Stille Welten: Neue Stimmungen aus Dingsda
Part 2
Ein wenig nervös steig’ ich die morschen Kalksteinstufen hinauf zu der schweren, beschlagenen Thür. Wie sie in das Mauerwerk hineingehen, geben sie einen Begriff seiner ungeheuerlichen Dicke.
Das Aufschließen macht Mühe. Das alte Schloß giebt Laute von sich, die mir durch alle Nerven fahren.
Endlich! -- Die Angeln bewegen sich. -- Ein heiserer Baßton, der in einen schrillen Diskant umschlägt in modriges totstilles Dunkel hinein, wie -- aus ihm heraus mir entgegen.
Schwarze Stille! --
Ich trete ein und befinde mich in einem Vorraum.
Eine Art wunderlicher Furcht hat mich ergriffen. Aber sie ist nicht unangenehm. Weil sie mehr eine unwillkürliche plötzliche Erinnerung an jene Knabenfurcht ist, mit der ich mich wohl in der Dunkelheit, gelegentlich eines noch notwendigen Ganges, am Friedhof vorüberdrückte. Die alten dunklen Tannen und Trauereschen und der Ahorn, in dem es so seltsam winselte, pfiff und raunte...
* * * * *
Schrillen und Schilfern um mich herum. --
Wie ich mich vorwärts taste auf so etwas wie eine Treppe zu, die ich in ihren leisen Umrissen mehr errate als sehe, klirrt etwas. -- Es muß Ackergerät sein. Die Leute von der Domäne mögen’s hier untergebracht haben.
Aber jetzt bemerke ich einen leisen Lichtreflex, eine matte Helle. Sie markiert oben die letzten Sprossen einer Leiter, die durch eine viereckige dämmernde Öffnung in einen Oberraum führt.
Mit einigem Mißtrauen, mich so leicht wie möglich machend, klimm’ ich in die Höhe.
* * * * *
Ein saalartiger Raum, von zwei schmalen Luken erhellt. -- Seine Decke ist eingestürzt. Ein paar Fetzen hängen noch an dem Gemäuer herab und von ein paar dicken Balken, die sich schwarz nebeneinander hinqueren. -- Ich habe einen Blick in eine schier endlose Höhe. Kreuz und quer schießen die Lichtstrahlen durch die Luken herein und geben eine mäßige Helle. Hellere Lichter liegen hier und da auf dem Gemäuer, blinken auf riesigen Spinnweben, auf dem vorragenden Stroh eines Genistes. Unausgesetzt, ohrenzerreißend schallt ein Geschrill, Gekrächz, Pfeifen, und das Rauschen und Klatschen der Fittige aus dem Getümmel der Vögel da oben hernieder. Manche fahren bis tief in den halbdunklen Raum herab.
Um mich herum stockt ein dumpfes Dämmern.
Nur die gekreuzten Lichtstrahlen der beiden Luken...
* * * * *
Die dumpfe stickige Luft... Wenn der Wind nicht ein bißchen hereinpfiffe...
Ich beuge mich zu einem mächtigen Block nieder, der schwarzbraun im Licht mitten im Raum steht. Sein ehemaliger grausiger Zweck ist mir sofort klar.
Aber wie ich wieder aufblicke, fahr’ ich zusammen. -- Drüben, in der Ecke, in deren Dunkel ein müder Schein kaum hineindringt, seh ich etwas wie eine gedrungene unförmliche Gestalt, der ein Durcheinander wimmelnder Staubatome grausig so etwas wie eine Bewegung giebt.
Ich fasse mich und trete hinzu.
Die „eiserne Jungfrau“... Jenes scheußlichste aller Marterwerkzeuge; jene plumpe Gestalt einer Weibsperson aus Eisen. An der Seite kann sie geöffnet und aufgeklappt werden; dann finden sich im koncaven Vorderteil lange, großen Nägeln ähnliche Zapfen, die, wenn wieder zugeschlagen wird, dem hineingezwängten Delinquenten durch Augen, Kopf, Herz und Leib dringen.
Und nun gewahr’ ich all das fürchterliche Gerät an den Wänden, unten auf dem Fußboden, gegen die Mauer gelehnt.
