Part 2
Der ausgezeichnete Tierbeobachter ~Loewis~ erzählt von seinem zahmen Luchs Lucy einen Vorfall, der anscheinend beweist, daß trotzdem Katzenarten Schamgefühl besitzen. Er schreibt nämlich folgendes:
»Sein Ehr- und Schamgefühl war ebenfalls nicht unbedeutend entwickelt. Aus den Fenstern des Gutsgebäudes beobachtete ich eine eigentümliche, das Gesagte dartuende Szene. Der große Teich war im November mit einer Eisdecke belegt, nur in der Mitte war für die Gänseherde ein Loch ausgehauen worden und von der schnatternden Schar dicht besetzt. Mein Luchs erblickte dies mit lüsternen Augen. Platt auf die Eisdecke gedrückt, schiebt er sich nur rutschend weiter heran, mit seinem Schwänzchen vor Begierde hastig hin und her wedelnd. Die wachsamen Nachkommen der Kapitolsretter werden unruhig und recken die Hälse bei der drohend nahenden Gefahr. Jetzt duckt sich unser Jagdliebhaber, und wie ein Schleudergeschoß fliegt mit gespreizten Pranken im Bogen mitten in die erschreckte Sippe der grimme Feind, nicht ahnend, auf welch trügerischem Element die heißersehnte Beute ruht. Statt mit jeder Tatze eine Gans zu erfassen, klatscht der Luchs ins kühle Naß; denn alles Federvieh war rasch zum Loche hinausgesprungen oder geschwind untergetaucht. Jetzt gab ich die auf dem spiegelhellen Eise verwirrten Gänse als verloren auf; aber statt nun leicht Herr über die armen Vögel zu werden, schlich triefend, mit gesenktem Kopfe, Scham in jeder Bewegung zeigend, nicht rechts und links schauend, mitten durch die Wehrlosen der Luchs sich fort und verbarg sich auf viele Stunden an einem einsamen Platze. Hunger, Jagdlust und angeborene Blutgier konnten die Beschämung über den verfehlten Angriff nicht unterdrücken.«
Haben wir nicht in diesem Falle einen deutlichen Beweis, daß auch ein Tier sich schämen kann? Von anderer Seite ist hiergegen geltend gemacht worden, der Luchs habe sich nicht geschämt, sondern er sei nur deshalb trübselig davongeschlichen, weil ihm das kalte Bad höchst unwillkommen gewesen sei. Nun ist es ja richtig, daß die Katzen im allgemeinen keine Freunde des Wassers sind. Aber auch unser Hinz scheut ein Bad keineswegs, wenn es gilt, sich einen guten Bissen für sein Mäulchen zu verschaffen. So beobachtete ich im verflossenen Frühjahre folgendes. Im Schilfe eines Sees machten sich ein Paar Sperlinge eine Liebeserklärung. Die Katze eines benachbarten Gehöftes wurde durch das laute Gezeter aufmerksam und schlich sich lautlos an das Liebespärchen heran. Plötzlich machte sie einen gewaltigen Sprung -- allerdings daneben -- und sauste in das Wasser. Angenehm schien ihr das Bad auch nicht zu sein, aber wenn ein Haustier das kalte Wasser nicht scheut, so wird es ein frei lebendes erst recht nicht tun. Nun bedenke man, daß Luchse vorwiegend Bewohner kalter Zonen sind. Wie ~Loewis~ berichtet, schlief sein Luchs selbst im kranken Zustande freiwillig auf dem Dache bei einer Kälte von 10 bis 12 Grad. Ein solches Tier soll, wenn es ins kalte Wasser kommt, deswegen tieftraurig sein? Das glaube ich nimmermehr.
Ich sehe hier vielmehr wiederum einen Fall der Gewohnheit vorliegend. Der wilde Luchs, der im Freien nach einem Vogel, also einer wilden Gans oder Ente springt und sie nicht erhascht, weiß, daß er sie niemals mehr bekommt. Der Vogel fliegt dann davon und ist für ihn verloren. Daß zahmes Geflügel nicht ordentlich fliegen kann, ist dem Luchs sicherlich nicht bekannt, denn ich habe niemals etwas davon gehört, daß er wie Fuchs, Marder, Iltis unserm Hausgeflügel nachstellt.
