Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series

Part 17

Chapter 173,571 wordsPublic domain

Arthur: Ich will mit meiner Frau sprechen; Ottilie und Luise sind Freundinnen. Verlaß dich darauf, meine Ottilie bringt alles wieder in Ordnung. Ich will jetzt zu ihr gehen.

Rudolf: Ich werde hier warten auf dich.

Arthur: Sehr wohl. (Ab.)

* * *

*Dritte Scene.*

=Rudolf erst allein, dann Sergeant.=

Rudolf: =(Am Fenster stehend, sieht hinaus auf die Berge und singt für sich halblaut.)=

Nimm das Leben leicht, Nimm das Leben leicht; Nimm es leicht, Nimm es leicht! Tra-la-ra'-la-ra. Tra-la'-la. La-l la'-la La-la'.

=(Ein Sergeant der Polizei nähert sich ihm.)=

Sergeant: Ich bedauere, Sie stören zu müssen in Ihrem guten Humor!

Rudolf: Und Sie wünschen?

Sergeant: Ich wünsche nichts -- ich befehle.

Rudolf: Oho --

Sergeant: -- befehle Ihnen, mir zu folgen.

Rudolf: Dazu verspüre ich durchaus keine Lust.

Sergeant: Das glaube ich. Leute von Ihrer Sorte folgen mir niemals gern.

Rudolf: Mann, wissen Sie wohl, mit wem Sie reden?

Sergeant: Ja, mit einem von der Bande, die --

Rudolf: Bande?

Sergeant: -- welche nun lange genug unsere Stadt unsicher gemacht hat.

Rudolf: Aber wissen Sie denn nicht, daß ich ....

Sergeant: Wir wissen alles; wir wissen, daß Sie heute Morgen bei einer Dame eingebrochen sind, sie berauben, sie morden, und wer weiß, was sonst noch wollten; also --

Rudolf: Wa -- was -- heute Morgen -- Dame -- so -- aber, mein lieber Sergeant, das war ein Mißverständnis -- eine Zerstreuung -- ich versichere --

Sergeant: Versichern Sie das später lieber dem Richter -- jetzt folgen Sie mir.

Rudolf: Aber ich sage Ihnen doch, daß ich Ihnen nicht folgen werde, nicht folgen kann. Ich -- ich bin auf meiner Hochzeits-Reise -- und eher --

Sergeant: Still, Freund! =(er pfeift, worauf mehrere Polizisten eintreten)= -- ergreifet ihn!

Rudolf: Was? mich? Wagt es -- ich bin auf meiner Hochzeits-Reise -- =(während des Tumults, der entsteht, indem die Polizisten Rudolf ergreifen und fesseln, kommen Kellner und Gäste von allen Seiten und zuletzt auch Luise. Als sie Rudolf gebunden unter den Polizisten erblickt, schreit sie laut auf, eilt auf ihn zu und umklammert ihn.)=

Luise: Rudolf --! Was ist hier geschehen?

Rudolf: Aus Verzweiflung, daß --

Luise: Ein neues Unglück? -- O, alles kommt durch mich, durch meine Schuld -- es ist meine Schuld, meine Schuld alleine; =(sie wendet sich flehend zu den Leuten)= o, helfet mir, ihr guten Leute! =(sie erblickt den Baron von Sellen, der mit seiner Gattin am Arme erscheint.)= O, Herr Baron, helfen Sie meinem Gatten, er ist unschuldig!

Baron von Sellen: Ist jener da Ihr Gatte, der heute Morgen bei meiner Frau eingebroch... -- höre mal, meine liebe Elisabeth, -- jetzt aber, glaube ich, hast du einen Mißgriff gemacht: das ist ja der Gemahl dieses jungen, allerliebsten Weibchens, das ich heute Morgen so erschreckt habe durch -- meinen Einbruch. Herr Sergeant, meine Gattin nimmt ihre Klage zurück; nicht wahr, Elisabeth?

Frau Baronin von Sellen: Ja, sonst möchte jene junge Frau mir meinen Gatten verhaften lassen -- es war nur ein Irrtum, Herr Sergeant.

Arthur =(erscheint mit Ottilie in Eile)=: Eine Depesche an Rudolf!

Rudolf: Luise, öffne sie doch schnell für mich.

Luise =(liest laut)=: »Liebe Luise! Ring ist gefunden, sende ihn dir mit deinem Hute.

Antonie.«

Rudolf: Hurrah, der Hut kommt nach.

Luise: Und mein Ring ist gefunden, Ottilie! mein Ring, mein Ring!

Rudolf: Aber, Kinder, nun bindet mich doch los, ich muß doch meine Frau umarmen! So --

=(singend):=

Nimm das Le'ben leicht, Nimm das Le'ben leicht; Nimm es lei'cht, -- Nimm es lei'cht! Tra--la--ra'--la--ra-- Tra--la'--la Tra--l'la'--la La--la'.

Nun aber, Luischen, beginnen wir unsere Hochzeits-Reise!

Die Gäste alle: Viel Vergnügen und Glück auf den Weg!

* * *

Alle: Bravo, bravo!

Dr. Albert: Otto und Louis, meine Brüder, reicht mir Eure Hände. Ich gratuliere Euch und auch mir selbst. --

Alle: Und wir alle gratulieren herzlich.

Herr Meister: Das ist vorzüglich, vorzüglich, -- ah!

Bella: Und ich überreiche Ihnen, Herr Otto, einen Lorbeer-Kranz.

Martha Parks: Und ich Dir, mein lieber Bruder Louis!

Otto: Meine teuren Freunde. Obwohl wir, Bruder Louis und ich, uns Mühe gegeben haben, dieses kleine Spiel recht gut zu machen, so wissen wir doch, daß wir diese enthusiastische Aufnahme Ihrer Freundschaft schulden. Wir fühlen es und wissen es wohl zu schätzen und danken Ihnen mit unserm ganzen Herzen. Und ich bin sicher, wir handeln ganz auch im Sinne der Damen, wenn wir diese Kränze, unsern ersten Lorbeer, mit dem Manuskripte der Komödie vereint, unserm Herrn Meister überreichen als ein Zeichen unserer Freundschaft, als ein Zeichen unserer Dankbarkeit und als ein Zeichen unserer hohen Achtung. Wir bitten Sie, Herr Meister, nehmen Sie beides von uns an.

Herr Meister: Meine Freunde, das Herz ist mir tief gerührt, und mein Auge strömt über von Thränen der Freude. Sie machen mich glücklich, meine Freunde, und ich nehme, was Sie mir reichen, als teures Andenken an die frohen Stunden, die wir zusammen verlebt haben, und als ein Zeichen der Hoffnung für die glückliche Zeit, welche wir noch vor uns haben. --

Frau Meister: Und sie wird kommen, mir sagt es das Herz.

Herr Meister: Dem durfte ich immer trauen und ihm traue ich auch jetzt. Gewiß, teure Freunde, noch andere glückliche Tage werden folgen, und wenn wir auch scheiden müssen, laßt uns immer denken an die Worte des Sängers:

Es ist bestimmt in Gottes Rat, Daß man vom Liebsten, was man hat, Muß scheiden; Wiewohl doch nichts im Lauf der Welt Dem Herzen ach, so sauer fällt Als Scheiden, als Scheiden!

Nur mußt du mich auch recht verstehn, Ja recht verstehn, Wenn Menschen aus einander gehn, So sagen sie: Auf Wiedersehn, Ja, Wiedersehn!

* * *

Alle: Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn!

_Anhang._

Inhalt des Anhangs.

Seite

Der Hand-Schuh 307

Die Bürgschaft 309

Ritter Toggenburg 314

Der Alpen-Jäger 316

Gefunden 318

Erl-König 319

Der Fischer 320

Die wandelnde Glocke 321

Der Kaiser und der Abt 322

Das Gewitter 328

* * *

Räuber-Lied 331

Krambambuli 333

Blau blüht ein Blümelein 336

Gebet während der Schlacht 338

Wenn die Schwalben heimwärts ziehn 341

Jäger-Leben 347

Lorelei 351

Es ist bestimmt in Gottes Rat 355

*Der Hand-Schuh.*

Vor seinem Löwen-Garten Das Kampf-Spiel zu erwarten, Saß König Franz, Und um ihn die Großen der Krone, Und rings auf hohem Balkone Die Damen in schönem Kranz.

Und wie er winkt mit dem Finger, Auf tut sich der weite Zwinger, Und hinein mit bedächtigem Schritt Ein Löwe tritt Und sieht sich stumm Rings um, Mit langem Gähnen, Und schüttelt die Mähnen Und streckt die Glieder Und legt sich nieder.

Und der König winkt wieder, Da öffnet sich behend Ein zweites Thor, Daraus rennt Mit wildem Sprunge Ein Tiger hervor. Wie der den Löwen erschaut, Brüllt er laut, Schlägt mit dem Schweif Einen furchtbaren Reif Und recket die Zunge, Und im Kreise scheu Umgeht er den Leu, Grimmig schnurrend, Drauf streckt er sich murrend Zur Seite nieder.

Und der König winkt wieder, Da speit das doppelt geöffnete Haus Zwei Leoparden auf einmal aus, Die stürzen mit mutiger Kampf-Begier Auf das Tiger-Tier; Das packt sie mit seinen grimmigen Tatzen Und der Leu mit Gebrüll Richtet sich auf, da wird's still; Und herum im Kreis, Von Mord-Sucht heiß, Lagern sich die greulichen Katzen.

Da fällt von des Altans Rand Ein Hand-Schuh von schöner Hand Zwischen den Tiger und den Leun Mitten hinein.

Und zu Ritter Delorges, spottender Weis' Wendet sich Fräulein Kunigund: »Herr Ritter, ist eure Lieb' so heiß, Wie ihr mir's schwört zu jeder Stund, Ei, so hebt mir den Hand-Schuh auf!«

Und der Ritter, in schnellem Lauf, Steigt hinab in den furchtbar'n Zwinger Mit festem Schritte, Und aus der Ungeheuer Mitte Nimmt er den Hand-Schuh mit keckem Finger.

Und mit Erstaunen und mit Grauen Sehen's die Ritter und die Edel-Frauen, Und gelassen bringt er den Hand-Schuh zurück. Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde, Aber mit zärtlichem Liebes-Blick -- Er verheißt ihm sein nahes Glück -- Empfängt ihn Fräulein Kunigunde. Und er wirft ihr den Hand-Schuh in's Gesicht: »Den Dank, Dame, begehr ich nicht!« Und verläßt sie zur selben Stunde.

*Die Bürgschaft.*

(_Damon und Phinthias._)

Zu _Dionys,_ dem Tyrannen, schlich _Damon,_ den Dolch im Gewande; Ihn schlugen die Häscher in Bande, »Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!« Entgegnet ihm finster der Wüterich. -- »Die Stadt vom Tyrannen befreien!« »Das sollst du am Kreuze bereuen.«

»Ich bin,« spricht jener, »zu sterben bereit Und bitte nicht um mein Leben; Doch willst du mir Gnade geben, Ich flehe dich um drei Tage Zeit, Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit; Ich lasse den Freund dir als Bürgen: Ihn magst du, entrinn' ich, erwürgen.«

Da lächelt der König mit arger List Und spricht nach kurzem Bedenken: »Drei Tage will ich dir schenken; Doch wisse, wenn sie verstrichen, die Frist, Eh' du zurück mir gegeben bist, So muß er statt deiner erblassen, Doch dir ist die Strafe erlassen.«

Und er kommt zum Freunde: »Der König gebeut, Daß ich am Kreuz mit dem Leben Bezahle das frevelnde Streben; Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit, Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit; So bleib' du dem König zum Pfande, Bis ich komme zu lösen die Bande.«

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund Und liefert sich aus dem Tyrannen; Der andere ziehet von dannen. Und ehe das dritte Morgen-Rot scheint, Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint, Eilt heim mit sorgender Seele, Damit er die Frist nicht verfehle.

Da gießt unendlicher Regen herab, Von den Bergen stürzen die Quellen, Und die Bäche, die Ströme schwellen, Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab, Da reißet die Brücke der Strudel hinab, Und donnernd sprengen die Wogen Des Gewölbes krachenden Bogen.

Und trostlos irrt er an Ufers Rand; Wie weit er auch spähet und blicket Und die Stimme, die rufende, schicket, Da stößet kein Nachen vom sichern Strand, Der ihn setze an das gewünschte Land, Kein Schiffer lenket die Fähre, Und der wilde Strom wird zum Meere.

Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht, Die Hände zum Zeus erhoben: »O hemme des Stromes Toben! Es eilen die Stunden, im Mittag steht Die Sonne, und wenn sie niedergeht, Und ich kann die Stadt nicht erreichen, So muß der Freund mir erbleichen.«

Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut, Und Welle auf Welle zerrinnet, Und Stunde an Stunde entrinnet. Da treibet die Angst ihn, da faßt er sich Mut Und wirft sich hinein in die brausende Flut Und teilt mit gewaltigen Armen Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

Und gewinnt das Ufer und eilet fort Und danket dem rettenden Gotte; Da stürzet die raubende Rotte Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort, Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord Und hemmet des Wanderers Eile Mit drohend geschwungener Keule.

»Was wollt ihr?« ruft er, vor Schrecken bleich, »Ich habe nichts, als mein Leben, Das muß ich dem Könige geben!« Und entreißet die Keule dem nächsten gleich; »Um des Freundes willen erbarmet euch!« Und drei, mit gewaltigen Streichen, Erlegt er, die andern entweichen.

Und die Sonne versendet glühenden Brand, Und von der unendlichen Mühe Ermattet, sinken die Kniee. »O, hast du mich gnädig aus Räubers-Hand, Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land, Und soll hier verschmachtend verderben, Und der Freund mir, der liebende, sterben!«

Und horch! da sprudelt es silberhell, Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen, Und stille hält er, zu lauschen; Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell, Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell, Und freudig bückt er sich nieder Und erfrischet die brennenden Glieder.

Und die Sonne blinkt durch der Zweige Grün Und malt auf den glänzenden Matten Der Bäume gigantische Schatten; Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn, Will eilenden Laufes vorüber fliehn, Da hört er die Worte sie sagen: »Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.«

Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß, Ihn jagen der Sorge Qualen, Da schimmern in Abend-Rots Strahlen Von ferne die Zinnen von Syrakus, Und entgegen kommt ihm Philostratus, Des Hauses redlicher Hüter, Der erkennet entsetzt den Gebieter:

»Zurück! du rettest den Freund nicht mehr, So rette das eigene Leben! Den Tod erleidet er eben. Von Stunde zu Stunde gewartet' er Mit hoffender Seele der Wiederkehr, Ihn konnte den mutigen Glauben Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.« --

»Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht, Ein Retter, willkommen erscheinen, So soll mich der Tod ihm vereinen. Des rühme der blut'ge Tyrann sich nicht, Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht, Er schlachte der Opfer zweie Und glaube an Liebe und Treue!«

Und die Sonne geht unter, da steht er am Thor Und sieht das Kreuz schon erhöhet, Das die Menge gaffend umstehet; An dem Seile schon zieht man den Freund empor, Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor: »Mich, Henker!« ruft er, »erwürget! Da bin ich, für den er gebürget!«

Und Erstaunen ergreifet das Volk umher, In den Armen liegen sich beide Und weinen vor Schmerzen und Freude. Da sieht man kein Auge thränenleer, Und zum Könige bringt man die Wunder-Mär'; Der fühlt ein menschliches Rühren, Läßt schnell vor den Thron sie führen.

Und blicket sie lange verwundert an. Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen, Ihr habt das Herz mir bezwungen; Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn; So nehmet auch mich zum Genossen an! Ich sei, gewährt mir die Bitte, In eurem Bunde der dritte.«

*Ritter Toggenburg.*

»Ritter, treue Schwester-Liebe Widmet euch dies Herz; Fordert keine andre Liebe, Denn es macht mir Schmerz. Ruhig mag ich euch erscheinen, Ruhig gehen sehn. Eurer Augen stilles Weinen Kann ich nicht verstehn.«

Und er hört's mit stummem Harme, Reißt sich blutend los, Preßt sie heftig in die Arme, Schwingt sich auf sein Roß, Schickt zu seinen Mannen allen In dem Lande Schweiz; Nach dem heil'gen Grab sie wallen, Auf der Brust das Kreuz.

Große Taten dort geschehen Durch der Helden Arm; Ihres Helmes Büsche wehen In der Feinde Schwarm; Und des Toggenburgers Name Schreckt den Muselmann; Doch das Herz von seinem Grame Nicht genesen kann.

Und ein Jahr hat er's getragen, Trägt's nicht länger mehr; Ruhe kann er nicht erjagen Und verläßt das Heer; Sieht ein Schiff an Joppe's Strande, Das die Segel bläht, Schiffet heim zum teuren Lande, Wo ihr Atem weht.

Und an ihres Schlosses Pforte Klopft der Pilger an; Ach, und mit dem Donnerworte Wird sie aufgetan: »Die ihr suchet, trägt den Schleier, Ist des Himmels Braut, Gestern war des Tages Feier, Der sie Gott getraut.«

Da verlässet er auf immer Seiner Väter Schloß, Seine Waffen sieht er nimmer, Noch sein treues Roß, Von der Toggenburg hernieder Steigt er unbekannt, Denn es deckt die edeln Glieder Härenes Gewand.

Und erbaut sich eine Hütte Jener Gegend nah, Wo das Kloster aus der Mitte Düstrer Linden sah; Harrend von des Morgens Lichte Bis zu Abends Schein, Stille Hoffnung im Gesichte, Saß er da allein.

Blickte nach dem Kloster drüben, Blickte stundenlang Nach dem Fenster seiner Lieben, Bis das Fenster klang, Bis die Liebliche sich zeigte, Bis das teure Bild Sich in's Tal herunter neigte, Ruhig, engelmild.

Und dann legt' er froh sich nieder, Schlief getröstet ein, Still sich freuend, wenn es wieder Morgen würde sein. Und so saß er viele Tage, Saß viel Jahre lang, Harrend ohne Schmerz und Klage, Bis das Fenster klang.

Bis die Liebliche sich zeigte, Bis das teure Bild Sich in's Tal herunter neigte. Ruhig, engelmild. Und so saß er, eine Leiche, Eines Morgens da; Nach dem Fenster noch das bleiche Stille Antlitz sah.

*Der Alpenjäger.*

Willst du nicht das Lämmlein hüten? Lämmlein ist so fromm und sanft, Nährt sich von des Grases Blüten, Spielend an des Baches Ranft. »Mutter, Mutter, laß mich gehen, Jagen nach des Berges Höhen!«

Willst du nicht die Herde locken Mit des Hornes munterm Klang? Lieblich tönt der Schall der Glocken In des Waldes Lust-Gesang. »Mutter, Mutter, laß mich gehen, Schweifen auf den wilden Höhen!«

Willst du nicht der Blümlein warten, Die im Beete freundlich stehn? Draußen ladet dich kein Garten; Wild ist's auf den wilden Höhn! »Laß die Blümlein, laß sie blühen! Mutter, Mutter, laß mich ziehen!«

Und der Knabe ging zu jagen, Und es treibt und reißt ihn fort, Rastlos fort mit blindem Wagen An des Berges finstern Ort; Vor ihm her mit Windes-Schnelle Flieht die zitternde Gazelle.

Auf der Felsen nackten Rippen Klettert sie mit leichtem Schwung, Durch den Riß gespaltner Klippen Trägt sie der gewagte Sprung; Aber hinter ihr verwogen Folgt er mit dem Todes-Bogen.

Jetzo auf den schroffen Zinken Hängt sie, auf dem höchsten Grat, Wo die Felsen jäh versinken Und verschwunden ist der Pfad. Unter sich die steile Höhe, Hinter sich des Feindes Nähe.

Mit des Jammers stummen Blicken Fleht sie zu dem harten Mann, Fleht umsonst, denn loszudrücken Legt er schon den Bogen an; Plötzlich aus der Felsen-Spalte Tritt der Geist, der Berges-Alte.

Und mit seinen Götter-Händen Schützt er das gequälte Tier »Mußt du Tod und Jammer senden,« Ruft er, »bis herauf zu mir? Raum für alle hat die Erde; Was verfolgst du meine Herde?«

*Gefunden.*

Ich ging im Walde So für mich hin, Und nichts zu suchen Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich Ein Blümchen stehn, Wie Sterne leuchtend, Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen, Da sagt es fein: Soll ich zum Welken Gebrochen sein?

Ich grub's mit allen Den Würzlein aus, Zum Garten trug ich's Am hübschen Haus.

Und pflanzt' es wieder Am stillen Ort; Nun zweigt es immer Und blüht so fort.

*Erl-König.*

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind; Er hat den Knaben wohl in dem Arm, Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -- Siehst, Vater, du den Erl-König nicht? Den Erlen-König mit Kron' und Schweif? -- Mein Sohn, es ist ein Nebel-Streif. --

»Du liebes Kind, komm, geh mit mir! Gar schöne Spiele spiel' ich mit dir; Manch' bunte Blumen sind an dem Strand, Meine Mutter hat manch' gülden Gewand.«

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht, Was Erlen-König mir leise verspricht? -- Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind; In dürren Blättern säuselt der Wind. --

»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn? Meine Töchter sollen dich warten schön; Meine Töchter führen den nächtlichen Reih'n Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort Erl-Königs Töchter am düstern Ort? -- Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau; Es scheinen die alten Weiden so grau. --

»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt.« -- Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an! Erl-König hat mir ein Leid's getan! --

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind, Er hält in Armen das ächzende Kind, Erreicht den Hof mit Müh' und Not; In seinen Armen das Kind war tot.

*Der Fischer.*

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, Ein Fischer saß daran, Sah nach dem Angel ruhevoll, Kühl bis ans Herz hinan. Und wie er sitzt und wie er lauscht, Teilt sich die Flut empor; Aus dem bewegten Wasser rauscht Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm: Was lockst du meine Brut Mit Menschen-Witz und Menschen-List Hinauf in Todes-Glut? Ach wüßtest du, wie's Fischlein ist So wohlig auf dem Grund, Du stiegst herunter, wie du bist, Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht, Der Mond sich nicht im Meer? Kehrt wellenatmend ihr Gesicht Nicht doppelt schöner her? Lockt dich der tiefe Himmel nicht, Das feuchtverklärte Blau? Lockt dich dein eigen Angesicht Nicht her in ew'gen Tau.

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, Netzt' ihm den nackten Fuß; Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll, Wie bei der Liebsten Gruß. Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm; Da war's um ihn geschehn: Halb zog sie ihn, halb sank er hin, Und ward nicht mehr gesehn.

*Die wandelnde Glocke.*

Es war ein Kind, das wollte nie Zur Kirche sich bequemen, Und Sonntags fand es stets ein Wie, Den Weg ins Feld zu nehmen.

Die Mutter sprach: die Glocke tönt, Und so ist dir's befohlen, Und hast du dich nicht hingewöhnt, Sie kommt und wird dich holen.

Das Kind, es denkt: die Glocke hängt Da droben auf dem Stuhle. Schon hat's den Weg in's Feld gelenkt, Als lief' es aus der Schule.

Die Glocke Glocke tönt nicht mehr, Die Mutter hat gefackelt. Doch welch ein Schrecken hinterher! Die Glocke kommt gewackelt.

Sie wackelt schnell, man glaubt es kaum; Das arme Kind im Schrecken, Es läuft, es kommt, als wie im Traum; Die Glocke wird es decken.

Doch nimmt es richtig seinen Husch, Und mit gewandter Schnelle Eilt es durch Anger, Feld und Busch Zur Kirche, zur Kapelle.

Und jeden Sonn- und Feier-Tag Gedenkt es an den Schaden, Läßt durch den ersten Glocken-Schlag, Nicht in Person sich laden.

*Der Kaiser und der Abt.*

Ich will euch erzählen ein Märchen, gar schnurrig: Es war 'mal ein Kaiser; der Kaiser war kurrig. Auch war 'mal ein Abt, ein gar stattlicher Herr; Nur schade! sein Schäfer war klüger, als er.

Dem Kaiser ward's sauer in Hitz' und in Kälte: Oft schlief er bepanzert im Krieges-Gezelte; Oft hatt' er kaum Wasser zu Schwarz-Brot und Wurst; Und öfter noch litt er gar Hunger und Durst.

Das Pfäfflein, das wußte sich besser zu hegen, Und weidlich am Tisch und im Bette zu pflegen; Wie Vollmond glänzte sein feistes Gesicht. Drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nicht.

Drob suchte der Kaiser am Pfäfflein oft Hader Einst ritt er, mit reisigem Krieges-Geschwader, In brennender Hitze des Sommers vorbei. Das Pfäfflein spazierte vor seiner Abtei.

»Ha,« dachte der Kaiser, »zur glücklichen Stunde!« Und grüßte das Pfäfflein mit höhnischem Munde; »Knecht Gottes, wie geht's dir? Mir däucht wohl ganz recht, Das Beten und Fasten bekommen nicht schlecht.

Doch däucht mir daneben, euch plage viel Weile. Ihr dankt mir's wohl, wenn ich euch Arbeit erteile. Man rühmet, ihr wäret der pfiffigste Mann, Ihr höret das Gräschen fast wachsen, sagt man.