Chapter 15
Der Kleine erschrak heftig, ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Den Zustand kannte er, in dem man allerhand Spuk sah mit wachen Augen. Er hatte ihn einmal durchgemacht, als er mit Urlaub acht Tage in Königsberg verlumpt hatte, um auch so 'was unterzukriegen, was ihn schwer bedrückte. Als er sich daheim aus notwendiger Enthaltsamkeit wieder ausnüchterte, saß in den ersten Nächten immer ein kleines Männchen mit einem runden Kürbiskopfe auf dem Fußende seines Bettes. Der da drüben sah jetzt wohl etwas anderes ... ein blasses Gesicht mit durchschossener Schläfe ... Und aus anderer Ursache. Weil er sich vor Kummer die Nerven zuschanden gearbeitet hatte, die der ungewohnte Alkohol jetzt noch mehr auspeitschte. Da gab es nur ein Mittel: den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben! Den armen Kerl so vollzugießen, daß er bewußtlos wie eine Tümpelkrähe ins Bett fiel, keine Dummheiten mehr anrichten konnte. Und das war eine Aufgabe nach seinem Herzen. Er schenkte den Rest der Flasche in die Gläser.
»Hoch zu verehrendes Wohlsein, Herr Rittmeister! Hat mich außerordentlich interessiert, was Sie da von dem Herrn von Wodersen erzählten -- überflüssig, zu versichern, daß ich's für mich behalte! Aber ich meine, er muß wirklich verrückt gewesen sein. Oder er hatte keine Spur von Pflichtgefühl im Leibe. Wer schießt sich denn tot, wenn er vom Vaterlande gebraucht wird? Da kann man sich doch in entscheidender Stunde vielleicht noch ein wenig nützlich machen. Indem man seinem Zuge bei 'Lanzen gefällt, Marsch, Marsch, Hurra!' mit Gebrüll voranreitet ...«
»Oder seiner Schwadron,« warf Gaston mit schwerer Zunge ein.
»Ganz recht,« sagte der Kleine, »je nach der Stellung, die man auf der militärischen Stufenleiter einnimmt. Das Totschießen besorgt dann nachher die mit Recht so beliebte feindliche Bleikugel. Aber da der Deutsche schon seit Tacitus' Zeiten einen Lokalwechsel braucht, um immer noch einen zu trinken, möchte ich gehorsamst vorschlagen, wir tun desgleichen. Hier in der Nähe gibt es ein vorzügliches Glas Bier. Und da sitzen noch einige Kameraden, die sich mächtig freuen werden, den Herrn Rittmeister zu begrüßen.«
»Meinen Sie, lieber Gorski?«
»Aber selbstverständlich! Herr Rittmeister hatten sich -- wenn mir's gestattet ist, das zu bemerken -- ganz vorzüglich bei uns eingeführt im Regiment. Bloß Sie müßten sich öfter sehen lassen.«
»Na, dann vorwärts!«
Im Hinausgehen flüsterte Karl von Gorski der Ordonnanz zu: »Marsch, ins Revier der fünften Schwadron! Der Kutscher vom Krümperwagen soll anspannen, an der kleinen Kneipe vorfahren, gegenüber vom Landgericht!«
Die Ordonnanz nahm schweigend die Hacken zusammen. Solche Aufträge waren nichts Außergewöhnliches. Nach einem Liebesmahl fuhren die meisten der Herren mit dem Krümperwagen nach Hause, um unliebsamen Begegnungen auszuweichen. Und der Rittmeister von der Fünften wohnte ein ganzes Ende weit vor der Stadt ...
Auf der Straße hielt Karl von Gorski sich dicht neben seinem Vorgesetzten, um erforderlichen Falles zur Hand zu sein, wenn dem der Fuß in unsicherem Tritte stocken sollte. Aber die Fürsorge war unnötig, der Rittmeister ging ohne Schwanken die Straße entlang. Da stieg seine Hochachtung gewaltig: der Mann mußte eine fabelhafte Energie besitzen, um sich so zusammenreißen zu können! Und nach einigen Minuten blieb Herr von Foucar plötzlich stehen, sagte mit ganz klarer Stimme: »So, das hat wohlgetan. Aber noch eins, Herr von Gorski ...«
»Herr Rittmeister?«
»Ich bin vorhin ein bißchen zusammengesackt. Ich lege keinen Wert darauf, daß das in weiteren Kreisen bekannt wird. Ich hatte meinen Nerven in den letzten Wochen zu viel zugemutet, und vorher die Zeit im Generalstabe -- ja, das war auch alles andere, nur keine Sommerfrische.«
Der Kleine blickte auf.
