Sturmzeichen

Chapter 16

Chapter 163,635 wordsPublic domain

Der Russe da drüben war von Herkunft ein Deutscher. Ihm selbst floß französisches Blut in den Adern, und er führte eine deutsche Schwadron. Im Ernstfalle hätte er sie auch gegen die andere Seite geführt, ohne Wimperzucken. Gegen das Land, das seine Vorfahren vor hundert Jahren noch Vaterland genannt hatten. Was war da der Name? Wie man fühlte, war alles. Und in ernsterem Erwägen sprang ihn die Frage an, weshalb wohl zwischen den Völkern der alten Welt, die doch so viel Gemeinsames hatten an Blut und Kultur, diese feindselige Spannung entstanden war. Nur, weil die Franzosen den Verlust zweier Provinzen nicht verschmerzen konnten, die sie einstmals doch selbst geraubt hatten? Oder weil das große Raufen anhub um das letzte Stück Erde, das noch zu verteilen war? Oder weil ein Wettlaufen begonnen hatte, welche Nation am meisten Baumwolle, Kanonen und Maschinen verkaufte? Oder weil in dem ewigen Kreislauf des Geschehens nach dem verschwommenen Weltbürgertum vergangener Jahrhunderte eine Periode aufkam, voll von Egoismus? Müßig war es, darüber zu grübeln. Vielleicht lag die Lösung in einer Art von Eifersucht, welche Nation in Zukunft dazu berufen wäre, der Welt den Stempel ihres Wesens aufzudrücken. Das war ein hohes Ziel. Nur man konnte sich vorstellen, daß es auch im Frieden zu erreichen war, ohne daß Hekatomben von Menschen hingeschlachtet wurden ...

Die Schwadron trabte in der breiten Schlucht zurück, die ihr den gedeckten Anritt ermöglicht hatte. Karl von Gorski spornte seinen hochbeinigen Trakehner vor, lenkte ihn neben den Fuchswallach seines Schwadronschefs. Er zitterte vor Begeisterung.

»Verzeihen, Herr Rittmeister -- es ist gegen alle Kleiderordnung, ich weiß es, aber ich kann mir nicht helfen, und wenn ich dafür eingesperrt werde.« Er hob den rechten Arm, rief mit heller Stimme: »Dragoner! Unser Herr Rittmeister Baron von Foucar, unser Führer für Tod und Leben ...«

Gaston fuhr dazwischen: »Leutnant von Gorski, sind Sie des Teufels?« Aber der Kleine ließ sich nicht beirren, schrie weiter: »unser Herr Rittmeister hurra, hurra, hurra!«

In den staub- und schweißbedeckten Gesichtern wurden die Augen blank, dreimal rollte der Ruf gleich krachenden Salven durch die Mittagsstille und brach sich im Widerhall an den Wänden der Talschlucht.

Gaston wollte seinem Leutnant eine energische Strafpredigt halten, aber auch die anderen Offiziere der Schwadron kamen herzugeritten, Oberleutnant Gusovius streckte seinem Vorgesetzten in impulsiver Aufwallung die Hand entgegen.

»Nichts für ungut, Herr Rittmeister, unser Kleiner hat nur das ausgelöst, was uns allen auf der Seele lag. Es war großartig! Und wir alle sind stolz darauf, daß wir dabei waren!«

»Na also, dann besten Dank, meine Herren! Sie aber, Herr von Gorski, möchte ich bitten, Ihrem Temperament in Zukunft ein wenig den Zügel anzulegen, Selbstverständlichkeiten nicht immer gleich mit Hurra zu begrüßen.«

Der Kleine machte ein zerknirschtes Gesicht, aber der Schalk blitzte ihm aus den Augen.

»Sehr wohl, Herr Rittmeister! Sonst käme die fünfte Schwadron Dragonerregiments Graf Schmettau aus dem Hurraschreien überhaupt nicht mehr heraus.«

Da mußte auch Gaston auflachen und freute sich herzlich, daß seine Leute an ihm hingen.

Vom Waldrande her kam der Offiziersruf, auf einem niedrigen Hügel hielt der Regimentskommandeur zur Kritik. Die Schwadron wurde von dem Wachtmeister weitergeführt, die Herren setzten ihre Gäule in beschleunigte Gangart, Karl von Gorski ritt neben seinem Chef.