Ich möchte nur daran erinnern, daß auch Menschen in neuen, ihnen ungewohnten Verhältnissen in ähnlicher Weise handeln. So las ich von einem deutschen Jäger folgendes Erlebnis aus Südrußland. Er war mit seinem Hunde, den er an der Leine führte, auf die Jagd gegangen. Unerwartet kamen ihm plötzlich Trappen zu Schuß, die sonst wegen ihrer Scheuheit schwer zu beschleichen sind. Er legte auf einen Hahn an, fehlte ihn jedoch. Ärgerlich über sein Mißgeschick erzählte er später seinem Wirt sein Erlebnis. Dieser fragte ihn, warum er denn nicht seinen Hund auf die Trappen losgelassen hätte? Der Deutsche sah ihn ganz erstaunt an, denn Trappen können bekanntlich, wenn sie auch vorher einen Anlauf nehmen müssen, ganz gut fliegen. Sein Wirt setzte ihm auseinander, daß bei der herrschenden Witterung -- es war gerade Rauhreif gefallen -- Trappen nicht fliegen können und von einem schnellen Hunde leicht eingeholt werden.
Hier hat also der deutsche Jäger genau so wie der Luchs gehandelt. Beide waren ärgerlich und verstimmt über ihr Mißgeschick und beide dachten nicht daran, daß sie nachträglich noch zu einer Beute gelangen konnten, denn in den bisherigen, ihnen bekannten Verhältnissen war eine solche Möglichkeit ausgeschlossen.
Wenn ich somit bezweifle, daß die Tiere ein Schamgefühl besitzen, so gehen m. E. diejenigen zu weit, die ihnen das Ehrgefühl und namentlich das Schuldbewußtsein absprechen. Ich bin vielmehr davon durchdrungen, daß manche hochorganisierten Tiere solches besitzen. Da gewöhnlich das Vorhandensein eines Schuldbewußtseins bei Tieren bestritten wird, so möchte ich hierfür einige Beispiele anführen.
Der Hund einer meiner Tanten z. B. ist durchaus kein besonders kluges Tier, aber ein Schuldbewußtsein kann man ziemlich häufig bei ihm feststellen. So soll er sich nicht auf den besten Teppich legen, was er mit Vorliebe tut, da er am dichtesten und wärmsten ist. Gewöhnlich klimpert er mit seiner Hundemarke und einem Schlüssel, die beide an seinem Halsbande hängen, so laut wie ein Schäfchen mit einem Glöckchen, schleicht er sich aber zu dem gedachten Teppich, so weiß er so zu gehen, daß er nicht das geringste Geräusch erregt.
Noch drastischer sind folgende Fälle. ~Milne Edwards~ erzählt, daß ein Haushund, der sehr blutdürstig war und Schafe erwürgte, alle Nächte an die Kette gelegt wurde. Er vermochte aber sein Halsband über den Kopf abzustreifen, worauf er aufs Feld lief, ein Schaf erwürgte, dann aber regelmäßig nach einem Bache lief, um den blutigen Rachen abzuwaschen. Hierauf eilte er vor Tagesanbruch auf den Hof zurück, wo er mühsam den Kopf durch das Halsband zwängte und dann sich schlafen legte, damit man nicht in ihm den Verbrecher entdeckte. -- Ein Hund in Berlin hatte besondere Neigung, im nahen Garten sein Wesen zu treiben, obwohl ihm verboten war, dorthin zu gehen. Er ging oft frühmorgens auf einem Umwege durch den Keller dahin; wurde er gerufen, so kam er nicht durch die Gartentüre herbei, sondern schlich durch den Keller nach seiner Hütte und aus derselben ganz langsam hervor, als wenn er eben erst vom Lager aufgestanden wäre.
Selbst Ziegen haben ein sehr feines Gefühl für Recht und Unrecht. ~Brehm~ erzählt von den Ziegen seiner Mutter folgendes: Meine Mutter hält Ziegen und achtet sie hoch, ist deshalb auch um ihre Abwartung sehr besorgt. Sie kann sofort erfahren, ob ihre Pfleglinge sich befriedigt fühlen oder nicht; denn sie braucht nur zum Fenster heraus zu fragen, so erhält sie die richtige Antwort. Vernehmen die Ziegen die Stimme ihrer Gebieterin und fühlen sie irgendwie sich vernachlässigt, so schreien sie laut auf, im entgegengesetzten Falle schweigen sie still. Genau so benehmen sie sich, falls sie unrechtmäßigerweise gezüchtigt werden. Wenn sie einmal in den Garten geraten und dort mit ein paar Peitschenhieben von den Blumenbeeten oder Obstbäumen weggetrieben werden, vernimmt man keinen Laut von ihnen; wenn aber die Magd im Stalle ihnen einen Schlag gibt, schreien sie jämmerlich.
Am überzeugendsten aber dürfte der Fall sein, den ~Schomburgk~ mitteilt und den ~Brehm~ wiedergibt: In der tierkundlichen Abteilung des Pflanzengartens von Adelaide wurde ein alter Hutaffe mit zwei jüngeren Artgenossen in demselben Käfige gehalten. Eines Tages griff er, übermütig geworden durch die grausam gehandhabte Beknechtung seiner Mitaffen, vielleicht auch beeinflußt von der herrschenden heißen Witterung, seinen Wärter an, gerade als dieser das Trinkwasser für die gefangenen Affen erneuern wollte, und biß ihn so heftig in das Handgelenk des linken Armes, daß er nicht nur alle Sehnen, sondern auch eine Schlagader schwer verletzte und dem Manne ein längeres Krankenlager zuzog. Sofort, nachdem mir dies gemeldet worden war, verurteilte ich den Schuldigen zum Tode, und früh am folgenden Morgen nahm ein anderer Wärter ein Gewehr, um meinen Befehl auszuführen. Ich muß erwähnen, daß Feuerwaffen in der Nähe der Käfige sehr oft gebraucht werden, um Katzen, Ratten usw. zu vertilgen; die Affen haben sich daran so gewöhnt, daß sie weder einer Flinte halber, noch wegen des Abfeuerns derselben im geringsten sich beunruhigen. Als der Wärter dem Käfige sich näherte, blieben die beiden jüngeren Affen wie gewöhnlich ruhig auf der Stelle; der verurteilte Verbrecher dagegen floh in größter Eile in den Schlafkäfig und ließ sich durch keinerlei Lockungen und Überredungskünste bewegen, hervorzukommen. Das gewöhnliche Futter wurde gebracht: er sah, was er früher nie getan hatte, ruhig zu, daß die Gefährten fraßen, bevor er selbst seinen Hunger gestillt hatte, und erst, als der Wärter mit dem Gewehre sich so weit vom Käfige zurückgezogen hatte, daß er von ihm nicht mehr gesehen werden konnte, kam er vorsichtig und ängstlich hervorgekrochen, ergriff etwas von dem Futter und lief in größter Eile in den Schlafkäfig zurück, um es dort zu verzehren. Nachdem er zum zweitenmal herausgekommen war, um sich ein anderes Stück Brot zu sichern, wurde die Tür seines Zufluchtsortes rasch von außen geschlossen; als der arme Schelm nunmehr wiederum den Wärter mit der Todeswaffe auf den Käfig zukommen sah, fühlte er, daß er verloren sei. Zuerst stürzte er sich wie wahnsinnig auf die Tür des Schlafkäfigs, um sie zu öffnen; als ihm dies aber nicht gelang, stürmte er durch den Käfig, versuchte durch alle Lücken und Winkel zu entwischen, und warf sich, keine Möglichkeit zur Flucht entdeckend, am ganzen Leibe zitternd, auf den Boden nieder und ergab sich in das Schicksal, welches ihn schnell ereilte. Seine beiden Genossen zeigten keine Spur von Aufregung und blickten ihm voll Erstaunen nach.
Die Geschichte ist vollständig wahr und liefert ein bemerkenswertes Beispiel für die Fähigkeit des Affen, Wirkung und Ursache zu verbinden.
Muß man somit bezweifeln, daß die Tiere ein Schamgefühl besitzen, so kann man ihnen doch nicht gut das Schuldbewußtsein absprechen.
Der Respekt der Raubtiere vor den Menschen.
Von jeher hat es der Mensch geliebt, das an sich seltsame Verhalten mancher Tiere dadurch zu erklären, daß er ihnen edelmütige oder ähnliche sympathische Beweggründe unterlegte. Beispiele hierfür können wir schon bei den Alten ausfindig machen.
So erzählt uns ~Plutarch~, Herkules habe immer eine große Freude gehabt, wenn er bei seinen Unternehmungen einen Geier gesehen, weil er die Gerechtigkeit dieses Vogels bewunderte, indem derselbe, obgleich von Fleisch lebend, doch kein lebendiges Tier anfällt.
Teilen wir heute etwa noch die Ansicht des alten Helden und halten den Geier für einen gerechten Vogel? Gewiß nicht! Wir sind der Meinung, daß der Geier wie die Hyäne deshalb Aas fressen, weil es für sie bequemer ist. Ferner sind sie beide nicht gewandt und schnell genug, um sich nur von lebenden Tieren zu ernähren. Nicht die Gerechtigkeit, sondern das +Non possumus+ ist also der wahre Grund.
Ähnlich schreibt ~Älian~: Der Adler wird oft von Raben gefoppt, verachtet sie aber, fliegt hoch durch die Lüfte und überläßt ihnen die Tiefe; das tut er nicht aus Furcht, sondern aus eigentümlichem Edelmut.
Auch hier müssen wir zu dieser Erklärung ein großes Fragezeichen machen. Der wahre Grund ist vielmehr der, wie schon ~Lenz~ mit Recht betont, daß die von Raben, Schwalben, Bachstelzen geneckten Raubvögel nicht aus Edelmut forteilen, sondern weil sie wissen, daß da keine Beute zu hoffen ist, wo der schreiende Schwarm die übrigen Tiere warnt.
Es ist auch nicht Kühnheit der Schwalbe, wie man annimmt, wenn sie mit Hohngeschrei die meisten Raubvögel umschwirrt, sondern das Gefühl der Sicherheit, schneller als der verspottete Räuber fliegen zu können. Das sieht man recht deutlich daran, daß sie ein Angstgeschrei erhebt und Reißaus nimmt -- zum Beispiel sich in das Schilf stürzt --, sobald der Baumfalk sich blicken läßt, weil dieser eben schneller als die Schwalbe fliegt.
Edelmut nimmt man auch bei den Edelfalken an, um zu erklären, weshalb sich diese eine geschlagene Beute von so elenden Schmarotzern wie den Milanen abnehmen lassen. Eine Glucke verteidigt sich gegen den Gabelweih -- sagt ~Naumann~ -- aber der Wanderfalk gibt ihm die Beute heraus.
Sollte auch hier wieder der Edelmut nicht nur in unserer Phantasie existieren? Dürfte sich die Sache nicht etwas anders verhalten? Daß der Wanderfalk keine Beute vom Erdboden nimmt, wissen wir, aber wir nehmen mit Recht an, daß er nicht aus Edelmut ein sitzendes Tier verschont, sondern wir vermuten ganz richtig, daß er wegen seiner rasenden Schnelligkeit Gefahr liefe, zu zerschellen. Deshalb raubt er nur fliegende Vögel. Ist doch vor ein paar Jahren selbst in Berlin einem Habicht, der doch nicht so schnell fliegt, folgendes passiert: Bei der Verfolgung einer wilden Ente stieß er so heftig auf die Herkulesbrücke, daß ihn ein Passant mit leichter Mühe fangen konnte.
Bedenkt man nun, daß alle schnellfliegenden Vögel auf dem Boden regelmäßig sehr unbeholfen sind -- der Mauersegler, dieser unübertreffliche Flieger, kann wegen seiner langen Flügel vom Erdboden sich kaum erheben --, daß aus diesem Grunde als Sitz stets ein Baum oder ein Ort, der das Abfliegen erleichtert, bevorzugt wird, so wird die Nachgiebigkeit des Wanderfalken wahrscheinlich ihren Grund darin haben, daß er auf der Erde als einem ihm fremden Element große Mühe hätte, die Gabelweihe abzuwehren. Deshalb kalkuliert er mit Recht: Bei meiner Gewandtheit im Erbeuten ist es praktischer für mich, mir ein neues Opfer zu holen, als es auf einen ungewissen Streit ankommen zu lassen.
Nach diesen Beispielen möchte ich auf das eigentliche Thema zu sprechen kommen und auseinandersetzen, daß ich zwar ohne weiteres zugebe, daß die Raubtiere vor dem Menschen Respekt haben, aber nicht recht daran glaube, daß der Grund darin liege, weil die Tiere in dem Menschen ein höheres Wesen erkennen.
Schon die Alten haben ähnliche Gedanken geäußert. So schreibt ~Plinius~ folgendes: Bemerkt der Elefant den Fußtritt eines Menschen eher als den Menschen selbst, so bleibt er stehen, wittert, blickt umher, schnaubt vor Wut, zertritt aber die Fußspur nicht, sondern hebt sie aus, gibt sie dem nächsten, dieser wieder dem nächsten usw., worauf die Herde sich schwenkt und in Schlachtordnung aufmarschiert. So soll auch die grimmige Tigerin, die keinem Tiere weicht und selbst die Spuren des Elefanten verachtet, ihre Jungen in Sicherheit bringen, sobald sie die Spur eines Menschen erblickt. Wie erkennen sie die Spuren des Menschen? Wo haben sie ihn je gesehen, da jene Wildnisse von ihm so selten betreten werden? Woher wissen Elefanten und Tiger, daß der Mensch zu fürchten ist? Sie sind ihm doch so weit an Kraft, Größe und Schnelligkeit überlegen! Das ist die große Macht des Naturtriebes, daß die größten und wildesten Tiere gleich wissen, was sie fürchten müssen, wenn sie es auch nie zuvor gesehen haben.
Ähnlich äußert sich ~Brehm~: Selbst Löwe, Tiger und Jaguar fürchten anfangs den Menschen und gehen ihm fast feig aus dem Wege; nachdem sie aber gelernt haben, welch schwaches, wehrloses Geschöpf er ist, werden sie seine furchtbarsten Feinde, und es scheint fast, als ob sie dann das Menschenfleisch dem aller übrigen Säugetiere entschieden vorzögen.
Speziell vom Löwen schreibt er: Den Menschen greift der Löwe äußerst selten an. Die hohe Gestalt eines Mannes scheint ihm Ehrfurcht einzuflößen. Im Sudan wenigstens, wo er in manchen Gegenden häufig auftritt, sind so gut wie keine Fälle bekannt, daß ein Mensch von einem Löwen gefressen worden wäre.
Die Araber jener Gegenden versichern, daß der Mensch, welcher einen ruhenden Löwen treffe, denselben durch einen einzigen Steinwurf verscheuchen könne, falls er Mut genug habe, auf ihn loszugehen. Wer dagegen entfliehe, sei unrettbar verloren. Zweimal, so sagen sie, weiche jeder Löwe dem Manne aus, weil er weiß, daß dieser das Ebenbild Gottes des Allbarmherzigen ist, den auch er, als ein gerechtes Tier, in Demut anerkennt. Frevelt jedoch der Mensch gegen die Gebote des Erhaltenden, welche bestimmen, daß niemand sein Leben tollkühn wage, und geht er dem Löwen zum drittenmal entgegen, so muß er sein Leben lassen.
Die Araber sind auch der Meinung, daß der Löwe bei seinen Raubzügen deshalb vorher brülle, um die Tiere zu warnen. ~Brehm~ meint mit Recht, der wahre Grund dürfte der sein, daß er dadurch das Wild aufscheuchen, insbesondere das Vieh der Nomaden zum Ausbrechen aus der Hürde veranlassen will. Die Begründung der Wüstensöhne hinsichtlich des Respekts scheint daher ebenfalls mehr poetisch als zutreffend zu sein.
Hiervon abgesehen, wird aber die Tatsache, daß der Löwe häufig vor dem Menschen zurückweicht, doch von zahlreichen glaubwürdigen Beobachtern bestätigt.
~Brehm~ hält den aufrechten Gang des Menschen für den ausschlaggebenden Grund. Aber dieser kann schwerlich deshalb als furchterweckend in Betracht kommen, weil es ja vierfüßige Tiere gibt, die viel größer als der Mensch sind und trotzdem von Raubtieren angegriffen werden, wie zum Beispiel manche Büffelarten. Tiger sind auf den Rücken von Elefanten gesprungen und haben von dort Menschen heruntergeholt. Das große Kamel ebenso wie die fast achtzehn Fuß hohe Giraffe bildet eine bevorzugte Beute des Löwen. Gerade das letztgenannte Tier zeigt deutlich die irrige Anschauung, daß die Größe imponierend wirkt, denn der Kopf der Giraffe befindet sich etwa zwölf Fuß höher als der eines Menschen.
Nur das soll zugegeben werden, daß ein vierfüßiges Tier bequemer am Halse gepackt werden kann, als der aufrechtstehende Mensch. Trotzdem aber überfällt der Leopard den Strauß, der viel größer als der Mensch und ebenfalls nur zweifüßig ist.
Im übrigen richten sich zahlreiche Tiere beim Angriff oder der Verteidigung auf und gewähren dann einen weit überwältigenderen Anblick als der Mensch, so Hengste, Gorillas usw. Daß sich hierdurch die großen Raubtiere von einer Attacke jemals haben abhalten lassen, ist wohl noch nicht behauptet worden.
Dagegen steht fest, daß die sogenannten Menschenfresser fast ausnahmslos Raubtiere mit schlechten Zähnen sind, nicht mehr imstande, ihre sonstige Nahrung, nämlich das flüchtige Wild, Wildschweine und Affen, zu erbeuten. Not kennt kein Gebot; ein Raubtier, das nur die Wahl hat, zu verhungern oder Menschen anzufallen, wird unzweifelhaft das letztere tun.
Warum tut es das nun nicht auch in der Blüte seiner Jahre? Ich meine, die unglückselige Vorstellung von der »Tapferkeit« der Raubtiere ist schuld daran, daß wir uns darüber wundern. Man vergleiche das in den »Tierfabeln« auf S. 25 Gesagte. Hier heißt es: Selbst die größten Arten scheuen Tiere, von denen sie bedeutenden Widerstand erwarten, und greifen sie bloß dann an, wenn sie durch Erfahrung sich überzeugt haben, daß sie trotz der Stärke ihrer Gegner als Sieger aus einem etwaigen Kampfe hervorgehen.
Kann man ein solches Verhalten Tapferkeit nennen? Gewiß nicht! Außerdem muß man folgendes berücksichtigen. Bei jedem Angriff auf ein vierfüßiges Geschöpf weiß das Raubtier im voraus ganz genau, welche Waffen ihn bedrohen können: Das Pferd kann hinten ausschlagen, der Büffel mit den Hörnern stoßen, der Eber mit seinen Gewehren schlagen, der Pavian gefährlich beißen usw. Nur beim Menschen weiß es nicht genau, was kommen kann. Er kann es von fern mit Bogen und Lanze verwunden, mit Felsstücken werfen, in der Nähe mit Schwert oder Dolch verletzen -- wobei wir von den furchtbaren Wirkungen des Feuergewehres ganz absehen wollen. Selbst der Ureinwohner auf niedrigster Kulturstufe vermag durch vergiftete Pfeile das größte Raubtier zu töten.
Was also bei keinem Tiere vorkommt, das kann sich beim Menschen ereignen; das Raubtier weiß niemals genau, woran es ist.
Natürlich wird eine vom Hunger geplagte Bestie nicht lange Reflexionen darüber anstellen, ob der Angriff auf den Menschen gelingt oder nicht. Je häufiger sie ihn besiegt, desto frecher wird ihr Gebaren werden. Aber wenn ein großes Raubtier gesättigt oder wenigstens nicht hungrig ist, so ist folgende Reflexion nicht unwahrscheinlich: Wenn ich wüßte, ich erbeute den Menschen, ohne erheblich verletzt zu werden, so würde ich mich auf ihn stürzen -- aber man kann ja dem Frieden nicht trauen. Anschleichen kann ich mich nicht, wie es meine liebste Methode ist, denn der Kerl hat mich schon gesehen. Ob er gefährliche Waffen bei sich trägt? Er glotzt mich so unverschämt an -- nun, die Sache ist mir doch zu riskant, ich werde mich empfehlen. -- Umgekehrt wird ein fliehender Mensch gewöhnlich deswegen verloren sein, weil er durch seine Flucht offenbart, er fühle sich dem Feinde nicht gewachsen.
Ein unbewaffneter Mensch, der einen Löwen mit Gemütsruhe anstarrt, ist wie ein Kartenspieler, der sich den Anschein gibt, als habe er viele Trümpfe, die er in Wirklichkeit gar nicht besitzt. Einem solchen Spieler gelingt es ja häufig, die anderen zu täuschen.
Zum Beweise dafür, daß hauptsächlich die Unberechenbarkeit des Menschen den Respekt hervorruft, will ich mich auf folgende Tatsachen berufen. In nördlichen Ländern scheinen giftige Waffen wenig gebraucht zu werden, so daß hier der Mensch erst durch Feuerwaffen gefährlichen Tieren, wie Eisbären, Walrossen, Grislybären usw., energisch auf den Leib rücken konnte. Die alten Schilderungen von der Furchtbarkeit dieser Geschöpfe scheinen gar nicht so übertrieben zu sein.
Ausdrücklich bestätigt das ~Haacke~, indem er schreibt: Übrigens soll der Graubär von heute, mit den Wirkungen der Büchse bekannter als der Graubär früherer Zeiten, viel vorsichtiger und furchtsamer sein als dieser.
Wie lieb im übrigen den Raubtieren ihr eigenes Leben ist, dafür seien nur zwei Beispiele angeführt. ~v. Wißmann~ schildert einen bereits früher erwähnten Angriff, den ein Kapbüffel auf einen ausgewachsenen Löwen macht. Der »König der Tiere« läßt wirklich seinen Fraß -- eine getötete Antilope -- im Stich und nimmt Reißaus. Sodann möchte ich darauf aufmerksam machen, daß nach ~Livingstone~ angebundene Pferde oder Ochsen nur ausnahmsweise von Löwen angegriffen werden, weil diese eine -- Falle vermuten. Das gleiche berichtet ~Brehm~ von Tigern. Man sieht also ganz deutlich, daß auch vierfüßige Tiere, und zwar selbst solche, die sonst gern gefressen werden, unter Umständen Respekt einflößen, daß also der aufrechte Gang des Menschen nicht der wahre Grund sein kann.
Die Tatsache, daß große Raubtiere vielfach den Menschen unbehelligt lassen, erklärt sich also wohl daraus, daß sie nicht hungrig sind und die Unberechenbarkeit seiner Verteidigung scheuen. Ihr Leben ist ihnen zu lieb, um sich auf ein riskantes Unternehmen einzulassen.
Können nur Herdentiere zu Haustieren gemacht werden?
Es gibt gewisse Behauptungen, die gläubig nachgebetet werden, weil man sie für allgemein gültige Wahrheiten hält. Zu ihnen gehört auch diese: Nur aus Herdentieren können Haustiere gemacht werden. Ich teile diese Meinung in keiner Weise und möchte in nachstehendem meine abweichende Ansicht näher begründen.
Eingehend hat sich mit der hier erörterten Frage ein so ausgezeichneter Tierkenner wie ~Perty~ beschäftigt. Er schreibt darüber folgendes: