Spitzen und ihre Charakteristik

Part 3

Chapter 33,360 wordsPublic domain

Da die Herstellung unendlich mühsam ist, große Geschicklichkeit, genaues, reines Arbeiten und Geschmack von den Ausführenden verlangt, ist und war sie stets eine der teuersten Spitzen.

Nicht umsonst war sie zu so großer Berühmtheit gelangt, man versucht sie daher auch in einfacher Ausführung zu imitieren oder wenigstens ihre Wirkung im großen und ganzen zu erreichen; so steht die dem Kontinente wenig bekannte irische Technik der Carrikmaccroß unter dem Einflusse der Reliefspitzen. Hier wird die Zeichnung in Battist ausgeschnitten und mit einem groben Cordonet umsäumt oder manchmal noch auf Tüll applikiert.

Auch die irischen Häkelspitzen streben wohl den Effekten der Venezianerspitzen nach.

Obwohl die Fachwissenschaft im allgemeinen der Ansicht zuneigt, daß der ~point de rose~, -- Rosaline -- späteren Datums als die Reliefspitzen ist, mag doch das Gegenteil plausibler scheinen. Der Stil der Zeichnung ist weniger barock und edler, zierlicher und recht verschieden von den Reliefspitzen; meistens ist es ein dichtes, ineinander verschlungenes Astwerk, welches nur hie und da von einer kleinen ~jour~-Blume belebt wird, die schwach -- ~en relief~ -- gearbeitet ist; das Ganze ist viel präziser und eleganter, und obwohl bescheidener in der Wirkung, noch kostbarer wie die Reliefspitzen. Die krause Verworrenheit der Zeichnung zeigt weniger Wucht und Majestät aber mehr Lieblichkeit. Die zahllosen meist unregelmäßigen, nur manchmal rautenförmig angeordneten ~brides~ richtig und geschmackvoll zu verteilen erfordert von der Arbeiterin mehr als manuelle Geschicklichkeit, sie erheischt persönlichen Geschmack und künstlerischen Takt. Die ~point de rose~ verdienen ihren Namen in mehrerlei Beziehung. Die eigentümlichen ~brides picotées~,[3] die so charakteristisch für die Rosaline sind, haben die Form von Rosetten. Endlich haben die Rosalines häufig, aber nicht immer, ganz kleine Relief-Röschen, die ziemlich naturgetreu geformt sind. Jedenfalls sind die ~brides campanées~ das wesentlichste Kennzeichen der ~point de rose~, welche übrigens wegen deren Ähnlichkeit mit den Schneekristallen auch oftmals ~point de neige~ genannt wurde.

[3] ~Brides picotées~ oder ~campanées~.

Eine Schwäche der Rosalines ist, daß sie stets als Volants gearbeitet werden und zwar in oben und unten ganz geraden, einförmigen Linien abgeschlossen sind; das ~pied~ oder ~engrelure~ wird nach dem Abschluß als ganz besonders und meistens feiner gearbeitete ~picots picotées~ gearbeitet und steht nicht in genügendem stilistischen Zusammenhang mit dem eigentlichen Spitzenstreifen.

Rosaline und Reliefspitzen wurden reichlich an Paramenten verwendet, Chorröcke, Altardecken, Kelchdecken, wurden mit ihnen besetzt. Aber auch in der weltlichen Kleidung für Frauen wie Männer fanden sie, so weit ihre Kostbarkeit nicht in Betracht kam, uneingeschränkte Verwertung.

Die flachen venezianischen Spitzen -- ~point plat de Venise~ erinnern stark an Klöppelspitzen. Sie sind, wie ihr Name sagt, stets ganz flach, und entbehren sogar das Relief durch das Cordonet. Eine durchgedachte und wohldurchgeführte Zeichnung mit vielen und reichen ~jours~ läßt mehr wie mechanisches Können durchblicken, hübsche zahlreiche ~brides picotées~, die zierlichen dreiteiligen Rosetten wie Eisnadeln, erinnern an den ~point de rose~; es sind verhältnismäßig lange Stäbchen, an denen wie zarte Kristalle eine Anzahl anmutiger ~picots~ angereiht sind, aber immer in Gruppen. Diese ~brides~ und ihre Zeichnung, die in ~crescendo~ und ~diminuendo~ auf- und abschwillt, unterscheidet sich von der Coraline oder den sogenannten eigentlichen Venetianerspitzen. Diese erinnern, wenn auch an eine andere Gattung, ebenfalls an Klöppelspitzen und zwar an die Bändelspitzen und sie bilden das Pendant in Nadelausführung zu den sogenannten Kirchenspitzen. Die Zeichnung hat wenig Bedeutung, sie ist wirr und verschlungen; in ziemlich gleich breiten Streifen windet und schlängelt sie sich gedankenlos dahin, wenige oder gar keine ~jours~ tragen dazu bei, ihr ein ziemlich monotones und nicht so kostbares Gepräge wie bei obengenannten Spitzen zu geben. Ihr Reiz besteht hauptsächlich in ihren ~brides picotées~,[4] die eine nicht geschlossene sechseckige Masche bilden und die ~picots~ stehen einzeln und gleichmäßig verteilt auf den ~brides~. Diese maschenartigen ~brides~ bilden den Übergang zu den eigentlichen Reseauspitzen, sie sind schon in Reihen parallel zu den ~pieds~ ausgeführt. Kunstlos halten sie sich mehr an die Natur und an ihren Namen Coraline knüpft sich die Erzählung, daß sie zuerst von einem verliebten Fischermädchen einem von ihrem Geliebten geschenkten Korallenzweige nachgeahmt wurden.

[4] Die sechste Seite der Masche wird schon von dem eigentlichen Ornament gebildet.

Tatsächlich haben diese Coraline etwas venetianisch Volkstümliches, sie sind und bleiben wie reizende Naturkinder stets mit ihrer Heimat eng verwachsen und wurden niemals außer im Venetianischen gemacht, während ihre kunstvollen Schwestern, überall, wo je Spitzen erzeugt wurden, gleich schön oder schöner nachgeahmt wurden, hauptsächlich in Belgien und in Frankreich.

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Als nun in Venedig durch ~Colberts~ Schöpfung -- (der französischen Spitzen-Industrie) -- die Hauptausfuhr nach Frankreich versiegte und dieses überhaupt die Führung in Modefragen übernahm, trat eine zeitweilige Stagnation in der Pointserzeugung ein, doch die Not lehrte die Venetianer und wie ehemals die Franzosen bei ihnen in die Lehre gegangen waren, so trachteten sie jetzt von ihren Konkurrenten zu lernen und die wichtigsten Neuerungen, insbesondere die Verwertung des Reseaus für die Regeneration ihrer Spitzen zu verwenden. Bald nationalisierten sich diese Alençon-Imitationen wieder, es entstand der sogenannte ~point plat de Venise à réseau~. Es waren ganz flach genähte Spitzen, von gar keinem Cordonet umsäumt und hatten einen ähnlichen Maschengrund, wie der Reseau des ~point d'Alençon~, nur war er stets unregelmäßig und die Maschen fielen nicht in eine Linie, näherten sich mehr dem Viereck und waren verschwommen, doch fiel dies nicht so sehr auf, da der Grund nicht stark in Betracht kam; das Dessin war so groß und breit angelegt, daß nur in kleinen Zwischenräumen verhältnismäßig wenig Platz für den ~fond~ blieb; sie haben mit Sedanspitzen viel Ähnlichkeit. Es sind ausgesprochene Rokokkozeichnungen aus Lilien, Muscheln, Blüten und Knospen mit ungraziösen Schnörkeln, die den sogenannten Jesuitenstil an sich tragen.

