Stein unter Steinen: Schauspiel in vier Akten
Part 3
Möchten Sie nu mal den Frauen das Tor aufschließen?
·Eichholz· (brummend nach links)
·Willig·
Nu geht er noch in die Destille!
·Zarncke·
Is das ein Elend!
Vierte Szene
_Die Vorigen._ _Mehrere Frauen._ Später _Lore_
(Sämtliche Arbeiter haben ihre Werkzeuge niedergelegt, einzelne gehen zu den Wasserleitungshähnen, die im Schuppen angebracht sind und waschen sich. Andere holen dicke Butterstullen und Blechkannen hervor und beginnen zu essen. Frauen kommen von links mit Eßkörben und begrüßen ihre Männer. Einzelne haben auch ihre Kinder mitgebracht, die sich mit den Eltern um den Eßkorb gruppieren)
·Zarncke·
(begrüßt eines und das andere, teilt Bonbons aus, wünscht den Frauen »Guten Tag« und spricht einige Worte zu den Männern)
·Lore·
(erscheint in der Tür der Kantine und geht zu verschiedenen der Bildhauer und Steinmetzen)
Bitte zu Mittag. -- Bitte zu Tisch. -- Zu Tisch möcht' ich bitten. (Lauter) Wem kann ich Bier 'rausschicken?
·Einzelne Stimmen·
Hier. Ich. -- Mir eins.
·Lore· (zählt die Stimmen)
·Göttlingk·
(betrachtet murrend seinen Block)
·Lore·
(an ihn herantretend, leise zaghaft)
Kommst nich auch, Eduard?
·Göttlingk· (sich umschauend, unwirsch) Hab' ich dir nicht gesagt, du sollst mich nich »du« nennen auf'm Platz?
·Lore· Verzeih! Ich hab' vergessen. (Zur Kantine ab)
(Verschiedene Bildhauer und Steinmetzen gehn zur Kantine, darunter Göttlingk)
·Zarncke·
Gehn Sie auch zu Tisch, Willig. Übrigens hören Sie mal: Mit dem Struve steht's schlecht. Den wird uns das Kriminal bald abholen.
·Willig· (achselzuckend)
Ja.
·Zarncke·
Ach, schicken Sie ihn mir mal, -- ja?
·Willig· (rufend)
Struve!
(Struve steht von einem hinteren Steine auf, wo er unbemerkt gesessen hat. Willig spricht im Vorbeigehn zu ihm und weist nach vorne, dann geht er in die Kantine ab)
Fünfte Szene
_Die Vorigen_ ohne _Willig_. _Struve_ (nach vorne kommend)
·Struve·
(Mann in den Vierzigern. Ergrauendes Haar, blank und gelockt. Bartstoppeln. Verschmitzte Äuglein. Ein Zug drolliger Heuchelei um die Mundwinkel. Arbeitskleidung mit wollenem Halstuch und Holzpantinen. Trägt einen Deckelnapf in der einen, eine faustdicke Butterstulle mit Taschenmesser in der andern Hand. Bei dem Versuch, die Mütze abzunehmen, fällt ihm das Butterbrot auf die Erde)
·Zarncke·
Sachte, sachte! Nu is die janze Pastete in den Sand gefallen.
·Struve·
(das Butterbrot an den Hosen abwischend)
Das macht nichts, Herr Zarncke. »Mit ne Ladung Sand -- schmeckt selbst 'n alter Strohsack pikant,« sagten wir immer uf de hohe Schule.
·Zarncke·
Na, nu werden Sie ja bald wieder drinsitzen in Ihre hohe Schule.
·Struve·
Ja, Herr Zarncke, was kann man machen?
·Zarncke·
Mensch, wenn's mir nich so leid täte um Sie --
·Struve·
Nu haben Se man guten Mut, Herr Zarncke ... Mir hat's auch mal leid getan. Aber nu is schon egal.
·Zarncke· (leise)
Na, sind Sie's nu gewesen oder nich?
