Stein unter Steinen: Schauspiel in vier Akten
Part 5
Das geht keinen was an. Außer Herrn Zarncke und mir weiß keiner was. Und wir halten reinen Mund. Wenn _die_ sehn, daß Sie keinem aus dem Wege gehn, dann wird das Getratsche langsam wieder einschlafen ... Aber nichts gestehn! Sich nich verschnappen! Sonst ist alles aus ... Wissen Sie noch, wie Sie waren, als ich Ihnen das erste Butterbrot brachte?
·Biegler· (nickt voll Grauen)
·Lore·
So sehn Sie in vier Wochen wieder aus, wenn Sie sich jetzt wegjagen lassen. Es geht um Ihr Leben, Herr Biegler. (Hinaushorchend) Ich glaube, Sie kommen schon. Da setzen Sie sich hin. Und wer Sie anlappt, dem zeigen Sie die Zähne.
·Biegler· (stammelnd)
Ach ich -- m -- mir bl -- eibt ja jedes Wort in der Kehle.
·Lore·
Soll nicht. Darf nicht. Sie müssen. Müssen, Herr Biegler, müssen!
·Biegler·
Und 's kann sein, wer's will? Ja?
·Lore· (stutzend, dann stark)
Ja.
·Biegler· (dumpf, zagend)
Na, is gut. (Setzt sich auf seinen Platz zurück)
Fünfte Szene
_Die Vorigen._ _Lohmann._ _Sprengel._ _Struve._ _Drei andere Arbeiter_
(Die Eintretenden begrüßen Lore, die rasch hinter den Schanktisch getreten ist, mit einem brummigen »Guten Tag« und setzen sich an den Tisch rechts)
·Lohmann·
Glas Bier!
·Sprengel·
Mir auch.
·Struve·
Jedem eins.
·Sprengel·
Kiekt mal, wer da huckt!
·Lohmann·
Mir wundert, daß er sich nich aufs Ehrensofa geschmissen hat. Das ist doch extra für ihm hingebaut.
·Struve·
Der Mensch sitzt, wo er kann. -- Laß ihm sitzen.
·Lore· (Bier bringend)
Wohl bekomm's!
·Lohmann·
Danke. (Nach Biegler hinüber) Jemütlich is anders. Prost! (Sie stoßen an)
·Lore·
(bringt auch Biegler ein Glas Bier)
·Sprengel·
Wird der hier nu auch den Stammgast spielen?
·Lohmann·
Struve, du verstehst dir ja auf so 'ne Brieder. Graul ihm mal 'raus.
·Struve·
Kindersch, laßt mir in Ruh. Ick bin jetzt so beschäftigt mit meine eigenen Sorgen.
·Lohmann·
Wat vor Sorgen?
·Struve·
Wat vor Sorgen? Des fragste noch? Glaubste, es macht Verjniegen, mit so 'ne Verantwortung in de Welt rumzuloofen? Wenn du jehst bloß Steine schleppen, denn haste jar keene Verantwortung, dafür biste aber auch 'n Lump. Wenn du aber wirst jeehrt sein durch das Vertrauen deiner Mitbürger, wenn du wirst 'n Magazinschlüssel an dir tragen, oder so -- dann wirst mal sehen, wie so 'n Mann zu Mute ist.
·Sprengel·
Dir is des wohl zu Koppe gestiegen? Was?
·Struve·
Denn wer eine jewisse Erfahrung hat von's menschliche Leben, der muß sich doch sagen: det is 'n janz jewehnliches Schnappschloß. -- Da brauchste bloß 'n paar gesunde Zähne zu, um 'n vierzölligen Drahtnagel krumm zu biegen, und denn biste schon drinne. Immer so mitten mang de Diamanten. Kindersch, um Gottes willen, regt eich das jar nich uf?
·Lohmann· (lachend)
Ne.
·Struve·
Und jesetztenfalls und du hast se nu ausgebrochen --
·Lohmann·
Was?
