Stille Kämpfer: Roman

Part 8

Chapter 81,976 wordsPublic domain

Es war, als hätte der Schrei die fliehende Seele zurückgehalten, langsam öffnete Michael die Augen, mit leerem, fremdem Blick ruhten sie auf dem Geistlichen, der seine Hände krampfhaft umklammerte, mit versagender Stimme flüsterte: »Mein Sohn, vergieb, ach, vergieb!«

»Vater, lieber, lieber Vater,« wie ein Hauch nur klangen die Worte, ein leises, friedliches Lächeln verklärte das Gesicht des Todwunden, »ach, nun ist alles gut -- mir ist so wohl -- Tabea -- Vater -- ich --« die Augen schlossen sich wieder, immer leiser wurde der Atem -- ein kurzes Röcheln -- ein Ruck ging durch die Gestalt -- die Hand, die der Alte in der seinen hielt, wurde eiskalt. --

»Michael, mein Sohn,« mit einem Aufschrei brach der Vater neben dem Toten zusammen, er preßte seine runzelige Wange an die eiskalte des Sohnes, er umklammerte krampfhaft dessen Finger, er küßte die kalten Lippen und weinte. --

Am Himmel war strahlend das Frührot aufgeflammt, die ersten Laute erwachenden Lebens drangen in das stille Sterbezimmer, aber der alte Mann, der dort Totenwache hielt, saß zusammengebrochen bei der verlöschenden Lampe und sah nicht den Schimmer des jungen Tages. Erst als ein Wagen vor dem Hause hielt, ein rascher, junger Schritt: sich dem Zimmer näherte, fuhr er auf, er strich sich mit der Hand über die Augen und ging gebeugt, mit müden Schritten, dem eintretenden Arzt entgegen.

»Sie kommen zu spät, Herr Doktor,« sagte er mit klangloser Stimme, »es ist vorbei!«

Der Arzt trat rasch näher. »Ja, ich komme zu spät,« bestätigte er, »ein schrecklicher Fall, der Mann, der mich holte, hat mir berichtet.« Er neigte sich über den Toten und untersuchte die Wunde. »Verblutung, der Mann wäre bei sofortiger Hilfe wohl noch zu retten gewesen, ich komme in Wahrheit zu spät!«

»Zu spät,« wiederholte der Geistliche, immer mit derselben tonlosen Stimme, »wir kommen oft zu spät im Leben und der Tote hat nun den Frieden.«

Teilnahmsvoll betrachtete Dr. Werner das Gesicht des alten Mannes. »Sie sind sehr erschüttert, Herr Propst, stand Ihnen der Verstorbene nahe?«

»Ja, sehr nahe,« sagte der Alte mit seltsam wehem Lächeln, sanft über die Stirn des Toten streichend, »ich habe ihn lieb gehabt, aber ich kam auch zu spät!«

Beinahe gleichgültig beantwortete er dann noch einige Fragen des Arztes. Als dieser sich bald verabschiedete, nahm er dessen Hand in die seine und sagte: »Sie sind verlobt mit Maria von Leninska, Gott segne Ihren Bund und bewahre Sie vor dem Zuspät, noch einmal, Gott segne Sie!« Er drückte dem Überraschten die Hand und ging ohne ein weiteres Wort in sein Zimmer zurück, dort setzte er sich an seinen Schreibtisch und schrieb ein Entlassungsgesuch, er sei alt und müde seines Amtes.

* * * * *

Wenige Tage nach dem Ball nahm Gräfin Jusia Abschied von Schloß Lochowo, sie folgte einer dringenden Einladung der Gräfin Wanda Sucholska, einer Tante des Grafen Kasimir, die in ihr die Tochter einer teuren Jugendfreundin gefunden hatte und sie nun gebeten, einige Wochen ihr Gast zu sein; viel hatte zu dieser Aufforderung Graf Kasimir beigetragen.

Frohlockend begrüßte Jusia die ersehnte Veränderung, den Anfang eines neuen Lebens. Der Abschied von der Misère des alten, dachte sie, da sie den Leninskis Lebewohl sagte. Ein wortreicher, thränenvoller Abschied; Jusia Potocka rühmte so viel, wie entzückend die Wochen ihres Aufenthaltes auf Lochowo gewesen sei, daß sie sie nie vergessen würde, daß Herr von Leninski in seiner Harmlosigkeit sich wunderte, warum sie da schon abfuhr, wenn es ihr doch so gut gefallen hätte.

Frau Halinka war sehr liebenswürdig, obgleich sie im Grunde wünschte, der Gast hätte nie ihre Schwelle betreten, denn in ihrer Absicht hatte es nicht gelegen, eine Verbindung Jusias mit Graf Sucholski zu fördern und so sagte sie in aufrichtigem Schmerz:

»Die heilige Jungfrau schütze Sie, mein teures Kind, und wenn Lochowo für Sie der Anfang eines Glückes bedeuten sollte, so seien Sie überzeugt, daß es niemand mehr freuen würde, wie mich.«

Maria gab der Scheidenden nur kühl die Hand, während Kasia unter strömenden Thränen mit in den Wagen stieg, für sie bedeutete der Abschied wieder der Anfang einer Zeit voll trostloser Langerweile, sie weinte so herzbrechend, daß Jusia flüchtiges Mitleid fühlte.

»Sei ruhig, Kleine,« sagte sie, »ich verspreche Dir, ich lade Dich auf einige Zeit zu mir, wenn -- ich erst am Ziel bin, vielleicht nächsten Frühling nach Nizza, wenn Du nicht vorziehst, zu Deiner Schwester, der Frau Doktorin nach Dingsda zu reisen und Dich an dem Glück in der Hütte zu erfreuen.«

»Oh pfui, Jusia,« halb lachend, halb weinend rief es Kasia, »spotte nicht über unser Unglück, oh, wäre ich an Marias Stelle gewesen, nie hätte ich ja gesagt, ich begreife auch nicht, daß die Eltern nun doch ihre Zustimmung gegeben haben.«

»Ach, Kleine, ereifre Dich doch nicht, jeder nach seinem Geschmack, laß doch Deiner Schwester ihr kleines Glück, es muß auch Menschen geben, die sich einbilden, ohne die sogenannte Liebe nicht leben zu können.«

Durch die Luft zog ein Ton, ein melancholischer, dünner Glockenklang.

»Die Totenglocke,« sagte Kasia, »sie begraben wohl den Wisniewski, Papa hat doch Recht behalten, sie haben ihn erschlagen. Aber mein Himmel! Jusia, was fehlt Dir, bist Du krank, Du siehst erschreckend blaß aus?«

»Nichts, danke, danke,« wehrte Jusia die besorgte Freundin ab, »es friert mich nur!« Sie schauerte zusammen trotz der sengenden Sonnenhitze und preßte die Hände an die Ohren. »Ich kann diese Töne heute nicht vertragen, sie klingen so disharmonisch, bitte, Kasia, sage dem Kutscher, er soll schneller fahren, ich will fort, so rasch wie möglich.«

»Wirklich, Jusia, Du bist krank, Du siehst furchtbar elend aus, wollen wir umkehren?«

»Nein, nur fort, fort, schau mich nicht so entsetzt an, Kleine, ich bin nervös, weiter nichts, und Eure Glocke ist so entsetzlich verstimmt.«

Der Kutscher hob die Peitsche, immer rascher fuhr der Wagen dahin, immer entfernter klang der melancholische Laut, bis er zuletzt dem eilenden Wagen nicht mehr zu folgen vermochte; aber Jusia Potocka hörte ihn noch, als längst Lochowo hinter ihr lag.

Auf der staubigen Dorfstraße entlang trugen sie Michael Wisniewski zur letzten Ruhe; wer irgend konnte, ging mit, that es doch Propst Ryback selbst, also mußte der Tote wohl versöhnt im alten Glauben gestorben sein, denn sonst würde der Propst doch nicht als Geistlicher mitgehen. Benjamin Jakobeit fehlte im Trauergefolge, er war am Tag nach Michaels Tod abgereist, wohin wußte niemand. Die Leute erzählten sich flüsternd, daß er sich geweigert hätte, die Propstei zu betreten, und verlangt, der Tote sollte in sein eigenes Haus gebracht werden, aber der Propst hatte es nicht geduldet, und so war Benjamin fortgezogen, wie die Leute sagten, nach Amerika, ohne noch einmal den toten Freund gesehen zu haben. Das Haus mit dem blühenden Garten stand verwaist.

Auf dem kleinen, halbverwilderten Dorfkirchhof hatten sie dem Toten das Grab bereitet an der Seite seiner Mutter. Die Totenglocke läutete mit ihrem müden, zitternden Klang, als Propst Ryback an das offene Grab trat und mit leiser Stimme ein Gebet sprach.

»Ruhe in Frieden, Michael Wisniewski, in dem Frieden, den Du vergeblich gesucht unter heißen Schmerzen auf dieser Erde, wir alle sind arme, irrende, fehlende Friedenssucher, stille Kämpfer auf dieser Erde, ach, rechne uns unser Fehlen nicht an und nimm uns auf in Deinen Frieden, Du barmherziger Gott,« sagte der alte Mann am Schlusse des Gebetes mehr zu sich, als zu den Leuten, die in stumpfer Gleichgiltigkeit dabei standen und kaum den Sinn der Worte erfaßten.

Die kurze Feier war zu Ende, die Frauen hatten einige Thränen geweint, wie es sich so schickte, dann hatten sie Alle dem Toten drei Hände voll Erde nachgeworfen und waren heimgegangen mit dem stolzen Bewußtsein, ein gutes Werk gethan zu haben.

Propst Ryback hatte auch den Friedhof verlassen und war die sonnige Landstraße weiter gegangen, bis an das alte Muttergottesbild am Weg, da hatte er sich müde auf einen Stein gesetzt und seine Blicke schweiften nach dem Dorfe hin, das im grellen Sonnenlicht dalag. Seine Augen umfassen das sonnige Landschaftsbild, drüben schimmert wie ein leuchtendes Auge der See, zur Seite zieht sich der Wald hin, in dessen Grün bereits die ersten bunten Herbstfarben aufflammen. Er sieht den weißen, staubigen Weg, wie der sich in der Ferne verliert, in wenigen Tagen wird er ihn zum letztenmal befahren, dann wird er für immer sein stilles Priesterhaus verlassen, die Gemeinde, in der er so lange gewirkt, das stille Grab auf dem Friedhof. Aber die Erinnerung daran wird er mitnehmen in seine einsame Klosterzelle, fern im ewigen Rom. Ruhe will er dort suchen für die letzten Tage seines Lebens; er wird dort von seiner Zelle aus auf die sonnigen Höhen des Sabinergebirges sehen können, und doch weiß er, daß er sich unsagbar sehnen wird nach dem stillen Dorf mit seinen kleinen, schmutzigen Häusern, seiner staubigen Landstraße, nach all den Menschen, unter denen er bisher gelebt. Einsam wird er seines Weges gehen und einsam sterben! Er denkt an die junge Braut dort oben im Dorf auf dem Sande, ach, könnte er doch zu ihr gehen und bitten: »Habe mich lieb um des Toten willen, lass' mich nicht allein in der Einsamkeit meines Herzens!«

»Oh, nur ein wenig Liebe,« murmelt er, »nur jemand auf der großen Welt, der mir ein wenig Liebe schenkt.«

So sitzt er und sinnt, bis junge, frohe Stimmen an sein Ohr schlagen, er sieht auf und sieht Maria von Leninska mit ihrem Bräutigam Arm in Arm daherkommen. Sie bleiben stehen, als sie den Geistlichen gewahren, und Maria zieht, wie sie als Kind gewohnt war, die Hand desselben an ihre Lippen.

»Sie wollen uns verlassen, sagte Papa, ist es wahr?« Sie sieht fragend zu ihm auf.

»Ja, meine Tochter, ich bin alt und müde und sehne mich nach Ruhe, Du aber gehst dem Glück entgegen, Gott geleite Dich!«

Er will von dannen gehen, da faßt Maria noch einmal seine Hand und sagt:

»Ich danke Ihnen noch für die guten Worte, die Sie bei Mama für mich eingelegt haben, ich werde Sie nie vergessen, mein treuer, väterlicher Freund,« und noch einmal küßt sie innig seine Hand.

Auch Heinz Werner ergreift dieselbe und sagt warm: »Lassen Sie sich auch von mir danken, Sie haben mir zu meinem Glück verholfen.«

»Gott segne Euch,« murmelt der alte Mann und wendet sich hastig ab, die beiden gehen weiter Hand in Hand, ihre klaren Stimmen schallen noch zu dem Einsamen hin, der, an das hölzerne Bild gelehnt, ihnen nachblickt, wie sie so jung, so kraftvoll und mutig, so stolz in ihrer Liebe dahinschreiten.

In die große Traurigkeit seines Herzens ist ein heller Strahl gefallen und er weiß, daß er dies Bild in der Erinnerung behalten wird, diese glücklichen, jungen Menschen, die seiner in Liebe gedenken.

* * * * * *

Weitere Hinweise zur Transkription

Der Schmutztitel wurde entfernt.

Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.

Textkorrekturen:

S. 5: knöchere zu knöcherne (Seine schmale, knöcherne Hand ...)

S. 7: herzzereißend zu herzzerreißend (... so herzzerreißend in seinem Jammer)

S. 32: Empire zu Empire- (... kostbare Empire- und Rokokomöbel ...) heraus zu herauf (... kam diese schon die Treppe herauf)

S. 33: cher zu chère (Oh, chére tante!)

S. 46: sie zu Sie (... unglückliche Mutter.« Sie haucht ...)

S. 56: halben zu halbem (... mit halbem Lächeln)

S. 60: chêre zu chère (Chacqu'un à son goût, ma chère, ...)

S. 66: chere zu chère (Lebe wohl, chère tante, ...)

S. 68: den zu denn (woher hat denn sie ...)

S. 71: erzittterte zu erzitterte (Jusia erzitterte ...)

S. 72: Amelie zu Amélie (... und wenn Tante Amélie mich sehe ...) Michals zu Michaels (... befreite sie sich aus Michaels Armen.) worwärts zu vorwärts (..., um vorwärts zu kommen, ...)

S. 74: durchnäst zu durchnäßt (..., völlig durchnäßt, ...)

S. 76: schilst zu schiltst (..., schiltst mich einen Ketzer ...) Vater zu Vaters (... die Brust des Vaters ...)

S. 80: ihrem zu ihren (... auf Sie, ihren alten Lehrer ...)

S. 81: Armen zu Amen (In Ewigkeit, Amen ...)

S. 89: Amelie zu Amélie (..., wenn Tante Amélie ...)

S. 98: prikelnde zu prickelnde (... prickelnde Lebenslust ...)

S. 103: Nachstunde zu Nachtstunde (... trotz der späten Nachtstunde ...)

S. 105: Händeringend zu händeringend (... stürzte händeringend hervor ...)

S. 106: rieß zu riß (Er riß nur mit zitternden Fingern ...)

S. 113: Jakubeit zu Jakobeit (Benjamin Jakobeit fehlte ...)

Die beiden Schreibweisen Probst und Propst wurden zu Propst vereinheitlicht.