»Sehr wohl, Herr Rittmeister! Aber die Mahnung zur Diskretion war etwas kränkend, nachdem Sie die Güte gehabt hatten, mir ein wenig Vertrauen zu schenken. Ich mache nicht immer schlechte Witze, ich kann auch manchmal leidlich ernst sein.«
Gaston legte in einer impulsiven Regung seinem Leutnant den Arm um die Schulter, zog ihn näher an sich.
»Weiß ich, kleiner Gorski, weiß ich! Und zuverlässig. Sonst wäre ich wohl nicht so aus mir herausgegangen. Die, denen das sogenannte Herz immer gleich auf der Zunge liegt, haben es leichter.«
Er ließ seinen Arm wieder sinken und fuhr lächelnd fort: »Aber diese neue Freundschaft wird mich natürlich nicht hindern, Sie im Bedarfsfalle unter vier Augen wieder einmal gründlich anzulappen! Falls Sie morgen nämlich, wie neulich, zehn Minuten zu spät zum Dienst kommen sollten.«
»Es wird mir ein Hochgenuß sein,« sagte der Kleine. »Und noch eine Frage: die junge Dame, in die sich 'der andere' verliebt hat, von der Herr Rittmeister vorhin sprachen ...?«
»Die ist mit ihm zusammen in der Eisenbahn gefahren, da lernte er sie kennen. Leider zu spät. Für ihn selbst. Ein Skrupelloser hätte sich vielleicht darüber hinweggesetzt, daß er noch an eine andere gebunden war. Ihm ist es nicht gegeben, das einer Frau verpfändete Wort wie eine Seifenblase zu behandeln. Aber das ist ja auch egal ... in vierzehn Tagen verlobt sich die mehrfach genannte junge Dame ...«
Karl von Gorski blickte tiefsinnig vor sich hin.
»Selten ist wohl von einem Weisen ein wahreres Wort gesprochen worden als der Satz: 'Verlobt ist nicht verheiratet.' Und von allen Sagen, die ich kenne, erschien mir immer die vom Tannhäuser am vernünftigsten: es kann alles verziehen werden. Namentlich wenn der Tannhäuser gewissermaßen nur aus Versehen in den Venusberg geraten war.«
Gaston atmete tief auf, eine verrückte Hoffnung regte sich ihm im Herzen. Aber das war natürlich Unsinn. Der Kleine da neben ihm hatte eine Flasche Sekt im Leibe. Da sprach er mehr, als er verantworten konnte. Genau wie er selbst. Nur der ungewohnte Trunk hatte ihn doch verleitet, ein sorgfältig gehütetes Geheimnis zu verraten. Dem er's anvertraut hatte, war ein Edelmann, behielt es bei sich. Wenn nicht, war es auch egal. Von morgen fing ein neues Leben an, trinken war besser als arbeiten. Beim Arbeiten saß man allein, beim Trinken in lustiger Gesellschaft. Und man geriet nicht in den Verdacht, daß man sich hochmütig und streberisch von den Kameraden absonderte ...
