Spitzen und ihre Charakteristik

Part 2

Chapter 23,424 wordsPublic domain

Die Wirkung der Spitzen als reich, elegant, einfach, weich, durchsichtig und kleidsam hängt von der Anordnung und Verteilung der: ~fond~, ~toilé~, ~mats~, ~jours~, ~grillé~, ~engrêlure~, ~pied~, ~picots~, ~brides~ untereinander ab, und von der Wahl des Materiales. ~Charles Blanc~ hat einen ausgezeichneten Vergleich aufgestellt. Die Nadel verhält sich zum Klöppel, wie der Bleistift zum Wischer. Was die Nadel hervorhebt und unterstreicht, verwischt und mildert dagegen der Klöppel. Die Kontur der Nadelspitzen ist stets eine klare, fast harte. Die Klöppelspitzen hingegen haben etwas Weiches, Verträumtes und Mildes. Aber im allgemeinen kann die Technik aller Spitzen am besten mit einer Radierung verglichen werden. Wie die Kunst des Graveurs mit der Radiernadel genau weiß, welche Wirkung mit schiefen, geraden, kurzen oder breiten Strichen, mit Punkten und Kreisen, Wiederholungen, mit Aussparungen und Verdichtungen, mit Licht und Schatten erzielt wird, so weiß auch die Spitzenverfertigerin alle Reichtümer ihrer Technik auszunützen. Hier wird ein ~mat~ angewendet, hier ein ~grillé~, dort ein Übergang mit einem ~jour~; ein Akzent wird durch das Cordonet gegeben, und einen Kontrast oder einen Ausgleich soll der Fond bilden, und die Wahl des Fadens, der Nadel oder des Klöppels ist wie die Wahl des Papiers und Ätzmittels.

Da wie dort kann man sagen: kleine, sehr kleine Ursachen, große Wirkung. Alle diese kleinen Ursachen mit Takt anzuordnen und richtig zu benützen, führt zur Meisterschaft in dem Fache und bildet die Kunst. Das Wort Spitzen ist selbst nicht sehr alt, ebensowenig wie ~dentelles~, und wurde erst in Anwendung gebracht, als die gezackten Kragen und Manschetten aufkamen; und anfangs gebrauchte man es nicht allein. Man sagte, ~passement à bord droit~. Das Wort ~passement~, Kante, Borte, wurde bis ins Jahr 1800 meistens gebraucht, und zwar ohne viel Differenzierung für jedweden Kleideraufputz, der als Abschluß dienen konnte, sei es nun eine gold- oder silbergewebte Borte, oder eine Stickerei (mit Perlen besetzt), wenn es nur den Zweck des Besatzes erfüllte oder bortenmäßig benützt werden konnte.

Ein zweites Wort: »Kanten« wurde lange Zeit besonders in Nord- und Nordwest-Deutschland gebraucht, so wie dies noch heute im Holländischen der Ausdruck für Spitzen ist. Ob die Worte ~points~ oder ~pointois~ von dem Wort Stich oder dem anschaulichen Begriff der Spitzen, scharfen Zacken herrühren, ist schwer zu entscheiden. Aber eben, weil die Spitzen vielerlei Ursprünge und Abarten hatten, gab es ursprünglich kein einheitliches Wort dafür. Man war früher genauer und umständlicher. Wenn man später unter ~points~ kurzweg Nadelspitzen verstand, so sind unter ~dentelles~ nicht ebenso als Gegensatz Klöppelspitzen zu verstehen. Man sagte:

~passement dentelé passement à l'aiguille passement fait au métier.~

~Passement dentelé~ war anfangs einfach ein Modeausdruck, als die stark gezackten Kragen und Manschetten, insbesondere die genuesischen, getragen wurden, und entspricht dem »gezähnt, gezackt«. Im Deutschen beschränkte man sich meistens auf die sinngetreue Übersetzung aus dem Französischen. Die spitzenerzeugende Bevölkerung hat die technischen Bezeichnungen fast alle aus dem Flämischen und Plattdeutschen übernommen.

