Stein unter Steinen: Schauspiel in vier Akten

Part 1

Chapter 13,405 wordsPublic domain

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Stein unter Steinen

Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger Stuttgart und Berlin

Hermann Sudermann:

Geheftet

·Im Zwielicht.· Zwanglose Geschichten. 30. Aufl. M. 2.--

·Frau Sorge.· Roman. 83. bis 87. Auflage M. 3.50

·Geschwister.· Zwei Novellen. 27. Auflage M. 3.50

·Der Katzensteg.· Roman. 61. bis 65. Auflage M. 3.50

·Jolanthes Hochzeit.· Erzählung. 27. Auflage M. 2.--

·Es war.· Roman. 38. Auflage M. 5.--

·Die Ehre.· Schauspiel in 4 Akten. 32. Auflage M. 2.--

·Sodoms Ende.· Drama in 5 Akten. 23. Auflage M. 2.--

·Heimat.· Schauspiel in 4 Akten. 34. Auflage M. 3.--

·Die Schmetterlingsschlacht.· Komödie in 4 Akten 9. Auflage M. 2.--

·Das Glück im Winkel.· Schauspiel in 3 Akten 15. und 16. Auflage M. 2.--

·Morituri:· Teja. Drama in 1 Akt. -- Fritzchen. Drama in 1 Akt. -- Das Ewig-Männliche. Spiel in 1 Akt. 17. Auflage M. 2.--

·Johannes.· Tragödie in 5 Akten und 1 Vorspiel. 28. Auflage M. 3.--

·Die drei Reiherfedern.· Dramatisches Gedicht in 5 Akten. 14. Auflage M. 3.--

·Johannisfeuer.· Schauspiel in 4 Akten. 20. Aufl. M. 2.--

·Es lebe das Leben.· Drama in 5 Akten. 20. Aufl. M. 3.--

·Der Sturmgeselle Sokrates.· Komödie in 4 Akten. 15. Auflage M. 2.--

Die vorstehend verzeichneten Werke sind auch gebunden zu beziehen

Preis für den Einband:

in Leinen 1 Mark, in Halbfranz 1 Mark 50 Pf.

Stein unter Steinen

Schauspiel in vier Akten

von

Hermann Sudermann

Elfte Auflage

Stuttgart und Berlin 1905

J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger

~Copyright, 1905, by Hermann Sudermann~

Alle Rechte vorbehalten

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart

Personen

·Zarncke·, Steinmetzmeister.

·Marie·, seine Tochter.

·Frau Homeyer·, Wirtschafterin bei Zarncke.

·Jenisch·, Buchhalter.

·Eichholz·, Nachtwächter auf dem Werkplatz.

·Lore·, seine Tochter.

·Lenchen·, deren Kind.

·Willig·, Polier.

·Göttlingk·, Steinmetz.

·Jakob Biegler·.

·Reitmaier·, Kriminalkommissar.

·Lohmann·, } ·Sprengel·, } Arbeiter. ·Struve·, }

Bildhauer, Steinmetzen, Arbeiter.

Mehrere Frauen und Kinder.

_Ort der Handlung_: Berlin.

_Zeit der Handlung_: die Gegenwart.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Akt liegen drei Wochen, zwischen den folgenden Akten liegt je ein Tag.

Erster Akt

Wohnstube bei Zarncke. In der Mitte des Hintergrundes Tür nach dem Hausflur. Auf der linken Seite Tür nach Wirtschaftsräumen. Auf der rechten Seite ein breites Fenster nach dem Werkplatz führend. Davor, um eine Stufe erhöht, ein Podium mit bequemem Lehnstuhl und Tischchen. Links vorne ein Sofa mit Sofatisch und Sesseln. Im Hintergrunde links von der Tür ein Tischchen mit Wandkonsole darüber, rechts von der Tür ein Bücherschrank. Altväterisch-behagliche Ausstattung. Stahlstiche, Photographien, gestickte Sinnsprüche an den Wänden. Pfeifenständer, Zigarrenschränkchen, Bauer mit Kanarienvogel etc. etc.

Erste Szene

_Zarncke._ _Marie._ _Jenisch_

·Zarncke·

(Sechziger, mittelgroß, stark ergraut. Bartfunzeln auf den Backen. Gutmütig-vergnügte Äuglein. Sprechweise -- mit Anklängen ans Niederdeutsche -- weich, bisweilen harmlos polternd, voll stillen Grüblersinnes)

·Marie·

(Ende der Zwanzig, klein, bucklig. Fahle Krankheitsfarbe. Zwei schöne Augen voll wehmütig-lachender Güte. Gequetschte Sprache, bisweilen durch schweres Atmen unterbrochen. Bewegungen tastend, unsicher)

·Jenisch·

(behaglicher, beschränkter Zahlenmensch)

·Zarncke· (mit Jenisch eintretend)

Na, Miezelchen?

·Marie·

(die im Lehnstuhl sitzt, aufleuchtend)

Vaterchen! (Will aufstehen)

·Zarncke·

Sitzen bleiben! Sitzen bleiben! (Tritt zu ihr hin und küßt sie auf die Stirn) Läßte dir die Maisonne in 'n Magen scheinen? Das is recht ... Na, Jenisch, was haben Sie da!

·Jenisch·

Die neuen Sandsteinproben aus den Knauerschen Brüchen, Herr Zarncke. (Reicht ihm die kleinen Blöcke)

·Zarncke· (kratzt an den Rändern)

Schreiben Sie man den Leuten, mein Kontorbedarf an Streusand sei vorläufig noch gedeckt.

·Jenisch· (lacht respektvoll)

·Zarncke·

Zweite Post?

·Jenisch·

Jawohl. (Reicht ihm ein Paket Geschäftsbriefe)

·Zarncke·

(setzt sich an den Tisch und läßt die Kuverts durch die Hand gleiten)

Nischt -- nischt -- nischt. (Ein Kuvert öffnend) Machen wir. (Ein zweites) Machen wir desgleichen. »Verein zur Besserung entlassener Strafgefangener«. Möchten sie mir mal wieder einen andeichseln? ... Na, wollen mal sehn ... (Legt das Kuvert beiseite und schiebt Jenisch die anderen Briefe hin) Zurück zur Beantwortung! ... Und wenn die Leute von der Polizei kommen wegen heute nacht -- das sag' ich besser draußen. (Zu Marie) Verzeih mal! (Öffnet das Fenster. Das klingende Geräusch der Meißelschläge, das Klirren der Flaschenzugketten, das Quietschen der Windewagen wird hörbar) Sie da! Willig! Polier! (Lauter) Polier!

·Stimme des Poliers Willig·

Jawohl, Herr Zarncke!

·Zarncke·

Wenn die Leute vom Kriminal kommen, lassen Sie sie gleich aufs Kontor führen. Ich will nicht, daß sie mir den Platz rabiat machen mit ihrem dummen Gefrage.

·Stimme Willigs·

Jawohl, Herr Zarncke.

·Zarncke· (nachahmend)

Jawohl, Herr Zarncke. (Schließt das Fenster, das Geräusch hört auf)

·Marie·

_Mußtest_ du's denn anzeigen, Vaterchen?

·Zarncke·

Ja, das frag' ich mich auch. Aber ich kann mir doch nicht zu nachtschlafender Zeit in meinen Magazinschlössern rumpulen lassen. Womöglich noch »Schön Dank« sagen ... Hören Sie mal, Jenisch, euch auf'm Kontor geht's ja eigentlich nischt an, aber wie denken Sie über den alten Eichholz?

·Jenisch·

Ja, Herr Zarncke, wir meinen, er wird sich nich mehr lange halten lassen. Als Wächter.

·Zarncke·

Na, als was denn sonst?

·Jenisch·

Das weiß ich ja nich.

·Zarncke·

Sinekuren gibt's nich bei mir auf'm Platz. Selbst mein Kanarienfritze hat sein Geschäft. Wenn der nich singt, dreh' ich ihm den Hals um.

·Marie· (lächelnd)

Na, na.

·Zarncke·

Was ist hier zu na-na-en! (Zärtlich) Du -- hä?

·Marie· (lacht)

·Zarncke·

Der Alte hat seine dreißig Dienstjahre. Hat 's Geschäft groß werden sehen ... Wird mir schwer! (Pause) Abends, wenn er elfe gepfiffen hat, setzt er sich friedfertig auf einen Block, und dann sägt er los. (Ahmt einen Schnarchton nach) Und derweilen pulen mir die Herren Einbrecher in den Schlössern rum. Mir schwant so was, min Döchting, diese Instituschon is nich das richtige.

·Marie· (lacht)

·Zarncke·

Also, Jenisch, ziehn Sie sich tapfer zurück.

·Jenisch· (lachend)

Adieu, Fräulein Mariechen.

·Marie·

Adieu, Herr Jenisch.

Zweite Szene

_Zarncke. Marie_

·Zarncke·

Dabei weiß ich genau, wer's gewesen is.

·Marie·

Am Ende gar der -- --?

·Zarncke·

Na natürlich.

·Marie· (lachend)

Du weißt ja noch gar nicht, wen ich meine.

·Zarncke·

_Du_ meinst den Struve. Und _ich_ mein' den Struve. Und draußen auf dem Platze meinen sie _auch_ den Struve. Aber weil sie mich nich blamieren wollen, tun sie, als hätten sie keinen Dunst ... Wozu hab' ich nu mal den Besserungspuschel? ... Wenn ich das Luder jetzt nich wieder raushaue, kriegt er zehn Jahre.

·Marie·

Um Gottes willen!

·Zarncke·

Fünfmal vorbestraft ... Davon zweimal mit Zuchthaus. Billiger tun sie's da nich ... Und so 'ne Seele von Mensch. Als die Steinmetzen neulich für den brustkranken Emil sammelten -- wo er doch als Arbeiter eigentlich gar nischt mit zu tun hat -- Wochenlohn blank auf den Tisch gelegt. Und muß mausen! ... Nämlich die Diamantsplitter in den neuen Zahnsägen haben's ihm angetan. Macht er dem Polizeimann dieselbe wehmutsvolle Gaunerschnauze, die er mir heute gemacht hat, dann sitzt er schon im Kittchen ... Ach, was hat man für'n Kreuz mit diesen Kerls! Immer wieder saust man rin.

·Marie·

Na, manchmal auch nicht.

·Zarncke·

Hm! Der Auschwitz war gut. Dem Blankmann hab' ich das Leben gerettet. Der Thiele hat sogar Karriere gemacht. Aber -- nee! -- nu Schluß! -- Ich nehm' nu nich _einen_ mehr, den mir der Verein zuschanzt.

·Marie·

Na, na!

·Zarncke·

Mariechen, ich schwör' es dir. (Das Kuvert aufnehmend) Und wenn dies hier -- ein Lämmlein is, mit Zucker bestreut, ich tu's nicht. (Das Kuvert aufreißend) Wollen mal gleich sehn!

·Marie·

Weißt du, Vaterchen, dann lies lieber nicht. Nachher ist es ein interessanter Fall, und dann --

·Zarncke·

Kann's auch ungelesen zurückschicken. (Unschlüssig) Aber -- -- -- du, klingel mal, daß die Homeyer mir das Frühstück bringt.

·Marie· (klingelt)

·Zarncke·

(die Papiere musternd, die in dem Kuvert stecken)

Da is nu ein ganzes Schicksal drin.

·Marie· (bittend)

Vaterchen, mach dir das Herz nicht schwer. Lies lieber nich.

·Zarncke·

Man soll zwar keinen von seiner Türe weisen. Na, wie du meinst. (Legt das Kuvert hin)

Dritte Szene

_Die Vorigen. Frau Homeyer_

(Frau Homeyer, kraftvolle, hübsche Person, zu Anfang der dreißig. Energische Bewegungen. Haare kokett gelockt, mit einem Stich ins Gemeine)

·Frau Homeyer·

(die Frühstückstablette mit belegten Brötchen und einer Rotweinflasche hereintragend)

Schönen guten Morgen wünsch' ich.

·Zarncke·

Wir haben uns ja heut schon gesehn, Homeyerchen.

·Frau Homeyer·

Wenn auch. Ich sag' noch mal »Guten Morgen«. Das ziemt sich für mich. (Auf die Tablette weisend) Is alles gut so?

·Zarncke·

Hm. Fein.

·Frau Homeyer·

Fräulein Mariechen, was möchten Sie?

·Marie·

Danke. Danke.

·Frau Homeyer·

Is Ihnen heute wieder nich ganz frisch?

·Marie·

Doch. Doch.

·Frau Homeyer·

Nu sagen Sie doch. Ich will doch sorgen für Sie. Ich kann mir gar nich genug tun für Sie.

·Zarncke·

Ja, ja, Sie sind eine Perle.

·Frau Homeyer·

Herr Zarncke, ich kümmre mich um keinen Menschen sein Lob. Ich bin eine ehrbare Witwe. Wer so viel Leid durchgemacht hat im Leben, wie ich -- ach ja!

·Zarncke·

Ihr vieles Leid is Ihnen aber ganz gut bekommen, hören Sie mal.

·Frau Homeyer·

Ach ja. Ich hab' mir ganz gut konserviert.

·Zarncke·

Und dann so die ehrbare Lebensweise.

·Frau Homeyer· (seufzend)

Ja, ja.

·Zarncke·

Hören Sie mal, Kindchen, noch eine Frage: Haben Sie vielleicht irgend was gehört, heute nacht?

·Frau Homeyer·

Ja. Gehört hätt' ich wohl so einiges. -- Schritte und so.

·Zarncke·

Warum haben Sie denn nichts davon gemeldet?

·Frau Homeyer·

Hat mich ja keiner gefragt. Außerdem: ich geb' keinen an. Ich misch' mich nich in fremde Sachen.

·Zarncke·

So -- das sind fremde Sachen für Sie?

·Frau Homeyer·

Gott! Wo hab' ich denn gedacht, daß es gleich Einbrecher sind?

·Zarncke·

Na, was denn sonst?

·Frau Homeyer·

Ich hab' gedacht: es is eben Frühling, -- da werden die Mannsleute doll --

·Zarncke·

Und die Weibsleute auch.

·Frau Homeyer·

Von mir können Sie so was nich sagen, Herr Zarncke. Von dem Tage an, daß mein armer sel'ger Mann --

·Zarncke·

Scht, scht, scht! _Wenn_, dann würd's auch nichts ausmachen. Na -- und?

·Frau Homeyer·

Und der alte Eichholz schläft natürlich. (Mit Betonung) Und die Tochter schläft eben auch. Nu ja.

·Zarncke·

Ach so! Das geht gegen die Lore!

·Frau Homeyer·

Ich hab' nichts gesagt. Ich misch' mich in gar nichts. Laß das Fräulein Lore tun, was sie will. Es braucht nich jede so'n Wandel zu haben, wie ich. Aber schließlich läuft auf dem Werkplatz 'n kleines Mädchen rum. Vater unbekannt.

·Zarncke·

Der Vater ist nicht unbekannt.

·Frau Homeyer·

Ach ja, man nennt ja wohl so gewisse Namen. -- Warum heiratet er sie denn nich?

·Zarncke·

Das geht mich nichts an. Und Sie auch nicht ... Was hast du, Mariechen?

·Marie·

(die mit geschlossenen Augen in den Sessel zurückgesunken ist)

Nichts, Vaterchen. Du weißt ja. Mir wird manchmal so grasgrün.

·Frau Homeyer·

(die eilig ein Glas Wasser gefüllt hat)

Glas Wasser, Fräulein Mariechen? Glas Wasser?

·Marie· (trinkt -- matt)

Danke schön.

·Frau Homeyer·

Sonst noch Wünsche? ... Nein. (Da niemand antwortet, ab)

Vierte Szene

_Zarncke. Marie._ Später _Lenchen_

·Zarncke·

Miezelchen!

·Marie·

Verzeih schon, Vaterchen. Es ist wohl der Frühling. Der macht einem Kopf und Glieder so schwer.

·Zarncke·

Ja, ja, es is der Frühling ... Selbst ich alter Knochen spür' ihn. Willst nich was essen? Wart, ich bring' dir. Der Doktor hat gesagt, du sollst eine sitzende Lebensweise führen, also führe du eine sitzende Lebensweise. (Setzt den Teller vor sie hin und nimmt ein Brötchen) Ganz lecker! Magst du das Frauenzimmer eigentlich?

·Marie·

Ach Gott!

·Zarncke·

Ich hab' sie so lieb, weil sie mich so hübsch anschwindelt. Bißchen Kuddelmuddel muß sein um einen 'rum, sonst weiß man gar nich, daß man lebt ... Jetzt läuft sie auch hinter dem Göttlingk her. Darum der Haß auf die Lore ... Ja, der Frühling! ... Und mit dem Arbeiten gar da geht's bei allen nich ... Sie pfeifen die Sonne an, und wenn sie Mittags auf den zwei Richtscheiten liegen, dann sind sie nich hochzukriegen. (Seufzend) Junges Volk! ... Übrigens, du! Zu der Amsel auf dem Kantinendach hat sich ein Weibchen gefunden.

·Marie· (freudig)

Ach! Gott sei Dank. Dann wird sie sich nich mehr die Seele aus dem Leibe schreien ...

·Zarncke·

Andere Leut' schweigen sich die Seele aus dem Leibe.

·Marie· (betroffen)

Wie meinst du das?

·Zarncke·

Na, is doch so ... Schadt nischt! Sein Geheimfach hat jeder. --

·Marie· (hinaushorchend, ruft)

Lenchen! (Sie öffnet das Fenster, der Lärm des Werkplatzes dringt herein, wie vorhin) Lenchen!

·Die Stimme Lenchens· (jubelnd)

Tante Mariechen!

·Marie·

Komm ans Fenster! Komm!

·Zarncke·

Tante nennt sie dich?

·Marie·

Soll sie nicht, Vaterchen?

·Zarncke·

Ja, ja. Kommt auf eins 'raus.

·Marie·

Na, kletter hoch!

·Lenchens·

(Kopf erscheint in der Fensteröffnung)

Tag, Tante Mariechen.

·Marie·

Klettre, Katz! Klettre!

·Lenchen·

Mußt helfen.

·Zarncke·

(da Marie eine Bewegung macht, rasch)

Nicht du! Ich, ich! (Zieht das Kind durch das Fenster herein und setzt es auf den Boden)

·Lenchen·

(die Arme um Mariens Knie schlingend)

Tante Mariechen! Tante Mariechen!

·Marie· (sie herzend)

Willst 'n Bonbon oder 'ne Butterstulle?

·Lenchen·

Butterstulle.

·Marie·

(gibt ihr ein zusammengeklapptes Butterbrot)

·Lenchen·

(setzt sich ihr zu Füßen auf die Stufe des Podiums und ißt unbekümmert)

·Marie·

Und das soll nun 'ne Schande sein -- so ein Engelskind!

·Zarncke·

Hättst wohl gern so 'n Stückchen Schande an dir?

·Marie· (inbrünstig)

Ach so gerne, Vaterchen, so gerne!

·Zarncke·

Tja! Vielleicht gibt sie's dir!

·Marie·

So was zu fordern, hätt' ich nicht das Herz. (Streichelt die Kleine und spricht leise zu ihr)

·Zarncke·

Tja! (Geht an den Tisch, trinkt ein Glas Rotwein, sieht verstohlen nach Marie, nimmt das Kuvert, reißt die Papiere heraus und beginnt zu lesen)

·Marie·

(sieht es, lächelt und macht sich von neuem mit der Kleinen zu schaffen)

·Zarncke· (murmelnd)

Zu mir will der Mensch? Warum will der Mensch gerade zu mir? (Steckt die Papiere heimlich ins Kuvert zurück und geht erregt im Zimmer umher) Was kann man da machen? Was --

·Marie· (bittend)

Vater!

·Zarncke·

Was denn?

·Marie·

Allen hilfst du! Jeder Verbrecher kann zu deiner Türe kommen. Hilf doch auch dem Kinde!

·Zarncke·

Ja, leicht gesagt! ... Wie?

·Marie·

Rede mit Göttlingk wegen Lore.

·Zarncke·

Ich _hab_' mit ihm geredet. Zwingen kann ich ihn nicht.

·Marie·

Erst wollt' er noch auf die Wanderschaft. Fünf Jahre ist er weg gewesen. Als Herr ist er wiedergekommen.

·Zarncke·

Herr? ... Künstler! Künstler is er geworden. Dieser wüste Kerl kann mehr als ... Seinethalben braucht' ich gar keine Bildhauer mehr. Den schwierigsten Auftrag kann ich annehmen, seit er da ist.

·Marie·

Vater, sprich mit ihm. Nun wird sie auch noch den Schmerz erleben mit dem Alten. Ich mag das Elend nicht mehr mit ansehn.

·Zarncke·

Er sagt, er kann noch nicht. Er hat noch Höheres vor.

·Marie·

Je Höheres er vorhat, desto schlechter wird sie ihm.

·Zarncke·

Komm' ich ihm grob, dann wirft er mir den Meißel vor die Füße. Na und dann? ... Weißt du: Sprich du mit ihm.

·Marie· (erschrocken)

Ich? ... Nein, nein, nein.

·Zarncke·

Warum nicht?

·Marie·

Vaterchen -- das -- kann ich nicht.

·Zarncke·

Siehst du. Man kann manches nicht. (Es klopft) Herein.

Fünfte Szene

_Die Vorigen. Eichholz_

(Eichholz: Ende der Sechzig, knickbeinig, würdevoll-finster, mit militärischem Anflug, alter Schwadroneur, fast weißes, buschiges Haar, Rundbart mit ausrasierter Oberlippe, Bratenrock mit Ordensschnalle und eisernem Kreuz)

·Zarncke·

Na Eichholz! Ausgeschlafen?

·Lenchen· (ihm entgegen)

Großvaterchen! Großvaterchen!

·Eichholz· (will sie nicht sehen)

·Marie·

Pscht! Lenchen! Komm her! Großvater hat keine Zeit. (Sie beginnt zu sticken. Das Kind spielt)

·Eichholz·

Nja.

·Zarncke·

Und so feierlich! Was is denn los?

·Eichholz·

Herr Zarncke -- ich möchte -- freundlichst -- um meine Entlassung gebeten haben.

·Zarncke·

(mit Marie einen erfreuten Blick wechselnd)

Sieh mal an!

·Eichholz·

Denn ich habe nämlich in Erfahrung gebracht -- daß die Steinmetzen behaupten -- _wollen_, daß ich gewissermaßen -- meines Amtes nicht mehr gewachsen bin.

·Zarncke·

So?

·Eichholz·

Denn im Punkte des Ehrgefühls, da laß ich mir nicht drankommen. Und wenn die Steinmetzjungens sich die Schnauze verbrennen, damit, daß sie nicht wissen tun, was ein gewissenhafter Mann ist, und was ein sehr tauglicher Mann ist --

·Zarncke·

Nu kohlt er wieder.

·Eichholz·

Und was ein königstreuer Mann ist ... Und wo ich mir habe in Ihrem Dienste lädiert, daß ich mir habe nämlich die Schulterblattmuskeln ausgefallen.

·Zarncke·

Ich weiß, ich weiß, ich weiß.

·Eichholz·

Und wo ich da immer noch ein wollenes Fellchen, wie man so sagt, ein Puschemauchen, drum herumtrage, wegen den Reimantismus, wo ich mir auch im Dienste geholt habe.

·Zarncke·

Ja -- so Nachts auf dem kalten Stein schl-- (sich rasch verbessernd) sitzen -- sitzen, das hält der Kräftigste nicht aus.

·Eichholz·

Ich? Sitzen? ... Sitzen? Ich -- Nachts? Nu sagen Sie bloß noch, Herr Zarncke, ich hab' auch die Augen zugemacht, dann kann ich ruhig jehn, mir aufhängen.

·Zarncke·

Na, na, na. Sagt ja keiner. (Zu Marie) Was fängste da an?

·Eichholz·

Wo ich doch schon Kummer genug hab' -- mit meine Tochter -- und hier mit -- diese -- diese -- Mestize.

·Marie· (hebt erstaunt den Kopf)

·Zarncke·

Wieso Mestize?

·Eichholz·

Nu, was ein ungebührliches Kind is -- 's is ja schlimm, daß man das selber sagen muß, -- aber das is doch nich anders, das is doch eine Mestize.

·Zarncke·

Ach, Sie haben wohl ein Indianerbuch gelesen?

·Eichholz·

Ja, so Sonntagnachmittag, wenn ich 'n freien Momang habe, dann les' ich wohl sehr gerne in de Indianerbiecher.

·Zarncke·

Nu hören Sie mal, lieber Eichholz, alter Kriegskamerad, wie wär's, wenn Sie sich mal 'n bißchen mehr Ruhe gönnten?

·Eichholz·

Ja, ich bin aber ausgeschlafen so gegen zehne.

·Zarncke· (leise zu Marie)

Kunststück! ... Nein, nein, ich meine zur Nachtzeit, Eichholz.

·Eichholz·

Ja, wenn man das so ginge, Herr Zarncke. Aber was 'n gewissenhafter Wächter is und 'n tauglicher Wächter is, der hat Ohren, sag' ich Ihnen, der hört den Maulwurf graben zur nächtlichen Stunde, sag' ich Ihnen.

·Zarncke·

Aber von Einbrechern haben Sie heute nacht nichts gehört -- hä?

·Eichholz·

Hähähähä! Da lach' ick äwwer.

·Zarncke· (ernst)

Heute nacht ist nämlich eingebrochen worden, Eichholz.

·Eichholz· (gekränkt)

Fangen Sie nu auch so an, Herr Zarncke, wie die Steinmetzjungens?

·Zarncke· (ernst)

Ich muß wohl, Eichholz.

·Eichholz· (versteht, fassungslos)

Ach so! (Sein Gesicht verändert sich)

·Zarncke· (bittend)

Nu sehn Se mal, alter Freund. Sie gehn auf die Siebzig. Nu schlafen Sie sich doch mal ordentlich aus. Im Bett. Verstehen Sie. Im ordentlichen Bett.

·Eichholz· (kläglich)

Ich kann gar nich im Bett schlafen.

·Zarncke·

Dann werd' ich Ihnen einen schönen, harten Granitblock in Ihre Schlafkammer schaffen lassen ... damit Sie Ihre Bequemlichkeit haben ...

·Eichholz· (brütend)

Nja.

·Zarncke·

Und Not sollen Sie auch nich leiden. Ich setz' Ihnen 'ne Pension aus ... Können auch wohnen bleiben ... Bei Tag schustern Sie 'n bißchen oder läuten die Pausen ab oder helfen Ihrer Tochter in der Kantine.

·Eichholz·

Und gewöhn' mir das Saufen an.

·Zarncke·

Sie werden doch nich.

