Stille Kämpfer: Roman

Part 6

Chapter 63,869 wordsPublic domain

* * * * *

Noch immer herrschte eine schwüle Stimmung auf Lochowo, Frau von Leninska ging herum mit der Miene einer trauernden Niobe, sie hüllte sich gegen Maria und gegen ihren Gatten, der zu ihrer Empörung ordentlich zärtlich zu ersterer war, in eisiges Schweigen; nur gegen Jusia und Kasia war sie milde. Selten wohnte sie den Mahlzeiten bei, sie lag in ihrem Boudoir, eine Schale Konfekt neben sich, und studierte die neuen Modezeitungen, neben diesen aber lag offen ihr Gebetbuch und ihr Rosenkranz und sobald ihr Gatte oder Maria das Zimmer betraten, griff sie danach.

Müde ließ sie soeben das Journal, in dem sie gelesen hatte, sinken, im Grunde war es doch recht ermüdend, eine sorgende Mutter zu sein, da öffnete sich vorsichtig die Thüre und Kasia trat über die Schwelle.

»Ach Du bist es, mein Seelchen, sage, ist der Propst noch nicht gekommen?«

»Nein, Mama, er wird aber wohl bald erscheinen.«

»Ach, käme er doch nur, daß mein armes, bangendes Herz Ruhe fände, oh meine Nerven!« stöhnte Frau Halinka.

»Soll der Propst mit Maria sprechen, Mama? Ich fürchte auch, er wird keinen Einfluß haben, Maria ist furchtbar eigensinnig, auf meine Vorstellungen hat sie mir nur erwidert, ich verstände nicht, was Liebe ist, allerdings! diese Liebe verstehe ich nicht,« sagte Kasia, hochmütig das hübsche Köpfchen hebend.

»Gott sei es geklagt, Marias Eigensinn macht mich krank, sage, mein Liebling, wie nimmt Gräfin Jusia die Sache auf, ich vermied bisher ein Gespräch mit ihr darüber, ist sie nicht empört, wie es all' unsere Freunde sein würden?«

»Empört, oh nein,« etwas zögernd kam die Antwort von Kasias Lippen; »Mama, ich muß es Dir sagen, ich bin eigentlich etwas indigniert über die Art, wie Jusia den Fall auffaßt, denke nur, sie findet es gar nicht schlimm, einen Bürgerlichen zu heiraten; sie sagt so ungefähr: >das Geld wiegt den Adel auf<, ich glaube beinahe, sie würde einen Bürgerlichen heiraten, wenn er nur reich wäre!«

»Ja, mein Kind, das ist etwas anderes, leider, leider sind die Zeiten vorüber, wo der Adel die einzige Macht war, heute teilt er sich mit der Macht des Geldes, aber dieser Dr. Werner ist ja nicht einmal reich, ja, könnte er Maria ein standesgemäßes Leben bieten, ach, für das Glück meines Kindes wollte ich mich demütigen, ich bin ja so selbstlos, lebe nur für Euch, bringe mich selbst zum Opfer, ach!«

»Mama, ich glaube, Propst Ryback ist gekommen,« unterbrach Kasia die Redende, froh, daß sie das Gespräch beenden konnte, denn sie wußte, wenn die Mama einmal begann, von sich und ihrer Aufopferung zu sprechen, kam sie so bald nicht zu Ende.

»Der Propst, ach, es ist mir wirklich ein Trost,« und rasch ergriff Frau Halinka das Gebetbuch und sah erst auf, als Propst Ryback vor ihr stand.

»Oh, mein teurer Freund, gut, daß Sie kommen, mir armen Frau Trost zu bringen,« rief sie, des Geistlichen Hand erfassend, und nun folgte die ganze Leidensgeschichte, unaufhaltsam floß der Strom ihrer Rede dahin und schweigend hörte der Propst ihr zu.

»Darf ich Maria sprechen, gnädige Frau?« sagte er statt jeder Antwort.

»Gewiß, oh gewiß, das ist es ja, was ich wünsche, auf Sie, ihren alten Lehrer und Beichtvater, wird mein irregeleitetes Kind vielleicht eher hören, wie auf die Stimme der sorgenden Mutter, ich werde sie rufen lassen.«

»Bitte, nein!« Der Propst zog Frau Halinkas Hand von der Klingel fort. »Ich werde zu ihr gehen, es ist besser, ich spreche allein zu ihr, ich komme nachher und erstatte Ihnen Bericht, bis dahin Gott befohlen, ich werde Maria schon finden.«

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, eine Erwiderung Frau Halinkas gar nicht abwartend.

»Unerhört eigentlich, diese Art, einfach meinen Wunsch unbeachtet zu lassen, der gute Propst scheint seine Stellung etwas zu vergessen, aber daran ist wieder Marcel schuld, der versteht auch nicht im Geringsten, seine Würde als Patronatsherr zu betonen, ich muß ihm wirklich einige Vorstellungen darüber machen.« --

Propst Ryback brauchte nicht lange nach seinem Beichtkind zu suchen, in ihrem Zimmer fand er sie, unthätig am Fenster sitzend und mit versonnenen Augen in die Ferne schauend.

Langsam stieg ihr ein feines Rot in die Wangen, als sie den Geistlichen erblickte.

»Gelobt sei Jesus Christus,« sagte er, ihr segnend die Hand auf das dunkle Haar legend.

»In Ewigkeit, Amen,« erwidert sie, ihm ehrerbietig die Hand küssend.

»Du wirst ahnen, warum ich komme, Maria?« frug er.

Er nannte sie, die er getauft und in die Lehre der heiligen Kirche eingeführt hatte, noch Maria und Du, auf ihren besonderen Wunsch war es so geblieben.

»Ja, Hochwürden, ich weiß es, ich weiß auch, daß Sie im Auftrag meiner Mutter kommen, aber ich will es Ihnen gleich sagen, daß Sie vergebens kommen. Sie, Hochwürden, wissen ja, wie ich gerungen habe gegen diese Liebe, wie ich still mein Leid getragen habe, aber nun ist mein Glück gekommen und ich will es halten. Sagen Sie nichts von Religionsunterschied, von Standesvorurteil,« fuhr sie beinahe heftig fort, so daß der Priester erstaunt auf sie sah. War das die stille ergebene Maria, die da sprach mit glühenden Wangen und strahlenden Augen? »Mein Gott weiß es, wie ich gekämpft habe gegen diese Liebe, nicht einmal, hundertmal habe ich es mir gesagt, Du darfst Dich dem Gefühl nicht hingeben, darfst diese thörichte Hoffnung nicht hegen, er hat Dich längst vergessen, aber immer wieder übertönte die Sehnsucht alles, und als er vor wenig Tagen vor mir stand, da wußte ich es, diese Liebe kann nicht sterben, sie ist ein Teil meines Selbst, sie ist mein Leben! Meine Mutter und Schwester widerstreben mir, sie sehen nur den bürgerlichen Mann, nicht sein großes, gütiges Herz, sie schelten mich, verdammen mich und heißen meine Liebe ein Unrecht. Sie haben es mich gelehrt, die heilige Schrift sagt es uns, daß die Liebe von Gott kommt, kann sie da ein Unrecht sein? Nein, Hochwürden, nein, meine Liebe ist keine Sünde, was zwischen uns steht, ist Menschenwort, Gott, der über uns Allen ist, an den wir glauben, wie wir uns auch nennen, ob Katholiken, ob Protestanten, ist ein Gott der Liebe, der nicht zürnt, wenn wir die Liebe im Herzen tragen. Was hilft es dagegen zu kämpfen, leugnen läßt sich die Liebe nicht, sie bleibt doch Siegerin. Meinem Glauben werde ich treu bleiben, wie er dem seinen, meinem Glauben, aber auch meiner Liebe, denn ich liebe ihn mit der Liebe, die alles trägt, alles duldet, mag Sorge und Leid unser Los sein, mag eine Welt sich zwischen uns stellen, er ist mein Glück und meine Liebe ist unwandelbar!«

Maria schwieg, feines Rot lag auf ihren Wangen, die Augen strahlten und ein Ausdruck von Begeisterung verklärte ihr Gesicht förmlich.

Unverwandt sah der Propst auf das Mädchen, er wollte sprechen in Frau Halinkas Namen, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt, aus dem Nebel der Vergangenheit löste sich ein Bild, er sah vor sich ein schlichtes Mädchen aus dem Volk, die ihm alles gegeben hatte, ihre Liebe, ihre Ehre, und er sagte ihr, er müsse scheiden von ihr, um der Welt, um seines Gelöbnisses Willen, da hatte sie demütig gesagt: »Ich will aus Deinem Leben gehen, aber meine Liebe kann erst mit mir sterben, sie ist unwandelbar.« Vor wenig Stunden hatte der Sohn jenes Weibes ihm zugerufen: »Die Liebe läßt sich nicht leugnen,« hatte er recht?

Totenstille herrschte im Zimmer, Propst Ryback hatte die Hand über die Augen gelegt, er war beinahe zusammen gesunken auf seinem Stuhl und Maria stand und sah mit strahlenden Augen, mit lächelnden Lippen hinüber nach dem leuchtenden See, er verwandelte sich vor ihren Blicken in einen breiten Fluß, sie sah prächtige Kuppeln, schimmernde Häuser sich in ihm spiegeln, sie saß im Schiff mit ihm, dem Geliebten, Hand in Hand.

Eine dicke Fliege flog summend im Zimmer umher, sie stieß mit dem Kopf an die Fensterscheiben, sie wollte hinaus in den Sonnenschein, in die Freiheit.

Schwerfällig erhob sich endlich der Geistliche, auf seinem sonst so strengen Gesicht lag ein milder, wehmütiger Zug, den Maria noch nie an ihm gesehen hatte, er ergriff die Hand des Mädchens und hielt sie einige Minuten fest in der seinen, forschend in Marias Gesicht sehend, dann sagte er ruhig:

»Ich will nicht erst versuchen, Dich umzustimmen, meine Tochter, ich sehe, es wäre vergebens, möchtest Du nie den Schritt bereuen und nie Deinem Glauben und Dir selbst untreu werden, die heilige Jungfrau schütze Dich.« Er machte das Zeichen des Kreuzes über ihrem Haupt und verließ dann das Zimmer; er ging auch nicht mehr zu Frau Halinka hinein, er schritt hastig durch das Dorf, seinem Hause zu.

In seinem Studierzimmer, in das durch die dichtbewachsenen Fenster ein gedämpftes, grünliches Licht fiel, saß er dann und sann. In seinen Ohren klangen die Worte nach, die Maria zu ihm gesprochen hatte, das Wort von der Liebe, die sich nicht verleugnen läßt, war es nicht Wahrheit, hatte er nicht selbst gegen die Gefühle gerungen, die er als Priester nicht hegen durfte? Er sah noch immer das bleiche Weib vor sich, tot am Boden liegend, er hörte noch das verzweifelte Schluchzen des Knaben; dann fühlte er die weiche Kinderhand in der seinen, sah die großen Kinderaugen fragend in inniger Liebe auf sich gerichtet.

Der einsame Mann stöhnte auf. Fort, fort mit diesen Bildern, alles lag weit hinter ihm, hart wollte er gegen sich sein, wie er es gegen den Abtrünnigen gewesen war, keine Brücke gab es zwischen ihnen.

Was war nur mit ihm, war er denn schon so alt und schwach, daß die Worte eines Mädchens an seinen Grundsätzen zu rütteln vermochten?

»Nein,« sagte er vor sich hin, »ich will nicht schwach werden, oh Herr, gieb mir die Kraft dazu, reiße dies thörichte Gefühl aus meinem Herzen, daß kein anderer Gedanke darinnen lebe, als der, Dir und unserer heiligen Kirche zu dienen!«

Dann verließ der Geistliche das Zimmer und ging durch den Garten bis zur Kirche und betrat diese, sie war leer, in einer Ecke lag zusammengewundenes Grün und Blumen, grellbunte Astern, zartfarbene Balsaminen und starkduftender Lavendel, vermischt mit Birkenlaub und Rosmarin, bestimmt, zu dem morgenden Marientag die Kirche zu schmücken.

Der Propst blieb stehen und sah auf die Blumen nieder. Auch eine Maria war jene gewesen, deren blasses, trauriges Antlitz ihm nicht aus den Sinnen kommen wollte. Eine Maria, eine arme, müde, gequälte Dulderin! Er wandte hastig den Blick von den Blumen und schritt zum Altar, dort kniete er nieder und rang mit sich in stummem Gebet, bis ihn das Öffnen der Kirchthür aufschreckte. Dicht am Eingang kniete ein junges Weib, heiße Zähren rollten ihr über die Wangen; als sie den Priester erblickte, fuhr sie erschrocken zusammen.

»Bist Du es, Valevka? schweres Leid scheint Dich zu bedrücken, bete zu der heiligen Jungfrau, damit Dir Trost werde!« Er machte das Zeichen des Kreuzes über ihrem Haupt und schritt dann weiter, das Mädchen richtete sich auf und streckte die Hände nach ihm aus, als wolle sie ihn halten, er wandte sich noch einmal um und sie sah in sein strenges Gesicht, das unbeweglicher denn je war. »Willst Du noch etwas, Valevka?«

Stumm bewegte diese verneinend das Haupt und sank in ihre Stellung zurück, Propst Ryback verließ die Kirche, ihm nach klang ein leises, wehes Schluchzen.

* * * * *

Die weiten Säle von Schloß Lochowo hallten wider von Kasias lustigem Lachen und Singen, vergessen war der Ärger und die Empörung der letzten Tage, eitel Sonnenschein lag auf ihrem Gesicht, sie trällerte und zwitscherte wie ein Vogel, war ausnahmsweise liebenswürdig gegen die Dienstboten und fand sogar für Maria ein freundliches Wort. Auch Frau Halinka hatte sich von ihrem Leidenslager erhoben, hatte mit wehmütigem Blick die Trösterinnen ihrer sorgenvollen Stunden, Modenzeitung, Gebetbuch und Konfektschachtel, =ad acta= gelegt und hatte es für gut befunden, Herrn Marcel eine huldreiche Miene zu zeigen. All diese welterschütternden Veränderungen hatte der Hausherr mit der einfachen Frage veranlaßt, wann das geplante Sommerfest stattfinden sollte und ob die Damen Wünsche dazu hätten, er führe nach der Kreisstadt und sollte es ihm ein Vergnügen sein, alle Kommissionen zu erledigen. Frau Halinka fand danach das erste freundliche Lächeln seit langem für ihren Gatten; Kasia jubelte laut auf und umarmte stürmisch ihren einzig geliebten Herzenspapa, auch Gräfin Jusia wurde sichtlich lebhafter, als sie es seit einigen Tagen gewesen und Maria -- sie ging still hinaus und dachte: »Armer, lieber, schwacher Vater, wie schwer mußt Du ringen um den Frieden im Haus.«

Der Kommissionszettel wurde lang, sehr lang und das Gesicht Herrn von Leninskis nicht kürzer; der Seufzer, mit dem er seinen Wagen zu der bewußten Fahrt bestieg, war auch lang, er endete eigentlich erst, als er in der Kreisstadt angelangt, das Haus von Samuel Schmuhl verlassen hatte und seine Brieftasche eine Anzahl blauer Scheine aufwies. Den Gedanken, wie verschwindend wenig ihm noch von dem letzten Ernteertrag blieb, spülte er bei Roman Przybilski mit einem Schoppen Ungarwein hinweg.

* * * * *

»Sag doch, Jusia, findest Du wirklich, daß dieses matte Rosa vorteilhaft für mich ist, sag' es doch bitte aufrichtig, Mama ist ja entzückt davon, ich möchte aber doch Dein Urteil hören?«

»Reizend, Hülle wie Kern,« bestätigte Jusia mit zerstreutem Blick, Kasias zierliches Persönchen musternd, das wie eine Bachstelze hin und her wippte.

»Ach Jusia, weißt Du, ich wünschte, dieses Fest bedeutete eine Wandlung in meinem Leben, aber dazu ist wohl keine Aussicht.«

»Ach so, eine Wandlung mit Trauring und Namensänderung, Hochzeitsreise nach Paris u. s. w., ich verstehe.«

»Nein, Jusia, Du bist unheimlich klug,« lachte Kasia halb verlegen, »aber Recht hast Du und ein Unrecht ist dieser Wunsch ja nicht, ach, wenn doch ein furchtbar reicher, furchtbar schöner, --«

»Furchtbar vornehmer Mann käme und klein Kasia mit sich nähme,« unterbrach Jusia sie lachend. »O Du einfältiges, anspruchsvolles Kind, reich, schön, vornehm und alles in erhöhtem Maßstabe, nein, da bin ich doch bescheidener, ich begnüge mich mit furchtbarem Reichtum und nehme sogar furchtbare Dummheit in den Kauf, die ist angenehmer wie Schönheit, denn schöne Männer sind noch eitler wie schöne Frauen und beide Teile eitel, verträgt sich nicht gut zusammen.«

»Nein, Jusia, höre auf; Du bist gräßlich, wenn Du so anfängst, sage mir lieber, welche Blumen ich nehmen soll, ich will hübsch sein; Jemand ist doch da, für den es sich vielleicht lohnte, Du weißt, daß Graf Sucholski zugesagt hat, schön ist er ja nicht, eher häßlich und alt, aber reich und vornehm, Mama sagt, das wären genügende Vorteile.«

Kasia tritt vor den Spiegel und hält eine noch nicht voll erblühte Theerose an ihr braunes Haar, sie sieht nicht den halb spöttischen, halb ärgerlichen Blick der Freundin.

»Eine Konkurrentin also und mir scheint, keine zu unterschätzende,« murmelt diese, dann tritt sie hinter die am Spiegel stehende und vergleicht sorgsam die beiden Gesichter und sagt ruhig: »Die weiße Rose steht Dir nicht, nimm lieber ein etwas kräftigeres Rosa, aber nun muß ich einmal nach meiner eigenen Toilette sehen, =addio=, Kleine, verliebe Dich nicht in Dein eigenes Spiegelbild! Aber was ich noch fragen wollte, wird Marias Verlobter zugegen sein und wird das Brautpaar vorgestellt werden?«

»Um Himmelswillen, Jusia, was denkst Du, das ist doch einfach unmöglich, es wäre geradezu ein Skandal, nein, diese Überraschung können wir unseren Gästen nicht bereiten, zumal die Sucholskis denken in dieser Beziehung so streng. Mir vergeht gleich alle Freude, wenn von der unseligen Sache gesprochen wird, ich hoffe immer noch, Maria besinnt sich, aber nun hat sie ja noch einen Bundesgenossen, ich finde es unbegreiflich von Propst Ryback, für Maria zu sprechen, noch der Mama zuzureden, in diese romantische Heirat zu willigen, ich würde lachen, wenn ich mich nicht so ärgern müßte.«

»Rege Dich nur nicht auf, mein Herz,« sagte Jusia, »ich wollte es nur wissen,« und während sie den Korridor nach ihrem Zimmer entlang geht, denkt sie: »Ein interessanter Gesprächsstoff, um die Unterhaltung mit Graf Kasimir zu beginnen.«

Lange steht sie dann vor ihrem Spiegel und prüft nachdenklich ihre Erscheinung, ein weißes Seidenkleid umschließt in tadellosem Sitz ihre schlanke Gestalt, es ist ein schönes Bild, das ihr entgegenstrahlt, aber vor ihrem geistigen Auge taucht ein anderes daneben auf, das einen häßlichen Schatten wirft. Sie starrt in den Spiegel und eine feine Falte gräbt sich in ihre weiße Stirn.

»Es ist zum wahnsinnig werden,« murmelt sie, »immer dieselben thörichten Gedanken, immer das häßliche Bild, fort, fort damit, ich will nicht mehr an die Stunde im Kahn erinnert sein, ich will nicht! Oh, wenn Tante Amélie dies erführe oder die Leninskis, Prinz Sergei und all die Anderen, Gräfin Jusia Potocka, die Stolze, die Kalte, läßt sich von einem etwas verfeinerten Bauernburschen küssen, nur weil er zufällig zur rechten Zeit kommt, die Langweile einer Stunde zu verscheuchen! Pfui, wie häßlich, Jusia, woran dachtest Du, als Du in des blonden Propheten Armen lagst? Es wird Zeit, daß ich fortkomme, die Einsamkeit ruft diese verrückten Gedanken hervor; ja, fort, fort, dann werden auch diese Bilder schwinden, ich hasse mich selbst, hörst Du es, Jusia Potocka, ich hasse Dich, könnte Dich erwürgen vor Wut über Deine unglaubliche Thorheit; wenn doch der Mensch wer weiß wo wäre und mir nicht gerade bei jeder Gelegenheit begegnete, ich glaube, es geschieht noch mit Absicht! Wie er mich anschmachtet, es ist zum lachen, eine richtige Fastnachtskomödie, ich glaube gar, er denkt, es giebt nun eine fröhliche Hochzeit, ich ziehe als Prophetenfrau mit in sein Häuschen hinter den Malven, bete, koche Suppe etc. und bin hochbeglückt. Ha, ha! Ja, lache nur, dumme, einfältige Jusia, oder weine lieber über Deine Thorheit,« sie stampfte mit dem Fuße auf und ballte die weißen Hände gegen den Spiegel: »Pfui, wie häßlich, wie kindisch, wie lächerlich hast Du Dich benommen, oh, wäre ich nur erst fort, weit fort von hier!« --

Gräfin Jusia hatte Recht, Michael suchte mit Absicht jede Begegnung herbei, er streifte in der Nähe von Schloß Lochowo umher, er spähte über die Mauer des Parkes, harrte stundenlang an der kleinen Bucht am See, saß träumend unter den hängenden Eschen, immer in der stillen Hoffnung, Du wirst sie sehen, sie wird Dich anlächeln, wie auf jener einsamen Fahrt.

Wohl begegnete er ihr, aber nie allein, entweder schritt sie mit Kasia von Leninska in munterem Geplauder einher oder sie fuhr an ihm vorüber, aber nie traf ihn ihr Blick, ihre Augen schweiften über ihn hinweg, als hätte es nie einen Augenblick gegeben, in dem sie in seinen Armen geruht. Mit hochmütiger Kälte erwiderte sie seinen Gruß, sie sah nicht das stumme Flehen, das heiße Werben in seinen Blicken. In dem Manne aber loderte der Brand, den sie entfacht hatte, hell auf. Er kämpfte einen verzweifelten Kampf mit seinem Stolz, seiner Leidenschaft und der mahnenden Stimme seines Gewisses.

Unruhevoll irrte er umher, er hörte kaum darauf, wenn Benjamin ihm frohlockend von dem Anwachsen seiner Gemeinde sprach, ja, er empfand plötzlich ein förmliches Grauen vor dessen Fanatismus, seine Lehre, die einsamen Gottesdienste im Walde, erschienen ihm als Komödie, jetzt, da er gleichsam in einem anderen Banne stand, erkannte er das Unklare und Verworrene in Benjamins neuem Glauben. In Stunden der Ernüchterung, in denen er erwachte aus dem Fieber seiner Liebe, ergriff ihn heiße Angst um den irregeleiteten Freund, um sich selbst, er sah dann den Abgrund, an dem sie beide standen, Benjamin, verstrickt in seine verworrenen Lehren, er, im Bann der Leidenschaft. Dann dachte er voll tiefer Sehnsucht an das stille Dorf auf dem Sande, mit seinem Frieden, an das schlichte, keusche Mädchen und an die klugen Augen Vater Abrahams, dann faßte er den Entschluß, Benjamin zu bewegen, mit ihm heimzukehren; dann sah er wieder die Gräfin oder er ging hinunter an den See, und vergessen waren all seine guten Vorsätze, mächtiger denn je loderte die Flamme in seinem Herzen auf und beherrschte seine Sinne.

Benjamin bemerkte wohl des Freundes innere Kämpfe. Michael war auch im Grunde eine zu wahrhaftige Natur, um erfolgreich Komödie spielen zu können, und so lag seine Seele bald offen vor dem Freunde da. Dieser, der nur eine Leidenschaft, ein Ziel kannte, seine Lehre zu verbreiten und dadurch gleichsam ein Herrscher zu werden, hatte nur Verachtung für diese weibische Schwäche, wie er es nannte. Statt dem Freund als Freund zur Seite zu stehen, dessem schwankenden Charakter eine Stütze zu sein, griff er zum Spott; mit beißendem, höhnischem Spott überschüttete er diesen, zog seine Liebe zu Jusia Potocka in den Staub und erreichte gerade dadurch, daß Michael sich im Trotz von ihm abwandte, und verbittert über das geringe Verständnis, das er fand, sich immer tiefer in seine Schwärmerei verstrickte.

»Weißt Du auch, daß übermorgen auf dem Schloß ein Ball stattfindet, es nimmt mich Wunder, daß sie Dich nicht eingeladen haben,« spottete Benjamin, indem er Hut und Stock nahm, um sich zum Fortgehen zu rüsten.

Michael schwieg, er ließ des Freundes Hohn ruhig über sich ergehen und las anscheinend eifrig weiter.

»Nun, kommst Du nicht mit, Du fehlst jetzt beinahe immer bei den Andachten, natürlich, Gräfinnen sind nicht dabei und nach Bauerndirnen sieht mein vornehmer Freund wohl nicht?«

»Schweig, Benjamin,« fuhr Michael auf, »warum ich nicht zu den Andachten komme, ahnst Du sehr wohl, weil ich eingesehen habe, daß Du mit Deinen phantastischen Lehren, mit Deinen Utopien, daß Ihr alle auswandern wollt und in Amerika einen Staat gründen, in dem Ihr als Brüder und Schwestern leben wollt, bloß den Leuten die Köpfe verwirrst. Ja, ich leugne nicht, als ich hierher kam, meinte ich auch, ich würde meinen Heimatgenossen ein Heil bringen, aber ich habe eingesehen, daß sie viel glücklicher sind ohne uns, warum ihren Frieden stören! Laß uns lieber heimkehren, Benjamin, heim nach unserem stillen Dorf, zurück in den Frieden!«

»Nachdem Du Dich sehnst, wie ein Greis, nein, ich will nicht Ruhe, ich will Kampf, gehe Du heim, wenn Dich die Sehnsucht treibt, Du bist ja doch wie ein schwankendes Rohr, ja, gehe heim, setze Dich hinter den Ofen und rede klug; Du bist ein Schwächling! Ein Blick aus Weiberaugen genügt, um Dich plötzlich hellsehend zu machen, um alles, für was Du seit Monaten gekämpft hast, über Bord zu werfen.«

»Nein, mein Benjamin, diese Vorwürfe verdiene ich nicht, seit vielen Monaten fühle ich, daß wir nicht Segen stiften, daß wir nur Unheil anrichten, wir bringen Zerwürfnis in die Familien, Unruhe in die Herzen, ziehen uns Feinde zu und -- machen niemand glücklich.«

»Oh, Du weiser Moralprediger, Du,« höhnte Benjamin, »woher kommt Dir so plötzlich Deine Erleuchtung? Hast wohl einen Mahnbrief erhalten aus unserem stillen Sanddorf, und darum der Umschwung Deiner Gefühle?«

Eine jähe Glut stieg in Michaels Gesicht.

»Ja,« sagte er gepreßt, »Vater Abraham hat geschrieben, willst Du lesen?«

»Nein, danke, ich kann mir ungefähr vorstellen, was er schreibt; nun, er ist ein alter Mann, und Alter sehnt sich nach Ruhe, aber Du bist in der Kraft Deiner Jahre und willst schon vom Kampf zurücktreten, willst feige das begonnene Werk verlassen, und alles um eines Weibes willen? Ja, fahre nur auf, es ist doch so, ich ahnte es an dem Tag, an dem die blonde Hexe hier eintrat und vor mir zusammenschrak, wie vor einem giftigen Reptil, da sah ich es kommen, da wußte ich, daß Dein Schwur an Tabea nur leerer Schall war. Du zuckst zusammen, das Wort trifft Dich, denn es ist wahr, gehe Du nur heim, vielleicht ist es besser so!«

»Ja, ich gehe auch heim, ich sehne mich nach der Stille im Sanddorf, aber nicht allein, komm mit mir Benjamin, ich will die harten Worte, die Du mir soeben gesagt hast, vergessen; laß uns wieder Brüder sein, wie einst, reich mir die Hand und komm mit mir zurück zur Heimat!« Er war aufgesprungen und streckte flehend dem Gefährten die Hand hin, aus seinen Augen leuchtete die alte Innigkeit.