Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series

Part 6

Chapter 63,957 wordsPublic domain

Darauf antwortete ich meinem Vater: Wenn ich eine Bibliothek bauen dürfte nach meinem Willen, dann müßte sie lang sein, wie ein Saal; denn ich selbst gehe gern während der Arbeit auf und ab; -- dazu aber brauche ich Raum; -- und ich höre dann gerne meinen eigenen Schritt; -- daher wäre es am besten, wenn der Fußboden mit weißen Marmor-Platten bedeckt würde. -- Die Halle dürfte nur ein Stockwerk hoch sein, denn ich höre nicht gern den Tritt von Anderen über mir, wenn ich denke.

Die Decke sei gewölbt und von Glas, um das Licht von oben fallen zu lassen. -- Das Ende der Halle, dem Eingange gegenüber, sei ein Halbrund; auch hier sei die Decke gewölbt, -- aber nicht von Glas, -- blau gemalt mit goldenen Sternen.

Rechts und links an beiden Seiten seien Fenster von buntem Glas. -- Auch eine Nische würde ich haben zu meiner Rechten; -- dahin würde ich eine Marmor-Statue, z.B. eine Kopie der Venus von Medici stellen, zu meiner Linken sollte der Stahlstich einer Madonna von Raphael sein.

Durch einen Vorhang von schwerem Damast würde ich dann diese Rotunde trennen von dem Haupt-Teile der Halle. -- Eine Doppel-Thüre aber würde ich haben am anderen Ende der Rotunde, dem Vorhang gegenüber. -- Diese Thüre müßte in ein kleines Blumen-Haus führen, das gefüllt wäre mit tropischen Gewächsen; von hier aus könnte man dann in den Garten gehen.

In der Rotunde selbst sei ein Tisch zum Schreiben und ein Pult, um auch stehend studieren zu können.

So wären also drei Abteilungen da, wenn man den Vorhang vorziehen und die Thüre nach dem Blumen-Haus schließen wollte; -- nämlich: Die Haupt-Halle der Bibliothek, dann die Rotunde und zuletzt das Blumen-Haus.

In der Halle aber würde ich weite und bequeme Stühle haben zum Empfang von Gästen und Freunden.

Ein großer Leuchter, in der Mitte hängend, müßte das Ganze mit Gas beleuchten, während in der Rotunde nur ein Arm-Leuchter mit Öl sein dürfte.

In einem großen Kamin könnte man durch große Holz-Scheite Wärme durch den ganzen Raum verbreiten.

Im Blumen-Hause aber würde ich einen Spring-Brunnen haben; denn wie Musik so gerne höre ich das Plätschern und Rauschen des Wassers.

So etwa schrieb ich, nicht ahnend, was mein Vater wollte. -- Ich hatte den Plan völlig vergessen; denn in keinem der folgenden Briefe erwähnte mein Vater meinen Plan. -- Das war eine völlige Verschwörung gegen mich, denn auch meine Mutter und meine Geschwister schwiegen darüber.

Martha Meister: Und ich sehe, alles ist genau so gebaut, wie Sie es gewünscht.

Dr. Albert: Genau so, mein Fräulein.

Martha Meister: Ich hätte Ihre Überraschung sehen mögen!

Dr. Albert: Meine Überraschung, meine Freude, meine Dankbarkeit über dieses alles und über den feinen Takt meiner Teuern war groß.

Martha Meister: Sie müssen sehr glücklich sein, Herr Doktor!

Dr. Albert: Glücklich? Ja, das bin ich. -- Aber das höchste Glück, -- das, -- mein Fräulein -- ah, die Herrschaften kommen zurück.

Bella: Martha, warum bist Du nicht mit uns gegangen? O, wie viel Schönes haben wir gesehen; und nun, Herr Doktor, wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?

Dr. Albert: Mit Vergnügen, mein Fräulein; aber erst müssen Sie mir sagen, was ich tun soll.

Bella: Nein, mein Herr Doktor. Erst müssen Sie mir versprechen, es zu tun; -- es ist gar nicht schwer für Sie.

Dr. Albert: Nun wohl; ich verspreche Ihnen, zu tun, was Sie wünschen.

Bella: Ihre Schwester Martha hat mir draußen gesagt, daß Sie ihr so vieles erzählt haben über Thüringen. Bitte, lieber Herr Doktor, erzählen Sie uns auch etwas. -- Ich habe heute noch gar nichts Schönes gehört. Ich weiß nicht, was ich denken soll von Otto und von Louis. Wo ist denn Louis jetzt? Sie sind heute nicht so offen, wie sonst. Einer sieht den andern an und dann lächeln sie; und so oft ich sie frage: Aber was ist denn? -- so sagen sie beide: O nichts, gar nichts. -- Ich bin ganz böse mit Ihnen, Otto.

Otto: O, das thut mir aber leid.

Dr. Albert: Also von Thüringen soll ich Ihnen erzählen. Setzen wir uns.

* * *

Herr Meister: Ich meine, der Sängerkrieg auf der Wartburg hätte großes Interesse für uns alle, Herr Doktor.

Dr. Albert: Sehr wohl.

Bella: Entschuldigen Sie, Herr Doktor. Ist das dieselbe Wartburg, über welche Sie einmal an Louis geschrieben haben? --

Dr. Albert: Es ist dieselbe, mein Fräulein. Das Schönste, was Sie sehen können in dieser alten Burg, das ist der Saal.

Vor mehr als sechshundert Jahren, im Jahre 1207, waren hier sechs der größten Sänger und Poeten Deutschlands versammelt, um vor dem Landgrafen und der Landgräfin, vor den Rittern und den schönen Ritterfrauen und Fräulein um den höchsten Preis zu ringen durch ihre Kunst in Poesie und Gesang.

Mit den schönsten Worten, mit den lieblichsten Tönen, mit der höchsten Begeisterung sang einer nach dem andern zum Preise der Religion, der Frauen und der Fürsten.

Heinrich von Ofterdingen, der geschickteste von allen, sang aber allein gegen die übrigen fünf; er pries den Herzog Leopold von Österreich; -- und die fünf anderen: Heinrich der tugendsame Schreiber, Walther von der Vogelweide, Reinmar der Alte, Bitterolf und Wolfram von Eschenbach lobten den Landgrafen.

Und da sie alle vollendet hatten, wußte man nicht, welcher Partei man den Preis zukommen lassen sollte, ob den fünf Sängern, ob Heinrich von Ofterdingen.

Man konnte zu keiner Entscheidung kommen, und die Erbitterung war so groß geworden, daß man zuletzt beschloß, das Loos sollte entscheiden, wer Sieger sei; der Besiegte aber sollte sterben, und dieses Loos traf Heinrich von Ofterdingen; und als die erbitterten Sänger ihn ergreifen wollten, floh er aus ihrer Mitte zum Ende der Halle zur Landgräfin und fiel ihr zu Füßen und bat um ihren Schutz.

Und er hatte nicht umsonst gefleht. -- Sie sah seine angstvollen Augen und hörte seine klagenden Worte und hatte Erbarmen mit seinem jungen Leben. -- Sie breitete die Falten ihres weiten Mantels über ihn zum Zeichen, daß sie ihn schütze, daß niemand ihn berühren, niemand ihn beschädigen dürfte.

Und man einigte sich, daß man nach einem Jahre den Kampf wieder beginnen und entscheiden wollte.

Nach einem Jahre waren sie alle wieder versammelt. Heinrich von Ofterdingen war in diesem Jahre bei dem großen Meister Klingesor im Ungarlande gewesen. Der Meister selbst war mit ihm gekommen.

Der Kampf des Gesanges aber endete heute fröhlicher, als im Jahre zuvor, und der Preis wurde zuerkannt -- dem Sänger Wolfram von Eschenbach.

Nun ging man zur Tafel, und edle Knappen und schöne Mägdelein brachten die besten Speisen in silbernen Schalen und den feurigsten Wein in goldenen Bechern.

Heute waren alle freudig. Da stand der Meister Klingesor aus dem Ungarlande auf und alle hörten mit großer Ehrfurcht die Worte, welche er sprach: In dieser Stunde wird dem Könige vom Ungarlande eine Tochter geboren; und sie wird einst in das schöne Thüringen kommen und Herrin sein in diesen Hallen. Heil der Tochter meines Herrn! Heil ihr, die man nennen wird Elisabeth. -- So endete der Sängerkrieg auf der Wartburg, -- und Fräulein Bella, ich hoffe, daß meine Erzählung Ihnen gefallen hat.

Bella: Sehr gut. Ich danke Ihnen sehr, Herr Doktor.

Gretchen: Das ist die heilige Elisabeth; weißt Du das, Bella?

Bella: Ich habe es bis jetzt nicht gewußt.

Martha Meister: Die heilige Elisabeth war meine Heldin; und als ich in Deinem Alter war, Martha, habe ich immer von ihr gelesen. Nicht wahr, Papa?

Herr Meister: Ich erinnere mich dessen sehr genau, meine Tochter.

Martha Parks: War sie wirklich so gut, daß man ihr den Namen die heilige Elisabeth gegeben hat?

Martha Meister: Sie war sehr gut.

Martha Parks: Aber was hat sie denn getan?

Martha Meister: Das will ich Dir wohl sagen:

Vier Jahre war Elisabeth alt, -- da empfing ihr Vater, der König von Ungarn, eines Tages die Boten des Landgrafen von Thüringen; -- sie baten um die Hand seiner Tochter für den Sohn des Landgrafen.

Der König von Ungarn hörte dieses gerne, denn er wußte, daß das Thüringer-Land reich und schön war und seine Landgrafen edel.

In einem goldenen Wagen verließ Elisabeth das Ungarland, begleitet von ihrer Amme, von vielen edlen Jungfrauen und Rittern; und da sie nach Thüringen vor die Wartburg kamen, wurden sie mit großer Freude empfangen.

Der junge Prinz öffnete selbst die Thüre zum Wagen und hob seine Braut aus der silbernen Wiege, in welcher sie lag, und alle erstaunten über ihre große Schönheit und über die große Anzahl der Wagen, die ihr folgten, gefüllt mit Gold und anderen kostbaren Dingen.

Der Prinz und die Prinzessin aber liebten sich und waren wie Bruder und Schwester und spielten mit einander; denn beide waren noch jung; der Prinz war erst zehn und die Prinzessin nur vier Jahre alt.

Und da Elisabeth älter und größer wurde, vermißte sie nie die Kirche; und sie betete immer zu Gott, daß er sie gut machen möchte, und daß sie den Menschen gutes tun könnte.

Den Armen gab sie, so viel sie nur konnte, und die Kranken besuchte sie und tat ihnen viel Gutes und sie war gegen alle Menschen so freundlich, besonders aber mit den Traurigen.

Die Landgräfin aber, des Prinzen Mutter, war darüber oft hart mit ihr, denn sie sagte, sie wäre eine Prinzessin und würde einst die Gemahlin ihres Sohnes werden, und es wäre nicht recht, sich so gemein zu machen. -- Und einst sagte die Landgräfin sogar: Wir wollen sie zurückschicken nach Ungarn!

Da aber zeigte der junge Prinz auf einen großen Berg und sprach: Siehst du den Berg vor uns? Wäre er auch vom feinsten Golde, so wollte ich doch eher ihn vermissen, als meine Elisabeth. Ich habe nichts lieber auf dieser Welt, als sie.

Da Elisabeth fünfzehn Jahre alt war, wurde eine große Hochzeit gefeiert. Es war ein schönes, glückliches Paar. -- Sie war schön und liebreich und fromm; und er war reich an allen Tugenden eines Ritters.

Nach wenigen Jahren wurde er nun selbst Landgraf im Thüringer-Lande. Darüber aber war niemand glücklicher, als Elisabeth. Denn nun konnte sie Gutes tun, soviel sie wollte, und niemand konnte sie mehr hindern.

Häufiger, als früher, ging sie nun zu den Unglücklichen, und wenn sie die Hütten verlassen hatte, war es den Armen, als wäre ihnen ein Engel erschienen, so reich waren ihre Gaben, so beglückend ihre Worte und so freundlich war ihr Auge; und überall im Lande sprach man von der Landgräfin Elisabeth und überall hatte sie Freunde.

Aber da waren auch einige, die böses von ihr sprachen zu ihrem Gemahl, dem Landgrafen. -- Es war Hungers-Not im Lande, und das Brot war wenig und teuer; und sie sagten, es wäre wahrlich nicht recht, daß die Landgräfin so oft zu den Armen gehe und so reichlich Brot verschenke.

Der Landgraf aber wollte nicht hören auf ihre Worte und sagte nichts zu seiner Gemahlin.

Aber einmal war er aus der Wartburg geritten; und da er wieder auf dem Wege heimwärts war, sah er aus dem Wald-Pfade die Landgräfin kommen, welcher eine Dienerin folgte. -- Und der Landgraf dachte: Unter dem weiten Mantel trägt sie wieder Brot für die Armen, und wir selbst haben doch so wenig in dieser teuern Zeit, -- und er rief ihr zu: Laß doch sehen, was du unter dem Mantel trägst! -- O, rief sie, stotternd vor Angst, -- o -- es sind -- Rosen!

In dieser Jahres-Zeit Rosen, Elisabeth? -- Unmöglich! -- Komm', laß doch sehen! -- Und da sie zitternd ihren Mantel zurückschlug, war sie selbst erstaunt, denn wahrlich -- es waren Rosen.

Und der Landgraf und Elisabeth lebten manche Jahre glücklich zusammen und hatten schöne und gute Kinder. Da kam er eines Tages ernst nach Hause und sprach: Elisabeth, ich habe einst gelobt nach dem Grabe des Heilands zu wallfahren mit meinen Mannen, und nun ist die Zeit gekommen, daß ich mein Wort erfülle.

Mußt du, sprach sie mit wehmütigem Herzen, so gehe. Aber da sie allein war, mußte sie bitterlich weinen; und da der Tag des Abschiedes kam, konnte sie nicht von ihm lassen; und viele Meilen wanderte sie mit ihm, auf seinen Arm gestützt.

Da endlich sprach er zu ihr: Nun, mein teures, liebes Weib, gehe zurück zur Burg.

So schwer war es ihr noch niemals geworden, zu tun, was ihr Gemahl ihr gebot und ihr Weh war so tief, daß die härtesten Ritter mit ihr weinten.

Sie kam zur Burg zurück. Es war ein harter Tag für sie. -- Aber ein Tag folgte, der noch härter war; das war der Tag, da man ihr die traurige Botschaft brachte, daß ihr Gemahl im Kampfe gefallen war.

Da war das Licht der Sonne ihr nicht mehr golden; und der zarten Blümchen Schönheit sah sie nicht mehr und hörte nicht mehr auf den lieblichen Sang der Vögel, und die Landschaft und die ganze Welt schien ihr schwarz. Da war keine Freude mehr für sie auf dieser Erde.

Und der Bruder ihres Gemahls kam auf die Burg und machte sich zum Herrn des Landes und vertrieb die Witwe seines Bruders.

Es war finstere Mitternacht, da er sie hinausstieß vor das Burg-Thor. Der Regen fiel in Strömen; aus schwarzen Wolken zuckte der Blitz; der Donner rollte fürchterlich durch die Berge und greulich heulte der Sturm.

Elisabeth ging den schmalen Pfad den Berg hinab. Auf schwachem Arme trug sie das jüngste Kind, an der linken Hand führte sie das zweite, und ihr ältestes Söhnlein mußte die Fackel tragen, um den schlüpfrigen Weg zu beleuchten.

Und zuletzt kam sie an den Fuß des Berges und nach Eisenach. In der Stadt, wo sie einst Gaben gespendet, mußte sie nun selbst um milde Gaben bitten; doch niemand wollte der Unglücklichen ein Obdach gewähren; und still ertrug sie die Not um ihres Heilands willen, der so viel mehr gelitten hatte für die Menschheit; -- und sie ertrug alles mit Geduld, bis sich der Landgraf ihrer wieder erbarmte und sie zurückrief; aber sie wollte nicht mehr zurück in die Burg.

Deutschlands großer Kaiser, Friedrich II., flehte sie an, daß sie seine Gemahlin würde; -- aber ihr Herz gehörte dem einen, der nicht mehr bei ihr war; ihm wollte sie treu bleiben.

Eines nur hatte sie erbeten für sich: Das Gnaden-Brot bis an ihr Ende, und da gab man ihr die Stadt Marburg. Hier lebte sie im Kloster als Nonne, überall Segen verbreitend bis eines Tages ihr Wunsch erfüllt war.

Ihr Geist war zu ihm hinüber gegangen in jene selige Welt.

Vierundzwanzig Jahre war sie alt, da lag sie im Sarge, wie ein Engel zu schauen.

Der Kaiser selbst und die Edelsten des Reiches trugen den Sarg zu Grabe.

Wie damals, so spricht man noch heute im Thüringer-Lande von der heiligen Elisabeth.

Martha Parks: Ich höre Dir so gerne zu, Martha; Du auch, Albert?

Dr. Albert: Ja, Schwester, mir geht es wie Dir.

Herr Meister: Es ist schade, daß Louis es nicht gehört hat. Er hat großes Interesse für solche Erzählungen.

Bella: Ja, das ist auch wahr; wo ist Louis? Ist er noch nicht zurück? -- Sie lächeln, Herr Doktor! -- Ah -- da ist ein Komplott im Werke gegen uns. -- Gretchen, merke, was ich Dir sage, und der Herr Doktor weiß auch darum. Was ist es, Herr Doktor? Sagen Sie es mir, ich bitte. Sie sind immer so gut.

Dr. Albert: Mein verehrtes Fräulein, ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, und ich versichere Sie, daß ich mich bemühen werde, mir dieselbe zu erhalten. Aber ich bitte Sie, mich für einige Momente zu entschuldigen, da ich Ihnen von Tannhäuser erzählen möchte; und wenn ich das jetzt nicht thue, dann werde ich es vergessen.

Gretchen: Ist das derselbe Tannhäuser, der in Richard Wagners Oper vorkommt?

Dr. Albert: Es ist derselbe. Wenn Sie auf der Wartburg stehen und hinaus sehen in die Landschaft, dann sehen Sie den Venus-Berg, als den schönsten unter allen anderen. In diesem Berge ist die Frau Venus, die schönste Frau auf Erden, und Tannhäuser, der tapfere Ritter, wohnte im schönen, weiten Palaste bei ihr. Was sein Herz begehrte, wurde ihm erfüllt; und dennoch war er nicht glücklich, und sprach zu Frau Venus:

Hohe Frau, nun laßt mich gehen! Ich will nach Rom zum Papste und ihn bitten, daß er meine vielen Sünden mir vergebe.

Sie bat ihn: Bleibet hier, mein Ritter, bleibet bei mir. Hier ist es wahrlich schön, tausendmal schöner, als unter den Menschen da oben. Tannhäuser schüttelte traurig sein Haupt und sagte: Ich kann nicht, ich kann nicht, beste Frau. Und sie kniete nieder vor ihm und blickte ihn an mit ihren schönen Augen und flehte.

Nein, o nein, sagte er; ich kann nicht.

Sie hing sich an seinen Hals und weinte. Da riß er sich los und eilte hinaus; -- und im Pilger-Kleide und mit dem Stabe in der Hand, wanderte er barfuß und barhaupt manchen Tag und kam nach Rom.

An demselben Tage aber war eine große Prozession; und Tannhäuser, der Ritter, fiel auf die Kniee vor dem Papste und rief:

Vergebet mir, o Vater, meine vielen Sünden!

Und es sprach der Papst: Dein Blick ist scheu, mein Sohn, und deine Wangen sind so hohl, sag an: Was hast du böses getan?

Und der Ritter sagte: O Vater, vergebt mir; ich wohnte im Berge bei Frau Venus.

Der Papst aber sprach darauf: Wohntest du da? -- Wahrlich, so wie dieser Stab in meiner Hand nie blühen kann, so kann ich dir solche Sünde nicht vergeben; -- du bist verdammt hier und im Jenseits.

Und Tannhäuser ging traurig und mit gesenktem Kopfe aus der heiligen Stadt.

Am nächsten Tage aber brachte man den Stab vor den Papst. Zu seinem großen Erstaunen sah er Blüten am trocknen Holze.

Eilig sandte der Papst Männer aus, den Ritter zu suchen; aber keiner konnte ihn finden, denn er war schon wieder zurück gegangen zum Berge.

Da stand Frau Venus wartend. Freudig rief sie aus, ihn mit offnen Armen empfangend: Mein Ritter, mein Ritter! ich wußte, ihr kämet zurück!

Martha Parks: Nun Albert, weiter!

Dr. Albert: Mehr, meine kleine Martha --

Bella: O, Herr Doktor; was ist das?

Otto: Das ist Trompeten-Schall.

Herr Meister: Gretchen, höre! Ist das nicht wirklich ein Signal der Ritter?

Gretchen: Wirklich, Papa.

Martha Parks: O Albert, kommt jetzt der Tannhäuser?

Louis: Nein, aber sein Page.

Bella: Das ist Louis! Das ist Louis im Ritter-Harnisch.

Gretchen: Ich glaube, Bella, jetzt wird Dir alles klar werden.

Louis: Ludwig, der Page, bittet die hohen Herrschaften, Ritter sowie Ritter-Damen, zur Tafel zu kommen. -- Ritter Meister wird das Burg-Fräulein Martha Parks zu Tische führen; der Ritter Albert das Ritter-Fräulein Martha Meister; Ritter Otto das Ritter-Fräulein Bella, und der Page Ludwig selbst des edlen Ritters Meister schöne Tochter Margaretha; und folgende Speisen werden sie laben:

1) Eine gute Fleischbrühe.

2) Reis.

3) Fische, Aal und Salat.

4) Wilder Schweinskopf mit saurer Sauce.

5) Ochsen-Fleisch, nach anglo-sächsischer Weise mit Pickeln.

6) Schinken vom jungen Schwein, in Burgunder-Wein gekocht.

7) Allerlei Geflügel.

8) Braten von Wildbret mit sauern Kirschen.

9) Kuchen: Turmkuchen und Baumkuchen.

10) Nürnberger Pfeffer- und Honigkuchen in der Form von Frauen und Rittern.

11) Waffeln und Eisen-Kuchen.

12) Und Wein, viel Wein.

Dr. Albert: Halt, Page, blase noch nicht zum Marsche! Ich sehe, die Herrschaften stehen verwundert und neugierig.

Bella: O nein, Herr Doktor; wir sind nicht neugierig, wir sind niemals neugierig. Nicht wahr, Gretchen?

Gretchen: O nein, niemals!

Dr. Albert: Aber Sie möchten wohl gerne wissen, was alles dieses zu bedeuten habe; nun, ich werde es Ihnen sagen. -- Sie wissen ja, Louis studiert jetzt deutsche Geschichte -- und bei den Rittern hat er begonnen.

Otto: Und bei einem sehr praktischen Teile, glaube ich.

Dr. Albert: Beim Essen und Trinken! Nun sind unsere Eltern nach dem Westen gereist, und Louis spielt den Herrn der Burg, wie er sagt.

Otto: Das bedauert aber keiner mehr, als der Koch.

Martha Meister: Unser armer Koch!

Dr. Albert: Der ist in Verzweiflung und meint, solch' ein Mahl habe er noch nie zubereitet, und er habe doch schon manchen Tag gekocht.

Gretchen: Das will ich gerne glauben.

Dr. Albert: Aber Louis hat seinen Willen und -- sein Ritter-Mahl.

Louis: Und die Herrschaften werden ein feines Mahl haben.

Martha Meister: Jedenfalls ein originelles.

Dr. Albert: Und nun in den Speise-Saal. Vorwärts! -- Page, blase zum Marsch!

Louis: Sehr wohl. --

* * *

Dr. Albert: Setzen wir uns zur Tafel.

Martha Meister: Aber hier ist es wirklich, wie in einem Ritter-Saale: Helme, Panzer, Schilde, Lanzen. Gehört das alles dem Ritter Louis?

Bella: Du mußt nicht Ritter sagen, Martha. Louis ist noch kein Ritter; er ist noch Page.

Martha Meister: In meinen Augen ist er bereits ein Ritter.

Louis: Ich danke Ihnen, mein Fräulein; und ich werde für Sie kämpfen gegen Drachen und wilde Tiere und böse Feinde; und werde Ihr Leben verteidigen mit meinem Blute.

Martha Meister: Und ich werde Sie bewundern.

Louis: Alles, was Sie hier sehen an Waffen, hat mein Bruder für mich in Europa gesammelt. Das ist eine kostbare Sammlung: Gefällt sie Ihnen, Herr Meister?

Gretchen: Und wie schön diese Tafel geordnet und mit Blumen geschmückt ist!

Otto: Das ist Schwester Marthas Werk.

Bella: Du hast auch davon gewußt, Martha; -- o, Du kleine Heuchlerin!

Martha Parks: Siehst Du nun, Louis, daß ich schweigen kann?

Louis: O ja, das hast Du von mir gelernt, Martha.

Dr. Albert: Louis, Deine Suppe wird kalt!

Louis: Hm, hm; ich spreche wieder zu viel. Nicht wahr?

Bella: Ich meine, Herr Doktor, es sei ganz schön, bei Tische zu sprechen. Die Franzosen wissen gewiß sehr gut, wie man speisen soll, und sie sprechen sehr viel, wenn Sie essen.

Martha Meister: Die Franzosen plaudern mir zu viel bei Tische. -- Ich halte es mit den Engländern; die sind ernst bei Tafel und beginnen mit Gebet; und so machen wir es auch zu Hause. -- Was denken Sie, Herr Doktor?

Dr. Albert: Ich halte es mit den Deutschen. Viele von ihnen beginnen das Mahl mit Gebet und plaudern während des Essens ganz angenehm. Bruder Otto aber macht es, wie der Engländer: Er speist, er hört und bedient seine Dame.

Otto: Nicht so, Albert; ich speise weder wie ein Engländer, noch wie ein Deutscher, noch wie ein Franzose; sondern wie ein wahrer Amerikaner; das heißt: Ich nehme das Beste von allen, und bin ich, wie jetzt, im Kreise guter Freunde und an der Seite einer Dame, wie Fräulein Bella, und habe ich vor mir gute Speisen und feine Weine und höre ich eine leichte und angenehme Unterhaltung, -- dann befinde ich mich recht komfortabel, recht behaglich.

Herr Meister: Sie erinnern mich an den großen deutschen Schauspieler Beckmann.

Fritz Beckmann war einer der besten Schauspieler in Berlin und war sehr witzig und sehr komisch. -- Wegen seines guten Humors hatte er viele Freunde.

Einer von ihnen war Herr Hagen. Eines Abends gab Herr Hagen eine große Gesellschaft. Bei Tische hatte Herr Beckmann seinen Sitz zwischen den beiden Töchtern des Hauses: Anna Hagen und Carolina Hagen.

Herr Beckmann sprach lange Zeit kein Wort, sondern lächelte immer. Darüber wunderte man sich, und Fräulein Carolina fragte ihn: Warum so still, heute Abend, Herr Beckmann? Sind Sie nicht wohl?

O nein, mein Fräulein. Mir ist sehr wohl zu Mut in der Tat. Denn zwischen A. Hagen und C. Hagen sitze ich mit B. Hagen (Behagen = Komfort).

Louis: Bravo, Herr Meister, bravo!

Bella: Aber, Louis, ich habe keine Gabel.

Martha Parks: Ich auch nicht, der Diener hat die Gabeln vergessen.

Louis: O nein, liebe Martha, das hat der Diener nicht. Aber Ritter und Ritter-Fräulein haben keine Gabeln zum Essen nötig.

Bella: So? Aber womit haben sie denn das Fleisch gegessen? Nicht mit den bloßen Fingern, will ich hoffen.

Louis: Nein, mein Fräulein; nicht mit den bloßen Fingern, sondern mit kleinen Hölzern, so wie diese sind, die neben Ihren Tellern liegen.

Gretchen: Ja, ich habe mich im Stillen über diese Hölzchen gewundert.

Martha Meister: Aber damit, Herr Louis, können wir nicht essen.

Louis: Aber die Ritter-Fräulein konnten es früher. Gabeln kamen erst vor drei hundert Jahren aus Italien nach Deutschland, und erst später, im Jahre 1608, brachte Thomas Congate die ersten Gabeln nach England. -- Und in einem französischen Kloster zankten sich die Mönche über die Einführung der Gabel. Die älteren Mönche hielten den Gebrauch der Gabel für sündhaft, während die jüngern die Gabeln für erlaubt hielten.

Gretchen: O, wie gelehrt Sie sind, Herr Louis!

Martha Meister: Sie studieren wohl recht viel, Herr Louis?

Louis: Hm, ja.