Strix: Die Geschichte eines Uhus
Chapter 3
Jetzt sieht sie die Welt in ihrer Beleuchtung, so wie sie sie schon als ganz kleine Eule gekannt hat! Des Tages blendet sie sie oft häßlich -- da hat sie einen dreidoppelten Farbenbelag -- und es kann vorkommen, daß sie Sonnenstich und Farbenkolik bekommt, so daß sie sich verirrt, wenn sie in ihr Nestloch hineinfliegen will.
Des Nachts dahingegen irrt sie nie in bezug auf irgendeinen Zweig! Sie sieht das Spiel in den Augen der Mäuse, sie sieht die Kröte, wenn sie über den Weg kriecht, sieht die Schnecke und den Wurm, wenn sie sich durch das Gras schleichen, sie sieht den Tanz aller Nachtfalter! Sie sieht deutlich die Mücke, die die Fledermaus fängt. -- In der Nacht beherrscht sie alles!
Vor ihr breitet sich die Erde baumlos und offen aus, mit Feldern und Wiesen, Moorstrecken und Heideflächen. Der Tau spielt über Gras und Kräutern, rollt an Stengeln und Halmen herab, und legt sich in Haufen auf die Blumen.
Es strahlt und schimmert da draußen! Aber das Grün ist nicht scharf wie am Tage und das Weiß und das Rot empfindet man nicht wie Wind im Auge ... die Farben der Nacht sind alle so zart und milde!
Nun beginnt das Leben auf den geheimnisvollen Wechseln. Das welke Laub der Waldwege bibbert und bebt, ein vereinzelter, dürrer Zweig wiegt sich auf und nieder. Da unten wandern die Mäuse! Eine Ricke mit ihren Kitzen kommt ganz oben zum Vorschein; sie stehen lange und winden -- setzen dann in ein paar Sprüngen über den Waldrain hinweg. Der Fuchs maust am Gehege entlang und äugt verstohlen nach den Rehkitzen; das hinterste, findet Reinecke, ist ein etwas ausgelassener, kleiner Kerl!
Aber es sind alles Wanderer, die andere Pfade geschritten und durch andere Tunnel gegangen sind, als den, welchen Strix bewacht.
Da hört sie Blätter krachen, Zweige knacken ... auf dem Wechsel unter ihr ist jemand. Tripp, trapp! Tripp, trapp! das ist ein Hase ...
Hasen waren in früheren Zeiten ihre tägliche Speise; damals, als der Wald noch Hasen genug hatte, verbrauchte sie ein paar Hundert im Jahr; jetzt muß sie sich mit bedeutend weniger begnügen und Jungfüchse und Dachswelfen zur Aushilfe nehmen.
Der Hase macht auf dem Wechsel dicht vor dem Tunnel Halt.
Er setzt sich und lauscht -- er hebt sich ganz auf die Hinterläufe ... die Augen stehen ihm starr im Kopf, während der Windfang mit der tiefen Hasenscharte in der Lippe sich fortwährend rund herum bewegt. Strix kann mittels des Gehörs ihren kleinen Lampe auf der ganzen Reise verfolgen! Sie hört, wie er aus seiner aufgerichteten, kundschaftenden Stellung die spitzen Vorderläufe wieder an die Erde setzt, hört seine kräftigen Lungen arbeiten, seine Nüstern sich blähen -- o, wonniger Laut! -- hört seinen Magen schreien und die Gedärme vor Hunger rummeln. Da weiß sie, daß sie nicht vergeblich gelauert haben wird.
Und dann geht es, wie es gehen soll!
Der Hase hoppelt sorglos und sicher durch den ersten Schlehentunnel -- und sorglos und sicher kommt er heraus; er will weiter über den Waldrain in seinem Tripp, Trapp-Gehüpfe, als sich plötzlich etwas wie eine schwarze, warme Wolke auf ihn senkt. Ungeahnt taucht Strix aus der Finsternis auf; auf ihren Wollflügeln kommt sie -- von hinten.
Sie kommt mit dem lähmenden Schrecken, der die Folge jeglicher Überrumpelung ist, und wird erst sichtbar, als sie sich in greifbarer Entfernung von ihrer Beute befindet.
Der Hase wird in beiden Flanken gepackt, und so gewaltsam ist das Hineinhauen, daß die Fänge der Eule sich in der Brust begegnen. Er stößt einen Schrei aus, im nächsten Augenblick sitzt ihm etwas wie ein Krummesser im Nacken; der Hase hat noch so eben Zeit zu dem Gedanken: So, da bist du offenbar auf die Dornen gelaufen! dann weiß er von nichts mehr, er zappelt mit den Hinterläufen und streckt die Drossel ... die gelben Lichter starren steif in den Raum hinein.
Strix geht in der Dunkelheit der Nacht mit gesenktem Kopf, mit krummem Buckel und gesenkten Flügeln auf ihr Opfer zu, und sie walzt vor Äsungslust um den armen Hasen herum. Dann pflanzt sie die kreuzförmigen Fänge auf ihn, knappt mit dem Schnabel und öffnet ihren mächtigen Schlund. Sie zerschneidet Brustbein und Knochen ... es kracht und knackt in dem Hasenleib; große Stücke gleiten mit Haut und Haar hinab, während lebenswarmes Blut ihre Schwungfedern befleckt und sich in ihren Schnabelwinkeln und in den gelben Fängen festsetzt.
Sie ist ganz satt -- -- aber noch steht ihr der größte Genuß bevor. Sie fliegt auf ihren Ast hinauf und sitzt da und starrt und sieht auf den toten Hasen hinab, als wolle sie ihn noch einmal mit Grauen erfüllen. Stundenlang kann sie so sitzen, und wie ein Geizhals unverwandt und grübelnd auf ihren Überfluß hinabstarren -- bis sie dem herzzerreißenden Geheul ihres alten Gatten, der nach Nahrung schreit, nicht länger widerstehen kann.
Da ruft sie ihn -- und wollüstig schlingt Uf die blutigen Überbleibsel herunter.
-- -- --
Nacht aus, Nacht ein erlegt Strix die Nahrung für sich und Uf an dieser alten Fangstätte. Dann, eines schönen Abends, versiegt plötzlich der Zulauf. Die Stelle ist abgefangen, Strix hat alles erlegt, was auf dieser Seite des Waldes herausgeht.
Da muß sie eine neue Taktik versuchen -- oder sich auf lange Zeit anderswohin begeben.
Es ist mondhell! Blaßgrün scheint die Strahlenfülle der Himmelslaterne auf den Wald hinab. Ein alter, abgestorbener Gespensterbaum auf einem Werder draußen im Moor tastet mit seinen eingeschrumpften Zweigen flehend zum Himmel empor, er versinkt wie im Wasser -- der Rest des Murrkopfes ist im Nebel verborgen. Die schlanke Weißbirke tritt als Elfe aus dem Nebelgebräu der Moorhexe hervor und umspringt tanzend den Baum.
Ein Mensch würde das Bild so sehen -- -- und er würde sein Herz klopfen fühlen unter dem Druck seiner Phantasie; er würde sich erdrückt fühlen von der Mystik des Waldes, von der eigenartigen Beleuchtung der einsamen Umgebung.
Aber Strix hat keine Phantasie, mit der sie zu kämpfen braucht; für sie ist der Wald zu nächtlicher Zeit eine Freistätte, ein Heim; sie ist vertraut mit jedem Bilde, mit jedem Laut -- und verkrüppelte, rindenlose Aststücke oder verschleierte Birken haben, trotz der Gaukelkünste des Nebels, keine Zauberkraft, kein Leben für sie.
Bald wird der Mond gelb; er ist seinem Untergang nahe! Grau, aber mit einer Ahnung von Rot und Klarheit, hängt die Dämmerung schon über dem östlichen Horizont. Es murrt da unten, es wimmelt von Licht unter der dunkeln Decke, wie es unter einem Waldboden von Mäusen wimmelt.
Da kommen die Hasen mit Müdigkeit in den Augen, mit dem Bedürfnis nach Ruhe in den matten Gliedern; geräuschlos huschen sie auf ihren Hexensteigen durch das Korn, sie wollen in den Wald hinein und sich setzen. Sorglos hüpft Lampe auf seinen weichen Ballen und mit hochgekniffenem Bauch, um nicht naß zu werden, denn der Tau spritzt hoch von dem Grase.
Strix thront auf dem Fangzweig. Sie saß dort gestern Abend und auch vorgestern Abend -- aber ohne Ergebnis; die Fangstelle ist ihr nicht freigiebig.
Die Hasen sind scheu und mißtrauisch geworden. Sie benutzen den hundertjährigen Wechsel nicht mehr; der Steig betrügt, das haben sie entdeckt -- sie schlagen andere Wege ein, die ihn weit umgehen.
Da nimmt Strix ihre Zuflucht zu der Stimme!
Sie beherrscht ein ganz ungewöhnliches Instrument! Sie kann die Stimme so tief tönen lassen wie nur ein Baß, und eine Reihe hohler, posaunenartiger Töne entsenden; aber sie kann auch in die Höhe gehen und ein scharfes, gellendes Geheul anstimmen.
Ein heimliches Schaudern, ein stilles Grauen geht durch alles Lebende des Waldes, wenn sie des Nachts ihre mächtige Stimme ertönen läßt ... die kleinen Vögel rings umher in den Nadelfestungen des Tannendickichts weichen tiefer hinein zwischen die schirmenden Zweige, der Buntspecht und das Eichhörnchen ducken sich tief in ihre Astlöcher, ja, selbst der Marder hält inne in seiner nächtlichen Jagd, wenn er die unharmonische Verkündigung seines großen Nebenbuhlers hört. Den Fall gesetzt, die Eule wäre hungrig, und nähme, was ihr in den Weg käme, da würde Taa in ihrem Rachen verschwinden wie eine Ratte!
Mit viel Mystik hat die Natur sie begabt. Ihr lichtscheues Treiben, die Farbe ihres Federkleides, ihr Bedürfnis nach Einsamkeit hat ihr seit undenklichen Zeiten das Mißtrauen der Menge zugezogen -- auch über ihrer Stimme liegt etwas, das mystisch und eigenartig wirkt.
Es steckt ein Stück Bauchredner in Strix; wenn es ihr paßt, kann sie teuflisch mit ihrer Stimme täuschen -- niemand kann danach beurteilen, wo sie sitzt. Sie kann brüllen wie ein Stier, heulen wie ein Wolf, miauen wie eine Katze oder in ein schallendes Gelächter ausbrechen wie ein wahnsinniger Mensch.
Jetzt heult es tief drinnen aus dem Walde! Es klingt schwach und fern, als kämen die Töne von weit her.
Der Hase auf dem Felde fühlt sich sicher und glücklich dabei und doch -- -- sitzt sie da, die große, rotäugige Fängerin, dicht hinter dem Waldessaum. Huu -- Huu -- Huu ... bis in die Unendlichkeit hinein kann sie so fortfahren. Die Geduld ist ihr angeboren. Eine Viertelstunde nach der andern kann sie so dasitzen und vollkommen von ihrem Hinterhalt in Anspruch genommen sein. Huu -- Huu -- Huu ... eigentümlich hohl und dumpf klingt es; wer ihr etwas anhaben will, folgt dem Klange der Stimme und glaubt, daß er sie die ganze Zeit vor sich hat, aber er geht und geht und ist ihr beständig gleich nahe.
Huj -- Huj ...! auf einmal wechselt Strix die Betonung und unerwartet nahe, so wie der Schrei jetzt klingt, bringt sie den verwirrten Hasen dazu, angsterfüllt ein Versteck zu suchen. Bald brüllt sie, als sei sie hinter ihm, bald, als hinge sie gerade über ihm; der Hase gerät von Sinnen und schlüpft schleunigst auf den alten, lieben Weg -- auf den Todesweg -- um die Sicherheit und den Wald aufzusuchen.
Da stößt sie aus der Dunkelheit heraus und herab auf das kleine Langohr, in demselben Augenblick, als es den Kamm des Walles erreicht. Aeee, klagt der Ärmste, Aeee, Aeee ... und wild und trübselig schreit der Hase sein Leben aus.
Ungerufen erscheint Uf -- -- und hinter ihm drein wimmeln alle Füchse herbei; ein Hasenschrei lockt sie, wie der Magnet Eisenteilchen anzieht. Sie kommen von weit her, wie an der Nase herbeigezogen und sitzen da und geifern, während die beiden großen Uhus in aller Ruhe ihre Mahlzeit verzehren.
Es kommt wohl vor, daß ein heißhungriger, mutiger Reinecke sich mit den Lefzen heranwagt, da rollt Strix ihr Federkleid auf, sie sträubt jede Daune und wird unheimlich groß, dann knappt sie mit dem Schnabel und zündet Feuer in den roten Lichtern an.
Hu -- u --, heult sie ... Nase weg!
Strix ist ein großer Räuber, ein mächtiger Jäger! Sie ist ein Meister in allen anwendbaren Jagdmethoden. Sie jagt ihre Beute offenkundig, verfolgt sie auf der Flucht, und streicht darüber hinweg, oben in der Luft, durch den Wald. Oder sie bedient sich des weniger anstrengenden Hinterhalt-Verfahrens, hüllt sich in den Schleier der Dunkelheit oder der Dämmerung und setzt sich vermummt als Baumstamm oder als Erderhöhung auf die Liebessteige oder die Futterplätze des Kleinwilds. Der jagende Fuchs knirscht oft mit den Zähnen vor Wut über sie; er nennt ihr Jagdverfahren, »dem Wild das Leben stehlen«. Hah! still dasitzen und lauern und aus der Luft niederschlagen auf eine arme, nichts ahnende Beute, hah! das kann jeder! höhnt der Fuchs in seiner Sprache.
Sie sind neidisch auf sie, alle, die zu Fuß jagen! Fuchs und Marder, Iltis und Dachs; sie hassen sie instinktmäßig, fürchten aber ihre Fänge.
4. Das neue Gelege
Dicht fallen die Blätter im Herbst ...
Dichter noch, als der Oktober herannaht ...
Überall in den Wäldern wird es welk und kahl!
Und dann im November folgten die vermoderten Zweige, und das Regenwasser trieb in Strömen an den Stämmen herab. Die letzten Motten und Nachtschwärmer ertranken und lagen mit ihren nankinggelben Flügeln auf dem Waldboden und trieben auf den Wasserlachen.
Der Dezember kam -- und der Schnee!
Dann brütete der Winter über dem Lande --
Jetzt haben die Märzstürme getobt und die Aprilschauer gespült -- Hagelwolken haben mit Sonne am Himmel gewechselt, die Schnepfe ist hier gewesen, die Anemonen stehen in Blüte:
Es ist Frühling und die Hochwälder strahlen von Mai!
Strix und Uf haben wieder den Horst voll Junger: sie liegen versteckt unter einer kleinen Tanne an einem Hügelabhang.
Uf hat die Stelle als Kinderwärterin noch nicht angetreten. Die Jungen, die vor kaum vierzehn Tagen aus dem Ei gefallen sind, werden vorläufig von Strix betreut und liegen wie lebendige Eidotter zitternd unter ihr. Sie ist so zärtlich mit diesen Jungen, zärtlicher als sie je mit ihren früheren Jungen gewesen ist -- und sie bewacht sie mit nie ermüdender Fürsorge.
Keines Habichts gellende Paarungsfanfare, keines noch so starken Fuchsrüden heftiges Bellen duldet sie innerhalb ihres Bereichs. Und die Menschen -- die bekommen nur schwer Erlaubnis, den Wald zu betreten!
Eines Morgens jagt sie einem biederen Bauersmann einen gehörigen Schrecken ein ...
Er kommt in seinem Einspänner gefahren, um das Holz zu holen, das er im Walde gekauft hat. Während er gemütlich dahinzuckelt, sieht er plötzlich einen braunen Vogel aus dem Dickicht brausen, durch das der schmalspurige Weg führt. Der Vogel ist groß, und er setzt sich ohne weiteres auf das Pferd und fängt an, ihm gewaltig um Maul und Ohren zu schlagen. Das Pferd macht Kehrt und geht durch; und der Bauer hat seine liebe Mühe, es wieder zu bändigen, denn fortwährend streicht ein schwarzer, unheilverkündender Schatten über das Fuhrwerk hin und heult so bestialisch wie der Teufel in eigener Person.
Und noch schlimmer wird es, als die Jungen erst Form annehmen, als die Daunen aus ihren weißspieligen Federposen herausquellen und sie anfangen, die nackten Hälse zu drehen. Jetzt hat Uf seine Arbeit als Wärmflasche angetreten, so daß Strix mehr Zeit zur Verfügung hat.
Sie ist auf dem besten Wege, eine Fabel für die ganze Umgegend zu werden. Sie fängt wie gewöhnlich ... holt Ratten aus den Dörfern und Rebhühner von den Feldern, aber es macht ihr immer mehr Mühe, Futter für ihre heißhungrigen Jungen und ihren nicht minder heißhungrigen, alten Gatten zu schaffen. Ihr großes Bereich ist in den letzten Jahren merklich magerer geworden; der Hasen und Birkhühner sind weniger -- nur die Menschen haben zugenommen.
Dafür hat sich hier und da einer von den bunten Vögeln mit den langen Stößen von den Gütern drüben auf der andern Seite der Förde gezeigt -- und eines Morgens taucht ein neuer, großer Auerhahn auf.
Es dämmert am Horizont ... schüchtern schlägt der Zaunkönig seinen ersten, schmetternden Triller, dann hält er inne -- er ist zu früh aufgestanden!
Ein Birkhahn kullert ein vereinzeltes Mal draußen am Waldessaum -- und alles wird wieder still wie zuvor. Nur die Morgenbrise seufzt und stöhnt in den Baumwipfeln ...
Da setzt ein Auerhahn mit seinem scharfen Tju-it ein!
Strix sträubt die Hörner.
War das ein Traum, der Lenzruf des großen Hahns? Sie sieht diesen großen Vogel ja sonst nie.
Von neuem ertönt der durchdringende Ruf, es ist kein Schrei und kein Flöten, und doch schallt es weit durch den Wald.
Strix verläßt den Horst und fliegt davon, der Richtung folgend.
Bald ertönt der Kampfruf eines andern Auerhahns -- und nun kämpfen die beiden großen Hähne gleichzeitig mit einem Schwall von Kraft.
Sie hört vor sich Flügel schlagen und krachen. Ausgebreitete Federfahnen in breiten Flügeln hauen mit donnerähnlichem Getöse gegeneinander. Sie ist früher in solchen Augenblicken ein erfolgreicher Jäger gewesen und hat sich der Kämpfenden Mangel an Aufmerksamkeit zu Nutzen gemacht -- lautlos schaukelt sie über dem Walplatz ...
Es ist noch dunkel in der Kronenwölbung und dunkel ist es auf dem Erdboden. Von weit her aus der Heide vernimmt sie das Trillern der Lerche und das dumpfe Trommeln der Birkhähne. Hier drinnen bullern rucksende Holztauben auf: Ku-kuu, ku-kuu!
Sie fliegt in eine Tanne hinein und setzt sich zusammengekauert hin, mit gesträubten Hörnern und funkelnden Lichtern.
Das frische Balzspiel beginnt von neuem ... tief und klangvoll tönt es aus der Kehle und rollt in den dämmernden Morgen hinaus. Längst hat sie den Vogel entdeckt. Ihr scharfer Blick erkennt deutlich den Glanz seiner Federn und das rote Ebereschenbüschel über jedem Auge. Mit stolzer Haltung, mit gefächertem Stoß und gekrümmtem Hals stolziert der schwarze Hahn auf seiner kleinen Lichtung umher; um seinen Nebenbuhler zu übertrumpfen, ist er nahe daran zu platzen. Auf einmal macht er einen mächtigen Sprung, und indem er die Flügel krachend vor der Brust zusammenknallt, stößt er gerade unter Strix nieder und stimmt einen Schlußgesang an, noch feuriger, als bisher.
Jetzt kann sie nicht mehr an sich halten; als sei sie ein neuer Hahn, geht sie auf das Balzen ein.
Mit gesträubten Halsfedern, mit schleifenden Flügeln, den Stoß gespreizt wie ein Rad, fährt der Auerhahn auf ihn ein. Er knappt mit dem Schnabel. Seine dicke, feuerrote Augenhaut schwillt und die Augen glühen vor Wut.
Da entdeckt er seinen Irrtum -- Strix läßt auch ihre Fanfaren ertönen! Er hätte sich verteidigen sollen, der schwarze Puter! Er hätte es wohl gekonnt! Er ist eben so groß wie der Uhu und hat Hiebkraft in seinem Schnabel und Kratzgewalt in seinen Krallen, aber Strix' Heulen ist nicht auf _seinen_ Kammerton gestimmt -- der Auerhahn ist gleich bereit zur Flucht.
Strix fährt ihm indessen an die Kehle, ehe er Kehrt gemacht hat -- und wie ein Federbündel rollen sie am Erdboden herum.
-- -- --
Strix machte reiche Beute an diesem Morgen!
Aber sie war nicht imstande, den Hahn nach Hause zu schleppen; sie muß sich damit begnügen, große Stücke Brust zur Zeit zu nehmen.
Uf schwelgte und schmatzte mit der Zunge ...
Strix hätte sich ruhig verhalten sollen!
Sie hätte nicht auf den Bauer einfahren und auf die alten, friedlichen Weiber, die Reisig im Walde sammelten -- als dergleichen wird ruchbar und kommt schnell einem kleinen, unternehmenden Waldhüter, _Pist Lak_ zu Ohren. Als dann der Waldhüter eines Nachmittags draußen in den Tannen auf den seiner Brust beraubten großen Auerhahn stößt -- ausgesetztes Wild, womit die Menschen sich bemühen, die Verheerungen wieder gut zu machen, die sie unter der Fauna des Landes anrichten -- da wird es ihm nicht schwer, zusammenzuzählen und auszurechnen.
Er läßt »Vogel«, den großen Agenten benachrichtigen, dessen kleiner Unteragent er, Pist Lak, sein Lebelang gewesen ist -- und sobald der Leuchtturmwärter wieder einen freien Tag hat, macht er sich auf die Wanderschaft. In diesem Jahre will er Junge haben, und zwar am liebsten lebende. Er hat Bestellung auf so viele junge Uhus, wie er nur beschaffen kann, für Tiergruppen ringsumher in sogenannten »Zoologischen Gartenanlagen«, diesen modernen Naturparks, die reiche Leute zur Zerstreuung und Belehrung auf ihren Landsitzen einrichten lassen. Mindestens fünfzig Kronen sind dabei zu verdienen, d.h. Pist Lak soll ja zehn davon ab haben; aber die kann er ihm ja vorläufig schuldig bleiben!
An dem Tage nach Feierabend, wo »Vogel« und Pist Lak -- wohl ausgerüstet zu ihrem gefahrvollen Unternehmen, mit Pferdedecken und ein paar langen Stäben -- ausgezogen sind, um den Eulenhorst zu suchen und ihn auch _finden_, fügt es sich so, daß die beiden Alten abwesend sind. Strix besorgt die ihr obliegenden Geschäfte; sie ist auf Raub aus -- die Jungen, die jetzt fast flügge sind, belegen ihre Arbeitskraft voll mit Beschlag.
Uf dahingegen ...
Uf ist wohl niemals ein wirklich zärtlicher Vater seinen Kindern gegenüber gewesen, mag es nun sein, weil er alt ist, und es ihm an Körper- wie Herzenswärme gebricht, oder weil er seine unwirksame Kinderwärterinstellung satt hat. Ihm liegt es ja ob, die Kleinen zu füttern, den Marder fernzuhalten und sie von den großen, häßlichen Zecken zu befreien, die sich gern an ihren Augen festsaugen wollen. In diesem Jahr ist er aber auffallend nachlässig gewesen, hat seine Pflichten auf die leichte Achsel genommen und sich nicht gescheut, in seiner Gier und Eigenliebe, häufiger als sonst, den Löwenanteil des zugetragenen Fraßes an sich zu raffen.
Strix liebt ja Mäuse -- und die Jungen sind natürlich ganz wild auf diesen Leckerbissen! Deswegen hat Strix dafür gesorgt, daß sie so viele Mäuse bekommen haben, wie sie nur in sich hineinpfropfen konnten. Sie haben Mäuse als Morgenimbiß, Mäuse als Mittagessen und Mäuse zur Abendmahlzeit bekommen -- Strix hat nicht begreifen können, daß nicht die Kleinen der Mäuse längst überdrüssig geworden sind, so wie das der Fall zu sein pflegte, wenn sie zuviel von anderem Raub bekamen. Da entdeckt sie eines schönen Nachts, daß Uf, wenn sie fortflog, alle Mäuse verzehrte. Das wäre allenfalls noch gegangen!
Aber neulich Nachts, nachdem längere Zeit Schmalhans geherrscht hatte, überrascht sie ihn dabei, wie er einem seiner eigenen Kinder gegenüber die rauhe Seite herauskehrt. Ja, es konnte kein Zweifel darüber herrschen -- er wollte das Junge _kröpfen_!
Da fuhr sie auf ihn los! Er wurde gerüttelt und verprügelt. Es sang in seinem alten, mürben Gerippe -- und wo Strix' Flügelknochen hintrafen, entstanden blutunterlaufene Flecke.
Als wollte er vortäuschen, daß er bei seiner schwarzen Missetat einen Augenblick des Verstandes beraubt gewesen sein müsse, starrte er sie mit einem erstaunten, halb blödsinnigen Ausdruck in den alten, listigen Augen an, aber Strix brachte ihn schnell auf andre Gedanken; er bekam noch eine Tracht Prügel, so daß er unter der gewaltsamen Behandlung seiner handfesten Eheliebsten ganz fürchterlich jammerte und klagte.
Hinterher stellte er sich sehr zerknirscht und voller Reue und machte sich ganz klein und fuchsschwänzlerisch, während er um ihre Verzeihung bettelte. Aber es half alles nichts -- er wurde aus dem Horst verwiesen und hat sich seither selbst seine Nahrung suchen müssen.
-- -- --
Pist Lak und »Vogel« wird es doch nicht so ganz leicht, die Jungen zu bewältigen. Die kleinen Teufel empfangen sie genau so, wie ihre Geschwister in früherer Zeit den Marder Taa empfingen; sie werfen sich auf den Rücken und reißen und kratzen mit den scharfen Hornkrallen um sich. Obwohl die Pferdedecken über sie geworfen werden, muß der stinkende Ammoniak mehrmals zu Hilfe genommen werden und seine betäubende Wirkung ausüben.
Als Strix endlich mit einer fetten, braunen Ratte in den Fängen heimkehrt, wird ihr ganzer Kopf fast zu Augen. Uf kann sich glücklich preisen, daß er nicht in der Nähe ist, sonst würde die Reihe, gefressen zu werden, jetzt wohl an ihn kommen.
Sie scharrt in dem Horst herum, wendet Reisig und trocknes Laub wieder und wieder um, bis ihr auf einmal ein eigentümlich ätzender Gestank in die Nase steigt. Ihre Lichter füllen sich mit Wasser -- sie schnappt nach Luft ... Da sieht sie vor sich den Anblick vom vergangenen Jahr: das hakennasige Gesicht des kleinen Leuchtturmwärters mit den stechenden Augen starrt sie wie durch einen Nebel an, und in ihren Ohren dröhnt es: Kla--datsch, kla--datsch ...
_Die Nacht_ hat in den Tannen gelegen und in den Tag hinein geschlafen. Sie hat Ihre ganze Energie nötig gehabt, um die Augen geschlossen zu halten, denn die Sonne, die seit Tagesgrauen gebrannt hat, rumort auch hier und peinigt und plagt sie mit ihren Lichtstrahlen.
Aber die Nacht ist wie ein Mann mit Willenskraft. Schlafe nur! hat sie gesagt -- und geschlummert.
Jetzt ist die Sonne in einem Sack untergegangen; die mächtige Wolkenschicht am Alkoven des Horizonts hat sie wie eine Ratte eingefangen -- sie ist weg, weg!
Dann schüttelt und schuddert die Nacht sich, behutsam streichelt sie die Drossel, die im Begriff ist, sich zur Ruhe zu begeben -- und dann schleicht sie hinaus, sie umfängt das Dickicht und die Waldwiesen und den Saum der Lichtungen und löscht den Unterschied aus zwischen Kraut und Unkraut, zwischen Nutzholz und Kümmerling, zwischen des Försters Lieblingsschonung und dem Anflug, der sich aus dem Humus hervorstiehlt.