Stein unter Steinen: Schauspiel in vier Akten
Part 2
Und findet sich der Mann hier 'rein -- der Mann von diesem Brief -- Biegler heißt er -- dann schick ihn nicht ins Komptor, dann laß mich lieber rufen. (Es klopft) Herein!
·Lore· (erscheint in der Tür)
·Zarncke·
Du, Lore, ich muß dir was sagen: Vater is von heute ab --
·Lore·
(Mitte der Zwanzig. Hübsch, vollkräftig mit Spuren seelischen Leidens. Sprechweise bald ohne Grund erregt, bald scheinbar teilnahmslos. Bewegungen müde, schwerfällig, jäh in Leidenschaftlichkeit umschlagend. Helle, schlichte Sommerkleidung des Mädchens aus dem Volke, ein wenig über dem Habitus der Dienerin stehend)
Ich weiß schon, Herr Zarncke. Es ging ja schon lang' nich mehr.
·Zarncke·
Na, Gott sei Dank, daß ich mich bei dir nicht zu entschuldigen brauch'.
·Lore·
Ach, Sie! (Beugt sich rasch nieder, um ihm die Hand zu küssen)
·Zarncke·
Na, na, na! Und wegen Unterhalt, da -- (Beruhigt sie mit einer Handbewegung) Aber stell ihm die Kümmelflasche höher. Das rat' ich dir, Kind! (Klopft sie auf die Schulter. Ab)
·Lenchen· (die Arme hochhebend)
Mama! Mama!
·Lore·
(ihr mit dem Schürzenzipfel den Mund putzend)
Ich hab' immer Angst, daß ihr ein Steinsplitter ins Aug' fliegt.
·Marie·
Ach, sie passen schon auf. Sie haben sie ja alle lieb.
·Lore·
Ja ... Die andern ja. -- Bloß der der nächste dazu is --
·Marie·
Er wird's nicht zeigen wollen.
·Lore·
Gestern hat ihr einer 'ne Wippe zurechtgemacht. Und wie er vorbeikommt, da ruft sie ihn an, er soll sie schaukeln. Da hat er sie weggeschoben -- na wie? 'n jungen Hund schiebt man nich so.
·Marie·
Das hängt anders zusammen, Lore. So schlecht ist kein Mensch. Und er sicherlich nicht. Sicherlich nicht.
·Lore·
Wenn Sie alles wüßten, Fräulein Mariechen. --
·Marie·
Kannst ruhig »du« sagen. Es hört uns keiner.
·Lore·
Ach, ich verdien's ja nich ... Warum rührst du mich an? Warum gibst du dich ab mit mir? (Verbirgt den Kopf an ihrer Stuhllehne)
·Marie· (sie streichelnd)
Na, na, Lore. Als du so groß warst wie die, da hab' ich dich schon gestreichelt. Dabei lassen wir's auch. (Da Lenchen weinerlich dazukommt) Du, Lenchen, der weiße Bär ist ein Eisbär. Und den bind mal nu an die Leine. (Reicht dem Kinde eine Porzellanfigur und ein Garnknäuel)
·Lore·
Ja, Lenchen, tu das.
·Lenchen·
(fängt beruhigt von neuem zu spielen an)
·Marie·
Und laß uns mal vernünftig reden. Was versteckst du dich? Warum sagst du nicht ganz offen, daß er der Vater ist?
·Lore· (verängstigt)
Gott, wie kann ich denn? Er hat's doch verboten.
·Marie·
Warum läßt es dir verbieten?
·Lore·
Als er im Herbst von der Wanderschaft kam, da sagt' er zu mir: »Willst du, daß ich wieder eintrete auf dem Platz?« Ich glaub', ich hab' ihm noch die Hände geküßt in meinem Glück ... Aber eine Bedingung hatte er dabei. »Mund halten,« sagt' er, »daß keiner was erfährt.« ... Die's von früher wußten, waren inzwischen weg. Bloß der Polier ... Und das ist sein Freund. Vater hat er auch in der Tasche ... Und nun beiß' ich mir rein die Zunge ab Tag für Tag und denk': Endlich muß das Schweigen doch ein Ende nehmen. Aber es geschieht nichts ... Er kommt in die Kantine. Ganz vergnügt. Bloß nicht allein. Da hütet er sich.
·Marie·
Was soll er zu dem allem aber für 'n Grund haben?
·Lore· (achselzuckend)
Ich denk' mir, er hat eine andere im Sinn.
·Marie· (erschreckt, beklommen)
Wen denn?
·Lore·
Vielleicht hat er sich eine aus Mailand mitgebracht, vielleicht -- ach, wer kann wissen?
·Marie· (auf Lenchen weisend)
Und du meinst, daß auf'm Platz keiner was ahnt?
·Lore·
Die denken sich schon ihr Teil. Aber er tut ja doch mit allen, was er will ... Er ist mehr Herr auf dem Platz als der Polier. Da wagt keiner zu mucksen ... Und wenn er ihnen gar was vorsingt, was er da unten von den Weibern gelernt hat ... Darauf sind sie _rein_ doll ...
·Marie· (träumerisch)
Ja, schön singt er! ... Ach, Lore, was bist du dumm! (aufschluchzend) Da spielt dein Kind! Dein Kind spielt da. Und du jammerst.
·Lore· (erschrocken)
Mariechen!
·Marie· (sich zusammenraffend)
Ach, es ist der Frühling ... Es ist der ... Der macht einen ganz ... Und du jammerst.
·Lore· (mit wehem Lächeln)
Ich jammer' ja auch nich.
·Marie·
Aber du schleichst 'rum und quälst dich mit deiner Schande. -- Schande! Was ist Schande? ... Unser Leib ist ein Tempel ... Und Gebären ist Gottesdienst ... Nur wenn der Tempel im Bau verpfuscht wurde, dann ist es schlimm ... dann kommt der Frühling, und das Amselweibchen baut, und man selbst ist schon Ruine.
·Lore·
Du kannst auch noch glücklich werden, Mariechen.
·Marie·
Ich möcht' schon ... Aber wer wird vorliebnehmen mit mir? ... Und ich bin so mutig da drinnen! ... Ich möcht' was verpflanzen von mir in dich. Daß du den Kopf wieder hebst. -- Nicht mehr wie 'n Stein bist in deinem Gram.
·Lore· (lacht bitter)
·Marie· (mit sich kämpfend)
Du -- soll ich -- reden mit ihm?
·Lore·
Du -- mit ihm?
·Marie· (nickt)
·Lore· (ohne Hoffnung)
Ja, wenn du das willst. Aber noch nicht ... Wart lieber noch ... Vielleicht, daß er _doch_ --
·Marie· (stockend)
Es wird mir -- ja nicht -- leicht fallen ... Ich kenn' ihn ja auch kaum mehr -- den großen Herrn ... Aber wenn man was _sehr gerne_ will, dann wird man's doch auch -- können. -- Na, freut's dich gar nicht?
·Lore·
(die Hand mutlos vor die Stirne legend)
Ach! ... (Es klopft)
·Marie·
Herein!
Siebente Szene
_Die Vorigen. Jakob Biegler_
(Jakob Biegler: Mitte der Dreißig, sehr dürftig, doch nicht schmutzig gekleidet, Hose von grauem Bauernvelvet, vielfach geflickt und zu kurz. Altes, blankgewordenes Jakett, gleichfalls geflickt, darunter braune Strickweste. Defektes Schuhwerk. Wäsche nirgends zu sehn. -- Gelbes, zermürbtes Gesicht mit scheuen Augen und kurzem, wildwachsendem Blondbart. Auftreten gedrückt, verhetzt, bisweilen in verzweifelte Rauheit umschlagend)
·Biegler·
Guten Morgen.
·Marie·
Sie wünschen meinen Vater zu sprechen?
·Biegler·
Herrn Zarncke -- möcht' ich sprechen.
·Marie·
Heißen Sie Biegler?
·Biegler· (betroffen)
Ach so! -- Sie wissen schon. Na -- dann -- (Macht eine halbe Wendung zur Tür)
·Lenchen·
(ist zu ihm gegangen und streckt die Hand empor)
Guten Tag!
·Marie·
(seinen Seelenzustand erkennend)
Mein Vater hat gesagt, wenn jemand mit Namen Biegler kommt, dann möcht' ich ihn rufen.
·Biegler· (erleichtert)
Ja, der bin ich.
·Lenchen·
Nu sag doch: Guten Tag.
·Biegler·
(sieht das Kind, ein leeres Lächeln geht über sein Gesicht. Er weiß nicht, was tun)
·Lore· (sie leise zurückrufend)
Lenchen!
·Marie·
Nehmen Sie's als gute Vorbedeutung, daß dies Kindchen Sie willkommen heißt.
·Biegler·
(sieht sie groß an, versteht nicht)
Erst -- muß -- ich -- Herrn Zarncke -- sprechen.
·Marie· (aufstehend)
Lore, klopf, bitte, im Vorbeigehn bei Vater an (leiser) und bring dem was zu essen. Er hat's nötig.
·Lore· (nickt)
Komm, Lenchen. (Mit dem Kinde ab)
·Marie·
Nehmen Sie so lange Platz, bitte.
·Biegler·
Ich kann auch stehen.
·Marie· (ab)
Achte Szene
_Biegler._ Dann _Zarncke_
·Biegler·
(alleingeblieben, wagt sich nicht zu rühren, nur seine Augen wandern umher)
·Zarncke·
(mit Bieglers Papieren in der Hand)
Guten Tag.
·Biegler·
(in straffer Haltung, wie er's im Zuchthause gewohnt war)
Melde Jakob Biegler.
·Zarncke·
Is gut, is gut. Sie sind hier nicht im Gefängnis. Der Verein zur Besserung entlassener Strafgefangener hat Sie mir zugeschickt. Stehen Sie unter seiner Fürsorge?
·Biegler·
Jawohl.
·Zarncke·
Wie lange sind Sie 'raus?
·Biegler·
Vier Monate zehn Tage.
·Zarncke·
Fünf Jahre haben Sie abgemacht?
·Biegler·
Jawohl.
·Zarncke·
Wegen was?
·Biegler· (schweigt)
·Zarncke·
Na -- wegen was?
·Biegler· (auf die Papiere weisend)
Steht ja da drin.
·Zarncke·
(fixiert ihn, um sein Schamgefühl zu prüfen)
Da steht nur der Paragraph. Den kenn' ich nicht auswendig.
·Biegler· (verbissen)
Na, ich sprech's nich aus.
·Zarncke·
Dann werd' ich im Strafgesetzbuch nachsehn.
·Biegler·
Wenn Sie wollen.
·Zarncke·
(geht zum Bücherschrank, schlägt ein Buch auf und liest)
Hm. Schlimm. Schlimm.
·Biegler·
Schlimm. (Pause)
·Zarncke·
Na, wie is es denn gekommen?
·Biegler·
Wie das so kommt, wenn ein Weib dabei ist.
·Zarncke·
Aha ... Haben Sie's gut gehabt in Sonnenburg?
·Biegler·
Man war ja mit mir zufrieden.
·Zarncke·
Ersparnisse gemacht?
·Biegler·
Jawohl. Fünfundsechzig Mark fünfzig Pfennig.
·Zarncke·
Noch was da?
·Biegler·
Dann säh' ich nich so aus, Herr -- Zarncke.
·Zarncke·
Hat der Verein Ihnen keine Arbeit besorgt?
·Biegler·
Zweimal haben sie mich aufs Land geschickt. Einmal als Hofgänger, das zweite Mal als Kuhfutterer.
·Zarncke·
Na -- und?
·Biegler· (schweigt)
·Zarncke·
Ausgerissen?
·Biegler· (in erregter Verteidigung)
Ich hielt nicht aus. Ich -- ich -- ich --
·Zarncke·
Dann werden Sie auch bei mir nich aushalten.
·Biegler·
Ach, Herr Zarncke.
·Zarncke·
Hier steht: auf Ihre besondere Bitte schickt man Sie zu mir. Was wollen Sie gerade bei mir?
·Biegler· (schweigt)
·Zarncke·
Ja, wenn Sie nicht antworten ... Was sind Sie?
·Biegler·
(zaudernd, nach innerem Kampfe)
Steinmetz.
·Zarncke·
Ach so! -- _Darum_! Hier steht doch -- Arbeiter. (Sieht nach)
·Biegler·
Weil ich als Arbeiter gegangen bin.
·Zarncke·
Warum denn?
·Biegler·
Wer wird mich nehmen -- als Steinmetz?
·Zarncke·
Sie hätten doch probieren können!
·Biegler·
Probiert hab' ich genug.
·Zarncke·
Und überall abgewiesen?
·Biegler·
Einmal wurd' ich eingestellt ... Zwei Tag' später kam's 'raus. Da lag ich schon auf der Straße.
·Zarncke·
Warum sind Sie denn nicht schon früher zu mir gekommen?
·Biegler· (schweigt)
·Zarncke·
Wußten Sie, daß ich Strafentlassene nehme?
·Biegler·
Ja, die Herren haben's mir gesagt.
·Zarncke·
Wollten Sie nich?
·Biegler· (zögernd)
Nein.
·Zarncke·
Warum nicht?
·Biegler· (erregt)
Nachher wird's doch nichts -- -- --
·Zarncke·
Und jetzt wollen Sie?
·Biegler·
Als Steinmetz will ich auch nicht. Nich als Steinmetz. -- Wenn ich bloß 'ne Arbeitsstelle hätte, als Schleifer oder beim Flaschenzug, wo keiner was fragt.
·Zarncke·
Ich werd' mit dem Polier sprechen. Wenn ich drauf besteh' -- Sie können auch als Steinmetz eintreten.
·Biegler· (verängstigt)
Nein, nein, nein ... dann kommt's 'raus ... dann is wieder alles ... Bloß auf den Werkplatz will ich ... Bloß w--wenn ich den -- Klippelschlag hören kann. Bloß von weitem.
·Zarncke·
Sie waren wohl ein _guter_ Steinmetz?
·Biegler·
Ach! (Zuckt die Achseln)
·Zarncke· (voll wärmerer Anteilnahme)
Hm. (Es klopft) Herein.
Neunte Szene
_Die Vorigen._ _Lore_ (mit einem Teller, worauf Butterbrot)
·Lore·
Verzeihung, Herr Zarncke, Fräulein Mariechen hat befohlen.
·Zarncke·
Essen Sie.
·Biegler·
(gierig nach dem Teller sehend)
Danke! Ich hab' -- keinen -- Hunger.
·Lore· (leise, mitleidig)
Essen Sie nur.
·Biegler·
(blickt sich scheu um, will ein Butterbrot nehmen, sieht Zarncke fragend an)
·Zarncke·
Ja, ja, Sie dürfen.
·Biegler·
(dreht sich der Wand zu und schlingt das Butterbrot herunter)
·Zarncke·
Du, Lore, hol mal das Wasserglas.
·Lore·
(holt das Wasserglas vom Nähtisch)
·Zarncke· (Rotwein eingießend)
Bring ihm das. -- Übrigens: wie trägt's denn der Vater?
·Lore·
Gott, Herr Zarncke, er schimpft ... Ja, was ich fragen wollte: darf er den Dienst noch tun, bis ein Nachfolger da ist?
·Zarncke·
(mit einem Blick nach Biegler hin)
Nachfolger hab' ich schon.
·Lore· (dem Blick folgend)
Ach so.
·Zarncke·
Gefällt er dir?
·Lore·
Ach, is 'n armer Mensch!
·Zarncke·
Sag's nicht, wie du ihn hier gefunden hast.
·Lore·
Nein, nein. (Stellt das Glas neben Biegler, ab)
Zehnte Szene
_Biegler._ _Zarncke_
·Biegler·
(würgt eiligst den letzten Bissen hinunter und stellt sich in Positur)
·Zarncke·
Sie dürfen auch 'n Schluck von dem Wein trinken.
·Biegler·
Ja. (Äugt zweifelnd nach dem Glase)
·Zarncke·
Haben Sie keinen Durst?
·Biegler·
Erst geben Sie mir -- Wein zu trinken, und dann nehmen Sie mich _doch_ nich. Hä.
·Zarncke·
Erst trinken Sie mal.
·Biegler·
(dreht sich der Wand zu und trinkt zögernd, verstohlen)
·Zarncke·
Auf den Steinmetzplatz _wollen_ Sie. Aber gewissermaßen im verborgenen. So daß keiner was erfährt, daß Sie keinem Rede zu stehen brauchen -- hä?
·Biegler·
So was Schönes gibt's ja nich.
·Zarncke·
Vielleicht _doch_. Wollen Sie Wächter werden bei mir auf'm Platz?
·Biegler·
(in staunendem Nicht-glauben-wollen)
Herr Zarncke!
·Zarncke·
Na?
·Biegler·
Das is doch 'n Vertrauensposten.
·Zarncke·
Ja, das is es.
·Biegler·
Da müssen manche sogar Kaution stellen.
·Zarncke· (bejahend)
Hm ... Und wenn Sie Mittags ausgeschlafen haben, können Sie unter den Arbeitern mithelfen ... da fragt Sie keiner ... Na?
·Biegler·
Wird ja nicht lange dauern --
·Zarncke·
Das wird ganz von Ihnen abhängen.
·Biegler·
Dann kommen die Schutzleute -- und recherchieren ... Und dann is aus.
·Zarncke·
Sie wissen doch, daß solange der Verein die Fürsorge für Sie übernimmt, die Polizei sich mit Ihnen nichts zu schaffen macht.
·Biegler· (fatalistisch)
Die Schutzleute -- kommen doch.
·Zarncke·
Zu mir nicht ...
·Biegler·
Die Schutzleute kommen doch.
·Zarncke·
So hören Sie doch. Hierher kommt kein Schutzmann recherchieren. Das hab' ich mir ein für allemal verbeten. Und daß die Herren vom Verein, wenn _die_ kommen, Sie nicht verraten werden, das können Sie sich doch denken. ... Na?
·Biegler·
Das wär' ja ein solches Glück, wie man sich gar nich -- (Es klopft)
·Zarncke·
(geht zur Tür und öffnet sie)
Elfte Szene
_Die Vorigen._ _Jenisch_
·Zarncke· (ihm den Eintritt versperrend)
Was gibt's?
·Jenisch· (vom Hausflur her)
Verzeihung, Herr Zarncke -- die Polizei is da -- wegen --
·Biegler·
(zuckt heftig in die Höhe und macht eine unwillkürliche Bewegung, als wolle er sich verstecken)
·Zarncke·
Is gut. Soll 'n Augenblick warten. Komme gleich. (Schlägt die Türe zu)
Zwölfte Szene
_Biegler._ _Zarncke_
·Zarncke·
Na ruhig, ruhig, ruhig!
·Biegler· (sich wild umschauend)
Die Schutzleute kommen überall -- die --
·Zarncke·
Unsinn! Diese Nacht is eingebrochen worden bei mir. Deshalb kommen sie. Und eben deshalb sollen Sie auch Nachtwächter werden. Verstanden?
·Biegler· (würgend)
Herr Zarncke -- ich muß -- ich -- dank' Ihnen auch schön fürs Glas Wein ... ich ... kann nich in Dienst ... ich muß -- wieder weg.
·Zarncke· (schüttelt den Kopf)
Ja, zwingen kann ich Sie nich ... (Nach einem Schweigen) Haben Sie denn andere Arbeit in Aussicht?
·Biegler· (verneint)
·Zarncke·
Wer nicht Arbeit hat von euch, wird abgeschoben von der Polizei ... Unbarmherzig ... Wissen Sie das?
·Biegler· (bejaht)
·Zarncke·
Na und dann?
·Biegler· (zuckt die Achseln)
·Zarncke·
Schließlich zieht der Verein auch noch seine Hand von Ihnen -- und was dann?
·Biegler· (zuckt die Achseln)
·Zarncke·
(plötzlich seinen Ton ändernd)
Nu komm mal her, min Sähn. Komm, komm, komm, komm. (Zieht ihn nach vorne) Bienchen hast du doch keine?
·Biegler· (schüttelt den Kopf)
·Zarncke·
Na dann setz dir mal. (Zieht ihn in einen Stuhl) Du bist nu man büschen verbiestert, min Sähn ... Wat dir da im Kopp spukt, das will ich gar nich wissen ... Is auch ganz egal. Nu laß man schon büschen sorgen für dich. (Strenge) Und jetzt geschieht folgendes: Du kriegst mal zuerst 'n Anzug von mir ...
·Biegler·
(an sich niedersehend, freudig)
Ja, ja, ja, ja.
·Zarncke·
Du, du hast ja gar nich mal 'n Hemde an!
·Biegler· (eifrig, voll Ehrgefühl)
Jawohl -- hab' ich. (Reißt, um das Hemde zu zeigen, die Strickweste auf) Da! (Beschämt) Bloß -- Kragen hab' ich nich.
·Zarncke·
Also das kriegste alles auch. Und 'n warmen Mantel. Denn Nachts is noch kalt ... Und dann kriegst du 'ne Pfeife und 'ne Schnarre. Und die Kontrolluhren, die bis zum Abend ankommen, die erklär' ich dir. Wohnen tust du drüben im Sägewerk. Und essen tust du in der Kantine bei der Lore, die dir das Butterbrot gebracht hat. Verstehste?
·Biegler· (wie vorhin)
Ja, ja, ja, ja.
·Zarncke·
Und nun kümmerst du dich um Dodt und Deiwel nich mehr. Und so wollen wir langsam wieder 'n Menschen aus dir machen. Hä?
·Biegler· (nickt willenlos)
·Zarncke·
Na also.
(_Der Vorhang fällt_)
Zweiter Akt
Der Werkplatz. Links das _Wohnhaus_ mit vorspringender _Veranda_ und einem Balkon darüber, zu dem aus dem oberen Stockwerk eine Glastür führt. Zu ebener Erde ein Fenster. Rechts die _Kantine_ mit einer Tür in der Seitenwand und einem nach der Rampe zu gerichteten Fenster, vor dem eine Bank steht. Hinter der Kantine, ein wenig vorspringend, das _Magazin_, mit einer Tür und einer daneben angebrachten Glocke. -- Im Hintergrunde rechtwinklig zum Magazin ein offener, von Holzpfeilern getragener _Schuppen_, der sich mit seiner Hinterwand an die senkrechte Erhöhung lehnt, welche den hinteren Teil des Werkplatzes bildet und zu der in der Mitte des Hintergrundes eine schmale Treppe emporführt. Links von der Treppe mehrere hochaufgestapelte Steinblöcke, welche die Höhe des hinteren Teiles übersteigen. Über einem der Stapel ein _Kran_. Eine schmale _Feldbahn_ zum Transport der Blöcke führt an den Stapeln, der Treppe und dem Schuppen vorüber quer über die Bühne. Blöcke liegen überall verstreut. An den Wänden des Schuppens und der Häuser stehen und hängen, wo nur ein Platz sich findet, Gipsmodelle: Figuren, Reliefs, Ornamentstücke. Die Veranda ist mit Schlingpflanzen bewachsen, ein Baum neigt sich über ihr Dach. Das Kantinenfenster schmücken Blumentöpfe. Den _Prospekt_ bildet eine großstädtische Häuserreihe, die jenseits der am Werkplatz entlangführenden Straße gedacht ist. Ein Kirchturm ragt aus der Ferne herüber
Erste Szene
(Beim Aufgehen des Vorhangs zeigt der Platz ein überaus reiches Arbeitsleben. Vor den Blöcken arbeiten _Steinmetzen_ oder _Bildhauer_, die ersteren mit blauer Schürze, die letzteren mit langem, weißgrauem Kittel und Papier- oder sog. Raffaelmütze bekleidet. Der Kran ist im Gange. Niedrige Wagen transportieren Blöcke vorüber. Hilfeleistende _Arbeiter_ in beliebigem Werktagsanzug. Mittagsstimmung)
Vorne rechts _Göttlingk_ in Steinmetzentracht vor einem Blocke -- ein Gipsmodell daneben. Der Polier _Willig_ an einem anderen Blocke, messend. Unter den Arbeitern, die sich hinten zu schaffen machen, _Lohmann_, _Sprengel_, _Struve_
·Göttlingk·
(stämmig, mittelgroß, Stiernacken, blonder, schön geringelter Schnauzbart, Haar in geschniegeltem Bogen in die Stirn heruntergestrichen. Spielt den Kraftmenschen, großsprecherisch, übermütig, brutaler Charmeur. Er arbeitet mit Meißel und Klippel und singt dazu)
Na -- nun kommt auch noch die Sonne angekrochen. He, ihr Zitronenschleifer da hinten, hab' ich euch nich gesagt, ihr sollt mir den Block in den Schuppen schaffen? -- Lohmann, Sprengel, ihr andern, immer 'ran!
·Willig·
Du, Göttlingk, schnauz hier nicht so viel. Sag's lieber mir.
·Göttlingk·
Du hast mir gar nischt zu befehlen, mein Sohn.
·Willig·
Und du hast denen nischt zu befehlen.
·Göttlingk·
Wenn sie so dumm sind und gehorchen. (Lohmann, Sprengel und ein dritter Arbeiter sind nach vorn gekommen) Da, wie sie anhampeln! Hab du sie man so an der Strippe wie ich. (Befehlshaberisch) Also nu los!
·Lohmann·
Warten Sie man bißchen, hochgeborner Herr. Zehn Finger hat jeder zu verlieren. (Stemmt ein Brecheisen ein)
·Göttlingk·
Brecheisen weg! Ihr werd't mir die Kanten abstoßen.
·Sprengel·
Ohne Brecheisen geht's nich.
·Göttlingk·
So? Hä! Wenn ihr man stramme Kerls wärt, ihr Volk ... (Faßt mit an) ~Uno~ -- ~due~ -- ~tre~! (Der Block rückt weiter) Na, geht's oder nich?
·Lohmann·
Ja, wenn Sie so scheen ausländsch kommandieren! Sagst du zum Hund »kusch«, dann kuscht er. Bloß weil er's Franzesch so gern hat.
·Göttlingk·
Noch mal: ~uno~ -- ~due~ -- ~tre~! (Der Block rückt wieder) Ja, ja, Kerlchens. Grips im Kopp und Marks in de Knochen. Das ist die Hauptsache.
·Lohmann·
Und 's Messer im Sack nich zu vergessen.
·Göttlingk·
Lassen Sie man mein Messer in Ruh, mein alter Sohn. (Zieht ein Dolchmesser aus einer Lederhülse, die er am Leibgurt unter dem Kittel befestigt hat) Das is dreikantig geschliffen. Das schlupft (schnalzt, das Messer vorstoßend, mit den Lippen) wie 'n Küßchen ... Tut gar nich weh. Will einer probieren?
·Willig·
(der mißbilligend zugehört hat)
Du -- Göttlingk!
·Göttlingk· (zu ihm herübertretend)
Hä?
·Lohmann· (hinter ihm her, ingrimmig)
So 'n Paradehengst! (Die andern lachen)
·Willig·
Mach dich nich immer mit den Kerls gemein. Laß sie ihre Arbeit verrichten. Und damit gut!
·Göttlingk· (großspurig)
Pöh! Ich bin nu mal so 'ne leutselige Natur.
·Willig·
Mußte immer Bewunderer haben?
·Göttlingk·
(wendet sich lachend zum Stein zurück und kommandiert weiter)
Zweite Szene
_Die Vorigen._ _Zarncke_ (ist aus der Veranda getreten)
·Zarncke·
Polier!
·Willig· (respektvoll)
Herr Zarncke.
·Zarncke·
Is was zu melden?
·Willig·
Nein, Herr Zarncke.
·Zarncke·
Was tut der Kran da?
