Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series
Part 12
In derselben Nacht fuhr langsam ein Wagen zum Thore hinaus, darin saßen zwei Männer, tief in ihre Mäntel gehüllt. Die Nacht war finster, kein Stern stand am Himmel, und die Beiden im Wagen saßen lautlos da. Nur einmal, als der Wagen die Soldaten am Thore passierte, atmeten sie laut und frei, und dann fuhr der Wagen schnell, und zuweilen konnte man einen Seufzer und die Worte hören: Meine arme, arme Mutter!
Früh am nächsten Morgen hielt der Wagen in Mannheim, und ein schlanker, hoher Mensch sprang herab, -- es war Schiller, der den Händen des Tyrannen entflohen war; er war in einem andern Lande, -- er war frei. An seine Schwester schrieb er damals so:
»6. November 1782.
Teuerste Schwester!
Gestern Abend erhielt ich deinen lieben Brief und ich eile, dich aus deinen und unserer besten Eltern Besorgnissen über mein Schicksal zu reißen.
Daß meine völlige Trennung von Vaterland und Familie nunmehr entschieden ist, würde mir sehr schmerzhaft sein, wenn ich sie nicht erwartet und selbst befördert hätte, wenn ich sie nicht als die notwendigste Führung des Himmels betrachten müßte, welche mich in meinem Vaterlande nicht glücklich machen wollte. Auch der Himmel ist es, dem wir die Zukunft anvertrauen, von dem ihr und ich, _gottlob nur allein,_ abhängig seid; und Ihm übergebe ich euch, meine Teuern; Er erhalte euch fest und stark, meine Schicksale erleben und mein Glück mit der Zeit mit mir teilen zu können. Losgerissen aus euren Armen, weiß ich keine bessere, keine zuverlässigere Niederlage meines teuersten Schatzes, als Gott. Von Seinen Händen will ich euch wieder empfangen und -- das sei die letzte Thräne, die hier fällt! ..... ..... ..... ..... ..... ..... ..... ..... Noch einmal, meine innig geliebte Schwester, vertraue auf Gott, der auch der Gott deines fernen Bruders ist, dem dreihundert Meilen eine Spanne breit sind, wenn Er uns wieder zusammen gebracht haben will. Grüße unsern besten, allerteuersten Vater und unsere herzlich geliebte, gute Mutter, meine liebe, redliche Louise und unsere kleine gute Nanette. Wenn mein Segen Kraft hat, so wird Gott mit euch sein. Ein inneres, starkes Gefühl spricht laut in meinem Herzen: Ich sehe euch wieder. -- Vertraue auf Gott! Es wird kein Haar von uns allen auf die Erde fallen.
Ich werde zu weich, Schwester, und schließe. Wenn du die Wolzogen sprichst, so mache ihr tausend Empfehlungen ....... Ich kann nicht weiter schreiben. Du schreibst mir, wie bisher, über Mannheim.
Ewig dein treuer, zärtlicher Bruder Friedrich Schiller.«
So schrieb er an seine älteste Schwester, und Ihr werdet wohl gemerkt haben, daß er in Mannheim nicht mehr war. Die Verfolgung des Herzogs fürchtend, war er bald weiter geflüchtet, wohin aber, das wußten nur wenige.
Schiller war verschwunden, sein Name wurde nun lange nicht mehr gehört; -- aber auf einem Land-Gute der Frau von Wolzogen sah man jetzt zuweilen einen schlanken Mann durch Feld und Wald gehen, langsam, mit gesenktem Haupte, oft wie träumend. Und wenn die Leute ihn so sahen, so meinten die einen, er müsse viel denken; andere meinten, er müsse wohl große Sorgen haben -- alle aber zogen voll Achtung den Hut vor ihm ab.
Es war Schiller. Hier lebte er und hier dichtete er »Fiesko«. Doch bald durfte er wieder nach Mannheim zurückkehren, und da vollendete er sein drittes Drama, »Kabale und Liebe« -- und auch dieses Drama gefiel.
* * *
Schiller hätte nun glücklich leben können, denn er war frei und wurde berühmt; aber er war arm. Das machte ihm jetzt besonders viel Sorge; denn als er »Die Räuber« hatte drucken lassen, hatte ein Freund, ein Offizier, das Geld für ihn geborgt; und da Schiller das Geld noch nicht zurückzahlen konnte und der Freund selbst kein Geld hatte, den Wechsel zu bezahlen, so mußte er in das Gefängnis wandern, der Freiheit und der Ehre beraubt -- durch Schiller; und dieser konnte an keine Hülfe denken für den treuen Freund.
Schiller war in Verzweiflung und murrte gegen die Göttin der Poesie, die ihm bis heute nur Kummer und Leiden gebracht hatte. Wahrlich, er wollte die Ungetreue verlassen, wollte sich ganz dem Studium der Medizin hingeben und niemals, niemals wollte er wieder dichten.
Aber es sollte nicht so kommen.
Zu dieser Zeit kam von Leipzig ein Brief an Schiller. Zwei Herren und ihre Bräute hatten ihm gemeinschaftlich geschrieben, sie wollten dem Dichter der Räuber den Tribut ihres Dankes darbringen; die Damen hatten auch eine Hand-Arbeit an Schiller gesandt mit der Bitte, sie anzunehmen als Zeichen ihrer großen Bewunderung.
Das ist von Gott, dachte Schiller, und schrieb zurück und erzählte seine traurige Lage und bat um Hilfe für seinen gefangenen Freund, und bald erhielt er eine Summe, welche groß genug war, den Freund zu befreien; Schiller selbst aber folgte der Einladung, nach Leipzig zu kommen und wohnte jetzt bei seinem guten und reichen Freunde Körner.
Louis: Nobler Körner!
Martha Meister: Ja, nobler Körner! Er zerstreute die finsteren Wolken, die über dem Haupte des Dichters schwebten, und brachte ihm bessere Tage. Manche lehrreiche und manche frohe Stunde verlebten sie da.
Und einmal, da sie so recht freudig zusammen gewesen waren, hatte Schiller im Vollgefühl seines Glückes seine Ode »An die Freude« gedichtet.
Gretchen: »Freude, schöner Götter-Funken«?
Martha Meister: Dasselbe. Beethoven faßte durch dieses Gedicht die Idee zu seiner großen, wunderbaren Symphonie, der neunten.
Gretchen: Und endete sie mit den Worten des Dichters.
Martha Meister: So ist es, Schwester.
Bella: Und was war Schillers nächstes Drama?
Martha Meister: »Don Carlos«.
Gretchen: Verzeihe, Schwester, wenn ich nochmals unterbreche. Es dürfte für Bella von Interesse sein zu hören, daß die Musen den edlen Körner reichlich belohnten für das, was er an ihrem Liebling, Schiller, getan hatte.
Bella: Wie meinst Du das, Gretchen?
Gretchen: Körners Sohn, Theodor Körner, ist besonders von den Musen geliebt worden. Theodor Körner ist ein deutscher Dichter von Gottes Gnaden. Er war wie sein und seines Vaters Freund ein Dichter der Freiheit. Das deutsche Volk ehrt ihn hoch und gedenkt seiner mit besonderer Liebe. Mit der Leier sang und mit dem Schwerte kämpfte Theodor Körner für sein Vaterland; und da er einst in einer Schlacht schwer verwundet wurde und im Walde lag und vermeinte, er müsse hilflos sterben, da schrieb er mit der letzten Kraft die folgenden Verse:
_Abschied vom Leben._
(Als ich schwer verwundet und hilflos in einem Holze lag und zu sterben meinte. Nachts 17.-18. Juni 1813.)
Die Wunde brennt -- die bleichen Lippen beben. Ich fühl's an meines Herzens mattrem Schlage: Hier steh' ich an den Marken meiner Tage -- Gott, wie du willst, dir hab' ich mich ergeben. Viel gold'ne Bilder sah ich um mich schweben; Das schöne Traum-Bild wird zur Toten-Klage. Mut! Mut! -- Was ich treu im Herzen trage, Das muß ja doch dort ewig mit mir leben! Und was ich hier als Heiligtum erkannte, Wofür ich rasch und jugendlich entbrannte, -- Ob ich's nun Freiheit, ob ich's Liebe nannte: Als lichten Seraph seh' ich's vor mir stehen; Und wie die Sinne langsam mir vergehen, Trägt mich ein Hauch zu morgenroten Höhen. --
Aber seine Todes-Stunde war noch nicht gekommen; Leute hatten ihn gefunden und erhielten ihn am Leben.
Martha Meister: Laß uns einmal sein »Gebet während der Schlacht« singen, Gretchen, das ist groß.
Vater, ich rufe dich: Brüllend umwölkt mich der Dampf der Geschütze, Sprühend umzucken mich rasselnde Blitze. Lenker der Schlachten, ich rufe dich! Vater du, führe mich!
Vater du, führe mich! Führ' mich zum Siege, führ' mich zum Tode; Herr, ich erkenne deine Gebote. Herr, wie du willst, so führe mich, Gott, ich erkenne dich!
Gott, ich erkenne dich! So im herbstlichen Rauschen der Blätter Als im Schlachten-Donnerwetter, Urquell der Gnade, erkenn' ich dich. Vater du, segne mich!
Vater du, segne mich! In deine Hand befehl' ich mein Leben, Du kannst es nehmen, du hast es gegeben; Zum Leben, zum Sterben segne mich. Vater, ich preise dich!
Vater, ich preise dich! Es ist ja kein Kampf um die Güter der Erde, -- Das Heiligste schützen wir mit dem Schwerte. D'rum fallend und siegend preis' ich dich! Gott, dir ergeb' ich mich!
Gott, dir ergeb' ich mich! Wenn mich die Donner des Todes begrüßen, Wenn meine Adern geöffnet fließen, Dir, mein Gott, dir ergeb' ich mich! Vater, ich rufe dich!
Gretchen: So, Schwester, nun werde ich Dich nicht mehr stören.
* * *
Louis: Wie ist es unserm Schiller weiter ergangen, Fräulein Martha?
Martha Meister: Er war Professor geworden an der Universität zu Jena, und seine Vorlesungen über Geschichte waren so beliebt, daß Studenten von vielen anderen Universitäten kamen, um ihn zu hören. Und das war auch gar nicht zu verwundern; denn Schiller gab seine Vorlesungen ganz anders und viel besser als die anderen Professoren der Geschichte und wie er schon Großes geleistet hatte in der deutschen Poesie, so tat er es jetzt in der Geschichte.
Auch in seiner Familie war er glücklich. Er hatte ein treues, liebes Weib und viele Freunde; -- doch den teuersten von allen sollte er später finden.
Da waren eines Abends zu einer gelehrten Gesellschaft viele Professoren gekommen, unter diesen auch Goethe. Als die Sitzung zu Ende war, begleitete er Schiller. Sie sprachen lebhaft zusammen und gewiß über etwas, was von hohem Interesse für beide war. Denn Goethe war sehr erstaunt, als er mit einem Male vor Schiller's Wohnung stand; aber er ging mit Schiller hinein, und dort sprachen sie weiter, und es war schon spät, als sie sich trennten.
In dieser Nacht geschah es, daß Goethe und Schiller Freunde wurden für das ganze Leben.
Goethe wohnte in Weimar, und bald zog nun auch Schiller dahin, um ganz der Poesie zu leben; und hier erstanden in der Freundschaft dieser beiden großen Männer diejenigen Werke, welche Deutschland zu seinen besten zählt. Hier schrieb Schiller das große Drama »Wallenstein«, auch »Maria Stuart« und »Die Braut von Messina«, sowie »Die Jungfrau von Orleans« und dann die wunderschönen Balladen.
Als Schiller im Jahre 1798 nach langer Zeit wieder einmal nach Leipzig gekommen war, spielte man dem Dichter zu Ehren im Theater »Die Jungfrau von Orleans«.
Auch der Poet war gegenwärtig, und als das Drama beendet war und er das Theater verlassen und auf die Straße treten wollte, hatten sich viele tausend Menschen vor dem Hause aufgestellt. In tiefster Ehrfurcht trennte sich die Menge und ließ den Poeten durch die Mitte gehen, und auf beiden Seiten beugten sich alle mit entblößtem Haupte vor ihm. Die Mütter hatten ihre Kinder gebracht und in die Höhe gehoben und ihnen zugeflüstert: Seht, seht, das ist er! -- War das nicht ein herrlicher Triumph für den Dichter?
Einst hatte er in jungen Jahren von Dichter-Ruhm und von Unsterblichkeit geträumt und in seinen reiferen Jahren sah er Ruhm und Unsterblichkeit, und die Bewunderung von Mit- und Nachwelt waren ihm reichlich zu teil, aber im Ringen des Geistes war die Hülle zerbrechlich geworden.
Der Poet war schwach und krank und sein Ende sah er eilends nahen. Ach, so vieles hätte er noch gerne sagen mögen von dem, was ihm die große edle Seele füllte, und da schrieb er sein letztes, sein lieblichstes von allen seinen Werken »Wilhelm Tell«.
Gretchen: Ja, ja, Martha, da hast Du recht, »Wilhelm Tell« ist ein Juwel in Schillers Werken.
Martha Meister: Mir ist es das liebste von allen seinen Dramen, und ich glaube, dem deutschen Volke ebenfalls. »Wilhelm Tell« ist Schillers Testament, und wie sein erstes, so ist sein letztes Drama -- ein Sang der Freiheit.
»Bewahret euch die Freiheit; sie ist teurer, als alles, was ihr besitzet!« -- rief er dem deutschen Volke zu. Mit seinem Propheten-Auge hatte er die nahenden trüben Zeiten gesehen und er kannte bereits den Tyrannen, der das Volk zu bedrücken kam, und darum wollte er vor seinem Tode seiner Nation noch zeigen, was ein edles Volk tun sollte, wenn man ihm sein Bestes, die Freiheit, rauben will.
Ob er recht gesehen hatte?
Im Jahre 1808 -- Schiller weilte nicht mehr unter den Sterblichen -- als Napoleons Hand schwer auf Europa und vornehmlich auf Deutschland lastete, da spielte man im Theater zu Berlin »Wilhelm Tell«, Schillers Drama. Von Anfang an folgte man mit Spannung, bis zuletzt der Enthusiasmus schwoll und alle so gewaltig packte, daß das ganze Publikum sich von den Sitzen erhob und, sich selbst vergessend, mit den Schauspielern rief:
»Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, In keiner Not uns trennen und Gefahr. Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben. Wir wollen trauen auf den höchsten Gott Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.«
Und den Deutschen kam wieder Mut und Kraft und Freiheit.
Gretchen: Ja, Napoleon hat dieses Drama gefürchtet, denn es hatte eine Macht, bedeutender als Armeen.
Martha Meister: Das ist wahr. -- Aber wie schön, Gretchen, ist die Sprache in »Wilhelm Tell«, nicht wahr? Es ist etwas Wunderbares in dieser Sprache, ein Etwas, das ich in keinem andern Drama von Schiller und auch bei keinem andern deutschen Poeten wiederfinde, -- ich meine, es sei der Geist des Poeten, der noch ruht zwischen den Silben und Wörtern. Ich bitte Dich, liebe Schwester, sage doch einmal jene Stelle, in welcher Melchthal das Unglück seines Vaters beklagt.
Gretchen: Also, der junge Melchthal war von Hause entflohen vor dem tyrannischen Vogte und hatte Schutz gefunden beim edlen Walther Fürst. Stauffacher, der Patriot, kommt zu diesem, bespricht mit ihm des Landes Unglück und erzählt auch von der Grausamkeit des Vogtes, wie nämlich dieser den alten Melchthal geblendet habe, weil er nicht sagen wollte oder konnte, wohin sein Sohn sich geflüchtet hätte. Alles dieses hatte der junge Melchthal im nächsten Zimmer gehört; er stürzt hervor, und in seinem großen Seelen-Schmerze ruft er aus:
»O, eine edle Himmels-Gabe ist Das Licht des Auges -- alle Wesen leben Vom Lichte, jedes glückliche Geschöpf -- Die Pflanze selbst kehrt freudig sich zum Lichte. Und er muß sitzen, fühlend, in der Nacht, Im ewig Finstern -- ihn erquickt nicht mehr Der Matten warmes Grün, der Blumen Schmelz, Die roten Firnen kann er nicht mehr schauen -- Sterben ist nichts, -- doch leben und nicht sehen, Das ist ein Unglück. -- Warum seht ihr mich So jammernd an? Ich hab' zwei frische Augen Und kann dem blinden Vater keines geben, Nicht einen Schimmer von dem Meer des Lichts, Das glanzvoll, blendend mir in's Auge dringt.«
So spricht der junge Melchthal und er schwört dem Wüterich Rache und spricht zu den beiden Männern, Walther Fürst und Stauffacher, daß sie an's Freiheits-Werk gehen mit ihm. Und sie machen einen Plan, und dann ruft der junge Melchthal diese Worte:
»-- Blinder, alter Vater, Du kannst den Tag der Freiheit nicht mehr schauen; Du sollst ihn hören. -- Wenn von Alp zu Alp Die Feuerzeichen flammend sich erheben, Die festen Schlösser der Tyrannen fallen, In deine Hütte soll der Schweizer wallen, Zu deinem Ohr die Freuden-Kunde tragen, Und hell in deiner Nacht soll es dir tagen.«
Bella: O, Gretchen, ist das herrlich!
Louis: Und wie schön, wie schön Sie das lesen, liebes Fräulein. Sehen Sie, meiner Schwester Martha kommen die Thränen aus den Augen.
Martha Parks: Ja, und Dir auch, Louis.
Martha Meister: Mit Thränen dürft Ihr aber nicht aus unserm Hause gehen; bleibet noch ein wenig hier, wir wollen -- ja, was wollen wir doch gleich tun? Bella, Gretchen, sprechet!
* * *
Bella: Laßt uns Pfänder spielen.
Gretchen: O ja; »Zwanzig Fragen«.
Martha Meister: Ich möchte Euch einen Vorschlag machen. Als Du, liebe Schwester, Annas Brief vorgelesen hattest, kam mir die Idee, wie interessant es sein müßte, wenn wir Rätsel gäben, wie Anna es getan hat in ihrem Briefe. Entschuldigt mich einen Moment, und dann werde ich Euch zeigen, was ich meine; ich will nur jenen Kasten mit Photographien holen. So, ich habe hier diese Bilder gewählt. Ich gebe Ihnen eins, Herr Louis, und auch Dir eins, Martha. Aber du mußt es niemandem zeigen, Martha; halte es fest an Dich -- so, das ist recht.
Martha Parks: Kann ich es nicht einmal Louis zeigen?
Martha Meister: Nein, niemandem, Martha; wir wollen ja gerade raten, welche Persönlichkeit Du in der Hand hast. -- Hier, Bella, nimm dieses, und dieses ist für Dich, Gretchen; -- und nun möchte ich Euch zeigen, wie ich es meine:
Ich habe in meiner Hand das Bild eines Mannes; er ist alt, aber sehr freundlich und schön. Weißes Haar wallt in Locken von seinem Kopfe, der schön geformt ist. Seine Stirne ist hoch und geistreich, seine Augen blicken mild, -- ich vermute, sie sind blau, doch gewiß weiß ich es nicht, -- und sein Mund ist so freundlich; der alte Herr scheint so gütig, ich möchte ihn küssen. Ihr könnt noch nicht wissen, wer es ist; -- ich will euch noch ein wenig mehr sagen. Er ist kein Amerikaner, -- er ist sehr berühmt, und er hat viele Jahre außerhalb seines Vaterlandes gelebt.
Bella: Ist es ein Deutscher?
Martha Meister: Nein.
Martha Parks: Ein Engländer?
Martha Meister: Nein.
Louis: Ein Franzose?
Martha Meister: Nein.
Gretchen: Ein Spanier?
Martha Meister: Nein.
Bella: Kein Franzose, kein Engländer, kein Deutscher, kein Amerikaner, kein Spanier. Ist er ein Italiener?
Martha Meister: Nein.
Louis: Dann ist es kein Europäer; es ist ein Chinese.
Martha Meister: O nein, Louis; er hat keinen Zopf -- es ist ein Europäer.
Martha Parks: Ist es ein Däne?
Martha Meister: Richtig, ein Däne.
Gretchen: Ein Däne? -- Schön, berühmt und alt? Hat lange im Auslande gelebt? Wer mag das sein?
Bella: Ach, Martha, Du machst es auch zu schwer.
Louis: Was hat er denn Berühmtes getan?
Martha Meister: Raten Sie doch, Herr Louis!
Louis: War er ein Soldat?
Martha Meister: Nein.
Bella: Ein Kaufmann?
Martha Meister: Nein.
Gretchen: Dann war er ein Künstler.
Martha Meister: Das war er.
Martha Parks: Ein Musiker?
Martha Meister: Nein.
Bella: Ein Maler?
Martha Meister: Nein.
Bella: Nun, dann kann ich es nicht erraten.
Martha Meister: Nun, Gretchen, sinne nach; Du mußt es finden.
Gretchen: Kenne ich ihn?
Martha Meister: O ja; wir haben ein Werk von ihm.
Gretchen: Er ist kein Poet? -- nein; ich glaube, ich habe es. Ist er ein Bild-Hauer -- ja? Wir haben eine Statue von ihm, nicht wahr? -- Lebte er lange in Rom?
Martha Meister: Ja, ja; -- nur weiter.
Gretchen: Ist es Thorwaldsen?
Martha Meister: Ja, Thorwaldsen ist es. -- Hier ist sein Bild.
Bella: O, wie schön er ist.
Louis: Das hätte ich niemals geraten.
Martha Meister: Nun, Herr Louis, wissen Sie, was ich meine; nun können Sie beginnen.
Louis: Sehr wohl: -- Ich halte hier in meiner Hand das Bild eines Mannes, welcher sitzt; er ist nicht sehr groß, aber er hat große Stiefel an. Er ist auch ein berühmter Mann; er blickt sehr finster aus seinen Augen und ist ein Franzose und ist auf einer fernen Insel gestorben.
Bella: Das ist Napoleon.
Louis: O Bella, warum raten Sie es so schnell? Sie sind zu klug.
Martha Meister: Sie machen es uns zu leicht, Herr Louis.
Bella: Jetzt können Sie es bei mir auch so machen, Herr Louis. Ich habe ein wunderschönes Bild, es ist reizend. Es ist ein Mann; er ist jung, und seine schöne, geschickte Hand stützt den Kopf, auf dem eine Kappe sitzt, so eine Art Barett, wissen Sie; darunter hervor quellen die prachtvollsten Locken, und die Augen, -- o, die Augen, Louis, sollten Sie sehen!
Louis: Das ist gar kein Mensch, das muß ein Engel sein.
Bella: Nein, Louis; bleiben wir ruhig auf der Erde.
Martha Meister: Was ist er? Ist er ein Bildhauer?
Bella: Nein.
Martha Meister: Ist er ein Künstler?
Bella: Ja.
Gretchen: Ein Italiener?
Bella: Ja. -- Geh' nicht zu schnell Gretchen.
Louis: Ist er ein Musiker?
Bella: Nein.
Louis: Ein Maler?
Bella: Ja.
Louis: Ist es Raphael?
Bella: Ja, nun sind wir quitt, Louis; nicht wahr?
Louis: Und nun kommen Sie, Fräulein Gretchen.
Gretchen: Mir hat man keines schönen Mannes Bild gegeben. Er ist häßlich, sehr häßlich; dafür war er aber um so geistreicher; und trotz seiner Häßlichkeit hat ihn einmal eine Marquise im Theater vor einem großen Publikum im Namen des Publikums umarmen und küssen müssen.
Bella: So, das wird ja recht interessant.
Gretchen: Ja; er trägt eine Perücke.
Martha Parks: Washington?
Gretchen: Nein, Martha, nicht Washington. Er war kein Amerikaner, er war kein Republikaner, aber er hat eine Republik befördert und einen großen König hatte er zum Freunde.
Martha Meister: Das sind Widersprüche.
Gretchen: Und doch ist alles in Ordnung.
Martha Meister: War es ein Franzose?
Gretchen: Ja.
Martha Meister: Und war er sehr geizig?
Gretchen: Ganz recht.
Martha Meister: Und hat er am Ende sehr viel Wohlthätiges getan mit seinem Gelde?
Gretchen: Ja, ja; nun sag' es nur, Du hast es schon erraten.
Martha Meister: War es Voltaire?
Gretchen: Voltaire.
Martha Parks: Nun will ich es Euch aber nicht schwer machen, denn es ist von selbst schon schwer genug.
Martha Meister: So, Du machst uns wirklich angst, Martha.
Martha Parks: Durch diesen Mann kam eine Revolution über die ganze Erde.
Louis: Oho!
Martha Parks: Ja, ja, Louis; so sagte meine Gouvernante.
Louis: O, dann ist es wahr, Schwester; und weiter?
Martha Parks: Und er hat einen Hut auf.
Louis: So?
Martha Parks: Ich bin noch nicht zu Ende. Der Hut ist nicht wie Dein Hut, Louis; auch nicht wie Alberts oder Papas Hut.
Louis: Dann hat er am Ende einen Damen-Hut auf.
Martha Parks: O nein; Männer tragen solche Hüte, aber nicht auf dem Lande.
Louis: Nicht auf dem Lande; hm, hm, -- und war er ein Amerikaner?
Martha Parks: Ein Amerikaner, -- ja -- nein, er war nicht in Amerika geboren.
Louis: Ist er in Europa geboren worden?
Martha Parks: O ja.
Bella: In Deutschland?
Martha Parks: Nein, Bella, nicht in Deutschland, auch nicht in England und nicht in Frankreich und nicht in Spanien und nicht in Dänemark.
Martha Meister: Vielleicht in Holland?
Martha Parks: Nein, Martha.
Gretchen: In Italien?
Martha Parks: Ja, in Italien ist er geboren worden -- nun, ich will Euch ein klein wenig helfen, -- ich sehe, es wird Euch wirklich schwer. Die Menschen waren sehr böse gegen ihn und haben ihm gar nicht gedankt für das Gute, was er getan hat für sie, und zuletzt hat man ihn in ein Gefängnis geworfen, und er ist begraben worden mit seinen Ketten.
Louis: Wer mag das nur sein?
Martha Parks: O, Louis! Das weißt Du nicht? Columbus ist es, Columbus!
Louis: O, meine Damen, das hätten wir auch wissen können.
Martha Parks: So, nun kommst Du, Martha.
Martha Meister: Aber ich habe ja schon -- weißt Du nicht?
Martha Parks: Ja, aber damit hast Du es uns nur gezeigt.
Louis: Bitte, mein Fräulein.
Martha Meister: Nun wohl. Den Mann, dessen Bild Sie mir gaben, Herr Louis, müssen wir alle verehren wegen seiner großen Gelehrsamkeit; der Wissenschaft hat er sein ganzes Leben geopfert und sein großes Vermögen, und vielleicht hat nie ein Mann vor ihm gelebt, der so gelehrt gewesen ist wie er. Er ist sehr alt geworden; er kommt aus einer edlen Familie und sein Bruder, der ebenfalls sehr gelehrt war, hat auch viele Bücher geschrieben; die größten Männer Deutschlands und viele Fürsten waren seine Freunde. Kennt Ihr jetzt den Mann?
Bella: Noch nicht; war er selbst ein Deutscher?
Martha Meister: Ja.
Gretchen: War es Alexander von Humboldt?
Martha Meister: Erraten, Schwester, erraten!
Louis: So, meine Damen; nun müssen wir aber doch wohl gehen; -- es wird uns zu spät, nicht wahr, Martha?
Martha Parks: Wir müssen nun gehen und müssen sehen, wie es unserm Bruder Otto geht.
Martha Meister: Grüßen Sie ihn von mir.
Gretchen: Und von mir.
Bella: Auch von mir, bitte.
Martha Parks: Adieu! Wir haben immer so viel Vergnügen bei Euch.