Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series

Part 15

Chapter 153,753 wordsPublic domain

Dr. Albert: Wie durfte ich denn? Fräulein Gretchen hatte es mir ja verboten, und in der kurzen Zeit seines Hierseins hatten wir gar vieles zu besprechen. Er erwähnte zwar einmal, daß er später einen alten Freund seines Vaters aufsuchen müsse, einen Namen nannte auch er mir nicht. -- Merkwürdig, wie sich das nun schickt!

Louis: Nein, -- ich weiß nicht, was ich sagen soll; das ist gerade wie ein Roman.

Bella: O, wie glücklich ich bin, daß ich auch einmal einen Roman mit erlebt habe! Ich habe es immer gewünscht, -- nun weiß ich doch auch, wie es ist.

Otto: Nun, Fräulein, wie denn?

Bella: Nun ja -- so -- o, ich weiß selber nicht wie, -- so -- so seltsam!

Dr. Albert: Das Leben, beste Freundin, ist voll von Romantik, glauben Sie mir.

Gretchen: Wie klein in diesem Momente der Kreis der Menschen erscheint, -- denken Sie nur: Ihr Freund -- meines Vaters alten Freundes Sohn!

Martha Meister: Weißt Du, Gretchen, das ist Dir eine gute Vorbedeutung.

Bella: Ja, Gretchen, das ist wahr.

Martha Meister: Ihre Vorlesung, Herr Doktor, dürfen Sie aber nicht aussetzen!

Dr. Albert: Ganz recht, mein Fräulein, darf ich nicht aussetzen.

Louis: Er könnte sonst etwas von unserm Plane merken, nicht wahr?

Gretchen: Laßt uns denn Platz nehmen. Bitte, Herr Doktor, beginnen Sie, sobald man eintritt. -- Die Thüre öffnet sich schon -- Martha, sieh' nur Mama an, wie glücklich sie ist, und Papa -- er hält den Herrn von Halsen am Arme, als wollte er nie wieder von ihm lassen. -- Hier, Mama, bitte, nimm Platz -- dürfte ich Sie bitten, Herr von Halsen, hier; Papa, hier ....

Herr Meister: Aber Kinder, so feierlich -- was soll denn das?

Martha: Still, lieber Papa, Mama weiß alles und wird es Dir später erklären.

Dr. Albert: Meine Damen und meine Herren! Wenn ich oft in meinen Studien-Jahren gegen Kolonnen von Vokabeln mühsam gekämpft und gegen Scharen von Konjugationen und Deklinationen hart gestritten hatte und nicht selten ermattet zusammengebrochen war, dann mag ich wohl öfters in der Verzweiflung ausgerufen haben: O, warum haben unsere Väter jemals begonnen, den Turm von Babel zu bauen?!

Die Jahre sind nun geschwunden, und nur noch in sanfter Wehmut gedenke ich jener Leiden. Als Sieger bin ich hervorgegangen, und Großmut ist wieder eingezogen in mein Herz. Dann und wann sogar habe ich meine süßen Träumereien und -- wer weiß, wer weiß, sage ich dann, ob nicht der allwaltende Vater seine Kinder so weit von einander entfernt und nach allen Enden der Erde zerstreut hat, auf daß sie sich nach langer Zeit des Wiederfindens erfreuen mögen! Ja, wenn ich sehe, wie die Menschen bis heute sich die Kraft des Dampfes und der Elektricität dienstbar gemacht haben, wie sie die Ferne in die Nähe rücken und die Zeit überbrücken -- dann erscheint es mir fast, als ob jener Tag wirklich nicht mehr ferne wäre, da alle Brüder des großen Menschen-Geschlechts nach langer Trennung sich wieder verstehen lernen wie ehemals, als sie eine Sprache redeten. Die Fähigkeiten der Menschen werden so groß, die Methoden des Studiums werden so vollkommen sein, daß man ungemein schnell und leicht die Sprachen der Welt erlernen kann. Hat man doch heute den Anfang bereits gemacht.

Louis: Bravo, bravo! -- applaudieren Sie doch, Herr Meister!

