Spitzen und ihre Charakteristik

Part 4

Chapter 43,352 wordsPublic domain

Von 1717 bis 1754 (Louis XV.) füllten die Blumen der Zeichnung bei schmäleren Volants noch die ganze Breite der Spitzen aus. Der Schwerpunkt der ~modes~ ist gegen den Rand gedrängt. Der Grund ist in einer der drei Gattungen ~brides~, oder in ~réseau~ ausgeführt. Unter Louis XVI. kommt die sehr charakteristische Façons in Streifen und zweierlei ~champs~ auf, auch wird später ~le réseau mouche~ gemacht, der dann in der Folge wieder aufgenommen wurde.

Oben Gesagtes gilt von den kleineren Volants und den Berthen; betrachtet man jedoch ein größeres Stück wie die damals modernern ~tabliers~ und sehr breiten Volants, so kann man nicht genug über den Reichtum und die Üppigkeit der ~jours~ und ~modes~ staunen, eine solche wohlgeordnete Fülle von Details drängt sich. Und die ganze, große Zeit einer vollkommen höfischen Kunstrichtung, die, man möchte sagen aus der Initiative einzelner Personen entstand und mit diesen verging, zieht an Einem vorbei, ~Versailles~ und ~Petit Trianon~ unter den drei Louis mit diesen lebt und stirbt der ~point d'Alençon~, Füllhörner, Blumen, Fruttiguirlanden, Rosen und Schmetterlinge, schnäbelnde Vögel, Blumenvasen, Baßgeigen, Mandolinen, Wappen und Menschen, ja oft Medaillonporträts von den Regenten, dies alles wurde häufig unsymmetrisch und doch fein stilisiert angeordnet.

Sehr bemerkenswert ist die stetige Konkurrenz der verschiedenen Spitzengattungen untereinander; sie entlehnen die künstlerischen Wirkungen und ahmen sich nach, bald war ~point de France~, bald wieder die flachen Klöppelspitzen der ~point d'Angleterre~, oder die ~Malines~ Königinnen der Mode. Im Wettbewerb trachteten sie sich an Schönheit, Ähnlichkeit und dann Verschiedenheit und Neues bieten zu übertrumpfen. Um 1700 findet man an den »~modes~« der Alençon häufig einen ~point~ angewendet, den ~réseau rosacé~, der, in Nadelstich transponiert, den ursprünglichen ~point de neige~ der ~Malines~ wiedergibt. Diesen ~point de neiges~ oder ~oeil de perdrix~ findet man durch das ganze XVIII. Jahrhundert an Brüsseler Spitzen (~point d'Angleterre~), ~Valenciennes~, ~Malines~, ~point Alençon~ und ~Argentan~ immer wieder in verschiedenen Ausführungen und Variationen, und es war der kostbarste Grund.

Einen großen Niedergang in der französischen Spitzenindustrie schuf der Widerruf des Edikts von Nantes im Jahre 1685. -- Unzählige protestantische Familien verließen ihre Heimat und trugen ihre Fähigkeiten in fremde Länder -- und gründeten durch ihre Kenntnisse und Geschicklichkeit neue Gewerbe -- überhaupt haben die Religionsverfolgungen im Laufe der Jahrzehnte gerade zur Ausbreitung der Spitzenindustrie sehr viel beigetragen. Wenn Deutschland, Schweden, Dänemark, die Schweiz und das Erzgebirge überhaupt eine Spitzenindustrie haben, so verdanken sie es zum größten Teile den französischen und flämischen Emigranten. -- Direkte Vorteile aber gewann Venedig daraus, es erzeugte Spitzen im französischen Geschmacke und beschickte damit wieder die französischen und europäischen Märkte. Den zweiten, verderblichen Einfluß hatte die französische Revolution. --