·Struve·
Na -- de Diamanten, denn kannste se jehn ruhig verschärfen bei jeden freindlichen Mann, wo mit blanke Knöppe handelt. Da kann dir kein Teckel an de Beene ... Des is 'ne aufjelegte Sache. Des reinste Beersenjeschäft ... Kindersch und da soll ick die Verantwortung vor haben? -- Ne, des halt' ich nich aus. Da zieh' ick über Land.
·Sprengel·
Jlickliche Reise. Prost.
·Struve·
Und was der Nachtwächter da is, der schlappohrige Kerl, ick wette 'n Hering jegen 'n Löffel Jritze, dessentwegen könnte man 'rin und 'raus -- wie de Schwalben.
·Lohmann·
Der blieht da nu so 'rum. Wie so 'n Maibliemchen.
·Sprengel·
Abjebrieht is er wohl. Sonst säß' er nich hier.
·Struve·
Kindersch, ick sag' eich immerzu. Wenn er und er wär's, dann wär' er noch nich 'raus.
·Lohmann·
Jedenfalls wollen wir da mal ein jelinde blasenziehendes Mittel anwenden. (Sehr laut) Fräulein! Wissen Sie vielleicht die Adresse von 'ne leistungsfähige Lebensversicherungsgesellschaft?
·Biegler·
(der solange scheinbar teilnahmslos, doch in gespannter Erwartung dagesessen hat, wendet sich jäh um)
·Lore· (abweisend)
Was soll ich mit 'ne Lebensversicherung?
·Lohmann·
Nu, 's is doch jetzt nich janz jeheier auf'n Platz. Da kann mal leicht so 'n kleiner Kuhhandel kommen, wo man plötzlich mit Tode abjeht, man weiß nich, wie?
·Lore· (abweisend)
Ich versteh' gar nich, was Sie meinen.
·Lohmann·
Diejenigen, wo's anjeht, die werden mir schon verstehn.
·Biegler·
(steht auf, will reden, bringt aber nur ein unartikuliertes Stammeln hervor und setzt sich wieder)
·Lohmann·
Hat jesessen.
·Sprengel·
Wo bleiben übrigens heite die Steinmetzen?
·Struve·
Nu -- die müssen sich doch erst ausputzen. Mit ihre blaue Kalikoschirzen trauen die sich nich uf de Straße. Es könnt' se ja einer fir Hausknechte halten. (Lachen)
·Lohmann·
Jedenfalls müßt' man sich mit denen zusammentun und was unternehmen beim Alten, -- damit er auf'm Platz 'n bißchen ausräuchern läßt. Es wird nötig.
·Sprengel·
Fang nich schon wieder an, Mensch ... hab doch Erbarmen mit so 'n plundrigen Kerl.
·Lohmann·
Wenn ich in 'n Modder trete, dann wisch' ich mir die Stiebeln ab; -- da hab' ich auch kein Erbarmen.
·Biegler·
(zittert und atmet schwer. Er ringt mit sich, unschlüssig, ob er sprechen solle, wagt es aber nicht mehr)
·Sprengel·
Kein Mensch weiß, ob er's wirklich is.
·Lohmann·
Warum steht er denn nich auf und --
Sechste Szene
_Die Vorigen. Willig. Göttlingk und andere Steinmetzen_ (in Feierabendkleidung)
·Göttlingk·
(auf den Tisch der Arbeiter weisend)
Da _sitzt_ se ja, die janze feine Familie ... Ihr kriegt's wohl nich eilig genug mit eurem Feierabend -- was?
·Lohmann·
Wieso denn?
·Willig·
Den großen Oberkirchner Block, links von der Treppe, habt ihr auf Hochkant stehn lassen. Wißt ihr das nich?
·Sprengel·
Nu, der hängt doch im Flaschenzug.
·Willig·
Aber locker hängt er.
·Lohmann·
Bis wir den 'runterkriegen, dauert's zwanzig Minuten. Wenn der Alte Überstunden zahlen will, gehn wir gleich noch mal 'ran.
·Göttlingk·
Husten wird er euch was.