Da hängen mächtige harte Geißeln mit Bleikugeln oder zackigen Sternchen aus hartem Metall unten an den Stricken. Da sind Streckapparate, auf denen die Körper der armen Sünder in die Länge gereckt wurden. Da sind eingekerbte, mit stumpfen Spitzen versehene Schraubstöcke, in denen die Daumen zusammengequetscht wurden. Da sind härene Bande zum Zusammenschnüren der Glieder. Da sind die „spanischen Stiefel“. Da ist das „mecklenburgische Instrument“, vermittelst dessen man ein kreuzweises Zusammenpressen der Daumen und großen Zehen ermöglichte. Da sind Bänke und Leitern. Da sind Stricke mit Apparaten, in welche die Hände eingeschraubt wurden. Der Körper hing dann in seiner Schwere von der Decke hernieder, während unten an den Füßen noch jene großen Eisengewichte befestigt wurden, die ich dort in einer Ecke gewahre. Da sind Beile und Zangen und Pfriemen zum Brennen der Gesichter, Weichen und Arme, zum Blenden der Augen. Da ist die „pommersche Mütze“, mit der in einer sehr gefährlichen Weise der Kopf zusammengepreßt wurde. Da ist der „gespickte Hase“...
Und nun seh’ ich auch erst so recht alle die dunklen braunmodrigen Flecke auf dem Estrich, zwischen Staub, Deckenschutt und Vogelkot.
Ich meine, es müsse vertrocknetes Blut sein.
Genug!...
* * * * *
Ah, die Luke! -- Und der schöne Sonnenstrahl! -- Und das Stückchen Himmel! Auf der Kante sitzt ein Vögelchen; sitzt da und zwitschert sein Lied in das Dunkel hinein...
Wieder fort...
Und nur die Einsamkeit! -- Tiefer! Grausiger! -- Mit dem Winseln und Pfauchen des Windes, mit diesem abscheulichen Sausen, Klatschen und Rauschen der Fittige oben und den häßlichen Lauten des Vogelgetümmels.
* * * * *
Minuten gehen...
Meine Phantasie wird lebendig. Ich fange an, Laute zu mißdeuten. Ich meine Knacken von Gliedern, Kettengeklirr, Geräusche arbeitender Werkzeuge zu hören, Stöhnen, Schreie; sehe verzerrte Gesichter, spüre huschende Bewegungen, wie ich dastehe in einer tiefen Starre.
Ich schüttle mich.
Ach, Donnerwetter! Die Fledermäuse natürlich, der Wind, die Vögel, Mäuse... Aber jeder Laut hallt so wieder!...
Ich sitze da und eine Strophe geht mir im Kopf herum, die ich mal gelesen. Mit einem Mal. Es ist, als ob sie jemand in mir Wort für Wort flüstere.
„Der Verzweiflung schriller Schrei Höhnt aus allen Glocken. Aber ewig streut der Mai Seine Blütenflocken!“
Sich in dieses Rätsel zu versenken!...
* * * * *
Auf! --
Ich rücke eins von den Geräten an die Luke, das es mir ermöglicht, mit dem Kopf hinaufzukommen. Ich sehe die goldige Landschaft, Dächer, Bäume, getünchte Mauern, ferne Hügel, Felderbreiten und Waldstriche.
Ein paar Jungens lärmen mit ihren hellen Stimmen draußen umher und blasen auf Schalmeien aus Weidenrinde. Aber die Stimmen und Töne haben so eine wunderliche Nüance, irgend etwas Unsagbares, als ob sie etwas dunkles, Furchtbares vertuschen sollten.
Helle! -- Licht! --
Die Wahrnehmung bringt mich plötzlich auf die Archivräume und den Herr Aktuar mit seinen Träumen von einem freien Reich der Zukunft. -- Der gute Herr Aktuar, der nichts davon haben wird als seinen schönen Traum, der ihn so begeistert! -- Und das goldene Reich mit all seinen freien Bürgern?
