Stein unter Steinen: Schauspiel in vier Akten

Part 4

Chapter 43,679 wordsPublic domain

Aber es is doch schade. Na -- und als Sie sich dann getrennt hatten, was taten Sie dann?

·Struve·

Ach, Herr Kommissar, ich bin so 'n weiches Jemiete. Ick hab' mir so, wie ick schon sagte, in'n Humboldthain bisken uf die Banke jesetzt.

·Reitmaier·

Und gesprochen haben Sie mit niemandem?

·Struve·

I wo wer' ick doch. Dabei kann man so leicht in schlechte Jesellschaft kommen. Ne.

·Zarncke· (triumphierend, leise)

Den kriegen Sie nich!

·Reitmaier·

Und dann sind Sie nach Hause gegangen.

·Struve·

Ja, ick wollte eijentlich noch 'n bisken die Vögelchens singen hören. Aber ~pee à pee~ bin ick denn zu Hause jejangen.

·Reitmaier· (leise)

Der Kerl hat ein Schwein. Weder die Stunde des Einbruchs noch die Zeit seines Heimkommens sind festzustellen. Aber -- -- (laut) Struve!

·Struve·

Herr Kommissar!

·Reitmaier·

Ja, noch eins. (Wieder leise) In dem Magazin -- haben Sie da Sachen von Wert?

·Zarncke·

O ja. Da bewahr' ich unter anderm die Zahnsägen auf.

·Reitmaier·

Und die sind wertvoll?

·Zarncke·

Einige davon sind mit Diamantsplittern besetzt.

·Reitmaier·

Ah! Wußte der Struve davon?

·Zarncke· (mit reserviertem Lächeln)

Ja, das weiß ich nicht, Herr Kommissar.

·Reitmaier·

Struve, wo ist hier das Magazin?

·Struve·

Das Magazin? (Nach rechts weisend) Na da is es ja.

·Reitmaier·

Was is denn da so drin?

·Struve·

Was wird denn da so drin sein? Vielleicht überführen Sie sich mal, Herr Kommissar.

·Reitmaier· (schärfer)

Wissen Sie, was Zahnsägen sind?

·Struve·

Zahnsägen? Ja. Das sind Zahnsägen.

·Reitmaier·

Wo werden die über Nacht aufbewahrt?

·Struve· (rufend)

Du, Lohmann, wo werden doch die Zahnsägen aufbewahrt?

·Reitmaier· (ärgerlich)

Sie haben hier zu antworten und keine Fragen zu stellen.

·Zarncke·

(auf die Umstehenden weisend, von denen sich einige allgemach näher herangedrängt haben)

Stören Sie die Leute, Herr Kommissar?

·Reitmaier·

Durchaus nicht. Durchaus nicht. (Leiser) Sie sehn übrigens -- (zu Struve streng) treten Sie mal zurück! -- (leiser) daß an das Subjekt nicht 'ranzukommen ist.

·Zarncke· (zaghaft, bittend)

Ach, dann lassen Sie ihn doch laufen.

·Reitmaier·

Nu ja, _Sie_ sind ja bekannt dafür, daß es Ihnen Vergnügen macht, dergleichen Volk bei sich unterkriechen zu lassen.

·Zarncke·

Vergnügen? Es is wohl mehr eine Abbitte an den lieben Gott.

·Reitmaier· (immer noch leise)

Weitere Verdachtsmomente als seine Bescholtenheit liegen nicht vor. Ich könnte jetzt noch die Leute hier vernehmen. Vorher aber möcht' ich mal an _Sie_ die Frage richten, ob Sie nach Ihren Beobachtungen den Kerl für verdächtig halten oder nicht?

·Zarncke· (verlegen)

Ja, da is schwer --

·Reitmaier·

Trotzdem möcht' ich sehr bitten, der Wahrheit gemäß --

·Zarncke· (in die Enge getrieben)

Ja, ja, ja. Einen Augenblick. Polier! Geben Sie doch mal -- (spricht leise weiter)

·Willig·

(der sich inzwischen unter den Umstehenden eingefunden hat, holt eine Anzahl Schlüssel aus der Hosentasche und reicht ihm einen davon)

·Zarncke·

Struve! ... Sehen Sie mal hier diesen Schlüssel. Kennen Sie den?

