Stille Welten: Neue Stimmungen aus Dingsda

Part 3

Chapter 33,417 wordsPublic domain

„Wohl! -- Sozusagen das allererste und zweifelsohne first quality! oder eine Schale Kaweh oder Kawah, respektive Kaffee, Adjams nachmals so berühmt und beliebt, ja unentbehrlich gewordene Spezialität, die in Aufnahme gebracht zu haben, Gemal Eddins unsterbliches Verdienst. Denn dieser hochwürdige Mann Gottes brachte sie Adens Derwischen, denen sie bald zu einer unentbehrlichen Aufmunterung ihrer Gottseligkeit wurde. Und diese Derwische...“

Ah! Die alte Rebern! --

* * * * *

Die alte Rebern wünscht „fer zwee Fenn’ge gestoßnen Feffer un e halwes Fund klaren Zucker un -- hehe! -- e Ingwerchen.“ --

Das Ingwerchen ist die Einleitung zu einem gemütlichen Klätschchen, das insofern nicht ohne Wert ist, als die Mutter Rebern den ganzen lokalen Teil des Kreisblattes ersetzt, und die wissenswürdigsten Dinge von ihr am ersten und frischesten zu erfahren sind.

Nu, hinte Nacht hamm se also den Amtsdiener widder mal verdroschen, un der versoffene Edel hat widder mal seine Frau gehaun un de Frau Braunsmillern hat e kleen’ Jungen gekriegt...

Soso! -- Na! -- Es wird am Ende doch Zeit, daß ich meinen Morgenspaziergang erledige ...

Das Rosenfest.

Ach! Meine Moosrose ist aufgeblüht! -- Über Nacht! -- Meine Morgenüberraschung, wie ich aus der Kammer ins Zimmer trete.

Es ist ein trüber Tag, aber trocken. Nur die Wolken hängen so grau und schwer und ruhig. Ein beinahe winterliches Licht. -- Im Ofen flackert das Feuer.

Aber wie ich mich nun, nach dem Mittagessen auf das Sofa gelegt und mir meine Cigarre angezündet habe und die Rose betrachte, ist es ein Fest, ein wahres Fest, das nichts von seiner erhebenden Wirkung einbüßt, weil es ein so stilles und einsames ist. -- Man kommt dahinter, daß sie von der Art die besten sind. --

Schlank! Ein schöner schlanker Stock! -- In diesem gleichmäßig ruhigen Licht, das im Zimmer herrscht. Zart und zierlich mit der reinlichen Form seiner dunkelgrünen Blätter. Und dieser feingezackte Rand! -- Und vor allem die Blüte! -- Schön wie ein Traum! -- Diese eine Blüte mit ihrer gekräuselten Fülle, mit diesem herrlichen Gelb und seinen roten Tönungen nach dem Innern des Kelches zu. --

Die Rose!... Die Blume der schaumgeborenen Aphrodite, vom Blut des geliebten Adonis gefärbt.

Die heilige Blume der Musen und Grazien.

Die heilige Blume des Dionysos.

Lydische Flötenspielerinnen mit Rosen bekränzt.

Sie, in uralten Tschuktschengräbern gefunden, der Liebling und die Freude der Menschen schon vor mehr denn fünftausend Jahren vor unsrer Zeitrechnung! --

Was das alles für Gedankengänge anregt! --

Die Blume der Liebenden. -- Die Liebe. -- Die Liebe eine Krankheit. -- Und der Schmerz! -- --

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Der Schmerz. --

Was fällt mir da ein! --

Es ist Winter und alles ist dicht verschneit. Jeder Laut ist wie von weiten dichten Teppichen gedämpft. -- Es ist ein Tag nach dem Begräbnis. Die Erwachsenen sitzen still oben im Zimmer, in ihren Trauerkleidern, und hängen ihren Gedanken nach. Wir Kinder aber sind auf den Hof hinuntergegangen; diesen großen Gutshof mit seinen verschneiten Stallgebäuden und Wagenreihen. Große Kinder sind wir schon, dicht vor und nach der Konfirmation. Und wie wir nun den schönen weißen Schnee sehen, da löst sich’s uns wie ein Bann und alle Trauer ist vergessen. Hurtig bücken wir uns, und im nächsten Augenblick ist die fröhlichste Schneeballschlacht im Gange. Aber das Lachen und Rufen hat die Wirtsfrau in die Flurthür gelockt, und sie droht mit dem Finger und mahnt mit ernst-lächelnder Miene.

