Stille Kämpfer: Roman

Part 5

Chapter 53,877 wordsPublic domain

»Kasia, mein Seelchen, nimm diese Angelegenheit doch nicht so tragisch, lache doch lieber mit mir, Thränen verderben bloß den Teint, lasse Deine Schwester thun, was sie will, Du brauchst ja den Doktor nicht zu heiraten, und das Sommerfest wird schon stattfinden, sage mir lieber, welche Toilette Du wählen wirst und wer erwartet wird?«

»Ach, mir ist jetzt alles gleich,« erwiderte Kasia, »abscheulich von Maria, uns solchen Kummer zu bereiten, -- glaubst Du wohl, daß rosa mir stehen wird?«

»Sicher, mein Herz,« Jusia zog die Freundin an sich, »sag' endlich, wer wird erscheinen?«

Oben in ihrem Zimmer saß Maria am Fenster und starrte mit thränenlosen Augen hinüber nach dem blinkenden See, der jetzt so ruhig und glatt dalag, als wäre nie ein Gewittersturm darüber hingebraust. Sie hätte weinen mögen, heiße, bittere Thränen, aber ihre Augen blieben trocken, ihr fehlte die Kraft zum Weinen. Sie war so unsäglich müde von allen stillen Kämpfen, ach, hätte sie jetzt ihr Haupt an des Geliebten Brust legen können, still, ganz still, und mit ihm fortgehen können, dahin, wo Ruhe und Frieden war. Vorhin bei dem Sturm der Entrüstung war sie still gewesen, sie hatte wohl das Gefühl, als müsse sie rufen: »Laßt mir doch mein Glück, mein reines, stolzes Glück, stört mir doch nicht den Frieden meiner Liebe!« Aber kein Laut war über ihre Lippen gekommen, nur mit Entsetzen hatte sie gefühlt, wie innerlich fremd sie den Ihren war. Keine Frage von Mutter und Schwester nach ihrer Liebe, nur Standesvorurteile, nicht die Person des Mannes galt, dem sie sich zu eigen geben wollte, nur sein Rang, seine Stellung. Stumm hatte sie alle Schmähungen über sich ergehen lassen, als zuletzt Kasia ausgerufen hatte: »Ach, nun wird gewiß nichts aus unserem Ball,« da war sie gegangen, Bitterkeit und Verachtung im Herzen, hierher hatte sie sich geflüchtet, wo sie schon so oft in einsamen Stunden stille Kämpfe ausgefochten hatte. --

Draußen erklang ein Schritt, es war, als dämpfe jemand vorsichtig seinen schweren Tritt, lauschend hob Maria den Kopf, kam jemand zu ihr? Nun klopft es zaghaft und ein leises Räuspern wurde hörbar. Sie sprang empor und öffnete hastig die Thür. »Papa, Du, Du kommst zu mir?«

Herr von Leninski schlüpfte hinein, leise die Thür hinter sich zuziehend.

»Hm, ich wollte mal sehen, wie es Dir geht,« sagte er, sie dabei mit einem Blick voll herzlicher Liebe ansehend.

Maria war es, als löse sich ein Reif von ihrem Herzen, mit einem Jubelruf warf sie sich in die Arme des Vaters und heiße Thränen stürzten ihr aus den Augen.

Herr Marcel strich ihr, so sanft er konnte, über das dunkle Haar. »Mein Kind,« flüsterte er, während es in seinen Augen bedenklich feucht schimmerte, »mein armes, gutes Kind, hast Du ihn denn gar so lieb?«

Maria hob den Kopf ein wenig: »Ja, Vater,« sagte sie unter Thränen lächelnd, »ich habe ihn lieb, mehr wie ich sagen kann!«

»Hm ja, na die Mama ist ja sehr aufgebracht, ich wollte Dir aber doch sagen, hm ja, ich persönlich habe nichts dagegen, gar nichts, na und wenn Du gern willst, der Stefan fährt zur Stadt, vielleicht soll er einen Brief besorgen, hm, wie gesagt, die Mama ist dagegen, aber die Zeit, die Zeit.«

»Oh du einziger, guter Vater,« stammelte Maria, während ihr unaufhaltsam die Thränen über die Wangen flossen.

»Mein bestes Kind, Du mein tapferer Kamerad, schreib es ihm nur, mir ist er als Sohn willkommen, und wie gesagt, die Zeit, die Zeit.«

Vorsichtig trat Herr von Leninski den Rückweg an, es brauchte ja gerade niemand zu wissen, daß er bei Maria gewesen war, an dem Zimmer seiner Frau vorbei schlich er sogar auf Fußspitzen. »Hm ja, die Frauen sind sonderbar,« seufzte er und dachte dabei an Frau Halinkas Weinkrämpfe, die ausdauernder und in ihrer Wirkung nachdrücklicher waren, wie seine gelegentlichen Zornesausbrüche.

* * * * *

»=Chère tante!= -- Du siehst, ich bin noch am Leben, noch nicht gestorben vor Langeweile, aber ich gebe Dir die Versicherung, lange bleibt meine Seele nicht in diesem öden Nest und wenn ihr der Körper, wegen mangelnden Reisegeldes, nicht folgen kann, wird es wohl eine Trennung geben, also bereite Dich immer vor, daß Dir plötzlich mein armer Geist erscheint, der das Idyll von Lochowo verlassen hat. Doch eine Abwechslung winkt in dieser ländlichen Stille, um Dir davon zu erzählen, schreibe ich heute. Ein Ball, ein Sommerfest oder wie Du es nennen willst, soll es geben, wenn -- wenn nämlich Papa von Leninski in der Lage ist, den nötigen Mammon dazu herzugeben, was mir durchaus nicht sicher erscheint. Etliche Familien aus der Umgegend sollen kommen, Kasia rümpft die Nase, daß auch das bürgerliche Element vertreten sein soll. Es geht die Sage, daß auch einige männliche Erscheinungen, die noch nicht die Ehefesseln tragen, das Fest verherrlichen werden und wenn ich Dir sage, daß auch Graf Kasimir Sucholski erscheint, der trotz seiner fünfzig Jahre noch seine Millionen und seine Freiheit besitzt, geht sicher in Deinem Tantenherzen strahlend die Sonne der Hoffnung auf. Nun noch eine lächerliche, kleine Neuheit, Maria will sich verloben mit einem Dr. Heinrich Werner, wohnhaft in irgend einem kleinen Nest, schade, daß Du diesen Familiensturm nicht erlebt hast. =Madame= war rasend und ist jetzt elegisch, =monsieur= war still und ist noch immer still, im Grunde aber scheint er mir sehr zufrieden zu sein, wenigstens eine Tochter versorgt zu wissen. Kasia ist empört, vollständig Aristokratin, sie haßt die Schwester förmlich, unter uns gesagt, =la petite= hat Rasse, ich glaube beinahe, ich lade sie mir nicht in mein künftiges Haus. Und Maria! Oh, es wäre wert, dies Bild festzuhalten, sie ist verklärt, nur Liebe, nur Demut, ich bin sicher, sie sieht in diesem Doktor aus Dingsda einen Halbgott und wird selig sein, darf sie erst ihrem Herrn die Strümpfe stopfen und die Suppe kochen, sie fühlt sich im Paradies, zieht sie erst in ihr bescheidenes Heim. Die Ansichten von Glück sind eben verschieden, mein Götze heißt Reichtum und Schönheit, ich will leben, leben, dies, ach so kurze Dasein genießen und nicht verkümmern in der elenden Misère!

Lebe wohl, =chère tante=, bitte zu den Heiligen, daß sie mein Gebet erhören. Immer in Liebe

Deine tieftraurige Jusia.

»Wenn ich nur wüßte, ob Graf Kasimir wirklich so reich ist, wie Fama sagt!« so überlegt Jusia, während sie den Brief in den im Hausflur befindlichen Postkasten senkt und dann mit leisen Schritten das Schloß verläßt. Sie fürchtet, Kasia könnte kommen, lieber vertieft sie sich in die Lektüre von Paul Bourgets neuesten Roman, den ihr Tante Amélie gesandt, als sich an den endlosen Gesprächen über Marias unbegreifliche Rücksichtslosigkeit zu erbauen. Leichtfüßig eilt sie die verschlungenen Wege des Parkes entlang, dem See zu und besteigt dort angekommen, den, an einer Kette liegenden Kahn; träumerisch sieht sie auf das graue Wasser, das leise plätschernd an die Wände des Bootes schlägt.