·Eichholz·

Herr Zarncke, ich bin ein Mann -- hochgeehrt -- ich hab' anno 70 immer mit am Offezierstisch gegessen.

·Zarncke·

Na, na.

·Eichholz·

Ja ... Ich bin nie 'n Fettschmecker gewesen und 'n Saufjee, ich hab' noch nich mal 'n Stückschen Käse ins Schnapsglas getunkt.

·Zarncke·

Schmeckt ja auch gar nich.

·Eichholz·

Das is nu Ansichtssache, Herr Zarncke ... Aber wenn man in eine so lausige Beschaffenheit versetzt wird, daß das Ehrgefühl im Menschen so sehr gekränkt wird, wo man doch von seinem redlichen Schustergewerbe nichts mehr übrig hat wie 'n paar Lederabfälle und zehn steifgewordene Finger ... und ehe man so'ne Schandpanksjohn annimmt ...

·Zarncke·

Sie sind ja ein ganz beißiges altes Vieh, hören Sie mal ...

·Eichholz·

Ich ... ich ... hab'... ich ... (Würgt)

·Zarncke·

Na, na, Eichholzchen ... Nu si doch man wedder good, min Sähn.

·Eichholz· (befehlshaberisch)

Lenchen!

·Marie· (ängstlich)

Nein, nein, das Kind bleibt hier.

·Eichholz·

Ich und Lenchen -- wir gehn jetzt aus'm Haus.

·Zarncke·

Wenn Sie aus dem Hause gehen wollen, Eichholz, dann kann ich nichts dagegen haben -- das heißt, Sie werden sich ja noch anders besinnen --

·Eichholz·

Na, glauben Sie, geehrter Herr, ich werd's mit ansehn, daß irgend so ein hergelaufener Sch -- Schlump jetzt sagen kann, ich bin dem weggejagten Alten da -- sein Nachfolger. Das -- nee -- nee -- nee! Ich hab' noch 'ne kleine Nachrechnung, Herr Zarncke. Wegen ein paar reparierte Absätze, die schenk' ich Ihnen, Herr Zarncke. Ich arbeit' nich mehr für Sie ... Guten Morgen, Herr Zarncke. (Ab)

Sechste Szene

_Zarncke. Marie. Lenchen. Später Lore_

·Zarncke· (verzweifelt)

Na -- nu is er rabiat. Nu geht er sausen. --

·Marie·

Du warst milde genug, Vaterchen.

·Zarncke·

Ja, wenn's Maschinen wären. Aber jeder is 'n Mensch. Jeder hat sein Schicksal.

·Marie·

In sich, Vater.

·Zarncke·

Wenn das wahr wäre, dann wär' ich nicht schon so vielen ihr Schicksal gewesen ... In sich! ... Spreu sind wir im Winde. Es kommt nur drauf an, von wo er bläst ... Na -- vielleicht kann man's an einem andern wieder gutmachen. (Nimmt die Papiere) Da wird heute einer kommen. So einen hatten wir noch nicht.

·Marie·

Was hat er denn pekziert?

·Zarncke·

Frag nicht. Nachher drückt's dich.

·Lores Stimme· (draußen rufend)

Lenchen! Lenchen!

·Lenchen· (aufhorchend)

Das is Mama. Ich will zu Mama.

·Marie·

(das Fenster öffnend, durch das diesmal kein Geräusch hereindringt)

Das Kind is bei mir drin, Lore.

·Zarncke· (nach der Uhr sehend)

Alles still? Is schon Frühstückspause?

·Lores·

(Kopf erscheint in der Fensteröffnung)

Dank' schön, Fräulein Mariechen. (Zu Lenchen, die die Arme ausstreckt, sich vorbeugend) Na, hopp!

·Zarncke·

Du kannst mal 'reinkommen, Lore.

·Lore·

Wenn ich darf, Herr Zarncke. (Verschwindet)

·Marie·

(schließt das Fenster und beruhigt Lenchen, die weinen will)

·Zarncke·