Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series

Part 14

Chapter 143,939 wordsPublic domain

Otto: Später sandte er eine Taube, denn der Rabe war nicht wieder gekommen; er hatte nämlich auf Erden so viel Leichnam gefunden, daß er Noah, seinen Wohlthäter, vergaß. Aber die Strafe kam bald über den Undankbaren. Auf der Erde waren noch so viele schlechte Dünste, und davon wurde der Rabe, welcher früher weiß war wie Schnee, ganz schwarz. Und so ist er noch heute; und wenn der Rabe seine Jungen sieht, so schaudert er vor der Häßlichkeit und wird hart gegen sie. Und noch heute sagen wir von Eltern, welche grausam gegen ihre Kinder sind, »seht die Raben-Eltern«.

Und nun werde ich Ihnen noch eine Parabel erzählen, das soll aber meine letzte sein:

Als Alexander der Große in Afrika war, kam er auch in ein Land, in dem die Leute so reich waren, daß sie ihm in silbernen Schalen goldene Früchte entgegenbrachten. Er aber sprach: Ich bin des Silbers und des Goldes wegen nicht in euer Land gekommen, eure Sitten will ich kennen lernen. Und da führte man ihn auf den Markt-Platz. Der König des Landes saß gerade auf seinem Throne, um Recht zu sprechen, und vor ihm standen zwei Männer. Da sprach der eine derselben: Von diesem Manne hier habe ich einen Sack mit Spreu gekauft und als ich den Sack öffnete, fand ich diesen großen Klumpen Gold in demselben -- nun aber will dieser Mann ihn nicht zurücknehmen. Nein, sagte der andere, ich will ihn nicht zurücknehmen, denn es wäre nicht recht; ich verkaufte ihm den Sack mit allem, was darin wäre.

Der König hatte beide gehört. Dann sann er eine Weile und sprach zu dem einen: Hast du nicht einen Sohn? Ja, mein König. -- Und jener hat, wie ich weiß, eine Tochter. Wohlan, da ihr beide rechtschaffene Männer seid, so verheiratet euere Kinder und gebet ihnen das Gold. -- Beide Männer gingen befriedigt von dannen, Alexander aber war sehr verwundert. Als der König das sah, fragte er: Sage mir, fremder König, war mein Urteil nicht gerecht? Wie würde man denn in deinem Lande gehandelt haben?

In meinem Lande, erwiderte Alexander, würde der Richter beide enthauptet und das Gold für sich selbst genommen haben. -- O, o! rief da der König, und läßt Gott die Sonne in jenem Lande scheinen? -- Ja --. Und läßt er regnen? -- Ja --. Wohl, versetzte der König, so ist es der unschuldigen Kinder und der dummen Tiere wegen. -- So, Fräulein Bella, jetzt bin ich zu Ende. --

Bella: Dank, besten Dank, Herr Otto. -- Wie gefallen Ihnen diese Parabeln, Herr Louis?

Louis: Sehr gut, mein Fräulein.

Martha Parks: Du bist aber heute sehr ruhig, Louis!

Martha Meister: Auch ich habe mich im Stillen darüber gewundert.

Louis: Ich beginne jetzt ebenfalls, ernst zu werden.

Dr. Albert: Oho, Bruder Louis, wozu denn das?

Louis: Ich bereite mich vor auf die Ankunft Deines Freundes.

Dr. Albert: Ei! Wie machst Du denn das?

Louis: Ich studiere deutsche Philosophie. --

Dr. Albert: Du -- -- Philosophie? --

Martha Parks: Das ist wohl sehr schwer, Louis, nicht wahr?

Louis: Sehr schwer, Schwester. -- Das Schwierigste habe ich heute studiert; gerade bevor ich hierher kam, da las ich dieses:

In Bagdad war einmal ein weiser und guter Kalif. Am besten aber war er immer, wenn er nach Mittag sein Schläfchen gehalten hatte, seine Tasse Mokka trank und seine lange Pfeife rauchte. Darum kam auch sein Großvezier immer um diese Zeit zu ihm; und als derselbe eines Nachmittags mit ernstem Gesichte eintrat, fragte ihn der Kalif: Großvezier, warum hast du denn heute Falten auf der Stirn? O, sagte der Vezier, als ich soeben in den Palast gehen wollte, sah ich vor der Pforte einen Krämer mit den schönsten Sachen stehen; zu gerne hätte ich manches für meine Gemahlin gekauft -- allein mir fehlt es an Geld. -- Gehe und bringe ihn herauf zu mir. -- Der Großvezier ging und bald stand der Krämer vor dem Kalifen, der für sich selbst und den Vezier ein Paar schöner Pistolen kaufte und für dessen Gemahlin die feinsten Kämme von Elfenbein und die kostbarsten Ringe und Armbänder. Gerade wollte der Krämer seinen Kasten schließen, da bemerkte der Kalif in der einen Ecke noch ein Kästchen und fragte den Krämer, was er darin zu verkaufen habe. Ei, sagte der Krämer geheimnisvoll, in diesem Kästchen ist ein wunderbares Pulver, ich habe es von einem andern Kaufmann erhalten, der es nebst einer Schrift selbst auf der Straße zu Mekka gefunden hat. Aber da ist niemand, welcher die Schrift lesen kann, denn es ist die einer ausländischen Sprache; ich will euch beides, Pulver nebst Schrift, zu den gekauften Waren überlassen. Und er gab beides dem Kalifen und ging. Dieser sah in die Schrift und wunderte sich, denn dieselbe war völlig verschieden von der arabischen, und er wurde sehr begierig zu wissen, was die Schrift enthalte. Da sagte der Vezier: Am Ende der Stadt, nicht weit von der Moschee, wohnt ein Mann namens Selim, die Leute nennen ihn den gelehrten Selim, denn er versteht alle Sprachen der Welt und gewiß auch diese; wenn ihr befehlt, so gehe ich und rufe ihn. Thue das, sprach der Kalif; und der Vezier ging und kam bald mit dem Gelehrten zurück. Der Kalif sagte zu ihm: Die Leute nennen dich den gelehrten Selim, zeige mir nun, daß du den Titel verdienst. Kannst du diese Schrift mir lesen, so werde ich dich reichlich belohnen; kannst du es nicht, so lasse ich dir fünf und zwanzig auf die Sohlen geben. Selim nahm die Schrift in die Hand und sagte dann nach einer Weile: Wahrlich, das ist Lateinisch und heißt im Arabischen so: Mensch, der du dieses hörest, preise Allah. So du von diesem Pulver nimmst und schnupfest und dich dreimal nach Osten beugest und das Wort {mutabor} sprichst, kannst du dich verwandeln in die Form eines jeden Tieres, das du siehst, und kannst auch dessen Sprache verstehen; doch mußt du dich hüten zu lachen, sonst wirst du das Wort vergessen, das notwendig ist, um wieder Mensch zu werden. -- Als der Kalif dieses hörte, beschenkte er den Gelehrten reichlich, gebot ihm tiefes Schweigen und hieß ihn gehen.

Am nächsten Morgen früh war der Kalif mit seinem Vezier in dem großen Garten des Palastes, aber da sie kein Tier sahen, so gingen sie weiter und kamen in das Feld an einen Teich. Da machten sie Halt, denn aus dem Wasser kam soeben ein Storch und bald flog ein anderer zu ihm aus der Luft, und sie hoben die langen Schnäbel und sahen sich an und bald machte der eine und dann wieder der andere klapp, klapp. -- Die beiden dort führen sicherlich eine Unterhaltung, sagte der Kalif, ich möchte wohl hören, was sie zu sprechen haben, gieb mir doch von dem Pulver. Der Vezier nahm die Schachtel mit dem Pulver aus der asche. Nimm du zuerst, Vezier, ich will doch sehen, wie die Sache wird. Der Vezier nahm darauf von dem Pulver, schnupfte es, sagte {mutabor} und bückte sich drei Mal gegen Osten, und da wurde seine Nase so lang wie der Schnabel eines Storches, sein Bart und seine Haare wurden zu Federn, seine Arme wurden zu Flügeln und seine Beine lang und dürr wie Storch-Beine. Verwundert rief da der Kalif: Vezier, ihr seid wahrhaftig ein ganzer Storch, wie drollig ihr ausseht, nein, so etwas sah ich im Leben noch nicht. Nun gebet mir schnell von dem Pulver. Und der Kalif nahm auch von dem Pulver, sagte auch das Wort {mutabor}, bückte sich ebenfalls dreimal gegen Osten und siehe, auch er war nun ein Storch. Beide horchten und verstanden die folgende Unterhaltung. Der erste Storch, welcher aus dem Teiche gestiegen war, hatte zum andern zu sprechen begonnen: Guten Morgen, Fräulein Nichte! -- Guten Morgen, Frau Tante. -- Haben Sie gut geschlafen? -- Danke, so, so. -- Wollen Sie heute Morgen Frühstück mit mir nehmen? -- Ach nein, ich danke, habe gar keinen Appetit, meine Mama hat heute Abend große Gesellschaft, da soll ich vor den Gästen Solo tanzen und da kam ich soeben hierher, um noch ein wenig zu üben. Entschuldigen Sie gütigst, Frau Tante. -- Darauf ging der Storch gravitätisch auf- und abwärts, drehte sich links und drehte sich rechts und bewegte die Flügel hin und her. Das alles war aber so außerordentlich komisch, daß der Kalif laut zu lachen begann und Kalif und Vezier lachten so lange, bis der letztere endlich sagte: O, o, nun aber kann ich wirklich nicht mehr. Die Störche hatten sich verwundert umgeschaut und waren erschreckt davon geflogen.

Plötzlich aber sagte der Kalif: Vezier, wir sollten ja nicht lachen -- Vezier, welches ist doch das Wort? {Mu--mu--} machte der Vezier, mehr konnte er nicht hervorbringen und auch der Kalif hatte das Wort vergessen. Sie bückten sich wohl tausendmal gegen Osten -- aber das half nichts, sie blieben Störche.

Das aber war doch recht traurig, denn als Storch wollte der Kalif nicht zurück gehen in die Stadt; und sie sannen hin und her, was wohl am besten zu tun sei. Da kamen sie zuletzt auf die Idee, nach Mekka zu fliegen zum Grabe des Propheten; dort wollten sie um Hülfe bitten -- Sofort begannen beide zu fliegen, und als sie hoch in den Lüften über Bagdad schwebten, gewahrten sie auf den Straßen der Stadt ein großes Gedränge der Menschen. Viele waren zu Pferde, und ihnen voraus ritt ein junger Mann auf weißem Rosse mit prächtigen Waffen und Kleidern.

Ah -- sagte der Kalif zu seinem Vezier, das ist Mansor, der Sohn meines Feindes; er zieht jetzt ein in mein Schloß als Kalif. Ich verstehe nun alles, ich weiß nun zu wohl, wer jener Kaufmann war, der mir das Pulver brachte, -- es war sein Vater, der Zauberer. Welch' ein Komplott! Vorwärts, Vezier, komme hinweg aus dieser Stadt, vorwärts nach Mekka! Und so schnell flog er, daß der Vezier kaum folgen konnte. Zuletzt -- es war schon Abend geworden -- sagte der Vezier: Ich kann nun wahrlich nicht mehr; ich sehe dort in der Ferne eine Ruine, laßt uns daselbst über Nacht verweilen.

Als sie an das alte Gemäuer gekommen waren, wollte der Kalif hinein gehen, der Vezier aber hielt ihn am Flügel zurück und sagte: Ihr werdet doch nicht hinein gehen, wer weiß, was darin ist. Der Kalif aber war furchtlos und schritt voran; ängstlich folgte der Vezier. Erst kamen sie durch einen langen dunkeln Gang und dann in einen andern, der war sehr eng. Kaum hatten sie die Mitte erreicht, so vernahmen sie ganz deutlich vom andern Ende ein leises Wimmern. Sie hielten an und zitternd flüsterte der Vezier: Ich flehe, laßt uns zurück; hier sind Gespenster. Der Kalif aber ging weiter und so auch der Vezier. Am Ende des Ganges war ein kleines Zimmer, nur wenig Licht fiel durch die engen Spalten der Mauer. Hier war das Wimmern deutlich zu hören, es kam aus einer Ecke. Beide sahen dahin -- zwei große schwarze Augen glänzten dort -- der Vezier schauderte. Der Kalif aber sah -- es war eine Eule. Höchst merkwürdig, die Eule konnte sprechen: Ihr Störche seid mir ein gutes Zeichen, darum seid mir willkommen! -- Wer bist du? fragte der Kalif. -- Ich bin die Prinzessin von Indien. -- Ein böser Zauberer war zu meinem Vater gekommen und wollte mich zum Weibe haben für seinen Sohn. Darüber wurde mein Vater sehr zornig und ließ ihn aus dem Palaste treiben. Aber als Sklave verkleidet kam er wieder, und als ich eines Tages im Garten spazieren ging und um einen Becher frischen Wassers bat, brachte er es mir. Allein er hatte ein Pulver in das Wasser getan, und da ich es trank, wurde ich in eine Eule verwandelt. Der böse Mann brachte mich dann hierher und sagte zu mir: Hier mußt du ewig weilen, es sei denn, daß du Jemanden fändest, der dich zum Weibe nehmen wollte. Die Eule schwieg, und nun erzählte der Kalif seine Geschichte. Als er zu Ende war, sagte die Eule wieder: Ich kenne ihn sehr wohl, diesen Zauberer, denn es ist derselbe, welcher mich hier gefangen hält. Wenn ihr mich erlösen wolltet, könnte ich euch wohl helfen. Da nahm der Kalif den Vezier bei dem einen Flügel, führte ihn zur Seite und begann leise mit ihm zu reden: Vezier, ihr müßt zur Eule gehen und sie bitten, daß sie eure Gemahlin werde, denn ihr habt gehört, daß sie nur auf diese Weise erlöst werden kann und uns helfen will. -- Nein, o nein, sagte der Vezier, das geht nicht an -- eine Eule zur Frau! -- o! -- außerdem habe ich ja schon eine zu Hause; was würde die mit mir tun, wenn ich eine andere Frau nach Hause brächte, -- es ist viel besser, ihr heiratet sie selbst, denn ihr habt ja doch noch kein Weib. -- Dem Kalifen war es nicht lieb -- aber was konnte er tun? Er wollte doch kein Storch bleiben! Er ging daher zurück zur Eule, verbeugte sich tief und sprach: Schöne Prinzessin, ich, der Kalif von Bagdad, komme zu euch und bitte um eure Hand, gewährt sie mir und werdet mein Weib. -- Und beschämt schlug sie die Augen nieder, kam zögernd aus der Ecke hervor und sagte leise: Ja; und dann fiel der Kalif nieder vor ihr auf die Kniee. Die Eule war sehr glücklich und sie lächelte lieblich und sprach: Jeden Monat kommen die Zauberer des Landes einmal in diesem alten Schlosse zusammen und halten ein großes Mahl und erzählen dann, was sie getan haben. Auch heute Abend kommen sie hierher; vielleicht vernehmen wir dann das Wort von dem bösen, bösen Manne. Folgt mir, ihr Herren Störche, ich führe euch jetzt zum Platze. Sie schritt voran, die beiden Störche folgten. Es ging durch viele Thüren und Zimmer und schmale Gänge. Zuletzt blieb sie vor einer Pforte stehen. Durch eine Spalte konnte man in eine große Halle sehen, in welcher viele Lichter brannten. An einer langen Tafel saßen viele alte Männer mit langen, grauen Bärten, vor sich hatten sie hohe Becher mit Wein stehen und sie tranken viel, -- am andern Ende saß derselbe Alte, welcher ihnen das Pulver mit dem Manuskripte gegeben hatte. Die drei warteten lange und lauschten und sie hörten alles, was gesprochen wurde. Da stand zuletzt jener alte Krämer auf und erzählte laut lachend, wie er den Kalifen in einen Storch verwandelt habe. Alle fragten ihn darauf: Welches Wort hast du ihm denn gegeben? {Mutabor}, sagte er. Als der Kalif dieses hörte, sprang er schnell zurück, aus der Ruine. Die Sonne erschien gerade am östlichen Himmel, da bückte er sich dreimal und sprach mit lauter Stimme: {Mutabor}, und so tat auch der Großvezier, und wirklich! sie wurden wieder zu Menschen.

Kalif und Vezier umarmten sich lange und herzlich vor großer Freude, und als sie sich endlich von einander los machten, sahen sie bei sich stehen eine holde Jungfrau, so schön sie noch keine gesehen hatten. Ich bin die Prinzessin von Indien, sagte sie. -- Meine geliebte Braut, rief der Kalif; und alle kamen wieder nach Bagdad, und das Volk war glücklich, daß sein Kalif wieder da war.

So, nun bin ich zu Ende. -- Nun, geliebtes Schwesterchen, wie gefällt Dir diese Philosophie?

Martha Parks: Das ist sehr schön, lieber Bruder Louis. Hast Du dieses alles selbst gedacht, als Du so ruhig hier saßest?

Louis: O nein, Martha, das habe ich nicht, ich habe es in einem Buche aus Alberts Bibliothek gelesen.

Dr. Albert: »Märchen von Hauff« -- nicht wahr, Louis?

Louis: Ganz recht, »Märchen von Hauff«, das ist der Titel des Buches. Es sind noch viele andere schöne Geschichten darin, die sollten Sie lesen, Fräulein Bella.

Bella: Das möchte ich wohl, aber da sind so viele kleine Silben im Deutschen, die machen das Lesen für mich so schwierig.

Dr. Albert: Ich weiß schon, mein Fräulein, was Sie meinen. Nun, wenn Sie mir erlauben, so werde ich Ihnen in Kürze vielleicht einige Aufklärung darüber geben können. -- Was wollen Sie sagen, mein Fräulein?

Gretchen: Ich möchte Ihnen mitteilen, daß ich Ursache habe, mit den Herren Parks sehr böse zu sein.

Dr. Albert: Mit mir, mein Fräulein?

Otto: Mit mir?

Louis: Mit mir?

Gretchen: Mit allen drei Herren!

Louis: Aber warum denn?

Dr. Albert: Was haben wir denn verbrochen?

Gretchen: Verbrochen? Sehr viel, meine Herren. Keiner von Ihnen erzeigte mir heute nur so viel Ehre, sehen Sie, nicht so viel.

Bella: Aber Gretchen, ich habe nichts bemerken können.

Martha Meister: Ich verstehe Schwester Gretchen schon, ha, ha!

Gretchen: Sehen Sie einmal, meine Herren! Zuerst sprach der Herr Doktor und er sprach nur mit Schwester Martha, wenigstens sah er nur sie an; dann Herr Otto und er sprach zu niemandem mehr, als zu meiner Freundin Bella, und jetzt sprach Herr Louis zu seiner Schwester Martha ganz allein. -- Niemand erzählt mir etwas, o ich fühle mich sehr zurückgesetzt, meine Herren!

Louis: Fräulein Gretchen, Sie müssen warten, bis meines Bruders Freund kommt. Wenn Sie ihn zum Reden bringen, so erzählt er Ihnen auch Geschichten. Nicht wahr, Albert?

Dr. Albert: Ja, ja, mein Fräulein, das tut er, und er erzählt viel, viel besser als ich!

Martha Parks: Das geht wohl nicht, besser als Du, Albert?

Dr. Albert: Nun gut, Ihr werdet schon sehen. Gewöhnlich spricht er sehr kurz; aber wenn wir ihn nur einmal zum Sprechen bringen können. Halt! Da fällt mir gerade noch zur rechten Zeit ein, daß ich unserer lieben Freundin Bella noch eine Antwort schulde auf ihre Frage: »Sind Sie unglücklich, Herr Doktor?« -- Nein, mein Fräulein, ich bin es nicht; ein Teil meines Glückes aber wird Ihnen klar werden, wenn ich Ihnen das folgende Gedicht von Schiller deklamiere:

_Die Teilung der Erde._

»Nehmt hin die Welt!« rief Zeus von seinen Höhen Den Menschen zu; »nehmt, sie soll euer sein. Euch schenk' ich sie zum Erb' und ew'gen Lehen; Doch teilt euch brüderlich darein.«

Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten, Es regte sich geschäftig jung und alt: Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten, Der Junker pirschte durch den Wald.

Der Kaufmann nimmt, was seine Speicher fassen, Der Abt wählt sich den edlen Firnewein, Der König sperrt die Brücken und die Straßen Und spricht: »Der Zehente ist mein.«

Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen, Naht der Poet, er kam aus weiter Fern'; Ach, da war überall nichts mehr zu sehen, Und alles hatte seinen Herrn.

»Weh mir! so soll denn ich allein von allen Vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?« So ließ er laut der Klage Ruf erschallen, Und warf sich hin vor Jovis Thron.

»Wenn du im Land der Träume dich verweilet,« Versetzt der Gott, »so hadre nicht mit mir. Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?« »Ich war,« sprach der Poet, »bei dir.«

»Mein Auge hing an deinem Angesichte, An deines Himmels Harmonie mein Ohr; Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte Berauscht, das Irdische verlor!«

»Was tun?« spricht Zeus, -- »die Welt ist weggegeben, Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein; Willst du in meinem Himmel mit mir leben, So oft du kommst, er soll _dir_ offen sein.«

Martha Meister: Aber Sie dürfen über den Himmel auch die Erde nicht vergessen, Herr Doktor.

Dr. Albert: Nein, mein verehrtes Fräulein, das werde ich nicht. Ich will Ihr mahnendes Wort wohl merken. Und nun müssen wir aufbrechen -- nicht wahr, Schwester?

Martha Parks: Wenn Du mußt, Albert. -- Otto und Louis, nehmt Abschied.

Bella: Sie sind plötzlich zu eilig, Herr Doktor!

Dr. Albert: Gute Nacht, meine Damen, träumen Sie süß. Gute Nacht.

Alle: Gute Nacht.

VII.

Martha Meister: Wie schön von Ihnen, Louis, daß Sie kommen!

Martha Parks: Ach, wir sind so geeilt.

Bella: Du glaubst kaum, liebe Martha, wie gespannt wir sind.

Gretchen: Was für Nachrichten bringen Sie uns heute, Herr Louis?

Louis: Gute, meine Damen, sehr gute, ich ....

Bella: Wie warm Ihnen ist, Louis; Gretchen, Martha, -- schnell die Fächer zur Hand -- so -- das ist schön, Louis, nicht wahr?

Louis: O, ich bin beneidenswert!

Gretchen: Jetzt ist Ihnen kühler, nicht wahr? Nun, Louis, was wollten Sie sagen?

Louis: Ach so -- sie sind fast immer allein in der Bibliothek bei verschlossener Thüre; was sie verhandeln, möchte ich wohl wissen, aber ich weiß es nicht und kann Ihnen nichts davon verraten. Heute Mittag bei Tisch aber begann Albert so wie zufällig: Heinrich, ich möchte Dich heute Nachmittag in eine befreundete Familie einführen -- ich -- ich weiß, was Du sagen willst, -- nein, nein, mein Freund, keine Entschuldigung heute, ich habe dort eine kleine Vorlesung über Lessing zu geben und es liegt mir viel daran, den Damen zu gefallen, und Du weißt zu gut, daß ich viel besser sprechen kann, wenn ich Dich vor mir habe; liebster Heinrich, bringe mir das Opfer, willst Du? -- »Hm, ich begleite Dich,« -- war alles, was er darauf erwiderte. Er spricht sehr wenig und immer kurz, aber jedes seiner Worte hat Wert. Otto meint, daß seine Ideen hoch und edel seien.

Martha Parks: Und ich glaube wie Otto. Ich sitze gerne bei dem stillen Freunde meines Bruders, und er sieht mich immer so freundlich an, und ich sehe ihn wieder an; wir sprechen kein Wort -- wir sehen einander bloß an.

Martha Meister: Nicht wahr, Gretchen, es ist nun Zeit, Mama und Papa zu rufen? Entschuldigt mich, bitte, in wenigen Minuten bin ich wieder bei Euch.

Bella: Bitte, Martha, gehe nur. -- Gretchen! Gretchen! -- ich glaube, man klopft.

Gretchen: Ich habe nichts gehört, Bella.

Louis: Es war der Wind.

Bella: Aber jetzt -- ganz sicherlich, es klopft; Gretchen, ich habe es wirklich gehört; o, wie ich zittere!

Martha Parks: Ja, ich habe es auch gehört.

Gretchen: Herein!

Dr. Albert: Guten Tag, mein wertes Fräulein; Fräulein Bella, guten Tag! Sieh, sieh, Schwesterchen ist schon hier mit Bruder Louis -- nun, das ist ja gut. Erlauben Sie mir, meine Damen, Ihnen meinen liebsten Freund vorzustellen: Herr von Halsen, Fräulein Gretchen Meister und unsere liebe Freundin Bella ....

Gretchen: Da kommen die Eltern auch und Schwester Martha.

Dr. Albert: Meine Herrschaften, ich bin glücklich, Sie so wohl zu sehen. Ich habe mir heute die Freiheit genommen, meinen lieben Freund aus Deutschland bei Ihnen einzuführen: Herr Heinrich von Hal... -- Heinrich, was ist Dir? -- was starrst Du jenes Bild so an?

Herr von Halsen: Hm, hm, meines Vaters Bild hier, -- hm, -- wer ist der Haus-Herr?

Herr Meister: Ich habe die Ehre, mich Ihnen selbst als solchen vorzustellen -- mein ....

Herr von Halsen: Sind Sie Herr Meister, Herr Wilhelm Meister?

Herr Meister: Ganz recht, mein Herr.

Herr von Halsen: Hatten Sie nicht einen Jugend-Freund Gustav von Halsen? ....

Herr Meister: Ja, ja, mein Herr, -- Sie wissen von ihm? .... ich flehe, sprechen Sie, lebt er?

Herr von Halsen: Er lebt und er ist wohl, und ich selbst -- bin sein Sohn.

Herr Meister: Er lebt -- Dank, dank dir, guter Gott! -- und Sie -- sein Sohn! Willkommen mir, willkommen in meinem Hause, Sohn meines Freundes. O sieh' doch hier, teures Weib, meines -- unsers Freundes Gustav Sohn. Ach, Kinder, Ihr -- Ihr wißt von all' dem nichts; es ist eine alte, traurige Geschichte!

Frau Meister: Sie wissen alles, ich sprach davon vor kurzem -- vergeben Sie mir, Herr von Halsen, wenn ich erst jetzt Ihnen Willkommen, aus ganzem Herzen Willkommen entgegenrufe. Als ich eintrat durch jene Thüre und Sie erblickte, war ich sprachlos; ich konnte mich nicht fassen, denn eine längst vergangene Zeit stand mit einem Male wieder vor mir. Sie sind das Ebenbild Ihres Vaters.

Herr Meister: Ja, ja -- wo waren meine Augen nur!

Herr von Halsen: Mein verehrtester Herr, ich habe Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin einige Worte vom Vater zu sagen und Papiere zu überbringen. Albert, willst Du mich für einige Momente entschuldigen?

Dr. Albert: Gewiß!

Herr Meister: Treten Sie ein!

Herr von Halsen: Hm, hm, -- seltsam, -- schnell gefunden -- fast unglaublich --!

Frau Meister: Entschuldigt uns, bitte, -- nur wenige Minuten!

* * *

Bella: O, Gretchen, Martha!

Martha Meister: Das ist wahrhaft wunderbar!

Gretchen: Wahrhaft wunderbar!

Dr. Albert: Was bedeutet denn dieses alles?

Otto: Ach, ich sehe, Albert, Du weißt nichts von der Geschichte seines Vaters. Wenn ich nicht irre, Albert, so hört man jetzt in jenem Zimmer das Finale einer sehr interessanten Geschichte, deren ersten Teil Frau Meister uns neulich erzählt hat. Hast Du ihm denn niemals Herrn Meisters Namen genannt?