Ich sehe nur immer die unheimlichen schwarzbraunen Flecke hinter mir auf dem Boden, von denen ich meine, sie seien Blut; Blut, das nichts wegzubringen vermag! Nie! -- Nie! -- Und ich weiß mit einem Mal, was es mit der Lebensfreude auf sich hat! -- Und ich weiß, woher sich Lieder, Freude und Schönheit gebären!...
Fort! --
* * * * *
Wie schön die Abendsonne blendet! -- Alles so still, so friedlich, so wundersam! Wie ich den Steig hinab taumele, mit pochenden Schläfen und zwinkernden Augen, atme ich so recht von Herzen auf und sehe das gemütliche Honoratiorenzimmer im „Stern“ mit dem großen Rundtisch, mit der riesigen Schnupftabacksdose drauf und dem hölzernen Klingelmesser drüber.
Nun, trotz allem Pessimismus werd’ ich heut abend mit dem Herrn Aktuarius gründlichst das Mittelalter totschlagen.
Jedenfalls: wir werden uns ansehen, froh, wieder beisammen zu sein, werden unser Bier trinken, unsere Cigarren rauchen und plaudern, plaudern...
Logos.
Es war bei der alten Lehmmauer, die sich lang am Gipfel des Klosterberges hinzieht, in dessen Tiefe, ganz in der Nähe der Schloßumwallung, sich der herrliche Klostergarten breitet. Da traf ich mit dem „dummen Joseph“ zusammen. -- Der „dumme Joseph,“ das alte Inventar der Stadt, der Ortsidiot. Eine gute harmlose Seele; nur daß er sich ab und zu seinen Rausch antrinkt. Er haust in einem Winkel des städtischen Armenhauses und verdient sich seine paar Pfennige zum Schnaps durch allerlei Gelegenheitsarbeiten.
Mit seinem chokoladenbraun verwitterten Gesicht, in der olivigen Jacke, in Lederhosen und barfuß, eine alte dicke Wintermütze auf dem Kopf, unter der ihm der Schweiß an den vorlugenden graumelierten Haarspitzen in dicken Tropfen herniederrann, kam er mir entgegen und schob auf einem Schubkarren einen gewaltigen Petroleumballon vor sich her. Augenscheinlich war er, ob infolge eines kleinen Spitzes oder weil die Bälge ausnahmsweise mal nicht hinter ihm her waren, außerordentlich aufgeräumt. Denn schon von weitem hatte ich ihn brüllen hören und war bald zu der Annahme gekommen, daß das Gesang bedeuten sollte: nur war es mir noch nicht möglich gewesen, irgend so etwas wie einen Text wegzubekommen. Als ich indessen bei der Lehmmauer mit ihm zusammentraf, da hörte ich, wie er nach einer fürchterlichen Gassenhauermelodie immer ein und dieselben vier Worte sang. Und wie wir schon, er nach der Stadt, ich nach der Schloßgrabenbrücke zu, ein ganzes Stück auseinander waren, hörte ich immer noch die vier Worte:
„Mein Ziel ist Gott! -- Mein Ziel ist Gott! -- Mein Ziel ist Gott!“
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Was?! -- Der See?! --
Wie in aller Welt war ich gerade hierher geraten?! -- Richtig! Jetzt saß ich in Nachbar Schraube seinem großen Fischerkahn, ganz vorn an der Spitze. Sie ragte gerade aus dem Schilf heraus in das kräuselnde Smaragdgrün des Wassers hinein, in all die zahllosen, weit hüpfenden goldenen Sonnenflämmchen... Und spüre, wie’s mich schaukelt... Der Kahn? Ein Wort? Vier Worte?... Genau die vier Worte des „dummen Joseph“. Aber eigentlich: Worte? Nein! Ich weiß selbst nicht...
Ach, nur immer dies Wiegen und die fern verschleierte Weite des feinen Wellenspiels... Immer dies sanfte, monoton einlullende Plätschern an den feuchten Wänden des Kahns... Das Wispern im Schilf... Und so ein Staunen... So halb Grauen, halb Lust...
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Horch!
O, dies leise Schwirren der Luft über die kräuselnde Fläche hin! -- -- --
Warum spricht es nur immer in mir so leise und heimlich: „Wort“? „Wort“?...
