Sturmzeichen

Chapter 11

Chapter 113,594 wordsPublic domain

»Und ich muß meinen Gefechtsesel besteigen, um elf Uhr zum erstenmal die Brückenposten am Bahndamm revidieren. Es ist kein Vergnügen. Neulich hätt' einer von den Kerls beinahe auf mich geschossen. Ein Masurenjüngling von der Infanterie, der die deutsche Parole natürlich vergessen und in der Dunkelheit meine Uniform nicht erkannt hatte. Er hatte den Sicherungsflügel umgedreht und die Knarre schon an der Backe. Erst als ich ihn gröblich auf polnisch anschrie, beruhigte er sich. Die Kerls fangen auch schon an nervös zu werden.«

»Kein Wunder! Wir schlafen doch wenigstens ab und zu in der Nacht, aber diese armen Fußfantristen müssen von dem ewigen Nachtpostenstehen allmählich blödsinnig werden. Und eine Wut sammelt sich in ihnen an. Da erzählte doch neulich der Kollege Reuter von der Infanterie beim Frühschoppen, er hätte zugehört, wie sich ein paar seiner Kerls auf dem Schießstand unterhielten. Der eine sagte: 'Der erste Ruß', wo ich gefangen nehm', dem stäch ich das Seitengewehr in die Kaldaunen!' Und der andere meinte: 'Mänsch, das is nich genuch! Erst würd' ich das Beest eine ganze Weile lang piesacken und verdreschen, eh' ich ihm im Jenseits beförder': Da, das is fier die sächs Wochen, wo ich wegen Dir jede zweite Nacht hab' auf Posten stehen müssen!' Also der Leutnant Reuter sagte, er wäre jedesmal froh, wenn eine Felddienstübung an der Grenze ohne Zwischenfall vorüber wäre. Wenn drüben die Russen reiten, kriegen unsere Kerls immer dunkle Augen vor Zorn. Es braucht bloß eine Flinte loszugehen, und der Salat ist fertig!«

Hans von Gorski atmete tief aus.

»Gott gäb' es! Die Schamröte steigt einem ja ins Gesicht, wie provokant sich die Burschen da drüben benehmen. Probemobilmachung nennen sie's, wenn sie sich fertig machen, um jeden Augenblick losbrechen zu können. Wir aber getrauen uns nicht mal, ein paar Regimenter mehr unter irgend einem Vorwand an die Grenze zu legen. Damit könnten wir ja irgendwo anstoßen! Pfui Deuwel noch mal!«

»Ja,« sagte Herr von Brinckenwurff. »Die Herren in Berlin haben gut reden! _Ihre_ Saaten werden nicht zerstampft, und _ihre_ Scheunen brennen nicht, wenn unsere Handvoll Soldaten hier an der Grenze im ersten Ansturm über den Haufen gerannt wird. Und den Kerl im Generalstab, der das erfunden hat, daß Ostpreußen im Kriegsfall bis zum Seendefilee preisgegeben werden soll, den möcht' ich mal unter vier Augen sprechen!«

Hans von Gorski protestierte entrüstet. »Bet'st Du auch das törichte Gerede nach? Kein Mensch hat die Absicht, auch nur einen Zollbreit aufzugeben, und am zweiten Mobilmachungstag haben wir hier so viel Flinten an der Grenze, daß an ein Ueberschwemmen mit Reitergeschwadern nicht mehr zu denken ist!«

Der jüngere Bruder stieß einen komischen Seufzer aus.

»Na, Kinder, dann wären wir ja wieder mal bei dem alleinseligmachenden Gesprächsstoff! Ich bin auch sehr für den Krieg. Ihr beide bleibt auf dem Felde der Ehre, ich kehre als lorbeergeschmückter Sieger nach Hause zurück. Erb' das Majorat und heirate die Annemarie.«

»Fatzke,« sagte der Aeltere lachend. »Aber wollen wirklich noch 'ne Weile Skat spielen, was wir hier reden, ist für die Katz. Wir ändern doch nichts an der Sache!«

Karl von Gorski griff nach der von der Lampe herabhängenden Klingelschnur, die Ordonnanz erschien in der Tür.