·Struve·

Ne.

·Zarncke·

Das ist der Magazinschlüssel. Den übergeb' ich Ihnen hiermit. Verstehn Sie?

·Struve·

Ne.

·Zarncke·

Falls der Herr Kommissar Sie hier läßt, werden _Sie_ mir von jetzt ab für die Sicherheit der Sachen -- einstehn. Verstanden?

·Struve·

Ne.

·Reitmaier·

Erlauben Sie mal, Herr Zarncke! Was bedeutet denn das?

·Zarncke·

Das ist meine Antwort, Herr Kommissar. Entnehmen Sie daraus, was Sie wollen.

·Reitmaier·

Sie -- vertrauen -- _dem_ den --? Hähähä! Erlauben Sie mal. -- Hähähä. Pardon, das ist zu spaßhaft. (Immer lachend) Na dann will ich auch nicht weiter stören. Das kann dann mein Kollege vom Revier zu Ende führen! ... Aber wenn Ihnen man die Passion für solche schweren Jungens nich noch mal sauer aufstoßen wird ... denn außerdem haben Sie ja auch noch 'n Mörder bei sich. Und weiß Gott, was --

·Zarncke· (sehr erschrocken)

_Mörder?_ (Große Bewegung unter den Zuhörern, die sich während der Folgezeit über den ganzen Platz fortpflanzt)

·Reitmaier·

Nu ja -- den --

·Zarncke· (rasch, mit Nachdruck)

Das ist ein Irrtum, Herr Kommissar.

·Reitmaier·

Erlauben Sie mal --

·Zarncke·

(ihn bei Seite nehmend, erregt)

Erstens ist der Mann nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags verurteilt worden --

·Reitmaier·

Menschenblut is Menschenblut.

·Zarncke·

Menschenblut hat auch so einer in den Adern. Und das braucht ihm nicht unnütz vergiftet zu werden. Wissen Sie, daß Sie dem Manne, der sich zu mir gerettet hat, wie 'n Stück Vieh von der Schlachtbank, daß Sie _dem_ das Weiterexistieren auf dem Platze wahrscheinlich unmöglich gemacht haben?

·Reitmaier·

Ich? Wieso? Bitte!

·Zarncke·

(auf die erregten Gruppen weisend)

Da sehn Sie! Die werden's bald 'raushaben, wer der »Mörder« ist. Anstatt hier rücksichtsvoll --

·Reitmaier· (brutal)

Ach was! Da müßt' ich viel Zeit haben, auf solchen -- Auswurf -- Rücksicht zu nehmen.

·Zarncke·

Na, sehr verwandtschaftlich reden Sie nu gerade _nicht_ von Ihrer werten Familie.

·Reitmaier·

Was für Familie? ... Ach so! (Scharf) Ich empfehle mich Ihnen, Herr Zarncke. (Ab nach links)

Dreizehnte Szene

_Die Vorigen_ ohne _Reitmaier_

·Zarncke·

(der einen Augenblick kopfschüttelnd dagestanden hat, laut)

Hört mal, Kinder! Das -- mit dem -- Mörder -- das muß 'ne Verwechslung sein. Das -- ja --!

·Willig· (vor sich hin)

Na na!

·Andere·

(geben ebenfalls durch Mienen und Gebärden ihrem Zweifel Ausdruck)

·Zarncke·

Struve!

·Struve·

(der seinen Schlüssel kopfschüttelnd besehen hat)

Herr Zarncke.

·Zarncke·

Diesmal hab' ich Sie noch 'rausgehauen. Nu benehmen Sie sich auch darnach.

·Struve·

Ja w-- w-- w--

·Zarncke·

Na was denn?

·Struve·

Wenn nu gesetzten Falls -- und es is _doch_ nu ein anderer gewesen --

·Zarncke·

Sie, bilden Sie sich keine Schwachheiten ein .... Und?