Ich liege mit dem Kopf über Bord und alles geht mir so wohlig durcheinander.
Wort?
Aber nein! Nun ist es mit einem Mal eine Vorstellung, eine Erinnerung.
In der Einsamkeit steh’ ich am Strand. Bis dicht zu meinen Füßen treibt eine Boe meterhohe Wellen aus der dunklen stahlblauen Ferne mit mächtigen Schaumkämmen schräg gegen den Strand, und ich höre das unaufhörliche donnerartige Bersten der aufgestauten Gewässer auf dem harten Ufersand. Ich höre das Pfeifen, Zausen und Winseln des Windes, der dunkelgeballtes Gewölk jagt und in dem starren Dünenhafer zischt. Ich spüre diesen eigentümlichen Thrangeruch und höre das schrille Jauchzen der Möven: immer „tjäh!“ -- „tjäh!“ -- „tjäh!“, das so sehr an den Grundtyp der Anwohnersprache erinnert. Aber alles verschlingt und übertäubt dieses eine ungeheure Rollen, Donnern, Brüllen der berstenden Wassermassen.
Das Wort!... Wort!... Logos!...
* * * * *
Wort. -- Urlaut. -- Bewegung... Anorganisch und Organisch... Entwicklung... Einheit...
Still! --
O, wie köstlich! -- Ich höre die feinen, leisen Laute, hervorgebracht von den Wassermolekülen, die durch den frischen Luftstrom in Bewegung gesetzt sind. Ich höre, mein Ohr neigend, das unendlich feine Zischen und Gären der befeuchteten Ufererde, wenn sich der kräuselnde Wellendrang zurückzieht; höre es raunen, wie ein Geheimnis... Und weiter hört meine folgernde Vernunft mit geheimen Ohren die leisen Geräusche der sich einenden und lösenden Elemente, hör’ ich die sich entbindenden Massen der Elektrizität, brüllende Sturmlaute über die Länder hin, Regengeriesel und Donnern der Lawinen und die vielen Laute und Stimmen der Tiere und das Wort, das menschliche Wort, die Sprache in ihren tausend Verfeinerungen. -- Und alles ist ganz gleich und einerlei und dasselbe: Bewegung, Laut, Wort, Sinn. Alles gleich und alles dasselbe eine Wandeln... Alles gleich!...
O, nur die Wellen, die weitschimmernde Fläche und die tanzenden Flämmchen, und die Wellen, die plätschernden raunenden Wellen...
* * * * *
„Herr Dokter!“
Ich fahre herum.
Meister Schraube! In persona! -- Mit seinem gutmütigen braunen Gesicht, mit dem Pfeifenstummel und der „Maurerfreese“.
Ach, nun weiß ich: wir wollten ja alle beide ’nausfahren und Reusen legen!
Meister Schraube bedauert, daß er sich verspätet hat.
„Jedenfalls, ich bin hier beinah’ umgekommen vor Langeweile!“
Die Kette klirrt vom Pflock. -- Ruder eingesetzt! -- Los!...
Im Laden.
Ich sitze auf einem Korinthenfaß und sehe zu, wie Herr Haberland verkauft.
Wunder meinte ich, wie früh ich heute aufgestanden wäre, aber Herr Haberland ist nun schon reichlich eine Stunde auf den Beinen und hat hinter seinem Ladentisch alle Hände voll zu thun.
Es geht mir so durch den Sinn: ich weiß nicht, ob es gerade nötig ist zu wissen, daß es einen lieben Gott giebt: sicher ist es von nöten, daß zum Beispiel Herr Haberland heute für so und so viel Reichsmark Ware umsetzt. Vielleicht komme ich darauf, weil Herr Haberland so privatim ein bißchen Freigeist ist; vielleicht aber bringt mich auch seine Geschäftigkeit auf diesen Einfall.
Denn das ist ein wahres Vergnügen, ihm zuzusehen!
Diese nervöse Beweglichkeit paßt ganz zu einem Wuchs: die Ladentischkante reicht ihm bis über den Bauch, der übrigens ein sehr diskreter Bestandteil seiner Persönlichkeit ist und sich in diesem Augenblicke hinter der grünen Schürze verbirgt. Die grüne Latzschürze mit der Messingkette. -- Wer hat in seinem Leben noch nicht einen kleinstädtischen Krämer in dieser Schürze vor seiner Ladenthür das duftende Kaffeesieb schwenken gesehn! -- Es ist einer der herzerquickendsten und weltversöhnendsten Anblicke, die man genießen kann! -- Immer hat Herr Haberland übrigens diese Schürze nicht vorgebunden. Aber er will nachher, wenn seine Madame aufgestanden sein wird, hinten in der Niederlage noch Petroleum auf Flaschen füllen; denn er verkauft Petroleum nicht direkt vom Faß, sondern in Flaschen; eine Neuerung im Petroleumverkauf, die sehr praktisch sein soll, und die er, findiger Kopf und Fortschrittsfreund, der er ist, da neulich von einer Geschäftsreise nach der nächsten Großstadt hierher nach Dingsda importiert hat.
Aber nichts Prachtvolleres als sein Kopf! Dieser mächtige Schädel mit diesem geweckten vifen Gesicht! Eine hohe kahle Stirn, und schlichtblondes Haar rahmt eine Glatze ein, rund und spiegelnd wie eine Billardkugel. Aber sie ist jetzt nicht zu sehn, denn Herr Haberland hat seine graue Ladenmütze auf. Eine runde Kappenmütze mit einem gewaltigen Schirm, der spitz wie ein Schnepfenschnabel vorspringt. Er hat sie schief und verwogen auf der linken Seite, und sie ist tief heruntergezogen. Unter der behaglichen Nase starrt eine rote Schnurrbartraupe, und vor den gescheiten grauen Augen funkeln und blitzen die beiden Brillengläser.
Und dieser Blick vor allem! Dieser Blick! Noch nie hab’ ich mein Lebtag einen so komplizierten Blick gesehn! -- Da ist Humor, Leutseligkeit, diskrete Ironie und Witz, denn die Kunden werden von Herrn Haberland in ihren diversen charakteristischen Eigentümlichkeiten ebenso genossen, wie sie von ihm unterhalten sein wollen und müssen; da ist vor allem „das Geschäft“; da ist eine unwillkürliche Aufmerksamkeit, daß die Ware richtig verabreicht wird, und das alles und wer weiß, was noch? liegt in diesem Blick...
* * * * *
Vornehmlich hat Herr Haberland augenblicklich hinter dem kleinen Branntweinausschank zu thun, denn die ersten Kunden des Tages sind zu bedienen, und das sind die Arbeiter, die in aller Frühe in die Kalksteinbrüche hinausmüssen, weit draußen in den Thalsenkungen der Berge. Dort arbeiten sie den lieben langen Tag über bis in den Abend hinein für ihre anderthalb oder zwei Mark, und da ist es begreiflich, daß sie sich ihren „Schluck“ mitnehmen müssen, der von Herrn Haberland sehr geschickt aus der großen Glasflasche in die Zinnnöselchen und aus ihnen in das Fläschchen praktiziert wird, das sie ihm hinreichen. -- Natürlich holen sie auf Borg. Sie kommen dann aber auch noch mal am Abend mit vor; und dann stehen sie vor dem Ladentisch oder sitzen auf der Bank an der hellgetünchten Wand und „genehmigen“ sich noch „einen“ vorm Schlafengehen, und wer’s von ihnen etwas näher an den Nabob heranhat, leistet sich wohl auch noch den Luxus einer Fünfpfennigcigarre. Am Sonnabend wird dann alles „glatt gemacht“.
Also diese Arbeiter. -- Es ist selbstverständlich, daß sie alle nach der Reihe Sozialdemokraten sind. Deshalb ist Herrn Haberlands Benehmen augenblicklich im allgemeinen auch etwas reservierter. In etwas! Denn es ist selbstverständlich, daß das „Geschäft“ die Hauptsache ist.
Ja, das „Geschäft“! -- Ich bewundere die Macht dieses „Geschäftes“. Denn so verschieden die politischen Ansichten Herrn Haberlands und dieser Leute auch sein mögen, und man weiß ja, wie die Politik den Charakter verdirbt und die Leidenschaften incitiert: das „Geschäft“ hat hier einen Altruismus zu Wege gebracht, der sich in einer teils allgemein humanen, teils sogar humorvollen Verkehrsweise Herrn Haberlands darthut und dessen ethische Qualitäten unverkennbar sind...
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Diese Arbeiter! -- Romantisch! -- Pittoresk! -- Alles, was in Dir Maler ist, hat seine Augenweide; denn an ihren Kleidern kannst Du die ergiebigsten Farbenstudien machen. Vornehmlich sind es diese Übergangsfarben. -- Alles, was Du da in einem Nest wie Berlin „unter den Linden“ und in der „Leipziger Straße“ und „Friedrichsstraße“, in Theatern, Konzertsälen, in Gesellschaften und Zirkeln herumprunken siehst, ist entschieden eine ganz gewöhnliche Farbenplebs gegen den intimen Zauber dieser Tönungen.
Da ist vor allem jenes bekannte Olivengrün. Wie es sich dort über das breite Schulterstück eines gekrümmten Rückens aus einem Rotbraun herausspielt, im Strahl der Morgensonne in ein feines Gelb hinein! Die Couleuren einer Lederhose; die Nüancierung jenes ehemals weißen Maurerpantalons; das zartverblichene Blau jenes Leinenflickens auf den friesigen zerschlissenen Halbpaletots da! Nun, und was alles diese geheimen Meisterstücke atmosphärilischer Farbentechnik sind!...
Diese Arbeiter mit ihren rotbraunen Gesichtern! Diese schwieligen Hände mit ihren krummen ungefügen Fingern und ihrer Behaarung! Dieser Duft nach Rippenknaster, Branntwein und frischer Bergluft!...
Und die Gestalten! -- Denn siehst Du: so führen die Fäuste die Steinpicke, die Schaufel, das Brecheisen, langsam, bedächtig, zweckmäßig, Stoß für Stoß, immer in dem gleichen festgewohnten Rhythmus der Bewegungen; so schieben sie die Karren, den Schienenwagen, und so geben diese Bewegungen dem Rücken diese Krümmung, biegen sie die Beine, formen sie die Mienen der Gesichter, bedingen sie diesen müden und schleppenden Gang, in dem doch Kraft ist.
Schade nur, daß sie, wie gesagt, alle nach der Naht Sozialdemokraten sind, diese gefährliche neumodische Menschensorte die „teilen“ will!...
* * * * *
Sie sind fort. -- Langsam schleppen sie sich, ihre schäbigen Ledertaschen über die Schulter, den Steig zu den Hügeln hinauf, und die Rauchwölkchen aus ihren Kurzpfeifen kräuseln sich fein und blau in die helle Morgenfrische.
Hm! -- Nun ja! --
Ich stopfe mir Shag in meinen Stummel und zünde mir eine Morgenpfeife an, und Herr Haberland klebt an seinen Düten weiter. -- Große Düten, mittelgroße Düten, kleine und kleinste Düten. Spitze Düten und eckige Düten. Blaue, graue, gelbe und weiße Düten. -- In vier langen Reihen bedecken sie den Ladentisch in einer Weise, daß Herr Haberland den Pinsel nur in den Kleistertopf zu tunken und, während er die eine seiner großen dürren Hände drüber spreizt, mit ihm drüber hinzufahren braucht. Man hat dann nur noch nötig den bekleisterten Rand so einer Düte umzudrücken und sie ist fertig. --
Die Sonne blinkert so friedsam auf den Schnaps- und Likörflaschen. -- Und die schönen blauen Zuckerhüte mit ihren weißen Spitzen! Und die blitzblanke Messingwage! --
„Ja! -- Gute Kunden! -- Aber Sozialdemokraten! -- Aber freilich: so schuften müssen den ganzen Tag für kaum zwei Mark, in Wind und Wetter und Sonnenglut?!“
„Ja ja!“...
Und große Pause...
* * * * *
Bimmelimbimbimbimbimbim...
Die letzten Bimbims in immer beschleunigterer Tonfolge.
„Na, mei Maischen?“
Herr Haberland hat sich mit seinem freundlichsten Gesicht zur Ladentischkante heruntergebeugt, an die sich ein paar kleine Patschpfoten klammern und über der ein Busch strohgelber Haare über zwei eifrigen Guckaugen sichtbar ist.
„Fer -- fer -- fer -- fer -- e -- Groschen -- Semmeln, un -- un -- un e Pfund Reis, un -- un -- un -- Pompom?“
„Pompom“ ganz leise, das Fingerspitzchen am Munde, die Augen mit einem scheuen Seitenblick von unten ’rauf zu meiner Hochwohlgeboren hin gesprochen, halb Hoffnung, halb Resignation und doch Wagemut. Es bleibt Herrn Haberland überlassen dies „Pompom“ in der Einzahl oder der Mehrzahl zu nehmen. --
-- „Dä, mei Puttaibchen!“
Das „Puttaibchen“ sockt, die Patschhand inbrünstig um seine „Pompoms“ gepreßt, ab.
* * * * *
Und nun wieder nur Herr Haberland in seiner müllergrauen Gewandung, in seiner grünen Schürze, mit den blitzenden Brillengläsern und der roten Schnurrbartraupe, blond, und flink auf seinen dünnen Beinchen mit dem Kleisterpinsel über das Dütenpapier hinhantierend; die Morgensonne, und vom Hofe her, durch das geöffnete Fenster hinten das Gackeln der Hühner, das Meckern von Madame Haberlands Hausziegen und ein lebhaftes Grunzduett aus dem Schweinekofen, wo Jette das erste Frühstück zu servieren scheint. -- Und das Stillleben der braunen Kasten und Regale, die in ihrem ehrwürdigen Alter schon ein bißchen wurmstichig sind. Die weißen Zettelchen drauf. Die Fässer mit den Heringen, den sauren Gurken, dem Pflaumenmus, der grünen Seife. Die Posamentenecke mit ihren bunten Wollwickeln, den langen Zwirnsträhnen, den Knöpfen, Nadelpäckchen und Garnwickeln. Und so ein unbestimmter Mischgeruch von alledem, in den der Kaffee sein dämpfendes Aroma hineinwebt.
Meine Pfeife hat guten Zug; das macht mich gesprächig, und ich beschließe, inspiriert vom Duft des Kaffeesackes, Herrn Haberland etwas vorzurhapsodieren. Er liebt das außerordentlich, denn niemand kann mehr für Bildung sein als er. Und für das „Romantische“...
„Ja! -- Nu, das wissen Sie, wer den Kaffee aufgebracht hat?“
Herr Haberland, ohne von seinen Düten aufzusehen, mit einem teils ermunternden, teils erwartungsvollen Lächeln: „Nee!“...
„Nu, das war im fünfzehnten Jahrhundert...“
„Als wir vierzehnhundert schrieben?“
„Wohl! -- Also da reiste ein würdiger Mann und Mufti, Gemal Eddin von Aden nach Adjam...“
„Nee, warten Se mal: Mufti?“
„Gott, irgend so ein mohammedanischer Bonze und Rechtsgelehrter...“
„Hm!“
„Also dieser Gemal Eddin war als eine berühmte Autorität von Adjams Kadi, respektive Amtsrichter, zitiert, in einer besonders verwickelten Rechtsangelegenheit sein Gutachten abzugeben. Die beiden Herrn sitzen nun nach Erledigung der pp Angelegenheit um die Zeit, da der Tag kühl wurde, im Schatten des Hofsäulenganges auf ihrem Teppich und rauchen ihren Tschibuk; der Springbrunnen plätschert, der blaue Rauch steigt gegen die Palmenkronen empor et cetera pp verstehen Sie. Da erscheint der pechrabenschwarze Mohr des Hauses und setzt ein dampfendes Getränk vor ihnen nieder. Der Kadi schmunzelt, kneift seine Äugelchen und weidet sich an dem Staunen seines Gastes, der mit verwunderten Blicken das tiefbraune zitternde Getränk betrachtet und mit weit und wohlig geöffneten Nüstern sein kostbares Aroma einsaugt ...“
„Also das erste Schälchen Heeßen, hähä!“