Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series

Part 2

Chapter 24,057 wordsPublic domain

Bella: Das war ein guter Gedanke von Dir, Martha. Ich wurde immer traurig, wenn ich an den langen Winter dachte. -- Anna nicht bei mir, -- und ich so allein. -- Nun aber beginnt die Sonne mir wieder zu scheinen. --

Martha Meister: Wer zur deutschen Gesellschaft gehören will, rufe: »Ich!«

Louis: Ich!

Bella: Und ich!

Otto: Ich!

Herr Meister: Und ich!

Martha Meister: Und ich! -- So wären wir fünf; und unsere teure Mama wird auch kommen; ich werde sie bitten, -- -- --

Bella: Und Gretchen auch.

Martha Meister: Gewiß, Gretchen kommt. Aber, -- wo ist Schwester Gretchen?

Bella: Sie ist da, -- in ihrem Zimmer. Pst! Hören Sie! Sie liest ihrer Mutter vor! Hören Sie:

Wenn der Frühling auf die Berge steigt Und im Sonnenstrahl der Schnee zerfließt, Wenn das erste Grün am Baum sich zeigt Und im Gras das erste Blümlein sprießt -- Wenn vorbei im Tal Nun mit einemmal Alle Regenzeit und Winterqual, Schallt es von den Höh'n Bis zum Tale weit: O, wie wunderschön Ist die Frühlingszeit!

Wenn am Gletscher heiß die Sonne leckt, Wenn die Quelle von den Bergen springt, Alles rings mit jungem Grün sich deckt Und das Lustgetön der Wälder klingt -- Lüfte lind und lau Würzt die grüne Au, Und der Himmel lacht so rein und blau, Schallt es von den Höh'n Bis zum Tale weit: O, wie wunderschön Ist die Frühlingszeit!

Bella: Sie deklamiert schön, nicht wahr, Otto?

Otto: Sehr schön, in der Tat. -- Ich glaube, das war ein Gedicht von Friedrich von Bodenstedt.

Bella: Gretchen kommt auch, das weiß ich. Aber wie ist es mit Ihrem Bruder, dem Herrn Doktor? Wollen Sie nicht mit ihm darüber sprechen?

Louis: O, Albert kommt, wenn ich ihn darum bitte; und _der_ kann die Gesellschaft unterhalten. -- O, der weiß Geschichten. Hören Sie nur! Gestern, vor Abend, sah er meine Pferde, und mein Nero ist, wie Sie wissen, mein bestes Pferd. -- Albert, sagte ich, Albert, was denkst Du über meinen Nero? -- Hat Feuer, nicht wahr? -- Ja, ja, den kann Niemand reiten, außer mir. So? sagt Albert und lächelt und nimmt mir die Zügel aus der Hand. Ich wollte ihn warnen; aber denkt nur, -- er sitzt schon auf. Nero bäumt sich, schlägt aus; -- aber mein Bruder drückt die Sporen fest in die Seiten, lenkt es und fliegt in wildem Galopp dahin. Nimm Dich in Acht, rufe ich ihm nach; nimm dich in Acht! Aber lächelnd winkt er mir mit seiner Rechten, reitet meinen Nero nach rechts und nach links, ganz wie ich selbst. Dann steigt er ruhig ab und sagt zu mir, der ich verwundert dastehe: Ja, ja, mein Lieber; man muß die Tiere verstehen und studieren, so gut wie die Menschen.

Und hast Du die Tiere denn auch studiert? frage ich ihn, -- und er nimmt mich am Arme und sagt: Komm mit mir dorthin, in jenen Busch; da können wir ruhen. Da will ich Dir etwas erzählen, das wird dir gefallen. -- Wir taten so und Albert begann:

Du weißt, mein lieber Louis, der Löwe ist König unter den Tieren, und es war im Monat Mai, es grünten die Felder, die Wiesen und Wälder, und überall in Bäumen, Büschen und Hecken war Leben. Da gab Nobel, der König, ein Fest. Alle waren gekommen von weiter Ferne: Isegrimm, der Wolf, Braun, der Bär, auch die anderen alle, und die Vögel, groß und klein. Einer war nicht da: Reineke Fuchs.