·Struve·
Herr Zarncke, wenn ich gleich hier meinen Totenschein in die Hand nehm' --
·Zarncke· (lachend)
So 'n Halunke wie Sie! ... Sie wissen doch, die Untersuchung geht weiter?
·Struve·
Ja, die Polente schnüffelt ja alle Tage hier 'rum.
·Zarncke·
Sagen Sie mal, können Sie nu wirklich keinen Zeugen dafür beibringen, wo Sie in den Stunden des Einbruchs gewesen sind?
·Struve·
Was man so nennt: einen Aal-ibi, Herr Zarncke?
·Zarncke·
Jawohl.
·Struve·
Ja, sehn Sie mal, was 'n wirklich reeller Aal-ibi is -- der kost't nich unter fünfzig Mark. Wo soll ich fünfzig Mark hernehmen, Herr Zarncke?
·Zarncke· (lachend)
So?
·Struve·
So 'ne Brieder, die schon wegen Meineid verschütt jejangen sind, die tun's auch billiger ... Meechens auch. Aber die kriegen's vor Gerichte hernach mit die Heulerei ... Nee, das sind alles keine reelle Sachen.
·Zarncke·
Na, und wenn sie Sie nu gleich mitnehmen?
·Struve·
»Der Gerechte muß viel leiden,« so steht in de Psalmen geschrieben.
·Zarncke·
Hören Se auf mit Ihre dämliche Muckerei. Glaubt Ihnen ja doch keiner ... Mensch, Mensch, wie hau' ich Sie nu 'raus?
·Struve·
Hätten gar nicht anzeigen müssen. Sehn Se, nu sitzen Se drin, Herr Zarncke.
·Zarncke· (lacht)
·Marie· (das Fenster öffnend)
Vaterchen, kommst nich zu Tisch?
·Zarncke·
Gleich, Miezelchen ... Also ich werd' mal nachdenken. Vielleicht fällt mir noch was ein.
·Struve·
Ganz wie Sie meinen, Herr Zarncke.
·Zarncke·
Ulkiges Huhn! ... Hier haben Sie 'ne Zigarre. (Ab)
·Struve·
Danke, Herr Zarncke. (Die Zigarre einsteckend) Ja, ja. Sie rüsten sich wider die Seele des Gerechten und -- (sieht, daß Zarncke inzwischen weggegangen ist) Ach so! (Setzt sich auf den vordersten Block, kratzt an seinem Butterbrot und fängt an zu essen)
Sechste Szene
_Struve. Lohmann._ _Sprengel_, _ein dritter Arbeiter_, die essend auf dem Block hinter ihm sitzen
·Lohmann·
Na, wie lange werden sie dich deinen Knast Brot noch 'runterfuttern lassen, Struve, ehe sie dich inlochen?
·Struve· (achselzuckend)
Ja.
·Lohmann·
Nachher gibt's zu Mittag wieder »Rumfutsch« und »blauen Heinerich«. Ei weh.
·Struve·
Kindersch, babbelt nich von so hohe Sachen. Das versteht ihr nich.
·Sprengel·
Der tut sich noch dicke auf sein Zuchthaus.
·Struve·
Nu ob. Da kommt ihr noch lange nich rin. Da sind bloß _feine_ Leute drin. Ja.
·Die Anderen· (lachen)
·Lohmann·
Drum heißt es auch die hohe Schule.
·Struve·
Jawoll. Da lernt man was. Hast du überhaupt 'ne Kleiderbürschte? Die hat mir der Staat immer franko geliefert. Aus lauter persönlicher Hochachtung ... Oder gar 'ne Zahnbürschte? Aber ich -- siehste! ... Kiek dir mal an, wie der Dreck an dir 'rumklebt ... Aber _wir_ machen dort zu Mittag immer Toi--lette. Und Handtuch tragen wir immer auf'n Arm, da laufen wir den janzen Tag mit 'rum. Vor lauter Feinheit. Ja.