Während der Revolutionsjahre gingen die meisten Spitzen-Industrien in Frankreich zu Grunde, manche, man sagt mehr wie zwölf, für immer; ~Sedan~, ~Aurillac~, ~Valenciennes~ kamen nie mehr in Betrieb. Napoleon förderte, wo er konnte, die durch die Revolution lahmgelegten Gewerbe, auch den ~points d'Alençon~ wandte er seine Sympathien zu. Die ~points d'Alençon~ im Empire zeigen kleine Blümchen stilisiert im ~réseau~ verstreut; und dieses ist mit sogenannten ~petits pois~, ~larmes~ oder ~grains de café~, ~coeurs~ -- oder wie diese kleinen Pünktchen sonst noch im empfindsamen Geschmack der Zeit heißen, verziert, ~maille bouclée~ wurde von nun an nicht mehr gemacht. Später wurden die ~Alençon~ 1830--60 die Blumen auf Maschintülle appliciert und ~Br. Mercier~ nahm einen Musterschutz auf seine Erfindung, die sechseckigen Maschintüll-Maschen mit Knopflochstich in eine ~maille bouclée~ zu verwandeln.

Dieses Verfahren hatte aber keine große Lebensfähigkeit in sich. Man sagt, es sei noch mühsamer, wie die eigentliche ~bride bouclée~.

Das Cordonet oder die ~brode~ der Alençons war zu allen Zeiten schöner und dichter umschlungen, wie das der Venetianer- und Brüsslerspitzen, auch war das Relief weniger erhaben, obwohl man ihm durch Einlage von Roßhaarfäden manchmal mehr Konsistenz gab. Man unterschied früher ~points d'Alençon~ und ~point d'Argentan~; letzterer galt als noch kostbarer wie ersterer. Der Unterschied war meistens in einer sorgfältigeren Ausführung in der Zeichnung, auch machte ~Argentan~ häufig die mühsame ~maille bouclée~.

~Sedan~, ~Aurillac~, ~Reims~, ~Argentella~ hatten alle den sogenannten ~fond oeil de perdrix~ und dies waren lauter ähnliche Spitzen, die man heute schwer differenzieren kann. ~Argentella~ sind, wie der Name schon ahnen läßt, eine Abart, besser gesagt Spielart, der ~Argentan~, möglicherweise sind sie wirklich von Genua stammend; die End-Partikel ihres Namens klingt jedenfalls italienisch; sie hatten den ~fond réseau rosacé~ besonders viel in Verwendung, das Cordonet ist zwar nicht niedergenäht, aber nicht ganz übersponnen, was auch auf italienische, nicht französische Fabrikation deuten würde, ~point de Sedan~ und ~point plat de Venise~ hatten einige Ähnlichkeit, Rokokkospitzen mit breiter, und so dichter Zeichnung, daß sie fast jedweden Grund entbehren konnten. Sie haben hie und da kleine Reliefs wie aufgesetzte Lichter im Genre der Brabante.

~Colbert~ hatte gesiegt. Das Geld blieb im Lande und seine bureaukratische Schöpfung hatte die in ihrer Art einzig dastehenden ~point d'Alençon~ ins Leben gerufen. Das Wohlwollen der Regierung blieb ihnen stets treu; im Jahre 1811 wurde die Neuerung gemacht, den Arbeiterinnen Zeichenunterricht geben zu lassen, bisher hatte man das nirgends versucht.

~Alençon~ hat eine jetzt noch lebende Tradition der Spitzenindustrie. Erbgesessene Familien bilden Dynastien, die alle Erinnerungen pflegen, teilweise auch publizistisch hervortreten; es sind dies Namen wie: ~Duval~, ~Despierre~, ~Baron Mercier~.

Brüsseler Nadel-Spitzen oder ~Point de Bruxelles~.

Vor allem muß hervorgehoben werden, daß unter dem Namen ~point de Bruxelles~ vielerlei Spitzen, sowohl Nadel- wie Klöppelspitzen verstanden werden können. Dieser Mißbrauch mit dem Namen entspringt zum Teil aus der Willkür der Händler und Schneiderinnen und aus dem Unverständnis des Publikums. Es werden ~points à l'aiguille~ oder ~point de gaze~ für Nadelspitzen, alte Brabanter, ~duchesse~ und Applikations von Nadel- und Klöppel-Spitzen und fünferlei (!) Arten ~point d'Angleterre~ so genannt. Man sieht also, daß auch in der Bezeichnung der ~point d'Angleterre~ verwirrend vorgegangen wird, und es ist schwer, bei den vielfachen, widersprechenden Ansichten der Autoren das richtige in diesem Wirrwarr herauszufinden. Möglicherweise hat man früher wirklich mehr wie eine Gattung Spitzen darunter verstanden. Und als die Verwechslungen begannen und sich der Begriff, der einzig mit dem Namen verknüpft war, immer mehr verwischt hatte, wurde das Unverständnis wohl oft von den Händlern ausgenutzt, um die Käufer zu täuschen, insbesondere da der ~point d'Angleterre~ sehr kostbar und hochgeschätzt war.

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Die Brüsseler Nadelspitzen, ~point à l'aiguille~, wenn alt, ~point de gaze~, wenn neu genannt, sind verhältnismäßig spät aufgekommen.

Die großen Erfolge der Venetianerspitzen und der ~point d'Alençon~ waren die unmittelbare Ursache für die Brüsseler Frauen, eine neue Art Nadelspitzen zu schaffen. Da sie erst gegen die Mitte des XVIII. Jahrhunderts (1720) aufkamen, wurden sie nicht mehr mit ~brides~ gemacht, sondern gleich mit dem ~réseau~ das damals neu und sehr in Mode war. ~Point à l'aiguille~ verleugnet nie seine Abkunft von den Alençon, obwohl diese ~Alençon~ einen ausgeprägteren, fast könnte man sagen, einen offiziellen Hofstil hatten. Das Cordonet ist bei den ~point à l'aiguille~ wie bei den heutigen ~point de gaze~ nicht mit einem aus mehreren Fäden gebildeten stark hervortretenden ~bride~ mit dichtem, gleichmäßigen Knopflochstich niedergehalten, sondern nur stellenweise mit ~point clair~ niedergenäht, ferner ist auch die Masche des ~réseaus~ eine andere. Die Brüsselermasche wird nur aus einer gedrehten Fadenschlinge gemacht, während bei dem ~Alençon-réseau~ der Faden am Ende einer solchen einfachen Maschenreihe angelangt, durch die Maschen zurückgeführt wird, so daß alle Seiten des ~Alençon-réseaus~ aus doppelten Faden bestehen, was natürlich die Dauerhaftigkeit des Grundes sehr erhöht.

Eine der schönsten Zierden des ~point à l'aiguille~ ist ein großer Reichtum und Mannigfaltigkeit an ~jours~, jedoch ist die Zeichnung nicht so schwungvoll stilisiert wie die der Venetianer und nicht so zierlich steif wie der ~Alençon~. In der Zeichnung bleiben Brüsselerspitzen stets naturalistischer wie diese. Anfangs wurden die Blumen und der ~réseau~ in Einem gearbeitet. Louis XV. Regierungsantritt brachte auch neue Moden -- ~points d'Angleterre~ und ~Malines~ waren die regierenden Spitzen, und da diese ersteren auch in breiten Stücken gemacht wurden, änderte man die Anfertigungsart der ~point à l'aiguille~ und machte die Blumen getrennt vom ~réseau~, und in ihrem Rand wurde nachher der reizende Klöppelréseau, ähnlich dem der ~Malines~ angeschlagen. Dieses Verfahren eignete sich aber nur für kleinere Stücke. Bei Barben, Krawatten und schmalen Volants,[6] die wenig Raum für den Fond hatten, bei breiteren Spitzen verwendete man den am Klöppelpolster angefertigten Droschelstreifen[7] in der Breite von drei bis acht Zentimeter, und der wurde mit einem sehr kunstvollen Stich in das Muster hineingenäht und zusammengefügt. Dieser Stich war die Erfindung einer Brüsseler Arbeiterin und war nicht wahrnehmbar. Er blieb lange Zeit hindurch ein wohlgehütetes Metiergeheimnis.

[6] Diese Gattung Nadelarbeit mit Klöppeltülle kombiniert wird von vielen Autoren auch als ~Point d'Angleterre~ bezeichnet.

[7] Droschelgrund nennt man im flämischen den sechseckigen Maschengrund, wie er bei den Malines gearbeitet wurde.

~Point à l'aiguille~, die kaum ein Jahrhundert in dieser Form und unter dem Namen fabriziert wurden, sind sehr schön und kostbar, insbesondere in der Zusammenstellung der Nadelblumen mit dem sechseckigen, reizenden Droschelgrund wirken sie ungemein gediegen und apart. Alte ~point à l'aiguille~ Blumen und ~réseau~, beides aus Nadelarbeit, sind sehr selten, die sechseckige Nadelmasche ist dem Droschelfond ähnlich, das Cordonet ist wie das der Venetianerspitzen, nie so schön und dicht überschlungen wie das ihres gemeinschaftlichen Vorbildes der ~Alençon~, es besteht aus drei bis vier niedergenähten Fäden. Das Cordonet ist auch nicht mit ~picots~ in der Zeichnung selbst zwischen dem ~réseau~ geschmückt. Diese unzähligen feinen ~picots~ bleiben die Spezialität der ~Alençon~.

Als aber im Anfange des XIX. Jahrhunderts der mechanische Tüll in Nottingham erfunden wurde und nun die Nadel- und Klöppel-Applikationen aufkamen, kehrte man zu der ursprünglichen Verfertigung der ~point à l'aiguille~ unter dem Namen ~point de gaze~ zurück, Blumen und ~réseau~ werden wieder in Einem gearbeitet. Das andere Verfahren mit Droscheltüll ist heute gänzlich verloren gegangen. Die Zeichnung ist modern und vielleicht wie die aller modern sein wollenden Brüsselerspitzen etwas zu naturalistisch und zu wenig stilisiert. Die ~réseau~masche bleibt immer zu leicht, im Gegensatz zu dem etwas roh wirkenden Cordonet. Selbstverständlich werden diese Spitzen heute ebensogut in höchster Vollendung als wie in Marktware ausgeführt, sie stehen, was Popularität anbelangt, in einer Linie mit den ~duchesses~. ~Point de gaze~ wird auch häufig auf Tüllapplikations hergestellt. Man nennt sie dann Brüsseler Nadel-Applikation.

~Point à l'aiguille~ werden nicht mehr in Brüssel und Umgebung erzeugt, sondern in den Gegenden von Alost, Gent, Grammont etc.

Belgien hat aber noch etwas Besseres in Nadelspitzen vorzuweisen als den ~point de gaze~, denn es macht alle Gattungen Venetianer Nadelspitzen meisterhaft nach.

Guipures.