·Struve·

Und -- nu ja -- und der andere der kommt nu mal wieder -- --

·Zarncke·

Dann werden _Sie_ eingesteckt. Verlassen sich drauf. (Ab)

·Lohmann· (nach der Kantine weisend)

Nu selbstverständlich is er's. Wer denn sonst?

·Sprengel· (nach Struve hin)

An _den_ hat man sich schließlich gewöhnt, -- aber _Mörder_! Ne.

·Lohmann·

Du, Struve, komm mal her. (Struve geht zu ihnen)

·Sprengel·

Scht. Da is er.

Vierzehnte Szene

_Die Vorigen._ _Biegler._ Gleich darauf _Lore_

·Biegler·

(hat drei Zigarren in der Hand, die er besieht)

·Lore·

(mit einem kleinen Teller, worauf noch eine Zigarre)

Herr Biegler.

·Biegler· (sich umwendend)

Ja?

·Lore·

Sie haben doch _vier_ Zigarren bezahlt und bloß dreie genommen.

·Biegler·

Ach so. Ja. Danke. (Nimmt die Zigarre) Es war ja auch noch 'n vierter dabei. (Mit glücklichem Lächeln) Ich hab' nämlich -- jetzt -- auch -- _Freunde_ hier.

·Lore· (erfreut)

Ach, sehn Sie!

·Biegler·

Ja. Freunde -- hab' ich. Drei Stück. Ja ... Und da will ich mich doch mit Zigarren revanschieren. Ja.

·Lore·

Na sehn Sie. Hab' ich Ihnen nich immer gesagt: Es is nich so schlimm, -- sie tun Ihnen nichts?

·Biegler·

Ja, ja, Fräulein! Wenn Sie mir nicht hätten immer Mut gemacht.

·Göttlingk· (herüberrufend)

Sie, Lore, was machen Sie sich da mit dem Kerl zu schaffen? Das ist kein Umgang für Sie. -- Lassen Sie den mal hübsch laufen.

·Lore· (zusammenschreckend)

Ja ... ja, ja. (Steht unschlüssig)

·Biegler· (die Zähne zusammenbeißend)

Der kann mich nich leiden. Gehn Sie man schon ... Ich hab' ja auch noch -- _Freunde_. (Lore ab) (Er breitet seine Zigarren fächerförmig in der Linken aus und tritt zu Lohmann, der zuerst mit Struve gesprochen und dessen Gruppe sich dann aufgelöst hat) Du -- willste nich -- eine Zigarre von mir -- rauchen?

·Lohmann· (verächtlich)

Nee. (Tritt von ihm fort)

·Biegler·

(steht einen Augenblick wie erstarrt, dann geht er zu Sprengel, sehr zaghaft)

Ach -- bitte -- ich hätt' -- ne Zigarre -- für --

·Sprengel·

Du kannst deine Zigarren für dich behalten. (Tritt gleichfalls von ihm fort)

·Biegler·

(reibt sich fassungslos die Stirn; eine verzweifelte Wildheit kommt über ihn; er geht zu Struve -- voll Angst und Ingrimm)

Du hast mir vorhin ne Zigarre gegeben --

·Struve· (gutherzig abwehrend)

Laß man! Laß man! ... Es is nich, weil ich stolz bin, weil ich nu den -- Magazinschlüssel hab' ... aber -- ich kann mir nich -- ausschließen, -- ich muß machen wie die andern.

·Biegler·

Wa -- was hab' ich -- euch denn -- ...?

·Struve·

Sag mal, wie alt bist du?

·Biegler·

Vierunddreißig.

·Struve·

Und da haben sie dich schon 'rausgelassen? So früh lassen sie einen wie du -- sonst doch nich los ...

·Biegler·

(sieht ihn entsetzt an, wirft einen wilden, verängstigten Blick auf die ihn rings Beobachtenden und versteht)

Ach so ... Ach so.

·Struve· (ist zu Lohmann zurückgetreten)

Ich sag' euch bloß: det stimmt _nich_.

·Lohmann·

Wer soll's denn sonsten sein?

·Biegler·

(auf die Bank der Kantine sinkend)

Ach so!

(_Der Vorhang fällt_)

Dritter Akt

Die Kantine. Deren Wände sind aus Fachwerk gebildet. Die Decke ist niedrig und verräuchert. Auf der rechten Seite die Tür zum Werkplatz. Im Hintergrunde rechts das Fenster, im Hintergrunde links das Büfett mit einem Schanktisch davor. -- Auf der linken Seite eine Tür zu Schlafräumen. -- In der Mitte unter der Hängelampe ein Tisch mit Stühlen, links vorne ein Sofa mit Tisch und Stühlen, rechts vorne Tisch mit Stühlen. Vor dem Fenster Schustergerät. In der Ecke rechts hinten ein eiserner Ofen.

Das Ganze trotz des ärmlichen oder vielmehr provisorischen Charakters sauber und beinahe freundlich. Blumentöpfe auf den Tischen und vor dem Fenster. Blitzblankes Gerät auf dem Schanktisch, darunter ein verzinkter Wasserwärmer. Plakate und Bilder ohne Rahmen sind als zufälliger Schmuck an die Wände geheftet. Die »Platzordnung« unter Glas und Rahmen hängt neben der Eingangstür. Über dem Büfett eine Uhr; neben ihm eine Mandoline

Erste Szene

_Lore_ hinter dem Schanktisch mit einer Handarbeit beschäftigt. Der alte _Eichholz_ auf dem Sofa schlafend. _Lenchen_ an dem Schusterschemel

·Eichholz· (schnarcht)

·Lore·

Was machst du da, Lenchen?

·Lenchen·

Ich spiel' mit Großvatern seine Schuhmacherspielsachen.

·Lore·

Zerbrich ihm man nich seine Glasglocke.

·Lenchen·

Nein, nein.

·Lore·

(sieht nach der Uhr und geht dann zum Sofa)

Vater -- Vater!

·Eichholz·

(brummt aus dem Schlafe, ohne sich zu rühren)

·Lore·

Vater, du mußt aufstehn.

·Eichholz· (im Halbschlaf)

Wieso denn?

·Lore·

Es is Sonnabend heute. Nach der Lohnzahlung -- du weißt ja -- dann wird's noch einmal voll hier.

·Eichholz·

Ja, ja ... Na ja ... (Richtet sich auf und reckt die Glieder) Ich muß ja auch noch gehn, mir neues Verschmierpech besorgen.

·Lore·

Laß doch, Vater, das eilt ja nicht.

·Eichholz·

Nu ja. Ich arbeit' ja _doch_ nich. Ich bin 'n altes Faultier, sagt meine Tochter. (Rülpst) Dein Kümmel is das reine Rattengift. -- Meine Leber kriegt schon harte Stellen von. Ich muß mal baldigst gehn, mich an einen Mäßigkeitsvereine zu beteiligen.

·Lore·

Ach ja, das wär' ganz gut, Vater.

·Eichholz·

Wär' ganz gut. Wär' ganz gut. Was weißt du, was mir gut is? Ich freß nich mehr aus'n Steinguttopp. Das laß dir gesagt sein.

·Lore·

Ach, das is ja alles Einbildung, Vater.

·Eichholz·

Denn was bin ich? ... Stück Vieh auf'm Schindanger bin ich ... Wenn sie mich schon wegjagen tun um -- um -- um 'n Mörder.

·Lore· (abwehrend)

Ach!

·Eichholz·

Auf meinem Platz sitzt 'n Mörder. Das halt' ich nich aus. Da jeh' ich ins Wasser. Da nehm' ich eine Jiftpille zu mir. Und dann verkauf' ich mir an die Annetomie ... Damit du nichts zu erben kriegst, du Biest. Nich mal meinen Leichnam.

·Lore· (lächelnd)

Ich will ja auch nichts, Vaterchen.

·Eichholz·

Wenn du hättest Ehre in deinem Herzen, dann schmißt du den Kerl 'raus und scheuerst mit Karbol die Stelle, wo er gestanden hat. Statt dessen frißt er sich hier rund an deine Karbonade.

·Lore·

Gönn ihm doch sein bißchen Essen, Vater. Und ob er wirklich _der_ is, von dem der Kommissär gestern gesprochen hat, das weiß ja keiner.

·Eichholz·

Ich hab's immer gesagt: der Kerl hat Mörderaugen im Kopp. Heute is nu jeder so klug.

·Lore·

Was sind denn Mörderaugen, Vater?

·Eichholz·

Die sind wie beim Fisch. Da sitzt ein Stein drin. Und das is der Tod. Und wegen so einen -- haben sie -- mir -- (Weint)

·Lore· (mitleidig)

Vaterchen!

·Eichholz· (weinend)

Das halt' ich nich aus. Da werde ich verrückt von. Einer muß hin. Er oder ich. Tot oder lebendig. Der muß verrecken, der Hund, der Bluthund, der -- der -- (Kläglich) Ich hab' so 'n Leberstechen.

·Lore·

Geh, leg dich aufs Bett, Vater.

·Eichholz·

Das hat er mir schon mit seinen bösen Blick anjetan, daß ich nicht werde jenesen meines Leidens ... Ich hab' so 'n Leberstechen. (Ab)

·Lore· (sieht ihm seufzend nach)

Lenchen, du bist ein kluges Kind. Geh mit Großvater. Und wenn er weint, dann ruf.

·Lenchen·

Ja, Mamachen. (Von Lore zur Tür geleitet, ab. Es klopft)

·Lore·

Herein!

Zweite Szene

_Lore._ _Marie_

·Marie·

'n Tag, Lore. Du hast wohl schon sehr auf mich gewartet?

·Lore· (gedrückt)

Ach! Jetzt hatt' ich schon aufgehört.

·Marie·

Wußtest du's, daß ich gestern mit ihm gesprochen hatte?

·Lore·

Die anderen erzählten sich's.

·Marie·

Und du fragst gar nicht? Dachtst dir wohl schon, daß ich keine guten Nachrichten bringe?

·Lore· (mutlos)

Gott, als Sie gestern abend nicht kamen. Und heute vormittag nicht. Wollen sich nich setzen, Mariechen?

·Marie·

Danke. (Setzt sich) Hast du gehört, wie schön die Amsel singt auf deinem Dach? Mitten in all dem Lärm. Täusch' ich mich, oder pfeift sie fröhlicher, seit sie ihr Nest hat? Es is wirklich so, als ob das Glück pfeift ... Auf deinem Dach, Lore.

·Lore·

Für mich pfeift kein Glück.

·Marie·

Wer weiß? ... (Zögernd) Lore, ich will dir was gestehn: Ich hab' Vater gebeten, daß er ihm am nächsten Termin kündigt.

·Lore·

Warum haben Sie das getan? Wenn er gehen will, dann soll er gehn. Aber nicht fortjagen. Nicht um meinetwillen.

·Marie·

Lore. Ich hab' auch Vater gebeten, daß er ihm dann sagt, daß er dir 'ne Aussteuer geben wird.

·Lore·

Ich will keine Aussteuer. Die heilt nichts und macht nichts gut. Ich will nichts.

·Marie·

Denn sieh mal: Er ist ehrgeizig. Er will eine Frau, die wohlhabend ist. Darauf geht er aus.

·Lore·

Woher wissen Sie das?

·Marie·

(stockend, mit abgewandtem Gesicht)

Nun, das -- merkt -- man doch.

·Lore·

Zuzutrauen ist es ihm schon. Aber so himmlisch gut Herr Zarncke is, wohlhabend, wie _er_ meint, kann ich ja doch nie werden.

·Marie·

(mit geheimnisvollem Lächeln)

Nun -- wer weiß?

·Lore·

Denn erspart hab' ich nichts. Ich verdien' hier gerade das tägliche Brot.

·Marie· (mit unterdrückter Erregung)

Sieh mal, Lore, was ich dir schon immer mal hab' sagen wollen: Lange leben werd' ich nicht, (langsam, mit Betonung) und -- dein Lenchen -- hab' ich _sehr lieb_.

·Lore· (nach langem Schweigen)

Mein Kind hast du -- so lieb?

·Marie· (nickt)

·Lore·

Mein Lenchen hast du so lieb?

·Marie· (tonlos)

Ja.

·Lore· (aufschreiend)

Dann geb' ich's dir. Dann nimm's als dein eigen. Wozu soll sie sich durchschleppen mit mir durch all den Jammer, wenn sie _das_ haben kann? (schluchzt)

·Marie·

Lore, hör mal! ... Vor zwei Tagen -- da hätt' ich noch ja und »Schön dank« gesagt. Aber jetzt -- seh' ich die Dinge -- anders an. Denn, sieh mal! So ein -- Kindchen -- muß doch zuerst mal -- seinen Vater haben ... Nicht wahr?

·Lore· (in neuem Erstaunen)

Marie, Marie! Wenn ich das recht versteh'! ... Das glaub' ich nicht! Das ist zu viel! Das ist zu viel! Und das kann auch nicht zum Guten sein. Nie im Leben. Nie.

·Marie·

Warum nicht?

·Lore·

Weil -- weil ... Der -- der _will_ mich nicht mehr. Dem bin ich _doch_ bloß 'ne Kette am Bein. Weiter nichts.

·Marie·

Auch wenn er weiß, was Lenchen mal zu erwarten hat? Und wovon er doch der Verwalter sein wird?

·Lore·

Mein Gott, mein Gott, mein Gott!

·Marie·

Nur wie das wird, wenn ich früher sterbe als Vater, das weiß ich nicht. Denn wollen _wird_ er ja nicht.

·Lore·

Nein, nein, nein! Es wird nichts. Es kann auch nicht. Und es schadet auch gar nichts, wenn's -- nichts -- wird. -- Man is ja längst schon viel zu mürbe. Und vielleicht ist einem ganz, ganz was anders bestimmt, wo _nicht_ so viel Tränen drauf liegen. Aber 'ne Viertelstunde lang mal froh gewesen sein und ein Mensch, nicht bloß ein Stein, den man hin und her stößt, ach, das tut so gut, so gut, so gut! (Sinkt lachend und weinend vor ihr nieder und küßt ihr die Hände)

·Marie·

Laß doch! Steh auf! Mir scheint, es kommt wer. (Lore steht auf)

Dritte Szene

_Die Vorigen. Biegler_

·Biegler· (dumpf, scheu)

Guten Tag.

·Marie.·

Guten Tag, Herr Biegler. Ist denn schon Feierabend?

·Biegler·

Ja.

·Marie·

Geht's Ihnen gut?

·Biegler·

Danke.

·Marie·

Adieu, Herr Biegler. Adieu, Lore! (ab)

Vierte Szene

_Lore. Biegler_

·Biegler· (setzt sich an den Mitteltisch)

·Lore·

(geht zum Büfett, schenkt aus dem Wärmekessel einen Topf mit Kaffee ein, bricht eine Fünfpfennigsemmel ab und bringt sie nach dem Tisch links)

Setzen sich lieber hierher, Herr Biegler. Das da is ja der Steinmetzentisch, und die Bildhauer kommen nich nach der Auszahlung. Die sind zu große Herren.

·Biegler·

Ich geh' so wie so gleich fort. (Setzt sich links)

·Lore·

Warum sind Sie eigentlich nich bei der Wochenauszahlung?

·Biegler·

Ich -- krieg' -- monatlich. (Schweigen)

·Lore·

(immer in freudiger Erregung)

Ich weiß nicht; Sie kommen mir heut so anders vor, Herr Biegler. Sie reden gar nich.

·Biegler·

Ich red' ja -- auch sonst nich -- viel.

·Lore·

Wissen Sie, mir is nämlich heute ganz was -- ganz was -- Besonderes -- passiert.

·Biegler·

Was Gut's?

·Lore· (nickt)

·Biegler·

Da gratulier' ich.

·Lore·

Ach, es is nichts zu gratulieren. Es wird sich nichts ändern. Aber es is doch wie 'n heller Schein. -- Und da möcht' ich, daß es auch andern so geht. Ihnen auch.

·Biegler· (schwer atmend)

Danke!

·Lore·

Herr Biegler -- ach, Herr Biegler, wozu sollen wir erst viel Versteck spielen. Ich weiß ja, was Sie quält -- seit gestern.

·Biegler·

(sich in Erstaunen jäh umwendend)

Und da reden Sie noch mit mir?

·Lore·

Ja -- is es denn wahr?

·Biegler· (nach einer Pause, schwer)

Die Herren Geschworenen haben die Frage -- ob's Notwehr gewesen is oder nich -- verneint ... Und nu lassen Sie mich meinen Kaffee austrinken. (Schweigen)

·Lore· (nach innerem Kampfe)

Herr Biegler! ... Sündig sind wir alle ... Ich auch.

·Biegler· (bitter lachend)

Sie?

·Lore· (zaghaft)

Sie wissen doch!

·Biegler·

Ja, Ohren hab' ich auch ... (in Wut auffahrend) Und wenn ich erst wieder Fleisch hätt' auf den Armen, dann würd' ich den Kerl -- --

·Lore·

Ruhig, Herr Biegler, ruhig, ruhig! Sie wollen doch nich, daß ich Angst hab' vor Ihnen?

·Biegler· (hastig seinen Kaffee trinkend)

Ich geh' schon. Ich geh' schon.

·Lore·

Herr Biegler, wollen Sie nich mal Ihr Herz erleichtern?

·Biegler·

(unschlüssig, mit dankbarem Aufblick)

Ach! ... (hart) Ne.

·Lore·

Gott, Herr Biegler, gut tät's Ihnen schon! Man wird ja so wie so wie'n Stein! Die Steinmetzen erzählen nämlich: Der Stein wird durch Druck. Wissen Sie?

·Biegler·

Das sollt' ich wohl wissen.

·Lore·

Ja, Hunderttausende und Millionen Jahre müssen die drüberliegenden Schichten drücken, dann wird die lebendige Erde zu Stein ... Beim Menschen dauert's nich so lang. Das hab' ich ausprobiert. 'n paar Jährchen Druck -- immer derselbe Druck. Das genügt.

·Biegler· (bitter)

Ob's genügt.

·Lore·

Man lacht und man weint und man schläft und man arbeitet -- ach, lustig sein kann man sogar -- man is überhaupt ein Mensch wie andere und is doch lang keiner mehr ... Drin im Innersten lebt man gar nich mehr ... Man is willenlos wie 'n Stein ... Man läßt sich mit dem Fuß stoßen wie 'n Stein. Man wird gegen alles gleichgültig wie 'n Stein.

·Biegler· (eifrig)

Ja, ja, ja, -- so is es, -- ja, ja.

·Lore·

Aber heut is wieder Leben in mich gekommen. So sehr hat mich was gefreut ... Gestern war ich wie Sie. Aber heut kann ich Ihnen was helfen. Bloß Vertrauen müssen Sie haben, daß ich's auch wirklich will.

·Biegler·

Das hätt' ich schon -- aber -- (vor sich hinbrütend) ich muß ja wohl wieder weg.

·Lore·

Ich denk', Sie waren zufrieden.

·Biegler·

Wenn sie mich in Ruh' gelassen hätten -- _alle_ -- im Himmel wär' ich gewesen. Morgens -- so gegen zweie -- da is mir leicht geworden ... dann kann keiner kommen und was von mir wollen. -- _Doch!_ -- Einer _kann_ kommen ... Die kann _immer_ kommen. Sie _is_ noch nich -- aber sie kann.

·Lore· (mit beruhigendem Lächeln)

Na wer denn, wer denn?

·Biegler·

Ach so -- ich soll ja mein Herz erleichtern.

·Lore·

Nicht -- wenn Sie nich wollen.

·Biegler·

Wissen Sie, wie's nu werden wird? ... Vors erste schieben sie sich so langsam von einem weg ... Man will _mit_ anfassen, und dann is man allein. Und dann geht's Gerede los um einen rum. Da heißt es: »Na, habt ihr auch schon euer Leben versichert?« Und da heißt es: »Wenn sich gewisse Brieder nich bald dinne machen, dann werden wir den Platz schwarz stellen.« Und dann fliegt 'n Stück Holz. Und dann fliegt 'n Stein. Und dann kommen _Sie_ eines Tags und sagen: »Es tut mir leid, Herr Biegler, aber Sie müssen wo anders essen, es is wegen der Leute.«

·Lore· (schüttelt heftig den Kopf)

·Biegler·

Na warten Sie man. Und schließlich kommt der Prinzipal und sagt: »Hier is Ihr Buch. Sie können gehen.« Und man weiß, daß man nu wieder ins Hungerland zieht, wo kein warmes Mittag is und kein Bett, und man sagt noch: »Gott sei Dank.«

·Lore·

Ach, es is schrecklich.

·Biegler·

Unser Pastor in der Anstalt hat immer gesagt: »Seid froh, daß ihr sühnen könnt« ... »Sühnen« heißt das schöne Wort ... Das haben die Herren extra für uns erfunden ... Ja, was soll ich nu alles sühnen? ... Daß der Weg mich in _die_ Schlafstelle geführt hat -- und gerade in _die_? ... Daß die Frau jung war -- mit Flunkeraugen -- und daß sie immer _so_ machte (haucht mit spitzem Munde), wenn sie hinten an mir vorbeiging. Und wenn ich gesagt hab': »Was machen Sie da?« dann hat sie mich mit den blanken Zähnen angelacht und gesagt: »Ich kann's in den Tod nich leiden, wenn auf dem Rockkragen 'ne Feder sitzt« ... Und der Mann hat noch mitgelacht, wenn's mir schon heiß und kalt das Genick 'runterlief ... Ja, so kommt so was ... Er war Schuster. Wie Ihr Vater ... Mit den Schustern hab' ich kein Glück ... Nu, da wissen Sie ja auch, was 'n Klopfstein is ... (Zum Gerätschemel gehend) Da liegt er ja! (Bringt den Stein.) Sehn Sie sich den an! Bißchen kleiner war er -- aber groß genug. Dann wie der Mann mich eines Tages abgefaßt hat -- mit ihr -- -- und auf mich zugekommen is, Messer in der Hand, da hab' ich gedacht: was machen? Was hab' ich gemacht? _So!_ (Hebt den Stein hoch) ... Und mit eins hat er langgelegen. Das Ganze hat gedauert, wie wenn einer bis drei zählt ... Weil der nu da lang lag, darum war mein Leben verdorben. Nu sagt der Pastor: »sühnen!« Ja, nun sühne mal, wenn der Wahnsinn schon hinter dir sitzt ... Was kann ein zu Schanden geprügelter Hund viel sühnen? Seine Wunden kann er sich lecken ... Mehr kann er nich.

·Lore· (mitleidig)

Mein lieber Gott.

·Biegler·

_Ihr_ lieber Gott is nich _mein_ lieber Gott. Sonst ließ' er _das_ nich zu ... Ja, nu werd' ich gehn ... die ersten müssen gleich kommen.

·Lore· (fest)

Sie sollen _nicht_ gehn, Herr Biegler.

·Biegler· (in flackernder Angst)

Ich hab' mein Vesper getrunken. Ich hab' hier nichts mehr zu tun.

·Lore·

Sie sollen dableiben. Was auch geschehen mag, Sie sollen dableiben. Ich setz' Ihnen ein Glas Bier hin wie den andern. Das trinken Sie aus und kümmern sich um nichts.

·Biegler·

Um Gottes willen. Hier? Hier? Wieso denn?

·Lore·

Sehn Sie denn das nicht? Je mehr Sie sich verkriechen, desto mehr sind _die_ von Ihrer Schuld überzeugt. Und das darf nicht sein.

·Biegler·

Wenn's nu aber doch wahr is?

·Lore·