Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series
Part 13
Gretchen: Das freut uns. Kommt recht bald wieder.
Bella: Und bringt die Herren Brüder mit!
Martha Parks: Danke.
Louis: Adieu!
VI.
Bella: Herr Doktor, sagen Sie mir, sind Sie unglücklich?
Gretchen: Aber -- welche Frage, Bella!
Dr. Albert: Verzeihen Sie dieses Lächeln, mein liebes Fräulein, aber Ihre Frage ist wirklich überraschend für mich -- und dabei sind Sie so originell und sehen mich so ängstlich, so neugierig an mit Ihren großen, schönen Augen! -- Was auf Erden, beste Freundin, bringt Sie auf solche Gedanken?
Bella: Ich -- ich --
Louis: Ich war es, nicht wahr, Fräulein Bella? Ich erzählte Ihnen, daß Bruder Albert seit kurzem immer sehr ernst sei und immer Falten auf der Stirne habe -- etwa so -- siehst Du, Albert, ganz wie ich jetzt, so siehst Du gewöhnlich aus.
Dr. Albert: Aha -- ich verstehe. Die Herrschaften waren so gütig, meine Persönlichkeit zum Gegenstande ihrer Betrachtungen zu machen. Für diese Ehre schulde ich Ihnen großen Dank, in der Tat; allein da werde ich in Zukunft wohl recht vorsichtig vor Ihnen sein müssen. Also Falten haben Sie auf meiner Stirne entdeckt, wirkliche Falten und daher die wohlgemeinte Frage meiner Freundin: »Herr Doktor, sind Sie unglücklich?« Aber bedeuten Falten denn immer Unglück? Oftmals sind sie Zeichen der Sorge oder des Schmerzes und auch der Reue; oft aber deuten sie auf ernstliches Denken und sind wie die dunklen Schatten, welche hier und da auf grünen, sonnigen Bergen ruhen. Der Landmann sieht sie häufig mit Freude, denn gerade diese Schatten kommen von den Wolken, welche über den Bergen und auf ihren Gipfeln schweben und seinen durstigen Saaten den warmen, befruchtenden Regen verheißen. -- Nun möchten Sie wohl gar zu gerne wissen, meine Freundin, was die Falten auf dieser Stirne bedeuten? Denken Sie ja nicht allzu viel nach, meine Freundin, sonst -- sonst --
Bella: Bekomme ich auch solche Falten, nicht wahr?
Dr. Albert: Und das wäre doch schade, Bruder Otto, meinst Du nicht so?
Gretchen: Sie zeigen soeben, Herr Doktor, daß Sie selbst sehr gerne beobachten.
Dr. Albert: O gewiß, mein Fräulein, das thue ich, denn alles in der Welt hat Interesse für mich: Menschen und Pflanzen, Tiere und Steine, alles, alles. Die Betrachtung der Natur zumal gewährt mir hohen Genuß. Geht es Ihnen nicht auch so, Fräulein Martha?
Martha Meister: Auch ich finde viel Freude im Beschauen der Natur; allein wie wenig Gelegenheit findet man dazu in einer großen Stadt.
Bella: Das meine ich auch. Ich lese und höre so viel von dem Schönen, von den Wundern der Welt; aber hier bin ich jahraus, jahrein inmitten einer ungeheuern Masse von Backsteinen. Ich möchte wohl auch einmal etwas in der Welt beschauen.
Dr. Albert: Wirklich? Dann gehen Sie doch einmal mit mir, wenn ich durch die Wälder streife.
Bella: O, das wäre herrlich, Herr Doktor! -- Nein, nein, es geht doch wohl nicht, denn Sie bleiben ja immer so lange fort. Was Sie da wohl tun, wenn Sie Tag und Nacht von Hause bleiben? -- Ei, das möchte ich gar zu gerne erfahren, mein lieber Herr Doktor -- aber das sind wohl auch Geheimnisse, nicht wahr?
