Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series
Part 11
Die Schatten werden tiefer, und die Nacht sinkt herab. In den Lüften summen die Käfer, und Feuer-Würmchen leuchten aus dem Grase hervor. Lieder klingen aus der Ferne von Burschen und Mädeln, die freudig vom Felde kehren zu den heimischen Hütten.«--
Bin ich nicht eine gute, sentimentale Deutsche geworden? Ach, Du würdest es auch werden, meine teuerste Bella, wenn Du hier wärest, denn die Natur ist hier ganz anders.
Ein Sonnen-Untergang hier ist mild und freundlich, bei Euch ist er brillant; einem Sonnen-Untergang in Deutschland muß man mit Freude zusehen, einen solchen in Amerika bewundern. Ich sehe, wie Du über mich lachst, aber das mußt Du nicht tun.
Nun, liebe Bella, hast Du erraten, wo ich jetzt bin? Ein wenig leichter will ich es Dir machen: Es ist eine große Stadt, und ein großer Poet wurde dort geboren, dessen Mutter einst sehr schön war. Ich habe auch das Haus gesehen und das Stübchen unter dem Dache, wo er geträumt und gedichtet hat. Noch jetzt befinden sich in einem der Zimmer folgende Worte von seiner Hand:
»Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt, Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.«
Kennst Du den Poeten, und weißt Du den Namen der Stadt? -- Frankfurt am Main und Goethe.
* * *
(Aus dem Tagebuche. Seite 117.)
»Ehrfurchtsvoll betritt mein Fuß diesen Pfad, der aufwärts führt zwischen grünenden Hecken. Zur Rechten und zur Linken ruhen die Müden der Erde unter Blumen; aber vor mir, oben, steht von Marmor ein Tempel. Da bleibe ich stehen, und heilige, erhabene Scheu bewegt meine Seele; denn hier ruhen drei Fürsten: Der eine gebot, und Sterbliche hörten auf sein Wort; die zwei andern aber herrschten im Reiche des Geistes, sie waren Könige im Lande der Poesie. -- Vereint, wie sie waren im Leben, sind sie es nun im Tode. Ihr Geist aber wirkt noch heute und wird wirken, so lange das Gute und Schöne noch Wert hat auf Erden.«
Weißt Du, teure Bella, in welcher Stadt wir waren? Die beiden größten unter den Poeten des modernen Deutschlands lebten hier. Ich war in ihren Häusern und ich glaube, daß die Deutschen einstmals diese Stadt so hoch preisen werden, wie die Griechen es taten mit Athen, und solltest Du den Namen »Weimar« nennen, so hast Du auch die Stadt erraten.
* * *
(Aus meinem Tagebuche. Seite 166.)
»Wie gut man in deutschen Eisen-Bahnen schreiben kann! Ich glaube, sie fahren so langsam, um den Fremden das Land zu zeigen. Das ganze Land erscheint mir wie ein großer Park, wohl gepflegt und in schöner Ordnung gehalten. Wiese und Feld und Wald und Flur wechseln ab; und überall, auf den Bergen wie in den Thälern, erblickt man Städte und Dörfer. Das sieht prächtig aus. Wie lachende Augen, so glänzen aus den weißen, reinlichen Häusern die klaren Fenster, und aus der Mitte der Dörfer heben sich von den Kirchen, himmelwärts deutend, die schlanken Türme. Der Zug hält -- eine Station!«
Hier, liebe Bella, habe ich Dir vieles zu sagen. Also, der Zug hatte gehalten, -- da hörten wir vom nahen Dorfe Musik und Jubel, und wir fragten einen von den Bauern, welche neugierig bei dem Zuge standen und uns eben so anstaunten, wie wir sie: Was bedeutet denn der Jubel im Dorfe? -- Heute haben wir Kirmes, sagte der eine. Kirmes? fragte ich. Was ist Kirmes, Herr Doktor?.. Und Dr. Stellen antwortete: Kirmes ist der Bauern größtes Fest in dem Jahre. Da giebt es Wett-Rennen zu Pferde und dann Tanz, und wer weiß, was sonst noch mehr. -- Weißt Du was, Frauchen? Wir könnten hier eigentlich bleiben und mit Fräulein Anna einmal Kirmes feiern.
War das nicht schön vom Herrn Doktor? Und bald fuhren wir in einem Bauern-Wagen hinein in das reinliche Dorf. Ich sah immer von einer Seite auf die andere und konnte mich nicht genug wundern über die niedlichen Häuser.
Wir waren in einer andern Welt, in einer ältern Welt.
Unter der Linde in der Mitte des Dorfes, auf einem runden, freien Platze, da ging es lustig her. Da unter dem freien Himmel tanzten die Burschen und die Mädel; und wie sie hüpften und wie sie sprangen und wie sie jauchzten vor Freude! -- Doch alles ging in Ordnung zu. O, so komisch sahen die Burschen aus in ihren bunten Westen und in ihren langen, schwarzen Röcken; auf ihren Köpfen standen die hohen, altmodischen, seidenen Hüte. Jeder Bursche hatte an dem Hute einen Strauß von bunten Blumen und ein langes seidenes Band. Blumen und Band hatte der Schatz ihm gegeben, und Rock und Hut waren vom Großvater geerbt, denn auch der Großvater hatte mit der Großmutter die Kirmes so getanzt.
Als der Tanz beginnen sollte, winkte der Bursche mit der Hand und zu ihm kam sein Schatz. O, liebe Bella, ich wünsche, Du hättest gesehen, wie sie tanzten, seine Wange ruhte an der ihren und beider Augen drehten sich zum Himmel vor Wonne. O, es war zu komisch -- aber wir durften nicht lachen, denn den Leuten war es Ernst.
Und, liebe Bella, -- aber das mußt Du niemandem wieder sagen -- ich selbst habe zwei mal mitgetanzt; und wenn ich an Frau Dr. Stellen vorüber kam, und wenn sie sah, wie ich meinen »Schatz« so innig fest hielt und die Augen auf nach oben wandte, dann lachte sie mir laut und herzlich zu. Das war köstlicher Spaß!
Als die Bauern hörten, daß wir aus Amerika kämen, traten viele zu uns und fragten, ob wir den Bruder nicht gesehen hätten oder die Schwester, oder ihren Onkel, oder ihre Tante; sie wären doch auch in Amerika. Auch fragten sie uns, ob wir Eisen-Bahnen hätten und ob es wahr wäre, daß man in Amerika alle Tage Fleisch essen könnte und Butter auf dem Brote; und zuletzt fragten sie, in welchem Monate die Kirmes bei uns in Amerika gefeiert würde.
Die Leute sind noch sehr naiv, nicht wahr? -- Aber sie sind gut. Es sind treue, brave Menschen, und zufrieden mit ihrem Loose und voll Poesie und Musik.
Wir blieben über Nacht in dem Dorfe, schlafen aber konnte ich nicht, denn kaum hatte die Dorf-Uhr langsam und phlegmatisch zehn geschlagen, da ertönte ein mächtiges Horn, und ein Mann mit einem großen Hunde und einem langen Spieße ging durch die Straßen und sang, so laut er nur vermochte:
»Hört ihr Herren und laßt euch sagen: Die Glocke hat zehn geschlagen. Nehmt in acht das Feuer und Licht, Daß niemandem Schade geschicht.«
Und jede Stunde machte der Mann die Runde und jede Stunde ließ er an allen Ecken seinen Gesang ertönen, bis die Uhr drei schlug. Da sang er folgendes:
»Hört ihr Herren und laßt euch sagen: Die Glocke hat drei geschlagen! Der Tag vertreibet die finstere Nacht, Ihr lieben Christen, seid munter und wach Man weiß ja nicht, wenn der liebe Gott kommt Und uns in seiner Gnade wegnimmt. Drum wachet alle Stund' und lobet Gott den Herrn.«
Dann war es still im Dorfe und ermüdet schlief ich endlich ein und schlief recht lange und erwachte, als die Sonne hoch am Himmel stand. -- Weißt Du, liebe Schwester, was Spinn-Stuben-Lieder sind?
Dieselben Bauern-Mädchen, die so froh und lustig sind, wenn die Kirmes kommt, sind ernst und fleißig zu allen anderen Zeiten des Jahres; und im Winter am Abend kommen oft viele zusammen in einem Hause und jede bringt ihr Spinn-Rad mit. Da sitzen sie im Kreise und spinnen und erzählen Märchen und singen -- Lieder, das sind Spinn-Stuben-Lieder.
Als wir aus dem Dorfe fahren wollten, sah ich zwei Kinder, es waren zwei Knaben. So schön habe ich noch niemals Knaben gesehen; der eine von ihnen war zwei und der andere drei Jahre alt. Ah, Bella, Bella, welche Augen! Welche Locken-Köpfe! Jetzt weiß ich, daß Raphael seine Cherubim-Köpfe auf Erden gesehen hat. -- Ich werde sie niemals vergessen.
Nun aber, Schwester, will ich kein Wort mehr schreiben und nur sagen: Lebe wohl und grüße alle Freunde tausendmal von mir. Vergiß auch nicht, Louis zu grüßen von Deiner
Dich ewig liebenden Schwester Anna.
Nachschrift: Und vergiß auch nicht, meinem lieben, kleinen Kanarien-Vogel ordentlich Hanf-Samen zu geben, und küsse ihn für mich und sage, daß ich recht oft an ihn denke und daß er brav sein soll in seinem kleinen Hause.
Bella: Solch' einen Brief kann ich nicht schreiben! Hier, Martha, sind die Lieder. Willst Du einige singen? -- Du bist nun müde, Gretchen, nicht wahr?
Gretchen: Das ist ein langer Brief.
Martha: Ich werde mit diesem Liede anfangen:
1.
Ein Sträußchen am Hute, Den Stab in der Hand, Zieht rastlos der Wandrer Von Lande zu Land.
Er sieht so manch' Städtchen, Sieht manch' schönen Ort, -- Doch fort muß er wieder, Muß weiter fort.
Da sieht er am Wege Ein Häuschen steh'n, Das war ja umgeben Von Blumen so schön.
Da tut's ihm gefallen, Da sehnt er sich hin, -- Doch fort muß er wieder, Muß weiter ziehn.
Ein freundliches Mädchen Das redet ihn an: Ein herzlich Willkommen, Du Wanders-Mann!
Sie blickt ihm in's Auge, Sie reicht ihm die Hand -- Doch fort muß er wieder In ein anderes Land.
2.
Mein Schatz ist nicht hier, Ist über die Höh'. Ich darf nicht dran denken, Sonst tut's Herz mir so weh!
Gretchen: Das ist ganz niedlich, Martha. Was ist das andere?
3.
Martha: Blau blüht ein Blümelein, Das heißt »Vergiß-nicht-mein«. Dies Blümchen leg' an's Herz Und denke mein.
Blau ist der Treue Schein, Blau ist das Auge dein. Das Blümlein pfleg' auch du, Wo du auch weilst.
Der über Sternen thront, Der deine Liebe lohnt, Der sieht herab auf dich, Denkst du an mich.
Louis: {Bravo, bravissimo! Da capo!}
Martha Parks: Guten Tag, Martha! Guten Tag, Gretchen und Bella! Ha, ha, ha!
Bella: Ach -- bin ich erschrocken!
Gretchen: Und ich, und sieh einmal Martha an.
Louis: Ich bitte Sie tausend mal um Vergebung; das wollte ich nicht, ich wollte Sie wirklich nicht erschrecken!
Martha Parks: Nein, das wollten wir nicht; so böse sind wir nicht; nicht so, Louis? -- Wir klopften, einmal, zweimal; und da hörten wir niemanden »Herein« rufen, und da nahm Louis mich bei der Hand --
Louis: Und da sind wir. Sie sind wohl recht böse auf mich, nicht wahr? Aber ich bin froh, daß ich gekommen bin; denn vor der Thüre hätte ich das wunderschöne Lied nicht hören können.
Martha Parks: Wie schön Ihr singen könnt!
Bella: Das war ein Lied von Anna; sie hat es mir aus Cöln geschickt mit vielen Grüßen an alle Freunde und einem besondern Gruße an Louis.
Louis: So? Nun, das freut mich recht sehr; auch einen Gruß an mich; ich danke Ihnen, Fräulein Bella, und geht es Ihrer Schwester Anna gut in Deutschland?
Bella: O ja; sie schrieb mir einen langen Brief. Sie können ihn lesen, wenn Sie wollen. Nehmen Sie ihn nur mit nach Hause; Sie werden lange Zeit dazu gebrauchen, und ich glaube, er wird Sie interessieren.
Louis: Sie sind sehr gütig, mein Fräulein.
Martha Meister: Wir haben Sie ja so lange nicht gesehen, Herr Louis!
Gretchen: Und Ihre Herren Brüder auch nicht!
Bella: Sie sind doch alle wohl?
Louis: O ja; danke, meine Damen, recht wohl.
Martha Parks: Meine Brüder gehen immer auf die ..... die ....., was ist es, Louis? Wohin geht Ihr?
Louis: Auf die Jagd.
Martha Parks: Ja, auf die Jagd und lassen mich alleine, und ich bin dann traurig. Das ist gar nicht schön von ihnen, nicht wahr?
Louis: Nun werden wir nicht mehr so oft gehen, liebe Schwester.
Gretchen: Schießen Ihre Herren Brüder so gut, wie Sie?
Louis: O ja; oft besser. Albert nimmt einen Silber-Dollar aus der Westen-Tasche und wirft ihn mit der linken Hand in die Luft; mit der rechten Hand schießt er dann sein Pistol ab und trifft den Dollar. -- Sagen Sie, Fräulein Bella, haben Sie schon Münchhausens Jagd-Abenteuer gelesen? Nein? Nun, meine Damen, dann will ich Ihnen etwas erzählen, das Ihnen gefallen soll.
Der Baron von Münchhausen war einmal auf der Jagd. Da kam ein Hirsch durch den Wald gerannt. Schnell nahm der Baron die Flinte von der Schulter. Aber -- o weh! -- er hatte keine Kugel mehr. Da nahm er vom Boden einen Kirschen-Stein auf, steckte ihn in die Flinte, zielte, drückte ab und traf das Tier mitten auf den Kopf zwischen das schöne Geweih. Der Hirsch fiel, stand aber im nächsten Momente wieder auf den Beinen und war auf und davon gerannt.
Ein Jahr später kam Baron von Münchhausen wieder in den Wald und sah wieder denselben Hirsch und auf dem Kopfe zwischen dem Geweihe war ein großer Baum mit reifen Kirschen. Dieser Baum war aus dem Kirschen-Stein gewachsen. Dieses Mal aber hatte Herr v. Münchhausen Kugeln; er schoß und der Hirsch fiel tot zu Boden. Da hatte der Baron einen feinen Braten und Kirschen zum Dessert. War das nicht schön, meine Damen?
Gretchen: O, das war reizend!
Louis: Das ist alles noch nichts. Das Beste kommt noch; hören Sie nur:
Einmal war der Baron nach Rußland geritten auf seinem Pferde; der Winter war sehr streng und es schneite sehr stark. An einem Tage war er schon lange geritten und daher müde geworden, aber er sah kein Haus, und es schneite, als ob alles vom Himmel herunter wollte. Zuletzt konnte er nicht weiter; er war zu sehr ermüdet, und es war schon lange Nacht. Da band er sein Pferd an einen Pfahl, hüllte sich in seinen Mantel, legte sich auf den Schnee und schlief ein.
Am nächsten Morgen, als er wieder erwachte, war er sehr verwundert; denn rings umher sah er Grab-Steine, und er hatte sie doch nicht am Abend gesehen! Er war aus einem Kirch-Hofe. Wo aber war denn sein Pferd? -- Er hörte es über sich wiehern; und als er aufblickte, sah er es hängen an der Spitze des Kirch-Turmes.
Nun war alles klar: Gestern hatte es so viel geschneit, daß der Schnee bis über die Häuser und bis über die Turm-Spitze gekommen war, und was er für einen Pfahl angesehen hatte, das war das obere Ende des Kirch-Turmes. Nach Mitternacht war dann der Schnee geschmolzen; der Baron selbst war allmählich herabgesunken, bis er zuletzt auf dem Kirch-Hofe ruhte. Das Pferd aber hing nun noch oben. Da nahm er sein Pistol, zielte und schoß mitten durch den Halfter. Das Pferd kam herunter, der Baron setzte sich darauf und ritt fröhlich weiter.
Bella: Ist das alles wahr, was Sie da sagen, Herr Louis?
Louis: O ja, mein Fräulein, das ist alles wahr, denn der Baron von Münchhausen hat es selbst erzählt.
Gretchen: Aber, Herr Louis, ich muß Sie wieder fragen: Warum kommen denn Ihre Herren Brüder nicht mehr?
Louis: Bruder Otto ist noch zu müde von der Jagd und ruht sich aus, und Bruder Albert geht oft wie träumend umher, es muß wohl etwas Ernstes sein, über das er sinnt; aber ich mag ihn nicht mehr fragen. Einmal habe ich es getan, und da sah er mich so wunderlich an, -- ich wußte nicht, was ich von ihm denken sollte.
Martha Parks: Ich weiß, was er tut; Louis, soll ich es sagen? Aber Ihr dürft es niemandem wieder erzählen -- hört Ihr, niemandem.
Bella: O nein, wir wollen es niemandem sagen. Was ist es, Martha? Sprich nur.
Martha Parks: Er macht Gedichte.
Bella: Gedichte?
Martha Parks: Ja, ganz gewiß. Ich kam einmal zu ihm und da sah ich es. Schnell legte er alles zur Seite, und so habe ich nur die Überschrift gelesen, sie lautete: »An Martha«. Ha, sagte ich, Du willst mich überraschen, lieber Albert, nicht wahr? und da lachte er laut und lange und küßte und koste mich und wollte gar nicht enden.
Gretchen: Wirklich?
Bella: So?
Louis: Hm, hm!
Martha Parks: Aber was ist denn, Ihr wundert Euch ja alle so sehr?
Bella: Hast Du.........
Martha Meister: Hast Du schon von Schiller gehört, Martha?
Martha Parks: Von Schiller?
Bella: Ich würde Dir recht herzlich danken, wenn Du uns heute von ihm erzählen wolltest. Du hast mir schon vor langer Zeit versprochen, einmal von diesem großen deutschen Dichter zu sprechen.
Martha Meister: Gerne, gerne will ich heute Deinen Wunsch erfüllen, das heißt, wenn es Euch allen angenehm ist.
Alle: O, wir bitten darum.
Martha Meister: Gut, dann will ich beginnen.
Schillers Vater war ein ernster Mann. Er war Offizier in einem würtembergischen Regimente. Und als er aus dem Lager kam und zum ersten Male an der Wiege seines Sohnes stand, betete er inniglich:
O, gütiger Gott, laß diesen meinen neugebornen Sohn gut werden und groß, und laß ihn alles das erreichen, was ich mir einst selbst gewünscht habe, aber nicht mehr erreichen konnte.
Die Mutter war mild und fromm und lieb, wie es eine Mutter nur sein konnte mit ihrem einzigen Sohne. Und wenn der Vater oft zu strenge gewesen war, so kam Friedrich zur Mutter und vergaß seinen kindlichen Kummer; und wenn die Mutter ihm eine Freude machen wollte, so erzählte sie ihm die Geschichten aus der Bibel. Dann lauschte er mit seinen beiden Schwestern.
Zuletzt sagte der kleine Friedrich: Ich will ein Prediger werden. Das war auch der Mutter lieb, und oft mußte sie lachen, wenn sie ihren Friedrich sah, wie er auf dem Stuhle stand und seinen Schwestern und Freunden eine Predigt hielt.
Einige Jahre später kam er zu einem Pastor und studierte fleißig, und seine Liebe zu diesem guten Manne war so groß, daß er fest entschlossen war, auch ein Prediger zu werden, wie jener. Aber es sollte anders kommen.
In jener Zeit hatte der Herzog von Würtemberg ein Institut errichtet für die Söhne seiner Offiziere, und da er nur die besten Knaben für diese Anstalt wählen wollte, so kam er auch in Schillers Haus.
Frau Schiller aber mochte ihren Sohn nicht in jene Anstalt geben, denn er konnte dort keine Theologie studieren; und dann wollte sie gerne ihren einzigen, geliebten Sohn bei sich behalten. Aber der Herzog wollte und mußte seinen Willen haben. Dreimal war er gekommen, bis zuletzt Friedrich Schiller vom Eltern-Hause in die Anstalt kam, die später den Namen »Karls-Schule« erhielt.
Bella: An Frau Schillers Stelle würde ich den Sohn nicht in jene Anstalt gegeben haben.
Martha: Ah, meine liebe Bella, Du kennst den Herzog nicht. Er war ein arger Tyrann, wie die meisten Fürsten in jener Zeit -- und das war eine böse, böse Zeit. Jeder Fürst, und war er noch so klein, wollte leben und herrschen, wie Ludwig XIV. von Frankreich es getan hatte. Sie bauten Paläste, Theater und Opern-Häuser, hielten Sänger und Ballett-Tänzer, hatten die großartigsten Parks und Gärten und dazu Luxus aller Art; aber das Geld zu diesen Herrlichkeiten nahmen sie von ihren Unterthanen.
Die armen Menschen mußten schwer arbeiten wie Sklaven, damit ihre Herren schwelgen konnten; und als sie nichts mehr hatten und ihnen alles genommen war, da ergriff man ihre Person; von dem Vater und von der Mutter nahm man die Söhne; mit Gewalt riß man sie von ihren Herzen, sah nicht auf ihren Schmerz, hörte nicht auf ihre Klagen; -- und die Söhne verkaufte man dann an England, und England schickte sie nach Amerika, -- dort sollten sie kämpfen gegen Freiheit und Recht.
So trieben es in jener Zeit die meisten Fürsten, und auch der Herzog Karl. Als er älter war, wurde er freilich anders, und als er seinen fünfzigsten Geburts-Tag feierte, schrieb er ein langes Register seiner Sünden und versprach, sich zu bessern, und ließ dieses in allen Kirchen seines Landes vorlesen.
Diese Besserung aber und auch die Errichtung der Karls-Schule war das Werk seiner Gemahlin. Diese Herzogin war aber zuvor eines andern Mannes Frau gewesen; der Herzog hatte sie jedoch mit Gewalt zu sich genommen.
Louis: Und der Mann, was tat denn der?
Martha Meister: Nichts, Louis; er konnte nichts tun. Karl war ein arger Tyrann -- und auch in der Schule. Ihr könnt euch wohl denken, daß es Schiller niemals recht gefiel, schon deshalb nicht, weil er kein Prediger werden konnte und Medizin studieren mußte.
Die Schule war berühmt geworden, und oft kamen hohe Herren von allen Teilen Deutschlands, um sie zu besehen. Einmal war auch der junge Herzog Karl August von Weimar mit seinem Freunde Goethe gekommen. Wie Schiller den jungen Poeten anstaunte! O, rief er aus, wie jung er ist, und doch schon so berühmt! Und ich, ich habe noch nichts getan, und wer weiß, ob ich wohl jemals etwas Großes tun werde!
Da standen sie zum ersten Male zusammen und sie gingen von einander und wußten nicht, daß sie einst die beiden großen Poeten Deutschlands und die besten Freunde werden sollten.
Ein anderes Mal kam Lavater nach der Karls-Schule. Lavater war damals berühmt; nicht allein, weil er ein geistreicher Mann und ein sehr frommer Prediger war, sondern auch deshalb, weil er ein Werk geschrieben hatte über Physiognomie.
In der Karls-Schule führte man ihm die Schüler vor, daß er sie sehe und ein Urteil abgebe über ihren Charakter und ihre Fähigkeiten. Nachdem er schon viele gesehen und beurteilt hatte, kam auch ein langer, hagerer Mensch. Lavater befühlte seinen Kopf, sah ihm scharf in die Augen, musterte ihn von oben bis unten und rief voll Entsetzen: O, o, das wird ein großer Spitzbube werden! --
Schiller war es; dieses Mal hatte sich der gute Lavater arg getäuscht.
* * *
Nachdem Schiller genügend studiert hatte, wollte er auch sein Examen machen in der Medizin und schrieb seine Arbeit. Die Professoren prüften sie und fanden sie gut; -- doch meinten sie: Schiller denke nicht immer so wie sie; er habe zu viele eigene Ideen und allzu viel Feuer.
Wohl, sagte der Herzog, so soll Schiller noch ein Jahr bei uns bleiben, wir wollen ihm das Feuer erst legen. -- Und Schiller mußte noch ein Jahr länger in dieser Anstalt bleiben, die er haßte.
In diesem Jahre schrieb Schiller sein erstes Drama, aber die Professoren und der Herzog durften es nicht wissen. Nachts im Geheimen mußte er schreiben, und da er zuletzt sein Werk beendet hatte und es seinen Freunden fern im finstern Walde vorlas, da war ihr Enthusiasmus unbeschreiblich, -- solche Gedanken in deutscher Sprache hatten sie nie zuvor weder gelesen noch gehört.
Bald hatte Schiller auch sein Examen gemacht und war Arzt geworden in einem Regimente, das in Stuttgart stand. Nun ließ er sein Drama drucken, und es ging in die Welt und entflammte alle Herzen. Überall, überall, wo man deutsch verstand, las man »Die Räuber,« in den besten Theatern spielte man dieses Stück und Schiller war mit einem Male berühmt geworden.
Der Herzog selbst war stolz darauf, denn Schiller war ja aus seiner Schule hervorgegangen; und doch wollte er ihn verhindern, ferner Poesie zu schreiben. »Bücher über Medizin mag der Schiller schreiben, keine Poesie,« -- so etwa schrieb der Tyrann an den Poeten.
Louis: Es ist ein Glück für diesen Herzog Karl, daß ich nicht zu seiner Zeit gelebt habe. Schiller hat doch Poesie geschrieben, nicht wahr?
Martha Meister: Gewiß, aber das ist eine lange Geschichte, und ich fürchte, es wird Ihnen zu viel, Herr Louis.
Louis: O nein, mein Fräulein. Sie wissen sehr wohl, wie gespannt ich nun bin. Bitte, seien Sie so gut und erzählen Sie weiter.
Martha Meister: Zur selben Zeit lebten auch in Stuttgart die Herren Wolzogen; sie waren Schul-Kameraden und Freunde von Schiller, und ihre Mutter nahm großes Interesse an dem jungen Poeten und gehörte zu denen, die ihn bewunderten, und sie hätte gar zu gerne einmal »Die Räuber« im Theater zu Mannheim gehört.
Schiller reiste dahin mit ihr und einer andern Freundin; aber da er heimlich, ohne des Herzogs Wissen, Stuttgart verlassen hatte, so hatte er die Damen gebeten, mit niemandem darüber zu reden. Das versprachen denn auch die Damen sehr schnell.
Und sie kamen zurück und hatten »Die Räuber« gesehen und dazu die Begeisterung der Menschen; -- und sie konnten nicht schweigen, es war ihnen unmöglich! -- Und nur einer Freundin erzählten sie es; aber sie sagten zu ihr, daß sie es niemandem weiter erzähle. Und die Freundin hatte auch eine Freundin und diese wieder eine andere; und eine Freundin erzählte es der andern, aber hatte immer zu derselben gesagt: »Ja nicht weiter erzählen« -- und so war es endlich doch zu des Herzogs Ohren gekommen.
Der Herzog war ergrimmt, daß Schiller, ein Offizier des Regiments, es gewagt hatte, ohne seine Erlaubnis die Garnison zu verlassen, und er gab ihm daher einige Wochen Arrest. Schiller aber hatte beschlossen, frei, für immer frei zu werden.
Bald darauf wurde wieder des Herzogs Geburts-Tag gefeiert, und die Gäste waren von weit und breit gekommen; und da war großes Gedränge; Gäste zu Wagen und zu Pferde kamen und gingen.