Stille Kämpfer: Roman

Part 2

Chapter 23,786 wordsPublic domain

Wohl lebte der Fremdling, den der Sturm in das stille Haus in dem Dorfe auf dem Sande verschlagen hatte, er lebte, aber hitziges Fieber durchtobte den jungen Körper und Wochen vergingen, ehe Vater Abraham sagen konnte:

»Er lebt! und so Gott will, wird er gesund am Leib und der Herr gebe, daß auch die Seele gesunde, denn die Fieberträume haben mir verraten, wie krank diese arme, junge Seele ist.« -- --

Schon durchwirbelte weißer Schnee die Luft, Wälle von Schnee türmten sich wie eine Mauer um das Dorf auf dem Sande und das Brausen des Meeres klang dumpf und drohend, als wolle es den Winter warnen, den Kampf mit ihm aufzunehmen.

Im hochgetürmten, altmodisch geschnitzten Bette lag Michael Wisniewski und schlief. Der grüne Kachelofen spendete treulich Wärme und die matte Wintersonne fiel durch das Fenster grade auf Tabeas dunklen Scheitel.

Das Mädchen saß vor dem Bette, die Hände in dem Schoß gefaltet und sah mit dunklen, träumerischen Kinderaugen auf den Schlafenden.

»Wenn er erwacht aus dem Schlaf, werden seine Sinne klar sein,« hatte Vater Abraham gesagt und nun saß das Mädchen und harrte des Augenblicks, da der Fremdling mit dem schönen, bleichen Gesicht die Augen öffnen würde. Das junge Herz des Mädchens war voll Mitleid für den armen blassen Mann, wirr waren die Worte gewesen, die er im Fieber gesprochen. Oft war Tabea erschrocken zurück gewichen, wenn der Kranke so geschrieen und wilde Flüche ausgestoßen hatte.

»Seine Seele ist krank,« so hatte Vater Abraham gesagt und das Mädchen hatte still gefleht:

»Ach, heiliger Gott, gieb ihm auch die Gesundheit der Seele wieder.«

* * * * *

Stille Leute waren es, die in dem Dorfe auf dem Sande wohnten; aus fernen Landen waren ihre Vorfahren, verfolgt um ihres Glaubens willen, hierher geflüchtet, hatten hier ihre Heimat gegründet und lebten weltfern, treu an dem alten Glauben haltend, bei einander.

Vater Abraham, in dessen Haus der Sturm Michael Wisniewski verschlagen hatte, war der Älteste der Gemeinde und genoß hohes Ansehen, nicht allein bei den Seinen, nein, auch aus den Dörfern, die hinter den Sandwällen im blühenden Lande lagen, kamen die Leute zu dem alten Mennoniten und holten sich manch' guten Rat.

Hell flackerte das Feuer in dem großen Kachelofen, vor dem Michael, sorgsam in Decken eingehüllt, saß, knisternd sprühten die Funken und eine trauliche Wärme umgab den Kranken. Rötliches Licht lag schimmernd auf den altmodischen Möbeln und auf den blitzenden Kannen und Krügen, die den Sims zierten.

»Das Meer braust und der Sturm heult, da ist es nicht gut draußen zu weilen,« sagte Abraham Jakobeit, der auf der Ofenbank saß, zu seinem jungen Gaste.

Der schaute mit sinnenden Augen in das helle Feuer, die Blässe der Krankheit lag noch auf seinem Gesicht, aus den Augen leuchtete noch nicht frohes Hoffen der Genesung, wie ein Schleier war es darüber gebreitet.

»Doch muß es schön sein, da unten zu schlafen auf dem kühlen, nassen Grunde! Mag der Sturm toben, mag das Meer zürnend grollen, der da unten liegt, der hört es nicht mehr! Warum, ach, warum habt Ihr grade mich gerettet!« so klagte der Kranke mehr zu sich, als zu dem Alten gewandt.

Der sah mit seinen hellen Augen prüfend zu ihm hin. »Seine Seele ist krank,« hatte er zu Tabea gesagt, nun genas der Körper, ob es ihm wohl gelang, auch die junge Seele zu retten?