Und Isegrimm trat vor den Thron des Königs und sprach also: Wir alle haben dein Wort, o König, gehört und sind gekommen; es fehlet allein Reineke Fuchs. Niemals thut er deinen Willen. Mich hat der Böse übel behandelt, mein Weib hat er verhöhnt, und meine Kinder hat er geblendet mit bitterem Wasser. Da sind die armen Kindlein vor dir, o König, und fordern Recht.

Und Hündchen Wackerlos sprang vor den König und begann zu klagen; es sprach in feinen Worten; es sprach nur französisch. Und die Katze kam da auch mit neuen Klagen, und dann kam der Panther und sprach also:

Was Katze und Hund da sagen, will wenig bedeuten. Aber höret mich an; ich habe zu sprechen wider Reineke Fuchs. Da ich harmlos den Weg wanderte durch den Wald, hörte ich ein Weinen und Wimmern links im Gebüsch. Verwundert trete ich zur Seite und sehe: Reineke hält Lampe, den Hasen, an den Ohren und zauset ihn fürchterlich; und wäre ich nicht gekommen, -- Lampe wäre nun tot. Solches aber ist doch nicht recht in diesen Tagen des Friedens.

* * *

Reineke's Neffe aber, der Dachs, trat vor den König, gedankenvoll und lächelnd; denn er war ein Advokat, sehr gelehrt und schlau, und begann seine Rede also:

Mein König, es ist ein altes Sprichwort: »Ein Feind wird niemals Gutes von dir sagen.« Kein Wunder also, daß diese Herren Schlechtes reden wollen von Reineke, meinem teuern Onkel. Er selbst ist nicht hier; sonst würden sie wahrlich solches nicht wagen. Aber wer ist es, der hier auftritt zu klagen. Isegrimm, der Wolf? Hat der ein Recht dazu? Er, der so übel gehandelt an Reineke? -- Ich bitte, o König, höret, was ich jetzt sage:

Einmal war Freundschaft zwischen dem Wolfe und dem Fuchse; alle Beute wollten sie teilen nach Recht. Da kam eines Tages der Wolf und war sehr hungrig, -- und hungrig ist er ja immer -- zu meinem Oheim und verlangte zu essen. Ah, sagte freundlich mein Oheim, hier habe ich nichts. Aber da weiß ich ein fettes Schwein; das hängt nicht weit von hier beim Bauern; wenn ihr warten wollt vor dem Hause, so will ich es durch's Fenster werfen, aber gebt mir auch die Hälfte. Gewiß, sagte der Wolf, und beide gingen. Mein Oheim tat, wie er gesprochen, und warf die fette Beute hinunter durch das Fenster; doch, da er selbst zu essen verlangte, lachte der Wolf -- es war dieser Wolf, -- und sagte hämisch: Hier, mein Freund, wünsche guten Appetit -- und gab meinem Oheim das breite Stück Holz, woran das Schwein gehangen hatte. So teilt der Wolf. -- Aber das ist noch nicht alles.

Ein anderes Mal hatte er wieder großes Verlangen nach Fischen. Da kam er zum Fuchse. Und gut, -- wie Reineke ist, -- sprach er: Auf jener Straße kommt heute Nachmittag ein Mann von dem Strome; der bringt Fische in dem Wagen. Da können wir essen, -- und beide gingen zusammen.

Der Fuchs aber legte sich auf die Straße und lag ganz still, als wäre er tot. Der Fuhrmann kam und sah den toten Fuchs und freute sich nicht wenig. Er nahm ihn, warf ihn auf den Wagen und fuhr die Straße entlang. Mein Oheim aber, der Fuchs, warf die Fische vom Wagen herab auf die Straße. Es folgte der Wolf und fraß. Endlich sprang der Fuchs vom Wagen, ging zum Wolfe und wollte auch von den Fischen essen. Da sagte der Wolf: Nehmet, Reineke, nehmet; hier ist für euch, -- und gab ihm von den Fischen -- die Gräten. -- So handelt der Wolf. -- Soll ich noch mehr von ihm sagen? Nichts Gutes, o König, würdest du hören. --

Und wegen des Hasen! Es ist wahrlich zum Lachen, wie falsch der Panther gesehn hat. Wohl hatte mein Oheim den Hasen beim Ohre. Der Hase ist ja meines Oheims Schüler. Er war zu ihm gekommen und wollte lernen, die Psalmen zu singen. Nun aber hat der Hase kein feines Gehör und kann die Töne nicht lernen. Da verlor mein Oheim die Geduld und zauste den Hasen an den Ohren. -- Aber das ist doch wohl das Recht des Lehrers! -- Wo soll denn Ordnung sein, wenn nicht der Lehrer das Recht hat, die Ohren des Schülers zu zausen?

Nein, das muß ich hier sagen, hier vor dem König, daß mein Oheim ein frommes, gutes Leben führt und betet und fastet und seit Wochen kein Fleisch ißt, sondern Gras und Kräuter. Laßt ihn kommen, o König, vor euch selbst und sehet, ob es nicht also sei.

* * *

Reineke's Neffe hatte gesprochen, und der König hatte gehört. -- Da kam Henning daher, der Hahn; -- und hinter ihm trug man eine Henne ohne Kopf und Hals. Er selbst war traurig und er begann zu sprechen vor Nobel, dem König: Höret mich an, o König! -- Vor wenigen Tagen noch lebte ich still und glücklich inmitten meiner Familie. Da kam der Fuchs daher, als Mönch gekleidet. Die Hände gefaltet, mit den Lippen betend, blickte er aufwärts zum Himmel und sagte zu mir: Wisse, Freund Henning, der König hat befohlen, daß alle Tiere im Walde und auf dem Felde in Frieden leben und nicht wieder streiten oder einander töten in böser Feindschaft. Du siehst, ich selbst bin nun ein Mönch geworden und nichts hast du von mir zu fürchten, auch nicht deine Söhne und deine Töchter. So sprach der Fuchs und zeigte einen Brief mit großen Siegeln vom König. Mit Freude hörte ich alles und sagte es den anderen. Die sprangen hinaus vom sichern Hofe in das Feld, das Beste zu suchen in Busch und Wald. Doch kurz war das Glück, und traurig das Ende.

Der falsche Fuchs hatte sich hinter einer dichten Hecke versteckt und sprang hervor und mordete fürchterlich. Von allen meinen stolzen Söhnen und lieblichen Töchtern ist niemand geblieben. Die letzte hat er heute erwürgt, sie, die Unglückliche, die letzte meines Stammes. Also sprach Herr Henning und weinte bitterlich.

* * *

Nobel schüttelte unmutig sein königliches Haupt und sprach: Guter Henning, mit Trauer höre ich das Unglück, welches dich befallen hat. Mit allen Ehren wollen wir deine Tochter zu Grabe bestatten. Ich selber will dem Sarge folgen. Einen Marmorstein lasse ich auf ihr Grab setzen, und darauf soll man diese Worte lesen: »Hier ruht in Frieden: Kratzefuß, Hennings Tochter, die beste der Hennen. Legte viele Eier in's Nest und verstand gut zu scharren. Ach! hier liegt sie, durch Reinekens Mord den Ihren genommen.« -- Euch aber, ihr Herren, die hier versammelt sind, bitte ich: Beratet, wie fördern wir Recht und Frieden im Lande? -- So kam man denn überein, daß Braun, der Bär, auf Reinekens Schloß Malepartus gehen und ihn auffordern sollte im Namen des Königs, vor dessen Thron zu erscheinen, auf daß der König die Klage höre und Recht spreche und ihn strafe, wenn er ihn schuldig befände.

Und Braun ging und wanderte durch eine lange Heide und kam zuletzt nach Malepartus. Da hatte Reineke eine stattliche Burg gebaut, fest und stark gegen Feinde, mit vielen heimlichen Gängen, durch die er entschlüpfen könnte, wenn es nötig wäre. In den weiten und schönen Hallen aber lebte Reineke mit seiner Gemahlin und den beiden Söhnchen und sie aßen und tranken vom Besten und waren sorglos.

Da hörte er die rauhe Stimme des Bären, der also rief: Du sollst zum Könige kommen, Reineke, daß der König die Klage höre und Antwort gebe und Recht spreche; und daß er dich strafe, wenn er dich schuldig befindet. -- So du aber nicht kommst, wird er dich hängen lassen.

Der Fuchs hörte die Worte des Bären und sprach lächelnd zu sich selbst: Diesen rohen Gesellen will ich heimsenden, daß er noch lange an Reineke denke. -- Und alsbald ging er hinaus vor das breite Thor und sprach mit freundlicher Stimme zu Braun, dem Bären: Guten Tag, mein teuerster Oheim! Welche Ehre für mich, daß ihr selbst mich besuchet! Aber, was sehe ich? Wie seid ihr so erhitzt und voll Staub! -- Konnte der König niemand anders senden? -- Mußtet ihr gerade diese beschwerliche Reise machen? -- Seid ihr hungrig? -- Was giebt man euch doch! Ihr wisset, wir leben hier ärmlich und haben wenig Gutes. -- Honig können wir euch geben. Doch, ich weiß wohl, ihr esset niemals Honig.

Honig? rief der Bär erfreut. -- Nichts ist mir lieber, als Honig. O, gebet mir Honig!

Ist es wirklich wahr, sprach der Fuchs mit falscher Freude, esset ihr Honig so gern? Ei, davon kann ich euch geben. -- Wisset, nicht weit von hier wohnt Rüsteviel, der Bauer; der hat Honig, -- mehr, als ihr je gesehen.

So laß uns gehen, schrie der glückliche Bär und trabte voran, so schnell, wie er konnte.

* * *

Sie kamen auf Rüsteviels Hof. Das aber wußte der schlaue Fuchs, daß Rüsteviel auf seinem Hofe einen Baum spalten wollte und einen Keil hineingetrieben hatte. -- An dem einen Ende war der Baum offen und in dem andern Ende steckte der Keil. -- Den hungrigen Bären führte der Fuchs hierher und sagte gar freundlich zu ihm: Hier, teurer Oheim, möget ihr Honig essen. -- Doch esset nicht zu viel! Das rate ich euch, -- er ist gar süß.

Mit beiden Vorderfüßen zugleich sprang der Bär in die Spalte. Den Kopf steckte er bis über die Ohren hinein, nach Honig suchend.

Reineke aber war an dem andern Ende, zog mit aller Kraft an dem Keile; und es gelang ihm nach vieler Mühe, den Keil zu entfernen. -- Zusammen klappte der Baum, und Braun war gefangen.

Er schrie vor Schmerzen laut auf, bat den Fuchs um Hilfe. Der Fuchs aber lief und lachte und rief aus der Ferne: Wünsche guten Appetit, Herr Braun, guten Appetit!

Rüsteviel aber, geweckt durch das Geschrei des Bären, sprang aus dem Bette und nahm seine Axt und eilte auf den Hof. Da sah er den Bären und weckte alle Nachbarn.

Sie kamen eilends herbei; die Männer mit Stöcken und die Frauen mit Besen und alle schlugen auf den gefangenen Bären.

In der Verzweiflung aber reißt er sich los, läßt beide Klauen stecken von den Vorderfüßen und vom Gesichte die Haut. Laut schreiend vor Schmerz, rannte er unter die Bauern. Sie alle fliehen, die Weiber zumal; und eine von ihnen, eine Köchin, fiel in das Wasser des Baches. Das war des Bären Glück; denn, als man zum Bache rannte wegen der Köchin, konnte der Bär entkommen. -- Sein Elend aber war so groß, daß er sich ins Wasser stürzte, um zu sterben, denn zu groß waren die Schmerzen. -- Aber er schwamm den Bach hinunter und kam nach vielen Tagen zurück an den Hof des Königs.

Als Nobel, der König, ihn sah, rief er entsetzt: Großer Gott! Bist du das, Braun? Kaum kenn' ich dich wieder! Wer hat das getan?

Und als der König die Geschichte gehört hatte, sagte er zu den Herren um ihn: Ihr alle habt den unglücklichen Braun gehört. Höret nun auch meinen Willen: Ich bestimme, daß Hinze, der Kater, jetzt gehe zu Reineke. Du bist ein höflicher Mann, Hinze, und verstehst, in feinen Worten zu sprechen. Zu Reineke gehe und kehre bald wieder mit ihm.

* * *

Traurig ging der Kater, Reineke fürchtend. Und als er nach Malepartus kam, trat Reineke zu ihm heraus und sprach: Ah, sieh' einmal, Hinze! Kommst du zu mir? Das freut mich. Mit dir? Ja, mit dir will ich gehen; denn du bist ein feiner Mann; aber ich möchte nicht gehen mit dem rohen Bären; -- auch hatte ich Furcht vor ihm. -- Mit dir gehe ich gerne. Was aber kann ich dir geben zum Essen? Ach ja, -- Ich habe Honig, süß und gut, möchtest du wohl davon speisen?

Nein, sagte Hinze, ich mache mir nicht viel aus Honig; wenn du mir aber eine Maus geben wolltest, würde ich dir danken.

Issest du Mäuse so gern? rief verwundert der Fuchs. Mäuse kann ich dir geben in großer Menge in meines Nachbarn Scheune. Laß uns dahin gehen.

Und sie kamen in die Scheune des Nachbarn, des Predigers.

An der Seite der Scheune aber hatte Reineke gestern ein Loch gegraben und hatte dadurch des Predigers beste Henne gestohlen. -- Erzürnt darüber, hatte Martin, des Predigers Söhnchen, eine Schlinge gelegt an die innere Seite der Öffnung.

Alles das wußte der Schlaue und sprach mit falscher Freundlichkeit: Hinze, höret nur die Mäuse, wie sie pfeifen! So viele sind darin; man könnte sie nicht in zwei Wagen von dannen fahren. Hier ist das Loch, springt nur hinein!

Hinze aber fürchtete sich und fragte ängstlich: Meint ihr, Reineke, daß es sicher wäre, hinein zu gehn? --

Sicher, ganz sicher, mein lieber Hinze; spring nur zu. Während du mausest, will ich hier wachen für dich.

Und der Kater glaubte dem Falschen, sprang durch die Öffnung -- und schrie, schrie jämmerlich! -- denn er fühlte die Schlinge um den Hals, und sie preßte ihn arg.

Martinchen hörte das Schreien und jubelnd kam er gelaufen und rief: Ah, so hab' ich endlich den Dieb gefangen, der uns die Hühner stiehlt; und dann mißhandelte er den armen Hinze. Reineke freute sich dessen und glaubte, der Kater wäre nun tot. -- Aber er war noch entsprungen; blutig und einäugig zwar, -- doch hatte er das Leben behalten.

Jammernd kam er zurück zum Könige und klagte sein Leid.

Des Königs Herz entbrannte in gewaltigem Zorne, und er sprach mit Donner-Stimme: Ich sehe, dieser Reineke ist ein Frevler und verdient den Tod.

Aber Grimbart, der Dachs, kam wieder und sprach: Wollt ihr Reineke verdammen, bevor ihr ihn gesehen oder gehört? -- Lasset mich zu ihm gehen und, wahrlich, ich werde ihn bringen.

Und Nobel, der König, sprach: Thue nach deinem Worte.

* * *

Grimbart, der Dachs, machte sich nun auf den Weg und kam mit vieler Mühe zu seines Oheims Burg. Da klopfte er an die Pforte und rief mit lauter Stimme: Öffnet, Reineke; denn Grimbart ist es, Euer Neffe. Öffnet! Ich habe mit Euch zu reden.

Und Reineke öffnete willig die Thüre und führte den Neffen in das Innere der Burg zu seinem Weibe und seinen zwei Söhnen. Beide waren noch jung und sahen dem Vater sehr ähnlich, und der eine besonders war schlau.

Reineke aber sagte zu Grimbart: Ich weiß, warum du zu mir kommst.

Und denkst du nicht selbst, fragte wohlwollend der Neffe, daß es nun Zeit wäre, des Königs Willen zu tun und vor ihn zu kommen?

Wohl, versetzte Reineke. Heute bist du mein Gast. Ruhe von deiner beschwerlichen Reise; morgen aber gehe ich mit dir zum König.

Dann speisten sie alle zusammen; und dem Dachse gefiel es sehr gut in Reinekens Haus; denn Reineke war liebevoll mit seinem Weibe und zärtlich mit den Kindern. Und als es Nacht war, gingen alle zu Bette.

Am nächsten Morgen früh nahm Reineke Abschied und sagte zu seinem Weibe: Achte wohl auf die Kinder; lasse keines aus dem Hause; -- denn ich muß fort in Geschäften zum König und hoffe, recht bald wieder bei euch zu sein. Ihr aber, meine lieben Kinder, seid recht artig und höret auf eure Mutter. Dann bringe ich euch etwas Gutes mit von dem Könige; und dann ging er mit dem Neffen.

Auf dem Wege aber begann Reineke ernstlich zu denken und sprach zu seinem Neffen: Weißt du, Grimbart, daß ich beginne, des Königs gerechten Zorn zu fürchten? -- Denn ich bin schuldig, und vieles ist wahr, was die Feinde sagen von mir. Ich habe den plumpen Bären mißhandelt, des Königs Boten, und auch Hinze, den Kater. Ich habe dieses getan und noch viel mehr, was schlecht ist.

Ist es also? fragte traurig Grimbart. Dann bekenne mir offen deine Sünden und gelobe Besserung.

Und Reineke tat also. Dann sprach er: Nun ist mir das Herz viel leichter, und freier gehe ich zum Könige.

Es geschah aber, so oft sie an einen Bauernhof kamen, daß Reineke die Hühner haschen wollte. -- Und er hätte sie wahrlich getötet, wäre nicht Grimbart gewesen, der ihn immer warnte, sagend: Oheim, ich dachte, du wolltest dich bessern?

Ja, so ist es, rief dann der Fuchs. Ja, ja! Ich bin doch ein arger Sünder.

* * *

Endlich kamen sie an des Königs Hof; und schnell wurde es bekannt: Reineke, der Fuchs, ist angekommen.

Er aber ging leicht und frei durch die Straßen daher, als wäre er selber des Königs Sohn; grüßte, lächelte freundlich, und niemand sah die Furcht in seinem Herzen.

Dann trat er zum König. Majestätisch saß er auf seinem Throne, von den Großen und Nobeln umringt. Die meisten von diesen waren bittere Feinde des Fuchses. -- Dieser aber begann also zu reden:

Groß seid ihr, o König, und gerecht. Ihr höret alle, die Schuldigen und auch die Unschuldigen. Ihr könnt tun mit uns nach eurem Willen; denn unser Leben ist in eurer Hand. Nun aber wisset, o König, daß viele hier am Hofe sind, die mich hassen, weil ich euch treu bin.

Schweig, rief der König! Du schwätzest zu viel und ehrtest nicht die Boten, die ich dir sandte.

O König, da ist wahrlich niemand, der des Königs Wort höher hält, als ich, dein treuester Diener. Was aber kann ich dafür, wenn der Bär von den Bauern mißhandelt wird? Gefräßig ist der Bär, und ich habe ihn ernstlich gewarnt; er aber wollte nicht hören; -- und so war es auch mit Hinze, dem Kater.

Und so sprach Reineke immer. Wie viele der Feinde auch kamen und gegen ihn auftraten, -- er wählte die Worte so wohl, er sprach so frei, daß man glauben mußte, er wäre ganz schuldlos und jene wären die Schuldigen.

Zuletzt aber kamen ehrbare Männer, wohlbekannt; und ihr Wort galt viel -- gegen diese konnte Reineke nicht sprechen, und der König fällte das Urteil: Reineke Fuchs soll sterben. Bindet ihn und führet ihn hinaus zu dem Galgen.

Als Reinekens Freunde dieses hörten, waren alle von Herzen betrübt und verließen unwillig den Hof des Königs. Nobel aber sah es nicht gern, daß so viele edle Männer seinen Hof verließen.

Reineke aber hatte nur wenig Mut; und als er gebunden unter dem Galgen stand, dachte er: Wenn der König mir nur noch einmal erlauben wollte zu sprechen, so hätte ich noch Hoffnung, mein Leben zu erhalten.

Und er drehte sich nun zu dem Volke, das gekommen war, sein Ende zu sehen. Und er sprach zum König, der finster da saß neben seiner Gemahlin. Auf diese besonders blickte der Schlaue, denn er kannte ihr weiches Herz, und sprach:

Nur noch einmal, o König, gebet mir das Wort, bevor ich diese schöne Erde verlasse. Meine Sünden will ich offen bekennen, daß alle es hören zur Warnung.

Als die Königin diese kläglichen Worte vernahm, sah sie mit bittenden Augen den König an, und dieser sagte: Wohlan denn, so sprich!

* * *

Da wurde Reinekens Seele viel leichter und er begann:

Vor euch allen hier bekenne ich es offen: Ich habe viel und schwer gesündigt im Leben. Jung hatte ich begonnen zu stehlen und zu rauben unter den Hühnern und Gänsen und Lämmern und Ziegen. Aber da ich später ein Freund des Wolfes wurde und er mich lehrte, so wurde ich viel schlimmer. Wenn wir zusammen ausgingen auf Raub und Mord, nahm er immer das Größte für sich und oft alles; und ich hätte hungern müssen, wenn ich nicht einen Schatz für mich vergraben hätte.

Einen Schatz? unterbrach ihn der König. Sprachst du von einem Schatz?

Ich sprach von einem Schatz. So viel rotes, scheinendes Gold saht ihr nie zuvor. In vielen Wagen kann man es nicht bringen. Und Edelsteine und Ringe und Ketten so schön, wie sie die Königin wohl noch nie gesehen. Aber was nützt mir nun alles, da ich den Tod vor Augen sehe? -- Mit dem Schatze aber war es so: --

Mein Vater war, wie ihr alle wohl wisset, sehr schlau. -- Auf einer langen Reise hatte er den Schatz des Königs Emmrich entdeckt. Aber er hatte wenig Freude daran, denn er hielt ihn vergraben am heimlichen Orte. So aber habe ich selbst ihn gefunden. Einst, in einer stürmischen Nacht, -- der Regen fiel in Strömen, der Donner rollte und Blitz auf Blitz zuckte, -- da sah ich meinen Vater spät aus seinem Hause kommen und scheu sich umsehen nach allen Seiten. -- Mich aber hatte er nicht gesehen; denn ich war versteckt. Ich wunderte mich, ihn so spät und in solchem Wetter ausgehen zu sehen und folgte ihm.

Der Weg war lang; bergauf und bergab. -- Endlich machte mein Vater Halt, sah sich noch einmal um; und da er niemand bemerkte, scharrte er eine Öffnung in die Erde mit den Pfoten und starrte lange hinein und freute sich sehr.

Da war ich sehr neugierig. Doch lag ich stille und rührte mich nicht. Lange nachdem mein Vater wieder fort war, ging ich zum Baume und tat, wie mein Vater zuvor. -- O, Herrlicheres hatte ich niemals gesehen an Reichtum! -- Dieselbe Nacht und die folgenden arbeitete ich schwer, das Gold zu entfernen.

Und wohl hatte ich daran getan, -- das fand ich später; denn ich rettete so euer Leben, o König.

Du lügst! schrie der König.

Wie könnte ich, sagte der Fuchs, wie könnte ich jetzt lügen vor meinem Tode? Was würde es mir helfen? -- und dabei richtete der Arge die Augen zum Himmel.

Die Königin aber war ängstlich geworden, als sie das hörte vom Leben ihres Königlichen Gemahls, und sie sagte zum König: O, lasset ihn hierher kommen, daß wir näheres hören und euch vielleicht vor Unglück bewahren.

Dessen freute sich der Fuchs von Herzen und auf den Wink des Königs trat er herab vom Galgen und gerade vor den König und die Königin und sprach weiter also: