Spitzen und ihre Charakteristik

Part 6

Chapter 63,475 wordsPublic domain

Die ältesten ~Malines~ haben wie alle älteren Spitzen ein sehr breites Dessin, so daß für den eigentlichen ~réseau~ nur wenig Raum bleibt. Sie haben in der Zeichnung große Ähnlichkeit mit den alten Brüsselerspitzen, die Technik der Ausführung ist grundverschieden und bei näherem Betrachten wird sie leicht zu unterscheiden sein. Der Faden des ~toilé~ der Brüsselerspitzen läuft stets parallel mit der Zeichnung und paßt und schmiegt sich ihren Rundungen an.

Eine Zeitlang verwendete man in den ~Malines~ auch vielfach den »~fond de neige~« und damals sahen sie den Trollkanten sehr ähnlich, doch kam der ~fond de neige~ wieder ab und mit dem geübteren Gebrauch des Droschelgrundes bildete sich auch die Zeichnung zu einem den ~Malines~ charakteristischen Stile aus. Es waren kleine Blumen, zarte Ranken und Blätter, Rosen und Margueriten, häufig waren in den Blumen ~jours~ ausgespart, welche mit ~brides~ und anderen ~fonds~ gefüllt waren, meistens bildete die Zeichnung eine ausgeprägte Bordure und der ~réseau~ war nur mit kleinen Blümchen, ~point d'ésprit~ und so weiter geziert.

Daher nannte man sie ~Malines à brides~, ~Malines à fond de neige~, ~malines à points d'esprit~. In dieser letzten Entwicklung wurden sie ungemein geschätzt und sie waren durch mehr als wie ein Jahrhundert hohe Mode an den Höfen von England und Frankreich. Der feinste Faden, der stets aus Leinen war, gab ihr diesen weichen, milchigen Schimmer, der, wie ein Autor sagte, die Blondinen, welche damals an den Höfen regierten, gut und vornehm kleidete.

Die Ausführung war sehr kostspielig; es erforderte sechs Jahre Lehrzeit, um die Masche des Yisgrondes regelmäßig und zart ausführen zu können. So waren es die Spitzen der Höchsten und Reichsten.

Während der ~régence~ unter Louis XV. und Marie Antoinette wurden sie für Ruchen, Jabots, Krawatten und ~fichus~, für Hauben und Kopfputz verwendet. Die Etikette schrieb sie für Sommerfestlichkeiten vor. Die Zeichnung folgte der Mode, für Ruchen brauchte man barbenartige Spitzen, die an beiden Seiten mit ~picots~ versehen waren, und diese ~borduren~ wurden noch kampaniert, das heißt mit schmalen leichten Spitzen (~mignonettes~) besetzt, was ihnen, zu Ruchen gelegt, ein ungemein duftiges Aussehen gab.

Maria Antoinette lancierte die Mode der leichten Stoffe, Linon, indischer Mouseline, gestickter Batist wurden für Kleider und ~fichus~ verwendet und mit ihnen triumphierten zum letzten Male die ~Malines~.

In England waren sie schon früher aus der Mode gekommen und da die Stadt ~Malines~ ihr Absatzgebiet besonders in England hatte, verfiel dieser Industriezweig in ihr am ersten. Die französische Revolution vernichtete sie gänzlich und heute gibt es in ~Malines~ gar keine Spitzen dieser Art und an anderen Orten hat sie gleichfalls ganz aufgehört zu existieren. Turnhout mit achthundert Arbeitern fabriziert hauptsächlich nur schmale billige Ware.

Napoleon war ein eifriger Bewunderer der ~Malines~ und er wollte diese niedergegangene Industrie wieder beleben, aber es gelang ihm nicht; es war kein Nachwuchs an Arbeiterinnen herangebildet worden, sie verstanden nicht mehr, den Droschelgrund zu formen. Wenige alte Frauen vegetieren noch, die sich mit Anfertigung der Malines beschäftigen.

Und so leben die ~Malines~ meist nur mehr in alten Familiensammlungen weiter und nur hie und da sieht man auf einer Ausstellung noch ein schönes Stück moderner Erzeugung.

~Points de Lille.~

Eine Art Mittelstellung zwischen den ~Valenciennes~ und den ~Malines~ nehmen die Lillespitzen ein. In ~Lille~ wurde schon sehr früh geklöppelt, gegen 1600 wurden schwarze und weiße Spitzen erzeugt, dann imitierte man die ~Valenciennes~, welche 16 000 Arbeiterinnen beschäftigt haben. Mit der großen Vogue der ~Malines~ und dem starken Bedarf derselben änderten die ~Lille~spitzen ihre Art allmählich und anstatt der ~Valenciennes~ imitierte man die ~Malines~. Die ~Lille~ sind die vulgären ~Malines~, sozusagen eine billige Volksausgabe. Sie sehen in ihrer Zeichnung und der allgemeinen Wirkung ihren vornehmen Schwestern oft zum Verwechseln ähnlich, doch es genügt, sie näher zu betrachten, um zu bemerken, daß ihnen der den ~Malines~ eigene Charme fehlt; sie sind steifer und ungraziöser, doch ist ihre Ausführung eine ungemein billigere. Das ~toilé~ ist häufig sehr schmal, oft nur gleich so breit, wie der offene grobe Faden, der es umgibt. Die Spitzen haben meistens einen geraden Rand (doch nicht ausnahmslos). Es gibt zwei deutlich getrennte Arten ~Lilles~, die eine, welche für Holland, die andere, die für Frankreich bestimmt sind; gemeinsam sind ihnen die oben erwähnten Merkmale und der stets aus einem ~fond clair~ bestehende Grund, das heißt es wird eine aus zwei Fäden mit Hilfe von Stecknadeln gewundene Masche hergestellt, und zwar ist diese für Frankreich stets sechseckig, für Holland häufiger viereckig, außerdem gilt für beide, daß die Maschen stets senkrecht zum Rande der Spitzen stehen, während bei den Malines parallel zu diesem.

Die ~Lilles~, welche für den Handel nach Frankreich bestimmt sind, imitieren die ~Malines~ am stärksten; sie haben sehr ähnliche Muster, oft sind ~jours~ mit ovalen Medaillons mit verschiedenen ~fonds~ gefüllt in der Zeichnung der Bordüren, dann gibt es auch solche, die mehr den ~Valenciennes~ ähnlich sind, oder solche, deren Dessin sich um traubenartige Löcher oder Kreise bildet. Es gibt auch sehr feine, zarte ~Lilles~, in welchen das Cordonet durch das ~toilé~ läuft, anstatt es einzufassen. Häufig werden die Lilles als ~Malines~ verkauft und der Käufer soll genau zusehen, daß er diese Spitzen nicht stark überzahlt.

Die zweite Gattung der holländischen Exportartikel wird als »Dutche« von den Arbeiterinnen benannt. Diese sind sehr volkstümliche ziemlich derbe Spitzen, mit hübschen großzügigen Rankenwerkzeichnungen und ihre Bestimmung ist meistens, für die holländische Nationalhaube verwendet zu werden.

Oft ist die Zeichnung so komponiert, daß sie einen Haubenflügel ausfüllt. Ihr ~réseau~ ist mit ~points d'esprits~ geziert, und in der ganzen Art liegt etwas Traditionelles, welches kaum von der Mode beeinflußt wird. Wer erinnert sich nicht gerne an jenen reizenden und kleidsamen Kopfputz, der die runden frischen Gesichter der Holländerinnen mit den blendend weißen Flügeln malerisch umgibt? Als Ersatz für die aus ~Lille~spitzen verfertigten Hauben wird auch häufig der billigere gestickte Tüll verwendet.

Wie überhaupt in Frankreich mit dem XIX. Jahrhundert das Klöppeln vielfach abkam, war es wie in ~Valenciennes~ auch in ~Lille~, daß diese Industrie ganz nach Belgien übersiedelte, wo sie heute noch einen recht blühenden Zweig der Spitzenindustrie ausmacht und zwar meistens an jenen Orten, wo einstens oder noch jetzt ~Malines~ oder ~points de France~ oder Valenciennes verfertigt wurden oder werden. Ein Hauptzentrum ist ~Turnhout~ im nördlichen Belgien.

~Binches.~

~Binches~ sind den ~vieux points de flandre~ nahe verwandt, sie haben wie diese keinen eigentlichen ~réseau~, sondern jenen verschwommenen, aufgelösten Maschengrund, der den alten belgischen Spitzen ihr Gepräge gibt. Es sind in ihrer Einfachheit reizende, phantastische Spitzen; es ist als ob ein dichter Schneefall, durch die Klöppelmalerei wiedergegeben würde, große, kleine und ganz kleine Flocken haben sich sachte um eine Ranke wie eine Eisblume festgesetzt, denn so natürlich und scheinbar kunstlos sieht der ~point de neige~ aus; die Zeichnung paßt sich dieser Zartheit an, wie ein Netz aus Fäden von gesponnenem Zucker, wie der Schatten eines gefiederten Baumes, der an einer weißen Wand hin- und hergleitet; wie ein Spinngewebe zwischen Zweigen in der Luft gespannt sieht sie sich an, es sind Elfenspitzen. Der Faden ist von außerordentlicher Feinheit.

Flach, ohne Cordonet, mit einem sehr losen Leinwandgrund, nur mit ~point de neige~ und hie und da einer ganz kleinen Maschengruppe ähnlich den ~fond chant~ als ~jour~ verwendet, wirken sie durchaus nicht monoton; zart und duftig gehören sie dennoch in die Familie der haltbarsten, der geflochtenen Spitzen; wo nur irgendwo vier Fäden zusammenlaufen, vereinigen sie sich zu einem losen Zöpfchen.

Meistens haben sie einen geraden Rand, der nur durch die ~picots~ abgeschlossen ist, die Zeichnung ist auch größtenteils wie für ein ~entre-deux~ komponiert. Das ~toilé~ bildet nicht den Rand. Obwohl die größte Mode der ~Binches~ knapp vor die französische Revolution fiel, sind ihre Muster doch die der ersten Hälfte des XVII. Jahrhunderts geblieben. Was heute an ~Binches~ gemacht und so genannt wird, verdient kaum den Namen, sie sind schwer und in derber Ausführung und sehen eher den ~point de Flandres~ ähnlich. ~Point de neige~, wie sie auch genannt wurden, gehören leider, wie so vieles Schöne, der Vergangenheit an.

In der Stadt ~Binches~ wurden sie schon seit langem durch die Allerwelts-Brüsslerapplikations verdrängt. Die besseren Arbeiterinnen wanderten zur Zeit der Krisis nach Flandern aus und nahmen das Geheimnis ihrer Technik mit.

In ~Binches~ aber soll am Karnevalstag des ~Gilles~ mit einer mächtigen Ruche aus ~dentelles de Binche~ spazieren gehen, der letzte Rest einer verschwundenen Pracht. ~Sic transit gloria mundi.~

~Point de Paris.~

Ursprünglich wurden in der Umgebung von Paris ganz gewöhnliche Klöppelspitzen gemacht, ~lisette~, ~mignonette~ und gewöhnliche Guipuren. Gleichzeitig mit der Gründung der Industrie in ~Reims~, ~Sedan~, ~Alençon~ etc. wurde von ~Colbert~ auch eine Fabrik im ~Château de Madrid~ bei Paris eingerichtet und nun gestalteten sich die Spitzen aus. Als im XVIII. Jahrhundert die große Nachfrage in ~Malines~ war, und gerne von Minderbemittelten ähnliche aber billigere Spitzen gekauft wurden, kamen die ~Lilles~ und ~points de Paris~ auf und es wurden diese Spitzen, wie sie noch jetzt gemacht werden, erzeugt. Die ~points de Paris~ tragen zu sehr den flämischen Typus, sind nebstbei Epigonenspitzen, als daß man sie aus dieser Gruppe ausschalten könnte. Ihr ~fond chant~ oder ~fond de Paris~, derselbe wie die ~Chantilly~spitzen, scheint zwar absolut französisch zu sein, ist es aber nicht so sehr, als man meinen könnte, denn der ~fond double~, wie er auch meistens genannt wird, wurde von jeher an dem urflämischen Pottenkant verwendet. Es ist ein sogenannter Spellegrund, ein ~Réseau~, das mit Hilfe von Stecknadeln angefertigt wird, und zwar aus zwei diagonalen und einem horizontalen, sich kreuzenden Fadenpaare. Es sind Spitzen, die sich niemals durch allzugroßen Ideenreichtum in der Zeichnung hervortun. Meistens werden sie auch ziemlich gewöhnlich und in grober Ausführung gemacht. Ihr ~toilé~ ist wie das der ~Malines~ und ~Lille~ von einem Cordonette umgeben und oft haben sie ~jours in points de Lille~.

Meistens sind die ~points de Paris~ gröber wie ~point de Lille~. Diese Spitzen sind schon seit langem, wie die meisten Klöppelspitzen, von Frankreich ganz nach Belgien übersiedelt, sie werden in ~Turnhout~ und ~Cerfontaine~ und anderen Orten fabriziert. Man macht ~points de Paris~ außer in weißen Leinenfaden auch in schwarzer Seide.

Holländische Spitzen. Pottenkant.

Pottenkant sind originelle ganz volkstümliche Spitzen. Es ist ein ganz merkwürdiger Vorwurf: immer und immer wieder Blumentöpfe oder Vasen mit Blumen. Da sie aber häufig sehr graziös sind und in ihrer Art einzig dastehen, und auch technisch durchaus nicht in einer anderen Gruppe aufgehen, so muß man ihnen einen besonderen Platz anweisen. Sie sind so holländisch mit ihren stilisierten Tulpen und Nelken und anderen Blumen, manchmal mit Wurzeln im Topf, manchmal geschnitten in Vasen, daß man sie eher jenseits der Schelde als bloß diesseits in Antwerpen suchen würde. Sie haben ein ~fond double~, wie ~point de Paris~, in dem klar und bürgerlich korrekt der kleine Topf mit seinen Zweigen sitzt. Ein Cordonet umgibt die Zeichnung, der Rand ist meistens ganz gerade, oft wie für einen Einsatz (~entre deux~) gearbeitet; sie sind selten mehr, wie ein paar Finger breit.

~Blonden.~

Man kann spanische und französische Blonden unterscheiden, die zwei sehr verschiedene Gattungen unter diesem Namen vereinen; die ersten gehören zur spanischen Nationaltracht.

Sehr liebenswürdige und anmutige Spitzen ohne höheren künstlerischen Wert sind die Blonden, ihre glänzend weißen Seidenflecken geben ihnen einen weichen Schimmer, der sie ganz unähnlich den anderen Spitzengattungen aus Zwirn macht, sie sind sehr auffallend und doch nicht so kostbar, daß sie von jeher der Modelaune unterworfen waren. Maria Antoinette liebte sie sehr und sie waren bis zum Sturze des Königtums beliebt, dann verschwanden sie und tauchten mehrmals wieder im XIX. Jahrhundert auf. Kaiserin Eugenie als Spanierin bevorzugte sie auch eine Zeitlang und sie wurden in den sechziger Jahren in ganz Europa sehr viel getragen.

Sie bieten in ihrer Ausführungsart vielerlei Abwechslung, große Blumen mit zarten ~chantilly~artigem ~réseau~ lassen den Seidenglanz sehr zur Geltung kommen. Die feinen, schleierartigen, deren Dessin nur mit feinen Faden wie hineingestickt ist, können kaum als ihre Schwester erkannt werden. Sehr hübsch sind auch die mit silbernen oder goldenen Fäden durchzogenen. Der ~réseau~ ist meistens wie das der Lille, manchmal aus ~fond chant~ gebildet.

Die Blonden waren von jeher in Spanien sehr geschätzt, jede Spanierin besaß wenigstens eine Mantille aus Blonden und dort in ihrer Heimat waren sie nicht den Moden unterworfen.

Man erzählt sich von ihrem Ursprung, -- fast jede Spitzengattung hat ihre Legende, -- daß sie von einer trauernden Mutter, von den blonden Haaren ihres geliebten Kindes, das sechzehnjährig gestorben war, verfertigt worden waren. Dieser Schleier sah so reizend aus, daß bald andere Frauen versuchten, dieses Gewebe in feinen Seidenfäden nachzuahmen.

In Spanien werden sie in Barcelona zwar erzeugt, doch decken sie keineswegs den Bedarf Spaniens und dessen Kolonien und sind nicht so schön und gediegen, wie die in ~Caen~, ~Bayeux~, und ~Chantilly~ verfertigten. In Belgien werden sie in ~Grammont~ und ~Turnhout~ fabriziert. Im allgemeinen nimmt die Fabrikation mit dem allmählichen Verschwinden der spanischen Nationaltracht ab. Die Kolonien halten in der Beziehung mit dem Mutterlande Schritt. Im XVII. Jahrhundert hießen sie ~bisette~, beide Namen ~blonde~ und ~bisette~ erinnern daran, daß man sie anfangs aus ungebleichtem Seidengespinst klöppelte, aber sie wurden sehr häufig auch schwarz verfertigt und sind sehr hübsch und wirkungsvoll. Die Blonden mit breiten Seidenflecken, die spanischen, sind cremeweiß, während die sogenannten französischen blauweiß sind und dadurch leicht einen grauen und verstaubten Eindruck machen.

Brüsselerspitzen. ~Point de bruxelles~ oder Brabanter.

Das absolut Charakteristische für alle Klöppelspitzen, welche diesen Namen führen, ist, daß bei ihnen zum Unterschiede von den fortlaufend gearbeiteten flämischen Klöppelspitzen ihre Blumen oder der ornamentale Leinenschlag in einzelnen Stücken am Klöppelpolster ausgeführt wird und dann erst sie mit ~brides~ oder ~réseau~grund zu einem Ganzen vereinigt werden. Man erkennt sie daher stets daran, daß die Fäden des ~toilé~ nicht wie Webfäden laufen, sondern daß der lange Faden, wie die Ringe eines Baumstammes, mehr oder minder parallel zu einem Mittelpunkte läuft, ferner daß dieses ~toilé~ nicht von einem festen Rand abgegrenzt wird, sondern immer wie mit einem ~à jour~-Band umgeben ist, an dem dann später entweder die ~brides~ oder der ~réseau~ angeschlagen werden.

Diese Ausführungsart hat selbstverständlich Vor- und Nachteile. Vorzüge sind, daß man dadurch beliebig große Stücke nicht nur in der Länge, sondern auch in der Breite anfertigen kann, was bei in Einem gearbeiteten Spitzen völlig ausgeschlossen ist, da die Zahl der Klöppel in das Unendliche anwachsen würde.

Praktischen Vorteil hat diese getrennte Ausführung auch noch dadurch, daß man die Herstellung der einzelnen Motive mehreren Arbeiterinnen zu gleicher Zeit überlassen kann, und daß diese, was ihr Können anbelangt, viel ungebildeter sein dürfen, wie die Klöpplerinnen der fortlaufenden Spitzen. Natürlich erfordert das Zusammensetzen der Spitzen zu einem Ganzen wieder sehr geschmackvolle und geübte Arbeiterinnen.

Der Nachteil der getrennten Arbeit besteht darin, daß diese Spitzen durch das Zusammensetzen durchschnittlich nicht so dauerhaft sind, wie andere, ebenso feine, in Einem gearbeitete Spitzen; und daß das individuelle Gepräge verloren geht. Diese Art der Brüsseler Spitzen haben ähnliches technisches Verfahren wie die sogenannten mailändischen Klöppelspitzen und sind wie diese alt.

Die ältesten Brüsselerspitzen wurden ohne ~réseau~ gemacht. Sie sind auf einem runden Klöppelpolster hergestellt, der sich auf einer Achse dreht, so daß die Arbeit jeweilig in den Kurven zu der Person gewendet werden kann. Die Zeichnung ist breit und voll, große Rosen und Blumen liegen dicht nebeneinander angeordnet und sind mit ~brides picotés~ vereint, die ~jours~ werden mit ~points d'esprits~ oder quadratisch gelegten, feinen Stäbchen gefüllt. Einige feine Relief-Fäden, die nicht die Zeichnung umranden, sondern nur hie und da verwendet werden, akzentuieren die Blumen wie mit aufgesetzten Lichtern, sie sehen wie ein ganz feiner Saum aus. Man beachte, daß bei den ~Malines~ diese Umrandungen bloß aus einem stärkeren Faden gebildet sind und auch die modernen Brüsseler Applikations ihre Reliefverzierungen bloß aus einem Faden aufgesetzt haben.

Aus diesen ältesten Brüsseler Spitzen entwickelten sich dann sukzessive die ~duchesses~ in ihrer heutigen Gestalt, sowie die Brüsseler Applikations und die ~Bruges~ und vor allem die ~points d'Angleterre~. Das ~toilé~ jeder Blume wird einzeln gemacht und hat wie alle Gattungen dieser Art den ~à jour~-Rand des ~toilés~ an dem der spätere ~fond~ angeschlagen wird.

~Duchesses~ sind die meist verbreiteten modernen Luxusspitzen. Die Zeichnung ist häufig ganz modernen Stils, sie sehen reich und kostbar aus, die ~brides~ und ~jours~ sind sehr oft mit der Nadel hineingesetzt. Das ~toilé~ ist fein und eine gewisse Eleganz läßt sich ihr nicht absprechen. Aufgesetzte Reliefe, Blüten und Blätter, viele Variationen von Klöppelschlägen, geben ihnen ein kostbares Aussehen.

Wer wirklich ein geschultes Auge für Spitzen hat, wird zwar stets die Spitzen anderer Ausführung vorziehen; so lange sie gediegen gearbeitet sind, schöne Zeichnung haben und nicht die leider allzuhäufig anzutreffende Marktware bilden, ist jedoch gegen die Duchesses nichts zu sagen.

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Um aber auf die alten Brüsselerspitzen zurückzukommen, wurden diese in höchster Vollendung oftmals mit einem ~brides fond~, ähnlich dem ~réseau rosacé~ der Nadelspitzen gemacht. Es ist das der stets in neuen Variationen auftauchende ~fond de neige~ der alten ~Binches~, ~Valenciennes~ etc., der in den Formen von den Nadelspitzen und später wieder vom Klöppel für die getrennt ausgeführten Brüsselerspitzen nachgeahmt wurde, und dann ~point d'Angleterre à brides~ hieß, und später einen sechseckigen Klöppel~réseau~ erhielt, der sehr ähnlich dem der ~Malines~ ist und heute nicht mehr ausgeführt werden kann. Die zwei Seiten des Hexagons, die geflochten sind, sind etwas länger, als wie die der ~Malines~-Maschen; es sind dies die in alten Zeiten so viel genannten ~points d'Angleterre à réseau~ und sie hatten den Vorteil Spitzen zu sein, die den Anforderungen der damaligen Mode entsprechend in Schürzen, breiten Volants und dergleichen größeren Stücken angefertigt werden konnten, und die zu ~points d'Alençon~ in vielfachen Wechselwirkungen standen; das Dessin ist ganz der Auffassung dieser kostbaren französischen Spitzen nachgeahmt und es herrschte zwischen beiden, so lange sie hergestellt wurden, eine heftige Rivalität. Über ~point d'Angleterre~ sind von allen Autoren so verschiedene Meinungen ausgesprochen worden, daß es schwer ist, sich in dem Gewirre der Behauptungen einen Weg zu bahnen.

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Alte ~point d'Angleterre~ haben wunderschönen Brüsseler (oder Droschel) ~réseau~, die Masche ist fast ein längliches Viereck, es ähnelt äußerlich dem ~Alençon~ oder ~Burano réseau~ zum Verwechseln, erst bei scharfem Zusehen sieht man, daß der ~fond~ geklöppelt ist; auch ~brides picoté~ als Zierde kommen in Anwendung, welche ganz den ~brides picoté~ der ~points d'Alençon~ gleichen; diese ~brides~ dienen nur als Beweis, wie sehr sich der ~point d'Angleterre~ um die getreue Imitation des ~point d'Alençon~ bemühte.

Nimmt man Bücher zur Hand, so liest und findet man, daß bei den Autoren vollkommen verschiedene Ansichten, Bezeichnungen und Schilderungen von Spitzen dieses Namens gegeben werden.

Für die ~points d'Angleterre~ kann man absolut nur zwei Regeln aufstellen: a) sie müssen durchwegs Handarbeit sein (also nicht Brüsseler Applikation), b) sie dürfen in keiner anderen Kombination als wie in einer späteren Louis XIV., früheren Louis XV., üblichen Herstellungsart gemacht sein, also Motive feinster Brüsseler Arbeit separat gemacht entweder mit dem ~fond brides~ oder ~brides rosacé~ (~point d'Angleterre à bride~), oder mit dem feinen Droschelgrund (Brüsselerfond).

Ausnahmsweise kann man noch als ~point d'Angleterre~ Nadelmotive mit Droschelfond bezeichnen; aber diese Art Spitzen sind heute sehr selten geworden, so daß sie nicht oft in den Handel kommen und nur mehr in wenigen Stücken vorkommen.

Diese Gruppe der Brüsseler Spitzen, inklusive die ~point d'Angleterre~, würde man mit dem Charakteristikon der Spitzen mit gewollten ~fonds~, sei es der ~brides~ oder des Droschelgrundes bezeichnen können, während die anderen, die alten Brabanter, Duchesses, Bruges etc. alle nur den Notfond haben, weil die Zeichnung technisch nicht der Stützen entbehren kann. Bei ersteren ist der Fond eine Zierde, bei letzteren ein notwendiges Übel.

Als in Frankreich die ~manufactures du point de France~ an vielen Orten gegründet wurden, entstand in kurzer Zeit eine große Umwälzung in dem Aussehen der Spitzen. In ~Alençon~ wurden Nadelspitzen in großen Volants und ~tabliers~ zum ersten Male in dieser Ausdehnung gemacht; dies wurde ermöglicht durch die in Alençon aufgekommene Art, die Motive getrennt vom ~réseau~ anzufertigen. Dies war ganz neu, denn selbst die genuesischen und Brabanter Spitzen, die nicht in einem Zug mit der gleichen Anzahl Klöppel gemacht wurden, sondern mit wenig Klöppeln auf rundem Polster, wurden von Fall zu Fall, wie die Arbeit vorwärts ging, sofort miteinander verbunden. Die Arbeiterin hatte die Spitzen auf der Zeichnung aufliegen, und nicht wie die spätere Art der in sich abgeschlossenen Motive ganz separat zu verarbeiten. Mit den breiten ~volants~ und ~tabliers~ wurde eine große Umwälzung in der Mode hervorgerufen. ~Valenciennes~, ~Malines~, alle diese Spitzen konnten nur mehr zu Garnierungen verwendet werden, und traten in den Hintergrund; da schufen die belgischen Unternehmer den ~point d'Angleterre~: Klöppelmotive, die wie die ~Alençon~ separat gemacht wurden. Man konnte nun die Arbeit bei eiligen Bestellungen ebenso beschleunigen, wie die großen Stücke der französischen Nadelspitzen; ~point d'Angleterre~ wurde aus Klöppelmotiven mit Brüsselergrund, dem schönsten und technisch der ~Malines~ ähnlichen ~fond~, gemacht. Man sieht an den ältesten ~points d'Angleterre~ die vollkommene Beeinflussung der Zeichnung durch französischen Stil, durch diese Neuerung war die Gefahr, daß belgische Spitzen ganz und gar von den französischen verdrängt würden, behoben; im Gegenteile, die ~points d'Angleterre~ machten der französischen Industrie große Konkurrenz, denn sie hatten eine Eigenschaft, die Nadelspitzen niemals haben, sie waren unendlich weicher und schmiegsamer und daher in vielen Fällen besser kleidend, und vor allem trotz ihrer Kostbarkeit billiger; denn Klöppelspitzen, noch so fein und kostbar, sind stets billiger wie die ähnlichen Spitzen in Nadelausführung.