Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series
Part 4
Otto: Ja, wahrlich, das ist es. -- Napoleon muß ich bewundern und achten; Bismarck muß ich bewundern und achten; -- aber unsern Washington muß ich bewundern, verehren und lieben.
Martha Parks: Ja, das thue ich auch, Otto!
Dr. Albert: Und daran thust Du auch ganz recht, mein Schwesterchen.
Otto: In Europa denkt und dichtet man viel über die Freiheit; wir aber denken und dichten und halten die Freiheit.
Bella: Aber Schiller ist doch wohl ein großer Poet, nicht wahr? --
Dr. Albert: Ja, mein Fräulein, der Sänger der Freiheit.
Bella: Sein Drama »Wilhelm Tell« ist sehr schön. Ich habe es zweimal gelesen.
Otto: Und haben Sie »Die Räuber« auch gelesen?
Bella: Die Räuber? -- Nein.
Dr. Albert: Das ist ein Stück für Dich, Louis.
Louis: Ich möchte es hören, Albert.
Dr. Albert: Otto, Du hast es gelesen. Willst Du es nicht erzählen? -- Das heißt, wenn es den Herrschaften angenehm ist.
Herr Meister: O, sicherlich. Wir hören mit Vergnügen zu. Beginnen Sie, Otto.
* * *
Der alte Graf von Moor hatte zwei Söhne, Karl und Franz von Moor. Am meisten liebte er Karl, den ältesten, und ihm gedachte er auch seinen ganzen Reichtum zu geben, -- Schloß und Land und alles. Daher kam es, daß der jüngere neidisch wurde und lange hin und her dachte, wie er alles aus den Händen des Bruders an sich reißen könnte, und so ging er eines Tages mit einem Briefe, welchen er selbst geschrieben hatte, zum Vater und begann: Mein Vater, ich habe wieder einen Brief erhalten aus Leipzig, ein Freund schreibt mir über Karl, es ist gar Übles; wollt ihr es hören?
Und der alte Vater sprach: Über meinen geliebten Sohn schreibt er? Lies es; was es auch sei, ich will es hören.
Nun las Franz dem unglücklichen Vater vor, was er Schlechtes ersonnen hatte. Des Vaters Auge füllte sich mit Thränen, und einmal nach dem andern rief er aus: O mein Sohn, warum kommst du nicht zurück zu mir an mein väterliches Herz und wirst wie ehemals ein guter, braver Mensch. Schreibe ihm das, Franz, schreibe es ihm.
Karl von Moor studierte auf der Universität zu Leipzig. Eines Tages, da er in seinem liebsten Buche, in Plutarch, gelesen und voll Begeisterung ausgerufen hatte: Ja, das waren Männer und große Zeiten! da sprach Spiegelberg, ein Kamerad, zu ihm: Was hindert uns denn, Großes zu tun? Komm, Moor, laß uns Räuber werden! -- Karl aber sprach: Findest du Freude an dem Galgen, Mensch, so gehe nur.
Mehrere Studenten kamen jetzt lärmend und singend zu ihm, und einer von ihnen brachte für Karl von Moor einen Brief. Wie aber waren alle erstaunt, da sie sahen, daß Karl den Brief, den er mit Freude empfangen und geöffnet hatte, voll Zorn zur Erde warf und dann selbst hinaus zur Thüre rannte. Man fürchtete Unglück und nahm den Brief vom Boden und las das Folgende:
»Unglücklicher Bruder! Der Vater sagt, daß ich dir schreibe, er fluche dir und enterbe dich und befehle dir, niemals wieder vor sein Angesicht zu kommen, denn er mag den Sohn nicht sehen, der seinem Namen und seiner Familie Schande bringt.
