Stein unter Steinen: Schauspiel in vier Akten

Part 6

Chapter 63,707 wordsPublic domain

Aber sie haben mir die Seele aus dem Leibe gezogen, sie haben mir den höllischen Geier, welcher heißt Hadramoth, den haben sie mir --

·Göttlingk·

Nu quatsche nich. Komm mal mit 'rüber in die Destillation.

·Eichholz·

Hier steh' ich, hier jeh' ich nich weg. Sobald der Hund kommt, dann stürz' ich mir los auf ihm. Brust gegen Brust.

·Göttlingk·

Na und dann?

·Eichholz·

Dann? Ich hab' dem Alten gesagt: Herr Zarncke, hab' ich gesagt, es gibt -- ein Unglück.

·Göttlingk·

Ja, mit's Maulwerk.

·Eichholz·

So? ... (Zögernd) Du, und was is denn mit dem -- Block?

·Göttlingk· (lauernd)

Was für 'n Block?

·Eichholz·

Wo du vorhin von sprachst.

·Göttlingk·

Ach so ... Siehst du den da oben im Flaschenzug?

·Eichholz·

Ja.

·Göttlingk·

Wenn da einer die Ketten aushängt, dann steht er bloß auf der Kippe. Verstehste? Eine Holzsteife -- die kann 'n Kind wegschlagen. -- Und geht dann einer die Treppe 'rauf -- _muß_ er die Treppe 'rauf?

·Eichholz·

Nu jewiß. Der Alte hat doch dahinter 'ne Kontrolluhr aufgestellt. --

·Göttlingk·

Daß da man kein Malheur passiert!

·Eichholz·

(argwöhnisch, will nicht verstehn)

Warum soll -- da gleich -- 'n Malheur passieren?

·Göttlingk·

Ach so! ... Scht! Is er das nich? (Man hört rechts das Schließen einer Tür)

·Eichholz·

Ja.

·Göttlingk· (leiser)

Nu komm ... Drüben trinken wir noch eins ... Kann man da oben irgendwo 'raus?

·Eichholz·

Durch die kleine Tür. Immerzu.

·Göttlingk·

(ihn nach dem Hintergrunde ziehend)

Na denn komm!

·Eichholz·

Warum nich hier durchs Tor?

·Göttlingk·

Komm, komm, komm ... Da scheint auch wer zu stehn. -- Komm! (Auf einer mittleren Treppenstufe hält er inne) Scht!

·Eichholz·

Er schließt noch das Sägewerk.

(Beide verschwinden links oben. -- Während rechts eine schwere Tür zugeschlossen wird, hört man oben das leise Klirren der Flaschenzugketten. Dann Stille. Während der folgenden Szene geht der Mond auf)

Sechste Szene

_Biegler._ Dann _Struve_

·Biegler·

(mit Schlüsselbund und schwerem Stock, eine Schnarre umgehängt, erscheint rechts vorne und geht an dem erleuchteten Kantinenfenster vorbei, dann revidiert er das Schloß des Magazins und will zur Tür des Wohnhauses hinüber)

·Struves Stimme· (vom Haustor her)

He! Scht! Nachtwächter! Biegler!

·Biegler·

Wer is da?

·Struves Stimme·

'n guter Freund!

·Biegler·

Ich hab' keine guten Freunde.

·Struves Stimme·

Struve is da.

·Biegler·

Struve kann bei Tage kommen.

·Struves Stimme·

Mach auf, sonst reiß' ich an de Klingel.

·Biegler·

Was is denn? (Er geht aufmachen. Man hört den Schlüssel sich drehen. Dann erscheint er zusammen mit Struve) Na?

·Struve·

Fsch! Drinne wär' mer ja nu.

·Biegler·

Also was willst du?

·Struve·

Sachte, sachte, sachte! ... Ick jeheer' hier zu's Haus. Ick hab' 'n Amt hier ... 'n Vertrauensposten! Jawoll! ... Da muß ick mir iberfihren können bei Tag und bei Nachte ... Ick kann schon jar nich mehr schlafen vor lauter Ehrjefihl. Ja.