»Ein noch leidlich erhaltenes Spiel Karten, einen Skatblock und einen frisch gespitzten Bleistift!«

»Sehr wohl, Herr Leutnant. Aber es ist ein fremder Herr in Zivil draußen, der eben ablegt. Den Namen hab' ich nich verstanden ... er klang so französ'sch.«

»Etwa Baron Foucar von Kerdesac?«

»So ähnlich, Herr Leutnant!«

»Ei weh,« sagte Hans, »unser neuer Schwadronschef. Ich lasse natürlich bitten.«

»Einen Augenblick noch,« rief Karl von Gorski, »beeilen Sie sich nicht so sehr mit dem Reinführen!« Er sprang an den Bücherschrank, kehrte mit einer Generalstabskarte zurück und breitete sie auf dem Tische aus. »Du willst mal Feldherr werden, Hans, und ermangelst der bei Ueberraschungen so notwendigen Geistesgegenwart? Welcher Moment wäre wohl geeigneter als der erste, um sich bei einem neuen Vorgesetzten ins rechte Licht zu setzen?«

So sprach er mit übertriebenem Pathos, wartete ab, bis der Rittmeister von Foucar in der offenen Tür erschien und deutete dann mit dem Zeigefinger auf irgend eine Stelle der Karte: »Also das, mein lieber Brinckenwurff, sind die Mondezer Berge! Ein Infanterieregiment, das sich auf ihnen einbuddelt, ist einfach unangreifbar. Und wenn wir dann, mit zwei Schwadronen bloß, den bösen Feind in der Flanke fassen -- -- --«

Hans von Gorski empfing den Eintretenden und besorgte die Vorstellung. Herr von Foucar schüttelte den dreien die Hand und deutete lächelnd auf die ausgebreitete Karte.

»So fleißig, meine Herren?«

Karl von Gorski machte ein möglichst treuherziges Gesicht.

»Gott, Herr Rittmeister, was soll man anfangen, wenn man notgedrungen dem Dienst fernbleiben muß? Man strebt und bildet sich.«

»Sie haben eine Verletzung am Arm? Doch hoffentlich nichts Ernstliches?«

»Nur eine leichte Verstauchung des Handgelenks. Als ich vor einigen Nächten ein Drahthindernis überklettern mußte, sauste ich kopfüber in einen Graben. Spätestens übermorgen hoffe ich schon wieder Dienst tun zu können.«

»Charmant! Im Hotel schon hatte ich gehört, daß ich nur wenige Herren im Kasino treffen würde, weil das Regiment auf Nachtfelddienstübung wäre. Ich freue mich, daß es gerade zwei Herren von meiner zukünftigen Schwadron sind.«

»Ganz auf unserer Seite natürlich, Herr Rittmeister.«

Gaston fuhr lächelnd fort: »Und daß Sie so strebsam sind! Ich entsinne mich aus meiner jüngsten Leutnantszeit: Wenn wir in Karlsburg auf der Hauptwache den Würfelbecher schwangen, hatten wir auch stets eine Generalstabskarte unter dem Tableau der lustigen Sieben. Wenn der hohe Vorgesetzte kam, verschwand das Tableau, und wir übten mit Eifer Kriegsspiel.«

Der jüngere Gorski blinzelte seinen neuen Schwadronschef dreist und gottesfürchtig an.

»Merkwürdig, Herr Rittmeister, wie gewisse Unsitten im Leutnantsstande durch das ganze Vaterland verbreitet sind. Ich fürchte aber, sie werden sich nicht ausrotten lassen. Solange es nämlich Vorgesetzte gibt, die den Schwindel noch nicht kennen.«

Gaston mußte unwillkürlich auflachen. Der kleine Frechdachs da mit den großen Ohren gefiel ihm. Das war einer von den preußischen Leutnants, die sich eine Zigarette ansteckten und ihre Kerls mit einem Witz anfeuerten, wenn es galt, gegen eine feindliche Batterie anzureiten.