Dr. Albert: Diese ideale, glückliche Zeit liegt noch in weiter Ferne; darum sorgen Sie noch nicht, meine Freunde, welche von den zahlreichen Sprachen Sie wählen werden zu stetem, häuslichem Gebrauche. Zwar könnte ich schon heute sagen, auf welche derselben Ihre Wahl fallen würde als auf die schönste, leichteste, beste. Soll ich sie nennen, die Sprache Ihrer Wahl? --

Die Mutter-Sprache wird es sein. -- Denn die Töne, in welcher die Mutter zuerst uns die süßen Laute der Liebe zugehaucht hat, sind in unser Innerstes eingepflanzt, und das Schönste, was wir sagen wollen, und das Teuerste und das Heiligste -- wir sagen es am besten in diesen Lauten. Darum ist die Mutter-Sprache uns allen heilig und lieb, darum verehrt eine edle Nation die Mutter-Sprache, und darum hängt das Volk so fest an ihr. Denn es fühlt, es ist die Mutter-Sprache sein geistiger Boden, ohne welchen es so wenig gedeihen kann, wie der vollgewachsene Baum, den man in fremde Erde gepflanzt hat. -- Es wäre ein Unglück für ein Volk, wenn es seine Mutter-Sprache verlieren müßte. Und wissen Sie, meine Freunde, daß dem deutschen Volke dieses Unglück einstmals gedroht hat?

Das deutsche Volk war von der Höhe seines politischen Glückes tief hinabgestürzt in das Unglück des dreißigjährigen Krieges, und auf den Sonnen-Glanz seiner Dichtkunst im 13. Jahrhundert war schwarze Finsternis gefolgt. Poesie und Kunst und Litteratur waren nirgends sichtbar, und als einziger Trost erklangen ihm in dieser langen Nacht die göttlichen Töne der Musik von Händel und Bach.

Die höheren Zirkel der deutschen Nation blickten verlangend und suchend umher und fanden Befriedigung in den schönen Schriften der großen Poeten Frankreichs, das Volk aber blieb konservativ und hielt fest an der Sprache der Mutter, an der Sprache, welche Luther ihnen in der Bibel gegeben hatte.

Da kam Gotthold Ephraim Lessing und hob die deutsche Sprache und gab ihr Halt und festen Grund und Form und flößte ihr Stärke ein und zierte sie mit Scönheit. Und dann schritt er zu Deutschlands Musen-Tempel, öffnete mit fester Hand die Pforten, die langverschlossenen, und zündete die Fackel an und schwang sie hoch und leuchtend, bis die Morgenröte kam und das volle Tageslicht wieder einströmte in die herrlichen Räume und auf den Altar, vor welchem zwei der Priester sich vereint die Hände reichten -- Schiller und Goethe. Auf den Altar aber hatte Lessing eine dreifache Weihe gebracht: »Emilia Galotti«, »Nathan der Weise« und »Minna von Barnhelm«. Wahrlich, das deutsche Volk schätzt sie hoch, diese Gaben: dieses perfekte Trauerspiel, dieses große Schauspiel und dieses schöne Lustspiel.

Ah, meine Freunde, verstehen Sie nun, warum Deutschland seinem Lessing hohe Verehrung schuldet und zollt?

Und was ihm das deutsche Volk schuldet für Sprache und Litteratur -- Dank und Verehrung, -- das schulden ihm die Gebildeten der gesamten Welt für das, was er auch für sie getan durch seinen »Laokoon«, denn »Laokoon« ist nicht das Werk einer Nation, sondern das Gemeingut aller insgesamt.

Sie haben mich gebeten, meine verehrten Freunde, mit Ihnen auch über Lessings »Laokoon« zu sprechen. Ich erfülle mit großem Vergnügen Ihren Wunsch, muß mich jedoch wegen der Kürze der mir zugemessenen Zeit auf ein geringes beschränken.

Durch seinen »Laokoon« rief Lessing eine solche Veränderung in den Ideen über Dichtkunst, Malerei und Bildhauerei hervor, wie einst Newton auf einem andern Gebiete.

