Chapter 17
»Verbrach?! Sie – Agathe. – Nein, Sie können keine Schuld auf sich geladen haben. – Sie, die Sie nicht imstande sind, einer Fliege weh zu tun.«
»Nein – keine Schuld. – Und doch – aus Unkenntnis – aus Neugier – aus einer schrecklichen Sehnsucht nach – ach, ich weiß selbst nicht, wonach – nach Liebe, oder nach Glück – oder nach Geheimnis – ja, aus Unkenntnis kann man fehlen.«
»Nur das Gesetz ist so grausam, sie nicht als Entschuldigung anzunehmen. Erfahrene Herzen urteilen anders.«
»Dann haben meine Eltern keine erfahrenen Herzen, sie verzeihen mir nie, woran doch auch sie die Schuld trugen.«
»Wollen Sie mir nicht vertrauen – liebe Agathe. – Ich – verstehe alles –«
Er legte ganz sanft, und um sie zu ermutigen, den Arm um ihre Taille.
Und sie neigte den blonden Kopf näher zu ihm – stockend – in immer wachsender Leidenschaftlichkeit sprach sie von ihrer Jugend.
Immer dunkler ward die Sommernacht – die Flut glänzte in der Nähe schwarzblank und war in der Ferne ein Abgrund von Finsternis. Aus den Wogen kam eine gleichmäßige, an- und abschwellende Musik herauf – von der Jacht ging steuerbord ein kleines rotes Strahlenbündel hinaus und backbord ein grünes – die glitten als magischer Schein mit der Fahrt und schwebten über der Tiefe.
»Ich bin als einziges Kind immer sehr allein gewesen,« erzählte Agathe. »Und immer von zwei Gouvernanten bewacht – ich sollte Französisch und Englisch wie Deutsch können. Viel wollten meine Eltern mit mir. Hoch hinaus. – Mama ist eine Vereinsdame, gibt Geld mit vollen Händen, hat große Verbindungen – das war so ’ne Art Vorarbeit, begriff ich später – das sollte mir dann den Eintritt in die allererste Gesellschaft sichern. Und mal ’ne ganz, ganz große Partie! Hochadel oder allererste Finanzaristokratie. Papa wollte dergleichen haben für sein Geld, und Mama für all ihre Schufterei in den Vereinen. Und deshalb wurde an mir herumerzogen – und gar keine lustige Kindheit hatt’ ich – und keine Freundin durft’ ich haben – damit nicht einmal unerwünschter Anhang da sei. – Mama sagte manchmal: bis man seine gesellschaftliche Position ganz fest begründet hat, ist es vorsichtiger, allein zu bleiben – man muß erst sehen, wohin man gelangen kann.«
»Eine kluge Dame Ihre Mama ...«
»Ja! Und solche Art Liebe und solche Art Voraussorgen war mir bloß erbitternd. Ich wollte lustig sein, eine Freundin zum Liebhaben wollte ich – und da waren nur die steifen Gouvernanten – und sie und ich, wir haßten uns.«
»Armes Kind!« sagte Wynfried leise, obschon er nur flüchtig zuhörte, sondern nachprüfend Agathens Parfüm aufatmete und dachte: ja, es ist _das_ Parfüm.
»So wurde ich sechzehn Jahre. Und wir lebten immer da draußen, zwischen den Fabriken – das Haus war prachtvoll – aber doch in Berlin selbst hätte ich vielleicht mehr Freiheit gehabt – mehr Zerstreuung. Ich sah oft die Herren aus dem Bureau – sie begegneten mir und grüßten – wenn ich mit meinem Nero spielte – ja, ich hatte eigentlich bloß meinen Bernhardiner zum Vergnügen. Und die Ingenieure sah ich auch. Wenn ich Nero in die Spree hinausschwimmen ließ zum Baden – dann mußte ich hinter dem Hause entlang gehen, wo die Herren alle wohnten. Und da ...« sie stockte.
Wynfried fragte: »Und da?« und legte seinen Arm fester um die zitternde Frau ...
»Und da war einer – mit so blanken braunen Augen und einem schwarzen Schnurrbärtchen – so italienisch – bildete ich mir damals ein – Papa sagte später: wie ein Friseurgehilfe ... Ich weiß nicht, wie es kam – wir sahen uns immer so an, und dann, obgleich es dem armen Nero schlecht bekam, dann ging ich immer öfter, um ihn zu baden, und immer um die Zeit, wo ›er‹ an seinem Parterrefenster stand. – Und ich war mit einem Male glücklich und hatte fortwährend an etwas Schönes zu denken. Und dann – einen Tag – es war im Juni – da warf er ein Briefchen heraus, als ich vorbeikam, und drin stand, daß er mich wahnsinnig liebe und sterben werde, wenn er nicht einmal mit mir sprechen könne, und wo es wohl sein könne – und ich solle morgen, wenn ich mit dem Hunde vorbei komme, eine Antwort bringen – einen Zettel in sein Zimmer werfen, er wolle aus Vorsicht nicht am offenen Fenster sein ... Ja, so fing es an.«
Agathe weinte ein wenig. Sie schämte sich noch immer wieder. Und erinnerte sich doch auch zugleich der schaurig-süßen Ängste und Wonnen von damals.
»Wir trafen uns – hinter Zäunen – zwischen den Winkeln von Schuppen und Lagerhäusern – da war keine Poesie – kein Wald – kein Mondschein – keine Nachtigall – alles hatte gleich so was furchtbar Verzweifeltes. – Und er schwor, sich zu erschießen, wenn ich nicht die Seine werde.«
Agathe trocknete ihre Tränen. Stärker als Scham und Gram ward das heiße Erinnern.
»Dann verreisten die Eltern – ich blieb bei den Gouvernanten zu Haus – jede von ihnen hatte vierzehn Tage Urlaub, so daß vier Wochen lang nur eine Tyrannin mich bewachte. – Und Miß Brown war sehr leidend – benutzte diese Zeit ohne Kontrolle seitens der Herrin, um ganz früh schlafen zu gehen – es war ein so schwüler August. Ich starb vor Sehnsucht – litt – o – dachte zu verbrennen – und da geschah es. – Ich wußte ja nicht, was ich tat – ich war nur selig – selig ...«
Sie erschauerte. – Sie flüsterte weiter. – Und es war, als ob ihre raunende Stimme und das schmeichelnde Rauschen des Meeres Töne seien, die aus dem gleichen Urgrunde allen Lebens heraufkämen.
»Ich hab’ es nie begriffen – nie – daß das schlecht von mir gewesen sein sollte – so unmenschlich glückselig in Liebe zu sein –«
Sie schwiegen beide lange. – Und Agathens Kopf ruhte sich an seiner Schulter von vergangenen Leiden aus ... Endlich sprach sie weiter.
»Die Eltern kamen zurück. Irgend jemand glaubte sich verpflichtet, mit ihnen zu sprechen – denn die ganze Fabrik hatte es gewiß schon lange gemerkt – wie hätt’ ich daran denken können? – Und dann gab es einen Zustand – o Gott – ein Massenmörder kann nicht härter bestraft werden. – Hinrichtung ist ja milde dagegen. – Und Miß Brown flog hinaus – und ›er‹ schrieb kühn und stark an Papa, daß ich seine Braut sei und daß er mich heiraten wolle – und Papa und Mama schrien, darauf habe er nur spekuliert – Und ich sagte, seine Armut sei mir recht und ich wolle mit ihm hinausziehen und betteln. – Dafür hatte Papa nur ein schreckliches Gelächter. – Wiedergesehen hab’ ich ihn nie – nicht einmal Abschied nehmen durfte ich. – Und Papa schickte ihn mit viel Geld nach Amerika – da ist er verdorben und gestorben – das hat Papa erst nach vier, fünf Jahren gehört. – Damals gleich, als all diese Wut auf mich bei Papa und Mama war, wollte ich sterben. – Es ist schwer, zu sterben – man weiß nicht, wie man es machen soll –«
Sie seufzte.
»Ich war noch ganz gebrochen – dann kamen die Eltern und sagten, ich müsse den Baron Hegemeister heiraten, es sei für mich das beste – das einzigste. Sie taten, als weise ganz Berlin mit Fingern auf mich – weil ich einen armen Angestellten sehr lieb gehabt hatte. – Und ich dachte: vielleicht ist die Ehe Freiheit. Sie war ja gewiß ein besseres Leben als das, was ich zu Haus gehabt hätte. – Obgleich ... Bis auf den heutigen Tag zürnen mir die Eltern und tun nur wegen der Welt, als sei alles in Ordnung. Und sie fragen die Gerwald aus, und die gute Gerwald sagt die Wahrheit und erzählt, wie trist ich eigentlich lebe.«
Agathe sprach nun mehr vor sich hin als zu ihm.
»Und um dieser jungen, törichten, heißen Liebe willen, soll mein ganzes Leben verpfuscht sein? O, ich weiß wohl – böse Menschen flüstern noch immer allerlei – und vielleicht hat einer, für den ich ein bißchen schwärmte, gedacht, als Offizier könne er das nicht. – Aber von wie vielen Frauen wird geflüstert ... Und weil ich aus lauter Einsamkeit und Unkenntnis und Sehnsucht einen Menschen mal ein wenig zu lieb gehabt habe – soll ich nie mehr – nie – nie mehr die Glückseligkeit erfahren – geliebt zu sein ...«
Da neigte sich das Gesicht des Mannes über das ihre.
Er flüsterte kein Wort des Trostes, des Werbens, der Verheißung –
Mit einer bezwingenden Selbstverständlichkeit suchten seine Lippen die ihren zu einem verzehrenden Kuß ...
* * * * *
Und am Klüverbaum hockte das alte Mädchen und starrte in die Nacht hinaus.
Alles in ihr war Aufruhr. Eigenes Wünschen und Entsagen glomm, wie Feuerreste unter Aschenhaufen, wenn er aufgestöbert wird, noch einmal auf. – Und sie fühlte auch: nun war die seit drei Jahren mit so viel Entschlossenheit und immer vergebens erwartete Stunde da, beide Augen zuzumachen.
Und aus der Sommernacht wehte so viel heran – fast wie Qual des Neides – Rührung, die der gutherzigsten aller Frauen ein wenig Glück gönnte – Sorge vor schrecklichen Kämpfen.
Es war aber schön, hier zu sitzen und zu wachen, und sie kam sich fast wie Brangäne vor.
Märchenhaft – wie so das Schiff durch die schwarzen Wasser dahinglitt – und im ewig gleichen Ton und Rhythmus besangen die Wogen leise den Zauber der Fahrt; dunkel die Ferne, hoch und voll schwarzer Majestät der Himmel.
Und nun tauchte der stolze Schiffsleib der ›Hohenzollern‹ auf, und aus ihren vielen, vielen Augen glänzte gelbes Licht. – Und drüben Travemünde-Strand – eine Reihe von Lichtperlen nur. – Und das Blinkfeuer des Leuchtturms, das zuckte und verschwand und wieder zuckte.
Und dann trat ein Mann an den Platz heran, wo Fräulein von Gerwald saß, und schreckte sie auf.
Der Mann hielt in seinen hocherhobenen Händen je eine Laterne. – Er schwenkte sie und wiederholte gewisse Bewegungen in mehrfacher Folge. – Er semaphorte der Lootsenstation zu, daß die »Klara« in den Hafen wolle, und die Station solle es dem Motorboot weitergeben, das im Hafen wartete ...
Große Unruhe entstand an Bord.
Die rotweißen Matrosen manöverierten, das Schunersegel rauschte herab, sank in sich zusammen und ward von raschen, vielen Händen zu einer Faltenrolle zusammengebunden. Das Großsegel schlänkerte gelöst. –
Und inmitten all der Unruhe stand mit einem Male der Herr der Jacht da und gab Befehle.
Fräulein von Gerwald suchte Agathe und fand sie wie verzaubert auf dem Sitzplatz – in seligem Lächeln sinnend.
Sie fiel dann ihrer Treuen um den Hals und sprach kein Wort. – Aber die Treue wußte – dies verband sie beide auf immer.
Nach einer weiteren halben Stunde war man im Hafen. Und dort wollte Wynfried mit den Damen auf das Motorboot übersiedeln. Die »Klara« sollte über Nacht in Travemünde bleiben. Mit dem flinken »Severin« dachte Wynfried erst die Damen an die Lammener Brücke zu bringen und dann nach Haus zu fahren. Es würde wohl lange nach Mitternacht werden ...
In Travemünde am Ufer waren in dieser Festzeit noch Menschen – und zwei Schiffer riefen allerlei von der hohen Brücke herab ...
Was denn? Ja – ganz gewiß. – Der Schlepper ›Primus‹ hatte die Nachricht mitgebracht – gerade als er die Trave abwärts dampfte und schon eine gute Strecke an »Severin Lohmann« vorbei gewesen war, hatte er einen furchtbaren Knall von dorther gehört.
Wie von einer Explosion ...
8
Die junge Frau hatte den Besuch ihrer früheren Pflegemutter gehabt. In allem war die Doktorin Lamprecht ein eifriger Mensch, in Rede wie in Tat. Und so hielt sie auch mit einer gewissen pflichtvollen Emsigkeit darauf, Klaras Einladung zum Nachmittagstee zu folgen. Klara hatte gesagt: komm doch an schönen Sommertagen, so oft du willst, nachmittags herüber. Das war der alten raschen Dame zu unbestimmt gewesen, und sie setzte sich selbst im stillen den Dienstag und den Freitag zu den Gängen nach dem Herrenhaus von »Severin Lohmann« fest. Das hatte Klara natürlich bald gemerkt, und wenn sie einmal an einem dieser Wochentage verhindert war, telephonierte sie ab. Heute war die alte Frau eigentlich darauf gefaßt gewesen, daß man ihr abwinke. – Die jungen Eheleute wollten doch mit ihrer Jacht den Seglern entgegenfahren. – Likowski, der immer einen Augenblick vorsprach, erzählte von der erhaltenen Einladung, der er nicht folgen könne.
Als dann aber kein Abwinken erfolgte, stürzte sich die alte Frau mit ihrer vollen Lebhaftigkeit in Sorgen. War das Kind krank? Oder der Geheimrat? Darüber nachzudenken und sich mit jedermann, der ihr in den Wurf kam, eindringlich zu besprechen, war sehr unterhaltend. Zum Glück erwies sich alles als überflüssige Gedanken- und Zungengymnastik, denn sie fand Mutter und Kind in der völligsten Gesundheit vor, und der Geheimrat war nicht sichtbar. Er arbeitete oben mit seinem Sekretär. Das Kind hatte mittags viel geschrien und war ein wenig mit der Verdauung gestört gewesen – nun lag es prachtvoll anzusehen im offenen Wagen, und die Amme in der malerischen Tracht saß dabei und wehrte den Fliegen. Nicht weit davon hatten die beiden Damen Tee getrunken. Der Platz unter den alten Ulmen war angenehm, man hatte von da einen sehr malerischen Blick auf die Hochöfen, die wie in einem Ausschnitt, vor dem blauen Himmel, von grünen Zweigen umrahmt, ernst dastanden. Die Doktorin Lamprecht erzählte mit unermüdlich dahinrinnenden Worten von allem Kleinkram ihres engen Lebens.
Dann geleitete Klara die flinke kleine graue Alte hinab zur Fähre, wo es noch einen wortreichen Abschied gab, bis Sörensen, der Fährmann, ungeduldig fragte: »Wölt wi nu foahren, oder wölt wie nich foahren?«
Als Klara langsam treppan zwischen den Hainbuchenhecken zurückging, fühlte sie sich von einer unbegreiflichen Zuversicht und Heiterkeit erhoben. Woher ihr die kam – sie wußte es nicht. Das Grundlose ihrer wechselnden Stimmungen, das Gegenstandslose ihrer frohen Sehnsucht und jammervollen Zerdrücktheit, als läge alle Qual der Welt auf ihr – sie vermochte es nicht zu erklären. Alles, was sie konnte, war, eine äußerlich immer beherrschte Haltung zeigen.
Jetzt däuchte ihr, sie sei glücklich, daß das bißchen Unruhe des Kindes nicht die Vorbotin von ernstlichen Störungen gewesen sei. Sie machte sich Vorwürfe, ihren Mann nicht doch begleitet zu haben. Sie wollte ja all seine Interessen und Freuden teilen – das war ihr ernster Vorsatz. Aber dieser freie, friedlich ungezwungene Nachmittag war so schön – fast, als sei es weniger – mühsam. –
Als sie sich dem Platze unter den Ulmen näherte, sah sie, daß die Amme fortgegangen war und daß anstatt ihrer Leupold Wache hielt. In seiner einfachen dunkelblauen Livree stand er da und beugte sich auf den Wagen hinab.
Klara schlich beinahe. Sie wollte ihn überrumpeln, und das gelang ihr auch. Er fuhr auf und wurde rot.
»Kathrin bat mich – ich sollte mal ein paar Minuten aufpassen. – Ich kam her, weil Herr Geheimrat bitten lassen, wenn es der gnädigen Frau recht sei, möchte das Abendessen erst um neun Uhr angesetzt werden.«
Da lag Severin der Kleine in seinem Wagen, luftig zugedeckt, die nackten Ärmchen frei – er fing nun schon an, mit der einen Hand nach der anderen zu greifen, ohne daß es ihm gelang – in diesem allerersten zweckvollen Spiel der Glieder. Er sah so gepflegt und lieblich aus, daß selbst ein unverständiger Beobachter wie der alternde Junggesell Leupold erkennen mußte, es sei ein köstliches Exemplar von einem Kinde.
Klara sah ihn an – irgend etwas in ihrem Blick forderte ihn auf, zu sprechen.
»Ich glaube,« sagte er verlegen, »der Kleine wird mal ganz und gar Herrn Geheimrat ähnlich ...«
Dann setzte er schnell hinzu und wurde wieder rot: »Es ist das schönste Kind, das ich je gesehen habe ...«
Und ging rasch davon. Klara lächelte. Sie fühlte: der eifersüchtige Mann hatte ihr nun endlich verziehen, daß sie die Schwiegertochter und bevorzugte Pflegerin seines Herrn geworden war. Severin der Kleine hatte ihn entwaffnet, und er war vielleicht von ähnlichem Stolz auf den Stammhalter erfüllt wie der Großvater selbst.
Ja, so kleine Händchen können viel.
»Vielleicht,« dachte Klara, von einer plötzlich aufwallenden Hoffnung ganz erregt, »vielleicht doch noch einmal die Herzen seiner Eltern recht zusammenfügen ...«
O Stunde des Glücks, wenn das geschähe! – Und warum nicht? Es gibt doch Gefühlswunder, Wandlungen – man las so viel Schönes davon. Und was die Poesie verherrlicht, muß sie doch im Leben gefunden haben. –
Um neun Uhr kam der alte Herr herunter und saß in seinem Fahrstuhl am Tische. Trotz des wundervollen Sommerabends blieben die Fenster geschlossen. Das Hereinschwirren von Insekten und ihr Tanz und oft genug ihr Tod im Licht war Klara immer widerwärtig. Der Geheimrat teilte ihren Ekel davor.
»Nun hast du heute gar nichts von dem Sommertag gehabt,« schalt Klara.
»Die Arbeit drängte. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, die Denkschrift, die ich dem schwedischen Handelsminister zustellen lassen will, noch heute zu beenden. Morgen gibt es Störungen die Menge. Direktor Malzan von der Frankfurter Heizkessel- und Röhrenfabrik hat sich angesagt – eine Verbindung, die Wynfried anknüpfte. Die Fabrik will fortan ihr Rohmaterial von uns beziehen. Außerdem ist Mühlmann aus Harburg zu erwarten.«
»Ach der alte Herr, der immer denselben Spaß macht, indem er bedauert, daß er mir von den niedlichen Kleinigkeiten, die er fabriziert, keine Pröbchen zu Füßen legen könne.«
»Du solltest aber mal wirklich die Mühlmann-Werke mit Wynfried zusammen ansehen; wenn ihr mal in Hamburg seid, ist’s ja nur ein Katzensprung. Anker für Ozeandampfer und Krane und Ketten von kolossalischen Größen und Gewichten. – Ja, also Malzan und Mühlmann wohl sicher. Vielleicht noch zwei Geschäftsfreunde aus Rußland. Und möglicherweise der junge Marks. Die Reederei Marks in Stettin hat uns, aus einer Konkursmasse, billig einen Kohlendampfer angestellt. Wenn der Juniorchef selbst kommt, muß er zu Tisch gebeten werden. Aber du weißt: alles ist unsicher.«
Ja, das kannte Klara: an vielen Tagen der Woche Tischgäste: die, auf welche man sich vorbereitet hatte, kamen zu ganz anderen Tageszeiten und konnten nicht zum Speisen dableiben; ein andermal erwartete man niemanden, und eine Stunde vor Tisch hieß es plötzlich, es würden Gäste kommen. Oder man dachte an einen oder zwei Herren, und es wurden ihrer sechs.
Aber die Küche war darauf eingerichtet, und Frau Flüggen, die Herrenköchin, war eine Verbindung von rascher Entschlossenheit und Ruhe, die Klara heimlich bewunderte.
»Und da Thürauf verreist ist,« fuhr der alte Herr fort, »mag ich gern selbst alle sprechen und sehen. – Auf dem Werk macht Wynfried ja sowieso allein die Honneurs, wenn Thürauf fort ist.«
Klara legte ihrem Schwiegervater von dem leichten Ragout aus Kalbsmilchern und Zunge vor, das für ihn besonders bereitet war.
»Du sprachst von einer Denkschrift?« fragte sie.
Er mochte es gern haben, wenn sie unterrichtet sein wollte. So lebendig hatte auch einst ihre Mutter an allem teilgenommen, was ihn beschäftigte. Seit die Tochter der Geliebten seine Tochter geworden war, verschwammen beider Gestalten für ihn auf das merkwürdigste in eins. Er konnte seine Empfindungen für die heilige Tote und diese ihn täglich mit Liebe umsorgende junge Frau nicht mehr auseinanderhalten. Und ihm war auch, als erkenne er jetzt erst den tiefsten Sinn des Schicksals, das ihn zum Entsagen gezwungen. Daß die Vergangenheit rein geblieben war, adelte ihm heute die zärtlichen Vatergefühle. Klara war ihm teurer, als eine Tochter aus eigenem Blute hätte sein können – jene verborgensten, geheimnisvollsten Verwandtschaften sprachen, die jenseits aller Erklärbarkeit liegen.
Wie genoß der alte Herr nach Tagen voll angestrengter Arbeit und in seinem brüchigen Zustand diese Stunden – auch ihm war’s im tiefsten Herzen uneingestanden recht, wenn Wynfried am Abendtisch fehlte. Er, der Vater, und sie, die junge Frau, waren sonst immer bemüht, daß Wynfried sich nur behaglich fühle ...
Er sprach zu der eifrig Hörenden.
»Weißt du, es ist auch eine Art Zeitkrankheit: dies Erwachen eines blinden Nationalismus überall – der so oft Forderungen erhebt, die dem eigentlichen volkswirtschaftlichen Interesse des Vaterlandes zuwiderlaufen. – In allen Ländern das gleiche. Nun gibt es in Schweden große Gruppen von Politikern, die es als eine Schädigung der wirtschaftlichen Zukunft ausschreien, wenn Schweden fortfahre, seine Eisenerze auszuführen. Und es wäre beinahe Selbstmord, wenn diese Ausfuhr je verboten werden sollte. Die Eisenerzlager sind ungeheuer groß. – Und Schweden ist so klein – es hat auch keine Kohlen – keine Arbeitskräfte – selbst wenn es all seine Erze selbst verhütten wollte und könnte, fehlte wieder die Feinindustrie, die den Hüttenwerken das Rohmaterial abzunehmen imstande wäre – und sie könnte auch niemals in einem Maße entstehen und sich entwickeln, um all dies gedachte Roheisen zu verarbeiten. – Deutschland ist der nächste, der gegebenste Abnehmer – es trägt für das Erz, das es empfängt, ein Riesenkapital über die Ostsee nach dem befreundeten Land. In Deutschland ist der Eisenverbrauch pro Kopf in den letzten dreißig Jahren um etwa neunzig Kilogramm gestiegen: von vierzig bis auf hundertunddreißig – stell dir das mal vor ...«
Nein, das konnte Klara sich natürlich nicht auf deutliche Art vorstellen, wie ein Mensch hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauchen soll. Sie lächelte glücklich, war voll Freude, daß der Vater immer in dem starken Bedürfnis, sich zu betätigen, geistig so frisch wie nur je sich zeigte, und sie scherzte ein wenig – denn das mochte er haben. Und sie sagte, daß diese Statistiken auch unfreiwilligen Humor besäßen; und Großvater solle es sich doch seinerseits einmal vorstellen, wie Severin der Kleine hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauche ... Er mußte lachen. Und sie lenkte durch wißbegierige Fragen ihn wieder auf seinen Vortrag zurück.
So saßen sie in Frieden, und Klara sprach endlich, etwa um elf Uhr, davon, ob man nicht ans Zubettgehen denken müsse.
»Wenn du sagst ›man‹, meinst du mich,« scherzte der Geheimrat.
»Eingestandenermaßen! Ich möchte noch aufbleiben – auf Wynfried warten – aber nur bis Mitternacht – später könnt’s ihm eher bedrückend als erfreuend sein.«
»Klug!« lobte er. »Und Wynfried hat es ja heute wirklich nicht in der Hand – wenn zum Beispiel Flaute eingetreten sein sollte ...«
Klara klingelte zweimal. Das hieß, daß Leupold kommen solle, um seinen Herrn hinaufzuschaffen, und daß Georg oben zur Stelle zu sein habe, um beim Zubettgehen zu helfen.
Sie geleitete den Fahrstuhl noch hinaus – der Lift mündete in der Nähe des Eßzimmers auf die Diele.
Diese war nur schwach erleuchtet. Die Glastür, durch die man in den Hauseingang kam, war geschlossen. Aber die breite Tür, die von der Diele aus auf eine Plattform mit Sitzgelegenheiten führte, stand weit geöffnet, und die Wärme des Sommerabends kam herein.
Der alte Herr atmete sie ein – sie tat ihm wohl.
»Ein paar Minuten,« sagte er, und Leupold fuhr seinen Herrn gehorsam auf die Plattform hinaus. Klara setzte sich auf den nächsten Stuhl, stützte den Ellbogen auf seine Lehne und schaute ruhevoll hinaus in das schwarze Dickicht des Parkes.
Dieser Abend hatte der jungen Frau wohlgetan. Sie fühlte: solange dieser große Mann lebte, war sie, als seine Tochter, reich. Wie mußte er immer und immer an sich gearbeitet haben, bis sein brausender Wille, sein überragender Verstand sich mit Güte und Gerechtigkeit gleich einer Gloriole umgab. Sie ahnte auch, daß er nicht nur aus Neigung zu dem Gesprächsstoff, sondern sehr zweckvoll sie ganz und gar mit dem Werk und seinen tausendfältigen Beziehungen vertraut machte. Sie legte es sich so aus: er wolle, daß sie ihrem Gatten immer mit Verständnis entgegenkommen und sein Interesse, falls es erlahme, neu beflügeln könne.
Man sah von dieser Plattform aus nichts vom Hochofenwerk. An das Rumoren des Betriebes waren ihrer aller Ohren so gewöhnt, daß sie es nicht mehr hörten. Ihnen schien Sommernachtstille entgegenzuströmen, und Friede und ein sanftes Dunkel füllte die Luft, als webe und schwebe in ihr der Geist lieblicher Schlafseligkeit. Alles zwang zum Schweigen. Und diesem beruhigenden Schweigen nachzuhängen, war schön.
So ließen sie die Minuten rinnen. – Da geschah etwas Furchtbares – grauenvoll Bedrohliches – sie zuckten zusammen – ein dunkler, runder Ton hatte die Luft zerrissen. – Die Gewalt der Erschütterung war so groß, daß ein Zittern durch die Nacht ging.