Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series
Part 5
Herr Meister: In der Tat, das thue ich. -- Bei Kindern schlage ich den Weg ein, den die Mütter einschlagen bei ihren Lieblingen und den die Natur selbst sie gelehrt. -- Wenn das Kind fehlerhaft spricht, so sagt die Mutter: Nicht so, mein Kind. Das war nicht recht. So mußt du sprechen. -- Das genügt meistens für Kinder. Oft kann man bei ihnen keinen andern Weg einschlagen. -- Und warum sollte man den Kindern mehr sagen, als das? Sie haben ja Zeit genug, haben nichts zu versäumen.
Anders aber ist es bei älteren Personen, die denken und immer nach dem Warum? fragen. Bei diesen und besonders bei solchen, welche die Grammatik ihrer Muttersprache studiert hatten, gehe ich ebenfalls den Weg, von dem ich sagte, daß die Natur ihn vorgeschrieben habe; -- allein ich füge noch etwas Neues hinzu: Ich gebe ihnen auch die Regeln der Grammatik, nachdem ich die Fehler verbessert habe, und so dringen sie auch ein in den Geist der Sprache.
Doch habe ich mich stets gehütet, darin zu viel zu tun, und niemals habe ich meine Schüler ermüdet mit Regeln der Grammatik. Stets war es Vergnügen für beide Teile, für Schüler und Lehrer.
Auch bin ich nicht immer denselben Weg gegangen; oft tat ich es so und oft anders, je nach dem Alter, je nach der Individualität des Studierenden; -- und darin liegt die hohe Schönheit und die Größe dieses Systems: Es ist ein System der Freiheit, der wahren Freiheit, -- das nur entstehen konnte in einem freien Lande. Jeder Lehrer kann darin seine Individualität geben, um so das Höchste und Beste zu erreichen.
Otto: Sehr wahr!
Herr Meister: Worüber ich aber noch täglich erstaunen muß, ist eine Beobachtung, die ich neulich gemacht habe: Daß nur wenig Grammatik, daß nur wenige Regeln genügen, um recht zu sprechen und recht zu schreiben. -- Dazu freilich ist es nötig, daß der Lehrer klar denkt und sieht.
Ich habe meinen Freunden hier gewisse, kurze Regeln gegeben, -- und, Sie sehen, sie sprechen korrekt.
Dr. Albert: Das ist wahr. -- Und welche Regeln halten Sie für die notwendigsten?
Herr Meister: Ah, -- für die notwendigsten! Mein lieber Herr Doktor, ich will Ihnen einige von solchen Sätzen geben, die meinen Freunden gute Dienste geleistet haben. -- Aber nehmen Sie die Sätze für nichts mehr, als für was ich sie ausgebe: Praktische Winke, die unendlich viel Gutes tun. Sie mißverstehen mich nicht, nicht wahr? -- Ich gebe sie Ihnen nicht als Regeln.
* * *
Meine Freunde haben sich gewöhnt, ihre Gedanken sofort mit deutschen Worten auszudrücken.
Dr. Albert: Und das erkenne ich als den größten Vorteil Ihrer Methode.
Herr Meister: Ganz recht. -- Dennoch kommt es vor, daß sie englische Idiome und Konstruktionen gebrauchen.
Dr. Albert: Das ist ganz natürlich.
Herr Meister: Ja. -- Zum Beispiel: Unsere Freunde würden nie im Englischen sagen: {'My brother Louis rides good';} das wäre nicht grammatikalisch; -- sie würden sagen: {'My brother Louis rides well';} denn {'good'} ist ein Adjektiv im Englischen, {'well'} aber wird als Adverb gebraucht. So kam es denn, daß Herr Otto auch im Deutschen sagte >Mein Bruder Louis reitet wohl<. Im Deutschen aber ist das nicht recht. -- >Wohl< wird sehr oft gebraucht als Synonym von >nicht krank<. -- Z.B. >Wie geht es Ihnen? -- Danke, ich bin wohl<. Wir gebrauchen es auch oft in dieser Verbindung: >Bringen Sie mir gefälligst ein Glas Wasser!< >Sehr wohl, mein Herr<, -- wie das Englische {'all right', 'very well'} und so weiter. {'My brother Louis rides well'} würde im Deutschen sein: >Mein Bruder Louis reitet gut<; denn >gut< ist im Deutschen Adjektiv und Adverb. Also nicht: {'He speaks well'} >Er spricht wohl<, sondern: >Er spricht gut<.
Otto: Den Fehler habe ich sehr oft gemacht, nicht wahr, Herr Meister?
Herr Meister: O ja, recht oft. Aber bin ich jemals müde geworden, Sie zu verbessern?
Otto: Nein, wahrlich nicht. Sie hatten Ausdauer wie unser U.S. Grant.
Bella: Beharrlichkeit führt zum Ziele.
Herr Meister: Und hier z.B. ist unsere liebe Freundin Bella. -- Sie würde im Englischen sagen: {'I wish to write a letter';} -- und so sprach sie dann auch im Deutschen: >Ich wünsche einen Brief zu schreiben<; -- aber wir sprechen im Deutschen gewöhnlich nicht so: {'I wish to buy essence of the white rose',} >Ich wünsche, Essenz der weißen Rose zu kaufen<; das ist nicht recht, meine Freundin, nicht wahr? Heute aber wissen wir es besser.
Bella: Heute sage ich: >Ich will einen Brief schreiben<, >Ich will Essenz der weißen Rose kaufen<, oder noch besser: >Ich möchte Essenz der weißen Rose kaufen.<
Herr Meister: Ganz recht.
Louis: Du mußt nicht denken, mein lieber Doktor, daß ich ohne Fehler bin. O, ich kann auch Fehler machen, so gut wie Fräulein Bella.
Bella: Und das kann ich bezeugen.
Louis: Und ich kann Dir auch einige aufzählen, denn ich kenne meine Fehler auswendig. -- Sieh' einmal hierher, Albert. In unserer englischen Sprache sagt man z.B. {'To-day we are here. To-morrow we shall go to Mr. Meister's house'.} Und so habe ich auch im Deutschen gesprochen: >Heute wir sind hier. Morgen wir werden gehen in Herrn Meisters Haus.< Dieses Deutsch ist nicht gut, Albert. Nicht wahr? Das ist schlechtes Deutsch. {'To-day'} ist hier ein Adverb. Das Adverb muß im Deutschen beim Verb stehen oder auch beim Auxiliar, wenn ein solches vorhanden ist. Du mußt also sprechen: >Heute sind wir hier. Morgen werden wir in Herrn Meisters Haus gehen<. >Heute< muß bei >sind< stehen und >morgen< bei >werden<. Du mußt nicht das Adverb von dem Verb oder dem Auxiliar trennen. Hast Du mich verstanden, Albert?
Dr. Albert: Sehr gut, Louis.
Louis: Nun, dann höre weiter: Im Englischen sagen wir z.B. {'I have written this page'. 'I shall go to the concert'.} Wenn Du nun nicht den Unterschied zwischen der deutschen und englischen Konstruktion studiert hättest, so würdest Du im Deutschen sagen: >Ich habe geschrieben diese Seite<, >Ich werde gehen in das Konzert<. -- Aber ist das recht, Albert?
Dr. Albert: Nein.
Louis: Du mußt sagen: >Ich habe diese Seite geschrieben<; denn im Deutschen mußt Du das Auxiliar von dem Verb trennen, wenn es geht. -- Ist das klar?
Dr. Albert: O, sehr klar! Ich muß nicht sagen: >Ich werde gehen in das Konzert<, sondern: >Ich werde in das Konzert gehen<.
Louis: O, Du bist ein vorzüglicher Schüler. Ich will Dir noch mehr sagen: {'I am glad that you are here',} >Ich bin froh, daß du bist hier<. Dieses Deutsch ist nicht gut. -- Ich habe hier zwei Sätze, und der erste Satz ist: >Ich bin froh<. Dieser Satz ist recht. Der zweite Satz beginnt nach dem Komma mit dem Worte >daß<, und dieser Satz ist falsch; -- denn ein jeder Satz, welcher mit der Konjunktion >daß< beginnt, hat das Verb am Ende oder auch das Auxiliar, wenn ein solches vorhanden ist. -- Also muß ich sagen: >daß du hier bist< und nicht >daß du bist hier<. Noch andere Konjunktionen gehen wie >daß<, doch nicht alle, und es wird gut sein, wenn Du an diese Worte denkst: »Konjunktion am Beginne, Verb oder Auxiliar am Ende.« {'I hear that he will come',} >Ich höre, daß er kommen wird< und nicht: >Ich höre, daß er wird kommen<. {'He says that he has done his work',} >Er sagt, daß er seine Arbeit getan hat< und nicht: >Er sagt, daß er hat getan seine Arbeit<. Du siehst auch hier, daß in den Sätzen, die mit Konjunktionen beginnen, das Verb oder das Auxiliar am Ende steht.
