Stille Helden: Roman

Chapter 22

Chapter 223,756 wordsPublic domain

Und das Allermerkwürdigste war, daß diese ganze Spannung, dies ungeheure Warten auf das gewaltige Wort in einem Hochsommer sich fiebrisch wach erhielt, dessen Glut und dessen Sonne von endlosem Regen aus der Luft gewaschen wurde. Die Natur überhitzte die Nerven gewiß nicht. Der graue Tageshimmel schüttete vom Morgen bis zum Abend, die schwarze Nacht vom Abend bis zur Frühe Wolkeninhalt hernieder. Gelassen und grau, von keinem Lichtstrahl kristallen durchblitzt sank der Regen herab.

Likowski verbohrte sich in den Wunsch: wenn bloß endlich mal Schönwetter würde!

Als sei damit dann viel geklärt.

Aber es wurde kein Schönwetter.

Die gute, flinke Alte hatte ihre Not mit ihrem Pflegling, und ihre ermahnenden Reden flossen ohne Unterlaß.

»Grad wie der Regen,« sagte Likowski einmal.

Aber sie steckte oft ihr graues Köpfchen mit dem spiegelglatten Flachskopf des Burschen zusammen, und sie kam mit Vollert, in höchst unmilitärischer Verwischung aller Subordinationsgrenzen, überein, daß man Herrn Hauptmann jetzt nie etwas übelnehmen müsse.

Sehr beleidigt war Likowski, daß von »drüben« – womit ein für allemal die Bewohner des Herrenhauses gemeint waren – niemand kam.

Der Geheimrat natürlich konnte nicht. Er schickte seinen Leupold mit erlesenen Früchten und köstlichen Bissen. Und hatte auch in einem eigenhändigen Brief sein Mitgefühl ausgedrückt.

Die Doktorin erinnerte daran, daß doch Herr Wynfried Severin schon einige Male vorgesprochen habe. Aber ihr Pflegling schien diese Besuche nicht zu rechnen. Er mochte nun mal den Mann nicht ... Er schalt: wo bliebe denn Frau Klara? Sie schickte Blumen. Aber sie kam nicht. Hatte er das um sie verdient? War er nicht ihr guter Freund gewesen, als sie noch Klara Hildebrandt und eine arme Lehrerin war? Hatte er sie nicht schon damals geachtet und verehrt, so daß er beinahe – aber natürlich nur »beinahe« – erwogen hätte ... Und wußte sie denn nicht, daß sie keinen ritterlicheren Freund hatte als ihn? Man erzählte, wie rührend sie sich des verbrannten Judereit annehme; Sylvester sprach sozusagen mit Andacht davon. Und ihn, ihren alten Freund und Hausgenossen, ließ sie ungetröstet daliegen? Als ob es nicht auch für ihn eine Wohltat wäre, ihr ernstes, edles Gesicht zu sehen und ihre sanfte Frauenwürde einmal an seinem Lager zu spüren.

Die alte Lamprecht war ganz hilflos und konnte wenig erwidern. Sie wunderte sich ja selbst. Sie nahm es auch für ihre Person etwas übel. Denn nun, da sie nicht mehr nach drüben zu ihren regelmäßigen Teebesuchen fahren konnte, mußte doch Klara einmal das Verlangen haben, ihre Pflegemutter wiederzusehen ...

Sogar Agathe Hegemeister besuchte den Hauptmann.

Der Besuch machte ihm anfangs Spaß. Die Baronin fuhr, natürlich mit ihrer Gerwald, im Auto vor. Das Geräusch des Regens war in der Luft, und von der Traufe, neben dem Fenster, rann ein Wasserstrahl und pladderte in gleichmäßiger Eile hinab auf das Straßenpflaster. Das einfache Zimmer, voll Karten an den Wänden und voll Zeitungshaufen und Schriftstücken auf dem Tisch, mit dem etwas schräg vornübergebeugten Spiegel über dem Waschtisch, gegenüber dem Fußende des Bettes – das war kein Schauplatz für die Eleganz, die hereinkam.

Agathe hatte draußen ihren Regenmantel abgenommen und in Vollerts große Hände gelegt, die aber erst einmal den seidigen, gleitenden Gummistoff fallen ließen, was die Damen in Heiterkeit versetzte.

»Wie kommt der Glanz in meine Hütte!« sagte Likowski und hatte sein Wohlgefallen an dem hellblauen, die üppige blonde Frau knapp umspannenden Schneiderkleid. Er dachte: selbst für mich ist es ihr der Mühe wert, sich schön zu machen – wie angenehm für unser Männerauge, daß es Frauen gibt, die das unschuldige Bedürfnis haben, uns sozusagen was vorzublühen!

Obgleich er ein fröhliches Gesicht in diesem Augenblick zeigte, war Agathe doch tief gerührt. Sie konnte nun einmal keinen Menschen leiden sehen, es tat ihr zu weh!

Ihre ganze Herzensgüte wallte auf, und Likowski sah wohl, daß es gar nichts Echteres geben konnte als dies Mitleid, mit dem Agathe seine Hand streichelte. In ihren blauen schwimmenden Augen sah man den feuchten Glanz einer Träne.

Sie konnte es kaum sagen, _wie_ sie ihn beklage.

Die Damen nahmen Platz. Und Likowski unterhielt sich in guter Laune mit ihnen.

»Wie haben Sie es angefangen, liebste Baronin? Sie sind noch schöner geworden. Und ein wenig schlanker – ganz wenig – aber gerade sehr vorteilhaft so. – Ja und auch Fräulein von Gerwald strahlt? Den Damen bekommt der Sommer mit all dem Regen besser als mir – im Grunde verdank’ ich dem verfluchten Regen mein Malheur. Verehrte Freundin, wenn Sie morgen lesen: der Krieg ist erklärt, so kaufen sie gleich einen Trauerkranz für einen, der es nicht überleben wird, zu Haus bleiben zu müssen.«

»Ach,« sagte Agathe, »Wynfried meint, es wird nichts draus.«

Wynfried? Schlankweg Wynfried? Aber Likowski stutzte nur eine Sekunde. Agathe war eng befreundet mit Klara; warum sollte ihr der Name von Klaras Gatten nicht so vertraut und leicht auf den Lippen liegen? Es gab überhaupt in ihrem geselligen Kreis viele, die aus Gewohnheit sagten: »der Geheimrat« und »Wynfried Severin«, um Vater und Sohn bequem zu unterscheiden, und den Namen Lohmann wegließen.

»Wie geht’s denn Ihrer Freundin? Sie läßt sich bei mir nicht sehen. Sagen Sie ihr, daß es mich kränkt und schmerzt.«

»O – es geht ihr gut, höre ich.«

»Hören Sie? So was sieht man doch.«

»Ja denken Sie,« sagte Agathe, und ein leichtes Rot breitete sich über ihr Gesicht, »das ist schon einfach komisch! Seit Wochen verfehlen wir uns, mit tödlicher Sicherheit. Dreimal bin ich bei Klara gewesen und stets vergebens. Mal war sie zu Besorgungen nach Hamburg, einmal war sie mit ihrem Mann bei Stuhrs eingeladen, einmal lag sie mit Kopfschmerzen zu Bett. Und sie ihrerseits hat mich auch verfehlt. Die kleinen Essen, die der Geheimrat sonst gern mochte, sind seit Wochen nicht mehr gewesen ... er soll sich angegriffen fühlen. Mal war ich eingeladen, als ein paar Großindustrielle da waren. Schweden und Finnländer – ich kann nicht Schwedisch, und englisch zu sprechen, ist mir verhaßt. Man hat mich in meiner Jugend zu viel damit geärgert. Neulich lud ich das Ehepaar ein – sie konnten nicht, weil der Geheimrat gerade Geburtstag hatte.«

»Das nennt man Pech!« gab Likowski zu.

Und ganz eilig und unaufgefordert versicherte Fräulein von Gerwald: »Es tut Frau Baronin wirklich sehr leid.«

Gerade hörte man auf der Straße ein dumpfes Dröhnen, und das hielt vor dem Hause an.

»Mehr Besuch!« sagte Agathe, »gewiß Stuhr.«

Aber es war nicht Ediths nervöser und sorgenvoller Vater, sondern Wynfried Severin kam herein. Schön, heiter, ein Mann von Lebensfreude wie umglänzt.

Und nach einer Minute schon hatte der Hauptmann das peinliche Gefühl: dies Zusammentreffen sei vielleicht kein Zufall. Agathe war unruhig wie ein Backfisch und kicherte und strahlte. Und Wynfried küßte ihr die Hand und fragte, wie den Damen der Ausflug neulich bekommen sei, und erzählte dem Hauptmann, daß er das Glück gehabt habe, die Damen in Hamburg zu treffen, gerade als er ins Hotel Atlantic ging, um dort zu speisen. Da habe er denn den Vorzug gehabt, mit ihnen essen zu dürfen. Und als sie aufbrachen, stießen sie in der Tür auf Stuhr. – Aber Likowski wisse wohl schon davon, Stuhr habe es sicher erzählt ...

»Nein,« sprach der Hauptmann kurz, »Stuhr ist kein Klatschweib.«

Mit wachsamen Augen und Ohren lag er da. Und er erkannte wohl, daß in Agathens schwimmenden Blicken der Glanz war, den die gierige Verliebtheit entzündet. Und er hörte wohl, daß in des Mannes Stimme ein Ton herrischer Vertrautheit mitschwang – dieser Paschaton, der gewisse Frauen entzückt.

Diese lachenden, sich und ihn neckenden Menschen, die etwas Festliches an sich hatten und doch voll unbegreiflicher Unruhe zu sein schienen – als könnten sie vor Heiterkeit mit keinem Gespräch zu Ende kommen und vor Nervosität nicht zwei Minuten still sitzen – sie verstimmten ihn tief.

Als Agathe gekommen war, hatte es ihm etwas Zerstreuung bedeutet. Als sie nun zu dritt gingen – nicht ohne daß Wynfried den Hauptmann laut beneidete um das Mitleid dieser holden Gönnerin – blieb er finster zurück.

Das hatte ihm nicht gefallen – nein – nein. –

Es müßte sich jemand finden, der Klara sagte: paß auf!

Aber so jemand findet sich nie. Aus Feigheit, aus der Gewohnheit, »konventionell« und »formell« sich zu betragen, mischt man sich nicht ein. Sagt einer Mutter nicht: Dein Sohn ist in moralischer Gefahr. Sagt einer Frau nicht: Gib acht auf deinen Mann. Sagt einem Manne nicht: deine Frau macht dich zum Gespött. – Zusehen ist schicklicher.

»Nun, ich werde dieser jemand sein – sobald ich Gelegenheit habe!« schloß er mit festem Vorsatz seine Betrachtungen.

Die Doktorin Lamprecht kam herein. Sie wollte ihre ausführliche Kritik des geräuschvollen Besuches vom Herzen heruntersprechen, und besonders hatte es ihr mißfallen, daß Wynfried mit den Damen davonfuhr und sein eigenes Auto wegschickte – »als wenn’s zum Jahrmarkt gegangen sei,« hatte sie das Betragen gefunden.

»Gottlob, daß es noch Menschen gibt, die sich der Zeit zum Trotz amüsieren können,« sagte Likowski abweisend.

Aber diesmal ließ sich die eifrige Alte nicht wegscheuchen. Sie mußte sprechen. Das war bei ihr auch eine Funktion, die sich nicht zurückhalten läßt.

»Liebster, bester Herr von Likowski,« raunte sie, »ich klatsche nie – aber was jetzt die Leute sagen, geht mir doch zu nahe.«

»Sie wissen, Lamprächtige – hab’ keine Spur von Neugier ...«

»Dies interessiert Sie auch. Es geht Klara an ... Man spricht davon, daß – daß Wynfried und die Hegemeister – wenn er verreist – verreist sie auch. – Und er ist manchmal allein auf Lammen – aber nicht mit seinem eigenen Auto sagen die Leute.«

»Sagen Sie den Leuten wieder, daß sie ihre Nase in ihre eigenen Angelegenheiten stecken sollen,« befahl Likowski.

Und die Alte dachte bekümmert, daß ein Hagestolz doch für gewisse Dinge kein Gefühl übrig habe. Diese Teilnahmslosigkeit – denn es ging doch Klaras Leben an – kränkte sie schwer.

Gegen Abend saß Marning am Bette des Freundes. Er fand ihn sehr erregt. Sollte man es nicht sein? grollte der Hauptmann. Morgen wurde der letzte Verband abgenommen. Die Massage und die Gehversuche würden beginnen – es war vom Professor das Wort »Wiesbaden« ausgesprochen. Und ganz gewiß – morgen würde es offenbar werden, davon war er überzeugt – sein linkes Bein sei mindestens eine Handbreit zu kurz. – Marning schwor ihm zum unendlichsten Male zu, daß es nur zwei Zentimeter seien, und daß der Professor gesagt habe: die glichen sich von selbst aus. Nicht einmal steifer oder nachschleifender würde es werden.

Aber das war es nicht allein – andere Dinge hatte Likowski gelesen: in England waren die Menschen wie verrückt: glaubten einen Zeppelin in nächtlicher Dunkelheit über London gesehen zu haben. Und in Frankreich – diese Empfindlichkeit, dieser anmaßende Ton ... Und die Wunder unserer Disziplin! Als ob es nicht den Männern an der Grenzwacht in allen Nerven zuckte.

»Sie haben noch mehr!« sagte ihm Marning auf den Kopf zu.

»O ja – ich merk’, Sie kennen mich – ja schmerzen tut’s mich – daß die junge Frau von drüben nicht kommt. – Und da wären so allerhand Gründe ... möcht’ mal mit ihr eins schwatzen – mal sehen, wie weit man mit dem Gespräch sich wagen kann ...«

Stephan saß schweigend und blaß.

»Und kurz und gut – sagen Sie’s ihr nur geradezu – es sei keine Sache, einen alten Freund in trüben Tagen zu vernachlässigen.«

Plötzlich fiel ihm was auf. Er wurde noch lebhafter: »Herrjes – wie ist mir denn? Sie sind ja wohl lange nicht mehr drüben gewesen?«

»Nein, lange nicht.«

»Aber jetzt gondeln Sie mal ’rüber und bestellen ihr ...«

»Gewiß, gern – gelegentlich,« sagte Stephan ausweichend. »Sie wissen doch: wir mögen den jungen Herrn Lohmann nicht. Und da der alte Herr jetzt nicht einlädt, komm’ ich nicht hinüber.«

Zu seiner Erleichterung ließ der Hauptmann das Gespräch völlig fallen – lag grübelnd, mit bösem Gesicht da.

Er dachte: »Wenn man doch die Wahrheit erfahren könnte! Ob Marning auch von dem Klatsch gehört hat? Deshalb nicht mehr ’rüberfährt?«

Fragen wollte er nicht. Das war so eine von den Sachen, die man nicht zart genug behandeln kann. –

Er fühlte. »Ich muß bald wieder auf dem Posten sein! In jeder Hinsicht – man ist doch kein Überzähliger! Gottlob nicht. Und könnt’ sein, daß da drüben die junge Frau auch mal ’n Freund braucht ...«

Vom nächsten Tage an schien er aber nur noch an sich zu denken. Erst natürlich wetterte er über die Maßen herum, daß sein Bein nicht bloß eine Handbreit, nein daß es um die Hälfte verkürzt sei und die Knochen wie von Glas. Zuzutreten schien ein Ansinnen, als solle er’s gleich noch mal brechen. Aber mit viel Geräusch und ungemeiner Energie kam er vorwärts. Er fing an, zu hoffen, zu glauben. –

Der furchtbare Regen, der tagaus, tagein herniedersickerte, hatte das rechtzeitige Abernten der Felder unmöglich gemacht. Die Manöver mußten teilweise verschoben und teilweise abgesagt werden. So behielt Likowski die Kameraden um sich. Der Major im Stabe, der die beiden Kompanien führte, ließ zum Ersatz ganz besonders große Marsch- und Felddienstübungen unternehmen, deren Anlage und Verlauf Likowski dann am Abend mit den ihn besuchenden Kameraden besprach.

Es gab noch eine Unterbrechung, weil sich ein Knochensplitter zeigte, der erst herausheilen mußte. Aber dann konnte Likowski doch Marning vorrechnen: »Wenn Krieg kommt, kann ich’s wagen, mitzureiten. Bleibt Frieden, gehe ich Ende September nach Wiesbaden und erscheine hier nach sieben, acht Wochen als Jüngling und Schnelläufer wieder. Und dann kommen Sie um Ihre Versetzung ein – wenn Sie nicht anderen Sinnes geworden sind.«

Und an einem Tage, als der öde Regen durch stürmisches Unwetter eine Abwechslung erfuhr und anstatt der zinnfarbenen Gleichmäßigkeit am Himmel wildes Gewölk schwarz und schwer sich dahinwälzte, kam endlich die junge Frau.

Sie hatte am Nachmittag vorher den Leutnant Hornmarck bei Thüraufs getroffen und zufällig erfahren, daß heute eine Übung stattfinden solle, von der die Kompanien erst gegen Abend zurückkehren würden. So war sie sicher, dem einen nicht zu begegnen, von dem ihr Herz Abschied genommen hatte ...

Likowski humpelte ihr am Stock drei Schritt entgegen. Er war ganz betroffen! Was hatte denn Klara angewandelt! War sie noch gewachsen? War man so des Anblicks von holder Schönheit entwöhnt, daß einem die bekannten Gesichter noch herrlicher als vordem erschienen?

Welch ein Lächeln voll Güte ... Und dennoch – irgend etwas Rührendes darin ...

Und wie sonderbar: sie machte gar kein Aufhebens davon, daß sie noch nicht hier gewesen sei – ging schweigend daran vorbei. Und da wußte er in zartem Verstehen: sie hat einen Grund gehabt. Also: Achtung davor, wenn man ihn auch nicht erfährt!

Sie saß neben ihm, und er nahm sich die Freiheit, ihre Hand lange in der seinen zu behalten und sie voll Ehrerbietung und zärtlich zu streicheln, als sei er ein guter alter Papa. Er fragte nach Severin dem Großen und Severin dem Kleinen.

Und Klara sagte, daß ihr Vater oft so still und in Nachdenken versunken sei; es schien, als ermatte seine Frische. Da sei es ihr lieb, daß ihr Mann die eigentlich für den Hochsommer mit ihr geplant gewesene Reise aufgegeben habe. Er hatte gleich von Warnemünde aus Anfang Juli seine Jacht nach der Elbmündung gehen lassen, wo er die Segelei großartiger und interessanter finde; er fahre nun jede Woche zwei, drei Tage nach Hamburg, oder vielmehr nach Kuxhaven, und der Segelsport habe ihn mit Haut und Haar. Das sei mehr Erholung als eine Reise, sagte er. Und sie freue sich dessen für ihn. Nun könne sie ihren Vater recht pflegen. Was aber Severin den Kleinen anlange ... Ihr Angesicht schien wie verklärt!

»Er gedeiht! Sie glauben nicht, wie! Und lacht und strampelt! Und streckt die dicken Händchen nach seinem Großvater aus! Ja, der ist ein bißchen vernarrt und einseitig und sagt: Solchen Jungen hat’s noch nie gegeben – Wie eben Großväter sind ...«

»Und junge Mütter auch! Ich hab’ mich bisher als Barbar betragen gegen Severin den Kleinen. Babys sind wie Tierchen, aber wenn er nun Mensch wird – na, da will ich gut freund mit ihm werden, wenn ihm auch noch auf lange hinaus meine blanken Knöpfe anziehender erscheinen sollten als mein Charakter.«

Klara lachte. Wie wirkte sie glücklich in diesem Augenblick!

Nein, er konnte nicht fragen, warnen, andeuten. – Und doch riß es ihn zu mächtig in die Nähe dieser Sorge. Plötzlich fragte er: »Na, und die Baronin? Hängt sie Ihnen immer noch mit solcher Backfischschwärmerei an?«

»Ich weiß nicht,« sagte Klara unbefangen, »sie verfehlt mich beständig. Wär’s nicht die gutherzige Agathe, die wohl gegen keinen Menschen je feindselig sein kann, dächt’ ich: Absicht. Wynfried hat mehr Glück mit ihr – traf sie mal in Hamburg – fuhr mal, auf dem Wege nach Pankow, auf Lammen vor –«

»Unsere Tages- und Lebenseinteilung ist auch so verschieden,« setzte sie beschönigend hinzu. »Vormittags bin ich ganz gebunden, habe überhaupt viele Pflichten: Vater – das Kind. – Agathe hat keine.«

Wie schlicht immer ihr Wesen war. Bei aller Jugend voll Ruhe – wie bei einem Menschen, der seiner sicher ist.

Likowski, im Gemüt infolge der letzten Wochen ein wenig mürbe, war eigentlich ganz weich – so etwas wie Reue wollte ihn ankommen, daß er früher nicht doch ... Aber Unsinn – weg mit solchen Anwandlungen! Selbst eine Klara konnte ihn nicht wankend machen: weder Weib noch Kind sollten Anspruch an sein Leben haben – das gehörte einer großen Aufgabe allein! Eine Familie gründen – nein! Aber ihre Heiligkeit schützen – ja! Und er schwor Klara in seinem Herzen zu: wenn der Mann dich verrät, schieße ich ihn über den Haufen.

So friedfertig, so voll Herzlichkeit war er, daß sie von diesen schweren Gedanken nichts ahnte.

Sie kamen auf Erinnerungen, und das Wort »Wissen Sie noch?« stand über ihren Gesprächen. Da lebte Vollerts Vorgänger wieder auf, Mau, der durchaus nicht begreifen konnte, daß es nicht heiße »djewoll, Herr Hauptmann«, und erst nach strengen Vermahnungen sich sein »to Bafehl« angewöhnte. Und die gute alte Lamprächtige nahmen sie ein wenig durch. Und es war so wunderbar sonnig im Zimmer, als schleppten draußen am Himmel nicht schwarze, zerrissene Wolkenfetzen auf den Horizont herab. Und Likowski sagte: »Wissen Sie noch: so ’n ähnliches Wetter war an jenem Morgen, als wir uns an der Fähre trafen. Ich denke noch manchmal daran: ich stellte Ihnen Marning vor; Sie hatten Ihre pastellblaue Wollmütze auf, die Ihnen entzückend, e–n–t–zückend stand; und keiner von uns hatte ’ne blasse Ahnung, daß Sie sich noch selbigen Tags mit Wynfried Severin verloben würden –«

»Ja« sprach Klara leise, »ich weiß es noch ...«

»Was mir Marning geworden ist! – Und vor allem in den letzten Wochen! Das ist ein Mensch! Eins a! Und er wird mir fehlen – will sich nu mal partout versetzen lassen – ist ja nur noch hier, weil er die Kompanie führen muß. Na, aber eh’ es so weit kommt, ziehn wir doch unter der gleichen Fahne ins Feld! Es wird Ernst! Und wenn’s den einen von uns trifft – schön wär’s, den letzten Blick in Freundesauge zu tun, von Freundeshand den letzten Druck zu spüren. – Aber wie Gott will ...«

Klara stand auf. Bleich und still. Sie ließ noch einmal ihre Hand dem treuen Mann. Er küßte sie – immer wieder.

»Aber Likowski!« sagte sie mit einem mühsamen Lächeln scheltend.

»Weiß selbst nicht – mir ist so wunderlich – grad als sollt’ ich Ihnen sagen: wenn Sie mal jemand brauchen – soweit mein Kaiser mich nicht braucht – allzeit Ihr treuer Freund. – Aber nicht wahr, dies ist kein Abschied? Wir sehen uns wieder?«

Verwundert und doch seltsam befangen, als wirke die kaum verborgene Erregung des Mannes auf sie hinüber, sprach sie: »Warum sollten wir uns nicht wiedersehen? Sie sind nun bald so weit, daß wir Ihnen das Auto schicken können. Vater freut sich schon auf Sie.«

Und dann nahmen die Tage einen so gespannten, nervösen Charakter an, daß alles Persönliche zurücktrat.

Jetzt, jetzt war es so weit. – Der September war da – ein Tag schlich vorbei – wieder einer – eine Woche. – Und die große Frage brannte in aller Herzen: Krieg? Krieg? Ja! Nein? Der eine Kamerad hatte dies aus Berlin gehört, der andere das. – Jede Nachricht widersprach der anderen.

Likowski fieberte vor Aufregung und übte Bewegungen und schrie nach der alten Frau, damit sie bestätigte: es sei schon fabelhaft viel besser. Er ordnete all seine Sachen und machte sein Testament. In Rücksicht auf den guten Vermögensstand seiner Verwandten vermachte er seinem Freunde, dem Oberleutnant Stephan Freiherrn von Marning, fünfundzwanzigtausend Mark.

Stephan war ruhig. Ernsten, gefaßten Blickes sah er dem Geschick entgegen. Auch er ersehnte den Krieg. Er hatte Humboldt gelesen, und dessen Ausspruch, daß der Krieg zur Erziehung der Völker notwendig sei, hatte ihn tief ergriffen. Die Geschichte lehrte ihn, daß Humboldt recht habe. Er hoffte: siegend zu sterben! Sein Leben hingeben zu dürfen für das Größte.

Er war bereit, es tapfer einsam zu tragen – auch ohne die eine, die er liebte. Aber wenn er es für das Vaterland einsetzen durfte, das würde wie Erlösung und Krönung sein. –

Und dann, dann dämmerte die Entscheidung herauf. Sie fuhr nicht wie ein Blitz hernieder, und die Lage wurde nicht jäh deutlich erhellt. Nein, auf die flammenden Herzen, die bebenden Nerven legte sich, gleich Ernüchterung, die Gewißheit: die Lage _entspannte sich_ – wieder einmal! –

Die schweren Nebel sanken. Hunderttausende jubelten, daß sie wieder einen klaren Himmel über sich sahen. Aber Millionen fühlten, daß die Muttererde mit den Nebeln gärende Keime eingesogen habe.

Likowskis Vetter, der Kapitänleutnant, schrieb, was auch zugleich schon in den Zeitungen stand: die Reserven seien entlassen.

Friede –

Als Marning bei dem Freunde eintrat, fand er einen anderen, als er erwartet hatte.

Hochaufgerichtet, in fester Haltung hatte der Hauptmann am Fenster gestanden und in die sinkenden Tropfen gestarrt. Nun wandte er sich dem Freunde zu.

»Marning,« sprach er, »es scheint unser Los: wir sollen das Schwert in der Scheide behalten – vielleicht überhaupt so lange, wie wir den Rock noch tragen – wer weiß es. Eine andere Art von Tapferkeit wird von uns gefordert – die, die wir schon so lange üben. – Arbeiten wir weiter! Still. Zäh. Beißen wir die Zähne zusammen, wenn man uns schmäht, nicht mehr sieht, was wir tun – wozu wir da sind. – _Ein Tag wird dennoch kommen, wo man erkennt: wir taten unsere Pflicht!_ Tun wir sie – stolz und schweigend. – Ich will nie mehr davon sprechen – nie mehr. – Aber denken wollen wir immer daran – denken!«

Die beiden Männer umarmten sich in heißen, stummen Gelöbnissen.

* * * * *

Der ewige Regen hatte auch dem alten Herrn die Stimmung des Hochsommers und Herbstes nicht leichter gemacht. Jeden Tag von neuem rauschten die Wassermengen herab oder tröpfelten in leisem Fall auf die Erde, die sie nicht mehr aufnehmen konnte. Verschlammt lag das Land.

Er verstand ja nichts vom Segelsport, aber daß Wynfried gerade in diesem Sommer, der nicht nur Arbeit, Ernte und Wohlstand, sondern auch Spiel und Frohsinn zerstörte, eine solche fanatische Vorliebe zur Segelei faßte, war ihm nicht begreiflich. Jede Woche fuhr er für zwei, drei Tage nach Hamburg. Und als es Herbst ward, ließ er dort auch die Jacht in Winterquartier legen und die Mannschaft abheuern. – Der Geheimrat dachte unruhig: so kann sie niemals hier davon sprechen, ob wirklich gesegelt worden ist.

Sein Sohn hätte ihm gefallen sollen. – Er sah es selbst: ein schöner Mann, voll lachender Lebensfreude. Eine merkwürdige Blüte war über ihn gekommen. Derlei beobachtet man sonst wohl bei Frauen, die einen neuen Liebesfrühling erleben – seltsam. Und wenn Wynfried zu Haus war, arbeitete er froh, forsch, geschickt.

Trotz allem – sein Sohn gefiel ihm nicht.