Sagte ich zuviel, meine Freunde? nein, ich glaube nicht.

Bevor ich jedoch über dieses Thema weiter spreche, muß ich Sie bekannt machen mit einem der vorzüglichsten Männer seiner Zeit, mit Johann Winckelmann. Aus dem Teile eines Briefes, der von ihm selbst an einen Freund geschrieben sein soll, können Sie einiges aus seinem Leben hören:

»Du verlangst meine Lebensgeschichte zu wissen, und diese ist sehr kurz, weil ich dieselbe nach dem Genuß abmesse. M. Plautius, Consul, und welcher über die Illyrier triumphiert hatte, ließ an sein Grabmal, welches sich unweit Tivoli erhalten hat, unter allen seinen angeführten Taten setzen: {"Vixit ann. IX."} Ich würde sagen: »Ich habe bis in das achte Jahr gelebt;« dies ist die Zeit meines Aufenthalts in Rom und in andern Städten von Italien. Hier habe ich meine Jugend, die ich teils in der Wildheit, teils in Arbeit und Kummer verloren, zurückzurufen gesucht und ich sterbe wenigstens zufriedener; denn ich habe alles, was ich wünschte, erlangt, ja mehr, als ich denken, hoffen und verdienen konnte. -- Ich schätze mich für einen von den seltnen Menschen in der Welt, welche völlig zufrieden sind und nichts zu verlangen übrig haben. Suche einen andern, welcher dieses von Herzen sagen kann!

Meine vorige Geschichte nehme ich kurz zusammen. In Seehausen war ich achthalb Jahre als Konrektor an der dasigen Schule. Bibliothekarius des Herrn Grafen von Bünau bin ich ebenso lange gewesen und ein Jahr lebte ich in Dresden vor meiner Reise. -- Meine größte Arbeit ist bisher die »Geschichte der Kunst des Altertums, sonderlich der Bildhauerei« gewesen. -- Ferner ist ein italienisches Werk unter dem Titel: »Erklärung schwerer Punkte in der Mythologie, den Gebräuchen und der alten Geschichte, alles aus unbekannter Denkungsart des Altertums«; -- dieses Werk in Folio lasse ich auf eigne Kosten in Rom drucken. -- Beiläufig arbeite ich an einer Allegorie für Künstler.

Dieses ist das Leben und die Wunder Johann Winckelmanns, zu Stendal in der Altmark, zu Anfang des 1718. Jahres geboren. -- Ich wünsche dir, daß du zu der Zufriedenheit gelangen mögest, die ich hier genieße und genossen habe, und bin beständig

Dein treuer Freund und Bruder Winckelmann.«

Lessing auch las die Werke dieses Mannes, der es verstand wie kein anderer zuvor, die Wunder der Schönheit in den Bild-Werken der Alten vor den Augen einer erstaunten Mitwelt zu enthüllen, und Lessing kam an die Beschreibung der herrlichen Gruppe, der Laokoon-Gruppe.

Sie alle, meine Freunde, kennen die Geschichte des trojanischen Krieges, nicht wahr? Sie wissen, daß trotz der glorreichen Taten tapferer Helden dennoch im zehnten Jahre die Mauern der Stadt fest da standen und daß dann die Griechen ein Pferd von Holz erbauten, so groß, daß man einen Teil der Mauer hätte niederreißen müssen, um es in die Stadt zu führen, und daß die Griechen dann ihre Schiffe bestiegen um heimwärts zu segeln -- zum Schein. -- Sie erinnern sich auch, daß dann die Trojaner aus den Thoren stürzten in die lang entbehrten Felder und das Pferd sahen und staunten und fragten: Was bedeutet denn das? und daß sie jenem falschen, lügenhaften Griechen glaubten, der ihnen sagte, daß die Griechen auf dem Meere verderben müßten, wenn sie dieses Pferd, ein Opfer der Götter, in ihre Stadt brächten, und wie sie auch gewarnt wurden von Laokoon, dem Priester, doch abzustehen von ihrem Vorhaben. Dann waren die Schlangen gekommen aus dem Meere und hatten den Priester samt seinen beiden Söhnen umschlungen.

Dieser Moment nun ist es, den ein alter griechischer Meister erfaßt und in Marmor ausgeführt hat und zwar mit solcher Meisterschaft, daß Winckelmann nicht Worte des Lobes genug finden kann für die Erhabenheit des Werkes und die Weisheit des Meisters, der in jedem Zuge die höchste Schönheit zum Ausdruck gebracht hat -- überall, überall; und der nicht wie der römische Dichter Virgil gehandelt habe, welcher Laokoon in seinem Gedichte vor Schmerz laut schreien und also doch den Mund weit und unschön öffnen ließe.

Lessing las die mißbilligende Kritik über Virgil, nahm den Poeten zur Hand und las die Verse, deren Übersetzung nach Schiller so lautet:

»Jetzt aber stellt sich den entsetzten Blicken Ein unerwartet, schrecklich Schauspiel dar. Es stand, den Opferfarren zu zerstücken, Laokoon am festlichen Altar. Da kam (mir bebt die Zung', es auszudrücken) Von Tenedos ein gräßlich Schlangenpaar, Den Schweif gerollt in fürchterlichem Bogen, Dahergeschwommen auf den stillen Wogen.

Die Brüste steigen aus dem Wellenbade, Hoch aus dem Wasser steigt der Kämme blut'ge Glut Und nachgeschleift in ungeheurem Rade Netzt sich der lange Rücken in der Flut, Laut rauschend schäumt es unter ihrem Pfade, Im blut'gen Auge flammt des Hungers Wut, Am Rachen wetzen zischend sich die Zungen, So kommen sie ans Land gesprungen.

Der bloße Anblick bleicht schon alle Wangen, Und auseinander flieht die furchtentseelte Schar; Der pfeilgerade Schuß der Schlangen Erwählt sich nur den Priester am Altar. Der Knaben zitternd Paar sieht man sie schnell umwinden, Den ersten Hunger stillt der Söhne Blut; Der Unglückseligen Gebeine schwinden Dahin von ihres Bisses Wut.

Zum Beistand schwingt der Vater sein Geschoß; Doch in dem Augenblick ergreifen Die Ungeheu'r ihn selbst, er steht bewegungslos, Geklemmt von ihres Leibes Reifen; Zwei Ringe sieht man sie um seinen Hals und noch Zwei andre schnell um Brust und Hüfte stricken, Und furchtbar überragen sie ihn doch Mit ihren hohen Hälsen und Genicken.

Der Knoten furchtbares Gewinde Gewaltsam zu zerreißen, strengt Der Arme Kraft sich an; des Geifers Schaum besprengt Und schwarzes Gift die priesterliche Binde. Des Schmerzens Höllenqual durchdringt Der Wolken Schooß mit berstendem Geheule, So brüllt der Stier, wenn er, gefehlt vom Beile Und blutend, dem Altar entspringt.«

Nochmals las Lessing die Verse des Poeten und nochmals sah er auf die Gruppe des Bildhauers, -- da war nirgends etwas zu tadeln: beide, Bildhauer und Dichter, hatten das Schöne in bester Weise geschaffen -- nur auf verschiedenem Wege -- und Lessing stutzte, staunte, sann -- und machte die große Entdeckung für die Kunst, daß Dichter und Maler und Bildhauer nach demselben Ziele streben -- die Schönheit zu schaffen, daß sie aber oft verschiedene Wege einschlagen müssen, dieses Ziel zu erreichen.

Vielleicht, meine Freude, mögen Sie im ersten Momente enttäuscht oder nicht im Stande sein, die hohe Bedeutung dieser Entdeckung vollständig zu begreifen, oder Sie mögen sich wundern und fragen: Hat man dieses nicht immer erkannt? -- oder Sie mögen auch sagen: Was liegt daran, auf welche Art Dichter, Maler und Bildhauer schaffen!