»Na dann«, sagte er, »wollen wir diesen kleinen Reinfall mit einer Flasche Sekt begrüßen! Darf ich mir gestatten, meine Herren?«

»Gehorsamst abgelehnt, Herr Rittmeister! Heute sind Sie _unser_ Gast. Morgen aber, nach offizieller Uebernahme des Kommandos, haben wir nichts dagegen, wenn Herr Rittmeister sich öfter mal in dem eben erwähnten Sinne äußern wollten.«

»Na, meinetwegen.«

Die Ordonnanz schenkte ein, Gaston hob sein Glas.

»Also prosit, meine Herren! Auf gute Kameradschaft!«

Er war von seltsam guter Laune. In der neuen Umgebung hatte er seine Sorgen und Kümmernisse vergessen. Eine nervöse Spannung lebte in ihm, als könnte jeder Augenblick den heißersehnten Umschwung bringen. Hier an der Grenze roch es förmlich nach Krieg.

Hinter dem Hotel, in dem er abgestiegen war, dehnte sich freies Feld. Da kampierte in schmalen, mit Leinenplanen überspannten Korbwagen eine seltsame Gesellschaft, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die Männer in langen, bis auf die Schaftstiefel reichenden Kaftanen, Ringellöckchen zu beiden Seiten der scharfgeschnittenen Gesichter. Die Frauen in grellfarbigen Gewändern, falsche Scheitel auf dem Kopf. Auf seine Frage hatte ihm der gesprächige Oberkellner die Auskunft gegeben: »Russische Juden, Herr Rittmeister. Und wie die in Scharen gekommen sind, hab' ich auch angefangen, an den Krieg zu glauben. Die Ratzen verlassen das Schiff. Sie haben nämlich eine scharfe Witterung, irgendwas is da drüben los. Da reißen sie aus, stehlen sich heimlich über die Grenz' und versammeln sich hier zum Auswandern nach Amerika. Nämlich, wenn in Rußland was passiert, werden hinterher immer ein paar tausend arme Juden totgeschlagen. Attentat auf einen Minister: Pogrom! Mobilmachung: Pogrom! Sie können nichts dafür, aber es wird Pogrom gemacht!«

»Was ist das, 'Pogrom'?« hatte er gefragt.

»Na, so 'ne Art von russischem Volksfest. Seit einigen Jahren haben sie's schon eingeführt. Man plündert die Läden, schändet die Mädchen und schießt die männlichen Juden tot. Hinterher kommt eine lahme Untersuchung. Keiner von den Zeugen hat 'was gesehen, und die paar Juden, die noch am Leben geblieben sind, denen wird nicht geglaubt. Schreckliche Sachen erzählen diese armen Menschen! Und jetzt wissen sie ganz genau, was los ist, denn sie haben ihre Verbindungen. Da hab' ich meine paar Kröten auch locker gemacht auf der Sparkass'. Wenn die Russen uns hier überfluten, wie es neulich in der Zeitung gestanden hat, rutsch ich ab -- dritter Klass' nach Königsberg!«

Da hatte Gaston unwillkürlich auflachen müssen: »Sehr richtig, Herr Oberkellner, das bessere Teil der Tapferkeit ist Vorsicht!« Zugleich aber war ihm selbst leichter ums Herz geworden, in kurzer Frist hatte wohl alle Not ein Ende. Er sprengte mit seiner Schwadron vorwärts an den Feind, die Kugeln schwirrten und pfiffen. Eine davon traf, man schoß kopfüber aus dem Sattel. Vorbei war alles. Die Reue um das verpfuschte Leben und das neue Gefühl, das heute in ihm aufgestiegen war. Ein schmerzlich-süßes Gefühl. Wie herrlich vielleicht alles hätte werden können, wenn ... ja, wenn diese letzten Tage nicht gewesen wären!

