Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series
Part 9
Willkommen, Herr Siegfried, edler Ritter! Und als er sich verbeugte, begegneten ihre Blicke einander, -- doch nur verstohlen sahen sie sich an.
Bald darauf gingen alle zur Kirche, und Krimhilde und Siegfried gingen Hand in Hand; und als sie zusammen aus der Kirche kamen, sagte Krimhilde: O, wie danke ich euch, edler Ritter, für die Dienste, die ihr meinen Brüdern erwiesen!
Ich will ihnen noch länger dienen und will ihnen dienen bis an meines Lebens Ende, wenn ich damit nur eure Liebe gewinnen könnte!
Das Sieges-Fest dauerte noch zwölf Tage, und Siegfried sah nun jeden Tag Krimhilde. Dann wollte er zurückkehren nach Xanten. -- Jung Gieselher aber bat ihn zu bleiben, und so blieb er.
* * *
Auf der Insel Island lebte Brunhilde, die Königin. Weit und breit sprach man von ihrer Schönheit und von ihrer Kraft. Sie konnte Speere werfen, Steine schleudern und springen, besser, als mancher Ritter; -- und nur einem solchen Ritter wollte sie Herz und Hand schenken, der sie in diesen drei Dingen überbieten konnte. Viele der tapfersten Ritter waren schon gekommen und -- gefallen.
Siegfried kannte Brunhilde, und endlich hörte auch Gunther von ihr und sagte: Ich gehe an die See zu Brunhilde.
Thue es nicht, sprach Siegfried, du könntest die Reise mit Leib und Leben bezahlen.
Aber Gunther sprach: Kein Weib ist so stark, daß ich sie nicht leicht überwinden könnte.
Du kennst Brunhilde nicht, sprach Siegfried; und ich rate dir nochmals: Geh' nicht nach Island!
Ich gehe, sprach Gunther, und koste es mein Leben; und du magst mit mir gehen; mit deiner Hülfe besiege ich sie gewiß.
Sie gingen: Gunther und Siegfried, Hagen und viele andere tapfere Ritter. Am Fenster standen die Frauen und weinten. Siegfried stieß vom Lande ab und lenkte das Schiff.
Am zwölften Morgen ihrer Reise sahen sie ein Land mit Burgen und Palästen. Da sprach Gunther: Nie habe ich solche Burgen gesehen. Der Herr dieses Landes muß gar mächtig sein.
Brunhilde ist die Herrin dieses Landes, erwiderte Siegfried, und diese Burg vor uns ist Brunhildens Wohnsitz, die Isenburg.
Sie landeten und bestiegen die Pferde. Siegfried hielt Gunthers Steig-Bügel, damit Brunhilde glauben sollte, Siegfried sei Gunthers Vasall. So hatten sie es verabredet, als sie noch im Schiffe waren.
Gunther und Siegfried waren weiß gekleidet und saßen auf weißen Pferden; alle anderen waren schwarz gekleidet und saßen auf schwarzen Pferden. So ritten sie auf die Burg zu. Diese war aus grünem Marmor gebaut, hatte sechs und achtzig Türme und umfaßte drei Paläste.
Brunhilde war glücklich, als sie Siegfried sah; sie eilte ihm entgegen und rief:
Willkommen, Siegfried, in meinem Land; ich möchte wohl hören, warum du kommst.
Besten Dank für diesen Gruß, sprach Siegfried; doch, ihr solltet Gunther grüßen; er ist König am Rhein und er ist mein Herr. Er -- dein Herr? sprach Brunhilde; -- und was will er von mir?
Ich kam um deiner Schönheit willen, sprach Gunther, und deine Liebe will ich gewinnen.
So laßt uns gleich den Kampf beginnen, sprach Brunhilde, und legte ihren goldenen Panzer an.
Siegfried aber ging zum Schiffe, setzte die Tarn-Kappe auf und kam zurück -- ungesehen.
Man zog einen großen Kreis. In diesem Kreise sollte der Kampf stattfinden. -- Da stand Brunhilde; ihre Rüstung glitzerte von Gold und von Edel-Gestein, doch mehr als alles glänzte ihre Schönheit.
Da brachten vier Diener Brunhildens Schild; der war groß und dick und schwer; und Hagen sprach zum König:
Wie nun, König Gunther? Es geht an Leben und Leib! -- Das ist ein teuflisches Weib!
Dann brachten vier Ritter ihren Speer; der wog hundert Pfund.
O, wär' ich zu Hause! dachte Gunther.
Da brachten zwölf Ritter einen Stein, rund und breit; und Hagen rief laut:
Des Teufels Braut in der Hölle sollte sie sein, aber nicht meines Königs.
Siegfried aber, unsichtbar durch seine Tarn-Kappe, trat an Gunther hinan, berührte ihn und sprach leise:
Fürchte nichts, Gunther; ich helfe dir; gieb mir den Schild; mache du selbst nur die Geberden und Bewegungen, während ich gegen sie kämpfe.
Jetzt wickelte Brunhilde den Ärmel auf, und ihr schneeweißer Arm wurde sichtbar. Sie ergriff den Speer und schwang ihn mit Macht durch die Luft und warf ihn nach ihres Gegners Schild. Das Feuer sprang vom Stahle. Siegfried strauchelte und fiel; schnell aber stand er wieder und faßte den Speer und warf ihn zurück auf Brunhildens Schild, daß die Funken flogen und Brunhilde zu Boden sank. Dank euch, König Gunther, rief sie, sprang auf, nahm den Stein, schleuderte ihn hoch in die Luft und sprang selbst darüber hinweg. Doch Siegfried nahm den Stein und warf ihn noch höher, nahm Gunther in den Arm und sprang noch höher und weiter.
Brunhilde staunte über solche Kraft und war bitter, denn sie war besiegt zum ersten Mal, besiegt von Gunther, -- so glaubte sie nämlich.
Ja, wenn es Siegfried gewesen wäre, dachte sie, wie froh wäre ich dann! Wie gerne hätte sie ihm den Sieg gegönnt. Aber da sie nun Gunther folgen sollte, sagte sie: Nein, ich kann noch nicht, ich muß erst meine Freunde sehen.
Und sie schickte Boten nach allen Seiten, daß die Ritter ihres Landes kämen.
Das bedeutet nichts Gutes, sprach Hagen; die Königin will uns nicht folgen; den Krieg will sie mit uns. Warum läßt sie sonst diese Ritter kommen?
Da kann ich helfen, sprach Siegfried; ich gehe und komme bald zurück mit tausend starken Helden.
Bleib nicht zu lange, sprach Gunther; und Siegfried zog ab.
In einem Schifflein zog er durch das Meer; und das Schifflein flog wie der Wind. Aber den Schiffer konnte niemand sehen; Siegfried segelte in seiner Tarn-Kappe. -- Nach einem Tage und einer Nacht kam er in das Nibelungen-Land.
Dort stand eine einsame Burg auf einem hohen Berge. Dahin lenkte Siegfried seine Schritte und klopfte dort an eine Thür. Innen schlief ein Riese; der bewachte die Thüre, und neben ihm lagen seine Waffen.
Wer pocht? rief der Riese.
Ein Ritter! antwortete Siegfried. Öffne!
Der Riese stand auf, zog seine Rüstung an, hob den Helm auf seinen Kopf, öffnete die Thür und schlug mit einer Eisen-Stange nach Siegfried.
Dieser zog sein Schwert und schlug so gewaltig auf den Riesen, daß es durch den ganzen Berg schallte und daß auch der Zwerg Alberich erwachte.
Er rüstete sich und lief an die Thüre und kam in dem Augenblicke, als Siegfried den Riesen band.
Nun begann Siegfried mit Alberich zu kämpfen; er zupfte ihn an dem langen Barte, und der Zwerg schrie laut vor Schmerz. -- Siegfried band den Zwerg, sowie er den Riesen gebunden hatte.
Wer bist du? rief der Zwerg.
Dein Herr! rief Siegfried. Treuloser Bösewicht, kennst du mich nicht besser? Vor Jahren war ich hier und habe den Berg erobert und dich und alle Nibelungen.
Wahrlich, du bist Siegfried! rief der Zwerg. Und nachdem Siegfried ihn losgebunden hatte, lief er zurück in den Berg, wo die Nibelungen auf ihren Betten lagen, und er rief:
Auf, ihr Helden! Eilt zu Siegfried, Euerm Herrn! -- und im Nu standen tausend Nibelungen wohlgerüstet da. Alberich führte sie hinaus zu Siegfried.
Siegfried zog mit ihnen ab und kam am nächsten Tage zurück zu seinen Freunden auf der Isenburg. Brunhilde sah die Riesen und erklärte, sie wäre bereit, mit Gunther zu gehen.
Bald waren alle wieder auf dem Schiffe und auf der Fahrt nach Worms.
* * *
Es war eine freudige Fahrt; mit Tanz und Gesang und Spiel verkürzten sie die Zeit. Neun Tage waren sie gefahren und sie näherten sich Burgund. Gunther bat Siegfried, nach Worms voraus zu reiten, sein Glück und seine Ankunft zu verkünden.
Wie glücklich war Siegfried, als er diesen Auftrag hörte. Seine Ungeduld, seine Sehnsucht wuchsen, je näher er Worms kam, wo Krimhilde ihn sehnsuchtsvoll erwartete.
Mit vierundzwanzig Rittern ritt er auf Worms zu. Aber bald hörte er aus dem Schlosse lautes Klagen und Weinen, denn die Frauen hatten ihn ohne Gunther kommen sehen.
Als aber Siegfried im Schlosse stand, inmitten der Frauen, als er ihnen erzählte, daß Gunther ihm folge mit seiner Braut Brunhilde, -- da verwandelte sich das Weinen in Freude und in Jubel, und Krimhilde rief:
O, edler Ritter, dürfte ich euch nur mein Gold geben, als Boten-Lohn! Aber wie könnte ich euch solches nur anbieten?
Und hätte ich dreißig Länder, erwiderte Siegfried, so wäre ich nicht zu stolz, aus eurer Hand das kleinste Geschenk anzunehmen.
Da ließ Krimhilde vier und zwanzig goldene Spangen mit Edel-Steinen bringen und gab sie Siegfried. Dieser aber verteilte sie wieder unter Krimhildens Mädchen.
Nun laßt uns an den Strom gehen, sprach Siegfried, die Freunde zu empfangen.
Und bald bewegte sich ein langer Zug zum Rhein. Und da die Sonne schien, glitzerte alles von Gold und Juwelen. Hoch zu Rosse aber saßen viele Burgunder-Frauen im feinsten Schmucke, und tapfere Ritter führten die Pferde der Edel-Frauen; Ortewein begleitete die Königin Ute, Siegfried aber führte Krimhildens Pferd am Zügel.
So kamen sie an den Rhein, und bald landeten die Schiffe.
An Gunthers Hand stieg Brunhilde aus dem Schiffe, und ihnen folgten viele Frauen und tapfere Ritter.
Krimhilde eilte auf Brunhilde zu und hieß sie willkommen mit Kuß und Umarmung.
Da sprach wohl mancher Ritter: Nie habe ich zwei Frauen von solcher Schönheit zusammen gesehen.
Doch die Kenner sagten: Krimhilde ist die schönere. -- Bald darauf bewegte sich der Zug jubelnd zum Palaste des Königs.
Gunther hatte versprochen, dem tapfern Siegfried seine Schwester Krimhilde zum Weibe zu geben für seine Hülfe im Kampfe; und bevor sie sich niedersetzten zum Hochzeits-Mahle, erinnerte Siegfried König Gunther an sein Versprechen.
Was ich geschworen, will ich halten, sprach Gunther und ließ Krimhilde kommen.
Und als sie vor ihm stand in einem Ring von Helden, und als er mit ihr von einem Ritter sprach, den er für sie gewählt, da errötete sie und ihr Herz klopfte gewaltig, denn sie ahnte, daß der Bruder von Siegfried sprach; und da sagte sie leise und verschämt:
Bruder, ich gehorche. Da küßte Siegfried vor allen Rittern seine schöne Braut.
Bald saßen sie bei Tische. Doch Brunhilde schien nicht glücklich zu sein! Warum biß sie die Lippen zusammen? Warum blickten die Augen bald trübe, bald zornig?
Ihr gegenüber saß Siegfried und neben ihm Krimhilde, die liebliche Krimhilde! Und Thränen der Eifersucht, der bitteren, wilden Eifersucht stürzten aus Brunhildens Augen.
Warum weinst du? sprach Gunther zärtlich und besorgt.
Auch du solltest weinen, antwortete schnell Brunhilde, über das Unglück deiner königlichen Schwester, die du erniedrigt und an einen Vasallen vergeben hast.
Später wirst du alles erfahren, sprach Gunther darauf.
Nach der Tafel begannen die Kampf-Spiele. Brunhilde sah die Schilde, die Schwerter, die Lanzen, und die alte Kampf-Lust erwachte wieder in ihr. Und als des Abends Brunhilde ganz allein war mit Gunther, kam er in große Not: sie nahm ihren Gürtel, band Gunthers Hände und Füße, trug ihn zu einem Nagel und hängte ihn an die Wand im Zimmer.
Sein Bitten half nichts, er mußte hängen bleiben bis an den lichten Morgen. Da hatte sie Mitleid mit ihm und band ihn wieder los. Gunther kam zu Siegfried und klagte sein Leid.
Da sprach Siegfried: Laß mich wieder mit ihr kämpfen; mir soll sie nicht widerstehen; in meiner Tarn-Kappe werde ich sie besiegen.
Und wenn du sie töten würdest, es wäre mir nicht leid; denn sie ist ein schreckliches Weib.
Noch einmal zog Siegfried seine Tarn-Kappe an, noch einmal besiegte er Brunhilde, nahm ihr Ring und Gürtel ab und ging. Ring und Gürtel aber schenkte er seiner holden Krimhilde. Hätte er es nicht getan, es wäre weiser und besser gewesen.
Noch vierzehn Tage dauerte das Hochzeits-Fest; länger konnte Siegfried nicht bleiben; nach Hause mußte er nun ziehen, wo ihn sein Vater schmerzlich erwartete, und wo seine Mutter täglich weinte um den Sohn, den sie verloren glaubte.
Wie herzlich küßten die glücklichen Eltern Krimhilde, ihres geliebten Sohnes Weib, als sie ankam. Wie viele Freuden-Thränen weinten sie, als ihr glücklicher Helden-Sohn vor ihnen stand!
Sigismund ließ seinen Sohn zum König krönen; denn er selbst wollte nun ruhen.
Zehn Jahre lang genossen Siegfried und Krimhilde das reinste Glück und sie hatten auch einen Sohn; den nannten sie Gunther.
* * *
Auch König Gunther hatte einen Sohn, den hatte er Siegfried genannt; der war seine einzige Freude; denn in Brunhildens Herz herrschten Eifersucht und Haß, und oft fragte sie: Warum kommt Siegfried nie an unsern Hof?
Er wohnt zu fern von hier, war Gunthers gewöhnliche Antwort.
Aber ist Siegfried nicht dein Vasall, und muß der Vasall nicht tun, was sein Herr ihm befiehlt? fragte dann Brunhilde.
Dann lachte Gunther und antwortete nicht. Aber sie wollte Siegfried wieder sehen; er mußte kommen, und darum sagte sie eines Tages gar freundlich:
Ach Gunther, wie sehne ich mich nach deiner Schwester! Wie oft denke ich an die glücklichen Tage, da ich dich gewann, und da Krimhilde sich mit Siegfried vermählte. O, laß sie kommen! Laß sie recht bald kommen! -- zur nächsten Sonnen-Wende!
Und Gunther war schwach genug, ihr zu glauben und zu gehorchen. Dreißig Ritter schickte er ab. Diese kamen in drei Wochen nach Norwegen, wo Siegfried und Krimhilde gerade wohnten.
Krimhilde lag auf dem Ruhe-Bette. Da kamen ihre Mädchen in das Zimmer und brachten die freudige Botschaft: Fremde Ritter sind gekommen und sie sehen aus wie Burgunder!
Der starke Siegfried hörte Gunthers Einladung und antwortete, daß er in zwölf Tagen kommen wollte mit seinem Vater Sigismund und mit Krimhilde.
Die Boten kehrten zurück und meldeten, was sie gehört.
Ist Krimhilde noch so schön? war Brunhildens erste Frage.