Dein trauriger Bruder Franz.«
Bald kam Karl zurück. Er trat in ihre Mitte und sprach dann mit lauter Stimme: Freunde, Kameraden, was für eine Welt ist das, in der wir leben, das Gute und das Große ist nirgends mehr, nur das Schlechte und das Gemeine ist überall. Seht: ich hatte einen Vater, den ich liebte und der mir teuer war, und noch vor wenigen Tagen schrieb ich ihm und bat ihn, mir mein Unrecht zu vergeben; ah, ich hatte ihn gebeten mit Worten, die einen Stein erweicht hätten, -- aber des Vaters Herz blieb hart. Seht, Freunde, so ist mein eigner Vater, so und noch schlimmer sind die Menschen alle in diesen Tagen. Die Menschheit ist zu tief gesunken, wir wollen sie heben und das Schlechte und die Tyrannei wollen wir vernichten. Wer von euch steht mir bei? wer von euch hat den Mut, Tod und Untergang zu schwören aller Tyrannei?
Wir alle stehn dir bei und schwören! riefen sie.
Wohlan, so laßt uns Räuber werden!
Und alle schrien: So laßt uns Räuber werden, und Karl von Moor sei Hauptmann!
Franz aber verfolgte seinen teuflischen Plan. Ein Mann, den er selbst geschickt hatte, kam eines Tages zum alten Grafen Moor und sagte, daß er ein Kamerad seines Sohnes Karl gewesen sei und daß er nun komme, um dem Vater seines Sohnes Tod mitzuteilen. Der alte Vater hörte und glaubte es und wurde so unglücklich und so krank, daß man sein nahes Ende befürchtete. Seine Nichte Amalie war bei ihm und trauerte mit ihm; denn sie liebte Karl und sie las laut aus der Bibel die Geschichte Jakobs und Josephs vor, und als sie an Jakobs Worte kam: Mein graues Haupt wird mit Kummer in die Grube fahren -- da fiel der unglückliche Mann wie leblos zurück und Amalie schrie auf: Er stirbt, er stirbt! und alle dachten der Graf von Moor sei tot und jetzt wäre Franz Herr im Schlosse.
Karl von Moor befand sich jetzt an der Spitze einer großen Räuber-Bande in den böhmischen Wäldern. Er war zum Schrecken aller Tyrannen, aller Reichen und aller großen Herren geworden, welche Übles taten, -- den Armen, den Schwachen und den Bedrückten aber gab und half er. Eine neue Ordnung der Dinge wollte er schaffen und allen Menschen wollte er gleiche Rechte geben. Seine Ideen erfüllten seine Leute mit Begeisterung, und sie kämpften so mutig, daß sie immer siegten gegen des Königs Soldaten.
Es war am Abend nach einer solchen Schlacht, als Karl von Moor allein im Walde unter den Bäumen ruhte, daß er recht traurig wurde, da er über sein Leben nachdachte. Er hatte Glück verbreiten wollen -- und bis heute hatte er es nur vernichtet. Städte hatte er durch Feuer zerstört, Saaten und Felder hatte er in den Schlachten zerstampft und dann -- o, wie das Wimmern und Klagen der Witwen und Waisen in seinen Ohren ertönte! Ah, zu spät mußte er lernen, daß er einst zu schnell gehandelt hatte; zu spät mußte er sehen, daß es nicht eines Menschen Werk sei, für alle zu sorgen, daß Gott allein in seiner Allweisheit, in seiner Allmacht und in seiner Allgüte dieses vermag. O, wie wünschte er seine Jugend-Jahre zurück; o, wie wünschte er sein Leben noch einmal beginnen zu können, -- aber es war zu spät. -- Er wurde unterbrochen in seinen Gedanken, denn die Räuber führten einen Jüngling zu ihm. Karl betrachtete ihn lange, dann sprach er: Freund, mir scheint, daß ihr nobel seid. Ihr gefallt mir, darum sage ich euch: Haltet euch fern von uns, kehrt zurück zu den Menschen, da eure Hände noch rein sind vom Blute.
Der Jüngling aber sprach: Ich bin ein böhmischer Edelmann und hatte reiche Ländereien und schöne Schlösser und, um mein Glück voll zu machen, ein Mädchen, das mich liebte, und in wenigen Tagen sollte sie mein Weib sein. Da ließ mich der Fürst des Landes in das Gefängnis werfen -- ich hatte kein Unrecht begangen -- und endlich, da man mich nach Monaten wieder frei machte, fand ich meine Braut nicht mehr. Der Fürst hatte ihr gedroht, daß ich sterben müsse, wenn sie nicht sein werden wolle; und sie, die Unglückliche, hatte sich selbst geopfert, um mein Leben zu retten. Auch meine Güter hat man mir geraubt. Nun sagt, Herr Graf von Moor, was bleibt mir, als der Kampf um mein Recht? Laßt mich bei euch, einen Unglücklichen bei den Unglücklichen, denn auch ihr seid nicht glücklich, wie ich sehe. Und Moor sprach: Du magst bleiben.
Durch diese Erzählung aber war in Moor wieder der Wunsch erwacht, seine Heimat und seine Geliebte zu sehen, und er befahl: Auf, auf nach Franken!
Franz hatte nun alles erreicht, er hatte Reichtum und Herrschaft -- aber er war unglücklich, denn ihm fehlte die Ruhe im Innern. Mit bösen Gedanken hatte er begonnen und zu bösen Taten war er gekommen und tiefer und tiefer war er gesunken, so daß die Menschen ihn haßten und fürchteten, gleich wie er sie. Ein fremder Graf war in das Schloß gekommen. Niemand kannte ihn, aber Franz von Moor fürchtete ihn mehr als einen andern Menschen. Amalie aber mußte immer an Karl denken, sie wußte nicht warum; und da sie in dem Garten saß und zu ihrer Laute das Lied sang, welches Karl einst so liebte, hörte sie vom andern Ende des Gartens dieselben Worte und dieselbe Melodie. Sie wußte nun, wer der fremde Graf war.
Es war Nacht geworden, und Karl von Moor war wieder zurückgegangen in den Wald. Da sah er beim Mondenschein einen Mann an einen alten Turm gehen und er hörte auch Töne aus dem Innern des Turmes. -- In diesem Umstande vermutete er ein Geheimnis. -- Leise trat Moor hinzu, packte den Mann und sprach: Wer bist du und was thust du hier? Erbarmen, rief jener, Erbarmen, ich bringe Brot für einen Unglücklichen, der hier im Turme hungert. Mit seinem Schwerte öffnete Karl die Thüre, und aus der Tiefe des Turmes kam langsam und scheu, die Hände ringend und Erbarmen, Erbarmen! rufend, eine Figur. War es ein lebender Mensch, war es ein Skelett? Karl von Moor erkannte in dem alten Manne mit den langen, schneeweißen Haaren seinen eignen Vater!
Jetzt verstand Karl alles, sein Feind war auch seines Vaters Feind, des Vaters Unglück und sein eignes kam von einem allein. Und er rief seine Räuber und sprach:
Freunde, noch eins thut für mich, und dann will ich nichts mehr von euch bitten: Bringet hierher vor mich Franz von Moor!
Diese Nacht aber war wieder eine der schrecklichsten gewesen, wie sie Franz von Moor so oft erlebt hatte: er konnte nicht schlafen, denn er mußte an seine Sünden denken, und wenn er endlich eingeschlafen war, so hatte er die fürchterlichsten Träume, und so groß war seine Angst, daß er nicht allein sein wollte, daß seine Diener an seinem Bette wachen mußten. Nach langer Zeit zum ersten Male sandte er wieder in dieser Nacht zum Pastor; nach langer Zeit zum ersten Mal wollte er wieder beten und er begann:
Höre mich beten, Gott im Himmel, es ist das erste Mal, soll auch gewiß nimmer geschehen. Erhöre mich, Gott im Himmel! -- Franz hatte das Beten verlernt, und seine Angst und seine Verzweiflung war endlos. Als die Räuber in das Schloß stürmten, fanden sie Franz leblos auf der Erde -- er erwachte nie mehr.
Amalie hatte überall im Garten ihren Geliebten gesucht. Er war geflohen, sie folgte ihm in den Wald, sie sah ihn und das waren nach langer, langer Zeit die ersten und letzten Momente des Glückes.
Louis: Und wie war das Ende?
Otto: Das möchte ich Dir nicht sagen.
Louis: Aber das ist recht schlecht von Dir, Otto!
Dr. Albert: Dafür werde ich Dir ein Lied vorsingen aus den »Räubern«. -- Fräulein Martha Meister, wollen Sie mich nicht begleiten?
Martha Meister: Sehr gerne, Herr Doktor.
Dr. Albert (singt):
Ein freies Leben führen wir, Ein Leben voller Wonne; Der Wald ist unser Nachtquartier, Bei Sturm und Wind hantieren wir; Der Mond ist unsre Sonne.
* * *
Louis: Das gefällt mir, Albert. Nun erzähle mir noch ein wenig von Bismarck.
Dr. Albert: Auf der Universität in Berlin studierte ein junger Schwede. Dieser erhielt eines Tages einen Brief von seinem Onkel. Der Onkel schrieb: Mein lieber Neffe! -- Deine Cousine, meine Tochter, reist nach Ems in's Bad. In Berlin möchte sie einige Tage rasten und zugleich Berlin sehen. Willst du nicht die Güte haben, deine Cousine an der Post abzuholen und ihr Berlin zu zeigen u.s.w.
Die junge Dame kam an. Da stand der junge Mann mit einer Rose im Knopfloch. Er begleitete sie in das Hotel.
Am nächsten Morgen kam er mit einer feinen Equipage und zeigte der Dame Berlin und so tat er am zweiten und am dritten Tage.
Die Dame war glücklich über ihren galanten und aufmerksamen Vetter.
Am vierten Morgen begleitete er sie zurück zum Postwagen. Und die Dame saß schon, da sagte der junge Mann:
Cousine, ich kann Sie nicht abreisen lassen, ohne Ihnen ein Geständnis zu machen.
Die junge Dame errötete und schlug die Augen nieder.
Ich muß Ihnen sagen, sprach der junge Mann weiter, daß ich -- nicht ihr Cousin bin. Ihr Cousin ist mein Freund. Er hatte keine Zeit mit Ihnen zu gehen, weil er ein Examen zu machen hat; darum bat er mich, es zu tun.
Aber, mein Gott, wer sind Sie denn? rief die Dame.
Der junge Mann gab ihr seine Karte. Der Postillon bließ seine Trompete, der Postwagen rollte fort, und die junge Dame las auf der Karte -- Otto von Bismarck.
Seitdem waren Jahre verflossen. -- Aus dem jungen Bismarck wurde der alte, weltberühmte Bismarck, der in der Wilhelmsstraße in Berlin wohnt.
Da hielt eines Tages eine Equipage vor Bismarcks Palast, und eine alte, elegante Dame stieg aus, sandte ihre Karte zu dem mächtigen Kanzler des deutschen Reiches und bald stand sie vor ihm und sprach:
Als Eure Excellenz mich zuletzt sahen, war ich noch jung. Eure Excellenz sind seitdem groß und berühmt geworden und haben mich sicherlich vergessen. Ich hatte einst die Ehre, an ihrem Arme Berlin zu besichtigen.
Ah, rief Bismarck, ich erinnere mich dessen sehr wohl und bin Ihnen, Madame, zu großem Dank verpflichtet. Mein Leben war immer so voll Arbeit, daß ich nur einmal das Museum in Berlin sehen konnte, und das war mit Ihnen zu jener Zeit. -- Aber nun erlauben Sie mir, Sie einzuführen in meine Familie. --
Glückliche Stunden folgten darauf.
Martha Meister: Was mir an Bismarck so wohl gefällt, das ist ein Dreifaches: Seine warme Liebe zur Familie, zur Religion und zur Natur.
Dr. Albert: Da haben Sie auch ganz Recht, mein Fräulein. -- Ah, ich sehe, Louis ist noch nicht zufrieden.
Bismarck war Offizier geworden und mit seinen Kameraden stand er einst vor einem Wasser. Da hörten sie: Hilfe! Hilfe! aus dem Wasser. -- Zuerst von allen sprang Bismarck in die Tiefe, tauchte unter und rettete mit Not das Leben seines Dieners.
Dafür gab ihm der König eine Rettungs-Medaille, und das war Bismarcks erster Orden.
Und einst war Bismarck in Wien auf einem Diner der Diplomaten. -- Ah, wie da alles glitzerte und glänzte von Orden und Sternen in Gold und Silber -- und Bismarck hatte nichts, als jene Rettungs-Medaille.