Der Käufer gebrauchte das französische Wort und dessen deutsche Übersetzung. Denn die deutsche Umgangssprache war nach dem dreißigjährigen Kriege gewiß zum Drittel mit französischen Worten untermengt, und es galt als guter Ton, dieses Kauderwelsch zu sprechen, insbesondere die Mode und höfischen Worte, und so finden sich bis heute viele Ausdrücke des Spitzenhandels nur im Französischen und werden unverändert gebraucht: ~barbe~, ~volants~, ~ruche~, ~à jour~, ~fichu~, ~manchette~, ~jabots~, ~picots~, ~etc.~

Was den Ursprung der Spitzen anbelangt -- geht es einem wie mit einem Flusse; geht man seinem Ursprunge nach, so entdeckt man, daß er aus vielen kleinen Bächen, Quellen und Zuflüssen entsprungen ist. Manchmal fließen diese lange nebeneinander und erst nach und nach stoßen sie zusammen, um den mächtigen Strom zu bilden. Viele Quellen der Spitzen entspringen im Orient. Damals war das ganze abendländische Kulturleben vom Orient befruchtet. Die Prachtliebe, die Farbenfreudigkeit, stammen aus dem Osten; feine schleierartige Gewebe wurden gleich der Seide erst durch die Kreuzzüge wirklich bekannt. Diese Stoffe wurden bewundert und man versuchte sie der europäischen Tracht anzupassen. Auf den präraffaelitischen Bildern sehen wir die heiligen Frauen mit einem unendlich feinen Schleier auf dem Haupte, dem ~Zanzera~, und ein Streifen dieses zwischen dem Leinen-Battiste und der Seidengaze stehenden Stoffes umhüllt ihnen keusch Nacken und Busen. Der Rand des »~Zanzera~« sowohl wie der des hemdartigen Gewandes sind mit einem zarten, erhabenen Ornamente geschmückt, oder auch bloß fein gefältelt; fast könnte man glauben, eine Art Spitzen zu entdecken; es sind jedoch keine, und diese Schleier haben andere Bedeutung. Es ist in bezug auf die Spitzen der Beginn der Jahrhunderte lange währenden Mode des Weiß als Abschluß zur Haut, und zu dieser Verwendung wurden später die meisten Spitzen gemacht.

Andere Quellen wurzeln in den heimischen Zünften Goldstickerei, Posamentiererei und Weberei. Aus diesen entwickelten sich die Guipures. Ferner die Gold- und Silberspitzen, die Klöppelspitzen und wie sie später an jeweiliger Stelle aufgezählt und geschildert werden.

Italien und die Niederlande kämpfen um die Palme, die Spitzen zuerst erzeugt zu haben, diese Frage wird wahrscheinlich niemals unanfechtbar zu Gunsten des einen oder des anderen Landes entschieden werden. Zu viel Chauvinismus trübt die älteren Berichte, und später trat ein so reger Austausch von Land zu Land ein, jedes neue Muster, jeder Fortschritt in der Ausführung, jede Mode und jeder Erfolg verbreiteten sich sofort weit über die Grenzen der eigenen Heimat.

Vermutlich werden die Versuche fast gleichzeitig gemacht worden sein, der Boden war eben reif die Saat aufzunehmen und sprießen zu lassen. Keinesfalls darf man sich vorstellen, als ob die Spitzen plötzlich als eine Art Erfindung entstanden wären, gleichwie Minerva aus dem Haupte Jupiters sprang. Nein, langsam bildeten sich die Spitzen, aus den verschiedenen Zweigen der textilen Künste ihre Motive und Anregungen schöpfend; die Spitzen wurden fortwährend verändert und die Technik erweitert, und als in ihrer Entwicklung ein Stillstand eintrat, -- im Anfange des vergangenen Jahrhunderts, -- war auch eine gewerbliche Stagnation, ob Ursache oder Wirkung bleibt unentschieden, ihre Begleiterscheinung.

Und deshalb haben zum Beispiel die modernen österreichischen Spitzen den Keim der Lebensfähigkeit in sich, weil sie sich nicht begnügten, zu imitieren, sondern selbständig weiterschufen, an alte Tradition anknüpfend, neue Techniken verwertend. Jedenfalls sind die Näh- und Klöppelspitzen ziemlich gleichzeitig als selbständige -- freie -- Spitzen gemacht worden; es dürften nur die Vorläufer der Nähspitzen, nämlich die Leinen ~à jour~ Arbeiten, in der Zeichnung und Wirkungs-Intention auch den Klöppelspitzen, die in der Technik von Posamentiererei und Weberei lernten, zur Anregung gedient haben. Genäht wurde zuerst aber nur der Nützlichkeit wegen, infolgedessen bildete sich die Technik der Nadel am meisten und schnellsten aus. Dem Nützlichen gesellte sich bald der Wunsch nach dem Schönen zu. Nebstbei kam es Tischtuch, Vorhang und Gewand zu statten, wenn die Säume beschwert wurden. Das betreffende Stück benutzte sich besser, es hatte einen schöneren Faltenwurf und der Wind konnte weniger damit herumschlagen, bei feineren Geweben aber verhütete man dadurch, daß die Säume sich aufrollten. So entwickelte sich die Technik immer mehr und es konnten neue Versuche gemacht werden. Die orientalischen Knüpfarbeiten (~macramé~), die Fransen, das Zusammenziehen der Fäden, bei schütteren Geweben in Gruppen und Büscheln, das Herausziehen der Fäden, das Besetzen mit doppeltem Stoff, das alles bildete sehr hübsche Effekte; Ornamente wurden gebildet, und so waren »~à jour~« und »~punto tirato~« da. Die ausgeschnittenen Stellen, -- vielleicht wurde manchmal aus der Not eine Tugend gemacht, -- wurden mit Rädern und Stäbchen aus Knopflochstich mit spinnetzartigen Mustern gefüllt. Und diese einfachen geometrischen Figuren wurden mit der Zeit und Übung immer komplizierter und da fängt die Grenze an, wo es oftmals schwer zu unterscheiden ist, ob sie noch als ~points coupé~, ~punto tagliato~ oder ~punto tirato~, aus der Leinwand gearbeitet sind, oder schon als selbständige Spitzen (~punto in aere~) behandelt wurden. In Österreich nennt man diese Arbeiten meistens, ohne viel Unterschied zu machen, Reticella oder Ragusaspitzen, was aber weder der allgemein gebräuchliche noch durchaus richtige Ausdruck ist. Die Fischer haben von altersher genetzt, es wurden Stoffe und Borten gewebt, Passements aus Gold und Silber, teils gewebt, teils gestickt. Aus dem Orient kamen Anregungen; das täglich umgehende Leben gab auch solche nicht nur in den textilen Handwerken, sondern auch in Architektur, im Ziselieren der Waffen, überall fand man das Streben durch Licht und Schatten und scharfe Konturen künstlerische Wirkungen zu erzielen, die nicht auf Farbe und Plastik beruhen. Und so versuchte man mit anderen Mitteln dasselbe, was schließlich in den Spitzen gipfelte.

In alten Zeiten war der mündliche Meinungsaustausch ein großer. Ebenso wie in den Spinnstuben abends, kamen tagsüber Gruppen von Frauen, Mädchen und Mägde zusammen, um in dem Hause einer vornehmen und reichen Frau gemeinsam zu arbeiten. War es nun eine Altardecke, oder die Heiratsausstattung für ein manchmal noch kaum geborenes Kind, an denen sie jahrelang schufen, geschah es in einem Kloster oder Hospiz, immer wurden neue Versuche gemacht, der Ehrgeiz angespornt, Neues zu finden und sich auszuzeichnen. Die Damen, welche die Sachen trugen, oder verschenkten, die bei ihnen angefertigt wurden, beeinflußten und überwachten Geschmack, Schnitt, Muster, Wahl des Materiales. Die Mädchen aus dem Volke brachten Anregungen aus dem Berufsmilieu, dem sie entstammten. Das Fischermädchen, mit dem Netzen vertraut, machte feinen Grund, eine Zeichnung wurde in Stopfstich, »~point de reprise~« auf das Netz übertragen. So bleibt die Frage, ob die Niederlande mit dem feinsten Flachs, oder Italien mit seinem Ornamenten-Reichtum, die Wiege der Spitzenkunst war, unentschieden. Im allgemeinen behaupten die Autoren, daß man Venedig die Näh-, Belgien die Klöppelspitzen verdanke.

Jedenfalls waren die Venetianer Spitzen im XVI. Jahrhundert hoch berühmt und damals war Venedig in Mode und Luxus die tonangebende Stadt, wie später Paris.

