Chapter 7
Der alte Herr hatte in den letzten beiden Wochen wiederholt dergleichen ausgesprochen. Erst jetzt fiel es Klara auf, daß er sie immer voll Bedeutung dabei angesehen. Sie war so arglos gewesen. – Wie hatte sie eine so schwindelerregende Schicksalswendung für sich erahnen können!
Sie fragte sich, immer ruhiger werdend: »Ist er mir unangenehm?«
Nein! Gewiß nicht. Nichts an seiner Erscheinung konnte ästhetisch abstoßen. Sein Vater hatte manchmal grimmig gesagt: die Weiber sind zu toll hinter ihm hergewesen. Vielleicht war er sehr geliebt und umworben gewesen. –
Aber er hatte Schlimmes erfahren. Ein Weib, dem er jahrelang in rasender Leidenschaft angehangen, hatte ihn verraten.
Mehr wußte Klara nicht. Das stimmte sie vom ersten Augenblick an mitleidig – machte ihn ihr ein wenig interessant, wie es für jede Frau der Mann ist, von dem sie weiß: er hat geliebt und gelitten.
Vielleicht konnte sie seinem Leben wieder Frische und allmählich wieder Freudigkeit bringen. – Sie konnte das Ihre tun, in ihm die Liebe zum Werk, das Verständnis für seines Vaters Lebensarbeit zu erwecken – Sie sah wohl: noch war das alles tot in ihm. –
Welche Aufgabe!
Sie ahnte, was der alte Mann von ihr hoffte: sie sollte ihm den Sohn zu _seinem_ Sohn machen helfen. –
Am Fenster saß sie, draußen rann der Regen auf den Hof und schüttete Wasser auf den zu schlanken Lindenbaum mit dem schmalbrüstigen Wipfel. Ihre Hände hatte sie ums Knie gefaltet. Und sie erhob das Gesicht zum Bilde ihrer Mutter. Es war voll von wunderbarem Leben, denn ein großer Künstler hatte es damals gemalt, als Geld im Hause Hildebrandt keine Rolle spielte. Die ganze Persönlichkeit der Toten sprach aus diesem Bilde. Hell stand die Gestalt vor einem tiefgrünen Hintergrunde. Die edlen Züge zeigten den Ausdruck eines wehmütig lächelnden Ernstes.
Und Klara – sich an diese Züge mit förmlicher Inbrunst des Blickes hängend, fühlte wieder: »Ich muß!«
War es denn wirklich ein solches Opfer?
Klara hatte sich niemals in der himmelblauen Sentimentalität anderer Mädchen ausgedacht, wie »Er« aussehen müsse.
Und sich in Phantastereien nie verschworen, daß sie unter keinen Umständen einen anderen nähme als den, der einem Idealbilde gleiche. – Ihre Lage brachte es nicht mit sich, ans Heiraten zu denken. Sie war ganz arm. Sie lernte kaum Männer kennen, die ihr überhaupt auch nur flüchtig die Idee erwecken konnten: der paßte für mich. Weder ein Hauptmann von Likowski einerseits, noch ein Herr Kehl anderseits regten dergleichen bei ihr an – was bei allen obwaltenden Umständen ja auch auf der Hand lag ...
Und nun wollte ein Mann sie zu seiner Frau machen, der sie auf einen solchen Platz stellte – –
Was würde sie für einen Wirkungskreis bekommen!
Das große Haus mit seinem ganzen, auf reichliche Art eingewöhnten wirtschaftlichen Betrieb. Die Kolonie Severinshof – denn da gab es noch viel zu tun – gerade für eine Frau. In viele Familien ließ sich noch mehr Segen tragen, als die Wohlfahrtseinrichtungen möglich machten. Und diese selbst noch zu erweitern und zu verbessern, war auch eine schöne Aufgabe. In der sozialen Fürsorge kann eine Frau mit begabterem Blick das Nötige und vor allen Dingen das seelisch Feinere herausfinden, als es der wohlmeinendste Mann vermag. Ja, da könnte man schaffen, sich rühren, nützlich sein. – Und als Herrin! Mit großen Mitteln, und durch Einfluß auf den alten Herrn.
War es nicht ein Unrecht gegen viele, wenn sie es ausschlug, diese Aufgaben zu übernehmen? Sie wußte aus Erzählungen, daß Wynfrieds Mutter gar keine Teilnahme gehabt und gar nicht anerkannte, daß sie Pflichten habe.
Aber sie – oh, sie würde mit heißem Willen nach Pflichten suchen.
Ihr Herz klopfte rascher – eine stolze Vorfreude wallte in ihr auf.
Und dann vor allem: den großartigen alten Mann pflegen –
Wirklich seine Tochter sein! Damit zugleich auch dem Andenken ihrer heiligen Mutter leben – viel von dem erfüllen, was deren Liebe nie gedurft ...
War das nicht herrlicher Inhalt für ein Leben?
Man sagte: die Liebe kommt oder geht in der Ehe. Erst die Heirat ist der rechte Prüfstein für sie.
Klara dachte: vielleicht lerne ich ihn lieben, wenn er erst mein Mann ist ... Aber dieser Gedanke entglitt ihr – verschwamm in Träumereien. Es war, als mache ihr Seelenleben eine Pause – hülle sich in Dunkel – –
Sie fuhr zusammen – erwachte. Und wußte mit wunderbarer Klarheit: »Ich werde ihn niemals lieben ...«
Freundlich, herzlich, mit allen Vorsätzen, ihn zu verstehen – ja, so konnte sie ihn wohl lieb haben.
Aber nicht mit jener Liebe, die stark ist wie der Tod.
Vielleicht war es auch nicht dies Gewaltige, das für eine segensvolle, friedliche Ehe nottat.
Konnte nicht aus Freundschaft und dem heiligen Willen zu nützlicher Gemeinsamkeit auch ein Glück erwachsen?
Klara wußte, was das war: heiraten.
Ihr Mann hatte alles von ihr zu fordern. Sie durfte in einer Ehe, die sie mit Bewußtsein schloß, nichts verweigern ...
Und weiter wußte sie: gerade in dieser Ehe mußte unter allen Gelöbnissen das zur Treue am höchsten stehen!
Wie oft stürzen sich zwei zusammen in ein rasch verflackerndes Liebesfeuer und können sich nachher voreinander entschuldigen: wir ahnten nicht, daß es so rasch verglühen würde.
Hier war kein Wahn, keine Flamme.
Hier warteten nur sittliche Pflichten.
Klara stand auf. Ihr ganzes Wesen war voll von Entschlossenheit.
Sie begriff ihre erste sinnlose Erregung nicht mehr.
Dem alten Mann, dessen Tochter sie nun werden sollte, hatte sie in heißer Dankbarkeit ihr Leben opfern wollen. Sie war bereit – –
Die alte Vossen riß die Tür auf, und ihre breite Gestalt mit der blauen Aufwaschschürze vor der Leibesfülle blieb in der breiten Spalte. Ihr kupfriges Gesicht hatte einen hilflosen und wichtigen Ausdruck.
»Da is der junge Herr Lohmann ... mits Auto is er gekommen ...« sagte sie verdutzt.
»Bitte,« sagte Klara.
Wynfried kam auf sie zu und küßte ihr die Hand.
Er wurde rot – es schien, als übernehme ihn plötzlich eine Verlegenheit ohnegleichen. Mit einer laschen Gefügigkeit war er hergekommen. Alle Gespräche und die Gedanken waren Theorie gewesen. Jetzt überstürzte ihn die Wirklichkeit.
»Mein Vater hat Ihnen geschrieben?« begann er.
Klara fühlte eine wunderbare, liebevolle Ruhe in sich. Unbewußt etwas Mütterliches.
»Ja. Ich war sehr, sehr überrascht. Aber es war richtig und herzlich von Ihrem Vater, daß er mich vorbereitete.«
Sie schob an dem Tisch – als wolle sie das Sofa freimachen. – Tat, als sei dies ein alltäglicher Besuch – war fast unbefangen –
»Und auf welche Antwort darf ich gefaßt sein?« fragte er.
Klara sah ihn gerade an. Ihre grauen Augen waren so klar – so voll Güte.
»Sie haben mir nichts zu sagen?« fragte sie leise.
