Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series
Part 7
Bella: Das muß ich aber auch an Anna nach Cöln schreiben.
Louis: Ja, tun Sie das. So. -- Jetzt sollen Sie auch moderne Gabeln haben. Johann, bring' Gabeln!
Gretchen: Ich möchte Ihnen ein Rätsel geben. Wer ist der größte Tyrann?
Bella: Louis?
Gretchen: O nein, Bella!
Martha Parks: Napoleon?
Gretchen: Nein.
Otto: Cäsar?
Gretchen: Nein!
Dr. Albert: Wallenstein?
Gretchen: Nein!
Herr Meister: Nero?
Gretchen: Nein!
Louis: Aber wer denn, Fräulein Gretchen?
Gretchen: Der Magen.
Martha Parks: Der Magen?
Louis: Das innere Organ hier im Centrum meines Körpers?
Gretchen: Ganz recht; -- denn der Magen herrscht mit bitterer Strenge über alle Menschen zu Wasser und zu Lande.
Dr. Albert: Und zu Wasser tyrannisiert er oft fürchterlich.
Gretchen: Und er herrschte zu allen Zeiten.
Louis: Das ist wahr.
Gretchen: Und nimmt keine Kultur an und ist gegen Damen ebenso grausam, wie gegen Männer; und alle erkennen seine Herrschaft an.
Otto: Sie haben recht, Fräulein, der Magen ist der größte Tyrann.
Martha Parks: Ich will Euch auch ein Rätsel geben; soll ich?
Dr. Albert: Nun, Schwesterchen, laß hören!
Martha Parks: Welcher Ring ist nicht rund?
Louis: Aber alle Ringe sind rund!
Martha Parks: O, ich wußte, daß niemand es raten würde.
Otto: Nun, Martha?
Martha Parks: Der He -- ring.
Alle: Bravo, Martha, bravo!
Louis: Das war wirklich gut, teuerstes Schwesterchen. -- Johann, bring' Champagner: -- Albert, kennst Du Papas Anekdote? Einmal sagte Papa im Hotel zum Kellner: Bringen Sie mir eine Flasche Wein! {Oui}. -- Sie sprechen französisch? -- {Yes}. -- Auch englisch? -- Ja.
Otto: Meine Herrschaften, hier kommt der Champagner. Das erste Glas sei für den Burg-Herrn! Meine Damen und meine Herren! Louis, der Amerikaner und Deutsche, der Gesellschafter und Historiker, der Page und Burg-Herr, -- Louis, der alles ist und alles kann -- Louis soll leben -- hoch! hoch! hoch!
Dr. Albert: Komm', Louis, stoß' an. Laß' die Gläser klingen. -- Ah, das gab einen guten Ton!
Herr Meister: Ich stoße mit Ihnen an, Louis. Auf Ihr Wohl!
Louis: Auf Ihr Wohl, Herr Meister! und Fräulein Martha, Sie haben kein Glas?
Martha Meister: Ich trinke niemals Wein.
Otto: Prosit, Bruder Louis!
Louis: Prosit, Bruder Otto, und auf Ihr Wohl, Fräulein Bella!
Bella: Wohl bekomm's, Herr Louis!
Louis: Deine Gesundheit, liebes Schwesterchen!
Martha Parks: Gesundheit, Bruder Louis!
Louis: Fräulein Gretchen, jetzt habe ich die Runde gemacht und nun bleibe ich wieder bei Ihnen und stoße mit Ihnen noch einmal an.
Gretchen: Otto will sprechen! hören Sie, Louis!
Otto: Meine Herrschaften! Wir trinken Kaffee und Thee aus den Tassen und stoßen nicht an; wir trinken Wasser aus unseren Gläsern und stoßen niemals an; aber trinken wir Wein, dann stoßen wir an. -- Warum tun wir das beim Wein allein? Warum?
Herr Meister: Ich habe niemals darüber nachgedacht, Herr Otto.
Otto: Nun wohl. Man erzählt sich:
Einmal saß ein Weiser mit seinen Schülern beim Weine. -- Meister, sagte ein Jünger, wenn wir mit dir trinken, dann sind unsere fünf Sinne angenehm beschäftigt. An unserm ganzen Körper fühlen wir den Effekt des Weines; unsere Zunge schmeckt den Wein, unsere Nase riecht ihn und das Auge sieht ihn mit Wohlgefallen; unser Ohr aber hört die hohen Worte der Weisheit, die du sprichst in der Begeisterung durch den Wein. --
Und wieder einmal saßen die Jünger zusammen beim Weine; aber der Meister war nicht bei ihnen. -- Da sagte derselbe Schüler: Ach, heute genießen nur vier Sinne den Wein; denn wir hören nicht die weisen Worte unseres Meisters.
So laßt uns denn, rief da ein anderer Schüler, die Gläser zusammen stoßen und rufen: Heil unserm Meister! -- Sie taten so; sie hörten das Klingen der Gläser; und von diesem Tage an stoßen die Menschen an, wenn sie Wein trinken, und denken des Freundes oder der Freunde.
Herr Meister: Das ist eine feine Erklärung.
Bella: Und eine philosophische.
Dr. Albert: Jetzt will ich Ihnen noch eine Anekdote erzählen; dann ist die Tafel aufgehoben und wir begeben uns in das Musik-Zimmer.
In einem Hotel in Jena saß einst ein alter Herr in einer Ecke am Tische und trank Wein. -- Der Wein aber war dem Herrn zu stark, und er mischte ihn darum mit Wasser.
In demselben Hotel, in einer andern Ecke, saßen drei Studenten am Tische. Auch sie tranken Wein; aber sie mischten ihn nicht mit Wasser; und sie lachten über den alten Mann, der seinen Wein verdünnte.
Endlich stand ein Student auf, trat vor den alten Mann und sprach: Herr, wissen Sie auch, daß Sie eine große Sünde begehen, die edle Gottes-Gabe, den Wein, mit Wasser zu verdünnen? Sprachs und setzte sich. Der alte Mann aber stand auf und sprach:
Wasser allein macht stumm, Das beweisen im Wasser die Fische. Wein allein macht dumm, Das beweisen die Herren am Tische. Und da ich nun keines von beiden will sein, So vermische mit Wasser ich meinen Wein.
Sprach's und ging hinaus. Die Studenten aber waren mäuschenstill; denn sie wußten jetzt, wer dieser alte Herr war. Es war -- Goethe.
Otto: Das war gut.
Dr. Albert: Wenn Sie belieben, meine Damen, so gehen wir in das Musik-Zimmer. Gesegnete Mahlzeit!
Alle: Gesegnete Mahlzeit!
* * *
Martha Meister: Der Herr Doktor ist wohl so freundlich und singt uns eins von seinen Studenten-Liedern vor.
Dr. Albert: Mit Vergnügen, mein Fräulein. Wollen Sie die Güte haben, mich zu begleiten.
Dr. Albert (singt):
Krambambuli, das ist der Titel Des Tranks, der sich bei uns bewährt; Es ist ein ganz probates Mittel, Wenn uns was Böses widerfährt. Des Abends spät, des Morgens früh Trink ich mein Glas Krambambuli. Krambimbambambuli, Krambambuli!
Bin ich im Wirtshaus abgestiegen, Gleich einem großen Kavalier, Dann laß' ich Brot und Braten liegen Und greife nach dem Pfropfenzieh'r. Dann bläst der Schwager Tantranti Zu einem Glas Krambambuli. Krambimbambambuli, Krambambuli!
Braust mir's im Kopf, reißt mich's im Magen, Hab' ich zum Essen keine Lust; Wenn mich die bösen Schnupfen plagen, Hab' ich Katarrh auf meiner Brust: Was kümmern mich die Medici? Ich trink' mein Glas Krambambuli. Krambimbambambuli, Krambambuli!
Wär' ich zum großen Herrn geboren, Wie Kaiser Maximilian, Wär' mir ein Orden auserkoren, Ich hängte die Devise dran: {"Toujours fidèle et sans souci, C'est l'ordre du Krambambuli!"} Krambimbambambuli, Krambambuli!
Ist mir mein Wechsel ausgeblieben, Hat mich das Spiel labét gemacht, Hat mir mein Mädchen abgeschrieben, Ein'n Trauerbrief die Post gebracht: Dann trink' ich aus Melancholie Ein volles Glas Krambambuli. Krambimbambambuli, Krambambuli!
Und hat der Bursch kein Geld im Beutel, So pumpt er die Philister an Und denkt: »Es ist doch alles eitel, Vom Burschen bis zum Bettelmann!« Denn das ist die Philosophie Im Geiste des Krambambuli. Krambimbambambuli, Krambambuli!
Soll ich für Ehr' und Freiheit fechten, Für Burschenwohl den Schläger ziehn, Gleich blinkt der Stahl in meiner Rechten, Ein Freund wird mir zur Seite stehn; Zu ihm sprech' ich: »{Mon cher ami,} Zuvor ein Glas Krambambuli!« Krambimbambambuli, Krambambuli!
Alle: Bravo, bravo!
Louis: Das gefällt mir, das muß ich auch lernen.
Bella: Sagen Sie, Herr Doktor, waren Sie auch einmal im Carcer?
Dr. Albert: Darüber, mein liebes Fräulein, darüber müssen Sie mich nicht fragen; denn diese Frage möchte ich Ihnen nicht beantworten. Aber wenn Sie mich fragen, wie das Innere eines Carcers ist, -- das will ich Ihnen wohl sagen.
Gretchen: Da ist es wohl recht finster und schaurig; so habe ich es mir immer gedacht.
Dr. Albert: Im Gegenteil, mein Fräulein. Der deutsche Student lebt leicht und frei und froh, für ihn giebt es nichts Schauriges; doch, vielleicht das Examen am Ende, -- sonst ist alles heiter, -- auch seine Gefängnisse; auch darin macht er sich das Leben froh, empfängt Besuche und thut oft, was er will.
Ich habe einen Carcer gesehen, der wirklich schön war. Jeder Student, der in demselben gesessen hatte, hat etwas zur Verschönerung beigetragen. Viele haben Bilder an die Wände gemalt, und einige dieser Bilder waren recht schön.
Ich erinnere mich eines Bildes: Es ist ein Vulkan. Darauf sitzt ein Student und raucht und bläst aus seiner langen Pfeife furchtbaren Rauch. Der Professor aber, durch den er in den Carcer gekommen war, rennt davon aus Furcht.
Louis: Das gefällt mir auch.
Otto: Soweit, meine Damen, sind wir unserm Programm treu geblieben. Sollen wir es auch ferner?
Alle: O, gewiß.
Otto: Nun wohl; dann bitte ich, von jetzt an mir zu folgen. Unsere Wagen sind angespannt, um uns an meine Yacht zu bringen. Wir werden dann eine Fahrt in die Bai unternehmen.
Martha Parks: Ja, und Musik haben wir auch.
Bella: O, ist das nicht herrlich, Gretchen? -- Aber --
Gretchen: Aber was ist Dir denn, Bella? Du wirst ja so scheu?
Bella: O nichts, nichts. Ich dachte gerade an einen Traum, den ich einmal gehabt habe.
Louis: O, heute giebt es keinen Sturm und keine großen Fische mit hundert Köpfen. Ich erinnere mich Ihres Traumes sehr gut.
Otto: Nein, Fräulein Bella. Ich verspreche es Ihnen. Wir haben eine herrliche Fahrt bei Vollmond, und ich bin der Kapitän.
Louis: Vorwärts denn, meine Herrschaften. Vorwärts! Zur See! Zum Vergnügen!
IV.
Gretchen: So frühe heute in Deinem Blumen-Hause, Schwester? -- Guten Morgen. Wenn ich Dich ansehe, muß ich an die schönen Worte denken:
Du bist wie eine Blume, So hold, so schön, so rein. Ich schau' Dich an, und Wehmut Schleicht mir in's Herz hinein.
Du bist traurig, Martha? -- Du hast wirklich Fieber. Bist Du nicht wohl?
Martha Meister: Habe keine Besorgnisse um mich, liebes Gretchen. Ich habe letzte Nacht wenig oder gar nicht schlafen können, -- sonst ist es nichts.
Gretchen: Du hast nicht schlafen können? Dann bist Du krank, Martha.
Martha: Nein, Schwester. Ich versichere Dich, mir ist wohl; wirklich, sehr wohl; ich bin sogar glücklich.
Gretchen: So? Und davon wird man bleich? Das, Schwester, ist ganz neu für mich.
Martha: Weißt Du, Gretchen, ich habe in der letzten Nacht sehr viel denken müssen.
Gretchen: Ach, das böse Denken und Sorgen! Das ist recht häßlich! Das macht alt, bringt Falten in das Gesicht und macht die Haare grau.
Martha: Aber, Schwester, kann die Erde es hindern, daß die Gräser sprossen? Kann die Pflanze es hindern, daß die Knospen kommen? -- Nun, so wenig können wir das Denken verhindern. Gedanken kommen von selbst.
Gretchen: Ist das so mit Dir? -- Ich glaube, mit mir ist es anders.
Martha: Denkst Du nicht auch, Gretchen, daß es recht traurig ist, wenn ein großer Mensch nicht den rechten Platz gefunden hat in der Welt und in einem kleinen Zirkel schaffen muß ohne Freude?
Gretchen: Ja, das ist recht unglücklich für ihn. Dann ist er wie der Fichten-Baum, von welchem der Dichter singt:
Ein Fichten-Baum steht einsam Im Norden auf kahler Höh'. Ihn schläfert; mit weißer Decke Umhüllen ihn Eis und Schnee. Er träumt von einer Palme, Die fern im Morgen-Land Einsam und schweigend trauert Auf brennender Felsen-Wand.
Martha: Gretchen, ich will Dir ein Geheimnis sagen.
Gretchen: Und ich soll es niemandem wieder sagen, nicht wahr?
Martha: Nein, niemandem. -- Ich glaube, der Herr Doktor Albert ist nicht glücklich. Er ist Doktor der Medizin, und der Beruf des Arztes paßt nicht für ihn.
Gretchen: Aber, liebe Martha, wie weißt Du das?
Martha: Ich weiß es nicht; aber ich fühle es.
Gretchen: Und Du meinst wirklich, der Herr Doktor sei ein großer Mann?
Martha: Ich meine, daß er alles das besitzt, was ihn zu einem großen Mann machen könnte, wenn er den rechten Platz fände. Denke, Gretchen, an das, was ich Dir heute Morgen sagte.
Da kommt auch unsere liebe Mama. Guten Morgen, Mama! Wie hast Du geschlafen?
Frau Meister: Gut, meine Tochter; ich danke Dir. Aber Du bist heute Morgen sehr früh bei Deinen Blumen; und ohne Frühstück. Das ist nicht recht, Kind.
Bella: Nein, Martha, das ist gar nicht recht von Dir. Guten Morgen! Guten Morgen!
Gretchen: Das ist schön, daß Du so früh kommst.
Bella: Ich wünsche, Frau Meister, Sie wären gestern bei uns gewesen! Louis' Ritter-Mahl war wirklich sehr komisch; und die Fahrt gestern Abend, -- war das nicht herrlich, Gretchen?
Frau Meister: Soeben war der Diener der Herren Parks hier, um nach Eurem Befinden zu fragen. Auch brachte er einen Korb mit Früchten.
Gretchen: Wie aufmerksam!
Bella: Als ich im Hause nach Euch fragte, sah ich den Korb. Solche Äpfel habe ich noch nie gesehen, so rot, so glänzend, so rund; Weintrauben, Orangen, Pfirsiche, -- denkt nur, in dieser Jahreszeit Pfirsiche, -- und ich glaube, auch Ananas.
Frau Meister: Ich ließ den Herren meinen herzlichsten Dank sagen für ihre Güte und Aufmerksamkeit und auch, daß ich mich noch mehr zu den Früchten freuen würde, wenn die Geber heute Abend zu uns kommen wollten, um sie mit uns zu speisen.
Bella: »Denn es ist der Anblick der Geber so schön, wie die Gaben.«
Martha: Ich finde, daß Ihr beide, Bella und Gretchen, heute Morgen sehr poetisch seid.
Bella: Nicht wahr? Ich habe soeben »Hermann und Dorothea« gelesen, -- das ist ein herrliches Gedicht.
Martha: Willst Du heute bei uns bleiben, Bella? Du könntest mit Schwester Gretchen plaudern. Wenn Mama und ich heute Vormittag ausgehen, werde ich diesen Strauß Deiner Mama bringen und ihr sagen, daß Du heute bei uns bleiben möchtest. Ist es Dir recht?
Bella: Das ist mir sehr lieb, Martha. Für wen hast Du alle diese Blumen gepflückt?
Martha: Diesen Strauß gebe ich Dir, meine liebe Mama, und diesen stelle ich meinem Papa auf den Schreib-Tisch. Er ist gewohnt, jeden Morgen frische Blumen dort zu finden, -- und diese Blumen kommen in das Hospital für die armen Kranken.
Frau Meister: Die Blumen kommen ihnen immer wie eine Himmels-Gabe. -- Ich glaube, meine Tochter, es wird bald Zeit, daß wir gehen. Ihr aber bleibt ruhig hier; es ist hier schön.
Martha: Adieu, Gretchen; adieu, Bella. Auf kurze Zeit nur.
Frau Meister: Adieu, meine Lieben!
* * *
Bella: Ihr habt aber ein schönes Blumen-Haus, Gretchen.
Gretchen: Papa hat es für Martha gebaut. Sie liebt die Blumen.
Bella: Wer liebt nicht die Blumen? -- Vorgestern Abend saß ich bei meiner guten Mama. Sie blickte tiefsinnig auf einen herrlichen Strauß, der vor ihr stand. Ich aber las ihr vor aus den Psalmen: »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes« -- ja, unterbrach mich Mama, -- und die Blumen erzählen von der Liebe Gottes.
Gretchen: Ja, ja. Deine Mama liebt Blumen und Vögel und Musik und Poesie. Ihr geht es wie mir. Jede Blume ist für mich ein poetischer Gedanke der Natur. Begreifst Du das wohl? Viele Blumen haben auch einen Charakter wie die Menschen; das ist ganz gewiß wahr, Bella. An manchen kann man die Freude sehen, an anderen wieder die Schwermut oder die Liebe, auch den Haß und den Stolz oder die Bescheidenheit.
Bella: Sieh' nur diese schöne Rose! Meinst Du nicht auch, daß die Rose die schönste sei unter allen Blumen?
Gretchen: Ja. Aber weißt Du auch, warum sie es ist?
Bella: Nein. Warum, Gretchen?
Gretchen: Weil die Rose von einer Frau stammt.
Bella: Von einer Frau? Ha, ha, ha! Die Rose von einer Frau, o Gretchen!
Gretchen: Nun, höre einmal zu: Es ist schon lange her, da war in Corinth eine Nymphe und ihr Name war Rotanda; und sie war die Herrin von Corinth und war so schön, daß die stärksten und besten jungen Männer zu ihr kamen und um ihre Hand baten.
Sie aber hatte stets gesagt: »Wer meine Liebe gewinnen will, muß um sie kämpfen«; und sie floh in den Tempel der Diana. Ihre Bewunderer folgten und öffneten die Thüre des Tempels mit Gewalt, -- und da stand Rotanda mit dem Schilde in ihrer Linken und dem Schwerte in ihrer Rechten; ihr Gesicht war gerötet, ihre Augen flammten in feurigem Mut.
Ah, wie schön! rief das Volk der Griechen; ah, wie schön! Sie sei die Göttin dieses Tempels! Und das Volk nahm die Statue der Göttin Diana und warf sie hinaus vor den Tempel.
Apoll aber, Diana's Bruder, war erzürnt über solchen Frevel; mit zornigen Augen sah er hinab auf Rotanda. Da wurde sie starr; ihre Füße wurden fest in der Erde wie Wurzeln, ihre Arme wurden wie Zweige eines Baumes, ihre Haare wurden wie Blätter und Blüten.
Rotanda war verwandelt worden in einen Rosen-Busch mit Dornen; ihre Bewunderer aber waren Schmetterlinge geworden; und diese fliegen noch heute zur Rose und lieben sie und küssen sie.
Bella: So ist die Rose entstanden? Das habe ich nicht gewußt. Aber nun weiß ich, warum die Rose so schön und lieblich ist. Ich danke Dir vielmals, liebes Gretchen.
Gretchen: Ich will Dir ein schönes Gedicht von Heine sagen, oder kennst Du es schon? Es lautet so:
Der Schmetterling ist in die Rose verliebt, Umflattert sie tausend mal. Ihn selber aber, goldig zart, Umflattert der liebende Sonnen-Strahl.
Jedoch in wen ist die Rose verliebt, Das wüßt' ich gar zu gern. Ist es die singende Nachtigall? Ist es der schweigende Abend-Stern?
Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt. Ich aber lieb' euch all': Rose, Schmetterling, Sonnen-Strahl, Abend-Stern und Nachtigall.
Und nun nimm dieses.
Bella: Aber was denn, Gretchen?
Gretchen: Dieses Rosen-Blatt.
Bella: Dieses eine Blatt nur? Du scherzest!
Gretchen: Nimm es, Bella, nimm es.
Bella: Aber warum denn?
Gretchen: Wenn ich Dir ein Rosen-Blatt gebe, so bedeutet das so viel, als würde ich zu Dir sagen: Liebe Bella, komm recht oft zu mir, so oft Du willst; Du kommst mir nie zu viel.
Bella: Ist das die Blumen-Sprache?
Gretchen: Ja; kennst Du jene Sage nicht?
Bella: Ach, Gretchen, ich weiß gar nichts, und Du weißt so viel. Du mußt mich alles das lehren; willst Du, Gretchen?
Gretchen: Gerne, Bella, gerne. -- Da war einmal eine Akademie und darin waren zwanzig gelehrte Männer. Ihr Prinzip aber war: Viel hören, viel denken und wenig sprechen, und niemals waren mehr als zwanzig Männer in der Akademie.
Da kam einmal ein gelehrter Doktor aus dem Orient und wünschte, in die Akademie aufgenommen zu werden.
Der Präsident der Akademie wollte nicht gerne nein sagen und aufnehmen konnte man ihn auch nicht gut. -- Was war zu tun?
Man nahm ein Glas, füllte es mit Wasser, so daß kein Tropfen mehr hineinging, und stellte es vor den gelehrten Mann aus dem Orient.
Er verstand das Symbol und traurig stand er auf und wollte gehen. Da sah er auf der Erde ein Rosen-Blatt liegen. Ein Gedanke kam ihm; er nahm das Blatt, legte es auf das volle Glas Wasser, und siehe, kein Tropfen floß über.
Die Akademiker sahen, applaudierten und nahmen ihn auf in ihre Akademie. So, jetzt weißt Du auch, was ein Rosen-Blatt bedeutet, nicht wahr?
Bella: Ja, und ich will es mir merken. Und nun sage mir auch, woher der Name: »Vergiß-mein-nicht« kommt, bitte.
Gretchen: Ein Paar ging einmal an der Donau spazieren; es war am Abend ihrer Hochzeit; sie sahen in das Wasser.
Sieh' da, sieh! -- Da schwimmt ein Strauß! rief die Braut, ach, die schönen kleinen Blumen! Sie müssen ertrinken, und ich liebe diese blauen Blümchen über alles.
Warte, sprach er und war bereits in den Strom gesprungen; aber das Wasser der Donau war sehr wild und riß ihn hinab in die Tiefe; -- noch einmal kam er herauf, -- die Blumen hielt er fest in der Hand und mit seiner letzten Kraft warf er sie in die Höhe zu ihr, die er liebte, und rief: Vergiß-mein-nicht! dann versank er und ward nie mehr gesehen.
Bella: Eine Blumen-Fabel weiß ich auch, die mir Dein Papa einmal erzählt hat.
Es war einmal ein Schäfer namens Narziß, der trieb seine Schafe an den Bach. Er blickte in das klare Wasser und sah zum ersten Male sein Bild. Er bewunderte es, blieb lange Zeit da stehen und konnte sein Auge nicht von dem schönen Bilde wenden.
Zeus aber zürnte über diese Eitelkeit und verwandelte den Schäfer in eine Blume -- Narzisse, und seitdem steht sie traurig an den Bächen mit gesenktem Haupte.
Gretchen: Komm' hierher, Bella, an die Fontaine; hier ist eine Narzisse.
Bella: Dieses ist die erste, die ich sehe. -- Kannst Du mir sagen, Gretchen, warum wir einen Braut-Kranz von Orangen-Blüten tragen, wenn wir Hochzeit machen?
Gretchen: Das weiß ich nicht, Bella.
Bella: In Deutschland trägt die Braut keinen Kranz von Orangen-Blüten.
Gretchen: So? Wie weißt Du das?
Bella: Anna hat es mir geschrieben.
Gretchen: Aber was hat man dort anstatt der Orangen-Blüten?
Bella: Einen Zweig von der Myrthe.
Gretchen: So? -- In Toscano ist es noch anders. Da tragen die Bräute einen Strauß von Jasmin in der Hand, und ich will Dir auch sagen, warum.
Jasmin war früher sehr selten in Europa. Schiffer hatten diese Pflanze zuerst von Indien mitgebracht, und der Herzog von Toscana hatte sie allein in seinem großen Garten und wollte sie auch allein behalten und befahl seinem Gärtner, keine Jasmin-Blumen zu vergeben.
Aber der Gärtner liebte ein Mädchen und brachte ihr an ihrem Geburts-Tage einen großen, schönen Strauß; darin war auch ein Zweig von Jasmin. Die Braut freute sich darüber ganz besonders und pflanzte diesen Zweig in ihren Garten.
Die Zeit verging, und der Gärtner hatte sein Mädchen noch nicht heiraten können; denn ihre Mutter sagte: Der Gärtner ist nicht reich genug.
Da verkaufte das Mädchen ihre Jasmin-Blumen, -- bekam dafür viel Geld und gab alles ihrem Bräutigam. Nun waren sie reich und machten Hochzeit.
Bella: Und darum trägt noch heute jede Braut in Toscana Jasmin an ihrem Hochzeits-Tage?
Gretchen: Zum Andenken an das kluge und treue Mädchen.
Bella: Weißt Du, Gretchen, das gefällt mir, und wenn wir Hochzeit machen, Du und Martha und ich, dann wollen wir auch Jasmin tragen. Sollen wir?
Gretchen: Wir wollen mit Martha darüber sprechen. Diese Pflanze --
Bella: Das ist Epheu.
Gretchen: Epheu bedeutet Treue und Freundschaft. Das Epheu umschlingt den Baum liebevoll, will ihn schützen, nicht wahr? Und wenn der Baum alt wird und wenn man ihn fällt -- das Epheu bleibt ihm treu und grünt weiter.
Bella: Und ich gebe Dir ein Epheu-Blatt.
Gretchen: Und ich nehme es an und wir bleiben treue Freundinnen.
Bella: Ewig treue Freundinnen! O, mir ist so wohl. Die Welt, die ganze Welt möchte ich jetzt küssen!
Gretchen: Und ich möchte in einem fort singen:
La, la, la, La, la, la, Tra, la, la, la.
Komm', Bella, in's Haus!
* * *
Frau Meister: Aber ich bedauere sehr, daß ich Ihrem Herrn Bruder nicht ebenfalls danken kann.
Bella: Ach, warum haben Sie den Herrn Doktor nicht mitgebracht?
Otto: Mein Bruder ging nach Mittag aus, um einige Fabriken zu besichtigen, sowie gegen Abend die Druckereien unserer größten Zeitungen. Er ist noch nicht zurück und ich vermute, daß er noch in dem untern Teile der Stadt ist.
Martha Meister: Ich hoffe, Ihr Herr Bruder ist wohl.
Otto: Danke, Fräulein; er ist ganz wohl.
Louis: Das glaube ich nicht, Otto. Gestern Nacht, da Du schon lange schliefst, hörte ich ihn in seinem Zimmer, das über dem meinigen ist, auf und abgehen, lange Zeit, so daß ich auch nicht einschlafen konnte, obgleich ich sehr müde war. Und als ich heute Morgen in Albert's Zimmer kam, saß er schlafend auf dem Stuhle, und die Lampe brannte noch; er war nicht zu Bette gewesen. Vor sich aber hatte er Pläne von Maschinen, von Gebäuden und Kalkulationen, von denen ich nichts verstand.
Aber, Albert, sagte ich zu ihm, gehört denn dieses auch zu Deinem Studium? --
Er lächelte und antwortete nichts. Ich weiß wirklich nicht, was ich von ihm denken soll. Mir kommt er vor, als sei er seit gestern nicht mehr derselbe Mensch.
Otto: Das ist Deine Einbildung, Louis; Einbildung, nichts mehr.
Gretchen: Schon lange habe ich gewünscht, einmal zu sehen, wie unsere Zeitungen hergestellt werden; aber Papa hatte niemals Zeit, und allein kann eine Dame nicht gehen. Die Herren haben es darin viel besser, sie können gehen, wohin sie wollen, und können tun, was sie wollen.
Bella: Ja, die Herren haben es in allem besser.
Martha: Mama lächelt, Mama glaubt es nicht.