Sie wird kommen, und du wirst sie sehen, antworteten die Boten, und sie zeigten auch die kostbaren Geschenke, die sie von Siegfried erhalten hatten.
Da sprach Hagen: Siegfried könnte sein ganzes Leben lang geben und würde immer noch reich sein, denn er besitzt den Nibelungen-Schatz. Ich selber möchte den wohl besitzen!
Nun machte man große Vorbereitungen in Worms zum Empfange der Gäste. Gunther ging zu Brunhilde und sprach: Wie einst meine Schwester dich empfing, als du in dieses Land kamst, so will ich, daß du nun Krimhilde empfängst.
Das thue ich gerne, erwiderte sie.
Sie kommen morgen, sprach Gunther, geh' und bereite dich nun.
Brunhilde kam den Gästen entgegen in großer Pracht. Die Königinnen küßten einander. Nie zuvor hatte man in Worms Feste gesehen, wie sie nun gefeiert wurden. Von allen Teilen des Burgunder-Landes kamen die Ritter gezogen. Zehn Tage lang ertönte in der Stadt der festliche Klang der Glocken und dazwischen in den Kampf-Spielen das Schlagen der Schwerter, das Stoßen der Lanzen. Selbst die Königin Brunhilde schien ihren Kummer zu vergessen im Geräusch und in der Freude des Festes.
Doch das Unglück kam schnell.
Am elften Tage waren die beiden Königinnen zusammen und sahen dem Kampf-Spiele zu. Da sprach Krimhilde, voll Freude und Stolz auf Siegfried sehend:
Sieh' nur, Schwester, sieh' auf Siegfried! Habe ich nicht einen Mann, der wohl verdiente Herr zu sein über alle Länder?
Bist du allein auf der Welt mit deinem Siegfried? erwiderte Brunhilde gereizt.
Harmlos sprach Krimhilde weiter: Aber so sieh' doch nur, Brunhilde, wie schön und stattlich er ist!
Mag sein, sagte Brunhilde; und er ist doch nur Gunthers Vasall.
Nicht Vasall, liebe Schwester, Gunthers Genosse ist er und ein König wie Gunther, sprach Krimhilde noch immer harmlos.
Nein, er ist Gunthers Vasall! rief Brunhilde. Das hat er mir selber gesagt, als er mit deinem Bruder nach Island kam.
Glaubst du, daß der stolze König von Burgund seine Schwester einem Vasallen giebt? Drum, liebe Schwester, lasse den Streit und wisse: er ist kein Vasall.
Den Streit laß' ich nicht! rief Brunhilde. Siegfried ist ein Vasall, und von heute an wird er mir besser dienen, als bisher!
Das wird er nicht, rief Krimhilde, denn Siegfried ist ein König, und er ist werter, als mein Bruder Gunther!
Du überhebst dich! schrie Brunhilde. Erweist man dir so große Ehren wie mir?
Nein; weil ich bescheidener bin, als du, sprach jetzt Krimhilde. Aber du sollst heute noch sehen, daß ich vor dir in die Kirche gehen kann.
Und sie stand auf, ging zu ihren Mädchen und befahl ihnen, ihr die schönsten und reichsten Kleider anzulegen. Dann ging sie mit ihnen zur Kirche. Alle wunderten sich, daß die beiden Königinnen nicht, wie sonst, zusammen zur Kirche gingen. Vor der Kirche aber stand Brunhilde und erwartete Krimhilde.
Halt! rief sie, als Krimhilde nahte. Geh' nicht in die Kirche vor mir, der Königin.
Sieh', stolze Brunhilde, sprach jetzt Krimhilde, wenn du schweigen könntest, das wäre dir besser, dann müßtest du nicht die bittere Wahrheit hören. Und nun will ich es dir auch sagen: Es war nicht Gunther, der mit dir kämpfte, es war mein Gemahl, der dich zweimal besiegte! Und damit du wissest, ich spreche die Wahrheit, so schaue! Erkennst du diesen Ring und diesen Gürtel als dein? Im Kampfe hat Siegfried dir beide genommen, und mir gab er sie dann zum Geschenke. Brunhilde war starr vor Schrecken und sie konnte nicht hindern, daß Krimhilde vor ihr eintrat in die Kirche.
Da war Musik und Gesang in der Kirche; aber eine saß da und hörte nichts davon, -- es war Brunhilde.
Und da sie wieder in ihrem Palaste war, fand sie noch keine Ruhe, und sammelte ihre treuesten Ritter und bat unter Thränen: O verschafft mir Rache, Rache an Siegfried!
Doch diese schwiegen, denn wer konnte mit Siegfried kämpfen? Da sprach Hagen: Meine Königin, warum weinet ihr?
O Hagen, rief die Königin, ich bin beschimpft! Siegfried hat mich beschimpft!
So soll er sterben; und können wir ihn nicht töten mit Kraft, so tun wir es mit List!
Nein, sprach da jung Gieselher, das darf nimmermehr geschehen.
Nein, sprach auch Gunther, sein Blut darf nicht fließen, so vieles habe ich Siegfried zu danken.
Zuletzt aber willigte er ein in Hagens teuflischen Plan.
* * *
Zwei und dreißig Boten ritten ein in Worms und brachten eine neue Kriegs-Erklärung von den Sachsen-Königen Lüdeger und Lüdegast. Doch dieses alles war nur Schein und die Boten waren nicht Sachsen, sondern es waren Burgunder, gekleidet wie Sachsen, und man wollte Siegfried töten auf dem Kriegs-Zuge.
Als Siegfried auch von dem Kriege gehört hatte, bot er Gunther seine Hülfe an und ging und rüstete seine Nibelungen.
Hagen aber ging zu Krimhilde, um Abschied von ihr zu nehmen, wie er sagte; in Wahrheit aber wollte er von ihr ein Geheimnis erfahren.
Hagen, sprach Krimhilde, euch vertraue ich meine Sorge. Ihr seid ein alter Freund, ich weiß es. O, vergeltet es nicht an mir und hasset mich nicht für das, was ich eurer Königin getan.
Euch hassen, Königin Krimhilde? Wie könnte ich das! Und Siegfried? -- Wahrlich, keinen in der Welt liebe ich mehr, als euern tapfern Siegfried. Ich will ihm dienen, wo ich kann.
O, dank euch, edler Hagen, sprach Krimhilde. Seht, jetzt geht er wieder in den Krieg gegen die Sachsen, darum fürchte ich, es könnte ihm ein Leid geschehen.
Was braucht ihr zu fürchten? sagte Hagen listig. Siegfried kann im Kriege nicht fallen. Ist er nicht unverwundbar?
Ach ja, erwiederte ängstlich Krimhilde, -- als er den Lind-Drachen tötete, da badete er im heißen Blute, und seine Haut wurde hart wie Horn.
Und was fürchtest du nun? fragte Hagen.
Aber ein Linden-Blatt fiel auf seine linke Schulter; dahin drang kein Blut, und hier ist er leicht zu verwunden. Darum fürchte ich.
Da sprach der Falsche froh: Es ist wahrlich gut, daß ihr mir das sagtet. Nähet ein kleines Kreuz auf sein Gewand, genau über jene Stelle, damit ich ihn beschützen kann.
Das will ich, sagte Krimhilde froh. -- Dank, edler Freund! Tausend Dank!
Hagen ging. Er wußte genug. Der Kriegs-Zug war nun nicht mehr nötig und anstatt des Krieges veranstaltete man eine Jagd.
O, geh' nicht zur Jagd, sprach Krimhilde, als Siegfried von ihr Abschied nahm. O geh' nicht; ich fürchte, du möchtest nimmer wiederkehren.
Ich komme bald zu dir zurück; -- und was könnte mir geschehen! Bin ich denn nicht unter Freunden?
O geh' nicht, bat sie, denn ein Traum hat mich gewarnt. Zwei wilde Schweine verfolgten dich über eine Heide, und alle Blumen waren rot von Blut. --
Es ist ein Traum, sprach er, nur ein Traum. Und sie sprach weiter: Dann stürzten zwei Berge zusammen, und du warst darunter begraben.
Er lächelte, küßte sie und ging; Krimhilde aber war sehr traurig.
Sie hatten schon den ganzen Tag gejagt; da sprach ein Knecht zu Siegfried. Herr, hört ihr das Horn blasen? Wir müssen zum Abend-Brot eilen.
Geh' nur, sprach Siegfried; ich aber will erst den Bären fangen, den ich dort sehe. Er sprang vom Pferde, verfolgte den Bären, fing ihn und band ihn fest an seinen Sattel und ritt zurück zur Gesellschaft. Hier band er den Bären los; dieser lief in das Zelt und warf alles um. Die Burgunder flohen erschrocken davon. Siegfried aber folgte dem Bären, tötete ihn und kehrte zurück.
Da saßen die Helden auf dem grünen Rasen und speisten, was die Diener brachten. Da sprach Siegfried:
Ich sehe hier genug zum Essen; doch warum bringen die Diener keinen Wein?
Hagen ist schuld daran, sprach König Gunther; er will uns verdursten lassen.
Ich hatte geglaubt, wir würden im Spessart jagen; darum sandte ich dorthin den Wein, sprach Hagen.
Und einer der Ritter sagte: Warum essen wir nicht näher beim Rhein? Dort ist wenigstens Wasser genug.
Wasser ist auch hier, sprach Hagen, eine Quelle voll guten Wassers; lasset uns zur Quelle gehen.
Oder besser noch, rief Siegfried, wir wollen dahin um die Wette laufen.
Siegfried lief in seiner vollen Rüstung; Gunther und Hagen aber hatten die ihrige abgelegt, und als sie an den Brunnen kamen, stand Siegfried da und wartete und ließ Gunther zuerst trinken.
Während dessen aber legte er selbst seine Rüstung ab; dann stieg auch er hinab, um zu trinken.
Da entfernte Hagen schnell Siegfried's Waffen, und als Siegfried sich bückte, spähte jener nach dem Kreuze auf der Schulter, nahm den Speer und warf ihn mit aller Kraft bis tief in die Brust.
Siegfried schrie laut auf, und der starke Hagen floh vor dem verwundeten Siegfried.
Dieser sprang auf; der Speer ragte weit hervor aus der Schulter; er suchte seine Waffen, aber fand nur den Schild. Den warf der todwunde Mann auf Hagen, daß er zu Boden fiel; aber Siegfried war bleich geworden und sank auf den grünen Rasen.
Die Burgunder standen um den sterbenden Helden und weinten.
Warum weint ihr? sprach Hagen. Freuet euch, jetzt sind wir aller Sorgen frei; ich habe ihn mit gutem Bedachte erschlagen!
O Gunther, sprach Siegfried, sorget für mein Weib, sie.... Mehr konnte er nicht sprechen. Der tapfere Held hatte geendet und alle Blumen ringsum waren rot vom Blute.
Nun legten sie Siegfrieds Leiche auf einen Schild und trugen ihn nach Worms. Es war spät in der Nacht, als sie ankamen, und Hagen ließ Siegfrieds Leiche vor Krimhildens Thüre legen.
Am Morgen ganz früh da läuteten die Glocken zur Kirche, und Krimhilde weckte ihre Dienerin, daß sie mit ihr zur Kirche ginge. Ach, Königin, rief das Mädchen, hier liegt ein toter Ritter!
Mein Siegfried! schrie da Krimhilde und fiel ohnmächtig neben die Leiche, und sie erwachte wieder und rief: Siegfried! Siegfried! und brach dann in lauten Jammer aus, und mit ihr klagten der alte Sigismund und alle ihre Freunde.
Siegfrieds Ritter kamen, den Tod ihres Herrn zu rächen. Doch Krimhilde sprach: Vergießet kein Blut, Gott selbst wird uns rächen.
Ein Sarg wurde geschmiedet von Gold und von Silber; Siegfried wurde hineingelegt und in die Kirche getragen. Krimhilde folgte und auch Gunther, seine Brüder und Hagen.
Als die Brüder den großen Jammer der Schwester sahen, da erfaßte Reue ihr Herz.
Schwester, sprachen sie, wir haben ihn nicht getötet; die Schächer haben es getan.
O, ich kenne die Schächer! rief Krimhilde, -- kommt her und berühret die Leiche!
Alle taten so; und als Hagen kam, da begann die Wunde zu fließen.
O, ich wußte es, ich wußte es! -- er ist der Mörder! schrie Krimhilde.