Man kann fast sicher annehmen, daß das prunkliebende Spanien die Heimat der ~guipures~ ist. Es war das farbenfreudigste europäische Volk und stand am meisten unter östlichem Einfluß, da es doch mit Mauren und Juden nebeneinander wohnte. Die Vorliebe für kostbaren Schmuck und Gewandung mag es sich zum Teil von diesen, zum Teil aus seinem fast parvenuhaft schnell erworbenen Reichtum angewöhnt haben. Man nimmt an, die Mauren hätten die Behandlung der Gold- und Silberfäden den spanischen Juden gelehrt und diese erzeugten die ~guipures~ so lange im Lande, bis sie durch die Religionsverfolgungen vertrieben nach anderen Ländern emigrierten. Diese Juden haben wieder ihre Kunst in der neuen Heimat ausgeübt und so wurden die Gold- und Silber-~guipures~ nach Lyon, Marseille, Genua, Mailand, Lucca, Venedig und Ragusa verschleppt. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß in Italien auch schon vorher Goldspitzen gemacht wurden, da besonders die genuesischen und venetianischen Rheder sehr häufig mit allen Kulturen des mittelländischen Meeres in Berührung kamen. Die Venetianer ~Carpaccios~ schmückten sich mit Gold- und Silber~guipures~. Die Seidenguipures, die ein- und buntfarbigen, haben in Spanien ihr Vaterland, sonst war dieses wenig produktiv, was Spitzen anbelangt, zum mindesten hat es die Geschichte der Spitzen mit keiner neuen Type bereichert. Es war stets mehr Käufer als Erzeuger, selbstverständlich wurden, wie in allen Klöstern, so auch dort sehr schöne Nadel- und Klöppelspitzen von den Nonnen verfertigt, doch kamen diese Erzeugnisse selten in weltlichen Gebrauch und waren ganz den Venetianerspitzen ähnlich. Die unglaubliche Anzahl von Kirchen, Altären, Marien-, Jesus- und Heiligen-Statuen wurden mit diesen Klosterwerken geschmückt, und bilden heute noch einen nationalen Schatz. Der Bedarf des Laienstandes wurde aber hauptsächlich vom Auslande besorgt; Venetianerspitzen, ~point de France~, ~point d'Angleterre~, ~Chantilly~ und ~Blonden~,[8] wie es die Mode mit sich brachte. Die Annahme, daß Spanien selbst im größeren Stil Spitzen erzeugt hat, ist eine irrige und kann, wenn behauptet, nicht genügend bewiesen werden; meistens leitet man dies von der Spitzengattung ~point d'Espagne~ genannt, ab. Nun muß man bedenken, daß eine Industrie blühen und vergehen kann, aber niemals verschwindet sie spurlos; Traditionen, Mythen und Dokumente bleiben als sprechende Beweise für die einstige Existenz erhalten. Insbesondere in Spanien mußte die Spitzenindustrie eine sehr ausgebreitete gewesen sein, um den ungeheuren Bedarf dieses reichen und prunkliebenden Volkes und den der Kolonien zu decken. Denn nicht nur der Hof und die Granden trugen Spitzen, sondern auch das ganze Volk, und wie nirgends anderswo wurden die Spitzen als Volants an den Röcken und Mantillen, Volkstracht. Denn die Spitzen-Hauben der Holländerinnen, Fläminnen und französischen Bäuerinnen, erscheinen eine sehr bescheidene Tracht im Vergleich mit dem reichen Aufwand der Spanierin, wo selbst die ärmste immer eine schwarze und weiße Blonden-Mantille besitzt, und welche als unpfändbar gelten.

[8] Blonden wurden verhältnismäßig am meisten im Lande fabriziert.

~Point d'Espagne~ wird ebenso wie ~point d'Angleterre~ nur eine Bezeichnung für eine speziell diesen Ländern gelieferte Ware sein und hat sich der letztere nicht von den Brüsslern, der erstere nicht von den Venetianern unterschieden. ~Point d'Espagne~ wurde höchstens im Geschmack und Reichtum der Ausführung der sehr streng konservativen Hofetikette zu Gefallen gearbeitet und es liegt sehr nahe, daß der Verkäufer dem gut zahlenden Kunden aus Courtoisie seine Ware als ~point d'Espagne~ verkaufte. Dies ist eine so häufig wiederkehrende Erscheinung im Geschäftsverkehr, daß man sich wundern muß, daß diese zwei Bezeichnungen allein die Basis für eine Polemik abgeben können. Wenn die österreichischen Fabrikanten ihre Fez nach dem Balkan exportieren, vermeiden sie es gewiß, das ~made in austria~ zu betonen.

Die Spitzen, die man in Spanien in den Klöstern findet, unterscheiden sich höchstens etwas im Dessin von den venetianischen, und nirgends findet man mit Ausnahme der ~guipures~ wirklich originelle Erzeugungen. Man muß bedenken, Spaniens Blütezeit fällt vor die große Spitzenperiode -- als diese sich verbreiteten, war es bereits, wenn auch noch nicht äußerlich merkbar, im Verfall. Eine sich zersetzende Gesellschaft, ein kriegsdurchwühltes oder durch unglückliche Politik oder wirtschaftliche Verhältnisse gedrücktes Volk, wird zur Not seine alten Industrien erhalten, eine Hausindustrie kann sogar zum Retter in schweren wirtschaftlichen Krisen werden, wenn der auswärtige Handel brach liegt; wie man dies eben bei der Spitzenerzeugung in den Niederlanden in den traurigen und blutigen XVII. und XVIII. Jahrhunderten beobachten kann. Aber niemals werden in solchen Perioden blühende Industrien neu geschaffen und eingebürgert. So wäre auch damit der logische Beweis für die Unzulänglichkeit einer wirklichen Volks-Spitzen-Industrie der Spanier erbracht. Sie lebten und wirtschafteten so lange der Reichtum früherer Jahre reichte, gedankenlos dahin. Der Staat trieb Raubbau mit den nationalen Gaben, verschwendete und verwüstete, was zu verschwenden und zu verwüsten war. Die Ausbeute der Kolonien versiegte auch durch schlechte Wirtschaft mit der Zeit und diese lösten sich vom Mutterlande los.