·Biegler·

Na, schlaf man. Ich geh' ja hier als Wächter.

·Struve·

Det sagste so in deinen Jemiete. -- Aber wenn du eines Morjens nicht mehr dabist --

·Biegler·

Wieso?

·Struve·

Na, Mensch, Kohlege, wir beid' kennen uns doch. Uns haben se doch aus denselben Suppentopp jeangelt.

·Biegler· (bitter)

Ach so!

·Struve·

Und diesentwegen biste dir doch klar: Weg mußte hier _nu doch_!

·Biegler·

Ja. Das bin ich mir klar.

·Struve·

Als du jestern 'raus warst, da haben die Steinmetzen noch ne jroße Beratung jehabt. Da haben wer nich zuheeren derfen. Bloß, daß se morjen früh zum Alten jehn werden, das hab' ich noch --

·Biegler· (in bitterer Erregung)

Und meinen Austritt fordern?

·Struve·

Wer zufällig fünf Finger hat, kann sich das ja dran abzählen.

·Biegler· (verbissen, verzweifelt)

Ich wart's gar nich ab. Ich geh' alleine.

·Struve·

Da wärste ja auch scheen dumm, wenn du dir -- nich vorher schon dinne machen wolltst. -- Und darum bin ick eben auch 'n bisken dahinter jewesen. Deiwel auch! Wenn man so die Verantwortung hat.

·Biegler·

Wofür? Für mich?

·Struve·

Ne -- aber -- (macht Zeichen nach dem Magazin hin) vor -- -- Ick kenn' doch 's menschliche Leben. So 'ne Sachen die loofen doch jewissermaßen hinter einen her. Janz von selber. Wie wenn se Beene hätten. Da kann man jar nischt vor.

·Biegler·

Was denn? Was denn?

·Struve·

Na, du weißt schon. Aber in so 'ne menschliche Versuchungen da muß man eben 'n Freind haben. Mann mit Ehrjefihl. Und so. Wo einem 'n bisken ins Jewissen redt ... Denn der Fallstricke des Teufels sind viele, und -- -- was? Wie sagste?

·Biegler· (mit einem kurzen Lachen)

Ich sag' jar nischt.

·Struve·

Na, nu mal unter uns! -- Wenn du -- und du jehst hier weg, wo wirschte denn nu hinmachen?

·Biegler·

Wer kann das wissen?

·Struve·

Nu, setz dir mal bisken hier dal! (Zieht ihn auf den vordersten Block) Sieh mal, mir jeht hier ja so weit janz jut. Ick bin Verdrauensperson. Und so. -- Aber _zu_ viel Ehre kann der Mensch auch nich verdragen. Des drickt aufs Jemiet, weißte ... Und weil ich dir nu mal so liebhabe -- jewissermaßen, und weil de iberhaupt noch im janzen 'n bisken klietrig bist -- weißte! -- -- na? -- Wollen wir zusammen uf de Fahrt steigen?

·Biegler·

Was? Du und ich?

·Struve·

Nu ja. Mit _die_ Ansichten, wo wir beide vons menschliche Leben haben -- die _haben_ wir nu mal! Die kann uns keiner nehmen. Die einen wälzen sich in'n Jolde, wir wälzen uns in'n jrienen Chausseejraben. Tagsüber sehn wir mal bisken nach, wo wat los is, Abends saufen wir uns 'n verjnichten Teng ins Jesichte. Hier mußte ewig 'n krummen Puckel machen und dir sauer anhauchen lassen und wirscht doch nie mehr im Leben, wat die andern sind!

·Biegler·

Mensch! Da haste recht!

·Struve·

Draußen veracht' dir keiner ... Und da biste bloß _einem_ Jehorsam schuldig, -- das is der Meilenzeiger ... Na?

·Biegler·

(schaut abschiednehmend um sich, mit hartem Entschluß)

Gut! Wann willst du -- losjehn?

·Struve·

Losjehn? ... Jleich. Uf'n Momang.

·Biegler· (in Erregung)

Ich muß doch erst -- mit ihm -- reden ... Muß doch kündigen.

·Struve·

Ach! Sei doch kein Milchkalb! Wird er dir viel kündigen? Und noch eins sag' ich dir: Der Jöttlingk is 'n tück'sches Luder. Der verjeßt dir die Blamasche nich. Da kannste morjen drei Zoll Stahl ins Leib kriegen, jleich, noch auf'n nichternen Magen.

·Biegler· (dumpf, entschlossen)

Mir is alles egal.

·Struve·

Ne, ne, ne, ne. Komm jleich. Nimm dir in acht.

·Biegler·

Zeugnisbuch muß ich haben. Dann komm' ich mit.

·Struve·

Zeichnisbuch? Ick weeß 'ne Penne hier in de Jegend, da stempelt dir 'n jewesener Oberjeheimrat de piksten Flebben noch heite nacht. Und denn -- wat willste mit 'n Zeichnisbuch? -- Et steht ja woll jeschrieben: »Ehrlich währt am längsten« -- aber 'n tichtiger Spitzbube fährt mit vier Hengsten. Und iberhaupt mit die olle Tugend! Die schabt sich ab wie 'ne dreck'ge Scheierbürschte. Da droppt dir ewig de Nese von wie bei'n kleinen Swienegel ... Bloß natirlich -- 'n jewisses Anlagekapital -- det missen wir haben.

·Biegler·

Wozu? Woher?

·Struve·

Det brauchste überall. -- Ohne 'n Parchentlappen kannste nich uf de Flohjagd. -- Willste lernen Jold machen? Kleinigkeit! Aber natirlich -- wenn de keinen Dukaten _hast_, kannste auch keinen Dukaten beschneiden. Siehste! Das is der Witz ... Na, Jott sei Dank, bei uns is ja nich wie bei arme Leit' ... Kleines Vermeegen zum Anfangen -- und so -- is ja alles da.

·Biegler·

Ich krieg' noch nich mal 's volle Monatsjehalt.

·Struve·

Aber Mensch! -- Bejreifst de denn noch immer nich?

·Biegler·

Was denn? Na was denn?

·Struve·

Herrgott! Schon doch 'n bisken mein Ehrjefihl und frag nich immer so glup'sch. Aber se sind doch nu mal da. Da kann man doch nischt machen.

·Biegler·

Was? Was? Was?

·Struve· (zaudernd, verlegen)

Na -- de -- de -- Diamanten.

·Biegler·

Die willst du am Ende --?

·Struve·

Die brechen wir doch jetzt jleich aus. Det is doch 'n janz reelles Jeschäftsprinzip. Anzeigen kann uns der Olle nich mehr. Sonst blamiert er sich. Na?

·Biegler·

Ach so einer bist du! Na, dann jeh man wieder zu Hause.

·Struve·

Du bist wohl 'n Schlamassel?

·Biegler·

Ich muß jetzt elfe abpfeifen. (Wild) Jeh, oder ich pack' dir ins Jenick.

·Struve·

Na -- denn mach's gut! ... Ick hab' mir aber sehr in dir entteischt. Den Vorwurf kann ick dir nich ersparen! ... Äh! Is nischt mehr los mit's menschliche Leben, nich vor und nich hinter de Mauer.

(Ab, von Biegler gefolgt. Man hört das Tor auf- und zuschließen)

Siebente Szene

_Lore._ _Biegler_

·Lore·

(tritt aus der Kantinentür und lauscht nach links hin)

Vater, bist du's?

·Biegler·

Ich bin's, Fräulein.

·Lore· (freudig aufschreckend)

Ach Sie sind's ... Haben Sie Vater nich gesehn mit -- mit -- noch einem?

·Biegler·

Nein.

·Lore·

Ach -- 'n paar Augenblicke könnt' ich Sie sprechen -- ja?

·Biegler·

Ich möcht' Sie ja auch noch sprechen, bevor ich ... das heißt wenn Sie mir danken wollen etwa --

·Lore·

Danken darf ich Ihnen wohl noch nich mal! Weiß Gott, Herr Biegler, ich wollt' Ihnen so gerne helfen. Das war meine einzigste Absicht. Statt dessen haben Sie mir geholfen. Nu helfen Sie mir auch weiter. Ich weiß nicht aus, nicht ein.

·Biegler·

Was is denn nu?

·Lore·

Er -- war -- eben da.

·Biegler·

Aha ... Na, wann wird Hochzeit sein?

·Lore· (schweigt)

·Biegler·

Oder will er noch immer nich?

·Lore·

Ja, ja, er will ... Er sagt wenigstens, er will ... In Arbeit kommt er nich mehr zurück.

·Biegler·

So? Ei, ei!

·Lore·

Aber sobald er was andres gefunden hat, sagt er --

·Biegler·

Das kann ihm ja nich fehlen.

·Lore·

Herr Biegler, sagen Sie mir, is denn das möglich? -- Man hungert, man hungert nach seinem Glück, jahrelang -- und wie man's endlich hat -- _so_, zwischen seinen zwei Händen, da is es mit einem Mal keins mehr, da _will_ man gar nich mehr, da is man satt, satt. Satt is man. Satt.

·Biegler·

Wer satt is, soll nich essen.

·Lore·

Ich kann doch nicht »nein« sagen zu ihm ... Das is doch Wahnsinn. Da drin schläft doch mein Lenchen.

·Biegler· (erregt, verbissen)

Mancher Mann wär' glücklich, Ihr Lenchen auf dem Schoß zu halten.

·Lore· (erschrocken)

Herr Biegler, so etwas darf ich nich denken. Das is Sünde.

·Biegler·

Sünde is, wenn man sich mit sehenden Augen ins Unglück stürzt.

·Lore·

Das sagen Sie heute, und gestern -- haben Sie Stellung und alles -- haben Sie hingegeben -- bloß --

·Biegler·

Gott weiß, wie alles kommt.

·Lore·

Ach, wenn ich reden dürfte! Ich glaub' ihm ja nichts mehr. Ich laure bloß immer: Was für 'n Hintergedanken hat er nu? Mit Vater hat er im Winkel gesessen, weit weg, damit ich nichts hören soll ... Es war da die Rede von -- Gott, Sie wissen ja, wie Vater is. Nu hebt mich die Angst, daß er ihm irgend was Schlimmes einredet.

·Biegler·

Wem kann der alte Mann denn was tun?

·Lore·

Vielleicht irr' ich mich auch. Ach, sagen Sie mir, was soll ich? Ich kann ja nich mehr los von ihm. Ich bin jahrelang wie sein Hund zu ihm gewesen. Ich kann ja nich mehr los von ihm.

·Biegler·

Ja, wenn Sie nich _können_.

·Lore·

Ach, lieber Herr Biegler, helfen Sie mir.

·Biegler·

Helfen! Ich weiß mir alleine nich zu helfen!

·Lore·

Ach, Sie sind stark. Das weiß ich seit gestern. Sie können, was Sie wollen! Sie --

·Biegler·

Hähähähä! Weil ich 'n Stein gefunden hab' zur richtgen Zeit. Ich will _nich_ bald wieder auf 'ner dreckigen Pritsche liegen, Pennbruder rechts, Pennbruder links -- wenn nichts Schlimmeres -- und mir die Augen aus dem Kopf brennen vor -- -- _und muß doch_.

·Lore·

Sie können doch auch da gehn, wo Sie hingehören. Zu Ihresgleichen.

·Biegler·

Das _is_ meinesgleichen, Fräulein Lore. Irren sich nich. -- Da _gehör'_ ich hin ... Aus _der_ Welt, wo Sie sind, da bin ich 'raus. Wo ich lebe, da is Krätze und Fuselgestank, da spuckt man sich auf die wunden Füße, weil man kein Geld zu Salbe hat, da verkauft man seine ewige Seligkeit um ein gefälschtes Stück Attest.

·Lore·

Aber noch sind Sie doch hier.

·Biegler·

Schon so gut wie nich mehr. Morgen früh geh' ich weg.

·Lore·

Aber warum denn? Warten Sie doch ab!

·Biegler·

Ich wart' gar nichts mehr ab. Nichts Gutes, nichts Böses. -- Ich geh' auf alle Fälle ... Nu sie aus meinem eigenen Munde wissen, was für einer ich bin, nich einen Tag mehr ... Dies is bloß wie 'n schöner Traum gewesen. Der is nu aus ... Ach, bangen werd' ich mich schon sehr ... Ja, _die Nächte_, wenn der Mondschein überall auf den Blöcken liegt ... Da -- sehn Sie, da ... Bei Tag sind sie man grau ... Aber Nachts wie Carrara ... Manchmal bin ich so 'rumgegangen und hab' _einen_ gestreichelt und den _andern_ gestreichelt und hab' gedacht: »Wer wird dich mal behauen -- der Glückliche!« ... Und wenn dann erst alles ganz still wird -- ringsum auf den Straßen, -- dann sitzt man mitten in der Welt wie in einem schönen, warmen Mantel -- ganz ruhig und ganz -- -- ich sagt's Ihnen schon gestern -- aber das kommt erst viel später gegen Mor -- -- (Hält lauschend in ängstlicher Spannung inne)

·Lore·

Was is?

·Biegler·

(Man hört links Gelächter von Frauenstimmen und Singsang -- scheinbar sich entfernend)

Horchen Sie! Horchen Sie!

·Lore·

Nun ja. Da lachen 'n paar auf der Straße. Was is denn dabei?

·Biegler· (leise)

Das sind die Mädchen, die unter Aufsicht stehn. Die ziehen hier in die Runde -- von elfe ab -- immer ums Straßenkarree 'rum -- bis gegen Morgen. (In Angst) Solang ich die lachen hör', da --

·Lore·

Was haben Ihnen denn die armen Weiber getan?

·Biegler· (leise, geheimnisvoll)

Sie is drunter. Ja, sie, sie ... die geht jetzt auch so 'rum.

·Lore·

Woher wissen Sie das?

·Biegler·

Ich hab' -- sie -- getroffen.

·Lore· (erschrocken)

Hier draußen?

·Biegler·

Ne ... Bevor ich herkam. Oben im Norden ... Wenn sie mich gesehn hätt' -- ich hab' mich bloß geschämt, weil ich so abgerissen war, sonst -- weiß Gott, was ich jetzt schon wär' ... (Er schaudert) Ja, der Hunger kann viel ... Na -- werden ja sehn!

·Lore· (erschüttert)

Aber Sie haben doch Ihren guten Willen, Sie --

·Biegler·

Was is guter Wille? Mein guter Wille sind Sie gewesen, Sie und der komische alte Mann da drin. Von jetzt ab hält mir keiner mehr die Stange hin. Aber gedenken werd' ich's Ihnen -- bis -- ... Fräulein Lore, es is mein letzter Dienst heute. Ich hab' die Elf-Uhr-Runde noch nich gemacht.

·Lore· (sich ängstlich umschauend)

Ach -- noch -- noch -- Wenn ich bloß wüßte, wo er Vater hingeschleppt hat ... Ich kann die Angst nich los werden, daß, daß -- --

·Biegler·

Na, was denn?

·Lore·

Ach, nehmen Sie sich vor dem Block in acht -- dort -- ja?

·Biegler·

Ja, ja, der hängt locker, ich weiß ...

·Lore·

Und bleiben Sie wenigstens im Mondschein. Gehn Sie nich ins Finstre -- nein?

·Biegler· (kurz auflachend)

Das wär' 'n richtiger Wächter, der sich vorm Finstern grault. Und heut bin ich noch einer ... Heut bin ich noch Mensch ... Morgen munter -- wieder 'runter -- in den Morast ... (Streckt in tiefer Bewegung die Hand gegen sie aus) Gut soll's Ihnen gehn, Fräulein Lore ...

·Lore· (ohne die Hand zu nehmen)

Ja, Herr Biegler, wenn's Ihnen hier so gefällt ... Schließlich, wenn's Ihnen die andern verzeihen, warum _müssen_ Sie denn durchaus weg?

·Biegler·

Wer wird _mir_ verzeihen? ... Die Steinmetzen haben ja schon beraten, daß sie morgen zum Alten gehen werden -- und --

·Lore·

Nu ja.

·Biegler·

-- und --

·Lore·

Ach, Sie denken wohl ...? Ach, Sie wissen noch gar nich ...?

·Biegler·

Was is da viel zu wissen?

·Lore·

Herr Biegler, die Steinmetzen _wollen_ morgen zum Alten gehn -- das is richtig, aber nicht darum, was _Sie_ glauben, sondern weil sie ihm sagen wollen, daß sie gerne mit Ihnen zusammenarbeiten werden.

·Biegler· (verständnislos)

Die Steinmetzen -- wollen -- dem Al--

·Lore·

Ja. Weil Sie ja bewiesen haben, daß Sie vom Fach sind, und weil Ihr Auftreten gestern ihnen so gut gefallen hat, darum soll Ihr Privatleben keinen mehr was angehn, haben sie gesagt.

·Biegler·

Die Steinmetzen wollen -- die Steinmetzen wollen -- die Steinm-- -- -- Gott, Gott, Gott! ... Die Steinmetzen wollen -- ja, warum haben Sie mir das nich schon früher gesagt?

·Lore·

Sie sagten doch, Sie warten gar nichts mehr ab ... Sie gehen auf alle Fälle.

·Biegler·

Wenn die Steinmetzen _wollen_, warum soll _ich_ denn --? Wenn ich wieder -- ich soll wieder Krönel und Scharriereisen in die Hand nehmen? ... Ich soll wieder die blaue Schürze -- umbinden -- dürfen? Ich soll -- soll -- soll -- wieder die blaue Schürze ... (Heimlich, leise, in Angst) Fräulein Lore, ich will Ihnen was anvertrauen. -- Aber -- (Legt die Hand auf die Lippen) Ich hab' nämlich manchmal solche Anfälle gehabt (wischt sich über die Stirn) in der Anstalt ... Das find't man dort sehr oft ... Sind Sie ganz sicher, daß Sie das eben gesagt haben, daß die Steinmetzen -- morgen -- dem Alten --?

·Lore·

Aber Herr Biegler, ja, ja!

·Biegler·

Und Sie glauben auch, es kann -- nichts mehr -- dazwischenkommen -- bis morgen?

·Lore·

Was sollt' denn das sein?

·Biegler·

Nu, daß die Steinmetzen ihren Sinn ändern -- oder daß der Alte sagt: »Nein« -- oder daß mir 'n Stein auf'n Kopf fällt -- oder, was weiß ich?

·Lore·

(sieht sich erschrocken nach der Treppe um, leise)

Stein auf'n --

·Biegler· (lachend)

Ach, wissen Sie, das wär' wirklich schade. Denn ich bin immer 'n tüchtiger Arbeiter gewesen ... Ich hab' schon zwei Preise gekriegt ... Ich bin mal vor der ganzen Innung -- bin ich öffentlich belobt worden ... Gespart hab' ich auch mal ... Ich hab' mal schon acht Mark fünfzig pro Tag verdient ... Ich versteh' auch gut in Granit zu arbeiten. Profile und Alles ... Granit, das wissen Sie ja, das ist das Härteste ... Dabei scheint es einem manchmal wie Gallert ... weicht einem geradezu aus. Man kann da mit dem Spitzeisen gar nich 'ran ... da muß man -- da muß man -- (vom Glücke überwältigt) Die Steinmetzen -- wollen -- mit mir -- -- (sinkt lachend und schluchzend auf die Bank, das Gesicht gegen die Mauer gelehnt, leise) arbeiten -- mit mir -- arbeiten -- --

·Lore·

(macht mitleidig einen Versuch, seinen Rücken zu streicheln)

Ach Gott! (um ihn zu erwecken, ein wenig ängstlich) Herr Biegler! ... Herr Biegler!

·Biegler· (zu sich kommend)

Ja, ja, ja, ja! Wo hab' ich meinen Stock -- meine Pfeife? ... Ich bin ganz, ganz ... die Kontrolluhren hab' ich auch noch nich gestochen! -- Heut darf ich nichts versäumen, sonst ... Hahaha -- hahahaha! Adieu, Fräulein Lore. Ich komm' bald wieder.

·Lore·

Wo wollen Sie hin, Herr Biegler?

·Biegler·

Runde machen -- nach oben -- die Treppe 'rauf ...

·Lore· (leise)

Gehn Sie nich, Herr Biegler. Nich die Treppe 'rauf!

·Biegler·

Warum denn nich? Haben Sie immer noch Angst vor dem Block?

·Lore· (in wachsender Angst)

Gehn Sie nich, Herr Biegler! Wenn Sie sich freuen auf Ihr künftiges Leben -- wenn Sie den Krönel wirklich noch mal führen wollen -- wenn Sie -- ... _Mein Kind_ hat Ihnen das erste Willkommen gesagt, das hat Ihnen Glück gebracht -- darum ... ach, gehn Sie nich! Gehn Sie wo anders, aber da _nicht_!

·Biegler·

Fräulein Lore, Sie werden ja wohl Ihre Gründe haben --

·Lore·

J, ja, ja, ja.

·Biegler·

Aber sein Sie ganz ruhig! Nu kann geschehn, was will! Mir tut keiner mehr was. Jetzt nich mehr. Nee.

·Lore· (entschlossen)

Dann komm' ich mit.

·Biegler·

Gut! Kommen Sie mit. Gehn wir alle beide nachtwächtern!

·Lore· (ruft hinauf)

Is da einer oben? (Schweigen)

·Biegler·

Na sehn Sie!

·Lore· (leise)

Herr Biegler, wenn wir die Treppe 'raufgehn, dann fassen Sie mich mal um den Leib. Ganz fest.

·Biegler·

Ich soll Sie umfassen? Das is doch nich Ihr Ernst?

·Lore·

(umschlingt ihn rasch, mit erhobener Stimme)

So werden wir jetzt die Treppe 'raufgehn. Und dann wollen wir doch mal sehen.

·Eichholzens Stimme· (von oben)

Wirste weg da, du --

·Göttlingks Stimme·

Scht!

·Biegler·

Nanu! Was is denn _das_? (Er reißt sich los und springt blitzschnell die Treppenstufen hinan. -- In demselben Augenblicke stürzt dicht hinter ihm der Block mit Getöse herunter, prallt gegen die Stufen und zerschellt am Boden. Eine Staubwolke wirbelt auf. Man hört oben das ängstliche Granzen des alten Eichholz und ein Stöhnen wie von Ringenden)

·Lore·

(ist mit einem Schreckensruf zurückgewichen und schreit, sinnlos vor Angst, in das Dunkel hinauf)

Tu ihm nichts, Eduard. Ich zeig' dich an. Ich zeig' dich an. Ich zeig' dich an.

·Göttlingks Stimme·

Schrei nich, du Frauenzimmer! (Man sieht seine Gestalt nach links hin flüchten und verschwinden)

Achte Szene

_Lore._ _Biegler._ _Eichholz._ Später _Zarncke._ _Marie._ _Frau Homeyer._ _Zwei Dienstmädchen_

·Stimmen von der Straße her· (durcheinander)

Was ist da los? Was is da geschehn? Da is Mord und Totschlag ... Macht doch mal auf! ... Aufmachen! -- (Man rüttelt am Tor)

·Biegler·

(führt unterdessen den Alten die Treppe herab)

Vorsicht! ... Da sind Stufen zerbrochen. -- Vorsicht! --

·Eichholz· (betrunken weinend)

Ich bin unschuldig. Ich hab' nichts getan ...

·Lore· (ihnen entgegen)

Um Gottes willen, Vater!

·Biegler·

(gibt den Alten, der sich nicht aufrecht halten kann, an Lore und ruft nach links hinübergehend atemlos)

Was wollen Sie hier? 'n Stein is 'runtergefallen. Weiter nichts ... Weiter is nichts. --

·Die Stimmen· (durcheinander)

Nu machen Sie doch mal das Tor auf ... Wollen mal nachsehen.. Geschwindelt wird nicht ... Aufmachen!

·Biegler·

Hier wird nichts aufgemacht. Gehen Sie Ihrer Wege! (Pfiffe. Gelächter. Abgerissene Rufe. Dann allmählich Stille)

·Eichholz·

(der von Lore zu dem vordersten Block geführt wird, wo er sich niedersetzt, derweilen weitergranzend)

Ich bin nu auch 'n Mörder. Ich komm' nu aufs Schafott.

·Zarncke·

(hat derweilen Licht gemacht, das Rouleau hochgezogen und die Glastür geöffnet, dann tritt er im Schlafrock auf den Balkon hinaus)

Was is da unten? Is da ein Unglück geschehn?

·Lore·

(mit flehender Gebärde zu Biegler hin)

Ach bitte, bitte!

·Zarncke·

Bekomm' ich keine Antwort?

·Biegler·

(nach Atem ringend, mit zitternder Stimme)

Der Oberkirchner Sandsteinblock links an der Treppe is vom Stapel gefallen, Herr Zarncke.

·Zarncke·

Wie hat denn das passieren können?

·Biegler·

Er stand auf Hochkant im Flaschenzug. Da haben sich wohl die Ketten gelockert.

·Zarncke·

Und was klagt der alte Eichholz so? Hat er sich verletzt?

·Lore·

(Angst und Erregung niederzwingend, mit geheuchelter Ruhe)

Er hat sich wohl 'n bißchen weh getan ... Aber schlimm is es nicht, Herr Zarncke.

·Zarncke·

Na wenn's weiter nichts is.

·Eichholz· (wird allmählich still)

·Frau Homeyer·

(in Nachtjacke mit einem dunkeln Tuch darüber, ist mit zwei Mägden hinter sich auf die Veranda hinausgetreten)

O Gott, o Gott, o Gott, da is gewiß 'n Malheur passiert.

·Zarncke· (herunterrufend)

Nichts is passiert. Geht mal alle ins Haus zurück!

·Marie·

(die während des Vorigen in dem -- gleichfalls erhellten -- Fenster des Wohnzimmers erschienen ist)

Du, Lore, komm mal her zu mir.

·Lore· (geht zu ihr)

·Frau Homeyer· (derweilen)

Da is sicher wieder 'n fremder Mann bei der Lore gewesen. Da möcht' ich jeden heiligen Eid drauf schwören.

·Zarncke·

Na, wird's bald?

·Frau Homeyer· (mit den Mägden ab)

Ja, ja, ja, geh' schon. Herrgott, ja.

·Marie· (leise)

Was schriest du da vorhin? Und zu wem?

·Lore· (bebend)

Ich?

·Marie·

Ich war wach. Mich täuschst du nicht.

·Zarncke·

Mariechen.

·Marie·

Vaterchen?

·Zarncke·

Geh nu man auch zu Bett. Den Schaden können wir uns morgen besehn. Das heißt, dem Willig werd' ich aufs Dach steigen. Haben sich wohl tüchtig erschreckt, Biegler -- was?

·Biegler·

(noch immer zitternd in Erregung)

Ach -- nich sehr -- Herr Zarncke.

·Zarncke·

Na denn: Gute Nacht, Kinder.

·Lore·

Gute Nacht, Herr Zarncke.

·Marie· (gleichzeitig)

Gute Nacht, Vaterchen.

·Zarncke·

(geht ins Zimmer zurück und schließt die Glastür)

·Lore· (leise)

Morgen erzähl' ich dir alles. Es is viel geschehn seit gestern.

·Marie·

Aber doch nur Gutes?

·Lore· (fest)

Ja. Weiß Gott.

·Marie· (in wehmütiger Güte)

Na, dann freut's mich auch. Gute Nacht.

·Lore·

Gute Nacht, Mariechen.