Nebstdem kann man den Einfluß des nahen kirchlichen Rom nie hoch genug einwerten. Die Kirche war ja der Brennpunkt der gesamten abendländischen Künste und Handwerke. Und sie ist allem Neuen auf diesem Gebiete Pate gestanden, wie die Erzeugnisse oftmals ihr bestimmt wurden. Die Liturgie schreibt aber im Dienste des Altars bloß Wachs, Leinwand, Gold und Silber vor, also verhältnismäßig beschränktes Material. So mag das päpstliche Rom naturgemäß das Endziel abertausender Erzeugnisse fleißiger Frauenhände des Nordens gewesen sein, das Schönste und Beste, die Träume resignierter Menschenherzen wurden mit Geduld und heiligem Eifer in Spitzenkunstwerke umgesetzt. -- Die mit Saumstickerei beschwerten Leinwandstreifen werden wohl die ersten Spitzen geschmückt und als Altardecke gedient haben. Später erst werden Bettwäsche, Tischzeug und Hemd ähnlichen Zierat erhalten haben. Alter, ebenso wie der geographische Ursprung, sind demnach schwer genau zu bestimmen. Man kann sich nur nach Bildern, Büchern und Rechnungen richten und diese sind nicht immer genaue Anhaltspunkte. Wer wollte wohl die Jahreszahl der Erfindung der Lokomotive nach dem Vorkommen auf Bildern bestimmen wollen?

Aber nichts ist so verwirrend, und das Interesse erlahmend für den Laien -- wie die Spitzen nur nach Alter und Landschaft ordnen zu wollen; wissen wir doch aus anderen Kunstzweigen, wie sich Stil und Art verschleppt; wie Möbel in unseren Alpentälern oft um viele Jahrzehnte gegen verkehrsreichere Zentren sich verspäten und z. B. gotische Formen noch bis spät ins neunzehnte Jahrhundert, stets unbehindert von Tagesströmungen, wiederholt wurden und sich zu einer Art Volksstil umgestalteten.

Aus den Jahren 1527 und 1528 stammen die ersten Musterbücher für Nähspitzen; das erste erschien in Köln, das zweite war von dem Venetianer ~Antonio Tagliente~ herausgegeben. Dieser sagt selbst, er habe zum Teile schon vorhandene Muster von Meistern gesammelt, zum Teile neue Muster selbst erfunden und gezeichnet; es erscheint daher sehr begreiflich, daß der Auflage dieses Buches eine große Anzahl von Jahren vorausgegangen ist, in denen das Spitzen-Nähen und Klöppeln eine weite Verbreitung gefunden hatte, denn das Bedürfnis nach neuen Mustern ist ein Beweis, daß die alten eine schon zu allgemeine Verbreitung hatten und abgedroschen waren, und daß in Italien und im zivilisierten Europa damals schon das Spitzenerzeugen ein Industriezweig für viele Gegenden war, und nicht eine bloße Nebenbeschäftigung für die Mußestunden mancher Frauen bildete. Diese ersten Muster zeigen uns zum größten Teile geometrische Figuren, soweit sie für die Nähtechnik gedacht waren.

~Punto tirato.~

~Punto tirato~ ist einer der ältesten und primitivsten Vorläufer der Nadelspitzen. Sie sind ganz aus einem groben aber schütteren Leinwandgrund herausgearbeitet. Geschnitten wurde nichts, die Ketten- und Schußfäden wurden in Gruppen und Bündel zusammengezogen und geschoben, mit Zwirn überwickelt und bildeten den Grund eines viereckigen Netzwerkes. Das Muster aber wurde in der Leinwand ausgespart. Naturgemäß erscheint die Zeichnung eckig und hart. Manchmal suchte man dies zu mildern, indem man die Kontur mit einem Leinen- oder Seidenfaden abrundete und allzu schroffe Ecken darunter verschwinden ließ. Das Muster war breit, Tierdarstellungen, wie Einhorn, Drache, Pelikan, Adler, Hirsche und Schlangen waren beliebt, auch Adam und Eva, plumpe Reiter und dergleichen kommen vor. Diese Arbeiten zeigen alle eine gewisse Schablonenhaftigkeit; sie sind meistens nicht breiter als zirka ein Meter (die Breite eines Handwebestuhles) und ein glatter Leinwandstreif schließt sie gegen unten ab; dieser häufig mit einer flachen weißen oder bunten Stickerei versehen. Die groben Klöppel- oder Nähspitzen, die manchmal diese ~punto tirato~ Arbeiten umgeben, sind immer erst später dazugefügt worden.

Diese Tücher, die in ihrer Naivität vielfach an die modernen skandinavischen Hausindustrieerzeugnisse erinnern, dienten hauptsächlich als Altardecken, Tischtücher und auch vielfach zur Zierde des Bettes, in dem diese Streifen unter der Matratze eingebettet wurden und mit ihrem verzierten Teile über den Rand des Bettes heraushingen. Ferner wurden sie noch zu Bett- und Fenstervorhängen und Handtüchern verwendet; für Leibwäsche oder Kleiderschmuck eigneten sie sich nicht.

Große Ähnlichkeit im Dessin mit dem ~punto tirato~ haben die Filetarbeiten, doch sind die letzteren in Geschmack und Ausführung weit verfeinerter. Ihre Technik ist nicht mehr so primitiv und erlaubt ihnen eine genauere und schönere Interpretation der Zeichnung. Die Gestalten, oftmals apokalyptische Tiere, Drachen, Phantasievögel, sind harmonischer und besser in den Proportionen und erscheinen daher nicht so plump. Zuerst wurde ein feines Netz gearbeitet und auf dieses wurde die Zeichnung in einer Art Webe- oder Stopfstich übertragen.

Nach den Ornamenten zu urteilen, wurden diese Tücher meistens für den Altardienst oder eine sonstige kirchliche Verwendung gemacht. Aber auch Bettvorhänge und Tischtücher wurden damit geziert. Es war eine sehr dauerhafte Handarbeit und man findet sie häufig in privaten und öffentlichen Sammlungen. Sie wurde auch farbig ausgeführt. Diese Art von Arbeiten müssen für die gute Wirkung verhältnismäßig wenig Mühe gemacht haben. Sie wurden in neuester Zeit wieder als Dilettantenbeschäftigung nachgemacht und haben als Fensterstores und dergleichen hübsche Verwendung.

Eines ist noch zu erwähnen. In den Filetarbeiten wird zum ersten Mal der Knopflochstich in Anwendung gebracht, auf dem später die ganze Nähspitzentechnik sich aufbaute.

~Punto tagliato.~

Mit diesen zwei erwähnten Arbeitsgattungen, dem ~punto tirato~ und dem ~punto ricamato~ hört für lange Zeit das phantastische Tierornament auf. Die unentwickelte Anfangstechnik des ~punto tagliato~ erlaubte dergleichen nicht, sie war, obwohl in der Ausführung edler und mühevoller, doch in der Wahl der Muster beschränkter, und mußte sich mit der Ausführung von geometrischen Figuren begnügen. Es wurden Quadrate, Rhomben und dergleichen aus der Leinwand ausgeschnitten, teilweise ließ man auch in denselben Webefäden stehen und benutzte sie als Basis für das Ornament; doch alle Fäden, sei es nun neu gespannte oder die der Grundleinwand wurden mit Nadelarbeit überzogen, und zwar kamen nur dreierlei Stiche in Anwendung. Zuerst wurde der Rand der ausgeschnittenen Stelle mit Knopflochstich befestigt, dann wurden die Stäbchen, welche vier bis sechs Fäden gebildet hatten, mit einer Art Webestichen überflochten; dünnere Stäbchen aus bloß ein oder zwei Grundfäden wurden einfach überwickelt und endlich noch konnten diese vertikal, horizontal und diagonal laufenden Stäbchen als Speichen zu einer Art Räderwerk dienen, und dieses war wieder aus Knopflochstich gebildet. Auch ~picots~ kamen schon zur Anwendung. Die Stellen der Leinwand, welche ausgespart geblieben waren, wurden nun mit einer flachen, oft grünen, braunen, gelben oder roten Stickerei ausgefüllt, und zwar lief der Stich derselben immer parallel zum Webefaden.

So primitiv diese Art Arbeiten anfangs sind, -- sie ließen dem Ornament viel weniger freie Entwicklung, wie die zwei früher besprochenen Arbeiten, -- so bilden sie doch die letzte Vorstufe zu den eigentlichen Näh-Spitzen. Mit der Zeit wurde immer mehr Leinwand weggeschnitten und selbständige Fäden gezogen, um das Gerüst für die stets komplizierter werdenden Ornamente zu bilden; endlich begnügte man sich nicht mehr mit den Stäbchen und Festons, man füllte freie Stellen mit dicht aneinander gedrängten Knopflochstichen aus, entwarf die Zeichnung gleich auf Pergament, und so entstand der ~punto in aria~, die ersten selbständigen Venetianerspitzen. So lange diese Spitzen aus geometrischen Figuren gebildet sind, nennt man sie Reticella, oder auch ~Greek lace~, ~dentelles greques~ und zwar wurde ihnen dieser Name deshalb beigelegt, weil zur Zeit des griechischen Befreiungskrieges die englische Besatzung der ionischen Inseln diese Art Hausindustrie sehr häufig bei der Bevölkerung derselben fand, und man in dem damaligen allgemeinen Griechenenthusiasmus darin Spuren klassischer Kultur zu finden glaubte und ganz vergaß, daß diese Inseln, wie Dalmatien, noch kurz vorher unter der Oberhoheit der venezianischen Republik gestanden hatten und daß diese Spitzen alte italienische Kulturtradition waren, und im Gegensatze zu den Erzeugnissen des Mutterlandes in ihrer Entwicklung über ein Jahrhundert lang stehen geblieben waren, während in der Lagunenstadt die Venetianerspitzen immer herrlicher aus ihren primitiven Anfängen herausreiften und ihren Siegeslauf über die Welt antraten.