Spanien hat nur eine Anregung gegeben und eine Eigenart geschaffen, das sind die bunten Seidenspitzen, und etwa noch nebst diesen die ~guipures~, wofür man Seide und Aloefaden, naturfarben oder schwarz für grobe Spitzen verwendete.

Im XVI. und XVII. Jahrhundert werden auf den Inseln des mittelländischen Meeres vielfach dieselben Kultur- und Zivilisationsverhältnisse wie in Spanien und Portugal zu finden gewesen sein. ~Allan Cole~ reproduzierte in seinem Werke ~Ancient Point and Pillow Lace~ auf Tafel IV eine hervorragend schöne spanische Nadelguipure aus dem XVII. Jahrhundert, die schon sehr viel Ähnlichkeit mit ~point de Venice~ zeigt, ein maurisches Dessin und die sehr schmale Zeichnung wird beiderseitig von einer stark erhabenen Cardonet eingefaßt. Nadel~guipures~ werden jetzt gar nicht mehr erzeugt.

Je mehr man sich in das Studium der Spitzen vertieft, desto mehr gewinnt man die Überzeugung, daß auch die Klöppelspitzen ihren Anfang in Italien hatten. ~Macramé~ d. h. geknüpfte Fransen und die spanischen Metalldrahtguipuren haben die Grundlage gelegt. Beide Gattungen führen uns in ihren allerfrühesten Anfängen in den Orient. In Italien wurden in vielen Städten wie Lucca, Florenz, Venedig, Mailand, Genua, Ragusa, Goldspitzen geflochten; ob sie diese von Spanien übernommen oder direkt vom Orient empfangen haben, bleibt unentschieden.

Mit der Bezeichnung Guipures wird allgemein ein sehr großer Mißbrauch getrieben. Es werden häufig Spitzen, die keinen ~réseau~ haben, oder solche mit ~réseau~, wenn sie aus grobem Material gemacht sind, als Guipure bezeichnet.

Der eigentliche Sinn des Wortes Guipure liegt in dem Begriff des Zeitwortes ~guiper~, welches bedeutet einen Faden um einen Achsfaden zu rollen oder zu drehen. Tatsächlich haben die Guipures alle dasselbe Merkmal, daß ihre Arbeit stets mit einer Unterlage verfertigt wird, sei es nun ein Seiden- oder Leinenfaden, die die Basis bilden, und welche entweder mit gleichem oder anderem Material übersponnen wurden. Wie die Klöppelspitzen von Knüpfarbeit und Weberei, wie die Nadelspitzen von ~point coupé~ und ~filet~ gelernt haben, lehnen sich die Guipures am meisten an die Passementerietechnik an, doch können sie sowohl mit Nadel als auch mit Klöppel gemacht werden. Die ältesten Guipures sind aus Gold- und Silberdraht oder Seidenfaden, ein- oder mehrfärbig gemacht. Sie waren vor und gleichzeitig mit der ~Reticella~ Mode. Sie gehören noch fast dem Mittelalter an. Häufig ist der Achsfaden bei Gold- und Silber~guipures~ eine Seiden- oder Leinenschnur; dies begründet sich einerseits aus der Kostbarkeit des Materials, andererseits aber auch in der besseren Gebrauchsfähigkeit. Eine ~guipure~ ganz aus Metalldraht hergestellt, hätte den Nachteil gehabt, daß sie viel steifer und ungraziöser in der Verarbeitung gewesen wäre und schwerer im Tragen. Es sind drei eng nebeneinander laufende Fäden oder Schnürchen, die von einem Faden, lose, gewebeartig zusammengehalten werden, und die wie beim Stopfstich, mit einer Schlinge bei jeder Umkehr enden. Das Ornament ist bandartig in großen Schnörkeln und Ranken gezeichnet und weist meistens früheren Geschmacksstil auf. Diese Zeichnung wird mit ~brides~, die unregelmäßig und ganz nach Bedarf angebracht sind, zusammengehalten. Die ~brides~ wie der Weberfaden der ~guipure~ ist aus feinerem Draht oder Faden gebildet, dasselbe gilt auch von Seiden- oder Leinen-~guipures~.

Genua und Mailand gestalteten die ~guipures~ aus und es entstanden alle Arten italienischer, französischer und niederländischer ~guipures~ in erster Linie und aus diesen entwickelten sich die anderen Arten Klöppelspitzen, die -- besonders in Flandern -- zur höchsten technischen Vollkommenheit gediehen.

Die ersten italienischen Klöppelspitzen haben häufig von beiden Gattungen den Charakter entlehnt, und in ihrer weiteren Entwicklung dieselben Effekte verwertet; doch sei erwähnt, daß kaum ein anderer Ausdruck in der kommerziellen Spitzensprache so häufig und so unbegrenzt angewendet wird wie das Wort ~guipure~. Alle groben Spitzen, alle ~torchons~ und überhaupt alle Arten, die zufällig keinen sehr populären Namen haben und nicht sehr fein sind, und keine ~réseau~ haben, werden kurzweg ~guipure~ getauft.

Man kann aber nur zwei Familien unterscheiden, solche, die wie oben gesagt, ihren Ursprung von der Seiden- und Gold-~guipure~ ableiten, die also eine getrennte Ausführung haben, das heißt das ~toilé~ (~Guimp~) und der Grund; die beiden werden getrennt am Klöppelpolster gemacht. Der Faden des ~toilés~ oder der ~guimp~ läuft nicht wie der Faden der Leinwand horizontal und vertikal zum Rande, sondern parallel zu den Rundungen und Schwingungen der Zeichnung und dieses, das ~toilé~, hat nie einen dichten Rand, sondern endet stets mit einem gleichmäßigen ~à jour~, in dessen Rand dann der Grund eingearbeitet wurde, wenn die einzelnen Teile verbunden wurden.

Die zweite Art wird wie die ~macramè~[9] in Einem gearbeitet und das Charakteristische derselben ist, daß sie weder ~fond~ noch ~toilé~ im eigentlichen Sinne, also getrennte Wirkung haben; beide lösen oder konzentrieren sich ineinander. Sie werden stets mit der anfangs aufgeschlagenen Anzahl Klöppel fortgearbeitet und nichts dazugefügt oder weggenommen. Und so leicht manchmal die Technik dieser Spitzen aussieht, so verlangt sie von der Arbeiterin ob geübt oder ungeübt, stets eine große Aufmerksamkeit, da sie fortwährend rechnen muß und die Schönheit der Arbeit davon abhängt, daß sie die Fäden richtig verteilt und verzweigen läßt, trennt und vereint, wie die Zeichnung es verlangt, während der ~réseau~ jahrelange Übung erfordert, aber dann mühelos und gedankenlos verfertigt werden kann.

[9] Macramè sind aus Fransen geknüpfte Spitzen, wenn der Faden der Fransen zu lang war, verwirrte er sich leicht. Der Gedanke lag nahe, ihn auf einer Spule aufzuwickeln -- nun wurde die Spule ein Hindernis beim Knüpfen, man verkreuzte die Fäden einfach oder geflochten -- dies bedingte aber vorläufige Stützpunkte -- erst mit der Erfindung der Drahtstecknadel (Nürnberg 1513) konnten die eigentlichen Klöppelspitzen ausgeführt werden.

Jedes Land hat die Technik dieser zweierlei ~guipures~ in seiner Art weiter gestaltet und Neues geschaffen, und auch parallel mit den anderen Nationen Gleiches geleistet.