·Willig·
Er holt die Quadern fürs Sägewerk.
·Zarncke·
Bis morgen abend muß auch der Oberkirchner Block dort an der Treppe 'runtergeschafft werden, damit er Montag in Arbeit genommen werden kann.
·Willig·
Sehr wohl, Herr Zarncke.
·Zarncke·
Wie is die Verteilung heute?
·Willig·
Elf Steinmetzen auf'm Platz, fünfzehn draußen auf'm Bau, vier Bildhauer auf'm Platz, sechs auf'm Bau.
·Zarncke·
Wo is der Göttlingk heute?
·Willig·
Da is er ja.
·Göttlingk·
(den Stein betrachtend, dessen senkrechte mit Ornamenten bedeckte Seite jetzt oben liegt)
Donnerschock! ~Per Bacco!~ Den ganzen Dreckplatz soll der Deiwel holen! Du, Polier, komm mal her.
·Zarncke·
Was schimpfen Sie denn heute so wild um sich, Göttlingk?
·Göttlingk·
(lüftet einigermaßen verlegen die Mütze)
Verzeihung, Herr Zarncke, aber das soll wirklich der Deibel holen. Wie ich den Block drehen lass', da seh' ich, daß von gestern auf heute eine fremde Hand daran 'rumgemurkst hat.
·Zarncke·
(stutzt, ein Verdacht steigt in ihm auf)
Ach, Sie werden sich täuschen. (Tritt hinzu)
·Göttlingk·
Weil mir das schon einmal passiert war, hab' ich mir zu Feierabend immer 'n Zeichen gemacht ... Da, bitte!
·Zarncke· (den Stein betrachtend)
Von dem Blaustrich an?
·Göttlingk·
Jawohl.
·Zarncke· (nachdenklich, lächelnd)
Hm. So! -- Das is aber nich schlecht gemacht. Da ist Schwung drin. Wenn sich die Heinzelmännchen extra für Sie bemühen, Göttlingk!
·Göttlingk·
Wenn ich das Heinzelmännchen treff', dann gibt's eins zwischen de Rippen ... Was is das für'n Nachtwächter, der Kerl, der jetzt Nachmittags hier 'rumschleicht, wenn er so was zulassen kann? ... Das ist schlimmer wie Einbruch.
·Zarncke· (der abzulenken sucht)
Was hat denn der Nachtwächter damit zu tun? Wenn's finster is, kann man nich arbeiten.
·Willig·
Verzeihung, Herr Zarncke. Um fünfe, da is es schon lang hell.
·Zarncke· (beruhigend)
Ich werd' den Mann hernach mal fragen.
·Göttlingk· (murmelnd)
Das besorg' ich schon selber.
·Zarncke·
(mit Willig nach vorne kommend)
Sagen Sie mal, Polier, wie macht sich der Nachtwächter im übrigen auf'm Platz?
·Willig·
Der Mann ist fügsam und ordentlich und kann sich an Fleiß nicht genug tun. Aber -- schwach, Herr Zarncke.
·Zarncke·
Tja!
·Willig·
Und dann -- 'n bißchen sonderbar.
·Zarncke·
Inwiefern? (Ringsum ertönen Mittagssignale)
·Willig·
Er hält sich immer abseits. Gibt kaum Antwort. Manche fangen ihn schon zu verulken an.
·Zarncke·
Dulden Sie das nich, Willig!
·Willig·
Ja, da kann ich nich viel machen, Herr Zarncke.
·Zarncke·
Warum läutet denn der Eichholz nich Mittag? Eichholz!
·Willig· (zur Kantinentür laufend)
Eichholz!
Dritte Szene
_Die Vorigen_. _Eichholz_
·Eichholz· (angeheitert)
Haben bloß zu befehlen, Herr Zarncke! Wie der Blitz bin ich da -- ja! (Läutet die Glocke, die am Magazin hängt)
·Zarncke· (sieht kopfschüttelnd zu)
·Willig·
Er is jetzt immer im halben Dusel.
·Eichholz· (sich umschauend)
Na -- schläft der -- faule Hund -- noch?
·Zarncke·