Dr. Albert: Ja, ja. Das sehe ich. O, wie sehr ich Dir danke!
Louis: O, bitte, bitte! Wenn Grammatik Dir so sehr gefällt, dann werde ich Dir noch mehr geben. Vielleicht würdest Du sagen für: {'I am going'} >Ich bin gehend<, {'I am writing a letter'} >Ich bin schreibend einend Brief<. Das wäre aber kein gutes Deutsch. -- Wo wir im Englischen ein Partizip des Präsens sagen, sagt man im Deutschen das Präsens: >Ich gehe<, >Ich schreibe einen Brief<. {'He is talking'} = >Er spricht<; nicht: >Er ist sprechend<. -- {'He was walking'} nicht: >Er war gehend<, sondern, >Er ist gegangen<. -- {'He was working'}= >Er hat gearbeitet< u.s.w.
Dr. Albert: Sehr gut, Louis. Du verstehst Grammatik.
Louis: Nicht wahr?
Dr. Albert: Aber Du sagtest mir, Du hättest keine Grammatik studiert.
Louis: Nun ja, ich meinte, nicht so, wie Du.
Herr Meister: Aber Louis, Sie hätten noch sprechen sollen über: >Ich bin, du bist, Sie sind, er ist, sie ist, es ist; Wir sind, ihr seid, Sie sind, sie sind< &c.; und über: >Ich habe, du hast, Sie haben, er hat, sie hat, es hat; Wir haben, ihr habt, Sie haben, sie haben< &c.
Louis: Das kann ich noch tun, Herr Meister, wenn Sie erlauben. Ich war nicht bei Dir in Berlin, Albert, als Du Deutsch studiert hast, aber ich weiß doch, Du hast immer gesagt für {'He has gone'} >Er hat gegangen<, für {'He has run'} >Er hat gelaufen<. Wir haben das hier immer so gesagt und ich am meisten; nicht wahr, Otto? Aber es war nicht recht. Es sollte heißen für {'He has gone'} >Er ist gegangen<; für {'I have run'} >Ich bin gelaufen<. Ich habe lange Zeit gebraucht, um das zu begreifen; und noch längere Zeit, um es zu sprechen, bis endlich Herr Meister so zu mir sprach: Louis, hören Sie einmal: >Ich gehe<, >ich schwimme<, >ich renne<, >ich reite<, >ich fahre<, >ich stehe auf<, -- das sind Wörter, die eine Bewegung andeuten, nicht wahr? -- eine Bewegung des Subjektes von einem Platze zum andern oder von einer Position in eine andere. -- Nun gut. Solche Wörter aber stehen im Perfectum oder Plusquamperfectum nicht mit dem Auxiliar >haben<, sondern mit dem Auxiliar >sein<. Also nicht: Perfectum >Ich habe nach Hause gegangen<, Plusquamperfectum >Ich hatte nach Hause gegangen<; sondern Perf. >Ich bin nach Hause gegangen<, Plusq. >Ich war nach Hause gegangen<, und nicht: Perf. >Ich habe schnell gelaufen<, Plusq. >Ich hatte schnell gelaufen<, sondern Perf. >Ich bin schnell gelaufen<, Plusq. >Ich war schnell gelaufen<. Im Englischen haben wir für das Perfectum im Activum stets das eine Auxiliar {'I have'} &c. -- Im Deutschen aber haben wir zwei: >Ich habe< &c. und >ich bin< &c. Also: Alle Wörter im Deutschen, die eine Bewegung des Subjektes angeben von einer Stelle zur andern oder aus einer Stellung in die andere, stehen mit dem Auxiliar >sein<; z.B.: Präs. Ich schwimme &c.; Imperf. Ich schwamm &c.; Perf. Ich bin geschwommen, du bist geschwommen, Sie sind geschwommen, er ist geschwommen, sie ist geschwommen, es ist geschwommen, wir sind geschwommen, Ihr seid geschwommen, Sie sind geschwommen, sie sind geschwommen; Plusq. Ich war geschwommen, du warst geschwommen, Sie waren geschwommen, er war geschwommen, sie war geschwommen, es war geschwommen, wir waren geschwommen, Ihr waret geschwommen, Sie waren geschwommen, sie waren geschwommen.
So auch: Präs. Ich reise &c.; Imperf. Ich reiste &c.; Perf. Ich bin gereist &c.; Plusq. Ich war gereist &c. -- Präs. Ich reite &c.; Imperf. Ich ritt &c.; Perf. Ich bin geritten &c.; Plusq. Ich war geritten &c. -- Präs. Ich fahre &c.; Imperf. Ich fuhr &c.; Perf. Ich bin gefahren &c.; Plusq. Ich war gefahren &c. -- Präs. Ich falle &c.; Imperf. Ich fiel &c.; Perf. Ich bin gefallen &c.; Plusq. Ich war gefallen &c.
Dr. Albert: Das verstehe ich sehr gut, mein lieber Louis. Nun danke ich Dir.
Louis: Bitte, bitte.
Dr. Albert: Das Verb oder, wie wir es in Berlin nannten, das Zeitwort, hat mir im Deutschen nie viel Mühe gemacht.
Bella: Auch mir nicht. -- Da giebt es nicht so viele unregelmäßigen Zeitwörter wie im Französischen.
Otto: Das deutsche Verb ist so leicht, wie das englische, meine ich.
Dr. Albert: Ganz gewiß; und dazu hat das Englische das Verb leichter, als eine andere Sprache, die ich kenne. Denken Sie nicht auch so, Herr Meister?
Herr Meister: Ich stimme Ihnen bei.
Bella: Herr Meister, Sie hatten mir das deutsche Verb so klar gemacht, daß ich es in wenigen Minuten für immer verstanden habe.
Otto: Ich wünsche, Herr Meister, Sie würden meinem Bruder Ihre Methode erklären.
Herr Meister: Mit Vergnügen. Ich habe das Folgende für das Beste befunden, andere mögen anders verfahren. Meine Freunde haben von Anfang an das Präsens, das Imperfectum und das Perfectum aller Zeitwörter gelernt. Sie wissen >ich schreibe, ich schrieb, ich habe geschrieben<; >ich höre, ich hörte, ich habe gehört<. Sie wissen auch >ich höre< ist ein regelmäßiges Verb; denn >höre< behält >ö< in allen Zeiten: Präsens, Imperfectum &c.; -- auch wissen Sie >ich schreibe< ist ein unregelmäßiges Zeitwort, weil es nicht denselben Vokal behält in allen Zeiten; -- im Präsens hat es >ei< (schreibe); im Imperfectum >ie< (schrieb) und auch im Perfectum (geschrieben).
Nun wollen wir das Verb >ich höre< betrachten. Präsens: ich höre. Ich werde ein >n< an das Wort >höre< hängen, dann ist es >hören<. Das ist der Infinitiv. Dieser Infinitiv aber wird auch als Substantiv gebraucht z.B.: >Das Hören wird mir schwer<.
Otto: Ist das nicht dasselbe wie das englische Particip Präsentis {'hearing, walking, writing'} u.s.w.?
Herr Meister: Ganz recht. -- Im Deutschen können wir von jedem Worte auf diese Weise ein Substantiv bilden. Und alle diese Substantive haben den Artikel >das< z.B. >das Sprechen wird mir leicht<, >das Reiten ist heute angenehm< u.s.w.
Dr. Albert: Das ist ein sehr guter Wink für den Studierenden und erleichtert ihm vieles.
Herr Meister: Nicht wahr? Aber weiter! >Ich höre<. Ich komme zurück zum Präsens, bilde daraus den Infinitiv >hören< und aus diesem Infinitiv bilde ich wieder das Futurum, indem ich damit verbinde das Auxiliar >ich werde, du wirst, Sie werden, er wird, sie wird, es wird, wir werden, Ihr werdet, Sie werden, sie werden<. >Ich werde hören< ist also das Futurum. Meistens können wir von diesem Infinitiv auch den Imperativ bilden, aber nicht immer.
Das Activum wollen wir nun verlassen und ein wenig über das Passivum sprechen. >Ich höre, ich hörte, ich habe gehört<. Wir nehmen >gehört< vom Perfectum und verbinden es mit dem Auxiliar >ich werde, ich wurde, ich bin geworden<, so finden wir das Passivum. Also Präs. Ich werde gehört &c.; Imperf. Ich wurde gehört &c.; Perf. Ich bin gehört worden &c.
Mehr als ich soeben gesagt, gab ich meinen Freunden nicht für den Anfang; -- das andere gab ich ihnen nach und nach, und alles wurde ihnen leicht.
Dr. Albert: Das ist sehr klar, in der Tat; und ich möchte wohl eine kleine Probe mit meiner kleinen, klugen Schwester Martha machen. Sie hat das Verb im Deutschen noch nicht studiert.
Martha Parks: Ich habe alles verstanden, Albert, was Herr Meister gesagt hat. Frage nur zu!
Dr. Albert: Nun, wir wollen einmal sehen. Ich gebe Dir das Wort >ich fange, ich fing, ich habe gefangen<.
Martha Parks: >Ich fange< ist Präsens; >Fangen< ist Infinitiv; >das Fangen< ist Substantiv; >ich werde fangen< ist Futurum. Ist das recht?
Louis: Recht, Schwester Martha. Weiter! Das Passiv!
Martha Parks: Das Passiv ist: >Ich werde gefangen< -- Präsens; >Ich wurde gefangen< -- Imperfectum; >Ich bin gefangen worden< -- Perfectum; >Ich werde gefangen werden< -- Futurum.
Dr. Albert: Das hast Du gut gemacht, Martha.
Martha Meister: Ihre Schwester ist sehr intelligent, Herr Doktor.
Otto: Erinnern Sie sich, Herr Meister, wie viele Mühe Sie einmal mit uns hatten, als Sie das Passiv erklärten?
Herr Meister: Es geht vielen so, wie es Ihnen erging. -- Und oft höre ich von Amerikanern, die wirklich gut Deutsch sprechen und die Grammatik gut studiert haben, Ausdrücke wie >Othello ist heute im Theater gespielt<, anstatt >Othello wird heute im Theater gespielt<. Sie sagen >Othello war gestern Abend im Theater gespielt< anstatt >Othello wurde gestern im Theater gespielt<. Das kommt aber daher: Im Englischen gebrauchen wir {'I am, thou art, he is, she is, it is, we are, you are, they are'} mit dem Adjectiv, mit dem Substantiv und mit dem Verb z.B. {'He was good', 'He was an American', 'He was caught'.} Im Deutschen aber sagen wir >Er war gut<, >Er war ein Amerikaner<, >Er wurde gefangen<. Im Deutschen sagen wir >ich bin, du bist, Sie sind, er ist, sie ist, es ist, wir sind, ihr seid, sie sind< mit dem Adjektiv und mit dem Substantiv. Mit dem Verbum aber gebrauchen wir >ich werde, du wirst, Sie werden, er wird, sie wird, es wird, wir werden, Ihr werdet, Sie werden, sie werden<.
Dr. Albert: Auch das, Herr Meister, ist sehr klar. Nun aber sagen Sie mir: Was tun Sie, daß Ihre Schüler den Artikel lernen?
Herr Meister: Nichts. -- Da ist nichts zu tun, Herr Doktor. Den Artikel müssen wir der Zeit überlassen. -- Die Zeit ist mächtig. Sie thut es für uns; -- langsam zwar, aber sicher. -- Sprechen unsere Freunde hier den Artikel nicht korrekt?
Dr. Albert: Ganz korrekt.
Herr Meister: Nun wohl, die Zeit allein hat es getan.
Gretchen: Ist Ihnen der Artikel auch recht schwer geworden, Herr Doktor?
Dr. Albert: Ja wohl, mein Fräulein. Oft habe ich mich gefragt: Werde ich den Artikel wohl jemals lernen?
Gretchen: Aber Sie sprechen den Artikel so perfekt wie ein Deutscher.
Dr. Albert: Ja, mein Fräulein -- heute!
Herr Meister: Ihnen ging es mit dem Artikel, wie mir einst mit der Aussprache. Oft war ich in der größten Verzweiflung und rief: Wann, o wann werde ich die Aussprache des Englischen inne haben! -- Ich habe sie heute. -- Zeit und Geduld! -- Zwar habe ich meinen Freunden einige Regeln gegeben über den Artikel; so z.B. sagte ich oft ....
Louis: >e< am Ende, >die< am Beginne.
Herr Meister: Ganz recht, Louis. Das heißt: Wenn ein Wort >e< am Ende hat, so hat es meistens den Artikel >die<, z.B.: >Rose<, >die Rose<; >Flamme<, >die Flamme<; >Schule<, >die Schule<. -- Auch alle Wörter, die am Ende >heit<, >keit<, >ung<, >schaft< &c. haben, haben den Artikel >die<; z.B.: >die Schönheit<, >die Fröhlichkeit<, >die Wohnung<, >die Freundschaft<. -- Wörter mit >chen< und >lein< am Ende, haben immer >das<; z.B.: >das Bäumchen<, >das Röslein<. Auch Wörter, welche von Adjektiven kommen, haben 'das'; z.B.: >schön<, >das Schöne<; >groß<, >das Große<; >grün<, >das Grüne<. Ferner Wörter, die von Verben kommen und die Form des Infinitivs behalten; z.B.: >schreiben<, >das Schreiben<; >lesen<, >das Lesen<.
Nun wohl; das sind einzelne, gute Winke über den Artikel; aber sie helfen nicht sehr viel. In Deutschland verstehen kleine Kinder eben so korrekt zu sprechen, wie hier bei uns die kleinen Kinder die rechte Aussprache haben; das heißt: wenn sie dieselbe korrekt hören. Aber, aber, -- wir vergessen, daß uns Herr Louis nicht eingeladen hat, heute über Grammatik zu sprechen.
Dr. Albert: Ganz recht, Herr Meister. Ich danke Ihnen, daß Sie mich daran erinnern. -- Es kam durch mich; und ich bitte um Entschuldigung, Louis, daß Du durch mich gehindert bist, Dein Programm auszuführen.
Louis: Bitte, Albert, das thut nichts. Wenn wir von jetzt an unsere Zeit ökonomisch gebrauchen, so können wir sehr gut unsern Plan ausführen.
Darf ich Sie bitten, meine Herrschaften, mir zu folgen? Ich bitte um Ihren Arm, Fräulein Gretchen.
Martha Parks: Ich werde mit Ihnen gehen, Herr Meister.
Herr Meister: Es wird mir ein großes Vergnügen sein, mein Fräulein.
Otto: Darf ich um die Ehre bitten, Fräulein Bella?
Dr. Albert: Fräulein Martha, Sie können wohl erraten, wohin Bruder Louis uns zuerst führen wird.
Martha Meister: Zu Nero?
Dr. Albert: Ganz recht.
Martha Meister: Ich dachte es. Ich sah seinem Auge die größte Ungeduld an.
Dr. Albert: Vielleicht ziehen Sie es vor, mein Fräulein, hier zu bleiben und meine Bibliothek zu besichtigen. -- Der größere Teil meiner Bücher ist allerdings noch in Kisten verpackt. Was Sie hier sehen, nenne ich meine Reise-Bibliothek; dieselbe enthält solche Werke, die ich stets gerne bei mir habe.
Hier sind die spanischen Werke.
Martha Meister: Calderon: {La vida es sueño.} -- Cervantes: {Don Quixote.}
Dr. Albert: Dieses hier sind die italienischen.
Martha Meister: Dante: {Divina Comedia.} -- Torquato Tasso: {Gerusalemme liberata.} -- Ariosto: {Orlando Furioso.}
Dr. Albert: Und nun kommen wir zu den französischen.
Martha Meister: Corneille: {Le Cid.} -- Racine: {Athalie.} -- Molière: {Tartuffe.}
Dr. Albert: Die deutschen stehen hier.
Martha Meister: Goethe: Wilhelm Meister, Faust. -- Schiller: Wilhelm Tell. -- Heine: Buch der Lieder.
Dr. Albert: Von den englischen halte ich nur ein Werk bei mir.
Martha Meister: Und das ist?
Dr. Albert: Sehen Sie hier?
Martha Meister: Shakespeare. -- Aber warum, Herr Doktor, halten Sie aus unserer kostbaren Litteratur, die doch wahrlich so reich ist, nur ein Werk?
Dr. Albert: Wenn ich Shakespeare habe, brauche ich kein anderes Buch mehr. -- Sehen Sie hier? -- Das ist alles, was ich bei mir habe in der griechischen Sprache.
Martha Meister: Homer's »Ilias«.
Dr. Albert: Geben Sie mir Homer und Shakespeare und ich will es schon eine Weile aushalten, allein auf einer Insel. -- Hier stehen einzelne Werke der lateinischen Sprache.
Martha Meister: Virgil's »Aeneis«.
Dr. Albert: Und die »Oden« von Horaz.
Martha Meister: Es muß herrlich sein, diese Werke in den Original-Sprachen lesen zu können, wie Sie es tun.
Dr. Albert: Das ist es allerdings; und ich denke, Jeder sollte sich bemühen, dasselbe zu tun. Glauben Sie mir, mein Fräulein: Das Reisen ist das vorzüglichste Mittel, die Menschen zu veredeln. Mit offnen Ohren und Augen zu reisen, mit den Menschen fremder Länder sprechen und arbeiten, -- die Sitten fremder Völker beobachten und vergleichen, -- das, mein Fräulein, mehrt unsere Kenntnisse und formt unsern Charakter --
Nächst dem Reisen aber ist das Lesen wohl das beste Mittel zur Bildung. Oder wissen Sie etwas Anderes, mein Fräulein, welches interessanter ist und belehrender, als das Reisen und das Lesen?
Martha Meister: Nein, gewiß nicht. Aber eins sollten wir nie vergessen, Herr Doktor, -- die Dankbarkeit und die Bewunderung für diejenigen Männer, welche uns die Mittel geben, uns zu veredeln. Wir sollten über die Geschöpfe niemals den Schöpfer vergessen.
Täglich danken wir ja dem himmlischen Schöpfer für die himmlischen Gaben; -- warum sollten wir nicht auch den irdischen Schöpfern danken für die irdischen Gaben?
Die idealen Werke eines Shakespeare sollten uns immer an den hohen Genius erinnern, der sie geschaffen, und andere Werke, wie Eisenbahnen und Telegraphen, sollten uns an die Dankbarkeit erinnern, die wir den praktischen Männern, den Männern der Wissenschaft, schulden.
Dr. Albert: Und sagen Sie auch das noch, mein Fräulein. -- Wenn wir mit Menschen fremder Nationen in ihrer Muttersprache reden, so sollen wir in Dankbarkeit der Männer gedenken, die uns den angenehmsten und kürzesten Weg gezeigt haben, das zu erreichen. -- Und darum bewundere ich Ihren Vater, mein Fräulein. -- Seine Methode ist für die Sprachen, was die Eisenbahn für das Reisen ist: sie macht den Weg kürzer und angenehmer.
Martha Meister: Ich danke Ihnen. -- Wissen Sie, Herr Doktor, daß ich noch keine Bibliothek gesehen habe, die so schön gebaut und eingerichtet war, wie die Ihrige?
Dr. Albert: Es macht mich glücklich, daß meine Bibliothek Ihren vollen Beifall hat, besonders, weil sie ganz mein Werk ist, das heißt, nach meinem Plane gebaut wurde.
Martha Meister: Aber ich dachte, dieser Teil Ihres Hauses wäre erst vor einem Monate beendet worden und vor Ihrer Rückkehr.
Dr. Albert: So ist es. Ich werde Ihnen das erklären: Vor etwa einem Jahre schrieb mein Vater nach Berlin unter anderm: .... »und nun habe ich Dir auch zu schreiben, daß wir, sobald das Wetter besser wird, die Seite unseres Hauses niederreißen werden, die nach dem Garten zu liegt, um sie schöner und größer aufzubauen.
Du hast auf Deiner Reise durch Europa gewiß schöne Privat-Bibliotheken gesehen; -- und ich würde Dir dankbar sein, wenn Du mir helfen wolltest. Du könntest mir nämlich den Plan zu einer Bibliothek schicken, die nicht zu groß und auch nicht zu klein ist.
Du weißt, ich liebe den Komfort; und finde ich dann etwas in Deinem Plane, was ich gebrauchen kann, so werde ich es gewiß nehmen u.s.w., u.s.w.«