»Neunundsechszig Jahre hat mein Leben gewährt,« sprach der alte Mann, »gute Stunden hat es mir gebracht, aber auch Stunden voll Herzleid und Gram. Stunden, in denen ich zu Gott gerufen habe: Warum, warum mir dies Leid, habe ich denn so große Sünde gethan? Mein Gott hat mir die Antwort ins Herz gelegt und ich bin stille geworden. Manchmal bin ich draußen auf dem Meere gewesen, dann kam mir in meinem Leid wohl der Gedanke, wie schön es sein müßte, da unten zu liegen in tiefem Schlaf, die Stimme in mir aber sprach: Wenn Deine Zeit gekommen ist, wird Dein Herrgott Dich rufen! und ich sah um mich und fand, daß meine Arbeit noch nicht gethan, daß mein Leben noch nicht so gewesen, daß ich von hinnen gehen konnte mit dem Gefühl, Du bist nicht ganz unnütz gewesen.

Dann nahm ich meine Arbeit auf und über der Arbeit schwand mein lauter Schmerz, er wurde still, ich lernte sehen und sah, daß es noch mehr Leid gab, noch schwereres als das meine.

Seht, Ihr seid jung, dem Meere habe ich Euch abgerungen, mit Gottes Hilfe gelang es meinen schwachen Kräften auch die Macht des Fiebers zu bewältigen. Nicht Neugier ist es, nur herzliche Teilnahme, wenn ich Sie bitte, vertrauen Sie mir Ihren Kummer an, noch können meine Schultern eines anderen Herzeleid mit tragen.«

Da schlug Michael die Hände vor sein Gesicht und heiße Thränen rannen ihm über die bleichen Wangen.

»Ich kann nicht, kann es nicht sagen,« stöhnte er.

»Noch nicht,« klang das Echo in dem Herzen des alten Mannes, »aber gesegnet seien diese Thränen, mich dünkt, es sind seit lange die ersten!«

Die Tage verrannen, strenger Winter herrschte im Land, aber Michael merkte es kaum, so warm war er gebettet, so umhegt von sorgender Liebe.

Da war Frau Johanna, Vater Abrahams Tochter, die vereinsamt nach dem Tode von Mann und Kind ins Vaterhaus zurückgekehrt. Wie sie bemüht war um den Genesenden und dieser, für den außer der seiner Mutter, noch keine Frauenhand liebend gesorgt, empfand dankbar diese freundliche Sorge, an der auch Tabea teilnahm.

Und dann diese Plauderstunden am flackernden Feuer, in denen der alte Mennonit aus dem reichen Born seiner Lebenserfahrungen schöpfte.

Wie gern lauschte Michael, eine andere, eine neue Welt war es, die sich vor ihm aufthat, war es die bessere?

Mennoniten nannten sich die Leute, unter die ihn das Schicksal verschlagen hatte, Ketzer nach seinem alten Glauben; er erinnerte sich wohl, wie Propst Ryback diese Sekte einst heftig geschmäht hatte.

Aber waren die Menschen, die ihn so hegten und pflegten wie ihren eigenen Sohn, wirklich so verdammungswürdig? --

Lange schwieg Michael über sich und seine bitteren Erfahrungen, aber dann kam eine Stunde, in der er, in traulicher Dämmerung neben dem alten Manne sitzend, mit diesem über das, was sein Herz bewegte, zu reden begann. Er sprach von den Stürmen seiner Jugend, von seinen hohen, stolzen Plänen, einst ein Auserwählter des Herrn, ein Bote des Friedens zu werden. Dann, leise stockend, von seltsamem Vertrauen zu dem Alten erfüllt, sprach er auch von dem Fluch, der sein Leben vergiftet, von der Erkenntnis der Sünde seiner Eltern.

Was er begraben im tiefsten Herzen, er holte es vor, und in leidenschaftlicher Anklage sprach er von jener Stunde, da er voll Schmerz und Zorn vor seinem Vater gestanden, da er ihm geflucht hatte, ihm und der toten Mutter. Bis er dann endlich zur Besinnung gekommen war und all' die leidenschaftliche Liebe, die er für den Freund gehegt, wieder zum Durchbruch kam.

Er sah wieder das zu Eis erstarrte Gesicht des Mannes, hörte die heisere Stimme:

»Schweig', Bube, Fluch über Dich, wenn Du verrätst, was zwischen uns steht, geh' fort von hier, so weit wie möglich -- fort, fort!« Und in seinem Gesicht las man die Angst, die blasse Furcht vor dem Urteil, vor dem Gerede der Menschen; da ergriff den Sohn grenzenlose Verachtung und er stürmte hinaus.

Michael stöhnte auf, zu machtvoll war die Erinnerung über ihn gekommen. --

»Seit Jahren bin ich umhergewandert,« fuhr er fort, »damals, als mein Ziel, mein Streben, mein Hoffen zu meinen Füßen lag, wurde ich Seemann, mich trieb es so viel Meilen wie möglich zwischen die Heimat und mich zu legen. Viel bin ich umhergewandert, in fernen Weltteilen bin ich gewesen, mein Blick ist weiter geworden, meine Kenntnisse größer, aber etwas habe ich nicht wieder finden können -- den alten Kinderglauben. Was damals in meinem Herzen zerbrochen ist, habe ich nicht mehr auffrischen können, nicht mehr die Brücken finden, die mich hinübergeleitet hätten in das Land des Glaubens. Welcher ist der rechte? Über diesem Grübeln habe ich ihn verloren!«

Wie ein Aufschrei kamen diese Worte aus seiner Brust, und erschüttert sah der alte Mann auf seinen jungen Gefährten nieder.

»Ja, Du armes, junges Blut, Du arme, kranke Seele! Mein Herrgott, gieb mir die Kraft, sie zu heilen,« bat er in seinem Herzen, und mit sanfter Hand begann er die Heilung.

Aus dem Buche seines Lebens und seiner Lebenserfahrungen berichtete er seinem jungen Gaste, und dieser lernte daraus verstehen, wie es kam, daß dieser einfache Fischer seine Genossen so an Kenntnissen überragte.

In seiner Jugend war Abraham Jakobeit als Seemann Jahre lang in fernen Landen gewesen, er hatte es bis zum Kapitän gebracht. Sein Weib war ihm gestorben und sein Sohn wurde bei Verwandten der Frau erzogen. Jung ging auch dieser in die Welt und verlor sein Leben auf der See.

Da sehnte sich auch Abraham nach Ruhe, er kehrte zurück in die Heimat und nahm Benjamin und Tabea, die verwaisten Kinder seines Sohnes zu sich.

Seit Jahren lebte er nun wieder hier in der Heimat, seine reicheren Erfahrungen, sein größeres Wissen zum Besten seiner Mitmenschen verwertend.

Er war ein gläubiger Mennonit geblieben, lebte getreu den einfachen, strengen Satzungen seiner Sekte, verabscheute den Krieg, hoch über Allem stand ihm der Frieden im Herzen der Menschen zueinander, aber er hatte draußen in der Welt gelernt, daß jeder Glaube, so er nur aufrichtig sei, zum Guten leiten könne, und diese seine Überzeugung sprach er auch offen gegen Michael aus.

Immer inniger schloß dieser sich an den alten Mann an, je mehr seine Körperkräfte zunahmen, desto lichter wurde es auch in seinem kranken Gemüte.

Er fühlte sich zufrieden in dem kleinen Kreise, und bald gehörte er so dazu, daß der Gedanke an Trennung in weite Ferne gerückt wurde. Für Vater Abraham war er ein Sohn, für Frau Johanna ein Kind ihrer mütterlichen Sorge, für Tabea ein älterer Bruder, und für Benjamin?

Das hätte er wohl selbst nicht zu sagen gewußt, was er für diesen bedeutete.

Es war überhaupt etwas Eigenes um Benjamin. -- Verwachsen und schwächlich, hatte dieser von Kindheit an eine etwas einsame Stellung eingenommen, die durch sein verschlossenes, grüblerisches Wesen noch verschärft wurde.

Wie ein Fremdling stand er unter den Seinen, fremdartig war schon sein Äußeres, er gehörte mehr dem Stamme seiner Mutter an, die eine Südländerin gewesen war. Sein scharfgeschnittenes Gesicht mit den leidenschaftlichen, dunklen Augen hatte so wenig Ähnlichkeit mit den hellen Zügen Vater Abrahams, wie sein wilder Fanatismus mit dessen milder Güte.

Ja, fanatisch war Benjamin, und Michael entsetzte sich fast, als er das erstemal die Wahrnehmung machte, welch finsterer Geist in dem Körper des Verwachsenen wohnte.

Da war nichts von der milden Friedenslehre des Großvaters, nichts von Tabeas reinem Kinderglauben, nicht Duldung und Frieden, Kampf, erbitterter Kampf war dessen Losung.

Nach und nach hatte auch Michael mehr von Benjamins Leben erfahren. Dieser war mehrere Jahre in Amerika gewesen, hatte sich dort einer Sekte angeschlossen, die aus den Mennoniten hervorgegangen war, aber noch wenig gemein hatte mit deren alten, einfachen Satzungen. Von verschiedenen Sekten etwas annehmend, waren sie nach und nach zu wilden Fanatikern geworden.

Vor einem Jahre ungefähr war er dann zurückgekehrt, und mit tiefem Schmerz hatte der Großvater erkannt, wie verschieden ihre Anschauungen geworden sind.

Beherrscht von fanatischem Glaubenseifer, getrieben von dem brennenden Ehrgeiz, eine Rolle zu spielen, wollte der Enkel ein Prophet werden. Er fand die Lehren des Großvaters viel zu kindlich, zu sanft. Mit Feuer und Schwert wollte er die Welt erobern, seine Lehre sollte herrschen, vor ihr sollte die Menschheit sich beugen. --

Anfangs stieß Michael diese wilde Art ab, aber hatte er nicht auch einst davon geträumt, ein Lehrer, ein Prophet zu werden? Wohl stritt er sich mit Benjamin, aber doch suchte er ihn wieder auf, und nach und nach gewann dieser Einfluß auf Michael. Niemand gewahrte es, wie er diesen im Grunde etwas schwankenden Charakter beherrschte, stärker war noch Vater Abrahams und Tabeas milder Einfluß; aber Benjamin war klug und sagte sich, daß, sobald dieser nicht unmittelbar sei, er der stärkere werde, und Michaels glänzende Rednergabe und seine stattliche, sympathische Erscheinung brauchte er zu seinen Plänen, das waren Vorzüge, die ihm fehlten, wie er mit Bitterkeit längst erkannt hatte.

Er wagte aber auch nicht, dem Großvater gegenüberzutreten, denn so sehr er sich innerlich dagegen sträubte, die milde Ruhe, die klare, freundliche Weltanschauung und der echte, tiefe Glaube des Alten zwangen ihm unendliche Hochachtung ab.

Er hoffte auf die Zeit, einmal mußte sie kommen, da er mit Michael das große Werk der Bekehrung begann. --

So flossen die Monde dahin, der Fremdling, der einst krank und weltmüde im Dorfe auf dem Sande eingekehrt, war nun ein lieber Hausgenosse geworden; er trieb im Sommer das Gewerbe der Männer, die Fischerei, erweiterte im Winter seine Kenntnisse durch eifriges Studium. Die kleinen Ersparnisse aus seiner Wanderzeit benützte er teilweise dazu, sich eine Bibliothek anzuschaffen.

Wohl kam ihm manchmal die Sehnsucht nach der verlassenen Welt, der Ehrgeiz regte sich in ihm, sich eine Stellung, die seinen Kenntnissen entsprach, zu erringen, statt hier thatenlos in dem weltfremden Dörfchen zu leben. In solchen Stunden gewannen Benjamins Pläne Macht über ihn; kam dann aber Tabea mit ihrer weichen, süßen Stimme und rief ihn, mit ihr zu kommen, und saß er dann bei den Frauen und dem Großvater im traulichen Zimmer oder vor dem Hause auf der Bank, mit dem Blick nach dem weiten Meere, im ernsten Gespräch, dann kam der Friede wieder über ihn und die unruhigen Gedanken wurden stille. --

Da fand er einmal, daß in einer Zeitung ein Aufruf stand, der ihn selbst betraf. Sein Name stand darin, er wurde gesucht; ein Verwandter seiner Mutter war gestorben und er der Erbe des kleinen Vermögens.

Von jener Stunde an wich die Ruhe von ihm, machtvoll überkam ihn die Sehnsucht nach der alten Heimat. Nur einmal wollte er dahin zurückkehren, noch einmal das kleine Haus betreten, darinnen er seine Kindheit verlebt, noch einmal an das Grab der Mutter treten, an die er jetzt mit immer verzeihenderer Liebe dachte.

Noch einmal wollte er dem gegenübertreten, um dessentwillen er einst die Heimat verlassen hatte. Nicht mehr im Zorn, in alter Liebe wollte er ihm die Hand reichen, wollte am Vaterherzen ruhen und dann mit versöhntem Gefühl die Heimat für immer verlassen.

Wochenlang kämpfte er gegen diese Sehnsucht, er wurde still und in sich gekehrt, bis ihm der alte Jakobeit zuletzt selbst zuredete, sich seinen Wunsch zu erfüllen.

Er ging, aber noch ehe er das Sanddorf verließ, kam eine Stunde, in der er neben Tabea am brausenden Meere stand, ihre Hand fest in der seinen haltend, ihre dunklen Augen suchte.

»Das tobende Meer brachte mich einst zu Euch; krank an Seele und Leib, kam ich in Euer Haus, Du warst die erste, die ich, aus Fieberwahn erwachend, erkannte. Seit jener Stunde wohnt Dein Bild in meinem Herzen, nun gehe ich fort, nur aber, wenn Du die erste sein willst, die mich empfängt, so ich wieder komme, mich empfängt als meine liebe Braut, willst Du, Tabea?«

Heiß flutete eine Blutwelle über das liebliche Mädchengesicht, mit einem Blick voll Glück und Liebe sah sie zu dem Manne auf und sagte mit verhaltenem Jubel in der Stimme:

»Ich will, ach Michael, wie liebe ich Dich!« Sie legte den Kopf an seine Brust und er küßte fast ehrfurchtsvoll die reine Mädchenstirn.

Das Meer brauste und schäumte, Welle stürzte über Welle -- sie hörten das Gelöbnis der Liebe bis zum Tode, das die beiden jungen Menschenkinder mit einander eintauschten.

Zwei Tage später zog Michael von dannen, Benjamin war sein Gefährte, der hatte so darum gebeten, daß Michael nicht »Nein« sagen mochte.

Er schalt sich selbst thöricht, wenn er Benjamins Gegenwart als Last empfand, es ruhte auf ihm wie eine Ahnung schweren, kommenden Leides.

* * * * *

In den Zeiten des polnisches Königreiches gehörten die Herren von Leninski zu dem angesehendsten, reichsten Adel, aber wie der morsche Thron der Polen in Splitter sank, so zerfiel auch im Laufe der Jahre die Herrlichkeit der Leninskis. Das Gold rann ihnen aus den Händen, ein Stück Land des alten Besitzes nach dem anderen mußte verkauft werden und heute saß der jetzige Herr, Marcel von Leninski auf Lochowo und sah wehmütig auf den geringen Rest, der ihm von dem einstigen Reichtum geblieben war.

Inmitten eines romantischen, völlig ungepflegten Parkes, mit der Front nach einem schilfumkränzten, kleinen See lag Schloß Lochowo. Nach der Landstraße zu dehnten sich die weitläufigen, dem Verfall nahen Wirtschaftsgebäude aus, an die sich das Dorf anschloß.

Boguslaw von Leninski, der Prächtige, wie ihn seine Nachkommen nannten, hatte Jahre lang in Paris gelebt; der glänzende Hof, der die schöne, unglückliche Marie Antoinette umgab, sagte seinem beweglichen Temperament so zu, daß er seiner Besitzungen im fernen Polen nur gedachte, wenn er Geld brauchte.

Als die Stürme der Revolution sich erhoben, verließ er das geliebte, glänzende Paris mit schwerem Herzen und mit leichtem Beutel.

In der Einsamkeit der heimischen Wälder begann er sich, in Erinnerung der glänzenden Tage, ein =petit Versaille= aufzubauen, aber ehe noch der Bau vollendet war, rief ihn der Tod ab und sein Erbe, der sich genötigt sah, den größten Teil der alten Herrschaft zu verkaufen, ließ von einfachen Handwerkern den Bau vollenden; denn schon erklang der Kriegslärm des großen Korsen auch in die Einsamkeit der russisch-deutschen Gebiete.

Ein Stückwerk, mit feinem Kunstsinn begonnen, von ungeschickten Händen vollendet, blieb Schloß Lochowo.

Im Sommer freilich, wenn die Kletterrosen, die sich daran emporrankten, in Blüte standen, die schlanken Türme vom Sonnengold umflossen in die blaue Luft ragten, bot es einen Anblick, der wohl ein Malerauge entzücken konnte. --

Herr Marcel von Leninski, der von seinen Ahnen das leichte Blut und die sanguinische Lebensanschauung geerbt hatte, mühte sich redlich, sich und den Seinen den letzten Rest der alten Herrlichkeit zu erhalten.

Frau Halinka, seine Lebensgefährtin, machte es ihm freilich oft schwer genug. In ihrer Jugend einst eine große Schönheit, hatte sie ein Jahr ihrer Mädchenzeit in Paris verbracht und dann, froh, ein standesgemäßes Unterkommen zu finden, ihren alten Verehrer und derzeitigen Gatten geheiratet.

Herr Marcel hatte weder die Schönheit, noch den sprühenden Geist seines glänzenden Ahnherrn geerbt, er bewunderte seine schöne Gattin aufrichtig und that so viel für ihre Luxusbedürfnisse, wie es seine Mittel irgend erlaubten. Aber Frau Halinka konnte das Jahr in Paris, das Jahr ihrer Triumphe nicht vergessen, sie war fest überzeugt, sich herabgelassen zu haben, indem sie Frau von Leninska wurde.

Immer und immer erzählte sie von dem einen glänzenden Jahre, anfangs imponierte sie ihrem einfachen, gutmütigen Manne, aber die Jahre verwischten die Eindrücke, jetzt geschah es mit wiederkehrender Regelmäßigkeit, daß der gute Marcel bei den Erzählungen in sanften Schlummer fiel.

Kasia, die jüngste Tochter, dagegen lauschte mit fiebernder Aufmerksamkeit den mütterlichen Erzählungen, sie kannte kein größeres Vergnügen, immer wieder war sie es, die die Mutter zu neuen Berichten anregte. Dann saß sie da, die dunklen Augen strahlten, die feinen Lippen leicht geöffnet, jeder Nerv an ihr lebte, es prickelte und zuckte in ihren Gliedern, sie war mitten drin in dem rauschenden Leben. Sie lachte, weinte, tollte, kokettierte und heißer kreiste das leichte Blut der Vorfahren in ihren Adern.

Frau Halinka erzählte, hingerissen durch der Tochter Begeisterung immer mehr und Herr von Leninski schüttelte manchmal vom Schlaf erwachend das Haupt, wenn er hörte, daß die stolze Herzogin von M. seiner Frau gesagt, sie wäre die Blume der Blumen, und daß Graf Armand de St. ihr sein Herz und seine Millionen zu Füßen gelegt, hatte er noch gar nicht gewußt. Ein leises, verschmitztes Lächeln trat auf seine Lippen -- Du lieber Himmel, die Zeit verwischt die Erinnerungen! --

Wladislaw, der einzige Sohn und Erbe, hatte es vorgezogen, in österreichische Dienste zu treten, er stand in einer kleinen böhmischen Garnison als Oberleutnant, seine Briefe bildeten der Mutter Entzücken und des Vaters Sorgen, denn mit absoluter Sicherheit kehrte darin stets die Wendung wieder, »ich brauche Geld.«

Still und sanft waltete noch eine andere im Hause, Maria, die älteste der Schwestern, sie war es, die den Haushalt in Ordnung hielt.

»Unsere Maruszka ist unser guter Hausgeist,« pflegte Frau Halinka wohl anerkennend zu sagen, während ihre Blicke stolz an der lieblichen Erscheinung ihrer jüngeren Tochter hingen.

»Jusia kommt, Jusia kommt!«

Einen offenen Brief in der Hand stürmte Kasia wie ein Wirbelwind in das Boudoir der Mutter.

Frau Halinka las in einem neuen französischen Roman, während Maria Faden um Faden durch eine feine Stickerei zog.

Tief neigte jetzt Kasia den zierlichen Körper vor ihnen und sagte mit komischem Ernst:

»Meine Damen, gestatten Sie, daß ich Ihnen die freudige Mitteilung machen darf, daß Gräfin Jusia Potocka übermorgen Einzug in unser Schloß halten wird!«

»Wildfang.« Frau Halinka lächelte nachsichtig, während auf ihr stark verblühtes Gesicht ein freudiger Ausdruck trat. »In der That, ich muß gestehen, eine ganz angenehme Abwechslung, dieser überraschende Besuch der Komtesse.«

»Wundervoll, unbeschreiblich schön!« jubelte Kasia. »Ach, Mama, was wird uns Jusia alles erzählen können, bedenke doch, wie viel sie gesehen hat, seit wir vor zwei Jahren das Kloster verließen; Nizza, Rom, Paris, das himmlische Paris, ach, ich beneide sie, die Glückliche!«

»Nur nicht gar so enthusiasmiert, =ma petite=, ich war auch in Paris und wer weiß, ob Komtesse Jusia eine so vorzügliche Kennerin des pariser Lebens ist, wie ich es war. Ob sie den Esprit und die Eleganz besitzt, es so zu erfassen wie ich, nun wir werden ja sehen, jedenfalls ist es auch mir angenehm, einmal wieder von meinem Paris reden zu können.«

»Übrigens Maria, hast Du in mein neues Cape auch die Etiquette von =Bon marché= eingenäht? Es ist mir lieber, wenn Gräfin Jusia sieht, daß wir einen Teil unserer Toiletten aus Paris beziehen.«

»Aber Mama!« vorwurfsvoll erhob die Angeredete ihre ernsten, dunklen Augen zur Mutter.

»Schweig, Maria, ich weiß, was ich uns schuldig bin, triff lieber die Vorbereitungen für unseren Gast!«

Still verließ diese das Zimmer, die Lippen fest aufeinander gepreßt, als wolle sie die Worte zurückdrängen. Ach, wie sie sich schämte über die thörichte Eitelkeit der Mutter, die immer und immer wieder die Etiquettes der pariser Firmen, die noch von den Toiletten aus den ersten Jahren ihrer Ehe stammten, heraustrennen und in die neuen, in der Kreisstadt gekauften Sachen nähen ließ.

Mit müdem Schritt erstieg Maria die Treppe zu dem oberen Stockwerk, sich überlegend, welche Zimmer sie dem jungen Gast geben sollte. Es gab deren genug in dem weiten Bau, aber die wenigsten waren möbliert, Stückwerk der Bau, Stückwerk die Einrichtung. Kostbare Empire- und Rokokomöbel, die fehlenden Stücke durch einfache, vom Tischler gefertigte Sachen ersetzt.

Schweren Herzens begann Maria ihre Arbeit, aus allen Räumen trug sie etwas zusammen, bis sie endlich ihr Werk wehmütig betrachtend inne hielt. »Stückwerk außen wie innen! ach Gott, wie müssen die Menschen glücklich sein, die in geordneten Verhältnissen leben!« --

»Maria bist Du oben?« unterbrach die helle Stimme der Schwester ihre Gedanken.

»Was giebt es, Kasia?« Leichtfüßig kam diese schon die Treppe herauf.

»Marinka, mein Seelchen!« rief sie aus, »reizend ist das Zimmer! Ach, denke Dir nur, wie lieb von Mama, sie will mit uns nach der Stadt fahren und uns neue Toiletten kaufen. Einen Ball will sie auch geben, während Jusia da ist, endlich einmal etwas Abwechslung!«