Strix: Die Geschichte eines Uhus

Chapter 5

Chapter 53,717 wordsPublic domain

Zu Anfang war sie dem Eindringen der Menschen in ihr Bereich offen und mit Macht begegnet!

Was sollte sie wohl fürchten?

Sie hatte ja ihren scharfen Schnabel und ihre spitzen Fänge, und sie hatte ihre großen, starken Flügel; sie besaß Selbstvertrauen und Zutrauen zu ihren Fähigkeiten und Kräften -- was sollte sie wohl fürchten!

Aber ihr häufiges Zusammentreffen mit den Menschen und die Erfahrung, die sie daraus schöpfte, hatte ihrem Vertrauen auf eigenes Vermögen einen Stoß versetzt; hier hatte sie ja einmal über das andere ihren Meister gefunden --; einen Gegner, den sie nicht hatte in die Flucht schlagen können!

Daß der Mensch gefährlich war -- das begriff sie jetzt.

Es war nicht besser geworden mit der Unruhe im Hochwald. Noch am Abend bei Sonnenuntergang, wenn sie aus ihrem Tagesschlaf erwachte und sich anschickte auszufliegen, konnte sie Wagenrollen und Äxteschlagen hören.

Ihr großes Heim, wo sie vor vielen Jahren in ihrer Jugend gewohnt hatte, war schon umgestaltet und abgeholzt. Ganz weit draußen, wo einst ihr Horstbaum stand, erhob sich jetzt ein Haus neben dem andern, Gitter und Hecken wechselten ab mit Stacheldraht und Zäunen; Motorräder surrten umher, Telephondrähte durchwebten die Luft, lange Schornsteine spien die Eingeweide der Erde aus, und heulende Eisenbahnzüge fauchten überall. Die Menschen breiteten sich aus wie die Wanderratten in gewissen Jahren auf dem Berge ihrer Vorfahren; Strix wollte es scheinen, als müßten sie vorwärts über ihre Leichen!

-- -- --

Und dann ward endlich der Gipfelpunkt erreicht.

Es ist Jagd im Tierwald, dem letzten der einstmals so ausgedehnten Hochwälder am innersten Ende der Förde, dort, wo Strix ihre jubelerfüllten Tage gelebt hat -- und die Hunde hetzen einen Hasen. Sie wird von dem Gekläff geweckt, und als sie den Hasen vorüberschlüpfen sieht, kann sie nicht widerstehen; sie muß der Bande folgen.

Es ist ja ihr Hase, den die Hunde hetzen! Es ist der letzte Hase, der sich hier im Walde, ja, in der ganzen Umgegend findet -- nun holen die meutestarken Teufel ihn!

Ihr gehören alle Hasen, das ist doch ganz selbstverständlich; so lange sie gelebt hat, haben die Hasen ihr gehört!

Strix setzt von ihrem Zweig aus den Spürhunden nach ...

Sie streicht lautlos über ihnen und wirft sich mit einem Brausen dicht vor der Nase des ersten nieder. Im Vorüberflug gibt sie ihm einen Fang, der sein rechtes Nasenloch unheimlich klaffen macht. Der Hund stößt ein durchdringendes Geheul aus ...

Dann bei einer Wegbiegung, packt Strix den Hasen.

Sie ist schon dabei, ihn zu verzehren, als zwei große Spürhunde nahen. Mit dem dicken Ende des Flügelknochens versetzt sie dem eifrigsten einen Schlag gegen die Nase und zerfetzt mit den Fängen das Ohr des andern.

Nach einer Weile erscheint einer von den Jägern.

Er ist wie gelähmt, als er aus der Ferne die Hunde geifernd um einen großen Vogel sitzen sieht -- und er bleibt schleunigst stehen und macht sich schußbereit.

Er will dir den Raub wegnehmen, denkt Strix ... na, versuch' es nur mal!

Da entsendet der Jäger ein Brüllen in den Wald hinaus, sein Atem geht von ihm aus wie ein heißer Kampfesodem, und mit unsichtbaren Fängen zerrt er an ihrer Haut.

Das war unergründlich geheimnisvoll, und davor entfloh sie!

Aber nun hatte Strix genug -- seit dieser Zeit hielt sie sich den Menschen fern.

Der große Uhu kann sich nicht mit der Kultur abfinden.

Es gab einige Tiere, die sich nach ihr einstellen konnten. Füchse und Dachse zum Beispiel, Marder und Wiesel, die konnten sowohl in der zahmen Natur wie in der Wildnis gedeihen. Und da waren andere, die den wilden unangebauten Gegenden ganz entsagen konnten, die Vorteil zogen aus der stark um sich greifenden Urbarmachung und ihr Leben danach einrichteten. Da waren Rebhuhn, Hase, Reh, Krähe und Elster; die wuchsen förmlich aus dem Boden, wo die Axt rodete und wohin der Pflug kam. Sie aber, Strix Bubo, konnte sich auf keinen Vergleich mit dem Neuen einlassen. Alles das, was aufräumte und licht machte, war ihr ein Greuel; es tötete die Lebensfreude in ihr ... es hatte sie, so lange sie denken konnte, ununterbrochen in die Flucht getrieben.

Aus ihrer Einöde in den Hochwäldern um die Tiefe der Föhrde wird sie nun weiter und weiter hinausgedrängt, dem Waldessaum zu, bis sie schließlich wegfliegen muß -- hinweg über die Menschennester, hinweg über das Land jenseits der Menschennester, hinaus nach einem sonderbaren, ausgestorbenen Walde, der einsam und fern zwischen Sümpfen und Heidemooren liegt.

In einer wilden Hügelschlucht -- _Teufelshöhle_ genannt -- vor einem öden, düstern Waldsee findet sie endlich in dem verfaulten Stamm einer alten, leeren Buche eine neue Freistatt, ein Heim, das ihr uraltes Sehnen nach einer Bergschlucht erfüllt.

Sie haßt Stimmengekrächz, sie haßt Hundegekläff -- und Axthiebe und Sägezahnbisse können sie um Sinn und Verstand bringen. Sie sollte nur niederstoßen auf diese Friedensstörer, auf diese großen Ratten, die selbst hier im entlegenen Walde, wenn auch nur von Zeit zu Zeit, herumhuschen.

Aber sie mag nicht mehr; auf alle Fälle nicht am Tage -- und des Nachts geschieht es nie, daß diese Mitgeschöpfe sich bemerkbar machen. Dann heult nur der Wind, und der Wald summt seine alten Melodien; sie kann ungestört jagen, ungestört kröpfen, nach allen den bekannten Wiesen und Lichtungen fliegen und vernünftige Spaziergänge in aller Ruh rings umher auf dem Waldboden unternehmen.

Die Finsternis ist ihr Reich, und die Finsternis kehrt wieder nach dem Lärm des Tages, kehrt immer, immer wieder ...

Nur diese Tatsache hält sie beständig fest, sonst wäre sie Uf längst nachgeflogen -- über alle Berge!

6. Winterleben im entlegenen Walde

Dahin sind die hellen Tage des Sommers mit goldener Sonne über reifendem Korn! Die Wälder sind verwelkt, das Laub ist abgefallen -- alle die bunten Farben des Herbstes liegen bleich und zermürbt um die Wurzeln der Bäume. Nur das Moos schimmert, und die Beeren an der Eberesche sind hellwach!

Klare, kühle Morgen mit dünnem Eise und Nachtreif sind dunklem, regnerischem Tagesgrauen gewichen. Der Novembernebel hat schwer und drückend über einsamer Heide und steifen Wäldern gelegen und die Säfte des Lebens zur Ruhe gebracht. Jetzt hat sich der Winter gemeldet, jetzt ist der Frost gekommen!

Überall liegt Schnee.

In dem fernen Walde ist die Schlucht zwischen den hohen, steilen Hügeln, wo Strix jetzt wohnt, ein Wirrwarr von Faulbaum und Erle, von Birke und Geißblatt -- und unter den ineinander gefilzten Zweigen fließen -- schwarz und kalt -- die grundquellreichen Wasser des öden Waldsees. Hier ist das Märchenland, von dem der Mensch fabelt!

Es schäumt da drinnen. Aus dem blanken, sturmblauen Osthimmel tritt der weiße Wintermond hervor, rund und klar. Im Westen glüht es. Der Horizont brennt mit hagebuttenrotem, goldgelb flammendem Schein ...

Strix ist noch nicht aus ihrem Tagschlummer auf dem Grunde ihres hohlen Baumes erwacht. Aber Taa, der Marder -- ihr alter Erbfeind und schlimmster Nebenbuhler, der sich wie sie aus dem Hochwald hat zurückziehen müssen -- ist schon auf Jagd aus.

Ihnen beiden ist es eine Zeitlang kümmerlich ergangen! In den dunklen Dezembernächten, während strömender, eiskalter Regen mit Sturmesgewalt über den Wald herabgeschleudert wurde und ihn durchnäßte und schwer zugänglich machte, hat sich alles Lebende unter Dach gehalten. Da haben sich die fleisch- und pflanzenfressenden Tiere in Kriegszustand befunden -- und Strix und der Marder haben bittern Hunger gelitten.

Jetzt, wo der Schnee dicht über Heide und Moor liegt, halten sie sich schadlos -- und ihre scharfen Augen entdecken jetzt doppelt sicher den Raub, dessen sie bedürfen.

Zum Überfluß ist der Winter ungewöhnlich mildtätig gegen sie gewesen: er hat ihnen -- als Neues vom Jahr -- einen großen Zug Eichhörnchen gebracht. Anfangs gab es fast überall im Walde Eichhörnchen; die behenden Tierchen haben alle Löcher in den hohlen Bäumen mit Beschlag belegt, haben die Tannen und die leeren Krähennester ausgefüllt. Strix pflegt jede Nacht ein halbes Dutzend zu bewältigen. Da aber auch der Fuchs auf Raub ausgeht, und der Marder ganz einfach die Forderung stellt, in Eichhörnchen schwelgen zu können fangen die leckern Tiere schon an, auf die Neige zu gehen.

Der grausame Taa ist noch grausamer geworden! Die Härte des Winters macht sich auch in ihm geltend, und er muß fortwährend etwas Warmes in den Leib bekommen. Drinnen im Märchenland, auf einer Lichtung, nicht weit von dem Baum des großen Uhus, hat er früh am Abend das Glück, ein Eichhörnchen zu überraschen.

Das Eichhörnchen ist noch spät draußen. Es sitzt in dem Wipfel einer kleinen, allein stehenden Tanne und pickt an einem samengespickten Tannenzapfen.

Es ist unvorsichtig von dem Eichhörnchen, seine Abendmahlzeit so spät einzunehmen und so weit entfernt von dem schirmenden Versteck; daher hat Taa auch sofort seinen Schlachtplan fertig: auf dem Erdboden wird er dem kleinen Springer überlegen sein, das weiß er!

Vorsichtig schleicht er sich unter die Tanne -- und Ritsch, Ratsch -- steigt er in die Höhe. Das Eichhörnchen läßt schleunigst die tannennadelbehafteten Pfoten von den Schuppen des Zapfens und stürzt auf den nächsten langen federnden Tannenzweig hinaus. Als es das Ende des Zweiges erreicht hat, benutzt es ihn als Schwungbrett und läßt sich mitten in die Lichtung hinabschleudern. Mit raschen Sprüngen eilt es dahin über den Schnee ...

Der Marder setzt dem Flüchtling nach. In wilden Rückenbiegungen und Streckungen nimmt er in Sprüngen von anderthalb Metern die Lichtung. Er gleicht einem Flitzbogen, der ununterbrochen bald stramm gezogen, bald schlaff gemacht wird. Aber Taa ist im Nachteil durch seines behenden Gegners lange, geschickte Luftsprünge; er kommt seiner Beute nicht nahe, ehe sie zwischen den Baumstämmen angelangt ist.

Das Eichhörnchen saust in die Höhe -- und Taa ihr nach; und dann geht es durch eine Baumkrone nach der andern, so daß der Schnee in großen Klumpen herabfällt. Das Eichhörnchen bedient sich aller Kniffe; es führt den Marder auf Abwege, auf verfaulte Zweige hinaus, von dem obersten Wipfelzweig stürzt er sich mutig herab, und ist dann im nächsten Augenblick wieder oben in der äußersten Spitze eines Baumwipfels.

Die schneebedeckte Erde schimmert grünlich-weiß im Mondlicht ... unheimlich dunkel klemmt sich der Hochwald zusammen, um die beiden fliegenden Tiere, und schwarze Dickichte unter ihnen liegen da und rollen sich gleichsam im Schnee. Der Kronenwölbung Gewirr aus Zweigen und Ästen zeichnet ein Gewebe, ein Netz gegen den hellgedämpften Himmel, aus dem die Sterne wie ferne Katzenaugen hervorfunkeln.

Plötzlich hat das Eichhörnchen Unglück. Da, wo es sich hat herunterplumpsen lassen, hat sich der Schnee in einer großen Schanze angesammelt; es sinkt auf den Grund und wird in den losen, weichen Flocken begraben.

Gleich einer roten Rakete, beleuchtet von den flimmernden Mondstrahlen, streicht der Marder durch die Luft, seiner Beute nach und hakt sich in sie hinein, ehe sich das Eichhörnchen von dem Schnee zu befreien vermag. Er schüttelt den kleinen tüchtigen Akrobaten, bis der sein Leben aufgibt -- und springt dann weiter, mit seinem Leckerbissen im Fange.

In der alten, hohlen Buche ist Strix erwacht und erscheint mit blinzelnden Lichtern in ihrer Tür.

Sie sitzt da und schielt ... hinauf zu dem Mond und zu den Sternen, und hinab auf ihre eigenen schweißbefleckten Fänge!

Ihr Blick hat einen harten und strengen Ausdruck bekommen. Die Einsamkeit quält sie, und sie kann nicht vergessen ... Der Groll und die Bitterkeit nach den vielen Unglücksfällen ihres Lebens nagt noch immer an ihrem Innern.

Gelegentlich, wenn es sich so trifft: wenn sie Menschen reden oder Axthiebe fallen hört oder wenn sie die dumpfen Sprünge ihres alten Feindes Taa vernimmt, flammt es in ihr auf -- und dann wird sie grausam und rachedürstig.

Lautlos still, aber bitter kalt ist die Nacht ...

Eine spröde, glitzernde, gleichsam mit Nadeln angefüllte Frostluft fächelt ihr um den Bart; sie hört die Baumstämme stöhnen unter dem Joch des Frostes und die rieselnden Wellen des Waldsees gegen das Eis ankämpfen.

Hell wie am Tage breitet sich der Wald unter ihr aus und legt sich nackt hin, selbst ganz unter den dicht verzweigten Buchen, wo die ausgehungerten Mäuse hausen. Ganz deutlich sieht sie jedes Getier, das sich hervorwagt. Es ist Fangwetter, wenn die Erde ihr Wintergewand angelegt hat, und der Vollmond hoch am Himmel steht.

Gleich einer Riesenfledermaus wirft sie sich aus ihrem Loch heraus und verschwindet mit einem Geheul zwischen den Zweigwolken, um auf Raub auszugehen.

Eine Strecke vor ihr, drinnen im Walde, hüpft Taa mit seinem kleinen Akrobaten. Er hat schon ein wenig in sich hineingesogen und einzelne Bissen von dem Braten herausgerissen, aber er hat noch nicht den ganzen Akrobaten verschlungen. Er, der Marder, weiß sehr wohl, es ist eine Eigentümlichkeit jedes Bratens, der munden soll, daß man sich damit erst abseits in die Büsche schlagen und einen Ort finden muß, wo man verborgen sitzen kann, während man das Mahl verzehrt.

Da, auf dem Wege dorthin fällt er über einen Steig aus tiefen, groben Spuren, eine warme, frische Fährte steigt ihm in die Nase -- und plötzlich sieht er vor sich etwas wie einen trocknen Tannenstumpf aus dem Schnee aufragen. Auf einmal steigt ein großer, brauner Kopf in die Höhe und ein Paar lange Lauscher schlagen die Schneeschollen weg, als schlügen sie nach Mücken. Es ist ein Rottier, das warm in seinem weißen Winterbett sitzt! Taa ist doch ein klein wenig bestürzt, namentlich, als er nach einigen weiteren Sprüngen dem Kalb des Rottieres von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht ... es ist dicht bereift über den ganzen Rücken.

Da ertönt plötzlich ein häßliches, wahnsinniges Getute. Es wird von einem durchdringenden, langgezogenen Geheul eingeleitet, dann folgt ein heiseres, abschreckendes Lachen, und endlich ein Schrei, der durch Mark und Bein geht.

Das Rottier fährt zusammen -- und krasselt mit dem Kalbe in wilder Flucht davon, auf die nächste Dickung zu. Der Marder aber verliert die Besinnung, statt sich in das Lager des Rottiers zurückzuziehen, sich mit seinem Raube einzugraben und im Schnee zu verschwinden, weiß er im Augenblick nichts besseres zu tun, als das Eichhörnchen in den Fang zu nehmen und dem Wild zu folgen.

Strix jedoch jagt ebensosehr dem Gehör wie dem Gesicht folgend! Jeder Laut, den sie vernimmt, meldet ihr eine Möglichkeit; lautlos setzt sie ihm nach, ungeahnt taucht sie auf, das große, gefiederte Gespenst!

Längst haben ihre Ohren das Geräusch des fliehenden Rotwildes aufgefangen -- sie beschleunigt den Flug der Wollschwingen und richtet die Marterfänge ... da erblickt sie Taa mit etwas im Fange!

Sie erinnert sich seiner deutlich von jenem Sommermorgen, wo er eingeklemmt in den zusammengepreßten Fängen ihrer Jungen saß; er war der Erste, der versuchte, ihr ihre Brut zu rauben -- und auch er hatte sie angeführt.

Strix verschlingt ihn mit den Augen von dem abgenagten Stummel seiner Rute bis zu seinen breiten Sohlen; schon glaubt sie, daß die rote Waldkatze ihr gehört ...

Da spielt der Schattenvogel, den der Mond vor ihr auf den Schnee zeichnet, Strix einen niederträchtigen Streich -- der Marder wird in der letzten Sekunde gewarnt! Im Augenblick wo sie niederstoßen will, drückt er sich plötzlich an den Boden, so daß die Eule über ihn hinfährt und nur das kleine verendete Eichhörnchen in den Klauen hält.

Wie sich ein Maulwurf in einem Nu in die Erde birgt, gräbt sich Taa bis auf den Grund in die weißen Kristalle hinein, Strix schlägt um sich, aber vergebens -- die geschmeidige Marderkatze bringt sich in Sicherheit.

Da muß Strix sich zufrieden geben; mit ihrem geraubten Fraß fliegt sie auf einen Zweig hinauf und kröpft ...

Sie verschlingt das Eichhörnchen, kröpft seine Fahne, seine Zähne, seine Klauen; dergleichen grobkörniger Zusatz befördert die Verdauung so angenehm!

Aber _ein_ Eichhörnchen ist zu wenig für einen Verbraucher wie Strix. Sie muß versuchen, sich mehr zu erlauschen, zu erlauern oder zu erjagen -- und sie streicht, einer großen Flocke gleich, durch die Kellertiefe des Tannenwaldes und gleitet weiter wie ein Schatten durch den Hochwald. Sie untersucht die Wipfel -- sollte da nicht eine Taube sitzen? Sie versenkt sich in die Dickungen --: sollte sich nicht eine Amsel dort verborgen haben? Die lähmende Angst folgt ihr; daß man sie nicht hört, sie nicht sieht, ehe sie auftaucht, darin besteht Ihre Zaubermacht.

Schon breiten sich blaßgelbe Nebel im Osten aus. Die graue Dunkelheit wird zu blauem Himmel, und schwarze Wolkenschichten erhalten Glorienglanz. Die gelbe Sonne ist auf dem Wege aufwärts, bald wird sie auf ihrem kurzen Tageszuge rings um den Wald wieder sichtbar werden. Ein paar rote Dompfaffhähne zwischen einem Gewirr reifgeschmückter Birkenzweige scheinen Strix grell in die Augen, und jetzt endlich sieht sie, wonach sie die ganze Nacht gesucht hat --: ein Eichhörnchen schlüpft vor ihr her, einen Zweig entlang.

Das Eichhörnchen ist morgenfrisch -- und Strix hat Pech mit ihrem ersten grausamen Schlag; sie schlägt von unten zu, aber sie jagt nur die Fänge in den Zweig, auf dem das Eichhörnchen saß.

In langen, krummbahnigen Sprüngen, als wäre es eine abgeschossene Kugel, saust das Eichhörnchen von einem Baumwipfel zum andern.

Mit zusammengefalteten Flügeln schleudert sich Strix hinter ihm her, sie macht jähe Wendungen rund um die große Krone herum. Sie steigt mit schnellen, aber lautlosen Flügelschlägen, gleich einem großen, braunen Fußball, und streift mit blitzschnellen Hieben den glatten Pelz des Eichhörnchens.

Haare stieben durch die Labyrinthe der Zweigwölbungen ...

Das Eichhörnchen schwebt in größter Gefahr. Trotz ihres schweren Körpers versteht es Strix meisterhaft, sich zu winden, und sie ist dem Springgesellen mehrmals so dicht auf den Fersen, daß ihr die zurückschnellenden Zweige ins Gesicht schlagen.

Aber dieser Akrobat ist nicht von gestern. Es ist ein alter, gewiegter Bursche, der schon früher im Leben Eulen im Nacken gespürt hat -- er weiß, wo er hin will, wo Hilfe zu finden ist.

Die Gebirge auf dem Mond werden schwarz ...

Immer mächtiger, immer blendender erscheint die Himmelskuppel im Osten. Schon schlecken gelbe Flammenstrahlen herauf -- und weit draußen am Horizont schlägt gleichsam ein großer Pfau sein prachtvoll bläulich gleißendes Rad. Ein Schimmer vom Tag sickert zwischen den Bäumen herab ...

Strix ist zu sehr in Anspruch genommen von ihrer Jagd; sie achtet nicht auf das Licht, das den Wald um sie her lebendig macht.

-- -- --

Auf der Leeseite des Waldes, in einem entlegenen Eschenmoor, sitzen Krähen und Dohlen auf ihren Schlafbäumen.

Strix hat in der letzten Zeit zu sehr in Eichhörnchen geschwelgt; sie hat diese leckere Neuigkeit des Jahres der alltäglichen Kost, den Aasvögeln, vorgezogen. Sonst hätten die Krähen keine so ruhige Nacht gehabt!

Wie eine Sternschnuppe sinkt das Eichhörnchen nach einem glücklich ausgeführten Riesensprung quer durch das Krähenvolk hindurch ...

Da stiebt aus den Kronen alter Eschen eine boshafte, _morgenverdrießliche_ Vogelschar auf. Mit Schreien und Flügelschlagen umwirbeln sie die Schlafbäume, kreischen wild und brechen in ein gellendes Gelächter aus.

Über den Waldwipfeln in der Ferne geht gerade die Sonne auf ...

Strix ist mitten zwischen ihnen, ehe sie sich's versieht. Sie erhaschen einen Schimmer ihrer wolligen dämmerungsfarbenen Flügel, mit denen sie zwischen den Bäumen aus und ein fliegt -- und nun stürzen sie sich über sie. Von oben, von unten, von der Seite kommen sie. Die Krähen haben etwas zu rächen. Der große nächtliche Räuber wirkt auf sie wie ein Schlag ins Gesicht, versetzt sie in Wut -- sie kennen Strix von mancher Gewalttat her!

Gleich stechsüchtigen, aus dem Hügel aufgescheuchten Wespen umsummen sie Strix. In langgestrecktem Bogen, unter spitzen, unbeholfenen Wendungen stoßen sie auf sie ein. Sie sind mutig, sie sind zahlreich: Hunderte und aber Hunderte gegen _einen_ Feind. Federn und Daunen stieben wie Laub im Herbst durch den Wald ...

Strix hat genug zu tun, um sich während der Flucht zu schützen. Mit Fauchen und Lichterblitzen, mit Flügelknochen und Fängen ist sie bemüht, sich die zudringlichen Viecher vom Leibe zu halten. Sie wagt nicht, ihre gewöhnliche Krähentaktik anzuwenden, die sie in ihrem Übermut zuvor so oft diesen Proletariern der Luft gegenüber benutzt hat. Freiwillig hat sie sich zuweilen von ihnen finden lassen und ihnen gestattet, ununterbrochen um sie zu kämpfen. Und dann plötzlich, wenn eines zu dummdreist geworden war, hat sie die Gelegenheit wahrgenommen und den Gesellen mit ihren Fängen erhascht.

Da aber sind es nur drei, vier Stück gewesen -- und jetzt sind da Hunderte und aber Hunderte!

Das leckere kleine Eichhörnchen ist vergessen; das hat sich längst geborgen und sitzt wohl verwahrt in irgendeinem Schlupfwinkel und verschnauft. Auch Strix' Gedanken drehen sich jetzt um nichts weiter als um einen hohlen Baumstamm. Das Gesindel ist hinter ihr drein, der Wald ist in Aufruhr ...

Da ist das Glück ihr hold.

Wie sie sich in wildester Flucht, verfolgt von dem Krähenschwarm, hinter einen Stamm wirft, verschwindet sie plötzlich. Ihren Verfolgern will es scheinen, als sei sie von dem Baum verschlungen. Kopfüber taumelt sie in einen tiefen Spalt hinab ...

Wo ist sie abgeblieben? schreien die Dohlen, und sie verdichten sich wie Kohlenrauch um ihr Versteck, machen einen langen Hals und starren. Ein verwegener Schelm wagt sich ganz dicht heran und guckt in das Loch hinein, fährt aber mit einem Gekreisch zurück. Hu! war das ein gräulicher Anblick! Es glüht aus dem faulen Holz heraus, wild und flammend; der Schelm hat genug gesehen, er ist am Rande einer Schlucht gewesen, die tief wie ein Abgrund war.

Dann kreischen die aufgeregten Krähen eine Stunde lang, sie schelten und schimpfen, fahren einander an die Kehle und kratzen und hauen sich gegenseitig nach den Augen, bis ein armer, räudiger, wintermatter Fuchs ihrer Wut endlich den nötigen Ablauf schafft.

-- -- --

Als eine Weile alles still gewesen ist, kommt ein großer Kopf behutsam zum Vorschein. Strix taucht auf und sieht sich lange wütend um.

Da sind Drohungen, da ist Rache in ihrem Blick!

-- -- --

Am folgenden Abend ist kein Brand im Sonnenuntergang: das Licht ist hinter Schneetüll verborgen. Ein schwerer, grauer Himmel lauert über der Erde; es schneit hin und wieder -- und die vereisten Birkenkronen klirren.

In der freien Luft über dem Walde, wo ein beißend kalter Nebel die höchsten Wipfel verschleiert, sind die Krähen im Begriff, sich zur Nacht zu versammeln. Schon aus der Ferne hört man sie in kleinen Scharen von acht bis zwanzig heranziehen ...

Sie versammeln sich heute abend früh -- und wie sie sich in schwarzpunktigen großen Schwärmen rund herum schwingen um den alten, dichten Tannenwald, der sie mit seinem Nadeldach und tausenden von Ruhezweigen anzieht, klagen sie in einem mächtigen Chor ihre Winternot.

Die Krähe gibt in der Regel einem kahlen Schlafast den Vorzug. Sie will am liebsten in der Esche des Moores oder in der alten Buche des Hochwaldes sitzen, um leicht aufhaken und abstreichen zu können. Aber heute abend ist das Wetter ungewöhnlich hart, und der Hunger im Bauch ist nur halb gestillt.

Kra-ah! Kra-ah! singen die schwarzen Vögel -- und es liegt etwas bedrückend Unheimliches in ihren Stimmen. Jedesmal, wenn ein neuer kleiner Schwarm von der Tagesarbeit zurückkehrt und sich den Genossen anschließt, erhält der Chor gleichsam neue Unheimlichkeitsnahrung und vermehrt seine Stärke.

Und dann schwindet das Licht -- --

Die rund herum segelnden großen Schwärme schweben näher und näher den emporragenden Wipfeln zu, lösen sich plötzlich auf und kuscheln sich in die Nadeltiefe ein. Es ist ein Wohlsein, eine namenlose Erquickung, den Körper unter den warmen Kissen zu bergen. -- -- --

Aber unten, ganz nahe am Stamm, auf dem knorrigsten Ast thront Strix.

Sie sitzt da und heuchelt einen Knorren.