Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series
Part 8
Frau Meister: Nein, ich glaube es nicht. Ich kannte einmal eine junge Dame, reizend und klug wie Ihr; die sprach wie Ihr und -- handelte darnach.
Bella: Und -- Frau Meister?
Frau Meister: Und als sie ihren Irrtum einsah, war es zu spät.
Gretchen: Du sprichst aber heute sehr mysteriös, liebe Mama. Entweder ist da etwas, was ernst ist oder interessant.
Frau Meister: Oder beides.
Gretchen: Bitte, liebe Mama, würdest Du nicht die Güte haben, uns mehr davon zu erzählen?
Bella: O, tun Sie es, Frau Meister, ich bitte schön.
Frau Meister: Ich werde Euern Wunsch erfüllen, um so lieber, da es sogar meine Pflicht ist. Nur bitte ich um Eure Geduld und auch um die Ihrige, meine Herren, wenn ich mehr Zeit gebrauchen werde, als Sie jetzt denken.
Martha: Wir wollen uns näher zu Mama setzen; rücken Sie näher, Herr Otto und Herr Louis.
Frau Meister: Es war im Sommer 18 .... Staub und Hitze hatten viele Leute aus der geräuschvollen Stadt auf das Land getrieben; auch unsere Familie hatte ihren Landsitz bezogen. Hohe, grüne Berge ringsum, schattiger Wald, ein lustig rinnender Bach, ein fischreicher See, und, soweit das Auge reichen konnte, eine herrliche Landschaft, ein weites, geräumiges Sommerhaus mit einem schönen Garten -- das alles hatten wir, und das war genug, uns glücklich zu machen.
Vater und Mutter waren in diesem Sommer besonders glücklich; denn Martha, ihre älteste Tochter, lebte nun nach ihrem Wunsche und war heiterer geworden, als sie sonst war. Sie war nicht mehr so oft allein, sondern ging in Gesellschaften und nahm oft teil an den Spaziergängen und Ausflügen.
Sie war sonst immer gut, war gehorsam und liebevoll gegen die Eltern, sorgsam für ihre jungen Geschwister und freundlich gegen alle, so daß man von allen, die sie kannten, nur eines hörte: Sie ist schön und lieb, wie ein Engel; wie schade, daß sie selbst nicht ganz glücklich ist!
Und alle dachten und fragten oft: Was mag es wohl sein, daß sie so traurig ist, daß sie oft so melancholisch aus ihren schönen, großen Augen sieht?
Alles dieses war aber in jenem Sommer ganz anders. Martha war heiter, so heiter, wie alle anderen jungen Leute der Gesellschaft.
Unter den jungen Herren aber waren zwei besonders interessant; es waren zwei Deutsche. Sie hatten ihre Studien beendet auf einer deutschen Universität, hatten eine Reise um die Welt unternommen, hatten sogar Afrika durchreist, waren in Palästina, in Ägypten, auch in China und Indien gewesen und waren nun hier, um Amerika zu sehen und zu studieren.
Sie brachten Briefe und Empfehlungen von guten Freunden unseres Vaters und waren gerne in unserer Familie gesehen, und auch sie versuchten, uns angenehm und nützlich zu sein.
Wir hörten besonders gern, wenn sie von ihren Reisen erzählten; denn sie erzählten interessant und sie selbst waren es.
Der eine von ihnen war etwas schwärmerisch, viele sagten: poetisch, wie wir es oft sehen bei Deutschen; und Martha hörte ihm immer aufmerksam zu, wenn er seine Ideen über das Leben, über Länder und Menschen aussprach.
Besonders aber bewunderte er die Frauen dieses Landes und oft hörten wir ihn sagen: Durch viele Länder der Erde bin ich gereist; aber unter den Frauen aller Nationen sah ich keine, die so schön waren oder klüger oder edler, als die Frauen dieses Landes.
Wir alle hörten das gerne; denn wir wußten, es war sein Ernst.
Wenn wir ausgingen, so folgte Schwester Martha stets seiner Einladung und ging an seinem Arme. -- Schöne Tage vergingen so, und waren wir abends müde vom Vergnügen des Tages, so wünschten wir doch den nächsten Morgen herbei mit seinen neuen Freuden.