·Die Anderen· (lachen)
·Struve·
Überhaupt, was bist du hier? Und was bin ich hier? Und was sind wir alle hier? ... Dreck sind wir. Hoch über dir kommen erst die Steinmetzen ... und da hoch drüber die Bildhauer. Und denn _noch_ höher der Polier ... Und _denn_ gar erst ... ach! Dort hab' ich immer in de erschte Klasse gearbeit't ... Weiße Binde hab' ich tragen dürfen. Tischältster bin ich gewesen. Das is mehr wie der Polier. Das is wie 'n Jeneral ... Das kannste alles werden, wenn de ins Zuchthaus kommst ... Karri--ere kannste machen. Ja.
·Lohmann· (singt spottend)
Liebes Kind, nu weine nich, Mittags jibt's den blauen Heinerich; Stehst du mit dem Schien auf du und du, Kriegste auch 'n halben Hering zu.
·Struve·
Nu ja. Verdient euch mal erst 'n halben Schwimmling. Ihr geht hier zur Lore und schnauzt: Hering -- aber 'n milchernen -- mit Zwiebel -- viel Zwiebel ... janzen Berg Zwiebel, und dann schmeckt er noch nich mal ... Ich sag' euch: ... wollt ihr 'n wirklichen duften, leckern Schwimmling, da müßt ihr in de Anstaltsküche kommen. Die verstehn det Jeheimnis ... Da kitzelt euch die Schnauze von -- noch Abends beis Einschlafen. So viel scheener ist da alles. Ja.
·Lohmann·
Wenn da alles so viel scheener is, wat machste denn nich wieder hin?
·Sprengel·
Da hast _du_ doch freien Angtree.
·Struve·
Kindersch, ick werd' euch mal was erzählen: Dicht an de große Außenmauer in Waldheim -- da steht nämlich 'ne alte Linde ... Und von de Fisintation aus, was nämlich der Arbeitssaal is, da siehste 'n janzes kleines Stückschen von ... Und von'n Spazierhof aus, wo du immer sechs Schritt hintern Vordermann herzoddelst, (stolz) bloß nicht wir von de erste Klasse, wir jingen natierlich immer zu zweie -- wenn du da -- und du huppst in die Höh', dann siehst wieder 'n andern Stückschen -- so sechzig bis achtzig Blätter, wodran du immer jenau wissen kannst, was für Jahreszeit is ... Und nun hat uns immer und ewig der Deibel geplagt, daß wir auch mal den _janzen_ Lindenbaum sehen wollten, denn der soll nämlich der scheenste Lindenbaum sein, wo's auf de Welt überhaupt jibt. Das soll schon in de Geschichtsbicher stehn ... Na, und wo nu endlich der Tag da is von de Entlassung, und wo einem das Herz bis in'n Kopp 'raufbummert -- und wo nu das innere Tor aufjeschlossen wird -- na, da is er nu -- und da is er 'n janz jemeiner oller, ekliger Lindenbaum. Na -- und so war denn hernach alles -- janze Freiheit.
·Lohmann·
Nu -- wenn du das nu schon weißt? --
·Struve·
Was hilft da viel -- wissen. Der Mensch is 'n dämliches Vieh. Wie ich 's zweite Mal drinsaß, da war der olle, dämliche Lindenbaum noch viel scheener geworden.
·Die Anderen· (lachen)
·Sprengel·
Ja, wenn's so is.
·Struve·
Überhaupt -- ihr Schafsköppe mit eure sogenannte Freiheit! -- Geschunden! hin und her geschmissen! Liegste im Sonnenschein uf ne scheene Planke, kriegste den Holzbock in de Waden; haste keene Arbeit, kannste jehn den Chausseegraben austapezieren. Willste mal geradaus -- jeder Mensch will mal geradaus -- und als dir kommt nu 'ne verschlossene Tür in de Quere -- und du willst _doch_ geradaus, dann stecken sie dir ins Kittchen. Das heißt nu Freiheit. Kindersch, ick hust' auf eure Freiheit. Seine Ordnung muß der Mensch haben. Seine Ordnung hat der Mensch bloß allein im Zuchthaus.
·Die Anderen· (lachen)
·Struve·
Mir hat überhaupt bloß _eins_ gefehlt. Dann wär' ich auch janz komplett jlücklich gewesen.
