Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series

Part 16

Chapter 163,859 wordsPublic domain

Dr. Albert: Das ist herrlich! -- Hier vor uns der klare, liebliche See und dort in bläulicher Ferne die kräftigen Rücken der Berge, die höher und höher hinter einander sich türmen. O, mein Fräulein, daß Sie die Freude dieses Augenblickes fühlen könnten wie ich!

Martha Meister: Ich fühle sie, Herr Doktor; o -- hören Sie -- Gesang.

Dr. Albert: Das ist Bruder Louis Stimme -- er kommt. Wie hübsch das Echo dazu schallt.

Louis (singt):

»Im Wald und auf der Heide Da such' ich meine Freude, Ich bin ein Jägers-Mann, Ich bin ein Jägers-Mann. Halli halloh, halli halloh, Ich bin ein Jägers-Mann.«

Oho -- Ihr seid schon hier? Ich dachte, ich wäre der erste. -- Albert, Albert, wo warst Du nur? Bestes Fräulein, warum waren Sie nicht bei uns? So herzlich haben wir lange nicht gelacht. Dieser Heinrich von Halsen, o, das ist der lustigste Mensch von der Welt!

Dr. Albert: Sagte ich es nicht: »Kennt ihn nur erst!« -- Aber so, wie seit wenigen Tagen, habe ich ihn selbst niemals zuvor gesehen. Ein neues Leben ist über ihn gekommen; das haben wir allein der kleinen Zauberin, Ihrer Schwester Gretchen, zu danken. Mit vollem Herzen brachte ich ihr daher gestern in Gegenwart aller meinen Tribut dar.

Martha Meister: Und wie glücklich Sie meine teure Schwester und mich selbst machten durch die feine Manier, mit der Sie es taten. Sie ....

Louis: Da kommen sie -- hierher alle, alle hierher! Herr Meister und Frau Meister, Herr von Halsen und Fräulein Gretchen, Otto und Fräulein Bella und Schwesterchen Martha, -- hierher, hierher!

Herr Meister: Hier ist die Grotte; nun sagt mir einmal, wie gefällt sie Euch?

Frau Meister: Wie schön, wie schön sie ist!

Otto: Wissen Sie auch, meine Herrschaften, daß dieses ein Lager-Platz der Indianer war?

Bella: Wirklich?

Otto: Diesen See nannten sie den »Fischreichen.«

Martha Parks: Indianer? Hu -- wenn sie mit einem Male hinter jenem Felsen hervorsprängen -- mir grauset es!

Louis: Laß sie nur kommen, Schwester, laß sie nur -- ich bin bei Dir -- ha, wie ich wünsche, die Rot-Häute zu sehen!

Dr. Albert: Louis, hast Du wirklich so großes Verlangen, die Indianer zu sehen!

Louis: Ein unbeschreiblich großes Verlangen!

Dr. Albert: Gut, so komme mit mir.

Louis: Was --? Mit Dir?

Dr. Albert: Mit mir und meinem Freunde Heinrich nach dem Westen.

Bella: } Louis: } Nach dem Westen? Martha Parks: }

Otto: Du -- Ihr -- geht nach dem Westen?

Dr. Albert: O stille, Freunde -- Ordnung! Ich habe jetzt mit Euch zu sprechen. Aber erst nehmet Platz. So -- seid Ihr alle bequem? Nun, dann werde ich meine Enthüllungen mit dem heutigen Briefe unseres teuren Vaters beginnen; ich werde nur einen Teil und zwar in deutscher Übersetzung lesen:

»-- Dein letztes Schreiben wurde mir von der lieben Mutter überreicht, als ich von meiner langen und mühsamen Reise zu ihr und zu den lieben Verwandten zurückkehrte. Die Mama war betrübt wegen Deines Entschlusses und sie bedauerte die Jahre, welche Du im Studium der Medizin verbracht habest und welche nun nutzlos geworden seien. Aber sie ist wieder beruhigt, völlig beruhigt, da sie sieht, wie ich selbst mich über Dich freue, ja, mein Sohn, mich freue von ganzem Herzen. -- Es war Dein Wunsch vor Jahren, den Beruf eines Arztes zu wählen, und ich wollte Deinem Lebens-Glücke nicht hindernd entgegentreten, unterdrückte meine eignen Neigungen in dieser Sache und ließ Dich gewähren.

