Stille Welten: Neue Stimmungen aus Dingsda
Part 4
Mir war, als wenn das alles ein höchst eigenartiges konzentrierendes Denken sei, das Alles Einzelne unwillkürlich immer zu einer Einheit führt und in einem engen Zusammenhange mit dieser Einheit erkennt, so wie der religiöse Mensch alles auf Gott zurückführt und in allem Gott erkennt und ihn etwa als ein fortwährend und beständig sich zugleich bildendes und lösendes Allcentrum anerkennt, fühlt und glaubt, ein Centrum in diesem fortwährenden Sichbilden und zugleich Sichlösen ewig und unvergänglich und mit diesen beiden parallelen Eigenschaften eine Einheit. --
Das sah ein Fühlen, das... Ja, was könnte da gesagt werden...
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Nun spielt sich’s aus einer, ich möchte sagen, gleichsam mathematischen inneren Anschauung ins Menschliche, Organische, in den Bereich des Geformt-Körperlichen, kommt es näher, kommt Er näher, oder Es --, ein doppeltes in einer Einheit, eine zwiefache Einheit, das Widerspiel und Ineinanderspiel des Männlichen und Weiblichen in Einem. -- --
Das Denken der Menschheit hat durch Milliarden von Generationen Gott gesucht, um immer deutlicher zu erkennen, daß sein Ziel nur die Menschheit selbst ist, und im letzten Grunde wieder das Individuum, aber nicht bloß das menschliche, sondern das Individuum überhaupt, und der Mensch als Individuum.
Und was ist das, dieses Individuum? Ein sich Bildendes, Wandelndes, dunkel Wollendes; eine -- _causa movens_? Ein... das letzte Rätsel! -- Das Unenthüllbare!...
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Staatsaktionen, Herrscher, tägliches Lebensspiel ...
Wie denn nur? -- Alles hat seine Würde, und alles ist doch ein Gleitendes, Fließendes.
Ich sitze immer nur vor diesem einen Strudel und sehe immer nur dieses sein Kreisen...
Ich sehe ein ungeheures Netz. Worte und Werte seine Knoten. Die ewigen dunklen festen Runen, das Geistige... Und alles, alles wird Wort, und ist...
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort“...
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Da ist ein Bild in meinem „~Graphic~“.
Unterschrift: „_The expulsion of the Jesuits from France. -- Inside the convent. -- The Commissary of police reading the decree of expulsion before breaking open the inner door._“
Die gehalten-bestimmte, höflich-liebenswürdige Haltung der Beamten; das finstere, mürrisch-erstaunte und betroffene und doch haltungsvolle Gesicht der Patres. Die Beamten fragen und machen ihre Notizen.
Man respektiert sich und vollbringt möglichst gelassen das -- Notwendige...
Fertige, alte, kluge Zeit.
Ruhe.
Wie man sich immer wieder balanciert. --
Ich war heute sehr unruhig; irgend ein Zustand von grauester, fadester Blasiertheit. -- Bloß, irgend etwas fängt an, ihn zu betrachten. Mit einer so mystischen, eisigen Gelassenheit...
Und plötzlich beginnt mich eine Erinnerung wieder für das Gegenständliche, für die „Welt der Erscheinungen“ um mich herum zu erwärmen ...
Es ist doch sonderbar! -- Man ist wie ein Kind... Die Kinder haben oft solche Anfälle von Flauheit, wo sie nicht wissen, was sie wollen, -- ich erinnere mich zuverlässig --; man schwingt ihnen dann meinetwegen eine Klapper vor dem Gesicht umher, bis... &c. &c.
Hm! -- Na ja! --
Es war in einem Hotelzimmer.
Eine fieberwache Nacht. Halbschlummer. Quälende Träume. Zahnschmerzen.
Nein! Das kann der Satan noch aushalten! --
Ruhe! Ruhe! Ruhe! -- Aufstehen! --
Ich steige aus dem Bett, kleide mich notdürftig an, entfache das elektrische Licht und laufe, die Shagpfeife im Mundwinkel, auf und ab.
Das Winterzwielicht fröstelt im Zimmer, mit Mühe ein wenig von der Helle des elektrischen Drahtes erwärmt. Die Uhr tickert auf dem Nachttischchen. Mein Gott, erst halb acht! --...
Ah! Ruhe! --
Ah! --
Dieses Bild, nur dieses Bild! Dieses einzige Bild, von den Ruten des hohen Fensters umrahmt, in seiner zarten alabasternen Schönheit und doch in der Tiefe seiner ganzen Mystik!...
Halb unbewußt und nebenbei hat es in mir für den Bruchteil eines Augenblickes konstatiert, daß sie durch den Gegensatz der elektrischen Helle im Zimmer und der Dämmerung des beginnenden Morgengrauens hervorgebracht wird: aber nun gehör’ ich ihr ganz und völlig. -- Und physischer Schmerz, Unruhe und alles, alles wird Auge und hält und umfaßt, versteht, versinkt in diesen Anblick, in die gedankenlose, so köstlich unrastfreie Stille dieses Anblicks. --
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Ja, und es ist doch nun weiter gar nichts Besonderes dabei; es ist bloß dieses Land unten vorm Fenster. -- Es ist nichts, als der Gegensatz und das Zueinander dieser leise verhüllten, weich zarten Himmelsbläue, dieser Bläue, die eigentlich eine graue Schicht von Schneegewölk ist, das über Nacht den Himmel überzogen, und die nur dem Gegensatz des erhellten Zimmers ihr Vorhandensein verdankt, dieser Bläue und dieser weiten graugrünen Rasenflächen.
Aber da drüben, an der Grenze, dieses stille Kleinspiel. Der Strich der Chaussee mit den Silhouetten ihrer Telegraphenstangen und dem nackten schwarzen Geästel ihrer Kirschbäume. Und die Laternen, die, soweit die Chaussee Fortsetzung der Vorstadtstraße bedeutet, in weiten Abständen ragend, noch brennen. Drüben, auf der anderen Seite, jenseits der Chaussee dehnt sich die Vorstadt; dunkel, schwarz, mit den pittoresken Umrissen ihrer Häusermasse in dieses tiefe Himmelsblau einer italienischen Sommernacht hinein. -- Ein paar müde Lichtpunkte dazwischen: erhellte Fenster. Einige grellere; drei, vier, fünf in einer Reihe: Straßenlaternen. -- Links die vier Schornsteine des Eisenwerkes, von denen sich feine dünne Rauchsäulen seitab kräuseln. Die Fenster der Fabrikräume sind schon erhellt; aber dieser Schimmer ihrer Vierecke, die matt wie große Perlmutterfourniere aus dem Halblicht dieses ersten Morgengrauens hervordämmern, erinnert noch mit nichts an menschliche Thätigkeit. --
* * * * *
Daß es nie Tag würde und immer diese Stille bliebe und die beständige Möglichkeit dieses schmerz- und wunschlosen Versunkenseins, dieser ruhigen leidfreien Einheit von Innen und Außen! --
Denn hier ist keine Bewegung, stört keine Bewegung, nicht die leiseste. -- Nur diese eine, einzige, unbeschreibliche Stille, in der selbst dieses leiseste Kräuseln des Schlotdampfes stockt...
Ah! -- Wie ein leiser feiner Schreck! -- Eine Fahlheit hat sich über die tief-satte Fülle der Farben gezogen, und dort, von rechts her, mit ihr, eine erste Bewegung. Kleine, schwarze Schattenrisse kriechen langsam über das weite Graugrün. Die Karrenschieber, die den Tag über braunen Humus auf den Rasen fahren. --
Aus!...
Beim Türmer.
Es ist so wunderbar klares, sonnig-mildes Wetter, und das liebe Himmelsblau ist so frisch und ätherisch: man möchte ein Vogel sein! -- Aber ich besinne mich, daß ich wenigstens wieder mal in die Stadt gehen und auf den Rathausturm hinaufsteigen kann, zu meinem alten Freund, dem Türmer. --
Der Rathausturm, der noch dazu erhöht liegt, ist reichlich so hoch wie der Stadtkirchturm. Er hat auch dieselbe mit schwarzem Schiefer gedeckte Zwiebelkuppel der alten Jesuitenkirchen, wie man sie von gleicher Art gegen die Alpen hin im Bayerischen Oberland überall finden kann. -- Dicht unter der Kuppel hat Meister Schwalbe, der Türmer, seine Wohnung. Vier Fenster geben den Blick nach allen vier Himmelsrichtungen hinaus. Auf der einen Seite giebt es einen kleinen Balkon. -- Man nimmt ein paar Flaschen Bier mit hinauf, wird sich mit Meister Schwalbe auf den Balkon setzen und was plaudern, indes man den wunderschönen Ausblick genießt, oder, wenn der Meister gerade Stühle zu flechten hat, nun! dann kann man sich auch solo hinaussetzen und sich an der Luft und der Aussicht freuen...
Ich finde Meister Schwalbe zu Hause. Er sitzt in seiner behaglichen Wohnstube und flechtet Stühle. An der Wand neben dem Kachelofen hängt das mächtige Tuthorn, mit dem er nach allen vier Himmelsrichtungen die Feuersbrünste signalisiert.
Köstlich! Das sonnige Zimmer mit seinem kleinbürgerlich sauberen Hausrat ist ein Idyll! --
Meister Schwalbe, der sein Sechzigstes hinter sich hat, sitzt neben dem großen Tisch, auf dessen grün auf schwarz geblümtem Wachstuchüberzug noch das Geschirr und die Überreste des Vesperkaffees stehen. Er hat seine Hauskappe auf und die Kurzpfeife in seinem graumelierten halb schalkhaften, halb gelassen-würdevollen Altschäfergesicht und pafft bedächtig vor sich hin. Im übrigen ist er in seinem Arbeitsornat und hat die blaue Leinenschürze über die blaugestrickte Wolljacke geknüpft. Um ihn herum kräuselt sich ein graugelbes Gewölle von Stuhlrohr und vor sich hat er einen Stuhlsitz, den er neu überflechtet. -- Sein steifes Genick dabei! Diese behaglich langsamen aber zwecksicheren Bewegungen! Diese tiefe, ruhige Kehlbaßstimme, vom Paffen unterbrochen und hin und wieder ein wenig zischend und brodelnd, weil ihm seine Rauchthätigkeit den Speichel zusammenzieht ...
Kurz und gut: der prächtige brave alte Meister Schwalbe, Turmwächter, Stuhlflechter und untrüglicher Wetterprophet! --
Aber mit hinaus kommen wird er erst nachher, wenn er seinen Stuhl fertig hat. Ich mache mich auf den Balkon...
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Da haben wir das ganze Nest, halb Stadt, halb Dorf...
Die Straßenzeilen mit dem Gewinkel ihrer Häuserchen. Die paar Menschen dazwischen. Schläfriges Geratter von ein paar Lastwagen. Der friedliche Lärm spielender Kinder, Hundegebell und Gänsegekreisch.
Der Marktplatz unter mir mit seinem Brunnen und seinem höckerigen grasdurchwachsenen Pflaster. Die alten Honoratiorenhäuser. -- Liebe Zeit! wie ist das alles so klein, so still, so mollig, so unpathetisch! --
Das Gelände draußen mit seinen Feldern, Chausseen, Obstbaumwegen und glitzernden Gewässern; die Berge mit ihren Wäldern; das Schloß mit seinen Türmen und Umwallungen aus den dichten herbstlichen Laubmassen heraus. --
Vogelschaugedanken! --
Sie lenken sich heute mal auf die „Profession“, auf die liebe „Kunst“. -- Die „_paysage intime_“ von Meister Sommerfeld, des Buchbinders, Hof, in den ich gerade so recht schön hineingucken kann, giebt ihnen ihre Richtung.
Natürlich so ein richtiger kleinstädtischer Hof mit dem Idyll seines ganzen romantisch-pittoresken Kleinkrams. -- Die getünchten Wände des Wohnhauses und der Stallgebäude mit einem unendlich verzwickten Gewinkel, mit ihrem närrischen verwitterten Ziegeldachwerke, mit ihren blaugrauen Holzgallerien, mitgenommen von Wind, Luft, Sonne und Regen. Der Düngerhaufen, das bunte Hühnervolk, allerlei wunderliches Gerümpel, Gott! und so weiter.
Ja, wie so allmählich das Pathos stirbt und das _al fresco_ und die „Höhenkunst“ heutzutage! -- Wie alles intim wird, Farbe, Nüance, Seele, sich differenziert! -- Wie die liebe Kunst immer heimischer wird, irdischer, wirklicher! -- Und doch, wie bei allem selbst die Würde und Bedeutung des „Geringfügigen“ und „Häßlichen“ mehr und mehr empfunden wird, zu Tage tritt und die Ästhetik immer siegreicher revolutioniert! -- Wie unsre Kunst aus sich selbst heraus immer asiatischer, östlicher, fertiger wird! -- Ich denke an einige japanische Gesichtsmasken, die ich zu Hause habe, und an unsre heutige Vorliebe für dergleichen Kunstprodukte, und wie wir diese Weise von Kunstbethätigung immer mehr verstehen lernen. -- Diese Kunst mit dem ganzen mystischen Zauber ihrer Realistik, ihres fertigen, alles erraffenden, alles erfühlenden Naturalismus, und wie seine, des verachteten, identische Wirkung immer eindringlicher wird, denn alle Entwicklung führt zur Identität. -- Die lyrische Emphase eines jahrtausendelangen Kulturkampfes läßt nach, wie er sich nach den letzten Entwicklungsstürmen des Mittelalters immer mehr gefriedigt hat und seiner Früchte und Erfüllungen froh zu werden beginnt...
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Ich sitze und spüre nur so, wie köstlich frisch die Luft geht, wie klar und blau der tiefe Himmel, und fühle den Pulsschlag des Lebens rings unter meiner Höhe und sehe die Seele dieses kleinen Nestes, die im Kleinen und Malerisch-Krausen doch so mystisch intim und mannigfach ist. -- Denn was besagt Alltäglichkeit? Alles ist rätselhaft, alles das gleiche Problem und dies Problematische ist auch der Untergrund und die heimliche, schlichte, tiefe Seele moderner Kunstwirkungen...
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Aber Philosophieren ist uns so über geworden. Es ist ja nun auch nachgerade seit Jahrhunderten und Jahrtausenden alles, aber auch geradezu alles zusammenphilosophiert worden. Es kommt einem alles so rund und so fertig vor. --
Mein lieber Lynkeus, Meister Schwalbe, setzt sich zu mir mit seiner Pfeife und seinem weisen gelassenen Gesicht, in dem so viel still-kluger Humor ist, und es ist über alles Philosophieren, wenn wir vom Wetter sprechen, oder von den lieben Nachbarn, oder was hier und dort so alles in der Welt passiert. -- Lieber Gott ja: aller Weisheit Schluß und Anfang ist eben, daß die Leute sich verheiraten, Kinder kriegen, wirken und sterben von Urbeginn zu Urbeginn...
Die Hyacinthe.
In einem eigens dazu hergerichteten Glas habe ich eine Hyacinthenzwiebel.
Wie köstlich zu beobachten, wie sich hier die Natur gestaltet! So schlicht, so still, mit so kräftigem wohligen Behagen.
Zuerst ist es nur die Zwiebel. Aber wie viel Freude, sie zu betrachten, wie sie da vor mir auf dem Schreibtisch steht, zwischen allerlei Kleinkram und Erinnerungen, selbst eine liebe Erinnerung.
Das zartfrische Farbenspiel ihrer Schale: in allen feinen und feinsten Nüancen spielend zwischen Braun, Bläulich, Weiß, Violett und Lila. Oben ist ein hellgrünes gelbliches Spitzchen, mit der der innerlich schlummernde treibende Lebenskeim zu erwachen beginnt. Unten viele feine, lichtweiße Wurzelfaserchen, die sich munter in das Wasser hinabschlingen.
Die Lust, das unbändige Behagen in diesen Windungen! Das Spreizen dieser Formen!
Man muß unwillkürlich drüber lachen.
Ich höre ein Kind lallen und gurgeln, sehe es mit seinen Zehchen spielen, mit seinen dicken Händchen vor sich hingrappsen im süßen Dämmer seines ersten Seins.
Diese Lust, zu beobachten, Tag für Tag, wie es mehr und mehr erwacht und wird und wird, seitdem ich es aus der dunklen Schublade hier in sein Lebenselement gebracht.
Jetzt sind es schon ziemlich lange Blätter. Unten, wo die Kraft des ersten Keimes die Schale zur Seite gespellt hat, sind sie hell-gelblich-grün, nach oben ist das Grün bläulicher.
Es sind -- eins, zwei, drei, vier, fünf Blätter.
In ihrer Mitte drängt sich die lichtgrüne Blütendolde keck und lichtbegierig herauf, zwängt zur Seite, dehnt sich in die Breite und Höhe mit ihren wasser- und saftstrotzenden Zellen. Und wenn ich genau, ganz genau hinsehe, dann merke ich, wie leise, leise ihre grünen Hüllenblättchen sich zu spreizen und zu lösen beginnen, wie es sich ungeduldig drunter regt und bunt und prächtig hinaus will ins freie, fröhliche Licht.
Ab und zu hemm’ ich das allzu üppige Wachstum der Blätter, und schneide ihre Spitzen ab, damit die Blüte an Kraft und Freiheit gewinne.
O, höchstens noch eine Woche: dann jubelt es mir in bunter junger Herrlichkeit entgegen und mein Zimmer ist des süßen Duftes voll...
Die Fliegen.
Die gute Sonne!
Vor mir auf dem Fensterbrett haben die Fliegen ihr Treiben. Sie trippeln durcheinander, reiben sich den Hinterleib, fliegen gegen die Fensterscheibe auf.
Plötzlich kommt mir, ich weiß nicht wie? eine Erinnerung.
Ich sehe den Kirchhof wieder.
Es ist wieder der graue Tag, der mit Regen droht. Im fahlen Licht stehen die Leidtragenden um das offene Grab herum. Über sie erhöht, auf der aufgewühlten Lehmerde, hat der Prediger seinen Stand, der Prediger mit seinen Bäffchen, seinem Talar und seiner hohen Mütze, und spricht den Segen über den Sarg, der eben mit einem dumpfen Schollern in die Tiefe verschwunden ist.
Einer nach dem andern tritt heran und läßt seine Handvoll Erde hinunterplumpen.
Aber das Weib!
Mit einem winselnden Weinen hat sie dagestanden und im verhaltenen Wahnsinn ihres Leides das Taschentuch zerrissen. Und nun ist sie nicht mehr zu halten, in diesem letzten, so erbarmungslosen Augenblick.
Mit lautgellender Wehklage ist sie auf das Grab zugestürzt, ist hineingesprungen und umklammert nun den Sarg.
Es war zum Nievergessen! --
... Mir kommt ein Gedanke.
Behutsam hebe ich die Hand, schlage zu und wage einen Mord.
Geglückt! -- Eine von den Fliegen liegt tot.
Für den ersten Augenblick sind die andern gegen die Fensterscheibe aufgeflogen; aber bald sind sie wieder zurück. Geschäftig trippeln sie umher, als wenn nichts geschehen wäre.
Nur eine von ihnen ist auf die tote Spielkameradin gestiegen und hat für einen Augenblick den Saugrüssel in den Blutstropfen gesenkt, der aus dem zerquetschten Körperchen gequollen ist, und saugt...
Bornschein.
Drüben an der Mauer liegt Bornschein, der Böttcher, wieder einmal stockbetrunken. Der Länge nach liegt er unter dem Fliederbusch und die Nachmittagssonne brennt auf seine Kleider.
Die Nachbarn stehen im Kreis um ihn herum, schütteln die Köpfe, schwatzen, lachen, haben ihre Unterhaltung und machen ihre Glossen. Reger ist die liebe Jugend. Sie haben Kiesel und Steine zusammengetragen und werfen nach seinem Bauch und seinen Beinen. Die ganze sonnenstille Gasse schallt von ihrem Eifer.
O Phantasie!
Ich bin Bornschein. Mein Gesicht ist breit und gedunsen, mit borstigem Bart und Kopfhaar, und glüht von Sonne und Alkoholdunst. Und Sonne und Alkohol glühen durch den seligen Dusel meines Rausches und lallen aus mir heraus mit dumpfen dunklen Worten in eine wogende flimmernde Welt von wunderlich verworrenen Gestalten und Lauten.
Meine armen thörichten Atome lechzen nach Kühlung. Langsam, automatisch regt sich ein Arm, zuckt ein Bein, von einem Kiesel getroffen.
Kühlung! Wie ein fernes Bedürfnis ist es in mir, ein Bedürfnis meiner klugen Sinne, meines Lebenswillens, von dem meine Seele doch fern ist. Ein Bedürfnis und keins...
Aber wie ich hier oben zwischen den roten Geranien hindurch zu mir da drüben hinüberluge, schreit meine arme Seele nach Wasser, nach Wasser...
O ewige Vernunft!
Drüben öffnet sich die Thür, schadenfroh und flachshaarig tritt ein lachendes Mitleid mit einem vollen, triefenden Wassereimer auf die Straße. Friedrich, der Hausknecht vom „goldenen Adler“.
Und nun: den Eimerring in der Linken! Die breite, braune Rechte packt den Boden, kippt... Brrr!...
Gottseidank!
Bornschein trieft und zuckt wohlig wie ein Aal in der Fischwanne und -- schimpft. -- Undank ist der Welt Lohn! -- Aber die „Welt“ ist diesmal über Undank erhaben. Die Nachbarn lachen und die liebe Jugend brüllt Halloh.
Ich atme auf, hier in meinem Blumenwinkel, und denke in meinem lieben Herzen, wie alles in dieser herrlichen Welt, selbst Bornscheins Atome, bis in meine liebe verwünschte Einbildung hinein, hat, was es bedarf. --
Bibellektüre.
1. Incarnation.
Seit einigen Tagen les’ ich die Bibel. Das Exemplar, das Frau Haberland in ihrem Glasschrank hat. Es ist eine schöne alte Familienbibel, in Quartformat, aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, ein wahrer Koloß, solid in braunes Leder gebunden, mit zwei Messingverschlüssen, jeder eine Figur, ein Apostel wohl oder so etwas. -- Dieser Duft, dieses dicke vergilbte Papier, diese großen fetten Lettern und die Familienchronik mit ihrer altfränkischen Schnörkelschrift gaben mir wieder mal den Geschmack für diese Lektüre. -- Die Madame war so liebenswürdig, mir das ehrwürdige Monstrum anzuvertrauen, und nun vergeht selten ein Tag, an dem ich nicht über diesen braven altväterlichen Holzschnitten und diesen köstlichen Drucktypen säße und mein Pensum erledigte.
Wenn’s das Wetter irgend erlaubt, sitz’ ich dabei am liebsten hinten im Garten, in der Pfeifenkrautlaube. Vornehmlich bei der Lektüre der Patriarchenhistorien war es die beste Umgebung. Man sieht über die Rotdornhecke hinweg auf die Hügel, und da hat denn wohl die große Schafherde von der Schloßdomäne ihr Wesen; man hört die gelben Wolfshunde kläffen, man hört das Trappeln und Rauschen der erschreckten Tiere, die von ihnen beieinander gehalten werden. Man gewahrt die Gestalt des Schäfers in seinem langen blauen Schoßrock mit den blanken Knöpfen und dem breiten Lederriemen, mit seinem altfränkischen Filzhut und seinem langen Schlenderstock, man hört seine Zurufe und wie er auf die Hunde schilt. Laban und Jakob, Joseph und David. -- Oder man hört die Laute des Geflügels, der Haustiere, Pferdewiehern aus der Nachbarschaft oder das Brüllen der Kühe...
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Gegenwärtig bin ich bei den Propheten, und da kommen mir so allerlei Gedanken und Betrachtungen; Gedanken und Betrachtungen, mit denen ich mich meinem goldenen Freigeist, dem Herrn Aktuarius Nerrlich, nicht anvertrauen könnte, ohne befürchten zu müssen, wegen einer bedenklich reaktionären Rechtsschwenkung seiner mir so werten Freundschaft verlustig zu gehen; denn es sind nicht nur diese ersten Kindheitserinnerungen, die da in diesen Lesestunden mit lebendig werden, auch nicht bloß und lediglich so etwas wie Feinschmeckerei und „historischer Standpunkt“, obgleich das alles natürlich mit unterläuft: nein, es ist auch noch etwas Anderes. Denn das ist nun so: jedes gute und bedeutsame Buch hat seine ewig frische und lebendige Wirkung, und die bedeutendsten variieren ja nur immer wieder den einen ewigen und gleichen Text. -- So will mir zum Beispiel auch keinerlei rationalistische Exegese an die alten Sagen und Wundermärchen heran. Ein feinerer Sinn spürt das Wunder der Wunder hinter ihrer ehrwürdigen Symbolik und staunt aus einem modern-differenzierten Verständnis der Lebens- und Naturvorgänge heraus, das uns gerade wieder die Ergebnisse der neuzeitigen Wissenschaften, und nicht zum wenigsten der exakten, gebracht, über die tiefe Lebensweisheit, welche sich in diese Symbole verdichtet hat.
Ich komme von der Lektüre psychophysiologischer Bücher; man hat als Mensch der Neuzeit neben allen geistigen Zuflüssen seine Nervenerfahrungen, und weiter hat der ringende Geist Alterfahrenes und Frühvertrautes, Einflüsse und Eindrücke erster Jugendzeit und ihren unverwüstlichen Gehalt, der sich allen Anstürmen einer materialistisch-kritischen Durchgangsperiode zum Trotz aus all ihren Entwicklungswehen heraus behauptet hat, mit den neuen Ergebnissen vereinbart: wie eigen mutet einen da diese Lektüre an! -- Und um so fühlbarer und eindringlicher ist ihre Ehrwürdigkeit, je tiefer man spürt, wie die eine und gleiche Wahrheit immer nur wieder in Symbole sich fassen läßt...
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Ja, diese Propheten!
Es fällt einem so ein, was die alten Kirchenlehrer von Erwählung, Berufung, Prädestination geschrieben, oder etwa Platon von den Ideen, von der Annamnese, man gedenkt der Lehren der Veden und des Buddhismus, was bei den Pythagoräern als Metempsychose wieder auftauchte, und wie diese bereits bei den Egyptern gelehrt war, man berücksichtigt etwa den Zusammenhang von alledem, sieht sich etwa auch mit genauen Augen und mit so einem stillen Ahnen die neue Wissenschaft und die Entwicklungslehre des Darwinismus an, in der so unendlich viel Möglichkeiten und Urwurzeln von Ideenverbindungen schlummern, die einen, wie sie in ungewissen Umrissen auftauchen, so verwunderlich an uralte Weisheits- und Weltbetrachtungsergebnisse erinnern und einen mystischen und urnotwendigen Zusammenhang menschlicher Weisheit neu bezeugen: mit alledem betrachtet man diese Propheten.