·Sprengel·
Das war wohl eene Braut?
·Struve·
Ne.
·Lohmann·
_Zwei_ Brauten?
·Struve·
Ne.
·Lohmann·
Na was denn sonst?
·Struve· (träumerisch)
Das war 'n Rasierspiegel ... Wenn ich _den_ noch hätt' gehabt -- --
Siebente Szene
_Die Vorigen._ _Biegler_ (von rechts)
·Biegler·
(in anständiger Arbeitskleidung. Sein Bart ist gestutzt, sein Aussehen gebessert, aber sein Benehmen noch scheu und unumgänglich, voll immer neu aufflackernden Mißtrauens. Er setzt sich auf die Bank vor das Kantinenfenster)
·Lohmann·
Kiekt mal den da! ... Was _is_ das eigentlich für 'ne Sorte? Reden _tut_ er nich, »guten Tag« _sagt_ er nich.
·Biegler·
(gewahrend, daß man sich mit ihm beschäftigt, unfreundlich, dumpf)
Guten Tag.
·Struve·
Na sagt ja.
·Lohmann·
War auch danach. Guten Tag, hochwohlgeborener Herr Nachtrat! ... Kommen der Herr Dunkelmann 'n bißchen de Sonne revindieren?
·Sprengel·
Mensch, nu red doch was!
·Biegler·
Was soll ich reden?
·Sprengel·
Mach doch 'n Witz.
·Biegler·
Ich weiß keinen Witz.
·Lohmann·
Der Kerl is trocken wie Galgenholz.
·Struve·
Nu sag bloß, Mensch, wie amesierste dir nu so die lange Nacht über? Putzte de Sterne blank? Ziepste dir an de Barthaare? Wirfste de Meechens, wo auf de Straße vorbeigehn, Klamotten auf'n Kopp? ... Irgend was muß der Mensch doch zu tun haben de lange Nacht über!
·Biegler·
Ach, ich hab' immer zu tun.
·Lohmann·
Tranig is das Luder.
·Sprengel·
Wat huckste da uf de Banke? Warum jehste nich ze Mittag?
·Biegler·
Jetzt essen doch die -- Steinmetzen. Da kann ich doch nich auch essen.
·Lohmann·
Nu dann komm doch mal her so lang ... Na -- los!
·Biegler· (erhebt sich zögernd)
Was soll ich bei euch?
·Sprengel·
Trink mal aus meine Buddel. Prost.
·Biegler·
Danke. Ich trinke keinen Schnaps.
·Lohmann·
Ach, du bist wohl auch so 'n Pinkelinker? So 'n Pumpengenie?
·Biegler·
Sonst habt ihr nichts zu wollen von mir?
·Sprengel·
Nu huck dir doch mal erst dal. (Zieht ihn auf den Block nieder)
·Lohmann· (weiterrückend)
Setzen Sie sich ruhig in die Sonne, verehrte Schattenpflanze.
(Lachen)
·Biegler·
Ich tu' dir doch nichts, warum uzt du mir?
·Lohmann·
Ich uz' dir doch gar nich. Ich schmeichel' mir bloß so an dir ran.
·Struve·
Sag mal, Mensch, was biste vorher gewesen? Eh' du hier Nachtwächter wurdst?
·Biegler· (erschreckend)
Ich? -- Ich bin Arbeiter.
·Lohmann·
Kirschenpflücker vor de Wintermonate -- hä?
·Struve·
Du kommst mir nämlich so bekannt vor, weißte.
·Biegler· (angstvoll)
Ich -- dir? Nee -- daß ich nich --
·Struve·
Nich, als ob ich dir kennen tu'. Aber du hast so 'ne Art ... Bei uns in Waldheim da hatten wir so 'n paar. Wir nennten se immer »de blamierten Förschten«. -- Du, wo liegt denn dein Förschtentum?
·Lohmann·
Markgraf von Brandenburg, Fürstbischof von Moabit, Edler Herr von und zu Sonnenburg.
·Biegler· (zuckt zusammen)
·Lohmann·
Du plinkst ja immer so mit 'n rechten Vorderarm.
·Sprengel·
Laß ihm man in Ruh. Das is 'n guter Kerl ... der is bloß verschüchtert.
·Lohmann· (gutmütig)
Ich mach' ja auch bloß 'n Witz.
·Struve·
Da -- willste 'ne Zijarre?
·Biegler· (verblüfft)
Wieso -- gibst -- du mir --?
·Struve·
Kannst nehmen ... die is jut ... die hat mir der Alte vorher geschonken.
·Biegler·
(noch immer verwundert, sein Gesicht erhellt sich)
Na, denn dank' schön ... Ich werd' mir denn auch später -- revanschieren.
·Lohmann·
(ihn auf die Schulter klopfend)
Na, meinen wir's denn nu so beese?
·Biegler· (mit glücklichem Gesicht)
Nee! Wahrhaftigen Gott nich!
·Lohmann·
Na siehste! (Nach links weisend, wo Eichholz sichtbar wird) Aber vor dem Alten nimm dir in acht. Der is dir nich jrien.
Achte Szene
_Die Vorigen._ _Eichholz_
·Eichholz· (vollends angetrunken)
Ich bin ein Mann -- hochgeehrt, -- ich brauch' nich -- Kartoffelsuppe aus'n Steinguttopp -- fressen! Morjen, die Gesellschaft! Morjen, die hochgeehrte Gesellschaft! (Biegler bemerkend) Was? -- Was will der Hund? Der schmalbauchige Hund? M -- M -- Mantel hat er ihm geschenkt -- mit blanke Knöppe -- wie 'n Offezier! Was is der Kerl überhaupt? Wo kommt der verhungerte Kerl her?
·Lohmann·
Das geht dir jar nischt an. Wenn er man seine Pflicht tut.
·Eichholz·
Pflicht tut? Hähähä! Der is bloß zum Rausfuttern hier. Der is hier auf Eichelmast wie de Nuck-Nuck-Schweinchen. Wann hab' ich mal blanke Knöppe gekriegt? Kerl, durch was für Pfiffe und Kniffe bist du auf den Posten gekommen? Zieh mal vom Leder, du Hund!
·Biegler·
Lassen Sie mich in Ruh. Ich habe mit Ihnen nichts zu tun.
·Eichholz·
Was krauchste immer bei meine Tochter 'rum? Dir jibt se 'n Porzellanteller. Du wirst noch mal -- platzen -- wie 'n Bovist. Und dann wird man an dem Gestanke erkennen, wer du bist. Mensch, ich hab' 'ne Faust wie 'ne Ramme! (Dringt auf ihn ein)
·Biegler· (stößt ihn fort)
·Eichholz· (zurücktaumelnd)
Was -- hauen -- tust du mir alten Mann?
Neunte Szene
_Die Vorigen._ _Göttlingk_ und _andere Bildhauer_ und _Steinmetzen_
·Göttlingk·
Was is hier los?
·Eichholz· (keuchend)
H--h--hauen -- m--m--ir--!
·Göttlingk·
Wer hat den alten Mann gehauen?
·Struve·
Is ja alles Blech!
·Göttlingk·
Werd' ich nu bald Antwort kriegen?
·Lohmann· (kleinlaut)
Hier hat überhaupt keiner gehauen.
·Eichholz· (mit erhobener Faust)
Der Hund! -- der verhungerte -- (Einige der Umstehenden führen ihn nach hinten)
·Göttlingk·
Sieh mal an! ... Kommen Sie mal ran, Sie! ... Na?
·Biegler·
Ich tu' hier, was ich zu tun habe. Sie gehn mich nischt an.
·Göttlingk·
Das werd' ich Ihnen mal gleich beweisen. Eins -- zwei -- (pfeift)
·Struve· (leise)
Da geh man schon. -- Jegen den Großschnauz kommste nich auf.
·Lohmann· (leise)
Der sticht mit's dreikant'ge Messer.
·Göttlingk·
Wenn ich »drei« sag' --
·Biegler· (blaß, schwer atmend)
Sie können -- ja auch zu mir kommen.
·Göttlingk· (pfeifend)
Ich warte.
·Biegler· (in Erregung, zitternd)
Da lassen -- sich man -- die Zeit -- nich lang werden.
·Die Anderen· (lachen)
·Göttlingk· (in Wut)
Wer riskiert hier zu lachen? ... Soll ich meine Pfeife mit euch stoppen, Kerls? (Das Lederfutteral nach vorne ziehend) Soll ich euch mal die Hühneraugen barbieren? (Da Lohmann, Sprengel, Struve sich vor Biegler gestellt haben) Aus dem Weg hier!
·Lohmann· (sich umschauend)
Wo is denn der Polier?
·Göttlingk·
Jetzt bin ich hier der Polier. (Wild) Aus dem Weg hier -- oder --
·Biegler· (vortretend)
Laßt man. Wegen mir soll hier keiner Ungelegenheiten haben. --
·Göttlingk· (befriedigt)
Na, da hätten wir ja das Gewächse. (Setzt sich, raucht) Immer parieren, Kinderchen.
·Biegler·
Also ich wär' ja nu da.
·Göttlingk·
Das seh' ich. Was den alten Knackstiebel betrifft, den wollen wir mal auf sich beruhen lassen. Aber wir haben noch 'n Hühnchen zu pflücken, wir beide. Sie sind doch der neue, krumme Kerl von Nachtwächter?
·Biegler·
Neu bin ich hier ... Krumm bin ich wohl auch.
·Göttlingk· (auflachend)
Und Nachtwächter auch?
·Biegler·
Ja.
·Göttlingk·
Dann kieken sich mal hier diesen Block an. Na -- soll ich Sie bei den Ohren nehmen?
·Biegler· (stammelnd)
Was -- is -- denn -- mit dem Block?
·Göttlingk·
Sie sind verantwortlich für das, was hier über Nacht geschieht. Ich frag' Sie: Wer hat da an meinem Block rumgemurkst?
·Biegler· (sehr bestürzt)
Das --
·Göttlingk·
Na?
·Biegler·
Das -- weiß ich -- doch -- nich.
·Göttlingk·
Seht euch mal das böse Gewissen an.
·Struve· (leise)
Nu sei doch frech! Schmeiß ihm doch Staub ins Gesichte.
Zehnte Szene
_Die Vorigen. Frau Homeyer. Marie_
·Frau Homeyer·
(geht quer über den Platz zu der Gruppe hin)
·Göttlingk·
(sich rasch vom Wüterich in den Schwerenöter verwandelnd)
Oi, da kommt ja hoher Besuch, feiner Besuch, pikefeiner Besuch. Nu, mein süßes, strammes Frau Homeyerchen, mein --
·Frau Homeyer· (ihn abwehrend)
Man wird schließlich nich mal mehr unbelästigt auf den Platz kommen können.
·Göttlingk·
Aber Kindchen, Puppechen! Sie waren doch sonst nich so. Ich hab' Ihnen doch manches liebe Mal in Ihren warmen, sanften Oberarm gekniffen.
·Frau Homeyer·
Und haben immer noch von mir auf die Finger gekriegt.
·Göttlingk·
Aber gelächelt haben Sie dazu -- so sieß! (Schmachtend) Ach, wie so sieß!
·Frau Homeyer·
Ach, Sie sollten sich was schämen. Dort vor der Tür steht das Fräulein. Das will Sie sprechen.
·Göttlingk·
Das Fräulein -- mich? -- Mich -- das --? So! Na! Sie, Nachtwächter, Sie können abrutschen. Aber Sie werden mir noch Rede stehn. Verstanden? --
·Lohmann· (leise)
Hab man keine Bange vor dem!
·Struve· (leise)
Und wenn du für irgend was 'n Zeugen brauchst, ick beschwör' alles ... Unbesehn.
·Biegler·
Ich dank' euch schön.
·Göttlingk·
(dreht eitel seinen Schnurrbart)
Na, bin ich nu nobel genug fürs Fräulein? (Geht nach vorne links)
·Frau Homeyer·
(schaut verliebt hinter ihm her, einer der Steinmetzen umfaßt sie von hinten, sie schlägt nach ihm, die andern lachen, sie geht nach links)
·Biegler· (nach der Kantine ab)
Elfte Szene
_Marie. Göttlingk._ Die anderen im Hintergrund
·Marie·
(ist bebend die Stufen heruntergestiegen und streicht sich, wie um sich Mut zu machen, mit der Hand übers Gesicht)
·Göttlingk·
(linkisch, mit durchbrechender Frechheit)
Mahlzeit, Fräulein.
·Marie· (tonlos)
Gesegnete Mahlzeit!
·Göttlingk·
Möchte mir die ergebenste Frage erlauben, womit ich dem Fräulein dienen kann?
·Marie·
Herr Göttlingk, Sie sind lange weg gewesen.
·Göttlingk·
Jawohl, bißchen de Welt besehen. Aber nu bin ich schon lange wieder da.
·Marie·
Das freut mich, daß Sie wieder da sind, Herr Göttlingk.
·Göttlingk·
Nu, das is ja höchst schmeichelhaft für mich. Danke schön.
·Marie· (rasch, ängstlich)
Nein, nein, der Lore wegen.
·Göttlingk·
Der Lore wegen. Ach so ... Na, das geht so seinen Weg.
·Marie·
Was für 'n Weg, Herr Göttlingk?
·Göttlingk·
Wissen Sie was, Fräulein Mariechen? Beunruhigen Sie sich darüber nicht. Da sind Sie viel zu fein zu. -- Das sind solche Geschichten.
·Marie·
Sie wissen wohl gar nicht, Herr Göttlingk, wie lieb Sie die Lore hat?
·Göttlingk·
Mädchen mit 'n Kind hat einen immer lieb. Dafür sorgt schon der liebe Gott.
·Marie· (ihn bestürzt anstarrend)
Herr Göttlingk, so schlecht können Sie doch gar nicht sein. Wenn die andern auch sagen, Sie seien gewalttätig und -- Ich habe Sie immer für einen guten und edeln Menschen gehalten.
·Göttlingk·
Na, macht sich!
·Marie·
Und ich weiß, aus Ihrem Singen spricht ein weiches Herz. Ich habe Ihnen immer mit Freuden zugehört.
·Göttlingk·
So? Na, ich hab' auch sozusagen immer extra für Sie gesungen, Fräulein Mariechen.
·Marie· (tödlich erschrocken)
Wieso -- für -- mich?
·Göttlingk·
Nu, weil ich schon weiß, daß Sie dann immer 's Fenster aufmachen. Also müssen Sie's doch gerne haben. Ich tu' immer, was Sie gerne haben. Jawohl. Mach' ich.
·Marie· (außer Fassung)
Es handelt -- sich hier -- aber gar nicht -- um mich.
·Göttlingk·
(in trumpfender Männlichkeit)
Warum eigentlich nich, Fräulein Mariechen? Warum soll es sich nich auch 'n mal um Sie handeln?
·Marie·
(sprachlos, ratlos, schließt für einen Augenblick die Augen, dann -- da sie Zarnckes Stimme in der Veranda hört, eilt sie hilfesuchend auf ihn zu)
Vaterchen! Vaterchen!
·Göttlingk· (seinen Schnurrbart drehend)
Sieh mal an! Sieh mal an! (Geht nach hinten)
Zwölfte Szene
_Die Vorigen. Zarncke. Kriminalkommissar Reitmaier_
·Zarncke·
Na, was denn, Miezelchen? (Ruft) Frau Homeyer! (Sie hängt in seinem Arm, er streichelt ihre Wange und übergibt sie dann Frau Homeyer, die für einen Augenblick in der Tür erscheint) Sie werden entschuldigen, Herr Kommissar! Sie is 'n bißchen kränklich ...
·Reitmaier·
(Mann Mitte der Vierzig, rund, breitschultrig, strohblonder Schnauzbart, Pincenez. Gemachte Jovialität, die gelegentlich in brutale Schärfe umschlägt. Ein wenig Bierbruder mit Ausblick zum Offiziertypus)
Ach, es ist mir ja immer höchst fatal, wenn ich so das Privatleben der Herrschaften stören muß. Ich werd' Sie auch nicht lange aufhalten. Ich bin nur beauftragt worden, mal 'n bißchen nachzuhören, was mein Kollege vom Revier da -- -- Haben Sie man keine Bange. Ich bin 'ne menschenfreundliche Natur. Ich mach' das alles gemütlich. Die Herren Spitzbuben -- die sind mir so wie 'ne große Familie.
·Zarncke· (erfreut, bewundernd)
Ach -- ne -- wirklich?
·Reitmaier· (bieder)
Ja, darf ich wohl sagen: Wie meine Familie! Na, kann man den Onkel mal 'n bißchen sehn?
·Zarncke· (rufend)
Struve!
·Struve·
(sich von einer Gruppe im Hintergrunde lösend)
Jawohl, Herr Zarncke. (Leise) Ei weh, Kindersch. Da is der Reitmaier vom Präsidium. Das is 'n fauler Junge. (Kommt nach vorn)
·Reitmaier· (die Arme ausbreitend)
Herr Gott, das is ja mein guter, alter Struve.... Na, lieber Freund!
·Struve· (gerührt)
Ach, der Herr Kommissar! Ne, is das 'ne Freude!
·Reitmaier·
Na, Menschenskind, wir haben uns ja so lange nich gesehn.
·Struve·
Ja, Herr Kommissar. Es hat mir auch immer was gefehlt.
·Reitmaier·
Nu sagen Sie mal, alter Sohn, was _haben_ Se denn nu wieder ausgefressen?
·Struve·
Herr Kommissar, es tut mir ja leid. Aber ich bin eben scharf in de Besserung. Diesmal kann ich wirklich nich -- nich -- dienen.
·Reitmaier· (überzeugt)
Ja, ja, ja. Also, Sie sind's nich gewesen?
·Struve·
Herr Kommissar, und wenn ich hier gleich meinen Totenschein in die Hand nehm' --
·Reitmaier·
Nich schon Totenschein! Pfui! -- Mann wie Sie muß leben!
·Struve·
Aber wenn sich's machen läßt, Herr Kommissar, im Zuchthaus. Ja.
·Reitmaier· (zu Zarncke)
Er is bitter gestimmt. (Beruhigend) Na, na, na, es is da bloß noch 'ne kleine Formensache. Nichts von Bedeutung! Ne! (Zieht sein Notizbuch) Sagen Sie mal, wo waren Sie denn nu in der Nacht?
·Struve·
Ja, Gott, Herr Kommissar. Wo man so is. Uf 'ne Banke. Oder so.
·Reitmaier· (bedauernd)
Warum _waren_ Se nu nich in Ihre Schlafstelle?
·Struve·
Ja, warum _war_ ich nich in meine Schlafstelle? Hätt' ich gewußt, daß schlechte Menschen hier bei Herrn Zarncke einbrechen würden, hätt' ich mir gleich um halb zehne in de Klappe gelegt. Wegen den Aal--ibi.
·Reitmaier·
Natürlich! (Leise) Das is 'n abgefeimtes Luder! -- Da Sie das aber selbstredend nicht wissen konnten, so gingen Sie zu -- in den bekannten Lehmannschen Keller, wo wir ja auch schon zusammen gesessen haben. Is da 's Bier immer noch so gut?
·Struve·
Danke. Ja. Es jeht.
·Reitmaier·
Da waren Sie bis -- zehn Minuten nach zwölfe. Und dann waren Sie mit Ihrem Freund Kuntze -- ja, wo waren Sie da?
·Struve·
Ja, wo war ich da? Ich bin -- spazieren jewesen.
·Reitmaier· (klagend)
Nämlich, denken sich mal, Ihr armer Freund Kuntze sitzt schon wieder feste!
·Struve·
Das is dem Kerl recht. Der is zu dumm.
·Reitmaier·