Die drei Herren im Kasino hatten ihm Bescheid getan, nach der ersten lustigen Begrüßung rann das Gespräch nur spärlich dahin. Gaston beantwortete die üblichen Fragen, wie ihm das Städtchen gefallen hätte, und ob er sich hier nicht wie in der Verbannung vorkommen würde. Wobei der jüngere Gorski die verblüffende Behauptung aufstellte, es wäre gar nicht so schlimm. Das kleine Nest Ordensburg besäße nämlich eine große Aehnlichkeit mit Nizza. Und als die anderen verwundert aufblickten, gab er lächelnd die Erklärung: »Na ja, sehr einfach. Wenn man sich in der Stadt langweilt, fährt man in die schöne Umgebung. Dort nach Monte Carlo, hier bei uns auf eins der Güter in der Nachbarschaft. Da ist es dann amüsanter.«

Die Herren lachten, Gaston entsann sich infolge einer naheliegenden Ideenverbindung, daß er ein Fundstück bei sich trug, das er nicht persönlich abzugeben gedachte. Für ihn und die Verliererin war es besser, wenn sie sich nach der ersten Begegnung nicht wiedersahen.

Er griff in die Tasche.

»Kommt einer von Ihnen, meine Herren, vielleicht in den nächsten Tagen nach dem Gute Kalinzinnen?«

»Ich,« sagte der lange Herr von Brinckenwurff. »Ich reite schon morgen früh hinüber. Heute abend konnte ich zu meinem Bedauern nicht an der Bahn sein.«

Gaston blickte auf. Das also war der »Hermann«, von dem am Nachmittag zwischen Vater und Tochter die Rede gewesen war. Wie eine Warnung hatte der alte Herr den Namen ausgesprochen. Eine Warnung für sie beide, die gleich in der ersten Stunde vertraut geworden waren ... Der alte Herr hatte ganz recht, das mußte ein Ende haben, noch ehe es eigentlich einen Anfang genommen hatte. Er atmete auf und legte die goldene Zigarettendose auf den Tisch.

»Das da hat Fräulein von Gorski im Coupé liegen lassen. Wenn Sie also die Liebenswürdigkeit haben wollten, es ihr morgen wieder zuzustellen, Herr ... pardon, aber vorhin bei der Vorstellung habe ich Ihren Namen ...«

»Brinckenwurff,« fiel der Lange ein, klappte die Hacken zusammen, »Leutnant der Reserve im Regiment.« Und Hans von Gorski fügte erklärend hinzu: »_Hermann_ von Brinckenwurff! Zum Unterschied von seinem jüngeren, aber noch längeren Bruder Adolf. Der ist bei uns im Regiment aktiv, bei der zweiten Schwadron.«

Karl von Gorski aber machte große Augen und sah seinen neuen Vorgesetzten mißtrauisch an. Wie ein Füchslein, das eine Fährte witterte, über deren Bedeutung es sich nicht recht klar war.

»Herr Rittmeister sind mit meinem Kalinzinner Onkel und seiner Tochter zusammen von Königsberg gekommen?«

»Ja! Wir haben uns unterwegs recht nett unterhalten.«

»Und meine Cousine Annemarie hat die Tasche da, die sie sonst wie ein Kleinod hütet, aus Versehen liegen lassen?«

»Es scheint wohl so. Nach ihrem Aussteigen hab' ich sie gefunden. Und da ich annehme, der Verlust wird ihr recht unangenehm sein, möchte ich nicht, daß sie sich länger als nötig ...«

Er brach ab, er hatte den geheimen Sinn der Frage verstanden. Vom Herzen stieg es ihm heiß in die Wangen empor. Absichtlich hatte das liebe Mädel die kostbare Tasche liegen lassen, um ihm den triftigen Vorwand zu baldigem Besuche zu geben. Er schlug die Gelegenheit aus, und sie mußte sich natürlich gekränkt fühlen. Aber es war recht so ... Ein Pflänzlein, das eben erst im Aufkeimen war, riß man leichter aus, als wenn es schon seine Wurzeln tief ins Erdreich gesenkt hatte.