»=Oh pescator dell'onda= =Fidelin= =Vieni pesca in qua= =Colla bella sua barca= =Colla bella sene va= =Fidelin lin la=«

trällert sie, mit sehnsüchtigen Augen in die Ferne blickend, dem großen unbekannten Glück entgegen.

»=Colla bella sene va,= =Fidelin, lin la!=«

Der einsam am Ufer des Sees dahinschreitende Mann hebt den Kopf, da der helle Gesang an sein Ohr schlägt. Er lauscht. Da stockt ihm der Atem, als er durch das Gebüsch das rote Kleid der Sängerin schimmern sieht.

»Führe mich nicht in Versuchung,« stammelt er und will zurück, nur nicht wieder mit ihr sprechen, sie sehen, deren Bild ihn umgaukelt im Wachen und Träumen.

»=Jo vo un basin d'amore Fidelin=,«

klingt es zu ihm herüber, die weichen Laute der fremden Sprache umkosen ihn wie Schmeichelworte. Mit Zauberfäden zieht es ihn näher, immer näher, Schritt für Schritt, bis er an der kleinen Bucht steht und mit heißen Augen auf Jusia Potocka sieht.

Diese stößt einen leisen Schrei aus, da die dunkle Gestalt neben ihr auftaucht.

»Verzeihung, gnädigstes Fräulein, daß ich Sie erschreckt habe, der Gesang zog mich an,« stammelt Michael sich fast demütig verneigend, seine Stimme bebt dabei, seine Augen sehen mit flehender Bewunderung zu dem schönen Mädchen nieder und Jusia lächelt, durch den Sinn zieht ihr der Gedanke:

»Wie gerufen kommt er, mir die Langeweile dieser Stunde zu vertreiben.«

»Sie sollen Verzeihung erlangen, wenn Sie mich an das jenseitige Ufer rudern wollen, immer am Schilf entlang, es sollen da noch Wasserrosen blühen, die möchte ich haben!«

Nicht eine Sekunde zögert Michael, er denkt nicht an sein Mühen, die blonde Gräfin zu vergessen, an all' die heißen, unruhigen Tage, er sieht nur das holde Gesicht, hört die süße, weiche Stimme und ist vollständig in Jusias Bann.

So fährt er sie hinaus auf das stille, graue Wasser. -- Es ist einer jener trüben, sonnenlosen Spätsommertage, die Vorboten des kommenden Herbstes; eine endlose graue Fläche, spannt sich der Himmel über die Erde; der Horizont verschwimmt in demselben eintönigen Grau.

Regungslos stehen die hohen Ulmen, die tief sich neigenden Trauereschen, keine flimmernden Lichter zucken golden über sie hin, all' die leuchtenden, glühenden Farben des Sommers sind ertrunken in dem schweren, eintönigen Grau. Kein Laut auch unterbricht die Stille ringsum, nur manchmal wird der klagende Schrei eines Wasservogels hörbar, ein Fischreiher streicht, nach Beute spähend, über das Wasser hin und leise rauscht das Schilf, an dem der Kahn entlang gleitet.

»Erzählen Sie mir mehr von ihrem Leben, von Ihrer Braut,« unterbricht Jusia Potocka das Schweigen, sie neigt sich vor und sieht prüfend in das schöne Männergesicht mit dem schwermütigen Zug darin. »Sagen Sie mir, wie sieht Ihre Braut aus, ist sie hübsch, woher hat denn sie den seltsamen Namen Tabea?«

Michael schweigt, er will antworten, aber er kann nicht, die Kehle ist ihm wie zugeschnürt. Tabea! er soll von Tabea reden, er muß sich beinahe besinnen, wo er den Namen gehört hat, alles ist vergessen in der Minute, da ihn Gräfin Jusia rief und er sieht nur immer sie, sie allein. Tabea! der Name klingt wie fernes Meeresrauschen und das Meer ist so weit, so weit!

Er bleibt die Antwort schuldig und sieht die Fragerin nur an mit seinen ernsten Augen, so flehend, so um Liebe heischend, daß ein banges Gefühl Jusia überschleicht.

Soll sie das Spiel, das sie so leichtherzig begann, nicht lieber enden, soll sie nicht umkehren?

Es ist ein gefährliches, aber für sie köstliches Spiel, es reizt sie, diesen Mann, der so gar nicht mit ihren bisherigen Bewunderern zu vergleichen ist, in ihrem Banne zu sehen, mag es lächerlich, mag es absurd erscheinen, so wie dieser blonde Schwärmer hat ihr noch keiner gefallen.

Sie schlägt mit einer kleinen Gerte auf das Wasser, daß die hellen Tropfen ihr ins Gesicht spritzen, soll sie zurück, soll sie weiter fahren, allein mit ihm? Sie sieht ihn von der Seite an, er hat die Ruder eingezogen und sitzt in müder Haltung still da, als fühle er ihren Blick, wendet er sich ihr zu, ihre Augen kreuzen sich und ruhen sekundenlang ineinander, dann sagt Jusia Potocka mit leisem Lachen:

»Ach, sehen Sie dort, da sind noch Wasserrosen, ach, schnell fahren Sie hin, ich möchte welche haben,« sie streckt verlangend die weißen Hände nach den Blumen aus und Michael treibt den Kahn mit einigen raschen Ruderschlägen näher und zieht die weißen Blüten, an ihren langen, schlüpfrigen Stengeln, aus dem Wasser und legt sie zu Jusias Füßen nieder, die sie ineinander schlingt und sie sich wie eine weiße Krone aufs Haupt setzt. »Sehen Sie mich an, Herr Wisniewski, sehe ich nun nicht aus, wie eine Wasserfrau?«

Schwermütig schüttelt er das Haupt: »Oh nein, Komtesse, oh nein, nicht wie eine Nixe, die sind schlecht, und locken uns arme, thörichte Menschen in Leid und Tod. Sie gleichen eher einer« -- er bricht stockend ab und wendet den Blick von ihr.

»Wie sehe ich eher aus, schnell, das müssen Sie mir sagen, sonst werde ich böse, oder ist es so wenig schmeichelhaft für mich, daß Sie es nicht sagen können?«

»Es ist keine Schmeichelei, es ist Wahrheit; Sie gleichen einer holden, gütigen Fee, zu gut, zu schön und -- unerreichbar für uns Menschen,« sagt Michael, und die letzten Worte ersterben in einem Flüstern.

»Legen Sie dort an, sehen Sie, da ist eine Einfahrt, ich möchte ein Stück dort entlang gehen,« ruft Jusia fast befehlend statt jeder anderen Antwort, und wieder gehorcht Michael willenlos ihrem Wunsch, bald darauf fährt der Kahn in die schmale Bucht ein und leichtfüßig springt Jusia ans Land.

Immer dichter waren die grauen Wolkenschleier auf die Landschaft herniedergesunken, sie hatten das jenseitige Ufer mit dem Schloß umhüllt, die Baumgruppen waren untergetaucht in dem grauen Nebel, es schien, als ginge der See in unermeßliche Weiten, als gäbe es keine Ufer, keine Häuser, keine Bäume, nichts als graues, trübes Wasser. Leise begann jetzt ein feiner Regen herniederzurieseln, der aber die beiden Wanderer, die unter den dichten Trauereschen am Ufer dahingingen, nicht traf.

»Sehen Sie, es regnet, auf dem Wasser sieht man es, wie fatal! Ob es wohl lange dauert?«

Jusia streckte bei diesen Worten die weiße Hand unter dem schützenden Blätterdach hervor, um die fallenden Tropfen zu spüren.

»Es wird Landregen, der vergeht nicht so schnell, es ist ein treuer Geselle,« sagt Michael.

»Dann wollen wir rasch umkehren, es hat ja keinen Zweck, zu warten, schade, daß wir unseren Gang nicht weiter ausdehnen konnten,« die Gräfin wandte sich, um nach der Bucht zurückzukehren; vorsichtig, so viel wie möglich die Nässe meidend, setzte sie den Fuß auf einen glatten Stein, der aber unter dem Druck nachgab, sie glitt aus und wäre gefallen, wenn Michael sie nicht in seinen Armen aufgefangen hätte.

Zum zweitenmal hielt er das schöne Mädchen umfangen, ihr weiches, schimmerndes Haar streifte seine Wange, er fühlte, wie ein leises Beben ihre Gestalt durchlief; da vergaß er alles, seine Braut, das stille Dorf auf dem Sande, vergaß seine Ehre, seinen Stand, alles, alles, er sah nur das schöne, lebensvolle Weib, das er in seinen Armen hielt. Da riß es ihn fort, wie ein toller, wahnsinniger Rausch durchdrang es ihn, fester umschlang er sie und dann küßte er sie, küßte sie auf die roten Lippen, auf das flimmernde Haar, er küßte die geschlossenen Augen und dazwischen stammelte er heiße, bethörende Liebesworte.

Jusia erzitterte unter der Leidenschaft des Mannes, die wie ein Sturm über sie hinbrauste, dennoch machte sie keinen Versuch, sich aus den sie umschlingenden Armen zu befreien, sie schmiegte sich fester an seine Schulter, schloß die Augen wie in seliger Betäubung.

Einmal kam ihr der Gedanke: »Schade, daß er nicht Kasimir Sucholski ist, und wenn Tante Amélie mich sehe,« da mußte sie lächeln, und Michael küßte sie auf die lächelnden Lippen und flüsterte:

»Oh, Du Hohe, Du Geliebte, meine Königin, mein Glück, ich liebe Dich, ich liebe Dich.« --

Immer dichter hüllte die Ferne sich in ihr graues Nebelgewand, kein Laut, kein Ruf drang an das Ohr der Beiden, sie waren so einsam in dem wallenden Nebel, wie auf einer stillen, fernen Insel.

So verrann die Zeit für das Paar unter den hängenden Eschen wie eine kurze, flüchtige Minute, irgendwo schlug ein Hund an, das langgezogene Bellen trug den ersten Laut der Welt in diese graue Einsamkeit und schreckte Jusia Potocka empor. Tief aufatmend befreite sie sich aus Michaels Armen.

»Es kommt jemand, heilige Jungfrau, wenn mich ein Mensch sieht.« Sie strich sich das zerzauste Haar aus der Stirn und sah angstvoll um sich. »Rasch, nur rasch, ich muß zurück, man wird mich suchen, mich vermissen!« Sie hastete, um vorwärts zu kommen, jetzt, da sie aus dem Bann der letzten Stunde erwacht war, überkam sie eine namenlose feige Angst, daß jemand sie sehen könnte. Sie zitterte vor Ungeduld, vorwärts zu kommen, und ergriff Michaels Hand, ihn mit sich ziehend. »Schnell doch, nur fort von hier, ich muß zurück, oh, wäre ich doch erst in Lochowo!«

Michael folgte ihr willenlos, er konnte sich nicht so jäh aus dem schönen Traum lösen, ihm war alles andere, die Menschen, alles so völlig gleichgiltig. Mechanisch setzte er die Ruder ein, leise strich der Kahn über das Wasser, das gurgelnd an seine Wände schlug, alles wie zuvor und doch so anders. Jusia Potocka spähte angstvoll aus, ob ein anderes Boot ihnen entgegen käme, ob man sie suchte. Das Ufer mit den Trauereschen tauchte im Nebel unter, verschwommen und grau sahen die Umrisse von Schloß Lochowo hervor, mit einem Seufzer der Erleichterung begrüßte Jusia das Bild, dort war das Ufer; noch lag der Kahn nicht fest, da sprang sie schon heraus und eilte mit einem flüchtigen: »Auf Wiedersehen!« davon.

Die hohen Bäume des Parkes nahmen sie in ihren Schatten auf, sie hörte nicht mehr den flehenden Ruf des Mannes: »Bleibe, ach, bleibe doch, wann seh' ich Dich wieder?«

Immer stärker rauschte der Regen nieder, der trübe Tag war kaum merklich zum Abend geworden, immer noch saß Michael im Kahn und starrte nach dem Park, als müsse die Pforte sich öffnen und eine holde Gestalt heraustreten.

Er war wie im Fieber, wie wahnwitzige Fieberphantasien jagten die Gedanken sich hinter seiner Stirn. Aus dem wallenden Nebel lösten sich Gestalten heraus, er sah Propst Ryback, sah Vater Abraham und -- Tabea, da stöhnte er vor Qual und Scham. Dann wieder fühlte er Jusias Gestalt in seinen Armen, er meinte den Duft ihrer schimmernden Haare zu spüren, da zuckte er vor Leidenschaft, er streckte die Arme aus und schluchzte: »Jusia, Jusia,« aber alles blieb stumm.

Kein Laut drang aus dem Schloß zu dem einsamen Mann herüber, einige Fenster erhellten sich, dort weilte sie jetzt, ob sie wohl lachte und sprach mit ihrer hellen, weichen Stimme, ob sie wohl an ihn dachte?

Spät erst raffte sich Michael auf, völlig durchnäßt, totmatt von den quälenden Gedanken, schlug er den Rückweg ein; er ging durch das Dorf, heute war es ihm vollständig gleichgiltig, ob man ihm Schmähworte nachrief oder nicht. Wie ausgestorben lag das Dorf da, nur aus dem Krug erscholl wüstes Johlen, und Michael dachte gerade wie einst; damit kehrten ihm die Gedanken zur Vergangenheit zurück, heiße Sehnsucht ergriff ihn plötzlich nach der entschwundenen Zeit der Jugend, der Reinheit, da er mit schuldlosem Herzen oft denselben Weg gegangen war.

Da stand er am Pfarrhaus, durch die grünen Fensterläden schimmerte Licht, der Propst weilte in seinem Studierzimmer, und als trieb ihn eine unsichtbare Macht vorwärts, der er nicht widerstehen konnte, trat Michael näher. Oh, nur jetzt in dieser Stunde eine treue Hand ergreifen können, jetzt »Vater« sagen dürfen, »Vater -- ich verstehe Dich und Deine Schuld, denn jetzt weiß ich, was Leidenschaft heißt, weiß, welche unbesiegbare Macht sie ist, die uns zur Sünde treiben kann.«

Immer näher zieht es ihn, er durchschreitet den kleinen Vorgarten, er tritt durch die offene Hausthür in den weiten Flur, in dem eine kleine Öllampe ein mattes Licht verbreitet; er schleicht sich an die Thür des Studierzimmers und setzt sich dort auf die schmale Holzbank nieder, auf der er wartend einst so oft gesessen hat. Er legt den Kopf an den Thürpfosten und lauscht, ob er nicht drinnen den Schritt des Propstes hört, aber an sein Ohr schlägt nur das Geräusch des fallenden Regens draußen und das wilde Klopfen seines eigenen Herzens.

Ihm ist zu Mute, als sei er heimgekehrt nach langen, langen Jahren, er denkt nicht daran, wie Propst Ryback ihm entgegengetreten ist, als er im Winter in seine Heimat zurückkam, in dieser Stunde hat er alles vergessen, er hat nur grenzenlose Sehnsucht nach einem gütigen, verstehenden Wort, nach jemand, der seine heiße, verzehrende Liebe versteht. Er tastet nach der Klinke und öffnet leise die Thür, er sieht im Lichtkreis einer Lampe den Geistlichen sitzen, den Kopf tief über ein Buch geneigt.

»Vater!« Wie ein Hauch rang es sich von seinen Lippen.

»Michael!« Der Propst sprang nicht empor, regungslos blieb er sitzen und sah entsetzt auf den Mann in der Thür. Sekundenlang ruhten die beiden Augenpaare ineinander, bis sich der Propst erhob, ein eisiger Zug legte sich auf sein Gesicht, als er hart sagte: »In meinem Haus ist kein Raum für einen Abtrünnigen!«

»Vater!« In verzweifelndem Flehen, in beginnendem Trotz klang der Ruf.

»Kein Raum für einen Abtrünnigen,« wiederholte der Propst tonlos.

»Auch keinen Raum für den Sohn?«

Michael schrie es fast und doch klang namenlose Angst durch seine Worte.

Es war, als schwanke die stolze Gestalt des Geistlichen, aber nur kurz war die Schwäche.

»Ein Priester hat keinen Sohn, darf keine Liebe haben, als die zu der heiligen Kirche,« sagte er fest.

Michael lachte auf, wild, höhnisch, rasch trat er näher.

»Du,« stieß er hervor, »Du, der Du mein Leben verbittert hast, mich hineingetrieben in Zweifel und Irrtümer, der Du die Schuld trägst, daß mir mein stolzer, reiner Kinderglaube verloren ging, Du, der mir alles genommen, was rein und gut in mir war, Du verdammst mich als Abtrünnigen, schiltst mich einen Ketzer und stößt mich fort! Du verweigerst mir Vaterliebe, Du verleugnest mich aus feiger Angst vor der Welt, Du entziehst mir, was der Ärmste seinem Kinde giebt: Liebe! und nennst Dich einen Priester, einen Christ! Oh, ich Thor, ich kam her und wollte mich an die Brust des Vaters flüchten, wollte Dir sagen, daß ich Deinen Fehltritt verstehe, und verstehen heißt verzeihen, ich wollte nur ein wenig Liebe. Aber wehe Dir, die Liebe läßt sich nicht leugnen, hüte Dich, daß nicht einst eine Stunde kommt, in der all Dein Flehen, Dein Rufen vergebens ist, in der Du einsam bist und Dein Herz vergebens nach der Liebe Deines Kindes schreit, hüte Dich vor dem zu spät.« --

In wortlosem Entsetzen stand der Propst, er sah das leidenschaftdurchwühlte Gesicht des Sohnes, hörte die furchtbare Anklage, dann schlug ein grelles, verzweifeltes Lachen an sein Ohr, krachend fiel die Thür ins Schloß, er war allein. -- Er wollte rufen: »Kehr zurück, komm wieder!« Kein Laut kam über seine Lippen, gebrochen sank er auf einen Stuhl nieder, mit starrem Blick nach der Thüre schauend, als müßte diese sich öffnen und der Sohn noch einmal kommen. Alles blieb still, der alte Mann saß stundenlang so, bis er endlich laut vor sich hin sagte: »Ein Priester darf nicht lieben, er gehört nur der heiligen Kirche!« --

Michael stürmte davon, seinem kleinen Hause zu, das so still dalag wie die anderen; vor der Thür saß die mächtige Dogge und begrüßte mit freudigem Winseln den heimgekehrten Herrn. Leicht strich ihr dieser über den Kopf, ihm that die Freude des Hundes ordentlich wohl.

Benjamin schien bereits zu schlafen oder war noch nicht zurückgekehrt, Michael dachte daran, daß heute Nachmittag eine Andacht im jenseitigen Walde hatte stattfinden sollen, er dachte daran, wie an etwas, das weit, weit hinter ihm lag, er war nur froh, jetzt nicht dem Freunde Rede stehen zu müssen, in dieser Stimmung nicht dem forschenden Blick der dunklen Augen standhalten zu müssen. Er zündete ein Licht an und betrat das niedrige Wohnzimmer, er prallte förmlich zurück, aus der Ecke leuchtete das weiße Bild des Heilands ihm entgegen, die Kerze in seiner Hand warf unruhige Lichter darauf, die darüber hinhuschten und dem weißen Bildwerk einen Schimmer von Leben verliehen.

Seine aufs äußerste angespannten Nerven verloren die Spannkraft, laut weinend warf er sich vor der Statue nieder und streckte die Arme aus.

»Hilf, hilf!« stöhnte er; er wollte beten, aber er konnte nicht, er stammelte nur wirre Worte, in ihm tobte alles wirr durcheinander, Liebe und Leidenschaft, Scham, Reue und Zorn stritten in ihm, bis zuletzt die mächtige Stimme der Leidenschaft all' die anderen übertönte. Jusias Bild trat vor seine Augen, er hörte ihr Lachen, sah ihr süßes Gesicht, er küßte wieder ihren roten Mund und hielt sie in seinen Armen. So verharrte er regungslos zu den Füßen des Christusbildes, bis ein wohlthätiger Schlaf sich auf seine Augen senkte und im Traum flüsterten seine Lippen: »Jusia, Jusia.«