An einem Tage waren wir nach einem nahen Walde gegangen. Schattige Kühle wehte uns entgegen und Wohlgeruch; wir hörten das Lispeln der hohen Bäume und das Konzert der kleinen Sänger. Auf dem grünen Teppich gingen wir fröhlich dahin, pflückten hier und da ein Blatt oder eine Beere und hatten bald die Welt außerhalb des Waldes vergessen.
Auch mit Martha war es so. Sie war froh heute, ganz froh; ja, sie war noch heiterer als sonst und sang und sprang mit uns bald hierher, bald dorthin.
Dann lagerten wir uns auf einem freien Platze und hielten unser Mahl, hörten Anekdoten, Geschichten und Rätsel. Wir beendeten das Mahl, erhoben uns, gingen in den Wald, suchten Gräser und Blumen, und so kam es, daß wir uns bald zerstreut hatten.
Ich war mit einer Freundin gegangen; wir hatten seltene Pflanzen gefunden; als wir müde waren, setzten wir uns nieder und lasen aus einem Buche.
Wenige Minuten saßen wir, da hörten wir ein Lachen. Da kommt Martha auch, sagte ich zu meiner Freundin; und richtig! -- da kam sie und rannte wie ein Reh; hinter ihr her kam aber ihr Begleiter, der deutsche Herr; er wollte sie haschen, aber er konnte es nicht.
Sie sind schneller, als ich, rief er. Sie säumte eine Minute; er wollte sie fassen; aber schnell war sie wieder entwischt und er hielt nur ein Band in seiner Hand. -- Sachte, mein Freund, sachte; so schnell fängt man mich nicht, rief sie und lachte in solch' herzlichem Tone.
Er folgte ihr nach. -- Ah, sehen Sie? Sie können mich nicht fangen!
Aber ich muß, sagte er.
Wenn ich will, sagte sie; nun wohl, hier will ich halten; ich werde mich auf diese Schaukel setzen; sie hängt so schön zwischen diesen großen mächtigen Bäumen.
Schaukeln Sie mich, Herr Doktor, -- und sie saß schon, und er schwang sie, daß sie hoch hinauf flog. Es war ein herrliches Bild, wie sie in den Lüften schwebte.
So, das ist genug, rief sie endlich, -- sehen Sie? Dort ist eine Quelle, eine Heilquelle, und das Wasser darin ist weit und breit berühmt; so sprechend, sprang sie zur Erde und beide gingen zur Quelle.
Was sie sprachen, konnte ich nicht hören; ich sah nur, wie sie dort standen, und wie er dann kniete, -- und ich glaubte damals, um Wasser zu schöpfen.
Der Tag endete so froh, wie er begonnen.
Der nächste Tag war ein Samstag. Es war trübe, und der Regen fiel in Strömen herab. Ich saß am Fenster und sah die dicken Tropfen am Fenster-Glase herunterfließen. Ich sah auf die Straße und lachte, wenn dann und wann ein Mann schnell vorüber rannte. Sonst war alles öde, -- auch in unserm Hause. -- Martha sah ich den ganzen Tag nicht einmal; sie wäre ein wenig unwohl, ließ sie sagen, und hätte keinen Appetit.
Sonntag kam, die Sonne schien wieder ein wenig. Die Glocke läutete zur Kirche. Da sah ich Schwester Martha wieder zum ersten Male; sie war nicht mehr dieselbe.
Bist Du wieder wohl, liebe Martha, rief ich ängstlich?
Danke, Schwester, ich bin wohl, antwortete sie und lächelte ernst. Ihr Lächeln war so eigentümlich, und in ihrer Stimme lag ein fremder Ton.
Wir gingen zur Kirche. So inniglich sang heute Martha, so inniglich betete sie heute! Thränen rollten aus ihren Augen, und sie hörte aufmerksam auf die Predigt des Geistlichen.
Ich erinnere mich der Predigt noch heute. Der Text war: Lucas 18, Vers 29 u. 30.
»Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage Euch, es ist niemand, der ein Haus verläßt oder Eltern oder Brüder oder Weib oder Kinder, um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfältig wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.«
Von diesem Tage an wurde Martha stiller, als sie je zuvor gewesen war. -- Sie blieb freundlich und liebevoll gegen alle. Sie selbst aber glich einem Engel, der still im Hause waltete.
Doch der Vater schüttelte ernst den Kopf, und die Mutter war traurig, und die Freunde gingen nachdenkend vom Hause.
Und da war einer, der litt besonders.
So verging der Rest des Sommers, und als der rauhe Wind durch die Bäume fuhr und die Blätter herabwehte, zogen wir wieder zur Stadt, -- und bald kam ein Fest, -- ein Fest der Freude für Martha, nicht für uns. Martha stand im langen Gewande vor dem Prediger, der sie dem Konvente unserer episkopalischen Kirche weihte.
Vaters Haar war weiß geworden. Oft, sehr oft, hörte ich ihn im Schlafe sprechen: O mein Kind, mein Kind!
Und war sie glücklich geworden?
Oft kam ich zu ihr in's Kloster. Mir wurde stets so wohl, wenn ich sie sah, und so ging es allen Menschen, wenn sie zur guten, schönen Schwester Martha kamen. -- Wenn Schwester Martha an das Bett der Kranken trat, so fühlten sie Erleichterung, und berührte sie die Kranken mit der Hand, so schwanden die Schmerzen.
Sie selbst aber war am liebsten unter den Kindern und bei den älteren Mädchen in der Schule des Konvents und hier wurde sie am meisten geliebt, so vom ganzen, warmen, jungen Herzen der Mädchen.
Als ich sie wieder einmal in der Schule sah unter den fröhlichen Mädchen, sprach ich zu ihr: Du bist doch recht glücklich!
Glücklich, sagte sie langsam, -- ach ja, ich bin's. -- Ich sah sie verwundert an und zweifelte zum ersten Male an ihrer Zufriedenheit.
So waren wieder einige Jahre vergangen, und große Trauer herrschte im Konvent, besonders in der Schule, denn die gute, schöne Schwester Martha war krank, bedenklich krank, hatte der Arzt gesagt.
Ich war viel bei ihr; sie wünschte es; zuletzt kam ich nicht mehr von ihrem Bette hinweg.
Da eines Tages, spät am Nachmittage, faßte sie wieder meine Hand und sagte: Teure, höre mir zu; ich habe mit Dir zu sprechen.
Ich rückte näher, so daß ich ihre schwache Stimme besser hören konnte; ihre Hand ruhte in der meinen, und sie sah mir in die Augen so tief, so innig und so liebevoll, und ihre Stimme klang so mild.
Schwester, sagte sie, geh' und öffne jenes Fenster. -- Ich ging und tat es und kam zurück und sagte:
Du siehst so wohl aus, beste Schwester, bald wirst Du wieder ganz gesund sein.
Sehr bald; -- siehst Du die Sonne dort, meine Liebe? -- Bald wird sie sinken hinter jenem Berge und dann scheint sie mir niemals mehr.
O, sprich nicht so; nein, o nein! sagte ich.
Weine nicht, sprach sie dann mit freundlicher Stimme, weine nicht; sei glücklich mit mir; denn jetzt bin ich wirklich glücklich, endlich einmal nach langen, langen Jahren.
O, Gott; warst Du es denn nicht immer?
Ich war es nicht. Höre meine Worte; es werden meine letzten sein.
Meine teure, liebe Schwester, sagte ich.
Sie begann:
Denkst Du noch jenes Sommer-Tages, da wir einen Ausflug machten in den Wald? Da war es, daß mich ein edler Mann gebeten hatte, sein Weib zu werden; und bevor ich noch Antwort gab, ja oder nein sagen konnte, kam die Gesellschaft zu uns. Wir gingen nach Hause und in dieser Nacht kämpfte ich einen schweren Kampf mit mir selbst:
Soll ich sein Weib werden? Soll ich an das Haus gebunden sein? Soll ich die vielen, kleinen Dienste tun, -- ich, die ich das Größte, Edelste tun wollte? -- Was kann das Weib großes tun im Hause? -- Der Mann thut das Große außer dem Hause, -- soll es nicht auch das Weib können? -- Und wahrlich, ich fühlte Kraft genug in mir.