Karl von Gorski sah den Langen mit einem ironischen Lächeln an: »Mensch, Hermann, hast Du einen Dusel! Was wird die Annemieze sich freuen, daß Du gerade ihr das kostbare Doschen zurückbringst! Wo sie wahrscheinlich schon gemeint hat, es wär' für immer perdüh gewesen.«

Die Flasche war getrunken, die Herren rüsteten sich zum Aufbruch. Hermann von Brinckenwurff bestieg sein Fuhrwerk, der ältere Gorski ließ den Gaul vorführen zum Inspizierungsritt den Bahndamm entlang, wo an jeder kleinen Brücke die wachsamen Posten standen. Der jüngere geleitete den neuen Rittmeister nach seinem Hotel. Er hatte zu seiner Wohnung in der Nähe des Bahnhofs den gleichen Weg. Und während sie im Halbdunkel dahingingen unter den dichtbelaubten Linden der sogenannten Bahnhofspromenade, die nur in Abständen von hundert Schritten von einer kümmerlichen Gaslaterne erhellt wurde, fühlte er das Bedürfnis, seinen neuen Vorgesetzten angenehm zu unterhalten. Des guten Eindrucks halber.

»Haben Herr Rittmeister die Berliner Morgenblätter gelesen?«

»Gewiß doch. Schon heute mittag in Königsberg.«

»Da faßt man sich doch an den Kopf: hätte der Mensch nicht so viel Contenance haben müssen, sich anders aus der Welt zu schaffen, als mit so einem Klimbim und Trara?«

»Entschuldigen Sie, ich weiß nicht, wovon Sie sprechen!«

»Na, von dem Landsberger Husaren, der sich da vor einer Villa im Grunewald erschossen hat. In der Zeitung standen nur die Anfangsbuchstaben der Namen.«

Gaston blieb stehen. Eine eiskalte Hand griff ihm ums Herz.

»von Wodersen?« sagte er heiser.

Karl von Gorski blickte auf.

»Herr Rittmeister kennen den armen Kerl?«

»Er war mit mir noch vorgestern ...« und er verbesserte sich schnell: »Das heißt, daß es gerade Herr von Wodersen sein soll, ist nur eine Vermutung natürlich. Weil es der einzige Landsberger Husar ist, den ich kenne. Damit ist durchaus nicht gesagt ...«

»Aber es wird schon stimmen. In der Zeitung stand, er wäre in total gebrochenem Zustande von einem Diener aus der Villa des bekannten Sportmanns R. geführt worden. Das sieht doch aus, als hätte sich da vorher irgend eine Tragödie abgespielt.«

Gaston hatte seine Haltung wiedergewonnen. Er zuckte mit den Achseln.

»Vielleicht! Vielleicht war es aber auch eine ganz prosaische Veranlassung. Die Herren, die alle Woche ein paarmal in den Sattel steigen, lassen sich zuweilen auf Geschäfte ein, die ihnen über den Kopf wachsen. Wenn es keine Lösung im guten gibt, greifen sie zu dem letzten, verzweifelten Mittel.«

»Hab' ich vorhin im Kasino auch gesagt. Na, gute Nacht, Herr Rittmeister, ich muß um die Erlaubnis bitten, mich jetzt empfehlen zu dürfen. Hier, rechts ab geht's in mein kümmerliches Junggesellenheim.«

»Gute Nacht, Herr von Gorski, und auf Wiedersehen morgen.«

Gaston ging allein weiter. Nur ein paar hundert Schritte trennten ihn von seinem Hotel, aber die Füße versagten ihm den Dienst, er mußte stehen bleiben und sich auf das Geländer eines Vorgartens stützen. Die Fenster im untersten Stockwerk des Hotels waren hell erleuchtet, Musik klang herüber. Richtig, er hatte ja vorhin die grellen Plakate gelesen. Eine Damenkapelle konzertierte im großen Saal auf der Durchreise nach Rußland ...

Er konnte keinen klaren Gedanken fassen, nur ein dumpfes Gefühl war in seiner Brust, sein Schicksal ging weiter. Auch ohne daß er selbst dabei war ... seine Schuld nur war dort zurückgeblieben, trieb einen Unglückseligen in den Tod. Wie er's auch drehen und wenden mochte, er war daran schuld. Weil er im entscheidenden Augenblicke nicht den Mut zur Wahrheit gefunden hatte, als er mit der Frau allein gewesen war. Und aus der ersten Lüge sprang die zweite. Der arme Teufel da mit dem Loch in der Schläfe konnte jetzt noch leben, wenn er ihm einen anderen Bescheid hätte geben können. »Lieber Wodersen, ich denke ja nicht daran! Heute reise ich noch ab, die Frau, die sich in einem gewissen Ueberschwang an mich geklammert hat, wird sich zu trösten wissen. Sie haben sowieso ja nicht die Bedenken, mit denen ich mich trage, also bitte, der Weg ist frei. Vielleicht zieht es sich zwischen Euch beiden zurecht.« Statt dessen hatte er dem Aermsten die letzte Hoffnung genommen, und als sich dem das bißchen Rest von Vernunft verwirrte, die Hand gegen ihn gehoben. Und warum nur in aller Welt, warum? Um ein Nichts, um die Laune eines überspannten Frauenzimmers, das sich just an ihn gehängt hatte. Grauenhaft war das. Und ein Gefühl des Abscheus ballte sich in ihm, erfüllte ihn ganz und gar.

In dem Vestibül des Hotels stieß er auf den dicken Herrn von Lindemann, der sich gerade seinen weißen Staubmantel anzog.

»Eben wollte ich Sie im Kasino aufsuchen,« sagte der, »weil ich von dem Oberkellner gehört hatte, Sie wären dorthin gegangen. Hier nämlich der Kunstgenuß ist nur mäßig. Vom musikalischen Standpunkt aus und vom patriotischen. Sie spielen wie Dorfmusikanten, die kleinen Frauenzimmer, und morgen fahren sie über die Grenze. Zu den Russen nach Grajewo, den Herren Offizieren das Lagerleben zu versüßen. Da muß man es doch mit dem Zorn kriegen, daß deutsche Mädels sich so weit erniedrigen.« Er unterbrach sich und sah den andern besorgt an: »Aber was ist das mit Ihnen, Herr von Foucar? Ist Ihnen nicht gut? Sie sehen ja aus im Gesicht wie eine wandelnde Leiche.«

Gaston nahm sich mühsam zusammen.

»Mir ist in der Tat nicht ganz extra, und ich möchte am liebsten zu Bett gehen.«

Herr von Lindemann faßte ihn unter den Arm.

»Unsinn, Sie haben sich auf der Reise eine kleine Erkältung geholt -- das muß man 'runterspülen! Mit einem alten guten Burgunder. Und den gibt's hier in der Nähe, also los!«

Da ging er mit, war eigentlich froh, daß er für ein paar Stunden Anschluß fand. Und eine Ablenkung von seinen zehrenden Gedanken.

Sie gingen die dunkle Bahnhofspromenade entlang, dem Marktplatze zu. Der dicke Herr von Lindemann erzählte, er hätte das Konzertlokal noch aus einem anderen Grunde verlassen. Weil dort der Gutsbesitzer Heidereuter gesessen hätte mit dem polnischen Käufer von Sucholasken. Um den Verrat an der vaterländischen Sache mit einer Flasche Sekt zu begießen. Ganz schamlos in aller Oeffentlichkeit. Da wäre ihm die Galle übergelaufen.

Gaston hörte zerstreut zu, seine Gedanken waren ganz wo anders ... bei einem, der mit durchschossener Schläfe irgendwo auf einem Schragen lag, in einem Schauhause.

Sie standen vor einem niedrigen Hause am Marktplatze. Die Fensterläden waren geschlossen. Herr von Lindemann hieb kräftig mit der Krücke seines derben Eichenstockes dagegen: »Holla, Zapietznick, aufgemacht.«

Schlürfende Schritte näherten sich der Tür, ein Schlüssel kreischte in eingerostetem Schlosse. Ein Kerl mit lang herabhängendem Schnurrbart streckte das breitknochige Gesicht durch den Spalt: »Ach Sie sind es, Cherr Baron? Dann, biete einzutretten!«

Herr von Lindemann ging voran, führte seinen Begleiter in ein verräuchertes Kneipzimmer, das mit einem gewissen ordinären Luxus ausgestattet war. Imitierte Holztäfelung an den Wänden, »Makartbuketts« in den Ecken und Krüge aller Art und Größe auf dem langen Paneel. Darüber Lithographien von Kosziusko und dem Krakauer Hügel, eine allegorische Darstellung der Warschauer Legion, die einstmals geschworen hatte, nur mit Bajonetten anzugreifen. Darüber der weiße Adler Polens.

Sie nahmen in einer Ecke Platz, am entgegengesetzten Ende des Lokals saßen mehrere Polnisch sprechende junge Leute und tranken Sekt mit den beiden Kellnerinnen.

Eine von ihnen stand auf, kam lässig näher.

»=Co pan sobie zyczy?=«

Herr von Lindemann lachte.

»Sprich Deutsch, mein geliebter Goldfasan, Du kannst es ebenso gut wie ich. Eine Flasche Fünfundneunziger Chambertin möchte ich, von der Sorte, die ich immer trinke.«

»=Tak, tak=«, sagte das junge Mädchen und gab die Bestellung dem Wirte weiter. Gaston von Foucar sah sich befremdet um, der Dicke aber schmunzelte.

»Da kriegen Sie einen Begriff, mein Verehrtester, was wir uns in unserer unsäglichen Gutmütigkeit gefallen lassen. Das hier ist nämlich das Hauptquartier der Polen diesseits und jenseits der Grenze. Wie oft, glauben Sie, ist hier wohl das Deutsche Reich zertrümmert und das großpolnische Vaterland errichtet worden? Für jedes Mal einen Taler, und ich wäre ein reicher Mann! Aber ich gehe sehr gerne hierher, denn es hat den Anschein, als wenn das Geschäft des Verschwörens nur bei besonders guten Weinen gedeiht. Blaubeersaft und saurer Mosel töten die Begeisterung. Ein feuriger Burgunder aber ... ah, Bruderherz! ...«

Herr von Lindemann hob das blinkende Glas gegen das Licht: »Na prost, Rittmeister, und jetzt reden Sie endlich auch einen Ton! Wie hat Ihnen das reizende Fräulein von Gorski gefallen? Ist das nicht ein ganz herrlicher Mensch?«

Gaston fühlte einen schmerzhaften Stich im Herzen. Die Lobpreisung hier erinnerte ihn an einen Tag, da ein anderer ähnlich geschwärmt hatte. Einer, der jetzt mit durchschossener Schläfe irgendwo hinter einer Glasscheibe liegen mochte, bis seine Angehörigen ihn abholten.

»Fräulein von Gorski?« wiederholte er. »Sehr nett hat sie mir gefallen! Soweit ich mir aus den paar Worten, die wir miteinander gesprochen haben, ein Urteil erlauben darf. Ein bißchen zu einfach vielleicht für verwöhnte Ansprüche, aber sie macht, was man so einen sympathischen Eindruck nennt.« So sprach er mit wohlerwogener Zurückhaltung, der Dicke aber sah ihn ganz erstaunt an.

»Mehr nich? Mannchen, dann haben Sie sich das Mädel nicht richtig angesehen! Also ich sage Ihnen, das ist ... also kein Wort ist gut genug, um auszudrücken, was für ein herrliches Mädel das ist! Innerlich und äußerlich! Ich kann das beurteilen, denn sie ist unter meinen Augen aufgewachsen, ich bin so eine Art von Onkel in Kalinzinnen. Also ich sage Ihnen, Herr, der Mann ist selig zu preisen, in dessen Arm sie einmal, gewährend, das liebe Gesichtchen nach hinten neigt.«

Gaston lachte heiser auf.

»Sie sprechen ja wie ein Verliebter, Herr von Lindemann!«

»Bin ich auch! Rettungslos und hoffnungslos. Das letztere wegen übergroßer Dicke und mangelnder Körperlänge. Sonst nämlich -- ah, Bruderchen -- ja sonst würde ich doch nicht ruhig zusehen, wie dieses herrliche Geschöpfe an einen fällt, der die Himmelsgabe anscheinend nicht nach ihrem vollen Werte einschätzt.«

»Fräulein von Gorski scheint demnach verlobt zu sein?« warf Gaston ein. Er mußte sich zusammennehmen, um seiner Stimme einen möglichst harmlosen Klang zu verleihen.