Bismarck {vis-à-vis} saß ein gewaltiger Politiker Österreichs, dessen Brust nicht breit genug war für alle Orden, die er hatte.
Ei, Herr von Bismarck, was für einen Orden haben Sie denn da? fragte er sarkastisch.
Das ist eine Rettungs-Medaille, sagte Bismarck gleichgültig; -- es ist meine Gewohnheit, zuweilen einem Menschen das Leben zu retten.
Jahre vergingen, und auch Bismarck wurde groß; auch Bismarck erhielt Orden, mehr, als er tragen konnte, und er war schon viel größer, als der sarkastische Diplomat von Österreich.
Und wieder war er mit ihm auf einem Diner, und saß ihm gegenüber. Und wieder glitzerte des andern Brust von den vielen Sternen und wieder hatte Bismarck nichts als die Rettungs-Medaille; alle andern hatte er zu Hause gelassen.
Ei, sagte dieses Mal Bismarck, -- ei, Excellenz, welche Orden haben Sie denn da?
Und die Excellenz zählte die Orden an den Fingern; -- sie hatte nicht Finger genug!
Oh, sagte Bismarck, alle diese Orden habe ich auch. Aber haben Sie auch eine Rettungs-Medaille?
Die Excellenz errötete und antwortete nicht.
Louis: Siehst Du, Albert, das ist das beste, was ich von Bismarck gehört habe; sage mir doch, Albert, wie war Bismarck in der Schule?
Dr. Albert: Ich glaube, gut und fleißig.
Louis: So? -- Hm.
Dr. Albert: Besonders gern studierte er Geschichte.
Louis: Dann will ich auch Geschichte studieren. Erzähle mir noch eine; dann will ich Dich nicht mehr bemühen, Albert.
Dr. Albert: Als Bismarck noch ein junger Diplomat war, mußte er einst dem Minister-Präsidenten von Österreich einen Besuch machen.
Es war ein sehr heißer Sommertag. Der Herr Minister-Präsident saß vor einem offenen Fenster in den Hemd-Ärmeln und rauchte seine Cigarre.
Er ließ Bismarck lange in der Halle stehen, ohne Notiz von ihm zu nehmen. -- Bismarck hustete; -- aber der Herr Minister-Präsident wollte den jungen Mann immer noch nicht hören.
Da zog Bismarck seinen Rock ebenfalls aus, stellte einen Stuhl neben den des Minister-Präsidenten, nahm auch eine Cigarre aus der Tasche und sprach: Herr Minister-Präsident, darf ich Sie um etwas Feuer bitten? --
Der Minister-Präsident war starr vor Erstaunen.
Er warf seine Cigarre aus dem Fenster; Bismarck auch. Er stand auf; Bismarck auch. Er zog seinen Rock an; Bismarck auch -- und nun begann die Audienz.
Louis: Diese Anekdote ist noch besser, Albert!
Dr. Albert: So, Schwesterchen Martha, nun wollen wir gehen.
Herr Meister: Wenn Sie noch einen Augenblick verzögern wollten, so möchte ich Ihnen etwas erzählen, was mir soeben einfiel bei Ihrer letzten Anekdote.
Der Baron von Rothschild saß auch einmal in seinem Arbeits-Zimmer, als ein Herr hereintrat. -- Vertieft in seine Kalkulation, sagte der Baron zu dem Fremden:
Nehmen Sie einen Stuhl, bitte!
Aber ich bin der Graf von....
So? -- Dann nehmen Sie zwei!
Louis: Das war eine gute Antwort, Herr Meister. -- Nun müssen wir gehen.
Dr. Albert: Meine Herrschaften, es war mir sehr angenehm!
Martha Meister: Mama wird bedauern, verhindert gewesen zu sein.
Dr. Albert: Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Mama.
Martha Meister: Danke. -- Adieu, Martha; komm bald wieder zu uns.
Otto: Adieu, meine Damen! Herr Meister, Adieu!
Louis: Nun, Fräulein Bella, sind Sie zufrieden mit mir?
Bella: Ja, Sie sind ein Mann von Wort.
Louis: Adieu, meine Herrschaften!
Alle: Adieu!
III.
Martha Parks: Das ist ein schönes Märchen! Aber das Ende, Albert?
Dr. Albert: Es ist zu Ende. Hat es Dir gefallen, Martha?
Martha Parks: Sehr gut, Albert.
Dr. Albert: Das war eine liebe, gute Schwester, nicht wahr, Martha?
Martha Parks: Glaubst Du, Albert, daß es heute solche Schwestern giebt?
Dr. Albert: O ja. -- Schwestern sind heute so gut, wie früher. -- Nun aber möchte ich von Dir das Märchen hören. Willst Du es erzählen?
Martha Parks: O ja, das will ich: Da war eine Mutter, die hatte sieben Söhne und eine Tochter. -- Wenn die Knaben gespielt hatten im Garten oder im Walde, dann kamen sie immer hungrig nach Hause; -- und eines Tages standen sie wieder um ihre Mutter, welche ein Brot in der einen Hand hatte und ein Messer in der andern.
Gieb mir zuerst, Mutter! -- Gieb mir zuerst! -- riefen die Knaben wild durch einander. --
Wenn ihr doch alle Raben wäret! sagte unwillig die Mutter. -- Da waren die Knaben plötzlich verschwunden, und über dem Hause flatterten sieben Raben hin und her und kreischten: Rab! Rab! Rab!
O, meine Brüder! rief da die Schwester, -- und die arme Mutter weinte und jammerte. Aber das half nun nichts mehr. Die Raben flogen in den Wald.
Die Mutter hatte nun keine frohe Stunde mehr. Sie weinte Tag und Nacht -- und starb bald vor großem Schmerz, und da war das Mädchen ganz allein.
Tag für Tag aber ging sie in den Wald, sah nach allen Bäumen, sah nach allen Raben und rief ihre Brüder mit Namen, -- aber sie kamen nicht. Und wenn sie dann oftmals ohne alle Hoffnung war, dann setzte sie sich auf einen Baumstamm, bedeckte ihr Gesicht mit ihren weißen Händchen und weinte bitterlich.
So saß sie auch eines Tages da; und ihr Jammer war so groß, daß sie dachte, ihr Herz müsse brechen. Da hörte sie eine Stimme: Stille deine Thränen, gutes Mädchen! Wenn du sieben Jahre schweigen, -- nicht ein Wort sprechen und sieben Hemden spinnen willst, so sollst du deine Brüder wieder finden. -- Das Mädchen sah auf; -- und vor ihr stand ein Zwerg mit langem Silberbarte; der winkte ihr freundlich zu und -- verschwand.
Das Mädchen aber merkte seine Worte. Sie blieb im Walde, wohnte in einem hohlen Baume, sprach kein Wort und spann Flachs für die Hemden. -- So waren sechs Jahre vergangen, aber das siebente Jahr war noch nicht zu Ende.
Da kam einmal ein Prinz in den Wald. Er sah das liebliche Mädchen und dachte zuerst, sie wäre ein wirklicher Engel. -- Er sprach mit ihr; sie aber antwortete nicht; sie schüttelte nur mit dem Kopfe.
Armes Kind, sagte der Prinz zu seinen Dienern, -- sie ist stumm; aber sie ist schön. Keine Prinzessin der Welt kann schöner sein; -- und nahm sie mit sich in seinen Palast.
Der Prinz aber hatte eine Schwester, die war hart und grausam. -- Was willst du mit dem fremden Mädchen? fragte sie ihren Bruder. -- Ich werde sie mir zur Gemahlin nehmen, antwortete der Prinz. -- Diese Hexe deine Gemahlin? rief die Prinzessin. -- Ja, sie ist eine Hexe! Sie kann wohl sprechen; aber sie darf nicht und sie will nicht! -- Sage das nicht, Schwester, sprach der Prinz; -- sie ist gut, aber sie ist stumm. Armes Mädchen!
Die Prinzessin aber sprach zu allen Leuten, daß alle mit ihr dachten und sprachen: Ja, sie ist eine Hexe, und sie muß verbrannt werden; -- und ein Scheiterhaufen wurde errichtet und sie wurde dahin geführt.