»Herr Rittmeister, ich bitte um Entschuldigung, aber ich konnte vorhin wirklich nicht anders! Die Begeisterung hatte mich so gepackt.«

»Ist ja schon erledigt!«

»Gehorsamsten Dank! Und es scheint, ich kann heute überhaupt nicht dicht halten. Eigentlich nämlich hatte ich mir vorgenommen, auch über 'was anderes nicht eher zu sprechen, als bis ...«

»Na schon raus damit! Was ist los?«

»Also ich war gestern drüben in Kalinzinnen. Ich habe Grund zu der Annahme, Herr Rittmeister werden demnächst noch mal eingeladen werden.«

Gaston fühlte, wie es ihm ganz licht und weit wurde in der Brust.

»Wahrhaftig?«

»Sehr wohl, Herr Rittmeister. Ich habe sogar triftigen Grund!«

»Na, dann schön Dank, Kleiner! Heute mittag trinken wir die beste Flasche, die im Kasinokeller liegt.«

»Zu Befehl, Herr Rittmeister! Schon am frühen Morgen, als ich aufstand, sagte ich zu mir selbst: Karlchen, paß auf! Heute gibt es noch einen Lichtpunkt in Deinem kümmerlichen Leutnantsleben.«

Der Oberstleutnant Harbrecht hielt mit dem Major vom Stabe, seinem Adjutanten und einem Hauptmann von der Infanterie auf der Hügelkuppe, die vom Uebungsfelde heransprengenden Offiziere rangierten sich im Kreise. Gaston trieb seinen Fuchswallach drei Schritt vor, bat um die Erlaubnis, eine Meldung abstatten zu dürfen, und berichtete kurz über den Zwischenfall an der Grenze. Der auf demselben Gelände manövrierenden russischen Schwadron wäre ein Gaul mit dem Reiter durchgegangen auf preußisches Gebiet. Er habe geglaubt, aus diesem Versehen keine Staatsaktion machen zu müssen, und befohlen, den Russen wieder freizulassen, ohne erst an höherer Stelle um Genehmigung nachzusuchen.

»Hat sich der Herr von drüben gebührend entschuldigt?«

»Er bat höflich, seinen Mann, der ein durchgängerisches Pferd ritte, wieder freizulassen.«

»Dann ist's gut, danke!«

Gaston ritt wieder in den Kreis, und nun kam eine Kritik wie ein Hagelwetter. Der Oberstleutnant Harbrecht pflegte kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Zunächst bekam die Infanterie ihr Teil, weil sie sich durch eine einzige Schwadron Dragoner zu vorzeitiger Demaskierung ihrer gedeckten Stellung hätte verleiten lassen. Dann aber prasselte es auf die Führer der zweiten und dritten Schwadron hernieder, daß die beiden Rittmeister wie zwei begossene Pudel dasaßen. Was die Herren sich wohl dabei gedacht hätten, als sie aus ihrer Bereitschaftsstellung zum Angriff übergingen, ohne die Stärke des Feindes auch nur annähernd durch die in diesem Falle gebotene Nahaufklärung festzustellen? Und den Führer der zweiten, den Rittmeister von Lüttritz, fragte er noch im besonderen, weshalb er es wohl verabsäumt hätte, der Artillerie eine ausreichende Bedeckung beizugeben. Wo er sich doch durch einen einzigen Blick auf die Karte hätte überzeugen müssen, daß ein kurz entschlossener Führer auf der Gegenseite nicht lange fackeln würde, der feindlichen Verteidigungsstellung durch einen schneidigen Vorstoß die Zähne einzuschlagen.