·Willig·
Jedenfalls steift ihn noch ab. Wenn was passiert, seid ihr verantwortlich. (Setzt sich zu den Steinmetzen an den Mitteltisch)
·Göttlingk·
Na, Lore, Sie könnten ruhig 'n bißchen fixer sein, wenn die Steinmetzen kommen.
·Lore·
(die Bier bringt, eilig, ängstlich)
Hier is, bitte, hier is schon alles.
·Göttlingk·
Aber freilich, wenn man sich mit solchem Volk abgibt, wie der Kerl -- der -- (Biegler erkennend) Herrgott, wer sitzt denn da?
·Willig· (rasch)
Ach, kümmer dich nicht um den.
·Göttlingk·
Hast recht. So 'n Geschmeiß existiert nich. Prost, die Herren! ~Per Bacco~, is mir mollig. Ganz fingrig is mir zu Mute. Wollt ihr was hören? Natürlich, ihr wollt immer was hören. Lore, bring mal -- bringen Sie mal die Seufzerkiste.
·Lore·
Jawohl. (Holt die Mandoline von der Wand und bringt sie ihm)
·Ein Steinmetz·
Du, der Alte war doch heute so extra süß mit dir. Ahnste weswegen?
·Göttlingk·
(während er die Mandoline stimmt)
Tja, lieber Sohn, wer kann das wissen? Manchmal können sich Ereignisse vorbereiten -- die Welt is eben 'n Affenkäfig.
Siebente Szene
_Die Vorigen._ _Der alte Eichholz_
·Eichholz·
(angezogen wie im ersten Akt)
Einen guten Feierabend wünsch' ich der hochgeehrten Gesellschaft.
·Göttlingk·
So in Jala, Papa Eichholz?
·Eichholz·
Jawohl. Mein Manschettenhemde hab' ich mir angezogen und habe mir angetan im Schmucke sämtlicher Orden und Ehrenzeichen. Nu wollen wir mal sehn, ob ein alter Krieger noch was gilt in seinem Vaterlande.
·Lore· (ängstlich)
Was hast du vor, Vater?
·Eichholz·
Zuerst bejeb' ich mir zum Alten und frag' ihn auf Ehr' und Jewissen: Wer is der Kerl? Was is der Kerl? ... Und wenn er in meinen unjewissen Zustande mir sollte -- (bemerkt Biegler) was -- was -- was -- was is denn das? Is das --?
·Lore·
Vater, hier darf jeder sein Bier trinken, der zum Platz gehört. Weißt du das nich?
·Göttlingk· (halblaut zu Lore)
Was mischst du dich da eigentlich immer 'rein?
·Eichholz·
Was man so sagt, der Wiedehopf, der läßt in sein eigenes Nest 'reinschmutzen, aber wenn du willst mein Fleisch und Blut sein -- (in ausbrechender Wut) Kerl, dir werd' ich platt schmeißen! Dir bind' ich 'n Mühlstein um'n Hals, dir, dir ... Blut muß fließen, du Hund, du blutiger Hund!
·Biegler· (gequält)
Fräulein, soll ich nu immer noch länger hier bleiben? Ich denk', nu is genug.
·Göttlingk· (halblaut zu Lore)
Nanu? Was geht dich dem Kerl sein Hierbleiben an?
·Lore·
Vater, tu, was du willst, aber hier in der Kantine fang keinen Zank an. Sonst mußt du 'raus.
·Lohmann· (leise)
Sieh mal, wie sie sich auf dem seine Seite schmeißt.
·Sprengel·
Hat sie ganz recht.
·Eichholz·
Jawohl. Ich geh' schon. -- Ich werde schon in geeignete Erfahrung bringen, wer, wer (mit geballter Faust) und wer Blut vergießt, deß -- Blut -- muß -- -- ich geh' schon, ich geh' schon. Guten Abend, die hochgeehrte Gesellschaft. (Ab)
Achte Szene
_Die Vorigen_ ohne _Eichholz_
·Göttlingk· (leise zu Lore)
Hast du etwa Durchsteckereien mit dem?
·Lore· (wendet sich ab)
·Göttlingk· (verbissen)
Sieh mal an! (Kehrt auf seinen Platz zurück) Na, lassen wir uns nich die Laune verderben. (Ergreift die Mandoline, in neuem Argwohn) Freilich, wissen möchte man doch.
·Willig·
Halt bloß Ruhe, Eduard.
·Die Anderen·
(die am Steinmetztische sitzen, stimmen ihm bei)
·Göttlingk· (an der Mandoline zupfend)
Na also, was soll ich euch singen? Ich weiß 'ne Menge schöne Lieder, die mir die schönen Weiber dort unten in schönen Stunden beigebracht haben ... denn die Weibsleut' da unten! Überhaupt die Weibsleut', Kinder! Wenn man da nich feste 'ranjeht! (Beiläufig, herablassend) Ach, bringen Sie mir doch noch 'n Glas Bier, Fräulein Lore.
·Lore·
(bebend vor Erregung, holt sein leeres Glas)
·Göttlingk·
Du fragtest vorhin, warum der Alte heute so süß mit mir war. Ja, mein geliebter Sohn, Glück bei den Weibsleuten muß der Mensch haben. Das is der Ausschlag beim Rosinenhandel ... Danke, mein Fräulein, danke, danke, danke! (Singt und spielt) »~Vè quà una giardiniera, si chiama Luisella, da sovra all'Arenella~« -- (Abbrechend) Sagt mal, Herrschaften, wie wär's, wenn ich zur Abwechslung mal so euer Chef würde hier auf diesem Steinmetzplatz?
·Willig·
Was is das wieder für 'n fauler Witz?
·Göttlingk·
Ja, das Leben macht manchmal so 'ne faulen Witze. Wenn ich da Jimm drauf hätte. Die Puckligen sind zwar nich gerade mein Jeschmack, aber wenn so 'n schönes Jeschäft dran hängt, kann man ja auch mal beide Augen zumachen.
·Lore·
(stößt einen unartikulierten Laut des Abscheus und des Entsetzens aus)
·Sprengel· (halblaut)
Is 'n Mensch wie 'n Vieh.
·Willig· (leise)
Läßte nu nich mal mehr die Krüppel in Ruh?
·Göttlingk·
(der das allgemeine Murren bemerkt hat, zum Arbeitstisch hinüber)
Riskiert da etwa einer zu mucken? Was?
·Lohmann·
Wir sind ja ganz still.
·Göttlingk·
Möcht' ich mir auch ausgebeten haben. (Da Lore, den Kopf in den Händen, noch einmal aufstöhnt) Was ist denn hier los? Was? Was? Was?
·Biegler·
(ist in zitternder Erregung langsam aufgestanden, leise, zaghaft, als traue er seinen erwachenden Kräften nicht)
Du Schuft! Du Schuft! -- Du Schuft!
·Göttlingk· (fassungslos vor Erstaunen)
Was will das Gewächse da?
·Biegler·
Du ganz erbärmlicher Schuft!
·Göttlingk· (Humor heuchelnd)
Kinder, der is übergeschnappt. Soll ich den zu Mus quetschen? Nehmt mir das nicht übel, aber die Handvoll, das lohnt mir nich. Außerdem bin ich's als Steinmetz mir und euch schuldig, mich nich mit erst wem -- Prost!
·Biegler· (heiser)
Was du bist, bin ich noch alle Tage.
·Göttlingk·
Dem Kerl muß man doch 'ne Zwangsjacke anlegen.
·Biegler·
Ich hab' zum Spaß deine Arbeit getan. Wenn's hell is, kann ich's besser.
·Göttlingk· (aufspringend)
Du warst das selber, du verfluchter --?
·Die Anderen· (halten ihn fest)
Ruhig, ruhig, ruhig.
·Biegler·
Aber das is Nebensache. (Auf Lore weisend) Da -- da -- wer steht da? -- Der sagst du _das_ ins Gesicht? -- Jeder weiß, daß sie 'n Kind von dir hat. Zum Dank verhunzen tust du sie -- schuriegeln tust du sie ... Wirst sie -- wirst sie ehrlich machen? Wirst sie ehrlich machen? Du nichtswürdiger Schuft! Du!
·Göttlingk· (der sich zu befreien sucht)
Nu laßt doch los. -- Is bloß 'n Floh, der ganze Kerl, aber das kost't ihm das Leben. (Reißt sich los und zieht den Dolch heraus) Los sag' ich, oder --
·Die Anderen· (weichen erschrocken zurück)
·Biegler·
Du meinst, ich hab' Angst vor deiner einzinkigen Gabel, weil alle anderen Angst haben? -- Kraft hab' ich keine, Haut und Knochen bin ich vom langen Hungern, aber -- (er hat den Klopfstein ergriffen, der auf dem Schanktisch liegen geblieben ist, und hebt ihn hoch) -- _mit so 'nem Schusterstein hab' ich schon einen erschlagen! Mit so 'nem Schusterstein hab' ich schon_ -- -- (große Bewegung) Nu komm mal 'ran, wenn du willst. Komm mal 'ran -- komm mal 'ran! (Dringt auf Göttlingk ein)
·Göttlingk· (erschrocken zurückweichend)
Na, na, na, na.
·Biegler·
Komm 'ran -- oder 'raus da -- 'raus da. --
·Göttlingk·
(weicht, unverständliche Worte stammelnd, bis zur Tür zurück)
·Biegler· (der ihm gefolgt ist)
'raus da! 'raus da!
·Göttlingk·
Das werd' ich dir -- gedenken. -- (Rettet sich durch die rasch geöffnete Tür)
·Biegler·
(sieht sich wirr um und wankt zu seinem Tische zurück. Er sieht verständnislos noch einmal um sich, sieht Lore, die schluchzend, mit verhülltem Gesicht, abgewandt dasteht, sieht die blassen, entsetzten Gesichter und murmelt, wie wenn er langsam zu sich käme)
Was is denn? Was war denn? Was --? (Sein Gesicht verändert sich, er kämpft mit dem Schluchzen und will auf seinem Stuhl zusammensinken, rafft sich aber mit letzter Kraft empor, trinkt sein Bier aus, setzt seine Mütze auf und schreitet mit geballten Fäusten zur Tür zurück; -- sich umwendend wirft er einen fragenden, trotzigen Blick auf die ihn regungslos Anstarrenden -- und geht hinaus)
(_Der Vorhang fällt_)
Vierter Akt
Szenerie des zweiten. Spätabendbeleuchtung. Über den Häusern des Hintergrundes ein glühender Streif Abendrot, der sich allmählich verliert. Vor der Veranda unter dem Fenster der Zarnckeschen Wohnung ein gedeckter Tisch nach vollendeter Abendmahlzeit. Das Fenster der Kantine ist erleuchtet. Beim Aufgehen des Vorhangs ertönt von irgendwoher Biergartenmusik
Erste Szene
_Marie._ _Zarncke_
·Zarncke·
(in einem Korbstuhl behaglich ausgestreckt, eine Zigarre rauchend)
Siehste, nu is unsre Amsel auch schon schlafen gegangen.
·Marie·
Eben sang sie doch noch.
·Zarncke·
Bald werden sie nu auch im »Gambrinus« Ruhe geben mit ihrem Bumbum.
·Marie·
Ach, ich hör's gerne.
·Zarncke·
Ich auch ... Und weißt du, warum? Weil es so schön weitab is vom eigenen Leben ... Da sitzen nu die Menschen in Haufen, stoßen sich, ärgern sich, beneiden sich, begehren sich, und fünf aufgequollene Trompeter machen Musike zu ... Man is doch wahrhaftig wie der liebe Herrgott in seiner Stille ... Sechs Tage hat er an der verfluchten Welt 'rumgebastelt, am siebenten hat er aber auch _gar nichts_ von ihr wissen wollen. ... Was guckste denn immer nach der Lore ihrem Fenster 'rüber?
·Marie·
Ja, Vaterchen, merkwürdig is es doch.
·Zarncke·
Was denn? ... Daß der Göttlingk da is?
·Marie·
Den ganzen Winter ist er Sonntags nicht einmal bei ihr gewesen. Seit seiner Rückkehr nicht. Und plötzlich kommt er -- Abends um neune -- von da oben -- die Treppe 'runter.
·Zarncke·
Der Deibel mag wissen, was er da oben zu suchen gehabt hat. Aber so käseweiß brauchst du darum doch auch nich zu werden, wenn er nu wirklich mal hinter dir auftaucht.
·Marie· (schweratmend)
Denk doch, was das für die Lore bedeutet.
·Zarncke·
Hör mal, Kindchen, hab die Lore lieb! Aber du mußt dich nich so 'reinbegeben in das, was rings um uns geschieht. Nich mitmachen wollen. Das zehrt dann am eigenen Leben. Es bleibe jeder in seiner Haut -- und jeder hüte den Schlüssel zu seinem Geheimfach ...
·Marie·
O, das freilich. Aber -- gestern muß was passiert sein bei der Lore drin.
·Zarncke·
So? Was denn?
·Marie·
Zwischen dem Nachtwächter und -- und -- Göttlingk.
·Zarncke·
So? Hm. Das war ja nu leider vorauszusehn.
·Marie· (ängstlich)
Wieso?
·Zarncke·
Sie haben 'rausgekriegt, daß der arme Kerl was pekziert hat. Deshalb hab' ich gestern schon den Eichholz 'rausgeschmissen. Das alte Vieh war ganz rabiat. Irgendwas bereitet sich vor gegen den Biegler. Und schließlich werd' ich noch klein beigeben müssen. Schad um den -- (Schnalzt)
·Marie·
Nein, nein, es scheint was anderes. Was Schlimmeres. Viel was Schlimmeres.
·Zarncke·
'n Menschen ins Verderben zu jagen is schlimm genug ... Von wem weißt du's denn? Von der Lore?
·Marie·
Nein. Das ist es eben, was mich ängstigt. Die geht mir heut aus dem Wege, wo sie kann ... Und die Homeyer macht immerzu Andeutungen. Aber was Rechtes kriegt man auch aus _der_ nich 'raus.
·Zarncke·
Na, wenn das Schwatzweib schon sein Maul hält. Da wollen wir doch mal gleich -- (Klingelt)
Zweite Szene
_Die Vorigen._ _Frau Homeyer_
·Frau Homeyer·
(eine Windlampe in der Hand)
Gotte, Gotte, ich wart' schon immer mit der Lampe ... Nein, so im Dunkeln ...! Wie können Sie bloß?
·Zarncke·
Sie haben wohl noch nie zu zweien im Dunkeln gesessen?
·Frau Homeyer·
Ach nein doch! Mit 'n jungen Mann -- der nimmt sich dann so leicht was 'raus --
·Zarncke·
Und mit 'n alten Mann -- das lohnt nich.
·Frau Homeyer·
Aber, Herr --
·Zarncke·
Sagen Sie mal, Sie, was is denn gestern bei der Lore gewesen?
·Frau Homeyer·
Bei der Lore? I, daß ich nicht wüßte.
·Zarncke·
Sie haben doch meiner Tochter erzählt --
·Frau Homeyer·
Ich? Ach nein, das muß ein Irrtum sein. Ich, dem Fräulein? Und gerade dem Fräulein? I, da müßt' ich -- (Nimmt das Tischzeug zusammen)
·Marie·
Aber Frau Homeyer --
·Zarncke· (gleichzeitig)
Was heißt das: _Gerade_ dem Fräulein?
·Frau Homeyer·
Nu ja. Da müßt' ich doch sozusagen eine Schwätzerin sein. Und ich bin im Gegenteil immer höchst zurückhaltend ... Da bin ich bekannt für. Da können Sie alle Mannsleute fragen. Da können Sie meine Zeugnisse lesen ... Und da soll ich mir gerade _hier_ die Zunge bei verbrennen? ... Das kann Ihnen wer anders erzählen, Fräulein. Und dann müssen sich auch nichts draus machen. ... Die Männer sind immer mit dem Maul vorneweg ... Ehrbar sein und sein Myrtenbäumchen pflegen, das is immer noch das Beste für 'n ältliches Mädchen.
·Marie·
Ja, was hab' _ich_ aber mit dem allen zu tun, Frau Homeyer?
·Frau Homeyer·
Ja, Fräulein Mariechen, der Mensch hat _manchmal_ mit was nich zu tun, und kommt _doch_ ins Gerede ... Von dem Herrn Göttlingk hätt' ich das freilich nicht gedacht. Der is sonst immer 'n Kavelier gewesen (verschämt) immer so zutraulich -- und, wie gesagt, Kavelier. Aber da könnte ja jeder kommen und -- ach, bitte das Sahnentöpfchen -- und behaupten, er braucht' bloß die Hand auszustrecken, da könnt' er Herr sein auf diesem Steinmetzplatz. Ja.
·Zarncke·
Was? Was? Was is das?
·Frau Homeyer·
Und es glaubt ihm auch keiner. Da können Sie ganz unbesorgt sein, Fräulein, das --
·Zarncke·
Halt! Stopp! 'raus! Weg!
·Frau Homeyer·
Aber Herr --
·Zarncke·
Weg, weg, weg, weg!
·Frau Homeyer·
Ja, ja, Herrgott!
·Zarncke·
Weg!
·Frau Homeyer·
(mit dem Tablette ins Innere ab)
Dritte Szene
_Marie._ _Zarncke_
·Zarncke·
Das haste wahrhaftig um den Lumpen nich verdient, Mariechen. Bittst mich noch, ich soll helfen, ihm sein Nest austapezieren ... Und da traut sich der Kerl überhaupt noch hierher? -- Da wollen wir mal gleich -- -- (steht auf)
·Marie·
(die, ins Leere starrend, regungslos dagesessen hat, fährt auf)
Nein, Vater, nein!
·Zarncke·
Was -- nein? Und wie siehste denn aus? -- Ganz überird'sch!
·Marie· (in hilflosem Bekennen)
Vaterchen!
·Zarncke·
(nach einem Schweigen hinter sie tretend)
Miezelchen! (Die Hand auf ihren Scheitel legend, leise) Haben sie dir 's Geheimfach aufgebrochen?
·Marie· (aufschluchzend)
Nicht ansehn! Nicht ansehn! (Verbirgt das Gesicht in seinem Rock)
·Zarncke· (sie streichelnd)
Also _das_ war's? Und was du da drinnen verschlossen hieltst, das wird dir nu da -- (weist zur Kantine) Ja, wie geht denn das zu?
·Marie· (von Schluchzen geschüttelt)
Weiß nicht! Weiß nicht!
·Zarncke·
Na, nu laß doch mal meinen Rock los!
·Marie·
(verbirgt das Gesicht um so fester)
·Zarncke·
Willst nich? ... Schämst dich so sehr? ... Kannst mich gar nich ansehn? Möchtst das Tageslicht nich mehr sehn? Möchtst dir womöglich das Leben nehmen noch diese Nacht?
·Marie· (nickt heftig)
·Zarncke· (lacht und streichelt sie)
Und machst doch nur durch, was jeder durchmachen muß, dem 'n Stern vom Himmel 'runterfällt. (Zum Himmel weisend) Kiek mal hoch! ... Kannst noch nich? Da sind schon 'n paar. Und dahinter noch Milliarden. Sie stehn da wie für die Ewigkeit. _Und sie fallen alle._ Aber darum werden wir Menschen nich ärmer ... Höchstens die, denen sie als Zwanzigmarkstücke in die Tasche fallen ... Die Jugend verliert sich zuerst, aber unser Blick wird um so heller ... Die Freunde zerkrümeln sich, aber unsere Freundschaft wird alles, was mit uns reden kann, jeder Gedanke -- jeder Hund -- jeder Stein ... Na -- und die Liebe? -- Dem einen fällt sie in den Schmutz -- wie dir, dem anderen zerreibt sie der Alltag; -- rasch oder langsam, es is immer dasselbe, -- aber vor der Tür lauern schon wieder viele, die wollen sehr liebgehabt sein, und die brauchen's den Deiwel wie nötig ... Selbst der Herrgott wird uns aus unseren Herzen gerissen, aber unsere Herzen schlagen kräftiger ... Kindchen, 's wird noch 'n büschen weh tun 'ne Zeit lang ... Scham brennt ... Aber seines guten Rechts soll sich der Mensch nicht schämen. Und dein Recht war's ... Ja war's ... Wie's mein Recht war und ist, dich liebzuhaben und dir zu sagen: Halt still ... Die Stillen sind die Klugen ... Und nur wer von der Welt _weit, weit_ ab is, der hat sie ganz.
·Marie· (sich aufrichtend)
Vaterchen, hast du das immer gedacht?
·Zarncke·
Ich geb' zu, Kindchen, es is 'ne Weisheit für die Kranken und die Alten. Aber die, welche die Jungen und die Gesunden sich zurechtmachen, is auch nischt wert ... Na -- nu schmunzelst du ja wieder --.
·Marie· (schluchzt kurz auf)
·Zarncke·
Nich, nich, nich ... Und komm 'rauf ... Mir is, die Tür hat schon 'n paarmal geklappt. (Weist nach der Kantine) Da traut sich einer nich an die frische Luft, eh' wir nich verduftet sind.
·Marie·
Die arme Lore!
·Zarncke·
Nja. Na, komm. (Beide ins Haus ab)
Vierte Szene
_Eichholz._ _Göttlingk._ _Lore_
·Eichholz·
Scht! Du, Göttlingk! -- Sie sind weg!
·Göttlingk· (heraustretend)
Es war auch hohe Zeit! ... Denn wenn mir jetzt -- gewisse Leute in den Weg gerannt wären -- -- na! Also übers Aufgebot reden wir noch, Lore!
·Lore·
(die in der Tür geblieben ist, matt, freudlos)
Wie du willst, Eduard.
·Göttlingk·
Dann wollen wir also Schluß machen mit dieser elenden Quetsche. Mein Handwerkszeug bringt mir morgen der Vater und -- ja, richtig! Die Mandoline gib mir doch noch mit.
·Lore· (verschwindet)
(Die halboffene Glastür über der Veranda hat sich erhellt. Die Gestalt Zarnckes wird dahinter sichtbar)
·Göttlingk· (leise)
Is das nich der Alte da oben?
·Eichholz·
Ja, der schläft da.
·Göttlingk·
Scht! Na, endlich macht er die Türe zu. (Das Rouleau wird herabgelassen)
·Lore· (bringt die Mandoline)
·Göttlingk·
So ... Vater begleitet mich noch ein Stückschen.
·Lore· (ängstlich)
Vater, es wäre wohl besser, du -- --
·Eichholz· (scheltend)
Was heißt das? Was hast du --?
·Göttlingk· (gleichzeitig)
Nu laß doch Vater! ... (Reicht ihr die Hand) Gute Nacht! -- (Da sie in der Türe stehen bleibt) Nu geh nur! Geh nur!
·Lore· (tonlos)
Gute Nacht. (Ab, die Türe hinter sich schließend)
Fünfte Szene
_Eichholz._ _Göttlingk_
·Göttlingk·
Na -- und nu? ... Wir haben drin nich ausreden können, weil uns die Lore ewig auf den Hacken saß. Wie denkst du nu über 'ne gute Streckschicht für den Kerl?
·Eichholz·
Ich bin immer ein ehrenwerter Mann jewesen, ich bin ein zuverlässiger Mann jewesen und ein --
·Göttlingk·
Ja, ja, ja, ja!
·Eichholz·