Wir erschraken damals und schämten uns, und einer von uns quälte sich nachher noch lange mit seinen stillen Reuegedanken und hatte seine Betrachtungen, wie schnell man vergißt und -- vergessen wird...

Und doch: wie natürlich das alles war!... Und weiter: es fällt mir in seiner ganzen Bedeutsamkeit das biblische Wort ein: „So ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen!“...

* * * * *

Heimliche Dornenwunden ihr! -- -- --

Ah was doch! Keine sündigere Wonne, als die Wonne an den Schmerzen!...

Ich sehe aus meiner Rose heraus ein schönes starkes Gesicht, ein Gesicht mit runden hellen Sonnenaugen, und in ihnen, zu schönem Maß gebändigt, jenen süßen Wahnsinn, der aller Freude heimlichste Energie bedeutet.

Wie ein Flötenlied prangt diese königliche Blüte, und ich bin in den Gefilden der Schönheit und der Feste und des Vergessens, im Sonnenland eines klugen Rausches...

Der Blumentopf.

Frau Haberland kennt meine Blumenliebhaberei, und so hat sie mir denn auch gleich nach meiner Ankunft einige Blumentöpfe ins Zimmer gestellt: eine schlanke Monatsrose, eine Fuchsia mit der Überfülle ihrer schlanken tiefroten Blütentropfen, ein Heliotrop und vor allen Dingen ein gewaltiges Geranium mit recht knallroten, bauernfröhlichen Blütendolden, daß es eine wahre Herrlichkeit ist.

Der Asch dieses Geraniums ist einigermaßen merkwürdig: nämlich in Bezug auf seine Farben. Zwar reichlich die Hälfte zeigt die natürliche rotgelbe Thonfärbung: die andere aber ist um so interessanter. Da muß wohl mal Farbe auf dem Topf gewesen sein. Freilich hat sich nur noch ein geringer Rest davon erhalten. Denn nicht nur, daß, wie bereits gesagt, die obere Hälfte des Topfes infolge irgend welcher Einflüsse seine Naturfarbe völlig wiederbekommen hat: auch von unten her ist die ehemals aufgetragene, ein lichtes Himmelblau, von Schimmel und feuchtem Schmutz verdrängt, der sich in die Poren des Asches hineingefressen. Das Weißgrau des Schimmels aber ist noch über das Schwarzgrau des Schmutzes, der in breiten Streifen rings um den Asch liegt und dem es allerlei Nüancen gegeben, hinausgedrungen, hat den Rest des schnurrig gezackten ursprünglichen Blau verschont und sich nur in ein paar matten Säumen, Tüpfelchen und Pünktchen um seine Ränder gelegt.

* * * * *

Ja, und nun mußt du frei sein von allem, was dir Sorgen und Gedanken macht und mußt das Auge haben, das nichts will und nichts sieht und doch etwas hat. Aber der bewußte Gedanke hat nichts durch das Auge. Es ist kein Gedanke vorhanden. -- Ich las von den Roßhirten der Pußta. Stundenlang können sie, wenn sie feiern, hingenommen von der stummen Melancholie der weiten Ebene, auf demselben Flecke sitzen, in den hellen Mondnächten, ums Feuer herum. Sie rühren kaum ein Glied, sprechen kein Wort, sitzen nur so da in einer vollkommen animalischen Ruhe und sehen ins Ungewisse, gleichsam wie die Hasen mit offenen Augen schlafend. -- So mußt du sein. Nicht starren dürfen deine Augen. Sie müssen ruhen, ruhen in einer seltsamen Müdigkeit. Aber dennoch bist du so sonderbar wach, und deine Sinne, scheinbar auf nichts gerichtet, sind einem Verborgenen offen, das sie irgendwie wahrnehmen...

* * * * *

Siehst du: jetzt bist du wieder ein kleiner Junge und sitzt auf dem Fensterbrett, und es ist so wunderbar schönes Wetter. Und du guckst nur immer, immer in die Höhe, in den schönen, tiefblauen Himmel hinein, in einen Himmel so tiefblau wie das wundervolle Briefpapier, auf dem dein Vater seine Geschäftskorrespondenzen zu erledigen pflegte. Und alle Deine Sinne sind nur ein einziges unsagbares Wohlgefallen an diesem Blau, an diesem tiefköstlichen Himmelblau...

* * * * *

Aber jetzt ist ja gar nicht mehr Tag: es ist eine Nacht im Süden. Nur ins Endlose dehnt sich noch dieser helle Himmel, und seine wenigen großen Sterne blitzen in so seltener fremder Pracht. Das ganze Land aber ist eine einzige weite Ebene, ganz von einem silberblauen Duft überwebt. Und ein fernes verhaltenes Rauschen der lichten Meeresbreiten.

Alles ist so einsam, eine so tiefe leuchtende Ruhe.

Aber durch das Einsame, hoch, hoch am klaren Himmel kommt ein Wölkchen gezogen, ein einziges langes weißes Wölkchen, ein wunderliches Wölkchen...

Die Dose.

Es ist in der Abenddämmerung. Der rote Sonnenuntergang bringt nur noch ein letztes rosa Licht ins Zimmer, das schon dunkelt. Eben noch so eine Ahnung von einem matten, matten rosa Licht. Mein Sofatisch, der vor dem breiten Pfeiler mitten zwischen den beiden kleinen Fenstern steht, bekommt kaum einen Schimmer ab. Es liegt nur noch so in den Gardinen.

Ich stehe in der einen Fensterecke und habe die Dose im Auge, die auf dem Tisch zwischen dem Schreibgerät steht. Es ist eine gelblackierte Holzdose, ein kleines norwegisches Bauernkunstwerk, eine Schnitzerei, die ich mir „aus der Kultur“ mit hierhergebracht habe in meine verspätete Sommerfrische.

Ja, was nur eigentlich? -- Ah ja! -- Was mich mit einem Mal so an dem Ding fesselt! --

Nun, die Kunst! Die Kunst! -- Die Kunstempfindung! Der Kunstgenuß! --

Es ist sicher schön, wenn man „Kenner“ ist, wenn man das alles auf Regeln bringen, wenn man sich Rechenschaft geben kann, so und so kommts zu stande, auf dem und dem beruht die Wirkung, und wenn das so und so zu stande kommt, ist das und das richtig und das und das verfehlt; und das wird erst der eigentliche und wahre Kunstgenuß genannt...

Aber wie fern mir das jetzt ist! -- Und ich weiß, was das Beste an der Kunst ist. Und das ist diese plötzliche Wirkung eines Kunstwerks, der allererste unsagbare Eindruck, dieser ganz undefinierbare Eindruck, der Kenner und Laien zwingt und bannt, und den kein Kalkül, keine Kritik, keine Theorie ermessen kann. Lebendig empfundenes und gebanntes Leben, das wieder Leben weckt und belebt, tröstet, hebt und so wundersam ins Weite führt. Das, wo nichts mehr zu sagen ist, als das letzte was gesagt werden kann und was unantastbare Mystik ist: erhebende reine Lustempfindung. -- Lustempfindung...

Das ist es: wie diese Arabesken so wundersame Linien in mein Gehirn, in mein Empfinden ziehen, daß sie wieder in mir werden, was sie in jenem Bauern waren. Und das ist das Beste an der Kunst und das Notwendige. Und das ist die Dimension, für die wir ein anderes heimliches Sinnensystem haben, einen verborgenen Sinn, der das letzte ist, an das kein Verstand, kein Wort, keine Analyse und keine Theorie heranreicht, das ewige Aktivum und das letzte wahre Sein.

Haftend an diesen Linien da vor mir, lebe ich im Einzigen und sehe es mit übersinnlichen Augen.

Und ich sehe einen Pfahlbauern, der Kreise, Schlangenlinien und Zacken auf ein Thongefäß malt und stehe vor dem Mysterium erster Kunstbethätigung.

Ja, und stehe so da in diesem rosa Abendlicht und sehe die Dose und bin -- Harmonie...

Herbstblumen.

Die letzten schönen Herbsttage sind im Land. Wie bin ich beglückt, sie in dieser schönen Weltabgeschiedenheit verbringen zu dürfen! --

So gegen Mittag hin, wenn die Sonne fast im Zenith steht, nehm’ ich ein Buch unter den Arm, schreite zwischen dem behaglich gackernden Hühnervolk hin über den kleinen Hof und steige die sechs rissigen Kalksteinstufen neben der Scheune in die Höhe, die zu der kleinen Holzgatterthür hinaufführen, durch die ich in den Hausgarten gelange.

Etwa ein Morgen Land hinter der Scheune. Zur Hälfte Gras- und Obstgarten, zur anderen Hälfte Gemüse- und Blumengarten. Eine dichte Rotdornhecke grenzt den Garten gegen das freie Hügelland ab hinter dem Haus. Die graugelbe Lehmwand der Scheune ist fast gänzlich von Weinlaub überwuchert. Die Fülle der gelblich-grünen und blauen Weintrauben lugt daraus hervor.

Mit einer milden Helle schimmert das Licht auf dem Gras, auf dem gelbenden Laub, auf dem letzten Blumenflor des Jahres. Eine köstlich linde Wärme. Und kein Lüftchen regt sich. Man hört nur die Laute des Geflügels vorn vom Hof her, oder den dumpfen Fall eines Apfels, einer Birne, einer Pflaume in das Gras. Oder das Rucken, Gurren und Flügelklatschen der Tauben auf dem Scheunendach.

Mein Lieblingsplatz ist die Pfeifenkrautlaube hinten im Gemüsegarten, denn da kann sich mein Auge so recht an den vielen Blumen erfreuen. Grüngestrichene Lattenbänke stehen um einen Baumstumpf herum, auf dem ein ausrangierter Mühlstein befestigt ist. Das ist der Tisch. Durch das dichte Gewirr der breiten Blätter dringen die feinen Sonnenstrahlen.

Man läßt sich nieder und in den vielen Pausen zwischen seiner Lektüre blickt man vor sich hin in den Garten...

* * * * *

Da ist zuerst, wie ein hoher Zaun gegen den Obstgarten hin, die lange Reihe der Sonnenblumen. Ihre mächtigen Blütenscheiben mit dem braunen Rund ihrer Körner, um das die gelben Blütenblätter flammen, hängen schwer an den dicken Stengeln nieder. -- Dieses prächtige Gelb leuchten zu sehen!... Drunter, über ein Beet hin kriechen die Kürbisranken mit dem Blaugrün ihrer großen Blätter, zwischen denen die hellgoldgelben Blütenglocken hervorschimmern. Dann ruht der Blick auf den Gemüsebeeten mit ihren Kohlstauden. Die eigentliche Pracht des Gartens aber entfaltet sich auf den Rabatten, die sich an den Buchsbaumeinfassungen der Kieswege hinziehen.

Hier glüht die dunkle Herrlichkeit der braunroten Georginen, der Rosen der Jahreszeit. Hier blinken die weißen und gelben: alle mit diesen zierlichen Trichtern ihrer Blütenblätter. Minutenlang können sie einen bannen, daß man schier weiter nichts denkt, nichts fühlt, als diesen wunderbaren Farbeneindruck. Die letzten Falter taumeln drüber hin. Auch ein prächtiger Schwalbenschwanz hat sich von den grünen Kalkhügeln über die Hecke hier herüber verloren.

Und dann ragen da die hellvioletten Nachtviolen, und mit seidigem Glanz dämmern die dunklen Stäudchen der Heliotropen. Und die vielen Sterne der blauen, weißen, violetten und roten Astern; Geranien, weiße Kamillen, gelbe Studentenblumen, Strohblumen und die letzten Nelken. Sie duften nicht mehr: aber der ganze Gartenwinkel ist bunt wie ein Tuschkasten, und die liebe Sonne hat eine herzhafte Lust, all diese vielen Farben so recht licht und fröhlich leuchten zu lassen.

* * * * *

Es überkommt einen so eine freundliche Müdigkeit. Diese linde, lächelnde Herbstmüdigkeit, mit der all das Sommerleben ringsum in den nahenden Winter hinüberschlummert, teilt sich einem mit. Und dies Gefühl wertet so eigen heimisch und weise mit still erdämmernden Gedanken das Leben. Das hoffende Erwachen des Frühlings, wo das junge Leben mit strotzenden Zellen so dumm-fröhlich sich dem nahenden Lichte zudehnt und sich vor Neugier und Ungeduld in seiner ersten täppischen Frische nicht zu lassen weiß. Und dann steht das uralte, zeugende, nährende, reifende Rund auf der Mittagshöhe des Jahres und die Zeit der Erfüllung ist da. -- Sommerglück! -- Heißes, jubelndes Sommersonnenglück! -- Blüht, prangt, jauchzt in hundert und aberhundert heißen Farben! Duftet und jubelt! Und tausendfältig üppige Reife! -- Aber Licht, zu viel Licht, zu viel heißes Glück und Überschwang des Lebens; an den grellen Tagen, in den warmen sternfunkelnden Nächten. Und in all dem Jubel stöhnt leise der Schmerz allzudrückender Fülle und grollt und brüllt sein süßes Leid aus in dunklen Gewitterstürmen.

O, diese köstliche lächelnde Müdigkeit nun, die an Schlummer denkt und Ruhe; diese Betäubung in Erinnerungen all des treibenden, heißen, glühenden Lebens, dessen letzte Farben blinken in diesem freundlich-heitern, mild-müden Glanz! --

* * * * *

Eine dieser dunklen Georginen liegt vor mir auf dem grauen Stein mitten zwischen bernsteingelbem Weinlaub.

Sie nimmt sich aus wie ein dunkelrubinrotes Kristallgebilde. Auf dem Grund ihrer Blütentrichter vertieft sich die etwas hellere Farbe ihrer Ränder und Spitzen ins schwärzlich-dunkelrote, blauviolette hinein. -- Wie die Farbe eines mystisch-dunklen Auges, das einen so eigentümlich bannt mit einer Stille, von der man mit irgend einem heimlichen inneren Sinne weiß und ahnt, daß sie die unendliche Rastlosigkeit unmeßbarer Vibrationen bedeutet... Gebändigte Leidenschaft, gezähmte, selbstbewahrte, konzentrierte, kluge Freude. Aller Freude, aller Weisheit und alles Wissens von tiefstem Leid und hellster Lust trächtig und ihrer Einheit ein Symbol...

Ich erinnere mich plötzlich an ein Grabmal oben auf unserm Friedhof. Ein hochschlanker Stein in der Form eines oben abgeplatteten Obelisken, von dem in steifen feierlichen Falten ein goldumfranztes Gewand herniederhängt. An der einen Seite ist die Schlange herausgemeisselt, die kreisrunde Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Ich ahne mehr, als daß ich’s weiß und mir erklären kann, wie ich gerade zu dieser Erinnerung komme. -- Und ich beginne mit diesem dunkel verstehenden Ohr auf all die unsagbaren Gewißheiten zu lauschen, von denen dieses Ahnen spricht und deren es trächtig ist, dieses Ahnen, das nicht mit abgemessenen Worten spricht und geformten Gedanken; dieses Ahnen, ein unerschöpflicher Urborn all der verkündeten geoffenbarten, in Worte gefaßten Weisheiten von Urbeginn...

Die dunkle Georgine...

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Die Heliotropen...

Mit den tiefsatten Farben ihrer krausrunden Blätter und ihren feinen Dolden, zwischen denen hier und da ein helleres Weißblau hervorblickt, wenden sie sich der Sonne zu. -- Ich habe mir zuhause ein solches Stäudchen auf ein Stück schwarzen Sammetes sticken lassen und mir diese Stickerei über den Schreibtisch gehängt.

Die hohen Sonnenrosen wenden sich lauter und greller zum Licht, indessen diese violetten Dolden in ihrer bescheidenen Verborgenheit still eine süße Sehnsucht hauchen.

Eine Sehnsucht, für die bald die feuchten Herbststürme brausen werden...

Eine Sehnsucht, die bald ihren Frieden finden wird unter dem blanken Winterschnee...

Die Heliotropen...

* * * * *

Aber diese unverwüstlichen Geranien!...

Leuchten das ganze Jahr mit diesen grellfröhlichen Bauernfarben.

Letzt vergangenen Sonntag haben wir Erntefest gefeiert. Im Gasthaussaal gab’s natürlich Tanzvergnügen. Diese Bauerndirnen alle und Ackerbürgermädchen in ihren grellen, hellfarbigen Kleidern. Klatschrosenrot und cyanenblau... Und oben auf der engen Gallerie siedelten, flöteten und trompeteten die Musikanten, unten aber rauschte und jauchzte die junge Lust und stampfte, drehte sich, schleifte und wirbelte und wurde nicht müde.

Die Geranien...

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Und die Astern! -- Die Herbststerne! --

Sie beginnen schon welk zu werden, und die weißen bekommen hellgelb-braune Spitzen an ihren vielen schmalen Blütenstrahlen.

Die kühlen Nächte mit ihren bleichen Sternen und huschenden Mondlichtern, wenn der Wind über die Hügel und die fahlen Stoppelfelder kommt, um das Haus weht und im Rauchfang singt! --

Das erste Frösteln dieser Nächte und Abende, wenn die ersten Bratäpfel in die Gespräche bei der Lampe zischen und mit ihrem Duft das warme Zimmer erfüllen.

Das Gekrissel der Astern mit ihren welkenden Farben in diesem müden, linden Sonnenlicht! --

Weißgraue Wolken treiben sich da drüben am Himmel umher, schleichen und schieben sich dicht über den fernen Rand der kahlen Felder hin, von denen der scharfe Rauch der ersten Kartoffelfeuer herüberweht. Bald werden sie sich zusammenschieben und ihr trübes gleichmäßiges Grau über den ganzen Himmel ziehen, aus dem der unaufhörliche Regen den ganzen Tag über herniedernäßt, wenn der letzte Apfel, die letzte Birne vorn in der Obstkammer liegt. Dann erlöschen diese letzten freundlichen Farben in ein schmutziges Braun der Verwesung in der feuchten Einsamkeit hier draußen! Und bald glitzern die feinen Sternchen des ersten Reifes.

Die Astern...

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Die Nachtviolen...

Leise schwanken ihre lichtvioletten Dolden und taumeln in diesem sanften Lichtrausch auf ihren schwanken Stengeln, an denen sich Blatt an Blatt fiedert.

Es ist Abend. Einer dieser schönen, hellen Mondabende, die wir jetzt haben, und in denen sich’s immer noch hier draußen aushalten läßt.

Alles ist still. Über den Obstbäumen steht die Scheibe des zunehmenden Mondes, der nun bald voll sein wird. Alle Farben sind in seinem bleichen Lichte erblaßt. Nur das Schwarzbraun des Scheunendaches und das Schwarzgrün der Bäume mit dem blassen stillen Lichtschimmer, der in Flächen draufliegt, sich kraus über das Laub breitet.

Die Hunde kläffen, das Käuzchen ruft und der Nachtwächter tutet in sein Horn.

Die schlanken Stengel ragen ganz still, und auf ihnen geistern die Dolden und glimmen in einer blassen nebligen Farbe. In der tiefen Ruhe lauschen die alten Sagen und Kunkelmärchen mit blassen, irren Augen unterm Mond. -- Dann kreist die Geisterlaterne zwischen dem Bergland um den Galgenhügel, und die Nachtluft geht wie mit Stimmen.

Die Nachtviolen.

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Die gelben Studentennelken...

Richtig! Daß ich’s heut abend bei Leibe nicht versäume in den „goldenen Stern“ zu gehen! -- Des Herrn Bürgermeister dicker Haussohn ist da, der im siebenten Semester _utriusque juris_ beflissen ist und nächstens seinen Referendar „deichseln“ wird. -- Ich werde mit an dem runden Stammtisch sitzen, im Kreis der Herren Honoratioren und mit dem Herrn _cand. jur._ „übers Kreuz“ und „aufs Speziellste sine Löffelung“ trinken und mir von ihm ein bißchen was vorrenommieren lassen.

Ich sehe schon seine kleinen, etwas stumpfsinnigen, wasserblauen Äugelchen, die in den runden Hängebacken verschwinden wollen, auf denen die drei prächtigen „Durchzieher“ wie drei Röslein glühen. Und höchstwahrscheinlich werde ich schändlicher Weise mit ihm und seinem Papa einen soliden Dauerskat „kloppen“...

Das sind hier so meine kleinen kleinstädtischen Herbstabendfreuden mit der stillen Behäbigkeit ihres Philistertums. Man raucht seine Cigarre und trinkt sich nach dem kostbaren Nichtsthun des lieben langen Tages dieser letzten Herbstsommerfrische „die nötige Bettschwere an“... Nun! --

Die gelben Studentenblumen...

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Eins, zwei, drei... Eins, zwei, drei...

In der Scheune wird der Roggen ausgedroschen. Gegen den Hof hin sind die beiden Thorflügel weit geöffnet. Im staubwimmelnden Halblicht stehen in Hemdärmeln die drei Drescher und schwingen im Takt ihre Flegel. Auf den Speichern aber hantieren ihre Weiber, grellbunte Staubtücher um die Haare geknüpft, und werfen ihnen die frischen Garben zu. Draußen vor dem Thor giebt’s ein emsiges Durcheinander von Hühnern, Enten, Tauben und Spatzen.

Am schönsten aber wird das alles erst, wenn der erste Schnee gefallen ist. Winter! --

Der schönste Cherub kommt. Mit weitweißen Weichen Schwingen Schimmert er durchs Dunkel; Kalt, starr und grausig Und -- süß wie der Wille Gottes, Heimatliederumraunt ...

Weltspiel.

Ich durchblätterte einen alten Jahrgang des „~Graphic~“, den mir der Aktuar geliehen und es fiel mir auf, daß kaum in einer anderen mir bekannten Zeitschrift so viel Haupt- und Staatsaktionen, Regierungsakte, Völker- und Sittenbeschreibungen, Kriegsberichte, Ereignisse zu Wasser und Land in Wort und Bild berichtet und geschildert sind, als in diesem „Graphic“.

Als ich den Band, nachdem ich mir seine Illustrationen besehen und dies und jenes gelesen, beiseite legte, befand ich mich in einer ganz eigenartigen Stimmung. Und ich fühlte, wie in ihr sich eine Reihe sehr naheliegender, durch Anschauung und Lektüre angeregter Gedankengänge gleichsam bildlich verdichtete, gleichsam zu einer Vision oder vielmehr zu so etwas, was ich fast eine Vision nennen könnte... denn es war kein deutliches Bild, mit den ganz bestimmten plastischen Eigenschaften eines solchen, sondern mehr das Gefühl eines eigentlich Undefinierbaren und Unbeschreiblichen, für das sich dennoch aber ein bildliches Symbol etwa in einem unablässig fluktuierenden Kristallisationsprozeß finden ließe. --