Er setzte sich aus Nervosität – unwillkürlich – legte den Hut auf den Tisch – strich sich mit den Fingerspitzen über die Stirn – wie sein Vater pflegte, wenn der sich fassen wollte ... Klara dachte es. Und diese kleine Bewegung war ihr deshalb seltsam wohltuend. Und immer ruhte ihr warmer, sicherer Blick auf seinen Zügen. Er begegnete diesem Blick.
Er begriff: ja – er mußte viel sagen – das hatte sie zu verlangen. Bitten. Zärtlichkeiten, schöne Worte. – Er konnte nicht. Alles in ihm wehrte sich.
»Sie erwarten nun mit Recht eine Liebeserklärung – es ist das, was der Augenblick mit sich bringen sollte. – Ich – – liebes Fräulein – Klara – ich habe ... Schweres liegt hinter mir – was soll ich sagen – wie Ihnen begründen ... Ich bitte Sie, meine Frau zu werden – ja, das tue ich aus vollster Sympathie, ich habe ...«
Er brach ab. Bitterkeit kam plötzlich in ihm hoch – vielleicht Zorn gegen seinen Vater, der es verstanden hatte, ihn herzuzwingen – in langsamer Überredung, in leidenschaftlichen Wünschen.
»Nein!« sprach Klara ihn unterbrechend. »Ich weiß ein wenig von Ihnen – Ihr Vater sagte es mir: Sie haben eine harte Erfahrung gemacht – – Nein. Ich erwarte keine Liebeserklärung. Sie haben gelitten und leiden vielleicht noch.«
Er öffnete die Lippen – wie vor Überraschung. Er tat einen tiefen Atemzug ...
»So darf ich wahr sein?«
»Kann es zwischen uns eine ernstere Pflicht geben als die Wahrheit?« fragte Klara entgegen.
Es war so viel Würde in ihrer Art, daß es ihm wohltat – o wie wohl!
»Ich komme zu Ihnen, weil mein Leben von entsetzlicher Leere ist, weil mein Vater glaubt, daß ich durch eine Ehe, durch eine Ehe mit Ihnen ein neues Dasein finden würde.«
Er dachte: »Nun sagt sie Nein!«
Er wußte nicht: war das Erleichterung oder tat sich die Leere nur noch trostloser auf?
»Und Sie selbst?« fragte Klara weiter. »Haben Sie selbst das Vertrauen, daß ich Ihnen helfen könne?«
Wie sie ihn immer ansah! So fest und klar, wie er noch keinen Blick in keinem Auge gesehen hatte. Das zwang ihn »Ja« zu sagen.
Irgend eine unklare Empfindung trieb ihn, sich zu erheben – er stand vor ihr, in der Haltung eines Respektvollen.
»Ja.« Und er glaubte an sein Ja.
»Ich danke Ihnen. Das ist viel. – Wie alles liegt, muß es mir – – genug sein,« sagte sie langsam.
»Sie willigen ein – liebe Klara?«
Er nahm etwas scheu ihre Rechte.
»Große Aufgaben liegen vor uns. Und ich darf Ihrem Vater nun wirklich Tochter sein. Sie fühlen wohl: er ist mir der teuerste, der wichtigste Mensch auf der Welt.«
Wynfried wollte fragen: so ist es seinetwegen?
Aber ein unbestimmtes Gefühl verschloß ihm den Mund.
Nicht fragen! Ob sie um des Vaters willen und aus Dankbarkeit so bereit war? – Ob sie ihn, wie sein Vater meinte, liebe? – Nicht fragen ...
Sie hatte von ihm keine Lüge verlangt – welche Erleichterung! Dafür war er ihr dankbar. Was er ihr brachte, wußte sie, ahnte sie. – Was sie ihm brachte, wollte er lieber nicht wissen.
Wenn sein Vater Recht hatte! Wenn sie ihn liebte! Gestern noch war es ihm gleichgültig oder gar lästig gewesen, das zu hören. Heute war der Gedanke, daß sie ihn liebe und er das nicht erwidern könne, beunruhigend, beschämend – Nein, nicht fragen – –
Nun nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände. Er dachte: ich muß sie doch küssen. Er wußte: diese Lippen waren unberührt. Das blitzte so durch ihn hin; eine flüchtige Aufwallung von etwas Reizvollem überkam ihn. Er küßte sie.
Klara nahm den kurzen Kuß mit verständiger Freundlichkeit an.
»Wir wollen recht und von ganzem Herzen versuchen, uns zu verstehen,« sagte sie warm.
Sie sprachen noch über allerlei äußere Fragen, und Wynfried nannte sie Du. Alles war plötzlich ganz einfach und so selbstverständlich. – Es tat ihm sehr wohl, ganz ohne Aufwand von erlogenen Worten und Gesten auszukommen.
Er wollte sie gleich mit zu seinem Vater nehmen. Der wartete voll Ungeduld.
»Nein,« sagte Klara, »wie werde ich so davonfahren! Zwölf Jahre hat die alte Frau treu und eifrig versucht, mütterlich für mich zu sein! Sie hat ein Recht darauf, daß ich mich in diesem Augenblick als Tochter betrage – ich möchte noch allein mit ihr sprechen.«
Das gefiel ihm. Er fühlte: sie hat Herzenstakt. Von ihrer sanften, ernsten und doch so unbegreiflich sichern Art wirkte etwas auf ihn herüber, das ihn beruhigte und zugleich zu einer gewissen Aufmerksamkeit zwang.
Dies war die erste Stunde ohne Qual und ohne Leere, die er seit vielen Monaten gehabt hatte.
Er reichte ihr die Hand zum Abschied. Irgend etwas trieb ihn, ihr besondere Wärme zu zeigen – aus Dankbarkeit, weil sie eben _keine_ besondere Wärme zu beanspruchen schien; deshalb nahm er ihre Hand zwischen seine beiden Hände.
Dabei schob sich die goldene Kette vor, die um sein linkes Handgelenk geschmiedet war ...
Klara sah sie – zufällig war sie ihr noch nicht aufgefallen – sie sah unwillkürlich genau hin.
Da zog er hastig die Hand zurück – es war ihm unangenehm, daß ihr sein Armband so offenbar auffiel.
»Also in einer Stunde.«
Klara stand und sah noch auf die Tür, die sich hinter ihm geschlossen hatte.
»Es wird – es soll gut gehen!« sagte sie sich fest.
Nun also zur alten Frau – ihrer Überraschung, Rührung, Neugier, aber auch ihren verzeihlichen kleinen Naivitäten und ahnungslosen Plumpheiten standhalten ...
Die Tür von Klaras Zimmer nach den beiden Vorderzimmern war durch einen großen Schrank verstellt, um der für die Schulpflichten Arbeitenden mehr Ungestörtheit zu sichern. Klara mußte also über den Flur.
Da stieß sie auf einen fremden Offiziersburschen. Der riß die Mütze ab und sagte dienstbeflissen: »Dies soll ich hier abgeben – es ist wohl recht?«
Ein weißes Paketchen, mit der Aufschrift: »Fräulein Klara Hildebrandt, hier.«
Verwundert nahm sie es und trug es in ihr Zimmer. Ein unerklärliches Gefühl beriet sie – nötigte sie, in ihre Ungestörtheit zurückzukehren.
Sie öffnete.
Ihre pastellblaue, gehäkelte Wollmütze ...
Und dabei eine Visitenkarte. Unter dem Namen ein Strich, der ihn mit der Schrift auf der Rückseite der Karte verbinden sollte:
»Stephan Freiherr von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment Großherzog Paul, erlaubt sich, das Beifolgende, von ihm Gefundene, der Eigentümerin mit respektvollem Gruß zurückzustellen.«
Klara nahm die Mütze, die Visitenkarte – wickelte beides mit raschen, unsicheren Händen wieder fest, fest in das Papier – riß die Schublade ihrer Kommode auf und stopfte eiligst das weiße Bündelchen tief hinein ...
Ohne sich auch nur noch eine Sekunde aufzuhalten, lief sie nach vorn, fiel der alten Frau um den Hals und sagte: »Oh – höre ...«
4
Die Baronin Hegemeister auf Lammen gab Ende August und bevor die Offiziere ins Manöver und nach ihm teilweise auf Urlaub gingen, noch ein kleines Fest. Es sollte ländlich sein und auf den Genuß der schönen Natur gestellt.
Schöne Natur hatte man ja bis zum Verzweifeln genossen. Den ewig langen Sommer hindurch. Aber die Umstände ergaben es eben, daß man aus der Langenweile eine Poesie und aus dem Zwang eine Freiheit machte.
Auf ihre Bitte waren der Hauptmann von Likowski und der Oberleutnant von Marning schon zum Frühstück gekommen, um ihr beizustehen und die Einteilung der Stunden sowie die Tischordnung mit ihr durchzusprechen. Was sie alles sehr wohl allein hätte bestimmen können. Aber sie sei zu faul dazu, schrieb sie ihrem Freunde Likowski. Und dieser hatte unterwegs, als sie im Krümperwagen nach Lammen fuhren, gesagt: »Bloß Vorwand, uns länger und allein zu haben – das zielt auf Sie, Marning – man müßte ja Idiot sein, wenn man’s nicht merkte – da könnense nu Ihr Glück machen, wennse wolln.« Worauf Marning nur ein schwaches Lächeln hatte, sozusagen ein Gefälligkeitslächeln, um dem Sprechenden zu zeigen: ich habe zugehört.
Jetzt saßen sie zu viert um den Tisch, von dem die orangefarben und weiß gestreifte Markise den Mittagssonnenschein abhielt. Von der Terrasse sah man in die »schöne Natur« hinaus, an deren Herrlichkeit die arme Agathe beinahe einging. Denn leider war sie keine Wandeldekoration und stand ein für allemal fest. Höchstens, daß die Beleuchtung verschieden war – oft sogar zu rasch und unberechenbar verschieden. Wer wußte, ob sie sich nicht auch heute noch so zeigen werde, – denn das Gewölk, das da so hartnäckig tief am nordöstlichen Himmel stand? ...
Das Schlößchen Lammen hatten Hegemeisters sich bald nach ihrer Heirat erbaut; gerade hier, auf der kleinen Klitsche, die als letzter Überrest großen Familienbesitzes verblieben war. Es gewährte dem Baron eine Art Genugtuung, an dieser selben Stelle nun als großer Herr zu leben, wo er vordem sich vor Gläubigern versteckt gehabt. Und er war zu sehr Realist, um den weiten Rundblick auf die Gegend, die einst zum großen Teil Hegemeisterscher Boden gewesen war, wehmütig zu finden.
Nun erhob sich, wo einst ein schlecht gehaltenes kleines Gutshaus gestanden, auf einem der höchsten Uferpunkte am Wyk, das weiße Schloß. Von seinen Fenstern sah man hinaus über das Wyk, dessen salzige Fluten nur durch eine flache, sandige Halbinsel von der offenen Meeresbucht geschieden waren. Als schmaler Landstrich lag die Halbinsel zwischen den Wassern. Nur an ihrer Spitze verbreitete sie sich erheblich, um Sportplätzen und einer kleinen, umgrünten Siedlung Raum zu gewähren. Über sie hinweg ging frei der Blick auf die Ostsee und die blaugrauen, erhöhten mecklenburgischen Waldufer, die drüben die Bucht eine Strecke einsäumten, bis dahin, wo Meer und Himmel ungestört aufeinanderzustoßen schienen.
Man konnte vielleicht glauben, der Fluß habe sich schon in den weiten Wassern des großen Wyk verloren; aber die Spitze der Halbinsel drängte seinen Lauf noch einmal zusammen, ehe er, an Travemünde vorbei, sich dann ins Meer ergoß.
Travemünde lag da wie ein holländisches Bild. Entzückend fein und lieblich an den Uferrand hingebaut und vom malerischen alten Kirchturm bevatert. Man sah, fern und klein, die gestutzten Linden, die mit Biedermeierwürde vor den Häuserfronten steif einherstanden; man sah die weißen, schmalen Leiber der Segeljachten im Fluß ankern und über den roten und schwarzen Navigationszeichen die silberhellen Möwen flattern. Blau war das Wasser, blau der Himmel – nur dies bedrohliche eine Gewölk da unten, in der Richtung, wo Fehmarn lag.
Es hatte sich gut speisen lassen im Schatten der gestreiften Leinwand, auf der Terrasse, die solchen Blick in die großartige, farbenprächtige und linienkühne Ferne freiließ. Und die Nähe gab ein Gefühl von Üppigkeit und Sommerhöhe.
Die Terrasse hatte kein Geländer. In kurzen Zwischenräumen standen an ihrem Rande weiße, viereckige Kübel mit gelb bemalten Faßbändern, darin dunkle ausländische Kugelgewächse grünten. Vor ihr breitete sich ein Blumengarten, in dem alles duftete und bunt sich aneinander drängte, was nur im Hochsommer blühen mag. Doch herrschten die Rosen vor, und Hochstämme edler Sorten zogen sich auch an allen Wegen entlang. Ein Rosenfreund war der verstorbene Baron gewesen, und sich in Züchtung verschiedener Arten als Gärtnerdilettant zu versuchen, seine Liebhaberei. Agathe hatte keine Liebhabereien – die machen immer Mühe und oft Ärger, sagte sie.
Nun war sie die alleinige Herrscherin in diesem Besitz. Sie klagte oft darüber, daß sie ihn als Last empfinde. Aber was sollte sie machen. Es war nun einmal viel von ihrem Gelde hineingesteckt worden; ihn zu verkaufen, hielt wohl schwer. Und in Berlin oder in einem Vorort zwischen Fabrikschloten und klappernden Maschinen lebten noch die Eltern – und die Eltern fanden durchaus, daß Agathe Lammen zu behalten habe, teils um Verlust zu vermeiden, teils weil es ihnen am passendsten schien.
Als sie das einmal dem Freiherrn von Marning erzählte, hatte er den Eindruck gehabt, daß die schöne Frau ein wenig in Schock vor ihren Eltern und nicht in sehr inniger Liebe mit ihnen verbunden sei.
Wenn man sie so ansah und beobachtete, war man sehr geneigt, die Schuld an einem etwaigen Mißverhältnisse den Eltern zuzuschreiben.
»Nicht wahr?« sagte Likowski einmal, »gänzlich blonde, mollige, fügsame Weiblichkeit – so eine von den heißen Trägen.«
Stephan Marning war sehr überrascht gewesen, als er die Baronin Agathe kennen lernte. Er hatte sich nach den Andeutungen ein temperamentvolles, rot- oder schwarzhaariges Wesen mit einem Stich ins Pikante oder gar Dämonische vorgestellt. Und er fand eine behagliche Blondine, die nur ein wenig mit dem zu stillen Lauf ihrer Tage unzufrieden schien, vielleicht aus dem gesunden Instinkt heraus, daß ihr Gefahr drohe, zu üppig und schläfrig dabei zu werden.
Er kam ganz gern hierher und wurde sehr oft eingeladen. Die Neckereien Likowskis hielt er für grundlos, nur eben der Neigung des Hauptmanns, zu hänseln, entsprungen. Der kameradschaftlich bequeme Ton war nun einmal Art der Frau. –
Das Frühstück war beendet, der Kaffee und die Zigaretten wurden am Tische genommen, denn nun fing ja das an, was Agathe die »Arbeit« nannte. Sie ließ abräumen – man war von zwei Bedienten umsorgt worden, die etwas zu aufdringlich hellblau und silbern glänzten. Vor ihr lagen nun weiße Kärtchen; ihre wunderhübschen, weichen Hände spielten damit, und die Brillanten an den Ringen blitzten. Die etwas volle, aber sehr wohlgewachsene Gestalt der noch jungen Frau war in ein höchst kunstreiches weißes Kleid gepreßt. Es hatte vorn einen sehr tiefen Ausschnitt; die feinen, dünnen Tüllfalten, die ihn straff umgaben, trafen unter einer vorgesteckten Rose zusammen, höchstens eine Hand breit oberhalb des Gürtels. Der Spitzenstoff, der Schultern und Oberarme bedeckte, war mit keinerlei verhüllendem Gewebe unterlegt. So zeigte Agathe mit reichlicher Unbefangenheit, daß sie eine prachtvolle weiße Haut und untadelige Formen habe. Merkwürdigerweise wirkte diese Enthüllung bei ihr wie etwas Selbstverständliches. Die Farben ihres Gesichts waren auffallend – rein der Teint, rosig die Wangen, fast wie bei einem Wachskopf. Sie war stolz auf diese Schönheit. Die Züge, so weich sie schienen, so unbeschrieben von Gedanken oder Leidenschaften, wirkten aber doch nicht tot. Der rote, schwellende Mund und die Augen konnten den erfahrenen Beobachter wohl beschäftigen. Sehr hellblau, groß und schwimmend waren die Augen. Und das blonde Haar, mehr matt als goldig in der Farbe, hatte eine erstaunliche und wohlgeordnete Fülle. –
Nun brachte der eine Silberblaue auch noch ein Tintenfaß. Agathe schob es der Dame hin, die ihr gegenüber saß.
»Liebstes Fräulein,« sagte sie bittend, »Sie schreiben die Namen auf die Karten?«
»Aber sehr gern.«
Fräulein von Gerwald tat alles »sehr gern«. War ja überhaupt froh, wenn sie einmal in Anspruch genommen wurde.
Ihre Überflüssigkeit hier war ihre ewige Angst. Zehn Jahre war sie von Stellung zu Stellung gestoßen worden, hatte oft genug keine gehabt. Alle Damen wollten immer so schrecklich viel, was man doch beim besten Willen nicht leisten konnte, weil man es nicht gelernt hatte und sich nicht aneignen konnte.
Diese ihre Dame wollte fast nie etwas. Brauchte sie nur, um Klagen, Fragen, Sehnsucht, Toilettensorgen laut vor ihr zu bedenken. Und als Schatten, den sie auf Reisen und bei der Geselligkeit im Hause neben sich haben mußte.
Und wie gut man hier aß und trank! Wie sorglos das Geld unterwegs und daheim ausgegeben wurde! Das tat wohl – an allem durfte man teilnehmen. Die Baronin schien es nicht übers Herz bringen zu können, einen Menschen zu demütigen. Fräulein von Gerwald schwärmte für ihre Herrin, sprach ihr immer nach dem Munde und war schon in den ersten Tagen entschlossen gewesen, sich hier zu behaupten, und sollte sie auch die Augen gefällig verschließen müssen ... Nun war sie schon zwei Jahre hier, aber es hatte sich niemals die Gelegenheit zum Blind- und Taubtun gezeigt. Was der sehr befestigten und nie bestürmten Moral des häßlichen alten Mädchens doch eine wohltuende Beruhigung war.
Nun saß sie mit der Feder in der Hand, das Gesicht von beflissener Aufmerksamkeit gespannt, um flink jeden Namen zu schreiben, der bei Feststellung der Tischordnung genannt werden würde.
»Mich muß natürlich Lohmann führen – er ist zum erstenmal hier,« sagte die Baronin Agathe. Sie lag bequem in dem Rohrsessel, dessen naturfarbenes Geflecht mit buntseidenen Kissen fast verdeckt war. Und sie fragte: »Haben Sie das junge Ehepaar schon gesehen, Likowski? Sie wohnen ja doch bei der alten Lamprecht.«
»Doch. Die junge Frau; sie besucht treulichst ab und an die frühere Pflegemutter.«
»Sehr verändert?« fragte Agathe weiter.
»Ih wo. Keine Spur. Einfach und natürlich, wie sonst.«
»Aber glückstrahlend?«
Likowski erwog – prüfte nach – machte eine Kopfbewegung.
»Glückstrahlend? Das ist nu so ’n Wort. Nee. Klara Hildebrandt hat man nie angemerkt, ob ihr strahlend oder bekümmert zumute war. Immer beherrscht.«
»Sie wird schon glücklich sein, wie sollte sie nicht!« sagte Fräulein von Gerwald. »Eine Volksschullehrerin, die einen Millionär bekommt! Es ist beinahe phantastisch!« Und sie seufzte.
»Gott,« sprach Agathe, »sie hat sich verkauft! Es gibt ja viele Ehen, die ’n Handel sind – so ’rum oder so ’rum.« Und sie seufzte auch.
Alle wußten, sie dachte jetzt an ihre eigene Ehe.
»Die einen werden verkauft, die anderen verkaufen sich,« fügte sie ganz elegisch hinzu.
Stephan Marning dachte: »Ja ... verkauft – sie hat sich verkauft ...« Und er hatte ein Gefühl von Ablehnung, fast von Erbitterung.