Ah, meine Verehrtesten, wie sehr ich wünsche, daß Sie mich begleiten könnten nach dem Raume, welcher den kostbarsten Schatz unter allen Bild-Werken enthält! Wenn wir eintreten, sehen wir an den Wänden entlang Männer und Frauen sitzen, welche vor uns in derselben Absicht wie wir gekommen sind. Eine heilige, glückliche Freude leuchtet aus ihren Augen; auf ihrem Angesichte ruht scheue Ehrfurcht, und sie falten die Hände und bewegen die Lippen betend -- auch wir tun wie sie; und zwei Mädchen, welche lachend und leicht nach uns gekommen waren, wurden ebenfalls still und senkten bescheiden und fromm das Haupt, und alle gehen gehoben zu heiliger Höhe als bessere Wesen von dannen, denn sie sahen die Madonna von Raphael.

So, meine Freunde, wirkt ein Genius durch sein Werk. Er macht die Menschen glücklicher und besser. So wirkt auch der Bildner des Apoll von Belvedere, so auch der Schöpfer des Domes zu Cöln.

Sie waren von Gott und andern Menschen besonders begnadet, und was ihnen in Fülle zuströmte, müssen andere durch mühsames Ringen erstreben, durch schweres Studium, durch ernstes Suchen der Regeln, die zum rechten Wege führen. Winckelmann sagt: »Die Quelle und der Ursprung in der Kunst ist die Natur selbst.«

Und zu diesem Wege führte uns Lessing in seinem Werke »Laokoon,« aus welchem ich Ihnen zum Schlusse das Wort Lessings anführen möchte, daß wir als unserm Meister folgen müssen dem unsterblichen, ewig schönen Homer.

Martha Parks: Bravo, Albert, bravo! und nun applaudieret alle -- lauter -- so -- das ist recht.

Dr. Albert: Ich danke Ihnen, meine Freunde; Ihre Güte macht mich glücklich.

Herr von Halsen: Sehr gut, Albert, sehr gut!

Herr Meister: Meinen besten Dank, mein lieber Herr Doktor.

Frau Meister: Sie haben mir einen großen Genuß bereitet, verehrter Herr Doktor.

Martha Meister: Und gewiß, Herr Doktor, auch mir.

Gretchen: Sowie mir; eines nur muß ich bedauern.

Dr. Albert: Und das wäre, mein Fräulein?

Gretchen: Daß ein Mann wie Lessing nicht auch über die Kunst aller Künste, über die Musik, seine Gedanken geäußert hat.

Dr. Albert: Das ist in der Tat zu bedauern, aber wie wäre es, mein Fräulein, wenn Sie uns Ihre Ideen über Musik mitteilen wollten? Die Ansichten einer solch' ergebenen Dienerin der Kunst würden für uns alle lehrreich und angenehm sein.

Gretchen: Ah, mein Herr, das wage ich nicht; wie dürfte ich mich unterstehen, vor einer Versammlung gelehrter Herren, wie sie hier ist, zu sprechen!

Louis: O mein Fräulein, wir werden Nachsicht üben.

Gretchen: Nun, dann will ich beginnen. Die Musik liebe ich von ganzer Seele treu und innig und in der Tat versäume ich wohl kaum ein gutes Konzert. Und doch geschah es nicht selten, daß ich eine gewisse Unzufriedenheit am meisten gerade dann verspürte, nachdem ich die höchste Freude an den schönsten Werken der unsterblichen Meister genossen hatte.

Können Sie sich das wohl denken oder erklären? -- Mir ging es da, wie es so manchem kleinen Knaben geht, wenn der Vater ihm ein Spiel-Zeug von der Reise brachte. Eine Weile freut er sich -- dann aber geht er still in eine Ecke und fragt sich: Was mag wohl im Innern sein?

Und wenn ich nach einem großen Konzerte wieder alleine war mit mir selbst und die herrlichsten Passagen mir noch im Ohre klangen und ich mich noch labte am Strome der Töne, dann drängte sich mir oft die Frage auf:

Was -- was _ist_ Musik? Woher hat ein Beethoven diese süßen Melodien, diese wunderbaren Harmonien? -- Aus der Natur? -- In der Natur höre ich wohl einzelne Melodien, wie im Gesange der Vögel, doch niemals solche, wie unsere größten Komponisten sie uns geben, niemals Harmonien. Wie denn? ist überhaupt das, was unsere Komponisten formten, etwas Natürliches, etwas, was wahr ist und bestehen kann, oder ist es etwas Künstliches, etwas, was Menschen zusammengefügt haben und das vergehen muß wie Menschen-Werk? -- Nein, nein -- mein Glaube an die Musik war zu mächtig, und doch -- ich hätte so gerne die Zweifel aus mir entfernt. Es wollte mir lange nicht gelingen; so viel ich auch denken und fragen und in Büchern suchen mochte, -- vergebens war mein Bemühen.

Aber wir werden oftmals beschenkt, da wir es am wenigsten erwarten, und doppelt groß ist dann unsere Freude. Und so ging es auch mir. Ich fand eine Antwort in einer späteren Zeit und an einem entfernten Orte. Wollen sie die Antwort hören? Sie befriedigt mich selbst sehr wohl, doch bin ich nicht kühn genug zu glauben, daß sie auch Ihnen genügen wird.

Ich stand vor dem erhabensten Schau-Spiel der Natur, das ich bis heute gesehen habe, -- ich stand am Niagara-Fall.

Wie lange ich da weilte, ich weiß es nicht mehr -- aber immer mußte ich denken: O, wie schön, wie schön ist doch die Erde, auf welcher wir leben. Solche große Pracht, solch' endlose Herrlichkeit wurde doch zu viel für meine Augen, und ich bedeckte sie mit meinen Händen, da -- war es möglich? -- o, göttliches Wunder -- ich hörte in der Natur ein Konzert, so gewaltig, so schön und erhaben, wie ich noch keines gehört hatte, und das Rätsel der Musik war mir gelöst.

Töne und Melodien und Harmonien sind überall, überall in der Natur; überall, wo Leben ist, da entsteht auch der Ton; wo der Ton uns sympathisch erquillt, wo Melodie und die Harmonie, da geht das Werk der Natur glücklich von statten; und instinktiv weilen wir hier und hier weilt alles Lebende gerne.

Töne kommen vom Leben, sind Beweise des Lebens und darum wirken sie gleiches und erwecken auch Leben. Daher die Macht der Musik über alles Lebende, daher die Anziehungs-Kraft der Musik auf alles, was Leben hat. Farbe und Form wirken auf das Auge der Geschöpfe, Ton und Musik auf das Ohr.

Der Dichter erhebt sich über die Menschen, übersieht ihre Taten, erforscht ihre Gedanken und Gefühle und, indem er in seinen Dichtungen die Handlungen von Menschen wahrhaft gruppiert, wirkt er wieder auf Menschen durch deren Herzen und Verstand.

Der Maler erhebt sich gleichsam über die Erde und führt eine Scene auf seinem Gemälde derartig aus, daß auch andere Menschen die Schönheit der Erde leichter zu erkennen vermögen. Der Maler wirkt durch das Auge.

Dem Komponisten aber verlieh Gott in seiner Gnade die Gabe, daß er sich im Geiste über das Irdische zu den Himmels-Sphären schwingen und jene Harmonien vernehmen kann, welche aus den unendlichen Räumen zusammenströmen und das glückliche Zusammen-Wirken alles Bestehenden im Welten-Alle verkünden. O, wer wie sie jene Musik der Sphären vernehmen könnte!

Beethoven und Mozart und Gluck und Haydn und Händel und Mendelssohn und Bach und Weber und die anderen alle -- sie hörten dieselbe und gaben uns andern in ihren Werken nur ein schwaches Echo, auf daß wir uns daran laben und vom Höheren lernen und an das Höhere glauben.