Der Prinz küßte sie tausendmal und wollte sie nicht lassen. Er weinte, daß alle mitweinen mußten, die es hörten. Auch sie weinte und blickte hinauf zum Himmel; aber sie sprach kein Wort.
So ging sie und trug die sieben Hemden unter dem Arme und kam an den Scheiterhaufen und mußte hinauf steigen. -- Und da sie oben stand, wollte man das Feuer anzünden, -- und betend sah sie hinauf zum Himmel, -- -- da kamen sieben Raben und flogen und flogen um den Holzhaufen; denn in diesem Augenblicke waren die sieben Jahre zu Ende.
Sie warf einem jeden von den Raben ein Hemd zu, und da standen vor ihr sieben schöne Ritter.
Schwester! Treue, liebe Schwester! riefen alle. -- Da sind sie wieder, meine Brüder! rief sie. O, meine Brüder!
Alle erstaunten. Das Feuer wurde nicht angezündet. -- Sie erzählte ihre Geschichte, und der Prinz stieg auf den Scheiterhaufen. Engel! o mein Engel! rief er, -- und trug sie hinunter und führte sie in seinen Palast; und bald war sie sein Weib.
* * *
Albert, höre einmal! Was war das?
Dr. Albert: Bravo, -- Bravo?
Martha Parks: Wer ruft da Bravo? -- Ich werde die Thüre öffnen. -- Herr Meister!
Herr Meister: Verzeihung, meine kleine Freundin! Vergebung, Herr Doktor! Gegen unsern Willen sind wir Lauscher geworden.
Martha Meister: Nicht Lauscher, Papa, -- Zuhörer, -- Bewunderer. -- Ein kleines Auditorium für Martha.
Martha Parks: So habt Ihr alles gehört?
Gretchen: Das meiste, liebe Martha. -- Herr Otto wollte uns einführen, aber wir wollten Dich nicht unterbrechen. -- Wie schön Du das erzählt hast!
Martha Parks: Das kommt, weil ich dieses Märchen so liebe.
Bella: Ist dieses Ihre Bibliothek, Herr Doktor?
Dr. Albert: Hier ist meine Bibliothek, Fräulein, und Schwester Marthas Schule. Nicht wahr?
Martha Parks: Und Du bist mein Lehrer. O, ist das nicht komisch? Albert ist ein Lehrer!
Dr. Albert: Wissen Sie, meine Herrschaften, es macht mir unendliche Freude, meine kleine Schwester zu lehren. Sie ist so intelligent, und dabei ist diese Art zu lehren so höchst interessant für mich selbst.
Louis: Ja, ich habe Albert gesagt, daß er es machen sollte wie Sie, Herr Meister. Das ist die beste Methode in der Welt!
Herr Meister: Gemach, mein Freund Louis. Jeder Weg ist gut, wenn er uns zum Ziele führt, und der Weg, den wir gewählt haben, ist gewiß einer der angenehmsten. Was meinen Sie, Herr Otto?
Otto: Sicherlich, angenehm, interessant -- und vor allem gediegen; und auch Bruder Albert meint, das Halbe, das Einseitige und das Oberflächliche wäre unmöglich in Ihrer Methode.
Dr. Albert: Das sehe ich am Resultate. -- Allein über einen Punkt habe ich nun schon viel gedacht und bin jetzt noch nicht im Klaren?
Herr Meister: Und das wäre, Herr Doktor?
Dr. Albert: Die Grammatik.
Herr Meister: Ah, -- das dachte ich!
Dr. Albert: Wie haben Sie selbst es mit der Grammatik gehalten?
Herr Meister: In der folgenden Weise: Wenn meine Freunde Fehler im Sprechen oder Schreiben gemacht haben, so habe ich sie verbessert.
Dr. Albert: So sagte mir Louis. Allein ich sollte denken, das würde nicht genügen.
Herr Meister: Bei manchen Schülern genügt es, bei anderen nicht.
Dr. Albert: So machen Sie einen Unterschied bei den Schülern, wie ich sehe?