In der von Tabaksqualm erfüllten kleinen Kneipe gab es nach anfänglichem Stutzen großes Halloh. Der dicke Herr von Schnakenburg, der unverheiratete Major vom Stabe, erhob seine dröhnende Stimme: »Zeichen und Wunder! Der Gerechte verirrt sich unter die Gottlosen? Was verschafft uns denn die Ehre, Herr von Foucar?«
»Die bessere Einsicht, Herr Major,« versetzte Gaston. »Die Einsicht, daß es verdienstvoller ist, zu trinken, als leeres Stroh zu dreschen. Ist es gestattet, meine Herren?«
»Aber mit Vergnügen!«
Major von Schnakenburg, der mit dem Rücken zur Wand saß, tippte seinem Nachbar, dem einzigen Zivilisten in der Tafelrunde, auf die Schulter: »Sie, junger Brinckenwurff, rücken Sie mal 'ne Rotte weiter nach unten. Ich möchte den unerwarteten Rittmeister gern an meiner grünen Seite haben. Vorausgesetzt, daß er noch über den Tisch klettern kann.«
»Wird sofort gemacht!«
Dem Kleinen stand der Atem still, das gab sicherlich ein Unglück. Er nahm eine Art von Bereitschaftsstellung ein, um bei einem Sturze zur Hand zu sein, aber die Befürchtung war grundlos. Herr von Foucar stieg sicher hinüber, nahm auf dem Stuhle Platz, den der lange Brinckenwurff soeben freigemacht hatte. Und ein paar Minuten später hatte er die Führung des Gespräches übernommen an dem runden Tische. Plauderte mit glänzender Laune über alles mögliche, erzählte kleine Anekdoten aus dem internen Betriebe des Generalstabes, bezauberte die ganze Gesellschaft. Der allgemeine Aufbruch fand später als sonst statt. Hermann von Brinckenwurff ging mit den beiden Brüdern Gorski nach dem Bahnhofe zu, im Hotel zum Kronprinzen hatte er sein Fuhrwerk eingestellt.
»Ich kann mir nicht helfen,« sagte er, »der Mensch ist mir unsympathisch mit seinem sprunghaften Wesen. Schließlich ist er doch keine Primadonna im Regiment, die sich den Luxus gestatten darf, Launen zu haben! Wochenlang hat er uns geschnitten, mit einem Male taucht er auf, spielt den Liebenswürdigen und Geistreichen ...«
»Entschuldige,« fragte Karl von Gorski, scheinbar harmlos, »wen meinst Du eigentlich?«
»Na, Euren neuen Rittmeister, diesen Baron von Foucar!«
»So, so! Dazu ließe sich bemerken, geistvolle Leute haben ein gewisses Recht, launenhaft zu sein, denn der Geist läßt sich nicht kommandieren. Etwas anderes ist es mit dem Stumpfsinn. Der ist bei seinem Besitzer immer gleichmäßig vorhanden. Man sagt nur ab und zu einmal 'Prost' -- was keine besondere Anstrengung kostet -- trinkt acht halbe Liter und fährt mit der Befriedigung, sich glänzend unterhalten zu haben, nach Hause.«
Herr von Brinckenwurff begehrte auf.
»Karlchen, wahr' Deine Zunge! Schon neulich hatte ich die Empfindung, Du legst es darauf an, Dich an mir zu scheuern.«
Der Kleine stieß einen komischen Seufzer aus.
»Da wunderst Du Dich darüber? Wo ich in Deine zukünftige Braut so unglücklich als nur irgend möglich verliebt bin? Mich tröstet nur eins: daß Du in Bälde nämlich den geliebten Topp Echtes am Abend entbehren wirst! Samt den Mikoschwitzen Deines Freundes Tonnchen, die Dir so viel Vergnügen machen. Dann mußt Du als ein gebändigter Herkules bei Deiner Omphale sitzen, die Spindel drehen und Heines Buch der Lieder deklamieren. Ich denke es mir wonnig!«
Herr von Brinckenwurff lachte.
»Entschuldige, Karlchen, daß ich Dich einen Augenblick ernst genommen habe. Aber das mit dem Herkules am Spinnrocken ist Phantasie. Oder vielmehr ganz richtig für die ersten paar Wochen. Nachher zieht man langsam die Kandaren an, lebt wieder, wie es einem paßt. Im ersten Jahre mault sie. Im zweiten hat sie so einen kleinen Quarrsack in der Wiege, da begibt sie sich.«
»Sehr richtig! Und -- was ich schon immer fragen wollte -- gibt's Krebse bei Eurem Verlobungsdiner?«
»Selbstverständlich! Schon seit acht Tagen lasse ich in der ganzen Umgegend sammeln. Kerle wie Hummern -- pro Nase gibt es mindestens ein ausgewachsenes Dutzend.«
»Dann komme ich bestimmt. Für Krebse lasse ich mein Leben. Außerdem aber« -- seine Stimme klang plötzlich scharf -- »interessiert es mich immerhin, zu sehen, wie einer geborenen Gorski die Kandaren angezogen werden. Das überlegst Du Dir vielleicht noch! Na, gute Nacht, Hermann, ich muß jetzt nach rechts ab.«
Er bog in eine Seitenstraße, die zu der dunklen Bahnhofsallee im rechten Winkel stand. Der Lange rief ihm nach: »Manchmal weiß man wirklich nicht, was man von Dir halten soll!«
»Beruhige Dich,« rief er zurück, »manchmal weiß ich's auch nicht.«
Die beiden Brüder Gorski schritten der gemeinschaftlichen Wohnung zu, der ältere sagte mißbilligend: »Du wirst den Hermann Brinckenwurff so lange anulken, bis er Dir eines Tages an den Hals fährt. Diese Anzapfung eben war doch zum mindesten höchst überflüssig!«
»Vielleicht nicht so ganz! Im Gegenteil! Wenn ich so sagen darf, für mich eine Gewissensberuhigung. Neulich sagte ich, ich würde mich als Pythia frisieren. Mit 'nem Dreifuß. Morgen kaufe ich mir eine große Schere, reite nach Kalinzinnen, um -- möglicherweise -- einen Verlobungsfaden abzuschneiden!«
»Karlchen, Du bist verrückt!«
»Ah nein, mein Jungchen, sondern der einzig Vernünftige in der ganzen Pastete. Zwei Leutchen sind da drin, die aneinander vorbeigehen. Aus Mißverständnis. Die sollen sich aussprechen dürfen. Was sie nachher tun, ist ihre Sache. Das bin ich beiden schuldig. Ihr, weil ich mal blöd in sie verliebt war, dem anderen, weil ich vor einer Stunde ungefähr eine gewaltige Hochachtung vor ihm gekriegt habe. Fast schon Zuneigung. Und nicht zuletzt handle ich aus Familiengefühl. Es war schon einmal so ein Skandal in der Familie Gorski, vor jenen zwanzig oder mehr Jahren. Ich kenne ihn aus mangelnder Anciennität nur vom Hörensagen, aber ich kann ihn mir nachträglich vorstellen. Hinterher wird geschossen, die Leidtragende ist das arme Wurm von Frau, das sich ein paar Jahre zu früh verheiratet hat. Ehe sie den kennen lernte, der vielleicht besser zu ihr gepaßt hätte. Der nachher Hausfreund wird, weil der Herr Gemahl seine Zerstreuung in der Kneipe sucht.«
»Und Hermann von Brinckenwurff? Der uns doch als Jugendfreund nahesteht?«
Der Kleine hob die Achseln.
»Der andere steht mir näher, seit einer Stunde. Einer mit Irrtümern und Fehlern vielleicht, aber ein Edelmann! Ich habe beschlossen, mir höhere Stiefelabsätze zuzulegen, weil er mich seiner Freundschaft würdigte. Um schon äußerlich diese neue Würde zu dokumentieren. Ich werde auch neue Visitenkarten drucken lassen, wie jener, dadurch berühmt gewordene Herr Müller: '=Ami de Beethoven!=' Das gibt immerhin ein gewisses Relief.«
»Karlchen, ich glaube, Du bist betrunken!«
»Möglich, Herr Majoratserbe, möglich. Aber was beweist das? Ich bin immer der Meinung, die genialsten Einfälle sind im Rausch zustande gekommen. Im Rausch, wo man mit beschwingter Phantasie aufs Ganze geht, statt sich an allerhand Kleinkram zu stoßen. Und jetzt lese ich auf Deinen Lippen das Wort 'Philosoph'. Da irrst Du Dich. Ich bin wirklich nur betrunken. Und morgen nachmittag reite ich nach Kalinzinnen, erzähl' der Annemieze, daß sie sich fälschlicherweise geärgert hat wegen einer ausgeschlagenen Einladung. Dann kann sie hinterher immer noch tun, wozu sie Lust hat. Den einen nehmen oder den anderen.«
»Karlchen, misch Dich nicht in Dinge, die Dich nichts angehen! Neulich gabst Du mir doch selbst den Rat, den Daumen nicht in eine Türangel zu stecken!«
»Das war neulich! Inzwischen aber bin ich zu der Erkenntnis gekommen, daß es unmöglich das Ideal einer Ehe sein kann, wenn der Gatte allabendlich in die Stadt fährt, um dickes Bier zu trinken. Stumpfsinnig dasitzt, bis der Leutnant Uhlenburg einen Witz erzählt, und dann sagt: 'Na prost! Sollst leben, Tonnchen!' Dazu ist mir unser Cousinchen zu schade!«
9.
Die Augustsonne brannte mit sengenden Strahlen vom Himmel herab, auf den Roggenfeldern stand der liebe Erntesegen schon in Hocken. Nur der Weizen war noch zu schneiden und der Hafer, aber Gott allein wußte, ob die reife Frucht noch im Frieden in die Scheuern kommen würde. Allerhand wilde Gerüchte schwirrten in der Luft, flogen von Mund zu Mund. Und das abergläubische Landvolk sah unheilkündende Zeichen. Die Kraniche zogen früher als in anderen Jahren nach dem Süden, in dem Sternbilde des Bären stand eine feurige Rute. Mit bloßem Auge war sie noch schwer zu erkennen, aber sie wuchs und wurde größer wie damals im Kriegsjahre siebzig.
Da ließen auch die Besonnenen sich hinreißen, und ein dumpfer Zorn sammelte sich allmählich in der Bevölkerung des Grenzlandes gleich einer Gewitterwolke. Was sollten diese immer neuen Beunruhigungen von rechts und links, von denen man in der Zeitung las; konnte man nicht in Frieden nebeneinander leben? Auch dem Langmütigsten lief einmal die Galle über, und dann gab es Kleinholz ringsum. Aber wenn schon einmal abgerechnet werden mußte, dann bald! Damit es endlich Ruhe gab. Den ewigen Alarmzustand hielt niemand mehr aus.
Die fünfte Schwadron der Ordensburger Dragoner war auf Felddienstübung nach der Grenze zu. Patrouillen ritten im Vorgelände, brachten Meldungen von dem weitaus stärkeren Feind, der durch einen Rekognoszierungsvorstoß zu vorzeitiger Entwicklung gebracht werden sollte. Der Befehl, den der Führer erhalten hatte, war kurz und entsprach dem Ernstfalle, wie alle Uebungen, die der Oberstleutnant Harbrecht ansetzte. Fliehende Landbewohner hatten die Meldung gebracht, daß der Feind über die Dombrowker Berge im Anmarsch wäre. Rittmeister von Foucar bekam den Auftrag, seine Stärke und Zusammensetzung zu erkunden. Da traf er nach kurzer Ueberlegung seine Maßnahmen, ließ die Schwadron antraben.
Während er an der Tête ritt, fuhr es ihm durch den Sinn, daß der jüngere Leutnant Gorski ihm in der vorgestrigen Nacht eine Art von Versprechen gegeben hatte. Ein Versprechen, das er am nächsten Morgen wahrscheinlich schon wieder vergessen hatte. Nichts deutete darauf hin, daß er ihm vielleicht etwas zu sagen hatte. Gelegenheit dazu wäre reichlich genug gewesen, als die Schwadron noch auf dem Kasernenhofe hielt. Er brauchte ja nur zu sagen: »Herr Rittmeister, ich war gestern in Kalinzinnen, habe Grüße zu bestellen.« Statt dessen hatte er, wie ihm scheinen wollte, geflissentlich zur Seite gesehen, als er mit fragendem Blick sein Auge suchte. Und es war schließlich erklärlich. Der Tag hatte ein anderes Gesicht als die Nacht -- in der Nacht versprach man manches, was man im hellen Tageslichte nicht halten konnte, weil sich dann die kühlen und nüchternen Erwägungen einstellten. Das wußte er selbst am besten ...
Die Schwadron hatte den Beldahner Wald hinter sich, das Gelände wurde übersichtlicher. Im Hintergrunde standen die Dombrowker Berge, eine kahle Hügelkette, über deren Kamm die Grenze führte. Davor Oedland mit Wacholderbüschen, links im weiten Bogen eine zwanzigjährige Kiefernschonung, deren Rand von Infanterie besetzt war. Als die linke Seitenpatrouille der in Zugkolonne reitenden Schwadron auf dreihundert Schritt heran war, bekam sie Feuer. Eine Reihe blauer Uniformen tauchte auf, eine helle Kommandostimme klang klar herüber: »Auf die hinter der Patrouille anreitende Kavallerie ... Visier achthundert Meter ... Schnellfeuer ...« Leichte Wölkchen hoben sich am Waldrande, ein seltsames Knattern war vernehmbar wie das Rasseln einer Maschine.
Gaston hob den Säbel, ließ rechtsum Kehrt schwenken, bis die Schwadron hinter einer Bodenwelle in Deckung war. Der erste Halbzug saß ab, eröffnete unter Begleitung von drei Flaggen, die die beigegebene Infanterie markierten, ein heftiges Feuer, das den Feind zur weiteren Entwicklung nötigen sollte. Aus einer Schlucht zwischen zwei Hügeln in der Front quoll Kavallerie, formierte sich in der Vorbereitung zur Attacke in Linie, auf dem Berge halb rechts zeigten sich gelbe Flaggen. Zwei Batterien Artillerie stellten sie vor.
Da lachte Gaston kurz auf, es gab Gelegenheit, ein schneidiges Reiterstücklein auszuführen, das durchaus im Sinne der Uebung lag. Nicht umsonst hatte er in den vergangenen Wochen das Gelände an der Grenze durchstreift zu Rade oder im Sattel. Rechts von der Senkung, in der er hielt, führte eine breite Schlucht, die gedecktes Anreiten gestattete, in die Flanke der feindlichen Artillerie. Nur dreihundert Schritt ungefähr waren zum Schluß mit »Marsch, Marsch, Hurra!« zu durchreiten in offenem Feld, um sie zu überrennen und zu vernichten. Und im Ernstfalle hätte wohl mehr da oben gestanden als zwei plundrige Batterien, ein Schlag hätte es werden können, der den ganzen Erfolg des ersten Vorstoßes zum Scheitern brachte.
Die Meldungen über das bisher Gesehene gingen nach hinten an den dicken Major von Schnakenburg, der auf dieser Seite die Uebung »beschiedsrichterte«, wie der respektlose Leutnantsausdruck diese Tätigkeit nannte. Um die in der Front anreitende Kavallerie kümmerte sich Gaston nicht. Die machte zunächst 'mal einen »Luftstoß«, weil er mit seinen hundert Männerchen nämlich nicht mehr da war. Weiter hinten aber geriet sie in das Feuer der Infanterie, das freilich nur durch einige geschwenkte Flaggen markiert wurde.
Das Kommando ging durch halblaute Zurufe weiter, die Schwadron trabte an in Zugkolonne, die Schlucht war breit genug. Sie öffnete sich zu einem Hange, der zu der Bergkuppe führte. Gaston schwenkte den Säbel, ließ die Eskadron in Linie aufmarschieren, und dann klangen die Kommandos, die Trompetensignale schmetterten.
»Zur Attacke Lanzen gefällt ... Marsch, Marsch, Hurra!« ... Wie eine Windsbraut fegte die Schwadron den sanftgeneigten Hang hinan, der Artillerie in die Flanke, mächtig erklang das Hurragebrüll aus hundert rauhen Kehlen. Der Rittmeister von Foucar sprengte auf die Kuppe, winkte mit dem Säbel in einer Art von Siegerfreude nach dem Tal hinab, zum Zeichen, daß das verwegene Reiterstücklein gelungen war ...
Von der russischen Seite des Hügels kam ein fremdartig klingendes Hornsignal, der Boden erdröhnte unter Rossehufen. Gaston wandte den Kopf, eine Schwadron russischer Dragoner kam in Linie den Hang hinaufgesprengt, die Lanzen gefällt. Dreißig Schritt vor der Grenze hob der Führer den Säbel: »=Stoi!=« Die Dragoner fielen in Trab, um in Linie zu halten. Der linke Flügelunteroffizier des ersten Zuges schien jedoch die Herrschaft über seinen Gaul verloren zu haben, jagte weiter, über die Grenze. Der preußische Infanterieunteroffizier, der die Flaggen kommandierte, ein Koloß von sechs Fuß Größe, warf sich dem Gaul entgegen und riß ihn am Zügel in die Knie, so daß der Reiter kopfüber aus dem Sattel flog.
Es war einer jener Augenblicke, in denen den Zuschauern das Blut in den Adern stillstand. Ein kleiner Funke sprang auf in einer mit Elektrizität überladenen Atmosphäre. Wenn man ihn nicht mit besonnener Hand dämpfte, konnte es unabsehbares Unheil geben. Aber es war eine höllische Schwierigkeit dabei. Man stand in diesem Augenblicke vor dem ganzen Vaterlande, durfte gerechtem Stolze nichts vergeben.
Der Führer der Grajewoer Dragoner schrie mit zornrotem Kopfe etwas auf russisch hinüber. Gaston verstand genug, um zu wissen, daß der da drüben ungestüm und mit wenig gewählten Worten die Freigabe seines auf feindliches Gebiet geratenen Mannes forderte. Er wandte sich im Sattel, seine Stimme klang ruhig: »Oberleutnant Gusovius!«
»Herr Rittmeister?«
»Lassen Sie scharf laden!«
»Zu Befehl! ...«
Das war ein Bluff, seine Kerls führten nur Platzpatronen bei sich. Aber er wirkte. Der Offizier auf der anderen Seite verstummte plötzlich, als die Karabinerschlösser rasselten.
Gaston ritt hart an die Grenze, salutierte mit dem Degen.
»Herr Kamerad, ich bitte um die Mitteilung Ihrer Wünsche. Nur ich muß Sie darauf aufmerksam machen, auf deutschem Boden verstehe ich nur Deutsch!«
Der Russe erwiderte den Salut und sprach mit finsterem Gesicht in dem harten Dialekt, der in den Ostseeprovinzen gesprochen wurde: »Errsuche höfflichst, meinen Unteroffizier freizugebben. Sein Gaul ist ein Durchgänger, er hatte durchaus nicht die Absicht, mit Ihnen auf eigene Faust Krieg anzufangen.«
Gaston verneigte sich leicht im Sattel.
»Das habe ich nicht einen Augenblick lang befürchtet.« Er rief über die linke Schulter: »Unteroffizier, geben Sie den Mann wieder frei. Er ist nur aus Versehen über die Grenze geritten.«
Der baumlange Unteroffizier, der den Russen im Genick hielt, nahm die Hacken zusammen.
»Zu Befehl, Herr Rittmeister!« Und mit einem gutmütigen Schubs gab er dem Gefangenen den Kragen frei: »Lauf, kleiner Russ', aber komm mir nich noch 'mal in die Finger! Sonst nehm' ich Dich unterm Arm nach Hause, mach' Biefstick aus Dir.«
Die Ordensburger fünfte Schwadron lachte hell auf. Der Führer der Grajewoer Dragoner bekam einen roten Kopf.
»Herr Kamerad, ich bitte, Ihrem Untergebenen diese Redensarten zu untersaggen!«
»Herr Kamerad, dazu habe ich nicht die geringste Veranlassung,« war die kühle Antwort. »Es ist ein Zeichen für die gegenseitige Stimmung. Und jetzt wären wir wohl fertig?«
»Serr wohl! Bis auf eine Kleinigkeit. Für ein ernsteres Zusammentreffen möchte ich gerne Ihren Namen wissen. Ich selbst heiße Freiherr von Heidedorff!«
Gaston mußte unwillkürlich lächeln.
»Mein Name ist Gaston Baron Foucar von Kerdesac.«
Der andere stutzte.
»Franzose?«
»Nein, Deutscher! Auf Wiedersehen, Herr Kamerad.«
Er salutierte und ließ seine Schwadron kehrtmachen, in Zügen den Weg zurückreiten im Schritt, den sie gekommen war. Und er lächelte noch, als er schon wieder an der Spitze seiner Truppe ritt.