Spitzen und ihre Charakteristik

Part 7

Chapter 71,774 wordsPublic domain

Daß ~points d'Angleterre~ wie alle Spitzen verschiedene Entwicklungsstufen zeigen, ist kein Wunder. Zuerst also mit ~brides rosacé~, dann dem Droschelfond, häufig mit ~jours~ aus ~brides~ als Übergang, dann Droschelfond in Streifen angefertigt und appliziert. ~point d'Angleterre~ wurde durch die baumwollene Brüsseler Applikation verdrängt und wird heute nicht mehr gemacht.

Der Streit, der sich um den Namen ~point d'Angleterre~ entsponnen hat, führt zu vielen Irrtümern. Man will sie als Gattung[11] ganz leugnen; doch mit Unrecht, denn in alten Schriften findet man sie häufig erwähnt. Nur wäre zu erklären, wieso sie zu diesem Namen kamen: In aller Stille hatte England an seinem Reichtum und an seiner Industrie gearbeitet, man sprach nicht viel von dem Inselvolke, es hatte kein ~Versailles~ und war damals noch nicht Mode machend, aber es war reich geworden und der Wohlstand war in allen Klassen verteilt, es hatte einen angesehenen Bürgerstand und Patricier, wie die Niederländer und West- und Mittel-Deutschen, die Menschen waren energisch, fleißig und aufwärts strebend. Zur Zeit als in Frankreich schon die groben Mißwirtschaften des französischen Hofes und Adels das Volk und den Bürgerstand in seiner Entwicklung hinderten.

[11] Man kann aber ebensogut diese selben Spitzen alte Brabanter, alte Brüsseler, nennen -- es erscheint mir nur angezeigt, den wirklich einst gebräuchlichen Namen zu verwenden.

Von keinem Volke hatten die Engländer so viel gelernt, wie von den Niederländern. Wenn es heute noch in Wolle, Tuch und Leinweberei an erster Stelle steht, verdankt es dies den Lehren der Niederländer, das Praktische machte es sich zu eigen und überholte die Niederländer darin; das Schöne aber entlieh es und wußte es zu zahlen. Ein Holbein, ein Van Dyk wurden in England gefeiert und ihre Leistungen wurden mit Gold aufgewogen; so wußten sie die Spitzen der nahen Niederlande auch zu schätzen und sie bildeten einen bedeutenden Ausfuhr-Artikel von Belgien nach England. Dieses war damals nicht selbständig in Mode und Geschmack, wenn es aber nicht alles aus Frankreich bezog, was Luxus anbelangt, so mag das seinen Grund darin gehabt haben, daß Frankreich alle Höfe und alle Moden des Kontinentes zu versorgen hatte und der regen Nachfrage entsprechend, hohe Preise machte; mit den Niederlanden und Belgien stand England von jeher in steter Verbindung, es waren verwandte Volksstämme, Schiffervolk und Kaufleute und wenn sie nicht direkt Ware tauschten, so geschah dies doch indirekt, durch Gesetze und Bestimmungen für Zölle, Begünstigungen und Verbote von Warenausfuhr, die sich in beiden Ländern für einander regelten. Erließ England ein zu großes Einfuhrsverbot gegen Spitzen, antworteten die Niederlande mit dem Boykott der englischen Wolle, bis das erstere Verbot widerrufen wurde. Es ist selbstverständlich, daß ein reicher und angesehener Kunde stets Rücksicht und Entgegenkommen von Seite des Verkäufers finden wird und so wurden auch die oben geschilderten Brüsseler Klöppelspitzen in zusammengesetzter Ausfertigung für den englischen Markt ~points d'Angleterre~ genannt, daß dieselben Spitzen unter dem gleichen Namen in Frankreich Furore machten ist nicht zu verwundern. Viele Spitzen mögen von Belgien über den Kanal nach England und wieder über das Wasser nach Frankreich gewandert sein. Dieses kleine Manöver verlohnte sich der Mühe, denn Frankreich hatte sich gegen belgische und Venetianer Spitzen-Einfuhr mit enormen Zöllen geschützt, und für das nicht Spitzen produzierende England war kein Zoll vorgesehen. Außerdem war damals die Herzogin Henriette von Orleans, eine englische Prinzessin, vielleicht angesehener und tonangebender wie die Königin, welche ein Scheinleben der Etikette führte, während die englische Prinzessin, elegant und liebenswürdig, sogar eine Zeitlang als der Flirt ihres königlichen Schwagers galt.

In neuerer Zeit versuchten einige Autoren, es sei betont, nicht englische, zu beweisen, daß der ~point d'Angleterre~ nichts anderes als wie der schöne Vorgänger der Honitons sei, aber wie beweisen sie es? Durch nichts. Überall in den Dokumenten der damaligen Zeiten liest man, wenn von Spitzen die Rede ist, vom ~point d'Angleterre~, er war ganz ungemein verbreitet und es wäre kaum zu begreifen, daß diese massenhaften Erzeugnisse der englischen Industrie ganz unnachweisbar verschwunden sein sollten. Es soll das kostbare Geheimnis des schönen Brüsseler oder Droschelfonds, den kein anderes Spitzenland je zu verfertigen wußte, besessen haben und doch nirgends erwähnt werden? Dagegen sollen die authentischen Erwägungen und Berichte über den schwunghaften Schmuggel der belgischen Spitzen nach England kein Beweis sein, daß England enorme Summen dafür ausgab, obwohl es zu Hause die herrlichen und hochmodernen ~points d'Angleterre~ hätte kaufen können. Einmal, wird erzählt, wurde eine ganze Schiffsladung belgischer Spitzen konfisziert -- wie viele Tausende von Metern müssen das gewesen sein! ~point d'Angleterre~ war eine neue Schöpfung und um diese zu lancieren, mußte man einen Namen erst erfinden, denn sie mußte als etwas Neues hervorgehoben werden. So war der Name ~point d'Angleterre~ in mannigfacher Art opportun.

~Duval~ bringt ein Dokument zum Abdruck:

»~Un arrêt de Conseil d'Etat du 12 mars 1691.~

~Les ouvriers qui travaillent aux dentelles de fil ont depuis quelques années inventé une façon de dentelles faites par morceaux ou pièces de rapport qui sont ensuite rassemblées au fuseau appelées communément dentelles d'Angleterre ou dentelles de Bruxelles dont la fabrique est très mauvaise et l'usage de peu de durée. Cette nouvelle façon de dentelles pourrait insensiblement diminuer la qualité et valeur des autres bonnes dentelles etc.~

~Sa Majesté desirant empêcher un abus si préjudiciable au commerce defend etc. etc.~«

Freilich stammte aus jener Zeit die Einführung und Gründung der ~Honitons~, die aber als Spitzengattung nicht im geringsten den Vergleich mit alten ~point d'Angleterre~ aushalten. ~Honitons~ sind Spitzen, die große Ähnlichkeit mit den ~duchesses~ haben, sie sind im Grunde nichts anderes. Niemals aber erreichen sie den Reichtum, die Abwechslung an Füllungen und ~jours~, diesen Stil der Zeichnung im Einklang mit der geistreichen Interpretation wie die ~points d'Angleterre~; wer darüber sprechen will und dies behauptet, hat eben noch nie wirklich schöne alte ~points d'Angleterre~ gesehen, die tatsächlich sehr selten und kostbar sind. ~Points Honiton~ sind eben ~Duchesse~ mit meistens recht minderen Zeichnungen und einer sehr handwerksmäßigen Interpretation.

~Chantilly.~

~Chantilly~ sind Spitzen, die unter Louis XIV. Regierungszeit in der französischen Stadt dieses Namens aufgekommen sind. Es sind Spitzen, die aus Seide und zwar aus der besten verfertigt wurden; meistens versteht man darunter schwarze Spitzen, aber sie wurden auch in Weiß ausgeführt. Es sind Spitzen, die in großen Volants und Tüchern hergestellt wurden und eine Zeitlang auf hellem Seidengrund vielfach bei Hof getragen wurden. Die Mode fällt in die Zeit, als überhaupt die breiten Volants für Toiletten begehrt wurden, es sind die Spitzen, die als erste in dieser Größe und Ausdehnung gemacht wurden. Als ~réseau~ kam der ~fond de Lille~ und ~fond chant~ (~de Paris~) in Anwendung. Sie wurden unendlich fein und zart gearbeitet und geklöppelt und der Dessin ist mit einem stärkeren Faden gebildet. Später unter Louis XV. wurden die Zeichnungen stark stilisiert und spärlich. ~Chantilly~ waren stets von der Fluktuation der Mode sehr beeinflußt, naturgemäß kamen sie zu Zeiten von Hof- und Landes-Trauer immer wieder in Mode. So kann man großen Bedarf unter Louis XV. -- Louis XVI., dann unter Josefine und Kaiserin Eugenie konstatieren. Im Anfang des XIX. Jahrhunderts brachten sie eine Neuerung, das dreieckige Tuch; diese Form wurde den damals alles beherrschenden indischen Schals entliehen und vertrat diese im Sommer.

Es sind Spitzen, die sehr unter der ~decadence~ der Zeichnung um die Mitte des XIX. Jahrhunderts litten. Doch war die Ausführung eine zarte, sorgfältige und kostbare.

Sie haben in der Fabrikation die einzige Eigenart, daß sie in Streifen, gleichgiltig ob ~réseau~ oder Dessin, gleichmäßig hergestellt und dann durch unsichtbare Zusammenfügung zu großen Stücken gestaltet wurden.

Es war durch mehr wie ein Jahrhundert gebräuchlich, daß ~Chantilly~ wenigstens durch ein Stück in einem eleganten Trousseau vertreten war. In modernen Zeiten wurden sie in gröberer Ausführung in ~Grammont~ und Belgien hergestellt, doch da an dem Rohmaterial, einer stark und schwerfällig gefärbten Seide gespart wurde, erreichten sie nicht den Glanz und die Elegance der ursprünglichen ~Chantilly~-Fabrikation. Außer der europäischen Mode hatten sie eine große Bedeutung in der spanischen Nationalkleidung, wo sie neben den schwarzen Blonden in Spanien und in dessen Kolonien ungemeine Verbreitung hatten.

Doch keine von allen Spitzengattungen wurde so schnell und gleich vorzüglich wie sie von der Maschine imitiert. Dies und die immer mehr abnehmende Nationaltracht der Spanierinnen hatte zur Folge, daß ihre Erzeugnisse stark erschütternde Krisen durchzumachen hatten. ~Grammont~ machte eine solche in der traurigsten Weise durch.

Schöne alte ~Chantilly~ besitzen aber heute noch einen großen Wert und werden als Erbstücke in Ehren gehalten.

Außer diesen feinen aristokratischen Seidenspitzen drängte sich im Wechsel der Mode ein bürgerliches Surrogat der schweren Wollspitzen ein, die zu verschiedenen Zeiten unter gewechselten Namen zum Beispiel als Lama auftauchen und eine mehr oder minder langlebige Modeerscheinung waren; künstlerisch haben diese nicht viel Bedeutung. Sie wurden größtenteils in der ~Auvergne~, in ~Puy~ und Umgebung fabriziert und tragen den gröberen ~torchon~-Charakter dieser Spitzen-Zentren zur Schau. Doch immer wieder werden diese Spitzen, von Modelaunen abhängig, auftauchen und verschwinden, wie es der Caprice der Mode oder dem Unternehmungsgeist einzelner großer Fabrikanten entspricht. Die soziale Tendenz ist aber diese, daß die Arbeiterinnen immer weniger gerne schwarze Spitzen erzeugen, da dieses den Augen ungleich schädlicher wie die weiße Spitzenfabrikation ist. --

Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch.

Abbildungen

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.

Die unterschiedlichen Schreibweisen der Spitzenbezeichnungen (Bindestriche, Auszeichnungen, Groß- und Kleinschreibung, Akzente) und Personennamen wurden beibehalten.

Der Punkt bei _Mme_ wurde einheitlich ergänzt.

Korrekturen:

Inhaltsverzeichnis: VI -> VII, 50 -> 60 Vorwort _VII_ Malines _60_

S. 1: Kapitelname gemäß Inhaltsverzeichnis hinzugefügt _Spitzen._

S. 9: Aleçon -> Alençon übernahmen den réseau die points d'_Alençon_,

S. 16: seinen -> seinem oder Italien mit _seinem_ Ornamenten-Reichtum,

S. 19: Stoppstich -> Stopfstich Webe- oder _Stopfstich_ übertragen.

S. 23: verwechseln -> Verwechseln die zum _Verwechseln_ treu die venezianischen Reliefspitzen

S. 28: Fischerfrau -> Fischerfrauen die armen _Fischerfrauen_ machten unscheinbare Spitzen,

S. 32: Manufakture -> Manufaktur daß die erste _Manufaktur_ in Château de Lonrey

S. 36: Iniative -> Initiative aus der _Initiative_ einzelner Personen entstand

S. 36: verschiedenenen -> verschiedenen Konkurrenz der _verschiedenen_ Spitzengattungen untereinander

S. 37: stililisiert -> stilisiert zeigen kleine Blümchen _stilisiert_ im réseau verstreut

S. 37: sogenanuten -> sogenannten ist mit _sogenannten_ petits pois

S. 39: Möglicher weise -> Möglicherweise _Möglicherweise_ hat man früher wirklich mehr wie eine Gattung

S. 40: point -> Point _Point_ à l'aiguille verleugnet nie seine Abkunft von den Alençon

S. 48: Faden -> Fäden daß sie die _Fäden_ richtig verteilt und verzweigen läßt

S. 48 (Fußnote): Franzen -> Fransen Macramè sind aus _Fransen_ geknüpfte Spitzen, wenn der Faden der _Fransen_ zu lang war

S. 56: de -> des ob sie mit Zufügung _des_ Cardonet

S. 59: Valencienne -> Valenciennes Jetzt werden in _Valenciennes_ gar keine Spitzen in der Art

S. 59: paar -> Paar der echten sind aus zwei _Paar_ Fäden geschlungen (vier Fäden)

S. 60: Faden -> Fäden An vier Seiten ist sie aus doppelten _Fäden_ gewunden

S. 61: der eigentliche -> den eigentlichen so daß für _den eigentlichen_ réseau nur wenig Raum

S. 64: holländischeu -> holländischen Die zweite Gattung der _holländischen_ Exportartikel

S. 65: rgendwo -> irgendwo wo nur _irgendwo_ vier Fäden zusammenlaufen

S. 69: deren -> dessen den Bedarf Spaniens und _dessen_ Kolonien

Abbildungsteil: Überschrift ergänzt _Abbildungen_