Mir selbst aber war von meinem seligen Vater, dem lieben ehrwürdigen Greise, dessen Du Dich vielleicht noch erinnerst aus frühen Kinder-Jahren, -- ich sage, mir war von ihm eine solch' hohe Verehrung für den Ackerbau eingeflößt worden, daß ich es stets als ein hohes Ziel meines Lebens betrachtete, Land-Wirtschaft zu betreiben, Land-Wirtschaft in großartigem Stile.

Meine Jahre sind mir in anderer Beschäftigung verflossen, und erst vor wenigen Wochen konnte ich an die Ausführung meines Lieblings-Planes ernstlich denken. Ich reiste nach dem fernen, fernen Westen -- und bin jetzt zurückgekehrt. Große, endlose Strecken Landes habe ich durch Ankauf zu meinem Eigenthum gemacht. Der jungfräuliche Boden ist fruchtbar und eben, und nur in einem Teile erheben sich Hügel und Berge, die mit den besten Holz-Arten bedeckt sind. Die Seen und die Ströme sind reich an Fischen und auch tief und im Stande, große Schiffe zu tragen. Eben dachte ich darüber nach, mich mit fähigen Männern in Verbindung zu setzen, die mir beistehen sollten, diesen neuen Teil unseres Landes für die Kultur zu gewinnen -- da kam Dein Brief, mein Sohn, mir wie eine Himmelssendung und brachte mir Deinen und Deines Freundes Entschluß. Und da dachte ich denn, daß Deine und Deines Freundes Energie und Intelligenz und meine eigene, verbunden mit den Erfahrungen eines bewegten Lebens, dazu unsere Mittel und unser guter Wille genügen sollten, um vorwärts zu kommen in unserm großen Werke. Meinst Du nicht auch so? Ich werde nun wieder zurückeilen zu Euch, um dann mündlich ....« &c. &c.

Louis: So wirst Du ein Farmer, Doktor Albert Parks?

Dr. Albert: Ein Farmer werde ich, ganz recht; ein Farmer, welcher Strecken Landes der Wildnis entreißt und sie fruchtbar macht und gesund und schön für die Menschen zum Bewohnen; ein Fabrikant, der Fabriken errichtet und die Produkte, welche die Fläche und das Innere der Erde erzeugt, verwendet und Tausenden von Familien Arbeit, reichliche Nahrung und Komfort verschafft; -- ein Kaufmann, welcher die Erzeugnisse des Landes auf fremden Markt versendet und gegen andere fremde Produkte eintauscht -- das, das wird meine und meines Freundes Aufgabe für die kommenden Jahre sein.

In der freien Gottes-Natur und auch da, wo das Geräusch der Maschinen am betäubendsten und die Regsamkeit der Menschen am lebhaftesten ist -- da, da bin ich am liebsten, da befinde ich mich am wohlsten und da schaffe ich am meisten und am besten. So dachte mein Groß-Vater, so denkt auch mein Vater, so denkt mein Freund und so denke auch ich. Den heiligen, stillwirkenden Beruf des Arztes aber sollen Männer üben mit stillem, sinnigem Wesen. -- Jetzt, meine Freunde, versteht Ihr mich, will ich hoffen; jetzt wißt Ihr, warum ich nachts so viel über Pläne von Bauten und Maschinen studierte und so viel kalkuliert habe; jetzt wißt Ihr, warum mein Freund Heinrich herüber zu uns gekommen ist, und jetzt wißt Ihr auch meine sorgenvollen Blicke zu deuten -- ach, konnte ich wissen, daß alles, alles so gut, so wunderbar gut kommen würde? Ja, alles hat sich zum besten gewandt; ist es nicht so, Heinrich?

Herr von Halsen: So ist es, Albert, in der Tat, nur eine ist hier, die da weint, unsere liebe kleine Martha. Sage mir, Martha, warum weinest Du?

Frau Meister: } Gretchen: } Martha: } Warum weinest Du, Martha? Bella: }

Martha Parks: Nun geht Albert wieder fort von uns!

Dr. Albert: Liebe, süße, gute Schwester, noch gehe ich ja nicht, und wenn ich auch gehe, ich komme gewiß bald wieder.

Herr von Halsen: Komm zu mir, liebe Martha, komm, Du wirst bald wieder froh werden -- ein klein wenig Geduld nur -- -- meine Herrschaften, ich habe die Ehre, Ihnen hier zwei junge Autoren vorzustellen, die Herren Otto und Louis Parks. Sie werden uns mit einem neuen Lustspiel erfreuen, es ist ihr erstes Lustspiel. Um uns Vergnügen zu bereiten, haben sie sich, wie ich selbst bezeugen kann, viel Mühe gegeben, und ich bitte Sie in ihrem Namen um Nachsicht und um die Erlaubnis, es vorlesen zu dürfen.

Frau Meister: Welch' freudige Überraschung!

Herr Meister: Eine Komödie in der Tat?

Herr von Halsen: Zuvor aber muß ich den beiden Herren meinem Versprechen gemäß einiges mitteilen über die Aussprache des Deutschen.

Ich hatte das Glück, bei meinem Studium der deutschen Sprache Herren als Lehrer zu haben, welche besonders großen Wert auf eine reine, vollkommene Aussprache legten. Fürchten Sie nicht, meine Damen, daß ich zu lange sprechen werde; von den vielen, vielen Regeln werde ich für diesen Moment nur einige der wichtigsten wählen.

Vor allem sprechen Sie mit den Lippen -- gebrauchen Sie die Lippen viel und zwar so, daß die äußeren Ränder sich berühren; doch immer sei die Form des Mundes schön.

Im Deutschen haben wir zwei Arten von >a<.

Denken Sie einmal, Sie wären im Theater und Sie wären etwas zu frühe gekommen. Die Lichter sind klein und es ist noch recht dunkel; mit einem Mal wird das Haus voll erleuchtet und von der Gallerie tönt wie aus einem Munde ein überraschendes >a----h!<

Das ist genau das deutsche lange >a<, das >a< mit dem Hauch, mit der Aspiration.

Das zweite >a< aber ist das >a<, das Sie beim Lachen hervorbringen: ha ha, ha ha ha. Dieses ist das kurze >a<, es entsteht durch den Druck, durch Pression.

Gehaucht wird das >a< (lang) vor _einem_ Konsonanten, hervorgepreßt (kurz) aber vor _zwei_ Konsonanten.

>A< ist gehaucht in >sage<, >habe<, >male<, >Knabe<, Vater<; denn >a< >ist vor _einem_ Konsonanten.

>A< wird hervorgepreßt in >halte<, >lasse<, >danke<, kalt<, >Satz<; >denn >a< ist vor _zwei_ Konsonanten.

So haben wir auch zwei >e<, ein gehauchtes und ein gepreßtes; gehaucht vor _einem,_ aber gepreßt vor _zwei_ Konsonanten. So haben wir zwei >i<, zwei >o<, zwei >u<, zwei >ä<, zwei >ö<, zwei >ü<.

Das deutsche >au< gleicht dem englischen {'ou'} in {'mouse', 'house'}. Das deutsche >äu< und >eu< dem englischen {'oy'} in {'boy', 'annoy'}. Das deutsche, >ei< dem englischen {'i'} in {'idle', 'fine'}.

Wollen Sie das deutsche >ü< oder >ö< aussprechen, so formen Sie die Lippen so, als wollten Sie pfeifen; und gebrauchen Sie die Oberlippe mehr, so entsteht das >ü< und lautet wie {'u'} im Französischen {'rue'}; gebrauchen Sie die Unterlippe mehr, so entsteht das >ö< und lautet wie das französische {'eu'} in {'amateur'} -- aber bei dem >ü< ist die Öffnung des Mundes noch kleiner, als beim >ö<; >ä< lautet ähnlich dem Tone, den das Lämmchen hervorbringt in >bl----ä<.

Hüten Sie sich, das deutsche >u< zu sprechen wie Sie es tun im englischen Worte {'use',} das ist nicht deutsch und klingt unschön. Sprechen Sie das >u< wie {'oo'} in {'moon'.}

Im Deutschen trennen wir Silben nicht wie im Englischen. Im Englischen sagen Sie {'Jan--uary',} im Deutschen sagen wir >Ja--nuar<; im Englischen sagen wir {'min-ute',} im Deutschen sagen wir >Mi--nu--te<.

Im Deutschen beginnen wir die Silben mit Konsonanten, wo immer es tunlich ist. Also, >sa--ge<, nicht >sag--e<; wir sprechen >ma--len<, aber nicht >mal--en<; >hö--ren<, nicht >hör--en< und >schrei--ben<, nicht >schreib--en<.

Der Accent bei >sage< ist auf >sa<, nicht auf >ge<; in >malen< auf >ma< und nicht auf >len<; sprechen Sie >*sa*'ge, *ma*'len, *hö*'ren, *schrei*'ben<.

Sprechen Sie in diesen Wörtern die erste Silbe recht energisch und schön aus und dehnen Sie die letzte nicht lang.

Im Englischen ist man oft geneigt, im Satze, das Pronomen besonders zu betonen; im Deutschen zieht man das Verbum vor, z.B. {'*I* understand you';} aber >Ich *verste'he* Sie.<

Ein Wort, welches zusammengesetzt ist aus einer Präposition und einem Verbum, hat den Accent auf der Präposition: *vor*'sprechen, *ab*'schreiben, *auf*'stehen, *unter*'gehen, *aus*'arbeiten, *bei*'stehen, *mit*'sprechen, *nach*'sehen &c. &c.

Wörter, zusammengesetzt aus zwei Substantiven, haben den Accent auf dem ersten Worte, z.B. *Haus*'-Thüre, *Sprach*'-Lehre, *Winter*'-Hut, *Herzens*'-Freude.

Viele von den Konsonanten werden im Deutschen ausgesprochen, wie im Englischen.

Das >g< ist wie das {'g'} in {'go',} und das >g< sollte stets so ausgesprochen werden, ob am Anfang oder am Ende. Nur in seltenen Fällen und nur da, wo der Wohlklang (die Euphonie) es verlangt, sollte es ein wenig sanfter gesprochen werden, doch niemals am Anfang. -- Man hüte sich vor den Extremen!

In einem Teile Deutschlands spricht man das >r< mit dem Gaumen, wie die Franzosen es tun; in einem andern bringt man das >r< mit der Zunge hervor, wie man es tut in der englischen Sprache, -- und so ist es am besten.

Das deutsche >s< sei sanft wie das englische {'s'} -- denn so ist es am schönsten; ein >ss<, (doppeltes >s<) sei stark.

>St< wird von vielen Deutschen wie s und t gesprochen, ganz wie das englische {'st'} in {'stone', 'star', 'strong', 'string'.}

Von vielen aber wird es gesprochen wie >scht<; also nicht >S--t--ein< sondern >Schtein<; nicht >S--t--ern< sondern >Schtern<; nicht >s--t--ark< sondern >schtark<.

In den besten Theatern Deutschlands gilt die letzte Aussprachs-Weise; die größten und besten Gesangs-Lehrer Deutschlands lassen nur >Schtern<, >Schtock<, >schtark<, niemals >S--t< aussprechen beim Singen.

>V< ist wie >F< und >F< wie >V<.

>W< kommt dem englischen {'v'} ziemlich nahe -- und ich bitte Sie, sprechen Sie doch das deutsche >w< niemals wie das englische {'w'}.

>Z< ist >ts<; also >zanken< wie >tsanken<, >Zahlen< wie Tsahlen<, >>Zorn< wie >Tsorn<.

Jetzt kommt das >ch< -- das ist leicht. -- Kennen Sie den eigentümlichen Ton, den die Gans hervorbringt? -- sehen Sie, so -- nun, das ist das deutsche >ch< bei dem Vokale >e<, wie in >recht<; bei dem Vokale >i<, wie in >ich<, (ja nicht isch!!!); bei >ä<, wie in >Mächte<; bei >ö<, wie in >möchte<; bei >ü<, wie in >Bücher<, >züchte<; bei >ei<, wie in >reich<, >leicht<; bei >eu<, wie in >Leuchte< und in >euch<.

>Ch< wird mit dem Gaumen hervorgebracht (Guttural) bei den Vokalen >a<, >o<, >u< und >au< -- in >ach<, >Nacht<, >hoch<, >mochte<, >suche<, >Bruch< und >Rauch<.

Sprechen Sie besonders die Anfangs-Konsonanten aller Silben energisch und schön aus.

Bitte, beachten Sie stets das Gesetz der Schönheit! Der Mensch mit einem Gefühle für das Schöne wird auch seine Sprache, die höchste eigne Errungenschaft des Menschen-Geistes, schön sprechen. Und dann wollen Sie vor allem bedenken, daß die deutsche Sprache auf demselben Boden entsprossen ist, auf welchem die göttliche Musik Beethovens erstand. Und nun kommt noch eine, meine letzte Regel. Sprechen Sie das Deutsche recht langsam, leicht und elegant und ziehen Sie die Worte nicht zusammen, sonst könnte es Ihnen ergehen wie jener Sängerin, da sie den »Erlkönig« von Goethe öffentlich vortrug; sie kam an die Stelle:

»Dem Vater grauset's; er reitet geschwind, Er hält in den Armen das ächzende Kind --«

und sang: »Er hält in den Armen da--sächzende Kind.« Lautes Lachen erfolgte, denn alle hatten verstanden »Er hält in den Armen das 16te Kind.« Ich bin zu Ende -- Otto, Sie haben das Wort.

Otto: Die folgenden Personen werden in dieser Komödie vor Ihnen erscheinen: Luise und Ottilie, Rudolf und Arthur, etwas später dann ein Sergeant von der Polizei mit Polizisten, auch der Herr Baron von Sellen mit seiner Gemahlin Elisabeth, und dann viele andere Personen, Gäste eines großen Hotels, in dessen Empfangs-Zimmer sich das Ganze abspielt.

Luise ist die junge Gemahlin Rudolfs; gestern hatten sie Hochzeit gehalten und waren dann am Nachmittage abgereist und am Abend im Hotel angekommen. Am folgenden Morgen dann trafen, wie vorher brieflich bestimmt war, sich die befreundeten Paare. Luise und Ottilie treffen zuerst und allein zusammen, und später so auch die Herren.

Die erste Scene beginnt also mit der freudigen Begegnung zwischen Luise und Ottilie. -- Willst Du zu lesen beginnen, Louis?

Louis: Sehr wohl, ich beginne:

* * *

*Erste Scene.*

=Luise -- Ottilie.=

Luise: Ach -- Ottilie!

Ottilie: Aber, Luise!

Luise: Ottilie, -- ich bin unglücklich!

Ottilie: Wie du mich erschrickst -- du unglücklich? beste, liebste, Luise, -- unglücklich am Tage nach der Hochzeit -- nein, nein es kann, es darf nicht sein; -- aber so weine doch nicht in einem fort. Was ist dir denn, so sprich, so sprich doch nur, ich bitte dich, liebe Luise!

Luise: Es begann nach meiner Trauung. Alles war so schön gegangen und da ich vom Altare trete, um an Rudolfs Arm zurückzukehren und die Menschen erblicke, welche da Kopf an Kopf in der Kirche stehen, da kommt eine -- eine Verwirrung über mich und -- o -- Ottilie -- ich -- verlor meinen Trauring.

Ottilie: Das ist schlimm!

Luise: O, es ist ein entsetzliches Unglück. Als ich nach Hause kam, merkte ich es erst. -- Nur meine Mutter weiß es und unser alter treuer Diener. Überall haben sie gesucht, jeden Stein haben sie umgedreht -- umsonst -- er ist fort und niemals finde ich ihn wieder, niemals, niemals!

Ottilie: Und Rudolf?

Luise: Er weiß noch nichts. Als wir nachmittags abreisen wollten und bereits im Wagen saßen, bemerke ich gerade noch, daß mir mein neuester und gerade mein schönster Hut fehlte, du weißt ja -- der dir so besonders gefiel. Ich bitte Rudolf, in das Haus zu eilen und ihn mir zu bringen. Er geht -- und bleibt entsetzlich lange aus. Endlich, da ich vor Ungeduld beinahe vergehe, kommt er wieder -- denke dir, kommt wieder ohne meinen Hut und lacht so laut und so fürchterlich, daß er kein Wort zu sprechen vermag, lacht konvulsivisch; und je mehr ich bitte, je mehr ich weine, desto lauter lacht er. Das ist der Anfang unserer Reise -- er in der einen Ecke und lacht, daß ich meine, er habe den Verstand verloren, und ich in der andern Ecke und weine, daß mir schier das Herz vergehen will. Endlich kommen wir hier an im Hotel. Da eile ich in mein Zimmer und schließe mich ein ganz allein und durchweine die Nacht.

Ottilie: Und Rudolf?

Luise: Ist der herzloseste, leichtsinnigste Mensch von der Welt, aber ich habe ihn auch vor meiner Thüre klopfen lassen -- zur Strafe klopfen lassen, bis er müde wurde.

Ottilie: Luise, Luise, ich fürchte, du begehst einen großen Irrtum!

Luise: So, meinst du? Ich dachte es auch heute Morgen, und öffnete deshalb die Thür und hoffte, er würde wieder kommen; und richtig, ich höre Schritte nahen -- das waren seine Tritte -- warte, dachte ich, ich will es dir nicht zu leicht machen, und setze mich ans Fenster und drehe der Thüre den Rücken zu. Richtig, er tritt ein, und ich bleibe eine Weile stille sitzen und schaue zum Fenster hinaus, jeden Moment denkend, er müsse nun kommen, mich in seine Arme zu fassen -- aber er bleibt still. Ich drehe mich um und sehe -- denke dir meinen Schrecken -- einen fremden Herrn auf meinem Sopha ausgestreckt. Als er mich sieht, ist er ebenso erschreckt wie ich selbst und stammelt in Verwirrung ein paar Worte: Pardon -- Irrtum --, giebt mir in Hast seine Karte und ist im Nu -- mit den Schuhen in der Hand und dem Rocke auf dem Arme -- zur Thüre hinaus, und das alles ging so schnell wie der Blitz und so komisch, daß ich trotz meines Elendes nun auch laut, laut lachen mußte.

Ottilie: Nein -- das muß ich sagen -- der zweite Tag deines ehelichen Lebens fängt komisch genug an. Laß mich die Karte sehen.

Luise: Hier -- hier ist sie.

Ottilie: Hm. -- Friedrich Baron von Sellen; sieh', sieh'. Weißt du, Freundin, das geht so nicht mit dir und Rudolf -- ihr müßt euch wieder vereinigen und zwar heute Morgen noch. Ich habe eine gute Idee. Wir schreiben ihm ein Billet -- und -- nun, du sollst sehen, er wird schon kommen.

Luise: O ja, er muß zu mir kommen; er war allein schuld, o, der häßliche Mensch!

Ottilie: Komm, komm nur auf mein Zimmer!

[Beide ab.]

* * *

*Zweite Scene.*

=Rudolf -- Arthur.=

Rudolf: Sage, was du willst, Arthur -- es hilft nichts, gar nichts. Es ist das Beste, man nimmt das Leben leicht. Ich habe es versucht, war ernst -- was war die Folge? Konnte während der ganzen Nacht kein Auge schließen. In der unbehaglichsten Stimmung verlasse ich endlich heute früh mein Zimmer, um im Freien Trost, Zerstreuung zu suchen, und nehme gerade, als ich dort auf der Brücke stehe, meine beste Trösterin, meine Cigarre, aus der Tasche, mache Feuer und stecke in Gedanken -- das Feuer statt der Cigarre in den Mund. Nicht allein, daß ich vor Schmerz laut aufschreien mochte, -- von den Fenstern des Hotels muß ich noch das laute Gelächter dazu vernehmen. Mein Gesicht muß im Momente wohl recht komisch gewesen sein, ich hätte gerne selber mitgelacht, wenn es nur nicht meiner Zunge begegnet wäre. Ärgerlich eile ich zurück zum Hotel, will auf mein Zimmer gehen, öffne die Thüre und -- denke dir mein freudiges Erstaunen: wahrhaftig --, da sitzt sie am Fenster und sieht auf die Berge hinaus. Aha, denke ich, sie hört mich nicht, ich will sie überraschen -- und leise, ganz leise von hinten komme ich näher, näher, und schnell lege ich meine Hände auf ihre Augen. Na -- die Überraschung! Wie von einer Viper gestochen, springt sie auf vom Stuhle und schreit Feuer! Mörder! -- Himmel, jetzt erst sehe ich, daß es gar nicht meine Frau, -- daß es eine alte Dame in einer kolossalen Nacht-Haube ist. Ich sehe mich um -- das war ja gar nicht mein Zimmer -- ich will ihr erklären, sie läßt mir keine Zeit und schreit in einem fort: Feuer! Räuber! Mörder! -- Ich höre die Leute auf dem Korridor rennen und denke das Beste sei fortzueilen. Ich thue also und komme glücklich eine Treppe höher wieder in mein eignes Zimmer.

So begann der zweite Tag dieser allerliebsten Hochzeits-Reise.

Arthur: Und was ist aus deiner jungen Frau geworden?

Rudolf: Ach, frage mich nicht -- das ist eine ganz fatale Geschichte!

Arthur: Also -- in dem Punkte scheinst du doch ernst zu werden.

Rudolf: Nun, denkst du vielleicht, es sei ein Spaß, eine Frau zu haben und doch keine zu haben, oder stundenlang vor der Thüre seiner Angetrauten vergebens zu stehen und auf alles Klopfen, Bitten, Beschwören, Drohen keine andere Antwort zu hören, als Seufzen und Schluchzen und Weinen? -- O, laß mich nicht mehr daran denken, es macht mich rasend.

Arthur: Still, Rudolf -- was willst du von mir, ich habe dir ja kein Leid zugefügt.

Rudolf: Du? -- nein, das ist wahr.

Arthur: Ich kann es nicht begreifen: du der liebenswürdigste Mensch, einen Streit mit deiner Frau -- und noch dazu am Hochzeits-Tage. Warum, Mensch, konntest du nicht warten bis später?

Rudolf: Als ob ich einen Willen gehabt hätte! Der abscheuliche Putz, die Hüte, sind daran schuld.

Arthur: Die Hüte?

Rudolf: Ja, der Hut und deine Schwester!

Arthur: Oho, -- nun gar meine Schwester!

Rudolf: Höre mich an. Alles war glücklich überstanden: Trauung und Gratulation und Küssen und Hände-Schütteln, Vorstellung und Empfangen und Weinen und Abschied-Nehmen &c. &c. und glücklich sitze ich schon im Wagen neben meiner himmlischen Luise und juble im Herzen -- da fällt es ihr mit einem Male ein, daß sie noch den einen Hut haben muß. Ich muß wieder aussteigen und in's Haus zurückeilen. Kaum trete ich ein, so erblickt mich mein Cousin und Wehmut im Auge umschlingt er mich mit beiden Armen und seufzt: Bruder, noch eine Flasche Champagner, -- noch eine -- und zieht mich fort mit sich, ob ich will oder nicht. Da kommt deine Schwester Antonie. Und nun zieht sie mich am andern Arm fort, fort in den Tanz-Saal und sagt: »Ich muß erst meinen Tanz haben, Rudolf; eher kommen Sie mir nicht fort.« Verblüfft steht da mein enttäuschter Cousin und hält die Champagner-Flasche in der Hand; er weiß nicht, was er allein damit tun soll, und schlüpft sie mir schnell in die hintere Tasche meines Frackes. Beim Tanzen geht der Kork los, explodiert -- dem General vom Bombenfeld an die Nase. Er schreit laut auf vor Schmerz, der Champagner spritzt nach tausend Seiten auf alle; alles flieht entsetzt auseinander, und ich entrinne glücklich, komme zurück in den Wagen und rufe dem Kutscher zu: Vorwärts, vorwärts -- und flugs gehts dahin. Ich aber falle in die Ecke und beginne zu lachen und lache übermenschlich, und nähmest du mir das Leben, ich konnte mich nicht halten. Luise fragt nach ihrem Hute; ich kann nicht antworten. Sie beginnt zu weinen und je mehr sie weint, desto mehr muß ich lachen und an die Champagner-Scene denken. Als ich endlich zu mir komme und alles erklären will, sitzt sie in der Ecke und weint und will kein Wort von mir hören, dem herzlosesten Menschen auf der ganzen Gottes-Erde. Wir kommen hier an in dem Hotel -- sie eilt in ihr Zimmer, schließt sich ein und mich aus -- nun, du weißt ja den Rest dieser herrlichen Hochzeits-Reise.

Arthur: Rudolf, wirklich, ich bedaure dein Unglück.

Rudolf: Siehst du, Arthur, das freut mich von dir; da ist doch eine Menschen-Seele, die mein Unglück mit mir fühlen kann.