Daher kommt es, daß die Macht der Musik so allgewaltig ist, weil sie aus den Höhen stammt, und daher kommt es auch, daß ein Beethoven, der sich erhoben hatte über allen irdischen Glanz, sich selbst vor einem Kaiser nicht beugte, da selbst ein Goethe, der erste Poet seiner Zeit, sich ehrfurchtsvoll bückte, als beide, Komponist und Poet, zusammen dem Fürsten begegneten. Darum geschah es auch, daß an einem Tage während des Wiener Kongresses die versammelten Kaiser und Könige und Fürstinnen sich sämtlich von ihren Sitzen erhoben und sich beugten vor dem Meister; er hatte ihnen durch seine Kompositionen eine Ahnung gegeben von jenen Höhen, Höhen, in denen er selbst geweilt, und er hatte die Großen der Erde erfüllt mit Ehrfurcht vor dem Höchsten, dessen bescheidener Diener er selbst nur war.

Eben diese hohe Macht ist es, welche auch aus Händel sprach, als er zu einem Kurfürsten von Sachsen sagte: »Königliche Hoheit, ich haben meinen »Messias« nicht geschrieben, um Euch zu unterhalten, sondern um Euch zu bessern.«

Und es ist nur ein Abglanz des Schönen, das Mozart selbst vernommen und das wir wiederfinden in seinen Werken und in seinem Leben.

Ich will nun meine Bemerkung schließen mit den Worten Schillers, meines Lieblings-Dichters:

»Wer kann des Sängers Zauber lösen, Wer seinen Tönen widerstehen? Wie mit dem Stab des Götter-Boten Beherrscht er das bewegte Herz. -- -- Da beugt sich jede Erden-Größe Dem Fremdling aus der andern Welt -- -- So rafft von jeder eitlen Bürde, Wenn des Gesanges Ruf erschallt, Der Mensch sich auf zur Geister-Würde Und tritt in heilige Gewalt.«

Meine Herrschaften, ich habe nichts mehr zu sagen; bitte, seien Sie nicht zu streng mit mir.

Frau Meister: O, meine liebe, liebe Tochter!

Herr von Halsen: Vorzüglich! -- Eine Philosophin!

Dr. Albert: Fräulein Gretchen, Madame, Herr Meister, haben Sie meines Freundes Urteil gehört? Wer ihn kennt, weiß wie viel diese wenigen Worte bei ihm zu bedeuten haben.

Martha Meister: O, wie glücklich hast Du mich gemacht, Gretchen!

Bella: Und wie stolz ich auf Dich bin!

Herr Meister: Bravo, mein Kind, sehr brav. Komm, nun sing uns auch ein Lied vor. Du bist doch nicht zu müde?

Gretchen: O nein, mein lieber Papa. Martha, Du begleitest mich doch, nicht wahr?

Martha Meister: Gewiß, gewiß; was wählest Du?

Dr. Albert: Singen Sie: »Wenn die Schwalben heimwärts ziehn«; mein Freund hört es gerne.

Gretchen (singt):

Wenn die Schwalben heimwärts ziehn, Wenn die Rosen nicht mehr blühn, Wenn der Nachtigall Gesang Mit der Nachtigall verklang, Fragt das Herz In bangem Schmerz: Ob ich dich auch wiederseh'? Scheiden, ach Scheiden tut weh!

Wenn die Schwäne südlich ziehn, Dorthin, wo Citronen blühn, Wenn das Abendrot versinkt, Durch die grünen Wälder blinkt, Fragt das Herz In bangem Schmerz: Ob ich dich auch wiederseh'; Scheiden, ach Scheiden tut weh!

Herr von Halsen: Albert!

Dr. Albert: Sehr wohl, Heinrich, sogleich! Meine Herrschaften, wir haben nun die Ehre, uns bestens zu empfehlen.

Martha Meister: Müssen Sie so frühe gehen?

Frau Meister: Sie eilen, meine Herren; nun, wir dürfen Sie nicht hindern, aber unsere anderen Freunde bleiben noch hier, nicht wahr?

Martha Parks: Ja, ja, wir bleiben noch hier, Frau Meister.

Louis: Und haben noch viel Vergnügen.

Herr Meister: Also morgen zur bestimmten Zeit!

Herr von Halsen: Zur bestimmten Zeit. Ich empfehle mich.

Alle: Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!

VIII.

Dr. Albert: Dank, mein Fräulein. Dank für dieses eine Wort ....

Martha Meister: Sehen Sie, Herr Doktor, welche Scene!