Dem Oberstleutnant Harbrecht war in gerechtem Zorn der Atem ausgegangen, er mußte eine kurze Pause machen. Karl von Gorski neigte sich nach rechts, flüsterte leise: »Du, Hans.«

»Was' los?«

»Ein Jammer, daß die Kommandeure nicht befugt sind, die Todesstrafe zu verhängen. Wenn die verbrecherischen Rittmeister immer gleich geköppt würden, würde das die Avancementsverhältnisse der unteren Chargen doch sehr günstig beeinflussen.«

»Sehr richtig, aber halt den Schnabel, -- jetzt kommen wir an die Reihe!«

»Aber mit Schlagsahne natürlich ...«

Und die Prophezeiung traf ein. Der Oberstleutnant sang einen wahren Hymnus auf den Führer der fünften Schwadron. Seine Dispositionen wären klar und richtig gewesen, der plötzliche Angriff aber auf die feindliche Artillerie ein Meisterstück kavalleristischer Taktik. Den günstigen Augenblick wahrnehmen und danach kurz entschlossen handeln, das machte den echten Reiterführer aus! Und er schilderte, wie sich im Ernstfalle die Affäre weiter entwickelt hätte. Die Artillerie zum Schweigen gebracht und überritten, die feindliche Kavallerie im Rücken gefaßt, zu Krautsalat verhauen ... Nach allem Ungewitter schloß der Kommandeur mit der humoristischen Wendung, es wäre immerhin ein Trost, daß die »feindliche Armee« die Niederlage bezogen hätte, nicht aber die eigene.

Der Kreis löste sich auf, die drei Schwadronen, die an der Uebung beteiligt gewesen waren, ritten ins Quartier zurück. Die Fünfte, als die Siegerin, hatte die Ehre, hinter der Regimentsmusik zu reiten, aus nächster Nähe die aufmunternden, lustigen Weisen zu hören. Und auf dem Heimwege bekam der Führer der Fünften noch eine neue Ladung von Lobsprüchen auf sein lorbeergeschmücktes Haupt. Karl von Gorski hatte dem Etatsmäßigen eine begeisterte Schilderung von dem Zusammentreffen an der Grenze gegeben, der dicke Major von Schnakenburg übermittelte sie dem Kommandeur, und dieser setzte sich in Trab, lenkte seinen Gaul neben den Fuchswallach Gastons.

»Hören Sie mal, lieber Rittmeister, Sie haben mich vorhin ein bißchen beschwindelt. Der Zwischenfall mit den Russen war bedeutend sengeriger, als Sie ihn mir in Ihrer Bescheidenheit darzustellen beliebten!«

Gaston lächelte.

»Verzeihung, aber ich konnte doch wohl nicht gut melden: Herr Oberstleutnant, es ist mir soeben gelungen, den Ausbruch des großen europäischen Krieges zu verhindern?«

»Na,« meinte der Kommandeur, »wenn auch nicht ganz so doll, aber in dem Augenblick roch es doch sehr nach Pulver! Die Stimmung ist zum Platzen gespannt, und es gehört nicht allzu viel Phantasie dazu, sich auszumalen, was alles hätte geschehen können, wenn Sie die Angelegenheit nicht in einer so -- ich möchte sagen -- überlegenen Art und Weise in Ordnung gebracht hätten!«

Gaston verneigte sich leicht im Sattel, die Hand am Helmrande.

»Gehorsamsten Dank! Es erfüllt mich mit Stolz, daß Herr Oberstleutnant mit mir zufrieden sind.«

»Papperlapapp, 'zufrieden'! Imponiert hat's mir, wie Sie das gemacht haben! Das glänzendste war, daß Sie mit Platzpatronen scharf laden ließen. Ich habe hell aufgelacht, als Major von Schnakenburg mir es eben schilderte! Und jetzt muß ich Ihnen was erzählen. An dem Tage, als Sie Ihre Schwadron übernahmen, war ich zufällig mit meinem Töchterchen auf dem Großen Platz.«

»Ich entsinne mich sehr wohl. Die junge Dame hat mich mit ihren blauen Guckäugelchen recht scharf gemustert.«

»Ja! Und Sie haben ihr sehr gut gefallen. Als Sie mit Ihrer Schwadron einige wohlgelungene Bewegungen ausgeführt hatten, sagte sie: 'Papa, ich glaube, wir haben mit diesem Herrn von Foucar eine glänzende Akquisition gemacht'. Ich stimmte ihr schon damals zu, aber heute möchte ich's mit besonderem Nachdrucke wiederholen, daß ich ganz und gar der Meinung meines Töchterchens bin! Und meinem alten Freund Wegener dankbar, daß er Sie mir ins Regiment gebracht hat. Na, und inzwischen habe ich ja auch zu meiner Freude gehört, daß Sie sich aufgemacht haben, den bisher versäumten Anschluß an die Kameraden zu suchen.«

»Sehr wohl, Herr Oberstleutnant! Aber ich möchte gehorsamst bemerken, dieses Uebermaß von Lob erdrückt mich. Ich bitte, mich Ihrem Fräulein Tochter angelegentlichst zu empfehlen und hinzuzufügen, daß ihre so klar prüfenden Augen mir damals ein ganz besonderer Ansporn waren.«

Der Kommandeur lachte.

»Ne, lieber Foucar, den zweiten Teil richt' ich nicht aus. Das Jöhr ist sowieso schon verschossen in Sie. Meine gute Alte auch. Und aus ihren Erzählungen entnehm' ich, noch nie hätte sich die gesamte Weiblichkeit im Städtchen für einen neu ins Regiment gekommenen Herrn so interessiert wie für Sie. Sie hätten 'so was an sich ...' Na, ich will Sie nicht noch eitler machen, wie Sie wahrscheinlich wohl schon sind.«

Gaston erwiderte darauf nichts, er spürte einen leichten Stich im Herzen. Es hatte wohl seine Richtigkeit, daß die Frauen in ihm etwas Besonderes sahen. Sonst wäre es doch kaum erklärlich gewesen, daß die da in Berlin ihm schon nach der ersten flüchtigen Begegnung eine Zuneigung geschenkt hatte, die sonst vielleicht erst nach längerer Bekanntschaft zustande kam. Ein anderer an seiner Stelle wäre mit dieser Mitgift wahrscheinlich ein skrupelloser Don Juan geworden. Er aber war, dank der Erziehung durch Frauenhand, ein respektvoller Jüngling geblieben, der in jedem Weibe etwas Heiliges sah. Und mit einer gewissen Bitterkeit mußte er daran denken, wie anders vielleicht alles gekommen wäre, wenn er in jener Nacht in dem Ballokal gesagt hätte: »Charmant, gnädige Frau, ich wohne Rankestraße Numero so und so viel. Falls Sie mir dort gelegentlich einmal Ihr Herz ausschütten wollen, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.« Das wäre der richtige Ton gewesen für diese frivole Gesellschaft. Statt dessen war er gleich mit dem schweren Geschütz eines veritablen Heiratsantrages herausgerückt. Lächerlich war das gewesen! Und noch lächerlicher, daß er hinterher die ganze Angelegenheit so tragisch genommen hatte, daß er darüber sein wirkliches Glück verscherzte. Aber, Gott sei Dank, noch winkte ja ein Hoffnungsstrahl nach der finsteren Nacht der Verzweiflung. Und den gedachte er am Zipfel zu fassen, sich draufzuschwingen, wie das Schneiderlein im Märchen, das auf einem feinen Lichtfaden in den Himmel kletterte.

Der Regimentskommandeur an seiner Seite traktierte schon eine Weile lang ernsthafte Angelegenheiten. Daß die Augen- und Ohrenzeugen der Grenzaffäre nachher auf dem Regimentsbureau zusammenzukommen hätten, um über den Vorgang ein genaues Protokoll aufzunehmen. Für den Fall, daß die Sache auf irgend einem Wege in die Zeitungen käme. Man wüßte ja, wie es in solchen Fällen zuginge. Die Kerls erzählten den Vorfall in der Kneipe, zwei Tage später stände er, in entstellter Form und auf dem Umwege über das Ordensburger Blättchen, in den Berliner Zeitungen. Da gälte es, der Brigade rechtzeitig einen Bericht einzureichen, der ihr gestattete, erforderlichen Falles mit einem Dementi aufzuwarten.

Und dann kam der Kommandeur auf sein Steckenpferd, den zukünftigen Feldzug zwischen, gleichermaßen mit allen Errungenschaften der Neuzeit ausgestatteten Nationen. Grauenhaft müßte der werden -- von der Zeit, in der er den Russisch-Japanischen Krieg als Attaché mitgemacht hätte, wüßte er ein Lied davon zu singen! Das Schlachtfeld von einer unheimlichen Leere, nur die Shrapnells schwirrten in der Luft auf ausgerechnete Ziele. Und die beiden Heere buddelten sich gleich Maulwürfen aneinander heran. Zur Nachtzeit überfiel man sich gegenseitig, wie im Dunkeln schleichende Mörder gingen die Truppen aufeinander los, statt wie ehrliche Kämpfer im Tageslicht. Drahthindernisse mußte man zerschneiden, Wolfsgruben überklettern, und dann gab's ein Ringen in stockfinstrer Nacht, Mann gegen Mann mit Bajonett und Kolben. Gott allein mochte wissen, wie die Taktik in zwanzig Jahren aussah, wenn die Vervollkommnung der Kriegswaffen, die einen Angriff auf gedeckt liegende Infanterie bei Tage schon jetzt fast unmöglich machte, so weiter ging.

So sprach der Kommandeur, der neben ihm reitende Untergebene hörte respektvoll zu, aber seine Gedanken waren ganz wo anders. Bei einer, nach der er sich all diese Wochen in Sehnsucht verzehrt hatte, und die er jetzt in gemessener Frist wiedersehen sollte. Die ihm zugesagte nochmalige Einladung war eine Verheißung besonderer Art, da mußte er sich mit einigem auseinandersetzen, ehe er sie annahm. Und da quoll ein Gefühl -- wie ihm scheinen wollte -- gesunder Selbstsucht in ihm empor.

Sollte er sein ganzes Leben in Sack und Asche vertrauern, weil eine unglückliche Frau sich an ihn gehängt hatte? Mit einer Leidenschaft, die er nicht erwidern konnte? Zum Teufel noch mal, er hatte sie nicht eingeladen, sich in ihn zu verlieben! Und von dem Wort, das er ihr gegeben, hatte er sich zweimal gelöst. Damit sollte sie sich abfinden, wie mit manchem anderen in ihrem bewegten Leben.

Eine Art von Haß stieg in ihm auf. Ohne seine pinselige Gewissenhaftigkeit hätte er schon seit Wochen vielleicht ein anderes Leben führen können. Ein Leben, bei dem man fröhlich war mit den Fröhlichen, wie ein rechter Reitersmann, der sich um das Gestern nicht quälte und um das Morgen. Und, wenn er schon beim Anreiten gegen den Feind sein Herz beschwerte, auch wußte, weshalb. Weil daheim im Quartier eine zurückblieb, um derenwillen er gerne heil wiedergekommen wäre. Eine Reine und Feine, von der er genau wußte, daß sie in ihrer Vergangenheit nichts zu verstecken hatte.

Die Schwadronen, die an der Uebung teilgenommen hatten, zogen mit klingendem Spiel zum Städtchen hinein, auf dem Kasernenhofe wurden sie vom Kommandeur entlassen. Die Offiziere der Fünften ersuchte er, in die Regimentskanzlei zu kommen, um dort, noch unter dem frischen Eindruck, alle Einzelheiten des Zusammentreffens mit den russischen Dragonern festzustellen, in einem für die Brigade bestimmten schriftlichen Berichte niederzulegen. Und da ergab es sich, daß Karl von Gorski, weil er auf dem Heimwege den Vorgang wohl ein halb Dutzend Male mit Begeisterung erzählt hatte, am besten Bescheid wußte, sich noch jedes einzelnen Wortes entsann, das von hüben und drüben gewechselt worden war. Da übertrug der Kommandeur ihm die Abfassung des Berichtes, wie er mit einem Lächeln hinzufügte, zur Belohnung für den bei der Affäre bewiesenen Eifer.

Erst als die anderen Herren schon die Treppe hinabgingen mit klappernden Säbeln, dämmerte dem Kleinen eine Ahnung, daß er diesmal der Hereingefallene war. Mit einem wahren Dreimännerdurst in heißer Schreibstube an einem ellenlangen Bericht bauen mußte, während sein Bruder Hans mit dem Oberleutnant Gusovius in der schattigen Laube des Kasinogartens jetzt schon das erste Glas Bayrisch über die ausgedörrte Zunge rinnen ließ. Da verschwor er sich heftig, niemals mehr wieder vorwitzig mit Kenntnissen zu prunken, deren Anerkennung von seiten der Vorgesetzten ehrenvoll war, aber mit vermehrter Arbeit verbunden.

Als Gaston durch die schattenlose Hauptstraße ritt, den Burschen hinter sich, winkte von einem mit Blumen bestandenen Balkon ein Batisttüchlein, eine helle Frauenstimme rief: »He, Herr von Foucar!«

Er hob den Kopf, Frau von Lüttritz, die jugendliche Gattin des Kommandeurs der zweiten Schwadron, stand zwischen blühenden Geranien, lachte ihn fröhlich an. Da ritt er näher: »Gnädige Frau befehlen?«

»Sie möchten mal zu meinem Mann 'raufkommen! Er probiert gerade ein neues Erfrischungsgetränk, das ich heute erst aus Königsberg bekommen habe. Melonenextrakt mit eisgekühltem Selter und einem leichten Schuß Kognak. Davon will er Ihnen großmütig 'was abgeben, trotzdem Sie ihn in den Dombrowker Bergen so greulich besiegt haben!«

Er rief zurück: »Gnädige Frau, mir läuft das Wasser im Munde zusammen, aber ich muß leider nach Hause. Ich erwarte eine Nachricht, von der für mich allerlei abhängt. Außerdem bin ich in einem absolut nicht präsentablen Zustande ... einen halben Zentimeter Chausseestaub innerlich und äußerlich.«

»Glauben Sie, mein Mann sieht anders aus? Und manchmal erfährt man schon unterwegs mündlich, was man erst zu Hause schriftlich zu finden hofft!«

Da lachte er und schwang sich aus dem Sattel und stieg mit froher Erwartung im Herzen die Treppe empor.

In dem behaglichen Wohnzimmer, dessen Fenster zur Abwehr der draußen herrschenden Hitze durch dicke Vorhänge verdunkelt waren, empfing ihn das Ehepaar Lüttritz. Eine junge Dame, die mit dem Rücken zum Fenster gesessen hatte, stand auf und kam näher. Ihr Gesicht konnte er nicht erkennen, denn seine Augen waren noch vom hellen Sonnenlicht geblendet und mußten sich erst an das Halbdunkel gewöhnen. Aber er spürte im Herzen, wer da auf ihn zukam.

Frau von Lüttritz sagte lächelnd: »Die Herrschaften sind sich wohl nicht mehr fremd. Fräulein von Gorski hatte im Städtchen zu tun und war so liebenswürdig, mich zu besuchen.«

Gaston verneigte sich schweigend. Eine seltsame Beklommenheit hatte ihn plötzlich überfallen, wie vor einer kommenden Entscheidung. Annemarie streckte ihm die Hand entgegen. Ihre Stimme klang ein wenig unsicher.

»O ja, ich entsinne mich. Ich kam damals mit Papa aus der Königsberger Klinik.«

Er wollte ihre Hand an die Lippen ziehen, sie aber wehrte ab, und eine feine Röte stieg in ihren Wangen empor.

Frau von Lüttritz mischte mit Eifer und Sachverständnis das kühlende Getränk, ihr Gatte, ein gutmütiger, dicker Herr mit blondem, kurzgestutztem Barte, sah ihr interessiert zu.

»Nimm nicht so viel von dem teuren Kognak rein, Lottchen! Nachdem er mich schon militärisch geschädigt hat, der brave Foucar, ist es doch nicht nötig, daß er mich jetzt arm macht.«

Man setzte sich lachend um den Tisch herum, das Gespräch wandte sich den Ereignissen des Vormittags zu. Und der Rittmeister von Lüttritz bekannte ehrlich, er wäre heilfroh, nicht an der Stelle seines Kameraden Foucar gewesen zu sein. Er hätte den ersten zornigen Zuruf des russischen Schwadronschefs wahrscheinlich mit einer hahnebüchenen Grobheit beantwortet, und der Ramsch wäre fertig gewesen! Und da Annemarie noch nicht wußte, um was es sich handelte, schilderte er den Zusammenstoß an der Grenze, wie er ihm von dem jüngeren Gorski auf dem Heimwege erzählt worden war. Er wurde ordentlich lebhaft dabei und schloß mit der neidlosen Anerkennung, er hätte eine so elegante Abfuhr nicht fertig gekriegt mit seinem schwerfälligen Temperament. Dazu gehörte doch wohl ein Tröpfchen von dem Blute derer, die gewöhnt wären, das leichte Florett zu führen statt des schweren Säbels.

Die Damen hatten mit glänzenden Augen zugehört. Gaston verwahrte sich dagegen, daß man aus einer Unbeträchtlichkeit eine Heldentat machte, aber sein Protest klang nicht mehr so echt wie noch wenige Stunden zuvor, als er den kleinen Gorski anschrie. Nun, wer an seiner Stelle hätte wohl anders gehandelt, wenn vor der heimlich Geliebten sein Loblied gesungen wurde?

Frau von Lüttritz wurde plötzlich ins Kinderzimmer abgerufen. Sie warf im Abgehen dem Gatten einen Blick zu. Da entsann sich dieser mit einem Male, er hätte der im Nebenzimmer wartenden Ordonnanz ein paar eilige Unterschriften zu geben, und entschuldigte sich mit der Versicherung, er komme sofort wieder zurück. Gaston merkte, daß freundliche Hände ihm die Gelegenheit zu einer Aussprache bereitet hatten, und da gab er sich einen Ruck. Wer mochte wissen, wie lange die Zeit des Alleinseins dauerte, und dann war der günstige Augenblick verpaßt. Nur, als er zu sprechen begann, klang seine Stimme heiser vor Erregung.

»Mein gnädiges Fräulein, Sie werden sich gewundert haben, daß ich Ihrer so freundlichen Einladung bisher nicht gefolgt bin. Das hatte seine Gründe. Ich schleppte etwas mit mir herum, wovon ich mich erst später freigemacht habe. Damit wollte ich Ihnen nicht unter die Augen treten. Ich erschien mir zu unwürdig. Ehe ich aber weiter spreche, müssen Sie die Güte haben, mir eine kurze Frage zu beantworten. Mir ist erzählt worden, Sie würden sich demnächst verloben. Ist das wahr?«

Annemarie saß verwirrt da, die Wangen mit Blut übergossen. Sie selbst hatte ihre Freundin Lüttritz gebeten, den Herrn von Foucar anzurufen, wenn er vorüberreiten würde, weil sie ihm etwas zu sagen hätte. Jetzt aber war sie erschreckt von dem Ungestüm, mit dem er auf sein Ziel losging. Und es dauerte ein Weilchen, bis sie die Antwort fand.

»Nein,« sagte sie leise, »ich habe ihm geschrieben, er dürfte sich keine Hoffnungen mehr machen. Er würde selbst am besten wissen, weshalb nicht mehr. Also ich werde mich nicht verloben.«

Da überflutete ihn das Glück, machte ihn übermütig und froh. Er lachte auf.

»Das wollen wir denn doch nicht verreden! Ich rechne sogar sehr stark darauf, aber mit mir!« Und als sie ihr Gesicht noch tiefer senkte, griff er nach ihrer Hand.

»Fräulein Annemarie, das ist wie heute vormittag, wenn der Augenblick da ist, muß man nicht zaudern, sondern handeln. Seit dem ersten Tage, wo ich Sie gesehen habe, bin ich krank vor Sehnsucht, und daß ich Ihnen auch nicht gleichgültig bin -- also sonst wären Sie doch nicht hier! Na und jetzt ...« Ob er sie nun an der Hand in die Höhe gezogen hatte, oder ob sie aus eigenem Antrieb aufgestanden war, wußten sie später nicht zu sagen. Das war wohl ganz von selbst gekommen, daß sie mit einem Male in seinen Armen lag.

So standen sie eine ganze Weile lang, wie in eine ferne Welt entrückt, in der lauter Glück herrschte und Seligkeit. Küßten sich stumm und freuten sich, daß sie zueinander gefunden hatten, als es noch Zeit war. Und dann saßen sie wieder auf ihren Stühlen, schwatzten törichtes Zeug, wie es alle Verliebten taten seit Anbeginn der Welt.