So dachte ich und traf meine Entscheidung. -- Du kennst sie. -- Ich kam hierher mit hohen Ideen, mit großen Plänen, -- ach, sie waren so schön! -- Aber es waren die Pläne eines Mädchens.
So viel Unglück hatte ich in der Welt gesehen und so viel Übel, und ich glaubte, das Übel schneller beseitigen, das Gute schneller befördern zu können. -- Es waren Gedanken eines unerfahrenen Mädchens.
Da ich in die Hütten der Armen kam und an die Betten der Kranken, da linderte ich viel Unglück; -- aber das Unglück beseitigen, gänzlich beseitigen, wie ich es einst geträumt hatte, -- das konnte ich nicht; und alle Menschen glücklich, gut und nützlich zu machen, -- das war unmöglich.
Aber eins habe ich gesehen und gelernt, daß die Familien glücklich, daß die Väter froh und fleißig, daß die Kinder gesund und wohlerzogen waren, wo eine Mutter war, -- eine weise, gute Mutter.
Aber das Unglück war im Hause, und der Vater war unfreundlich und mutlos zu seinem Berufe, und die Kinder waren unzufrieden und zänkisch, wo die Mutter-Liebe fehlte, wo das freundliche Wort fehlte und der freundliche Blick und der Komfort im Hause; -- ich meine nicht den Komfort, der teuer zu erkaufen ist mit Geld, sondern den Komfort, den der Blick, der Ton, den das liebende Herz der Mutter giebt.
Alles, meine Schwester, alles, glaube es mir, -- das Glück des Mannes, das Glück der Kinder, das Glück der Familie, das Glück des Landes liegt in den Händen der Frauen und nicht so viel in den Händen der Männer; denn diese sind willig und folgen den Frauen; und wohl dem Lande, das gute Frauen und gute Mütter hat!
Und siehe, Schwester; ein Glück habe ich aus meinen Händen gegeben. Wie oft habe ich die Mutter beneidet, wenn ich sah, wie sie ihr Kind küßte, wie sie ihr Kind liebend an die Brust drückte.
Da wurde es mir klar, daß ich geirrt hatte; ich hatte gefehlt, da ich das Beste gewollt.
Wohl versuchte ich gut zu machen, soviel ich konnte; darum lehrte ich die jungen Mädchen, und manches gute Samen-Korn habe ich gesäet.
Die gute Schwester weinte, und ich wollte sie trösten und sagte: Hast Du nicht dadurch viel Gutes gegründet?
Ja, sagte sie, das habe ich allerdings, und mein Trost ist auch, das Du glücklich bist, teure Schwester; und nun versprich mir hier, daß Du auch ferner ein wahres, gutes Weib sein willst Deinem Gatten, wie Du es bis heute warst; daß Du eine treue Mutter sein willst Deinen Kindern, daß sie Dich so lieben wie eine Freundin, so daß Deine Töchter Dir alles, alles vertrauen; daß sie nichts und niemals etwas geheim halten vor Dir. Lehre sie, daß das Haus ein Heiligtum sei und das Weib die Hüterin; denn der Mann geht in die Welt und sieht so viel des Bösen und wird oft so verwirrt; sage es ihnen doch, daß es des Weibes Pflicht ist, ihn zu läutern vom Schlechten und ihn zu erheben vom Gemeinen und ihn zu stärken zum Guten.
Lehre sie ihr Haus angenehm machen, daß jeder es gern betrete.
Lehre sie, daß des Weibes Mission hoch und heilig ist. -- Meine Stimme wird schwach, -- und nun versprich mir, Deinen Töchtern einst meine Geschichte zu erzählen; und nun laß' -- sieh', wie die Sonne schon sinkt, -- laß' uns beten. --
Ich sank neben ihrem Bette auf die Kniee und wir beteten; ich hörte ihr Amen und dann einen leichten Seufzer; ich sah auf zu ihr, ihr Auge war geschlossen, sie schlief. --
Wochen waren vergangen, -- da legte ich Blumen auf ihr Grab. Ohnmächtig hatte man mich von ihrem Bette nach meinem Hause getragen; ich verfiel in eine schwere Krankheit. Im Fieber sprach ich allein von ihr, meiner teuern, seligen Schwester. Ich habe mich bemüht, ihre letzten Worte zu erfüllen. -- Nun habe ich Euch auch ihre Lebens-Geschichte erzählt; und ob es mir wohl geglückt ist, Euch, liebe Kinder, eine Mutter zu werden, wie sie es gewollt?
Martha: O Mama, teuerste, liebste Mama!
Gretchen: Wie kannst Du nur so fragen, Mama?
Frau Meister: Mein Gatte, meine Freunde können die Antwort geben.
Bella: Verzeihung, Frau Meister. Aber was ist aus dem jungen deutschen Herrn geworden?
Frau Meister: Das kann ich in wenigen Worten sagen.
Eines Morgens kam sein Freund zu mir. Er war bleich und war kaum im Stande, zu sprechen. -- Sehen Sie hier, mein Fräulein. Lesen Sie, sagte er mit bebender Stimme; und ich las:
»Teurer Wilhelm! Lange waren wir treue Freunde, und kein Tag fand uns getrennt. Vergieb mir, wenn ich dich heute verlassen habe; denn ich muß fort, fort in die weite Welt und muß allein sein mit mir. Ich muß versuchen, ob ich nicht dieses Herz stillen kann, denn mir ist gar weh. -- O, sie hätte so glücklich werden können, -- und sie ist es jetzt nicht; glaube mir. Ich aber will kämpfen wie ein Mann. Arbeit wird mich heilen; in Taten werde ich Vergessenheit suchen und finden. Und hörst du einstmals meinen Namen nennen und hörst du, daß ich großes getan, dann wisse, es war ihr Bild, das mir vorschwebte, ihr Bild, das mich begeistert hat.
Lebe wohl, ich bleibe ewig
Dein treuer Freund Gustav von Halsen.«
Seitdem haben wir nie mehr von ihm gehört.
Louis: Aber der andere? Der Freund, Frau Meister, der Ihnen den Brief brachte?
Frau Meister: Sitzt jetzt in jenem Zimmer, sehen Sie, dort.
Gretchen: Was? Jetzt? Bei Papa?
Frau Meister: Nein, -- Papa ist es selbst.
Martha: Papa?
Gretchen: Oh!
Bella: Herr Meister? -- Herr Wilhelm Meister?
Frau Meister: So ist es. Wie das kam, erzähle ich Ihnen ein anderes Mal.
Otto: Herr Meister ist jetzt wohl sehr beschäftigt?
Frau Meister: Mein Gemahl ist in seinem Studier-Zimmer am Schreib-Tische, und dann stören wir ihn niemals gerne; darum müssen Sie auch gütigst entschuldigen, daß wir ihn nicht gerufen haben.
Otto: Gewiß, Madam.
Gretchen: Denkst Du nicht, Mama, daß Martha jetzt zu ihm gehen könnte? Papa wird sich gewiß freuen, wenn er hört, daß die Herren hier sind.
Frau Meister: Willst Du gehen, Martha?
Martha: Gerne, teure Mama. -- Entschuldigen Sie mich auf wenige Momente.
Otto: Bitte, mein Fräulein.
Louis: Geht Fräulein Martha jetzt zu Herrn Meister?
Gretchen: Ja wohl, Herr Louis.
Louis: O, das ist gut!
Bella: Frau Meister, o, ich hätte Ihre gute Schwester gern einmal sehen mögen. Haben Sie kein Bild von ihr?
Frau Meister: O doch, Bella. Siehst Du jenes Bild an der Wand?
Bella: Ja.
Frau Meister: Nun, das ist ihr Bild.
Bella: Ihr Bild ist es?
Otto: Ich dachte, es wäre Marthas Bild; Ihrer Tochter Bild.
Louis: Und ich dachte immer, es wäre Gretchens Bild.
Bella: Ja, das habe ich auch gedacht.
Frau Meister: Und Sie könnten recht haben, denn die Ähnlichkeit ist groß; im Ausdrucke des Gesichtes ist Gretchen ihr ähnlich; in Figur und Haltung gleicht unsere Martha ihr. Als dieses Bild gemalt wurde, war meine Schwester siebenzehn Jahre alt; nur eine Kopie existiert von diesem Bilde. Wo diese aber ist, weiß ich nicht. Ah, -- da kommt meine Tochter wieder und bringt ihren Papa am Arme. Das ist schön, daß Du kommst, Wilhelm. Du bist nicht böse, daß wir Dich gestört haben, nicht wahr?
Herr Meister: Nein, nein; ich danke Euch allen, denn ich freue mich, meine Freunde begrüßen zu können. Guten Abend, Fräulein Bella! Guten Abend, meine Herren!
Martha: Denken Sie nur, wie liebenswürdig Papa war: er gab mir dieses Manuskript, einen Teil dessen, was er heute geschrieben hat; und er hat mir erlaubt, es Ihnen vorzulesen.
Gretchen: Das ist eine große Ehre für Sie, Herr Louis. Papa thut das sonst nie.
Louis: Herr Meister weiß, daß ich das zu würdigen verstehe. Nicht wahr, Herr Meister?
Herr Meister: So ist es, Louis, gewiß.
Gretchen: Ich bin wirklich neugierig zu wissen, wie es geworden ist, Papa.
Otto: Worüber schreiben Sie jetzt, Herr Meister?
Herr Meister: Über die alte deutsche Litteratur.
Martha: Dieser Teil in meiner Hand ist einiges aus dem Nibelungen-Liede.
Otto: Soll ich Ihnen die Lampe näher bringen?
Martha: Danke; ich kann sehr gut sehen.
Louis: Hier, mein Fräulein, nehmen Sie diesen Fuß-Schemel. Das ist bequemer für Sie, nicht wahr?
Martha: Danke. -- Soll ich beginnen, Mama?
Frau Meister: Wir sind bereit.
Martha: Das Nibelungen-Lied.
Worms war die Hauptstadt des Königreiches Burgund. Hier lebte die Königin Ute mit ihren Söhnen Gunther, Gernot und Gieselher. Viele große Ritter waren an ihrem Hofe: Ortewein von Metz, Hagen von Tronje und sein Bruder Dankwart und Volker von Alzei, der Spielmann. Aber die Zierde des Hofes und die Zierde des ganzen Landes war Krimhilde, der Königin Tochter.
O Mutter, sprach einst Krimhilde zur Königin, o Mutter, ich hatte einen bösen Traum: Zwei Aare töteten meinen Falken, und ich hatte diesen Falken so lieb.
Armes Kind, erwiderte die Mutter, der Falke ist ein Ritter, den du lieben und -- verlieren wirst.
Lieben? -- sprach Krimhilde, -- nie will ich einen Mann lieben, denn Liebe bringt Leid.
Aber auch Freude, sagte die Mutter, wenn es ein edler und tapferer Ritter ist; und ich hoffe, daß ein solcher einst dich, mein Kind, beglücken soll.
* * *
Xanten war die Hauptstadt der Niederlande am Unter-Rhein. Da lebte der König Sigismund mit Siegelinde, seinem königlichen Weibe, und mit Siegfried, seinem Sohne.
Vater, sprach eines Tages Siegfried, -- Vater, ich ziehe nach Burgund; ich will Krimhilde mir zum Weibe gewinnen.
Wenn du das willst, sprach der König, dann gehe. Aber wisse, Gunther hat manchen starken Mann. Besonders merke dir Hagen.
Ich will in Freundschaft um Krimhildens Hand bitten; aber was ich im Guten nicht gewinne, das kann ich auch erobern mit meiner starken Hand.
So gehe, sprach der König; doch Siegelinde weinte, als der Sohn sie verließ.
Und nach sechs Tagen kam er nach Worms mit zwölf starken Rittern. Aber König Gunther kannte Siegfried nicht und er ließ Hagen rufen; denn dieser kannte alle Länder und ihre Herren.
Da Hagen an das Fenster ging und hinunter in den Schloßhof und auf die fremden Ritter sah, sprach er: Ich habe diese Ritter niemals gesehen; aber ich denke, der erste ist Siegfried von den Niederlanden. -- Ja, derselbe ist es und kein anderer. Er hat einst die starken Riesen, die Nibelungen, bekämpft und ihnen den größten Schatz der Erde abgenommen, den Nibelungen-Schatz; und vom Zwerge Alberich gewann er die Tarnkappe, die ihn unsichtbar macht, und den Lindwurm hat er auch getödtet und sich dann gebadet in des Drachen-Blut, so daß er unverwundbar ist. Er ist ein gewaltiger Ritter, und wir müssen ihn freundlich empfangen.
Und Gunther und seine Brüder und Hagen und alle Ritter gingen hinab, Siegfried zu begrüßen.
Nun begannen frohe Tage; Ritter-Spiele wurden gefeiert, und Siegfried siegte immer. Wenn aber die Frauen fragten: Wer ist jener Held, der so schön gewachsen ist und der so reiches Gewand trägt? -- dann hörten sie die Antwort: Das ist Siegfried, der Held von den Niederlanden.
Ein Jahr war er nun in Worms gewesen und noch hatte er sie nicht gesehen, die er zu gewinnen kam; denn Krimhilde war stets nach feiner Frauen-Sitte in ihren Zimmern.
Sie aber hatte ihn doch gesehen; denn wenn die Kampf-Spiele auf dem Hofe waren, stand sie hinter ihrem Fenster, sah hinab auf den schönen, tapfern Siegfried und begann erst, ihn zu bewundern, und dann, ihn zu lieben.
In dieser Zeit war Lüdeger der König von Sachsen und sein Bruder Lüdegast König von Dänemark. Diese beiden erklärten den Burgundern den Krieg.
Da sprach Siegfried zu Gunther: Bleibe du hier bei den Frauen und beschütze sie, und laß mich gehen mit Hagen und mit deinen Brüdern, zu streiten für deine Ehre und für dein Gut.
Und so geschah es auch. Siegfried besiegte beide Könige und nahm beide gefangen. Gernot sandte einen Boten nach Worms mit der Sieges-Botschaft.
Aber niemand in Worms hatte in größerer Furcht und Angst gelebt, als Krimhilde. Heimlich ließ sie den Boten zu sich kommen und sprach: O, sage schnell, was du bringst; und ist es gute Botschaft, dann gebe ich dir Gold.
Wir haben gesiegt, sagte der Bote; und der Mann, der den Sieg errungen, heißt Siegfried; alle waren tapfer, deine Brüder und Hagen und die anderen; aber das meiste und das beste hat der Held vom Nieder-Rhein getan und die beiden Könige hat er auch gefangen und er bringt sie hierher.
Da wurde Krimhilden's Antlitz rosenrot, und sie ließ den Boten, reichlich beschenkt, von sich gehen.
Nun stand sie am Fenster und sah die Straße hinab, so weit ihr Auge reichte, ob sie noch nicht kämen. Endlich kamen sie. Als die Hufe der Pferde den Boden stampften, da klopfte ihr das Herz in der Brust und da sah sie endlich auch ihn wieder, der so schön und hoch vor allen war.
Sechs Wochen wurden die Verwundeten gepflegt am Hofe zu Worms; sechs Wochen lang zogen die Ritter hinaus, sich zu üben in den Kampf-Spielen; sechs Wochen lang bereiteten die Frauen den Schmuck und die Kleider, die sie tragen wollten während des Sieges-Festes.
Und am ersten Tage des Sieges-Festes war ein großes Gedränge auf dem Fest-Platze am Rhein; denn Ute kam heute mit ihrer Tochter Krimhilde. Hundert Ritter und hundert Mädchen begleiteten sie.
Da sah Siegfried sie zum ersten Male. Wie der lichte Mond vor den Sternen schien sie ihm, und Glück und Schmerz wechselten in seinem Herzen.
Da wurde er zur Königin Ute gerufen, damit ihre Tochter ihm Willkommen biete. Und als er vor der Holden stand, da wuchs ihm der Mut. Sie aber errötete tief und sagte: