Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series
Part 10
Tröste dich, Schwester, sprach da jung Giselher, ich will dir ersetzen mit meiner Liebe, was Siegfried dir gewesen.
Siegfried ersetzen? rief sie und fiel nieder neben die Leiche; und drei Tage und drei Nächte blieb sie da; und Tag und Nacht kamen auch die Armen, zu singen und zu beten, und Krimhilde ließ Geld verteilen an alle, welche kamen.
Am vierten Tage wurde der Sarg geschlossen und zu Grabe getragen.
Der Zudrang des Volkes war groß und das Schluchzen tönte lauter, als das Läuten der Glocken und das Singen der Priester.
Noch einmal muß ich ihn sehen, schrie plötzlich Krimhilde, -- o, noch einmal!
Man mußte den Sarg wieder erbrechen. Da umschlang sie den schönen Kopf des Toten und küßte ihn und weinte und wollte ihn nicht lassen. Man riß sie zuletzt mit Gewalt vom Sarge und brachte sie in die Burg. Hier lag sie besinnungslos bis zum nächsten Tage.
Der alte König Sigismund brach auf; Krimhilde aber wollte nicht wieder nach Xanten; nahe bei Siegfrieds Grab baute sie für sich eine Wohnung; und mit vollen Händen teilte sie Gold vom Nibelungen-Schatze unter die Armen. Das war ihre einzige Freude.
Herr Meister: Mehr dachte ich für heute nicht zu geben, -- und ich fürchte schon, daß dieses zu viel war.
Bella: O nein, Herr Meister. Jetzt bin ich erst begierig nach dem, was nun folgt; denn es kann doch so nicht enden!
Herr Meister: Nein. Dieses war noch nicht die Hälfte. Es folgt nun ein sehr poetischer und interessanter Teil, worin wir besonders viel hören über den bösen Hagen und auch über Krimhilde. Sie wird König Etzel's Gattin und so weiter, und so weiter. Alles dieses ein anderes Mal, nicht heute.
Louis: Wie schade! Ich hätte Ihnen die ganze Nacht zuhören mögen, Fräulein Martha.
Martha Meister: Das ist ja ein großes Kompliment für Vaters Erzählung; ich danke Ihnen in seinem Namen und in meinem eignen.
Bella: Aber was für eine Frau diese Brunhilde war! Das wär' eine Frau für Louis!
Louis: So? Wünschen Sie mir wirklich solch' ein Weib? O, Bella, Bella! -- Die Damen sind heute zu grausam mit mir. -- Denken Sie nur, Martha, meine eigne Schwester sagte mir vor Abend: Louis, Du bist doch eigentlich gar nichts. Du bist weder ein Mann, noch ein Kind; und kleine Knaben sind so unmanierlich, weißt Du? so roh. -- Nun bitte ich Sie, beste Frau Meister, sagen Sie mir doch, sehe ich aus wie ein kleiner, roher, häßlicher, unmanierlicher Junge? Sehen Sie einmal, ich bin beinahe so groß, wie Herr Meister.
Frau Meister: Ihr müßt nicht lachen, Ihr jungen Damen. -- Louis, Sie sind ein ganzer Mann.
Louis: Ich danke Ihnen, Frau Meister!
Gretchen: Ha, ha, ha! Sie amüsieren mich sehr, Herr Louis. Ha, ha, ha!
Otto: Darf ich Dir einen Rat geben, Louis?
Louis: Nun, Bruder Otto?
Otto: Widersprich nie den Damen.
Louis: Hm -- Ja, Du hältst es immer mit ihnen.
Otto: Und darum geht es mir auch immer so gut.
Bella: Das ist recht! Respekt soll man haben, Respekt vor uns!
Herr Meister: Haben Sie es gehört, mein guter Freund Louis? Wir müssen uns fügen in unser Schicksal; wir kämpfen umsonst dagegen an. Eine neue Zeit ist gekommen. Die früher Herren waren, sie werden nun Sklaven und die Sklavinnen werden zu Herrinnen.
Bella: Die Frauen -- Sklavinnen? Das ist wohl nur Phantasie, Herr Meister!
Herr Meister: Keine Phantasie, mein Fräulein, sondern Wirklichkeit.
Gretchen: Aber, Papa, war denn das Weib eine Sklavin bei Griechen oder Römern?
Herr Meister: Nein, mein Kind, sie war nicht Sklavin, aber sie war die erste Dienerin des Mannes. Was schön und was wahr ist, das haben uns wohl die Völker des Altertums gelehrt; aber das Weib zu ehren, -- nicht. Es war erst ein christlicher Dichter, welcher sang: »Ehret die Frauen, sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben.«
Gretchen: Willst Du damit sagen, Papa, daß erst mit dem Christentume eine bessere Zeit für die Frauen begonnen hat?
Herr Meister: Ganz recht, das will ich. Es war ein Weib, das Jesus Christus geboren hatte, und darum verehrte man Maria. Und später, als das Christentum sich mehr und mehr ausbreitete, waren es christliche Ritter und christliche Minne-Sänger, welche die Frauen verehrten, wie es nie ein Volk des Altertums getan hatte. Ich kenne keinen Dichter des Altertums, der so schön von den Frauen gesungen hat, wie Walter von der Vogelweide:
{»Durhsüeßet und geblüemet sint die reinen frouwen: eß wart nie niht sô wünneclîches an ze schouwen in lüften noch ûf erden noch in allen grüenen ouwen. Liljen unde rôsen bluomen, swâ die liuhten in meien touwen dur daß gras, und kleiner vogele sanc, daß ist gein solher wünnebernden fröide kranc, swâ man siht sch[oe]ne frouwen. daß kan trüeben muot erfiuhten, Und leschet alleß trûren an der selben stunt, sô lieblîch lache in liebe ir süeßer rôter munt und strâle ûß spilnden ougen schieße in mannes herzen grunt.«}
Bella: Das ist freilich sehr schön und sehr schmeichelhaft für uns. Aber, Herr Meister, haben im Mittel-Alter alle Menschen die Frauen so geehrt, oder waren es nur die Minne-Sänger, die so von uns dachten?
Herr Meister: Es waren allerdings nur die Ritter und die Minne-Sänger, also die feineren Klassen der Gesellschaft, die den Wert der Frauen erkannten. Vergoldet nicht die Sonne zuerst die Spitzen der Berge, bevor ihr herrlicher Schein auch hinab in das Tal dringt? -- Auch für die Frauen der unteren Klassen begann bald die Erlösung -- durch Dr. Martin Luther.
Bella: O, Herr Meister, ich sehe schon, Sie wollen uns zeigen, daß das Heil für die Frauen aus Deutschland kommt, wie so vieles andere, was die Menschen beglückt hat.
Herr Meister: Nein, mein Fräulein, daran habe ich allerdings nicht gedacht. Aber ich wollte Ihnen zeigen, daß das Heil der Frauen immer aus dem Norden kam.
Gretchen: Papa, hat denn auch die Befreiung der Frauen etwas mit der Geographie zu tun?
Herr Meister: Sehr viel, mein Kind. Ist nicht das Weib im Norden, sagen wir z.B. in Deutschland oder in England, geachteter, als im Süden: in Griechenland, in Italien, in der Türkei? Und ist das nicht ganz natürlich?
Im Süden ist die Natur freundlich mit dem Menschen und giebt ihm alles, wie eine gütige Mutter. Dort ist die Sonne warm, die Luft mild, und der Erdboden ist reich. Die Natur giebt dem Manne im Süden mit leichter Mühe Nahrung und Schutz, darum bedarf der Mann im Süden des Weibes und des Hauses nicht so sehr, wie der Mann im Norden.
Aber wie war es früher im Norden. Der Mann kam abends aus dem Walde, und die Kälte des Winters war strenge. Er hatte gejagt oder die Bäume des Forstes gefällt; und nun war er hungrig und müde.
So erreichte er sein Heim. Da aber stand sein Weib an der Thüre und erwartete ihn mit liebendem Blicke, mit offenem Arme. Sie nimmt ihm die Waffen ab, sie führt ihn zum Herde an das erwärmende Feuer und dann zum reichlichen Mahle, das sie bereitet.
Dem Manne wird wohl, er fühlt sich glücklich und er weiß, daß er dieses seinem treuen Weibe zu danken hat; er erkennt den Wert ihrer Wohltat -- und ehrt und liebt das Weib.
Was die Natur im Norden dem Manne versagt hat, das giebt ihm reichlich das Weib.
Wundern Sie sich nun, daß die rohen Germanen das Weib höher schätzten, als die kultivierten Römer? Wundern Sie sich nun, daß die Minne-Sänger, diese Dichter des Nordens, im Weibe das Symbol alles Guten und Schönen sahen, während die Troubadours, diese Dichter des Südens, im Weibe nur die Geliebte des Mannes erblickten? Und wundern Sie sich nun, Bella, daß auch ein Germane in der neuen Zeit uns das höchste Ideal eines Weibes gegeben hat?
Gretchen: Und von welchem Manne sprichst Du, Papa?
Herr Meister: Von Goethe.
Frau Meister: Ich dachte es.
Martha: Goethe, Papa? Goethe, meinst Du?
Herr Meister: Ja, liebe Martha; und denkst Du nicht, mein liebes Weibchen, daß unsere Töchter Goethe's »Iphigenie« oft und recht oft, und gut und recht gut studieren sollten?
Frau Meister: Gewiß, Wilhelm, ich denke wie Du; und ich denke auch, daß alle jungen Damen dasselbe tun sollten. Es würde uns allen sehr lieb sein, wenn Du jetzt ein wenig über dieses wundervolle Werk erzählen wolltest.
Herr Meister: Wenn Du es wünschest, gerne. Sie haben von Tantalus gelesen, meine Freunde, nicht wahr? -- Nun wohl. -- Tantalus war der Sohn des Zeus und der Pluto und wohnte in seiner Burg am Berge Sipylus.
Unter allen Königen war er der stärkste und reichste; denn er hatte so viele Länder, daß man sie in drei Tagen nicht durchwandern konnte, und darin hatte er viele Herden von Schafen und Rindern.
Bei den Menschen war er überall beliebt und bei den Göttern so sehr, daß sie ihn oft einluden, im Olymp an ihrer Tafel mit ihnen zu speisen, und ihn oft um seine Meinung fragten; denn sie kannten seine Weisheit.
Daher wurde Tantalus sehr stolz und dachte von sich sehr hoch und mehr, als recht war; denn was ich bin, so dachte er, bin ich durch mich selbst, durch meine eigene Kraft, durch meine eigenen Taten; und am Ende sind die ewigen Götter nicht mehr, als ich bin, vielleicht nicht einmal so viel. -- So sprach er und verübte eine abscheuliche Tat, um die Allwissenheit der Götter zu prüfen.
Dann aber waren die Götter erzürnt und stürzten ihn von der göttlichen Tafel tief hinab in die Unterwelt und straften ihn fürchterlich.
Und auch die Nachkommen dieses Tantalus waren stark, klug, nobel, aber oft auch stolz und übermütig. Aus dieser Familie stammte Agamemnon.
Er war Feldherr der Griechen, als sie nach Troja zogen, und seine Tochter Iphigenie war der Göttin Diana geopfert worden. So dachten die Griechen, Agamemnon und Klytemnestra, seine Gattin.
Diana aber, die Göttin, hatte Mitleid mit der herrlichen Iphigenie gehabt und hatte sie in einer Wolke auf die Insel Tauris gebracht.
Hier weilte sie in einem Tempel als die Priesterin der Göttin Diana zum Heile vieler Menschen. Denn der König Thoas, ein ernster, roher Mann, wurde freundlicher, da er die schöne, milde Jungfrau sah; er folgte ihrem Worte und wurde milder gegen seine Diener und gegen sein Volk. Alles war besser geworden in dem Lande von dem Tage an, da Iphigenie darin weilte.
Wenn früher Männer aus fremden Ländern nach Tauris gekommen waren, so wurden sie getötet; nun aber war man gut gegen sie und sandte sie in die Heimat zurück.
Iphigenie aber ward nicht froh im fremden Lande und unter fremden Menschen und sie sehnte sich zurück in die teure Heimat, zu ihrem Vater, zu ihrer Mutter, zu ihrer Schwester, zu ihrem Bruder Orest, der noch klein war, da sie ihn verlassen hatte. Und oft stand sie am Meere, sah weit hinaus und grüßte die Meeres-Wellen, die vielleicht hinzogen nach ihrer lieben Heimat.
* * *
An einem Tage aber war der König zum Tempel gekommen, um Iphigenie zu seiner Gattin zu nehmen; denn er war weib- und kinderlos geworden.
Sie aber sagte zu ihm: Ich ehre dich, o König, wie einen zweiten Vater, wie einen Freund; doch dein Weib vermag ich nicht zu werden, denn meine Heimat ist es, nach der ich mich sehne.
Der König aber war über solche Worte unzufrieden und sprach: Wohlan, es sei also: Kommt ein Glied aus deiner Familie, dich heimzuführen, so magst du gehen; wo nicht, so werde mein Weib. -- Doch wahrlich, es beginnen von diesem Tage an wieder die alten Sitten meines Volkes!
Und der König ging in seinem Zorne und gebot: Man höre nicht mehr auf das Wort jener Priesterin. Man opfere, wie früher, alle Fremden, die diese Insel betreten, und man beginne sofort mit den zweien, die man vor kurzem an der Küste gefunden.
Der eine dieser Gefangenen aber kam durch den Hain. Er war ein Grieche, und nach vielen Jahren zum ersten Male hörte Iphigenie wieder die Laute ihrer geliebten Mutter-Sprache. Und sie hörte auch, daß Troja gefallen, daß ihr Vater heimgekommen und durch die Hand seiner eigenen Gattin ermordet sei; denn sie hatte es nicht vergessen können, daß er Iphigenie hatte töten lassen; -- und Iphigenie hörte mehr; sie hörte, daß Orest, ihr Bruder, wieder die eigene Mutter getötet hätte, um den Vater zu rächen.
Ach, Unglück über Unglück war gekommen über ihr Haus, und nun sollte sie das Schrecklichste tun: Sie selbst sollte ihren Bruder opfern; denn Orest, ihr Bruder, stand nun vor ihr; er war der zweite der Gefangenen; er selbst hatte ihr jene fürchterliche Kunde aus der Heimat gebracht.
Wie groß ihre Freude war, den Bruder zu sehen, den heißgeliebten, den lang vermißten, so groß war auch ihr Schmerz über alles, was sie gehört und über das Übel, das den Bruder befallen hatte; -- denn er fiel oft in den fürchterlichsten Wahnsinn durch den Gedanken an seine unmenschliche Tat.
Aber Iphigenie wollte ihm Hülfe bringen; ja, sie mußte den beiden folgen; denn ihr Bruder war mit seinem Freunde Pylades gekommen, das Götterbild der Diana aus dem Tempel zu entführen.
Iphigenie wollte ihnen helfen und mit ihnen entfliehen. Sie konnte ihre Freiheit wieder gewinnen, sie konnte die Heimat und Elektra, ihre teure Schwester, wieder sehen und bei dem geliebten Bruder leben.
Das alles wollte und konnte sie nun erreichen. Wie glücklich sie war!
Doch ach! -- durfte sie es tun? War Thoas, der König, nicht ihr väterlicher Freund, ihr Wohlthäter? -- Undankbar wollte sie nimmer sein! Niemals wollte sie unrecht tun, niemals, selbst dann nicht, wenn sie die Heimat nie wieder sehen sollte, -- die Heimat, die ihr so teuer war; lügen wollte sie nicht, selbst wenn der Bruder unglücklich werden sollte.
Sie glaubte an das Gute, Edle in den Menschen, und so ging sie zu Thoas, dem König, und sagte ihm den Plan, offenbarte ihm alles und bat ihn, sie zu retten, sie und den Bruder und dessen Freund; sie bat ihn, eine Tat zu tun, so groß und so edel, wie diese.
Lange zauderte der König. Es ward ihm schwer, sich von ihr, dem geliebten Weibe, zu trennen; es ward ihm schwer, die beiden Griechen, seine Feinde, ungehindert ziehen zu lassen.
Aber das Wort Iphigeniens und ihr Wesen waren so mächtig, daß der König hörte und die große Tat vollbrachte. -- Sie schied von ihm in Freundschaft; ihr Bruder ward geheilt vom Wahnsinn und war wieder froh.
So wirkt ein Weib. Kultur, milde Sitten, Wohlfahrt und Glück bringt sie dem Lande; sie macht glücklich, edel und groß alle, die in ihrer Nähe sind; dem Kranken und allen Unglücklichen bringt sie Heilung und neue Lust zum Leben.
So groß ist die göttliche Kraft des Weibes. Sie wirkt gutes durch den Ton ihrer Stimme, durch den Blick ihres Auges, durch ihr ganzes Wesen; aber dann nur kann sie es vollbringen, wenn ihr Herz rein, wenn ihre Seele groß, wenn sie ist, was sie sein soll: Eine Priesterin im Hause und eine Förderin des Guten und Schönen auf Erden.
* * *
Martha: Papa!
Herr Meister: Meine Tochter!
Martha: Von heute an will ich Goethe lieben um seiner »Iphigenie« willen.
Herr Meister: Das thue nur, meine Tochter, Du thust recht. -- Aber Mama, wir bedürfen nun auch des Materiellen. Wo sind die schönen Früchte, die uns die Herren Parks so freundlich gesandt haben?
Frau Meister: Martha wird so gut sein, sie uns zu reichen.
Herr Meister: Aber, Herr Otto, wie geht es Ihrem Herrn Bruder, dem Doktor?
Otto: Er sagte mir, daß er vielleicht noch kommen würde, wenn auch spät.
Gretchen: Louis, können Sie gut Rätsel lösen?
Louis: O ja.
Gretchen: Nun, was ist das?
Erst weiß wie Schnee, Dann grün wie Klee, Dann rot wie Blut, So schmeckt es gut.
Louis: Das ist etwas zum Essen, nicht wahr?
Gretchen: Ja, aber was?
Louis: Das weiß ich nicht.
Bella: Eine Kirsche.
Gretchen: Richtig!
Bella: Aber was ist das?
Ein Kopf und ein Bein Ist alles, was mein. Der Kopf hat eine Mütze Das Bein hat eine Spitze.
Was ist das?
Martha: Ich weiß es, Bella.
Bella: Nicht sagen, Martha, nicht sagen! Nun, Herr Otto?
Otto: Ist es eine Stecknadel?
Bella: Ja, eine Stecknadel. -- Wollen Sie auch ein Rätsel geben, Otto?
Otto: Was ist das?
Ein jeder hat's; Im Grabe ruht's; Der Herr befiehlt's, Der Kutscher thut's.
Louis: Das ist schwer; das errate ich niemals.
Otto: Nun, meine Herrschaften? Erraten Sie!
Bella: Ja, wenn wir nur könnten! Ich glaube, Frau Meister weiß es. Sagen Sie es. Was ist es?
Frau Meister: Herr Otto, ist es ein Wort mit drei Silben?
Otto: Ganz recht.
Frau Meister: »Vorfahren«?
Otto: Erraten! Erraten!
Louis: Was? -- Ich verstehe es noch nicht.
Otto: Vorfahren, Louis. Denke nur nach.
Louis: O ja; jetzt habe ich es, jetzt habe ich es. Das ist sehr gut, Otto. Woher hast Du Deine Rätsel? Ich will auch Rätsel studieren. -- Nun, das ist merkwürdig! Hören Sie nicht wirklich auch einen Wagen vorfahren? Er hält -- das ist unser Wagen, Otto. Albert kommt, -- ja, das ist sein Schritt.
Frau Meister: Das ist mir sehr angenehm. -- Herein!
Dr. Albert: Ich wünsche Ihnen einen guten Abend, meine Damen und meine Herren, und bitte um Verzeihung, daß ich Sie störe in Ihrer Unterhaltung. Es ist so reizend hier, daß ich es sehr bedauere, nicht verweilen zu können. Zwei Schul-Freunde, welche ich in der unteren Stadt getroffen habe, warten auf der Straße in unserm Wagen; und so muß ich Euch bitten, Otto und Louis, aufzubrechen, so leid es mir auch thut. Seid Ihr bereit?
Otto und Louis: Wir sind bereit.
Bella: Es ist wirklich schade, daß Sie nicht ein wenig bleiben können, Herr Doktor.
Dr. Albert: Niemand bedauert das mehr, als ich selbst; -- und so wünsche ich Ihnen allen: Gute Nacht!
Alle: Gute Nacht!
Otto: Gute Nacht, meine Herrschaften!
Louis: Gute Nacht, meine Damen! Gute Nacht, Herr Meister!
Frau Meister: Wollt Ihr mich entschuldigen, wenn auch ich nun gehe?
Alle: Gewiß.
Martha: Mama, kann ich Dich auf Dein Zimmer begleiten? Ich möchte mit Dir sprechen.
Frau Meister: Gewiß, meine Tochter. Komm! -- Gute Nacht, Bella!
Bella: Schlafen Sie wohl, Frau Meister!
Martha: Wollt Ihr mich entschuldigen, Bella und Gretchen? Ich bin bald wieder bei Euch.
Gretchen: Gewiß. Wir bleiben bei Papa und plaudern.
V.
Martha: Aber, -- das ist ja englisch, und ich dachte, Anna schriebe deutsche Briefe!
Bella: Das thut sie auch, Martha -- siehst Du, hier beginnt der deutsche Teil, und so hübsch schreibt sie, ich habe ihn schon zwei mal ganz alleine für mich gelesen und ich möchte ihn wieder und wieder hören. Ach, bitte, süßes Gretchen, lies ihn doch einmal laut vor, ich weiß, Martha, es wird Dir viel Vergnügen machen, alles zu hören, was meine liebe, gute Schwester Anna schreibt. Willst Du, Gretchen, ja?
Gretchen: Gewiß, Bella, gerne; wo soll ich beginnen?
Bella: Hier, siehst Du?
Gretchen: Also .... Entschuldige mich, teure Bella, daß ich meinen Brief auf englisch begonnen habe; ich schreibe jetzt so gerne englisch und höre es so gerne. Wenn ich auf der Straße gehe und höre hinter mir englisch sprechen, dann beginnt mein Herz so laut zu pochen, und ich muß mich umsehen und möchte jeden umarmen, aus dessen Munde ich den trauten Ton der englischen Sprache vernehme, -- ich habe Heimweh.
Ach, Schwester, das Heimweh ist eine traurige Krankheit! Das Herz thut einem so weh, daß man glaubt, es müsse brechen, und die Menschen scheinen uns alle so kalt, so herzlos zu sein, und man möchte immer allein sein und immer weinen. -- Auch fürchtet man immer, man würde Vater und Mutter und Schwester und Freunde niemals wiedersehen, und allerlei traurige Gedanken kommen; -- aber warum habt Ihr mich auch so lieb, daß ich immer an Euch denken muß! -- Des Nachts träume ich oft, ich sei wieder bei Euch daheim, und alles wäre wieder wie früher; dann ist alles so schön, und ich bin so glücklich. Aber wenn ich dann aufwache, und die fremden Wände sehe, dann muß ich weinen.
Ich habe heute einen neuen Hut; unsere liebe, teure Freundin hat ihn selbst angefertigt: Blaues Band und eine große weiße Feder aus Paris; ich sehe immer in den Spiegel und freue mich und denke: Was würde wohl Bella von meinem Hute sagen? -- Ich bekomme auch ein neues Kleid von blauer Seide; blaue Seide, weißt Du, habe ich so gern.
Was hier nun weiter folgt, liebe Bella, habe ich zusammen mit Frau Dr. Stellen geschrieben; und Du mußt erraten, welche Teile von meiner Freundin und welche von mir kommen. Ob das wohl schwer zu erraten ist?
* * *
(Aus meinem Tage-Buche. Seite 37.)
3 Uhr 35 Minuten morgens.
Das war eine lange, lange Fahrt! Ich bin froh, daß unser Hotel so nahe beim Bahnhofe ist. Mein Zimmer ist freundlich und bereits hell vom Lichte des kommenden Tages; ich öffne das Fenster und trinke die frische, wohlthätige Morgen-Luft. Ein langer Streifen, rot wie köstliches Gold, zieht sich am fernen Horizont entlang, und prächtiger und immer prächtiger wird der Farben-Glanz, bis sie selbst erscheint -- die Sonne in ihrer vollen, majestätischen Schönheit. -- Gewiß, so schön mag sie gewesen sein am ersten Tage der Schöpfung.
Ihr Anblick macht mich wieder frisch, und ich vergesse auf einige Minuten, wie müde ich bin.
Vor mir liegt die Stadt noch schlafend. Wie lieblich sie aussieht, beschienen vom Morgen-Rot! Solche Häuser habe ich niemals gesehen; sie erinnern an eine Zeit, die längst dahingeschwunden. Die Dächer sind alt und spitz und haben viele Türmchen. Eine alte Burg steht oben auf dem Berge, und ringsum liegt die Stadt. Zwei Türme von großer Schönheit stehen am Thore vor mir. Von der nahen Kirche kündet gerade die Glocke die vierte Stunde an. Männer kommen; ihre Schritte schallen laut durch die stille Straße; die Männer gehen zur Arbeit, und ich gehe zur Ruhe. Was soll ich Dir wünschen: Gute Nacht oder Guten Morgen?
* * *
(Zwei Tage später.)
»Lebe wohl, du alte, gute Stadt; einst warst du schön und stolz; -- Ruinen und Erinnerungen sind dir geblieben, -- doch auch diese sind noch schön! Ich will oft an dich denken. Lebe wohl, du gute, alte Stadt! Ich muß weiter!«
Weißt Du, liebe Bella, in welcher Stadt ich das geschrieben habe? -- Ein großer Maler lebte hier; er war der größte Maler Deutschlands und lebte gleichzeitig mit Raphael. -- Raphael hat ihm persönlich einmal geschrieben und ihm aus Hochachtung ein selbst gemaltes Bild gesandt. Das Haus, in dem er wohnte, steht noch; es ist groß und wohlerhalten. Der Künstler hatte eine schöne Frau, aber diese war sehr böse gegen den armen D.... -- Halt! Fast hätte ich den Namen genannt! Kennst Du, Bella, die Stadt noch nicht?
Viele alte Kirchen sind dort, und eine derselben ist besonders schön. Ihr Portal ist wunderbar. Wenn Du in die Kirche trittst, so findest Du Kunstwerke von jenem Maler und auch das Sakraments-Häuschen von Adam Krafft.
Nicht weit von dieser Kirche findest Du auch das Denkmal eines Schuhmachers. Ja, Bella, eines Schuhmachers. Aber das Denkmal hat man ihm gesetzt für seine Verse.
H... S.... war ein Schuh- Macher und Poet dazu.
Und auf dem Markte steht ein Brunnen von seltener Schönheit. Oh, Du weißt nun, ich spreche von der Stadt Nürnberg, von Albrecht Dürer und von Hans Sachs.
* * *
(Aus dem Tage-Buche. Seite 82.) _Im Palmengarten._
»Hier ist es herrlich! -- ist es im Paradiese wohl schöner gewesen? -- So viele Menschen sind hier und alle scheinen einander zu kennen; die Herren grüßen so höflich und schwingen die Hüte so hoch, und die Damen verbeugen sich graziös und lächeln so freundlich; hier sind gewiß alle recht glücklich. Lachend und plaudernd promeniert man unter den Klängen der heiteren Musik auf breiten, sandigen Gängen zwischen Feldern der lieblichsten und kostbarsten Blumen. -- Wie hier die Zeit doch so schnell vergeht! Schon sinket die Sonne und scheidend erglänzt sie in einem Meere der lieblichsten und süßesten Farben, mich dünkt, ich hätte sie nie zuvor so herrlich gesehen. -- Noch einen letzten Blick wirft sie auf alles --; das Scheiden thut ihr recht leid, denn die Erde ist heute so schön. Die endlosen Felder von Weizen und Korn gleichen dem Meere, wenn linde Winde es leise im Sommer am Abend erregen; die Hügel sind mit dem lieblichen Grüne des Weines bedeckt, und an den Bäumen schimmern im reichlichen Laube die goldgelben Früchte.