Dr. Albert: Durchaus nicht, mein Fräulein. Ich weile gern in der großen Stadt, denn gerade dieses Lärmen und Treiben ist es, wodurch auch in mir die Lust zum Schaffen erweckt wird. Allein, wenn nach langem Studieren und Schreiben und Denken mein Auge ermattet und die Hand mir erlahmt und mein Ohr des nimmer endenden Geräusches müde wird, wenn mein Geist seine Frische verliert und den Mut und den Enthusiasmus, -- dann schließe ich schnell mein Buch und mein Zimmer, dann ergreife ich die Flinte und eile hinaus in die weite, weite Welt und steige hinauf auf die Berge.
Oftmals geschah es dann wohl, daß ich lange nach Mitternacht noch lauernd im Gebüsche stand. Aus den schlanken Tannen kam dann das Reh mit dem Jungen arglos und langsam hervor und so lieblich war es im silbernen Lichte des Mondes anzuschauen, daß ich, auf die Flinte gestützt, ruhig blieb und mich so lange erfreute am Anblick, bis sie beide in graziöser Schnelle weiter dahin eilten.
Öfters aber schaute ich auf zum dunkelblauen Himmels-Zelte, zu den Sternen ohne Zahl, und unaussprechliches Staunen erfaßte mich über die unbeschreibliche Pracht. Wessen Seele müßte nicht heiligste Ehrfurcht empfinden vor solch' erhabenem Anblicke? Sind nicht viele jener Sterne tausend und tausendmal größer als der Erdball? Welcher Verstand könnte die Unendlichkeit des Welten-Raumes erfassen, in dem alle diese Sterne ihre eigenen Bahnen mit unglaublicher Schnelle durcheilen! Der Mensch kann nur staunen. -- Ein Nichts erscheint er sich selbst, ein Atom im Weltall; er beugt in Demut sein Haupt vor dem Schöpfer und versinkt in die tiefste Anbetung. In seinem Innern aber erhebt sich dann wohl jauchzend die Stimme: Der allgewaltige Schöpfer dieser wunderbaren, großen, unendlichen Welt ist ja auch dein liebender Vater; er wachet und waltet über alle Wesen mit Vater-Güte und dem Menschen gab er die Einsicht, daß er dieses verstehe, und er gab ihm ein Herz, daß er es fühle. Dann hebt sich die Brust, und neues Leben durchrinnt mich wieder. Neue Gedanken und neue Pläne zu großen und guten Taten beginnen in mir zu keimen; elastisch springe ich auf aus meinem Verstecke und dringe vorwärts. Überall um mich in den Büschen regt es sich, denn der Tag bricht neu an. Ich klimme aufwärts, bis ich den Gipfel des Berges erreiche, ah -- von neuem eine unbeschreibliche Überraschung! Vor mir liegt der Ocean, endlos, endlos; ich erhebe meine Hände beim Anblick desselben, mein Herz strömt über von Glück, aus den Augen brechen Thränen der Freude, und meine Lippen murmeln -- Worte des Psalmisten: »Preise den Herrn, meine Seele, die Welt ist seiner Herrlichkeit voll, die Majestät des Herrn ist groß und mächtig. -- O, wie sind deine Werke wunderbar -- alles hast du mit Weisheit geschaffen -- die Erde ist voll deiner Güter. -- Dem Herrn sei Lob und Ehr' in Ewigkeit.«
Martha Parks: O Albert, wie Du sprechen kannst. Ich könnte Dir immer zuhören.
Martha Meister: Herr Doktor, Sie sprechen mir wie aus der Seele.
Dr. Albert: Das will ich wohl glauben, mein Fräulein; ich sah in Ihre Augen und da las ich wie in einem Buche.
Otto: Geht es Dir auch so wie mir, Albert? Wenn ich mit Personen rede, welche mir ganz und gar sympathisch sind, dann entstehen auf einmal in mir Gedanken, die ich nie zuvor gehegt. Welch' wunderbare Macht doch das menschliche Auge besitzt!
Martha Meister: Gleichen hierin nicht manche Augen der Sonne, deren Strahlen Leben erzeugen, wenn sie auf fruchtbaren Boden fallen?
Otto: Mein Fräulein, Ihr Vergleich gefällt mir.
Martha Parks: Otto, welche Augen hältst Du für die schönsten, die blauen oder die braunen?
Otto: Schwesterchen, möchtest Du wohl anstatt meiner Ansicht die schönen Worte eines Poeten hören?
Martha Parks: Ach ja, bitte, Otto.
Otto: In Mirza Schaffy's Liedern heißt es so:
»Ein graues Auge -- Ein schlaues Auge. Auf schelmische Launen Deuten die braunen; Des Auges Bläue Bedeutet Treue, Doch eines schwarzen Aug's Gefunkel Ist stets, wie Gottes Wege, dunkel!«
Bella: Das ist ganz reizend. Was meinst Du dazu, Martha?
Martha Parks: Es ist ein allerliebstes Gedicht. Laß doch mal sehen, Bella, was für Augen hast denn Du? O, Du hast braune Augen, Du hast schelmische Augen, Bella. Wißt Ihr aber auch, wer die schönsten Augen hat? Ich weiß es. -- Ein Freund meines Bruders Albert. Er wohnt in Deutschland und bald kommt er zu uns. Albert hat mir viel von ihm erzählt; er hat große, blaue Augen, sagt Albert, und bald sind sie melancholisch und bald traurig, und dann wieder mutig, -- nicht wahr, Albert, hast Du mir nicht so gesagt?
Dr. Albert: Ja, ja, Du kleine Schwätzerin!
Martha Parks: Ach, sollte ich nicht davon sprechen, Albert? Das habe ich nicht gewußt. Aber das schadet nicht, Albert, unsere Freundinnen dürfen alles wissen, Martha und Gretchen und Bella, nicht wahr?
Bella: Aber warum wollen Sie uns nicht auch von ihm erzählen, Herr Doktor? Sie sind unser Freund und Ihre Freunde sind auch die unsern, und wir müssen sie kennen. Ist es nicht, wie ich sage? Gretchen, sprich Du!
Gretchen: Gewiß, Herr Doktor, Ihre Freunde finden bei uns stets einen herzlichen Empfang.
Dr. Albert: Dafür danke ich Ihnen, meine Freundinnen, und erlauben Sie mir zu sagen, daß ich auf Ihre Freundschaft sehr stolz bin.
Bella: Und wir auf die Ihrige.
Martha Meister: Wir bitten Sie, Herr Doktor, Ihren Freund nach seiner Ankunft bei uns einzuführen.
Dr. Albert: Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden, allein ich dürfte kaum in die Lage kommen, von Ihrer gütigen Erlaubnis Gebrauch zu machen.
Gretchen: Aber weshalb denn nicht, Herr Doktor?
Dr. Albert: Mein Freund geht selten in Gesellschaft, niemals aber dann, wenn Damen gegenwärtig sind.
Gretchen: Was Sie sagen!
Martha Meister: Aber Ihr Freund fürchtet sich doch nicht vor Damen?
Dr. Albert: Nein, das nicht; aber wie ich sagte, meine Damen, es ist wirklich so.
Bella: Damenscheu! -- O das ist wirklich interessant. Herr Doktor, wir lassen Sie heute nicht gehen, wenn Sie uns nicht viel, wenn Sie nicht alles, was Sie wissen, von Ihrem Freunde erzählen. Fangen Sie schnell an, bitte, bitte, lieber Herr Doktor, ich werde Ihnen dafür auch ewig dankbar sein.
Louis: Albert, solchen Bitten kannst Du nicht widerstehen, das weiß ich.
Dr. Albert: Wenn ich Ihnen willfahre, Fräulein Bella, so geschieht es sicher gegen den Willen meines Freundes.
Bella: Er wird Ihnen vergeben; wir alle werden für Sie um Verzeihung bitten.
Dr. Albert: Wohl, dann will ich's wagen!
Ehe ich vor mehreren Jahren nach Deutschland reiste, hatte ich oft gehört, daß unsere Eisenbahnen viel besser wären, als diejenigen in Europa; und als ich nun nach meiner Ankunft in Deutschland abends spät in Hamburg in den Eisenbahn-Zug einstieg, um nach Hannover zu fahren, fand ich es wirklich so. Da war ich zum ersten Mal in einem Coupé. Die Sitze an sich waren allerdings sehr bequem, allein das Coupé war recht eng, und man hatte weder genügend Luft noch Licht und gar keine Freiheit der Bewegung. Man kann nicht, wie bei uns, von einem Wagen zum andern gehen, man hat nicht einmal Verbindung mit den Coupé's desselben Wagens. Ich fühlte mich beengt. Wie unangenehm, dachte ich, muß es doch sein, wenn man in solch' kleinem Raume mit Reisenden zusammentrifft, welche uns nicht behagen, oder wie gefährlich könnte es werden, wenn man nachts allein mit unredlichen Menschen reisen müßte. Dabei fahren die deutschen Eisenbahnen bei weitem nicht so schnell, wie die unsrigen.
Mehrere Stunden mochte ich wohl gefahren sein, als der Schaffner rief: »Aussteigen! Dieser Zug bleibt hier liegen, der nächste Zug nach Hannover kommt in einer Stunde.« -- Ich stieg aus und ging in den Wartesaal. Es war eine Stunde nach Mitternacht und es war kühl. In dem hohen Zimmer, das vom Tabacks-Rauche schwarz gefärbt und darum düster war, brannte ein kleines Licht; ich war sehr müde und schlief bald auf einem Stuhle. Ein heftiges Schütteln erweckte mich; ein Mann hatte mich an beiden Schultern gefaßt und schrie mit Donner-Stimme mir ins Ohr: »Einsteigen nach Hannover.« Es war zwei Uhr. -- Murrend über die rauhe Störung und noch halb schlafend, ergriff ich hastig mein Gepäck und eilte hinaus. Kaum erreichte ich meine Coupé, so brauste der Zug schon weiter. Ich sah mich um, -- war ich allein? ha -- in der einen Ecke saß ein Mann mit einem großen breiten Hute und blickte mich schrecklich an, so daß ich unwillkürlich nach meiner Pistolen-Tasche griff. Ebenso schnell war der Kerl in der Ecke aufgesprungen, hielt mir einen Revolver entgegen und schrie: Was wollen Sie? -- Was wollen Sie? rief ich. -- Ich will nichts, wohl aber Sie. -- O, ich will auch nichts. -- Warum griffen Sie nach Ihrem Pistol? -- Weil Sie nach dem Ihrigen griffen und mich anstarren, lüstern wie ein Räuber.
Ich -- ein Räuber! rief er und lachte dabei so herzlich, daß ich nun völlig munter wurde und mich wahrhaft schämte. Betrachten Sie mich ordentlich, guter Freund; sehe ich aus wie ein Räuber, sagte er und dabei nahm er seinen Hut vom Kopfe und zeigte ein sonnenverbranntes Gesicht. Die Züge desselben waren regelmäßig. Die Stirne war hoch und der Kopf höchst charakteristisch; wahrhaft schön aber waren die großen Augen. Ich bat ihn, mir meinen Irrtum zu vergeben. Bitte sehr, bitte, mein Herr, sagte er in melodischer, freundlicher Stimme; Sie sind ein Fremder, wie ich an Ihrer Sprache höre und tun sehr wohl daran, vorsichtig zu sein. -- Wir reichten einander die Hände, setzten uns nieder und hatten bald die interessanteste Unterhaltung in englischer Sprache. Er sprach das Englische so rein und so fließend, daß es mir selber nicht klar wurde, welches von beiden Ländern seine Heimat wäre, ob England oder ob Deutschland. Er erzählte gerne und gut von seinen großen Reisen, er sagte mir, daß er gerade jetzt von einer Reise um die Welt nach dem Eltern-Hause in Berlin zurückkehre, und ich bemerkte ihm dann auch, daß ich selbst nach Berlin reisen wollte, um dort zu studieren. Ich erzählte ihm von meiner Familie und von meinen Absichten, und da die Sonne herauf kam, waren wir beide erstaunt, daß die Nacht so schnell vergangen war. Dieses war meine erste Nacht auf deutschem Boden, und dieses war meine erste Begegnung mit meinem Freunde.
Gretchen: Und ist das derselbe Freund, welchen Sie jetzt hier erwarten?
Dr. Albert: Derselbe, mein Fräulein.
Martha Parks: Armer Mensch! Er ist gar nicht glücklich, nicht wahr, Albert?
Bella: Aber was ist denn Ihrem Freunde Böses widerfahren, Herr Doktor?
Dr. Albert: Das ist eine traurige Geschichte. Sie sollen sie hören, vielleicht werden Sie dann weniger, als andere, seine Zurückhaltung mißdeuten.
Mein Freund ist kein geborner Deutscher. Sein Vater hatte in der Jugend Deutschland verlassen und war nach vielen Reisen zuletzt in Indien geblieben. Er gründete ein bedeutendes Handels-Haus, und seine Schiffe brachten die Schätze des Landes in alle Teile der Welt. Man hielt ihn für den reichsten unter den dortigen Handels-Herren. Seine Gattin war eine Engländerin, und da er im Osten seinem einzigen Sohne nicht die erwünschte Erziehung geben konnte, so kehrte er mit seiner Familie nach der Heimat zurück, wo er in Berlin sich einen fürstlichen Palast erbaute. Sein Sohn hatte dann das Gymnasium mit gutem Erfolge absolviert und war gerade zur Universität gegangen, als der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich ausbrach. Deutschlands Jugend eilte mit Begeisterung zu den Waffen, und auch mein Freund Heinrich stand nicht zurück. In den Schlachten war er der erste und hatte sich durch Tapferkeit und Mut derartig vor anderen hervorgetan, daß man ihn nicht allein mit dem eisernen Kreuze schmückte, sondern ihn auch zum Range eines Offiziers beförderte. Bei allen seinen Kameraden war er beliebt, und alle freuten sich über seine Auszeichnung. Er selbst war stets der fröhlichste von allen, voll Lebenslust und Witz, nie ermüdet und voll Vertrauen auf sein gutes Glück. Dies machte ihn zu kühn. In der Schlacht bei Gravelotte war er unter den Mutigsten der erste; vorwärts drang er, immer vorwärts, von Position zu Position; und er führte seine Kompagnie im Sturm-Schritte voran und schwang hoch und siegestrunken die erbeutete Fahne, da sank er, von einer Kugel getroffen, bewußtlos zu Boden.
Als er wieder zum Bewußtsein gekommen war, sah er sich verwundert um. Er war in einem fremden Zimmer auf einem bequemen Lager. Kameraden hatten ihn nach dem nahen Schlosse eines französischen Nobelmannes gebracht, und die Tochter des Hauses pflegte ihn unter Aufsicht des Arztes. Seine Verwundung war schwer; man zweifelte an seiner Errettung, er selbst aber sprach lebhaft in seinen Fieber-Phantasien von den Augen eines Engels, die schützend über ihm wachten. Und wirklich schien es so; denn was die Ärzte kaum zu hoffen gewagt hatten, das geschah -- er genas. Und als er nach vielen Wochen endlich wieder zum ersten Male am Arme seiner treuen Pflegerin einen Gang in den Garten machen konnte, da war er wirklich zu neuem Leben erstanden. Glücklicher war er nie zuvor in seinem Leben gewesen und dankbar blickte er auf zu ihr -- zu seiner Retterin. Sie verstand seinen stummen Blick. Kein Wort wurde gesprochen, nur die Vögel in den Büschen sangen lieblich. Ah, wie herrlich erschien beiden die Welt. -- Schnell schritt seine Genesung nun vorwärts und nicht lange nachher erhielt er die Weisung, in seine Heimat zurückzukehren. Zuvor jedoch hatte er beim Herrn des Schlosses um die Hand der Tochter gebeten, und das war mit ihrer Erlaubnis geschehen. Allein des Vaters höfliche, aber entschiedene Worte lauteten so:
»Mein Herr, Sie haben gegen mein Vaterland das Schwert geführt. Zu meinem größten Bedauern muß ich es aussprechen, daß dieser unglückliche Umstand eine nähere Verbindung mit meiner Familie unmöglich macht.« --
Mein Freund reiste nach seiner Heimat. Unaussprechlich war die Freude seiner Eltern über ihren geretteten Sohn. Ah -- sie wußten nur von der einen Wunde, welche nun geheilt war, die andere, die schmerzlichere, die vom Pfeile Amors, konnten sie nicht sehen. -- Gerne gaben sie ihrem Sohne die Erlaubnis, auf Reisen zu gehen. Unter fremdem Himmel, unter fremden Menschen hoffte er das Vergangene vergessen zu können. Sein Kämpfen war vergebens, -- da eilte er endlich nach vielen, vielen Monden zurück in die Heimat derjenigen, um deren willen er so litt. Er erreichte die Stadt. Vom Turme läuteten die Glocken, und viele Menschen gingen zur Kirche. Auch er trat ein, noch zeitig genug, um die letzten Segens-Worte zu hören, welche der Priester über ein neu vermähltes Paar aussprach; und dann verließ das Braut-Paar die Kirche. Der Bräutigam war ein Offizier der französischen Armee und mit triumphierendem Blicke führte er an seinem Arme die schöne Braut. Aus ihren Augen aber rollten große Thränen. Waren es Freuden-Thränen? Dem Braut-Paare aber folgte ernsten Schrittes ihr Vater. Es war jener Nobelmann und er hatte nun seinen Willen durchgesetzt. Von diesem Tage an wurde mein Freund ernst und schweigsam. Er begann ein Leben voll rastloser Thätigkeit, machte eine Reise um die Welt, beobachtete die Menschen aller Länder, kam zurück, studierte weiter in Berlin und drang tief in alle Gebiete des Wissens ein. Er besitzt alles, was viele andere Menschen zufrieden und glücklich machen würde, allein er selbst ist es nicht. Wie oft habe ich ihn getröstet und ermuntert, wie oft ihm Vorwürfe gemacht; dann aber pflegte er zu sagen: Mein Lieber, ich habe lange und schwer gerungen, diese Schwäche zu überwinden, bis heute ist es mir nicht gelungen, ihrer Herr zu werden, und Gott allein weiß, ob ich dieses jemals erreichen werde. Mein Leben ist wie eine Landschaft zur Nacht-Zeit; auf Bergen und Hügeln und Flüssen und Seen und Fluren ruht das matte Licht des Mondes -- wie ganz anders wäre doch alles im heitern Sonnenscheine. Es ist der Sonnen-Schein, der auch meinem Leben fehlt.
Bella: Und dieser Freund, sagten Sie, kommt jetzt zu uns hierher, Herr Doktor?
Dr. Albert: Ja, mein Fräulein, er folgt meinem Wunsche und seines Vaters Rat. Der Vater selbst war auch einmal in seiner Jugend hier gewesen.
Gretchen: Und glauben Sie nicht, Herr Doktor, daß er bei uns wieder froher werden dürfte?
Dr. Albert: Ah, mein liebes Fräulein, wenn das möglich wäre!
Gretchen: Und warum sollte es unmöglich sein, trauen Sie uns so wenig zu?
Dr. Albert: Nein, es ist nicht Mißtrauen gegen Sie, allein nach meinen Erfahrungen muß ich jene Möglichkeit bezweifeln.
Bella: O, Herr Doktor, wir können vieles, wenn wir wollen, und Gretchen kann alles, wenn sie will. Nicht wahr, Martha?
Martha Meister: Ja, ja -- und wir alle würden ihr helfen, wir würden hören auf jedes ihrer Worte, wir würden achten auf jeden ihrer Winke; was meinst Du dazu, Gretchen?
Dr. Albert: Die Damen sind in der Tat zu gütig, allein, allein -- ich fürchte, Sie mühen sich vergebens.
Gretchen: Wie wäre es, Herr Doktor, wenn wir Ihren scheuen Freund, der sich von den Freuden der Welt zurückzieht, dahin brächten, daß er selbst uns, den Damen, den Vorschlag zu einem Picknick machte?
Dr. Albert: Dann will ich Sie als meine Meisterin anerkennen; aber, mein Fräulein, können Sie zaubern oder Wunder tun?
Gretchen: Zuweilen. -- Wollen Sie Ihren Freund bei uns einführen?
Dr. Albert: Das wird sehr schwierig sein, aber ich werde es versuchen.
Gretchen: Und wollt Ihr mir in allem auf's genaueste folgen?
Alle: Wir wollen in allem auf's genaueste folgen.
Gretchen: Und versprechen, keinem Menschen ein Wort vom Komplott zu erzählen?
Alle: Wir versprechen, keinem Menschen ein Wort vom Komplott zu erzählen.
Gretchen: Wie feierlich das klang. -- Wohlan, so gehen wir frisch an's Werk. Sie sollen schon sehen, Herr Doktor, wie wir triumphieren werden.
Dr. Albert: Ihre Mühe wird größer sein, als Sie denken.
Gretchen: Der Preis ist des Ringens wert.
Bella: Wissen Sie, Herr Doktor, daß ich mich fürchte vor diesem Freunde.
Dr. Albert: Dazu haben Sie keine Ursache, bestes Fräulein, er ist der liebenswürdigste, treueste Mensch von der Welt.
Bella: Mißverstehen Sie mich nicht, Herr Doktor, ich fürchte nicht ihn, sondern seine große Gelehrsamkeit -- ach, ich weiß so wenig, so wenig.
Dr. Albert: Darum haben Sie ja keine Sorgen -- außerdem wird Otto Ihnen zur Seite stehen. Nicht wahr, Bruder Otto?
Bella: Was studieren Sie denn jetzt, Herr Otto?
Otto: Herders Werke. Den »Cid« und die »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« habe ich beendet. Das erste würde auch Ihnen, mein Fräulein, sehr gut gefallen. Heute Morgen las ich einige Parabeln, welche mir großes Vergnügen bereitet haben.
Bella: Würden Sie so gütig sein, Herr Otto, uns einige dieser Parabeln zu erzählen?
Otto: Recht gerne, mein Fräulein.
Unmittelbar nach Erschaffung des Weltalls war der Mond eben so groß und so brillant wie die Sonne. Damit aber war der Mond nicht zufrieden und sprach: Warum komme ich nicht vor der Sonne, warum muß ich ihr folgen? Und der Mond grämte sich und wurde dadurch bleich und klein. -- Sein Glanz aber war in den Welten-Raum gegangen, und dadurch waren die Sterne entstanden. Mit Schrecken gewahrte der Mond seine Veränderung und er betete. Da sandte Gott einen Engel, der sprach also zum Monde: Schuf nicht der allweise Gott dich so groß und so schön wie die Sonne? Kam dein Unglück nicht durch deine eigene Schuld? Und nun mußt du so bleiben für ewige Zeiten. Doch mildere deinen Schmerz, guter Mond, denn wenn die Menschen nach des Tages Last ermüdet sind, so wenden sie sich mit Freude von der Sonne Glut zu deinem sanfteren Licht, und die Unglücklichen werden zu dir aufblicken und bei dir Trost suchen und finden, denn du selbst warst ja unglücklich und verstehst sie und fühlst mit ihnen.
Und so ist es noch heute.
Bella: Meinen besten Dank, Herr Otto; -- nun aber sagen Sie mir auch, warum ist das Wort »Mond« ein Masculinum? Sie sagten immer »der Mond«.
Otto: Das weiß ich wirklich nicht, Fräulein Bella; weißt Du es, Albert?
Dr. Albert: Darüber habe ich noch niemals nachgedacht.
Bella: Soll ich es Ihnen sagen? Nun, der Mond muß ja ein Masculinum sein -- denn er geht nachts alleine aus. Nicht lachen, meine Freunde, still sein; Otto, noch eine Parabel, ich bitte schön.
Otto: Einmal waren die Menschen recht schlecht auf Erden, da sandte Gott ein großes Wasser -- die Sündflut, und alle Menschen kamen um, nur Noah nicht und seine Familie; sie wohnten in der Arche. Und als sie eine lange Zeit darin verbracht hatten, sandte Noah einen Raben aus, damit er sehe, ob die Wasser von der Erde verschwunden seien.
Bella: Entschuldigen Sie mich, Herr Otto, war es nicht eine Taube, welche er ausschickte?