen des Tages. Er dachte nur noch einen Gedanken, mit möglichster Beschleunigung den Rittmeister von Lüttritz aufzutreiben, damit dieser dem Herrn von Brinckenwurff in Orlowen die Forderung überbrachte und die blonde Annemarie Gorski ihn nicht für einen Feigling hielt, der gemächlich abwartete, bis andere vor ihm in die Bresche sprangen.

In der Wohnung des Herrn von Lüttritz erfuhr er, der Rittmeister wäre ausgegangen, ohne zu sagen, wohin. Da hinterließ er die Weisung, er bäte ihn, sofort zu ihm herauszukommen, und fuhr nach Hause, mit ohnmächtigem Zorn im Herzen. An wen sollte er sich in der Eile wenden? Jedem anderen hätte er einen langen Sermon erzählen müssen, ohne das Kind beim rechten Namen zu nennen. Und hinterher wäre die glatte Antwort gekommen, ohne vorausgegangene Anrufung des Ehrenrates wäre der Auftrag nicht auszuführen. Da gab es also nichts als warten. Und es gereute ihn fast, daß er auf der Freitreppe des Kalinzinner Schlosses in vornehmer Gesinnung mit seinen Absichten hinter dem Berge gehalten hatte.

Im Flur seines Häuschens empfing ihn der Bursche.

»Herr Rittmeister, vor einer Viertelstunde ist eine Depesche gekommen. Ich hab' sie auf den Schreibtisch gelegt.«

»Eine Depesche? Von wem denn?«

Die Frage war töricht, das wußte er. Mit zwei langen Schritten stand er im Zimmer, riß das zusammengefaltete Papier auseinander.

»Ihre Frau Mutter schwer erkrankt, ersuche dringend, sofort hierherzukommen. Ableben stündlich zu erwarten. Justizrat König.«

Die Kniee zitterten ihm, er mußte sich in den vor dem Schreibtisch stehenden Lehnstuhl setzen. Stumpfsinnig starrte er auf die mit Blaustift geschriebenen Zeilen des Telegramms, bis ihn der Schmerz jählings übermannte. Sein liebes altes Mütterchen, an das er in diesen letzten langen Wochen nicht mit einem einzigen Gedanken gedacht hatte, lag im Sterben. Die Tränen schossen ihm aus den Augen, er legte die Stirn auf die harte Tischkante, und ein Aufschluchzen erschütterte seinen Körper. Erst ganz allmählich gewann er seine Fassung wieder, fing er an zu überlegen, was zu geschehen hätte.

Der Justizrat König war der Vermögensverwalter und vertraute Freund seines Mütterchens schon seit langen Jahren. Allabendlich spielten sie ihre geruhsame Partie Bézigue, und es war ein rührendes Verhältnis zwischen den beiden alten Leutchen. Von seiten des Justizrates, der unverheiratet geblieben war, vielleicht ein wenig Pietät und wehmütige Erinnerung. An eine vor langen Jahren begrabene Hoffnung. Aber mit dem Alter war er ein Krakeeler geworden. Fast immer verzankte er sich mit seiner Partnerin, um am nächsten Vormittag mit einem poetischen Brieflein wieder um gut Wetter zu bitten, weil er ohne die abendliche Partie nicht leben konnte. Da war es eigentlich verwunderlich, daß er in so dürren Worten telegraphiert hatte, was ihn doch nicht minder schmerzlich treffen mußte als den Sohn der alten Freundin. Aber wer überlegte wohl in einem so trüben Augenblicke, ob er der notwendigen Nachricht noch ein Wort der Teilnahme hinzufügen sollte?

Also da galt es, die Vorbereitungen zu einer schleunigen Reise zu treffen. Alles übrige, was er sich vorgenommen hatte, mußte er bis zu seiner Rückkehr aufschieben. Und wenn er Annemarie ein paar Zeilen schrieb, würde sie es wohl verstehen, daß es für ihn im Augenblick keine andere Sorge gäbe als die einzige, ob er sein Mütterchen noch am Leben fände. Schier zum Verzweifeln war es, daß er hier noch stundenlang untätig sitzen mußte, indessen das alte Frauchen da unten im fernen Schwaben sich gegen den Tod wehrte. Mit keiner anderen Waffe als der Sehnsucht, den einzigen Jungen vielleicht noch einmal im Arm zu halten, seinen Kopf an ihrer Brust zu fühlen ...

Der nächste Zug, mit dem er den von Eydtkuhnen kommenden Schnellzug erreichen konnte, ging erst gegen acht Uhr abends. Bis dahin hatte er reichlich Zeit, Urlaub zu nehmen, die Schwadron dem Oberleutnant Gusovius zu übergeben und den Brief an Annemarie zu schreiben. Wenn er den durch seinen Burschen beförderte, konnte sie ihn in anderthalb Stunden haben und brauchte keine verwunderten Augen mehr zu machen ... daß er beim Abschied unterlassen hatte, das Wort zu sprechen, das sie von ihm wohl erwartet hatte.

Als er die Schublade seines Schreibtisches aufzog, um einen seiner besten Briefbogen mit der farbigen Wappenprägung herauszulangen, fiel ihm auf, daß zwischen allem, was er dort aufbewahrte, nicht die gewohnte Ordnung herrschte. Die Brieftasche mit dem letzten Schreiben seines Vaters lag nicht auf ihrem richtigen Platz. Ganz ausgeschlossen war es, daß er selbst sie dorthin gelegt haben konnte, er hielt in allem, was ihn umgab, eine geradezu pedantische Ordnung. Wenn er an seinen Bibliothekschrank ging, konnte er im Dunkeln den gesuchten Band herausholen.

Also es gab keinen Zweifel, hier hatte jemand in seiner Abwesenheit die Schublade durchsucht. Jemand, der zu dem kunstvoll gearbeiteten Schlosse einen Nachschlüssel besaß. Den eigentlichen Schlüssel trug er nebst einigen Anhängseln an einer silbernen Kette. Nachts lag sie auf dem Tischchen neben seinem Bett, beim Aufstehen befestigte er sie an der Uniformhose. Die Möglichkeit, daß er den Schlüssel aus Versehen einmal hätte stecken lassen, war überhaupt nicht zu erörtern. Aber wer sollte nur ein Interesse daran haben, hier seine Andenken, Briefe und Familienpapiere zu durchstöbern?

Und plötzlich schlossen sich die Wahrnehmungen des Tages, die er für Ausgeburten seiner überreizten Sinne gehalten hatte, mit einigen anderen zu einem Verdacht, den er zunächst nur unklar fühlte. Er griff nach der Stelle der Schublade, an der er die letzten der seltsamen russischen Briefe aufgehoben hatte, die Stelle war leer. Da gefror ihm das Blut fast in den Adern, hier war gegen ihn etwas im Werke, wie es nur ein Teufel ersinnen konnte -- oder eine im Innersten ihres Herzens gekränkte Frau! Die Viertelstunde fiel ihm ein, in der er mit dem schon halb verwirrten Herrn von Wodersen über die sonnenbeschienene Straße im Grunewald gegangen war. Da hatte der von einer Rache gesprochen, die Josepha an ihrem Gatten zu nehmen gedachte, weil er sie mit einer Tänzerin oder Schauspielerin betrog -- dieser Person mit der seltsamen, wie eine geborstene Glocke klingenden Stimme. Nur das hier war noch teuflischer. Heute nacht, wenn er längst schon in der Eisenbahn saß, legte man hier in diese Schublade die entwendeten Briefe, nur mit einem anderen Inhalt. Einem Inhalt, der klipp und klar bewies, daß der Rittmeister Baron Foucar von Kerdesac vom Dragonerregiment Graf Schmettau mit dem russischen Geheimbureau in Warschau landesverräterischen Verkehr hatte. Morgen stand hier in diesem Zimmer ein von der Division entsandter Kriegsgerichtsrat, fand die Beweise, und auf telegraphischen Befehl wurde er an dem Sterbebette seiner Mutter unter dem Verdachte des Landesverrats verhaftet. Selbst wenn es ihm gelang, sich von diesem Verdacht zu reinigen, war er für alle Zeiten verfemt. Es blieb immer etwas hängen, selbst wenn er sich in geweihtem Wasser wusch ... ein unbestimmter Geruch, vor dem sich die innerlich und äußerlich Sauberen zurückzogen. Und blitzähnlich reihte er alles aneinander, was gegen ihn sprach, wenn er sich verteidigen wollte. Da war schon vor seiner Versetzung das merkwürdige Interesse für die Geheimpapiere im Generalstabe, die von der strategischen Bestimmung Ostpreußens handelten im Falle eines Krieges nach zwei Fronten. Dann war da sein auffälliges Absondern von den Kameraden, seine ausgedehnten Ritte und Fahrten im Aufmarschgelände, und zuletzt der Inhalt der in seinem Schreibtisch beschlagnahmten Briefe. Die waren in Warschau aufgegeben laut Poststempel, und in ihnen stand, Gott mochte wissen, was ... Die Aufforderung vielleicht, noch über diese Position im Mobilmachungsplan nähere Auskunft zu geben oder über jene ... Und noch etwas anderes kam hinzu, woran er zuallerletzt, die anderen aber vielleicht zuallererst denken mochten: sein französischer Name und das Tröpfchen französischen Blutes, das in zehnfacher Verdünnung noch in seinen Adern floß. Ganz deutlich entsann er sich der Aeußerung des alten Herrn damals auf der Fahrt von Königsberg. Den Wortlaut wußte er nicht mehr, aber es war eine Art von Zweifel gewesen, ob Abkömmlinge einer fremden Nation wohl restlos im deutschen Volkstum aufgehen könnten. Und das Netz, das sich ihm um die Glieder schnüren sollte, war schon seit langem gesponnen. Die große Nachrichtenzentrale in Berlin war ja schon vor Wochen alarmiert, daß hier an der Grenze ein Verräter saß. Heute kam die Mitteilung, die seine Persönlichkeit genau bezeichnete, und morgen, während seiner Abwesenheit, der vernichtende Schlag. Er aber hatte nichts zu seiner Verteidigung anzuführen, als daß da vielleicht ein Racheakt vorläge. Die Rache einer in leidenschaftlicher Liebe verratenen Frau. Er _sah_ ordentlich das ungläubige Lächeln seiner Richter ...