Die ganzen Arbeiten machen einen flachen, fast geklöppelten Eindruck; das Cordonet, wenn man einen bloß etwas stärkeren Faden so nennen kann, ist ganz platt an der Fläche gearbeitet und ist mit unendlich feinen ~picots~ gegen den ~réseau~ getrennt. Die sehr feinen Maschen laufen horizontal zum Rand und der Faden ist äußerst fein und das Ornament wird schon so schablonenhaft angewendet, daß man bei einzelnen Formen den natürlichen Ursprung kaum mehr entdecken kann. Ein großer Reichtum an ~jours~ zeichnet sie aus, die alle zu beschreiben nicht möglich ist; häufig kehrt ein einziges Ornament wieder.

Es ist überhaupt bemerkenswert, daß ein großes Abwechseln an ~jours~ meistens mit einer gewissen Korruptheit des Stils Hand in Hand geht, ein Überladen mit Details, welches in allen Kunstgattungen zu verfolgen ist, und die Armut an Gedanken verbergen soll.

Diese flachen Venetianerspitzen mit ~réseau~ wurden von der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts bis zum Ende der venetianischen Republik in Venedig hauptsächlich auf den Laguneninseln gemacht. Die politischen Verhältnisse, die immer zunehmende Verarmung und der Verfall in der Lagunenstadt bewirkten, daß die Spitzenindustrie, ein wesentlich von Luxus und Eleganz lebendes Gewerbe, ganz zugrunde ging. Über Europa brausten die Stürme der französischen Revolution überall merkbar nach. Ein demokratischer Geist fegte viele Gebräuche, Mißbräuche und Reichtum weg, doch auch viel guter Geschmack und reizende Gewohnheiten verschwanden damit für immerwährende Zeiten. Auf der Insel Burano fristeten eine Gattung Spitzen kümmerlich ihr Dasein weiter, die armen Fischerfrauen machten unscheinbare Spitzen, die ihre Abkunft von den ~point d'Alençon~ nicht verleugnen konnten, aber in Stil und Ausführung degeneriert waren und aus groben, ungleichmäßigen Fäden gemacht waren. Im Jahre 1864 schrieb Madame ~Bury-Paliser~: »Die Venetianer Spitzen existieren nicht mehr.« Und doch, acht Jahre später wurde dieses verlöschende Flämmchen zu neuem Leuchten entfacht. Es wurde auch mühsam und kunstvoll ins Leben gerufen, durch Mitleid und Wohltat. Im Jahre 1872 brach ein ganz außerordentlich strenger Winter über Oberitalien herein. Die Lagunen waren zugefroren und die Fischer konnten wochenlang nicht ihrem Berufe nachgehen. Die Not war eine unbeschreibliche und rief die öffentliche Teilnahme wach.

Eine Sammlung wurde zum Teil für die ersten Bedürfnisse der Armen verwendet, der Rest wurde in weiser Vorsorge für die Gründung einer Hausindustrie gespart. Man sagt, es hätte damals ein uraltes Mütterchen gelebt, die als einzige den Venetianerspitzenstich noch machen konnte, ~Ceccia Scarporiolo~; sie, halb blind und gelähmt, unterwies die Fischermädchen und lehrte ihnen, was sie wußte, ein Damenkomitee, an dessen Spitze die Gräfin ~Adriano Mercello~ stand, setzte sich mit ganzer Kraft für dieses Unternehmen ein. Ganz Italien, an seiner Spitze die Königin Margherita, interessierte sich für diese Neuschöpfung in Burano, und bald konnten die ersten, seit langer Zeit wieder in Venedig verfertigten Venetianerspitzen, verkauft werden. Seither ist die Spitzenerzeugung in Venedig wieder eine blühende Einnahmsquelle geworden. Burano blieb unter dem Patronat des Komitees, die Familie Marcello wurde zu einer Art Spitzen-Dynastie und die Buranospitzen sind die besten und schönst gearbeiteten von Venedig, sie gehörten nicht, wie leider die meiste Marktware Venedigs, in die Rubrik Andenken-Verkaufs-Erzeugnisse, die harm- und gedankenlose Hochzeitsreisende, nicht zur Ehre Venedigs, nach Hause bringen.

In Burano werden jetzt wieder alle Gattungen der früheren Venetianerspitzen gepflegt, meistens sind es Spitzen ohne ~réseau~, nur mit einen Grund von ~brides~, häufig in gelblicher Farbe, mit Ausnahme der ~points de Burano~. Diese sind aber noch immer den Alençon-Spitzen ähnlich, die Muster bleiben dem Stil der drei Louis Frankreichs treu; der ~réseau~ hat fast viereckige Maschen.

Der ~réseau~ der Burano sieht jedoch niemals den anderen ~fonds~ ähnlich, es macht immer einen eigentümlichen flockigen, verwaschenen und verzogenen Eindruck, was zum Teile von dem unregelmäßigen Faden herrühren mag. Das Cordonet der Burano ist nur niedergenäht und niemals, wie bei den Alençon mit dem schönen gleichmäßig dichten Knopflochstich überschlungen.

Die Venetianerspitzen gehören historisch Venedig an, aber sie werden überall, wo die edlen Kunstspitzen gemacht werden, mit Erfolg erzeugt, sei es nun in Frankreich, Belgien oder Österreich; Belgien pflegt sehr diese Gattung Spitzen und hat wahrscheinlich einen größeren Umsatz darin, als Italien; man sagt, daß viele, und zwar die beste Ware nach Italien besonders an die Riviera von Belgien geliefert wird, aber auch in Venedig werden belgische Venetianerspitzen verkauft.

~Point d'Alençon.~

Von 1560 bis ungefähr zur Hälfte des XVII. Jahrhunderts exportierten die Venetianer eine ungeheuere Menge Nadelspitzen, sie deckten den ganzen Bedarf Europas, denn nirgends wurden ihre Spitzen so gut nachgeahmt, daß man ihnen nennenswerte Konkurrenz machen konnte.

Die verschiedenen Regenten erließen zahlreiche Erlässe gegen den übertriebenen Luxus, hohe Schutzzölle, strenge Verbote nützen und frommen nicht gegen die Macht der herrschenden Mode. Frankreich stand an der Spitze der importierenden Länder. Für viele Millionen Francs wurden alljährlich Spitzen aus Venedig eingeführt und die Nachfrage steigerte sich noch zusehends unter Louis XIV. Der »~roi soleil~«liebte in seiner Jugend üppigen Luxus und Glanz, er selbst beeinflußte die Moden und sprach allen Verordnungen seiner Minister Hohn, indem er für sich und seinen Hof den größten Aufwand an Spitzen aller Gattungen trieb, insbesondere aber die Venetianer bevorzugte. Es gab damals kaum ein Kleidungsstück, das nicht aus Spitzen gemacht oder mit Spitzen verziert wurde, breite Umlegkragen, ~jabots~, ~manschetten~, ~kanons~, das sind Spitzenvolants, die aus den Stulpstiefeln hervorsahen, Rosetten an den Schuhen, an den ~jarretieren~, Barben, Hauben, Schürzen, Bett- und Tischzeug, kurz alles war mit Spitzen versehen. In den Feldzügen, im Lager, über Harnischen, im Boudoir, in Kirchen und Klöstern, überall waren Spitzen zu sehen. Wenn man nun bedenkt, daß Frankreich verhältnismäßig wenig Spitzen im Lande produzierte, so begreift man, welch ein wirtschaftlicher Aderlaß dies für Frankreich war, und wie Flandern und Venedig dabei gewannen. Von der Macht der Mode kann man sich einen Begriff machen, wenn man die strengen Gesetze der damaligen Zeiten betrachtet; mit Schmugglern machte man nicht viel Federlesens, man knüpfte sie an den nächsten Baum oder schoß sie nieder, und trotzdem, da der Gewinn verlockend genug war, wurden die Schmuggler nur schlauer und erfindungsreicher, und Ballen von Spitzen fanden ihren Weg über die französische Grenze.

Wenn es kaum eine Kunst oder ein Kunsthandwerk, das durch Jahrhunderte so anonym geblieben ist, wie das der Spitzen gibt, denn überall anders treten uns Namen entgegen, so tritt ausnahmsweise der Name und die Gestalt ~Colberts~ hervor, ein Genie, das seinerzeit im Anfassen der nationalen Wirtschaftspolitik um Jahrzehnte vorauseilte, der nicht nur Altes unterstützte, sondern Neues schuf, der das so wichtige Prinzip erkannte, daß ein Luxus, so lange das Geld im Lande bleibt, und nichts vom Auslande importiert wird, nationalökonomisch nicht schädlich ist, da selbst sinnlose Ausgaben der Reichen das Geld ins Rollen bringen, Industrieen schaffen, die für den Export Bedeutung erlangen können, und das Volk zu großer Regsamkeit anspornen.

~Colbert~ war mit einem Wort der erste moderne Finanz- und Handelsminister, er war der erste, der mit den nationalen Gütern nicht Raubbau trieb, er wollte nicht nur ernten, sondern säte auch in der Gegenwart für die Zukunft. Ihm hat Frankreich den ersten Impuls für die allen Stürmen trotzende Entwicklung der Industrie zu danken, er gründete oder förderte Manufakturen, wie die Gobelinweberei, Sèvresporzellanerzeugung, er ließ die so kostbaren und damals bloß in Venedig erzeugten Venetianerspiegel in Frankreich erfolgreich nachahmen, und endlich gründete er die Spitzenindustrie.

~Colbert~ erkannte gleich, daß auf dem Wege der Verbote die Verhältnisse nicht zu sanieren waren. Mit der Mode mußte gerechnet werden, blieb nur das Geld im Lande, und es war das Beste die Passion für die eigene Heimat auszunutzen. ~Colbert~ faßte seine Sache erfolgreich an. In Frankreich hatte man bis dahin Nadelspitzen kaum fabriziert, doch war die Anfertigung des über alle Länder populären ~point coupé~ auch dort eingebürgert; hie und da hatte wohl auch die eine oder andere Spitzen-Matrone auf eigne Faust Venetianerspitzen aber minderwertig imitiert. Er suchte sich nun zur Pflanzstätte seiner Ideen jenen Bezirk Frankreichs aus, der eine relativ gut geschulte weibliche Bevölkerung besaß, und das war ~Alençon~, mit Nachbarschaft, wie ~Aurillac~, ~Argentan~ etc.

Die Gründung der ~Alençon~-Spitzenindustrie ist deshalb eine sehr bemerkenswerte, weil sie eine vollkommen bureaukratische ist, sie wurde vom Schreibtisch aus diktiert, und mit Erfolg ins Leben gerufen. Im allgemeinen war und ist die Spitzenerzeugung stets eine volkstümliche gewesen, die nur hie und da in den Klöstern Förderung fand, von den Regierungen früher häufig eher gehemmt als unterstützt wurde. ~Colbert~ war der erste, der nationalökonomisch und administrativ wohl durchdachte Gründungen durch Ausbildung von schon existierenden Industrieen durchführte, obwohl er speziell von seiten der Bevölkerung in ~Alençon~ anfangs wenig freundliches Entgegenkommen fand. Vor dem Gründungsjahr 1665 hatte eine ~Mme. Perrière~ in ~Alençon~ venetianische Spitzen für eigene Rechnung nachgeahmt. Mit ihr und einigen anderen gründete ~Colbert~ die »~Manufacture du point de France~« wie von nun an alle französischen Spitzen hießen. Die Behauptung, welche die meisten Autoren der ~Mme. Paliser~ nachsprechen, daß die erste Manufaktur in ~Château de Lonrey~ bei ~Alençon~ etabliert war, ist nicht haltbar.

Zwei sehr ernste Autoren, wie ~Duval~ und ~Despierres~ widersprechen dieser Annahme und druckten in ihren Werken alte Dokumente als glaubwürdige Beweise ab; abgesehen von diesen Schriften spricht auch noch ein sehr einfacher Gedankengang gegen diese Behauptung. Im Jahre 1665 war die Feudalherrschaft noch in Blüte. Der Adel war noch nicht verarmt, wie später nach der Revolution. Damals, in Reichtum und Ansehen ungebeugt, bewohnten und benutzten die Adeligen ihre Schlösser noch selbst; hatten sie mehrere, so kamen dieselben wohl manches Mal noch zu Lebzeiten des Besitzers in Benutzung einer jüngeren Linie oder einer bevorzugten Maitresse. Ein bußfertiger Bruder oder eine alte Sünderin übertrug oder verschrieb ihre Herrschaft zur Rettung ihrer Seele der Kirche oder einem Kloster, seltener schon wurden Schlösser oder Burgen in Spitäler verwandelt. Doch der Gedanke, ein Schloß in eine Fabrik oder gar in eine Kaserne umzuwandeln, widerspricht ganz und gar dem aristokratischen Geiste jener selbstherrlichen Zeit. Dies blieb der Neuzeit vorbehalten, und leider oft zum Schaden der Ästhetik.

Die Gründung der Gesellschaft der ~points de France~ verteilte sich auf verschiedene Bezirke, wie Reims, ~Sedan~, ~Aurillac~ und ~Argentan~; und was nun von ~Alençon~, dem wichtigsten, erzählt wird, gilt mehr oder minder von den anderen auch. Es wurden Gebäude für diesen Zweck eingeräumt und ausgestattet und man ließ Venetianerinnen und Flämländerinnen kommen und Frauen aus ~Alençon~ wurden angeworben, die genügende Schulung hatten.

Mit diesem kleinen Stabe hoffte ~Colbert~ in kurzer Zeit 8000 Arbeiterinnen heranbilden zu können. Darin wurden aber seine Erwartungen getäuscht, denn, so lange die Fabrik als solche unter der zehnjährigen Staatspatronanz stand, brachte man es auf nicht mehr wie 700 Arbeiterinnen, die Bevölkerung, die sich in ihrem Erwerbe bedroht sah, bot Widerstand, es kam häufig zu Ausschreitungen. Es wurde mit den neuen Mustern, die auch Monopol waren, Mißbrauch getrieben, was zwar strenge gestraft wurde aber Hetzereien und Wühlereien zur Tagesordnung machte. Trotzdem hatte die Manufaktur einen großen Erfolg. Louis XIV. erklärte den ~point de France~ zur offiziellen Hof-Etiquette, er trug ihn selbst und alles beeilte sich, ihn nachzuahmen.

Diese Fabrik muß man sich als ein Mittelding zwischen einer Fachschule und einer Aktiengesellschaft denken. Nachdem die ersten zehn Jahre verflossen waren, verwandelte sie sich in mehrere Privatunternehmen. Sie hatte aber ungemein befruchtend auf die allgemeine Spitzenindustrie gewirkt, obwohl man sich in den ersten fünfundzwanzig Jahren darauf beschränkte, die Venetianerspitzen möglichst getreu zu kopieren. Es war jene Gattung mit den ~brides picotées~ und war vielleicht nur im Relief etwas flacher gehalten. Doch der französische Geschmack kam bald zur Geltung, die Ausführung wurde zierlicher als die italienische und die Zeichnung wurde nach dem tonangebenden Geschmacke modifiziert. Wie aus den Venetianerspitzen derselben Zeit kann man an den ~Alençon~ bemerken, daß die ~brides~ wabenartig angeordnet waren, welche einen regelmäßigen ~réseau~ ahnen ließen. Im Anfange des XVIII. Jahrhunderts wurde der Versuch gemacht, den Klöppel-Reseau mit der Nadel nachzubilden. Es war auch die Konkurrenz, die das herbeiführte, denn die belgischen Spitzen wurden damals am Hofe viel getragen und drohten die ~points~ zu verdrängen. Die flämischen Mädchen werden offenbar die Anleitung dazu gegeben haben. In die Jahre zwischen 1700 und 1717 fallen die wichtigen Neuerungen, die den ~points d'Alençon~ ihr heutiges Ansehen gaben und sie von den venetianischen Spitzen so wesentlich unterscheiden, so daß sie von nun an eine ganz selbständige Gattung wurden. Es sind dies: der eigentliche, feine ~réseau~, der dem Ansehen nach ähnlich wie der der Brüsseler Klöppel-Spitzen (~point d'Angleterre~) war; der Anfang des ~réseaus~ der Klöppelspitzen war sechseckig und ist später ein mehr längliches Viereck geworden und wird häufig ~réseau d'Alençon~ genannt. Dann wurde gleichzeitig die sogenannte ~maille bouclée~ und die ~bride tordue~ oder ~maille tordue~ gemacht, beides regelmäßige sechseckige Maschen, die nur größer und stärker wie der ~réseau~ sind. Die ~bride bouclée à picots~, die von den Venetianern entlehnt war, nahm um diese Zeit ab. Die ~bride bouclée~ wird häufig den ~Argentans~ als Spezialität zugeschrieben; jede ihrer sechs Seiten wurde acht bis fünfzehn Mal mit Knopflochstich überzogen, wodurch sich natürlich dieser Grund durch große Dauerhaftigkeit auszeichnete und nebstbei in originellen Kontrast mit dem[5] feinen eigentlichen ~réseau~ trat, der häufig als zweiter Streifen den Rand der Spitzen zierte. Durch die Benützung des ~réseaus~ wurden auch Zeichnung und Technik der Alençons bedeutend geändert. Von nun an wurden die ~points d'Alençons~ nicht mehr in Einem gearbeitet, sondern in kleinen Teilen von verschiedenen Arbeiterinnen, so wie die Brüsseler Spitzen. Jede Arbeiterin war in ihrer Spezialität eingearbeitet, und ein Stück Spitzen ging durch zwölf bis sechzehn verschiedene Hände, bis es fertig war. Diese getrennte Arbeit war in Venedig nicht in Gebrauch gewesen, und ist eine französische Neuerung, die man von den belgischen Klöpplerinnen gelernt hatte. Bei alten Spitzen begnügte man sich mit der Ausführung von ~fleurs~, welche aus ~entoilage~ oder ~remplis~ gebildet waren; eine ~brode~ umgab sie und die ~brides~ füllten den Grund. Nun aber werden die Spitzen häufig in zweierlei Streifen gemacht, Medaillons als »~rivière~« angeordnet, schlängelten sich durch die Spitzen. Diese Medaillons wurden nun mit zahllosen verschiedenen Stichen ausgefüllt, die man ~modes~ nannte und die das ~rempli~ ersetzten, das jetzt zu große Ähnlichkeit mit dem feinen ~réseau~ hatte. Eine Eigentümlichkeit der Nomenklatur des ~point de France~ oder ~d'Alençon~ ist, daß er ganz andere Namen für die verschiedenen Teile hat, wie sonst gebräuchlich.

[5] Der Grund ist hier stärker wie die sich zart abhebende Zeichnung, was eine schönere Wirkung hervorbringt, bei den ~point de gaze de Bruxelles~ verhielt sich die Sache umgekehrt, der ~fond~ ist unproportioniert zart zum Dessin.

~Motivs~, ~fond~, ~entoilage~, ~fleur~ war die Bezeichnung für die Blume, ~champs~ für den Grund, ob aus ~brides~ oder ~réseau~, ~brode~ heißt das Cordonet, das die Zeichnung umgibt, ~modes~, ~fenêtres~ oder ~portes~ heißen die ~jours~ und so weiter.

~Points d'Alençon~ sind noch insoferne interessant, weil man an ihnen wie an keiner anderen Spitzenart den jeweilig herrschenden Stil in der Zeichnung verfolgen kann.

Die ältesten vor 1660, volkstümlich »~velins~« nach dem Pergament, auf dem sie gearbeitet wurden, genannt, unterscheiden sich nicht von den allerorts gemachten ~points coupés~, Reticellas oder primitiven Venetianern. 1660 bis 1700 verlegte man sich auf die getreue Kopie der kostbaren Venetianer Reliefspitzen und anderer, edler Gattungen.

Kleine Dessinänderungen wurden dann später wohl auch versucht, aber erst von 1700 erhalten die ~points d'Alençon~ ihr gewohntes Aussehen.