Die Venetianer Nadelspitzen entwickelten sich aber in verschiedenen Gattungen: es sind Reticella, ~gros point de Venise~ oder Venetianer Reliefspitzen, in Rosaline, in flache Venetianerspitzen, Coraline und in ~point de Venise à réseau~ und in Burano. Alle diese Spitzen haben keinen ~réseau~ mit Ausnahme der Burano und ~point de Venise à réseau~. Gleich nachdem die freien Nadelspitzen, die Reticella, aufkamen, wurden sie für die Mode der Krause benutzt; mit schmalen ~punto in aere~ besetzte man die Ränder derselben, dann kam die Mode der sogenannten Stuartkragen, für welche etwas breitere Spitzen verwendet wurden. Alle Porträts aus der Zeit zeigen uns Männer und Frauen mit Rüschen, Krausen und Stehkragen, es war eine Zeit, wo man besonders im Nordwesten von Europa sehr viel Schwarz trug und die weißen Spitzen waren das einzig helle und kostbare an der Kleidung; es war die Zeit der Religionskriege, der Einkehr in sich selbst und vielfach des Ernstes und der Heuchelei. Dann kamen die Umlegkragen auf; man sagt Ludwig XIV. hätte als Jüngling so schöne blonde Locken gehabt, daß er die Mode der unbequemen Halskrausen deshalb abschaffte, und nun begann die Herrschaft der Allonge-Perücken, Umlegkragen und Kravatten und große Farbenfreudigkeit drang von dem Süden über Frankreich nach dem Norden. Es ist die Zeit, in welcher die Venetianerspitzen höchste Mode waren. Es gibt wohl keine bessere Bezeichnung für diese, als das Wort pompös. Große schwere Barockzeichnungen, die es meistens verschmähen, sich auf ein und derselben Garnitur zu wiederholen, sind ihnen eigen; erhabene, oftmals auch ganz plastische Blumen erhöhen ihre Wirkung. Es sind stolze, kostbare Spitzen, etwas steif, etwas parvenuehaft paßten sie vorzüglich auch als Schmuck für jene prachtliebenden, herrschsüchtigen Menschen der Nachrenaissance, jener Zeit der raffiniertesten Kultur neben großer Barbarei, und hohen Kunstsinnes neben der Vorliebe für abgeschmackte, öde Poesie. Andere Spitzen sind auch mühsam und kostspielig, aber sie schreien es nicht so laut in die Welt hinaus. Jeder Stich erzählt von den Mühen und dem Golde, das sie kosteten.

Wenn man sich aber den Hintergrund zu diesen prächtigen Spitzen denkt, schwere Samte und Brokate, in satten, leuchtenden Farben, nicht zart und verschwommen, alles kostbar und gediegen, so kann man nur bewundern, wie gut diese Art Spitzen als Krönung zu dem üppigen Geschmacke paßt, wie großartig ihre entschiedenen Linien und ihr selbstbewußtes Aussehen wirken.

Diese Venetianer Reliefspitzen werden immer in Leinwandfäden[1] ausgeführt; ein Cordonet, aus mehreren Fäden oder manchmal sogar aus Roßhaarunterlage gebildet, wird mit dichten Knopflochstich um die vorher vollendeten ~Mats~ und ~jours~ genäht. Das Eigentümliche an dieser Gattung ist zunächst ihr Relief, ferner die zahlreichen ~picots~, die das Cordonet zieren, endlich daß fast gar keine ~brides~ in Anwendung kommen. Die ~Mats~ oder ~pleins~ sind jene Teile in der Zeichnung, welche am meisten der Leinwand gleichen. Sie werden aus ganz dicht aneinandergereihten Maschen gebildet. Die ~jours~ werden aus mannigfachen Zusammenstellungen der Maschen, aber stets lockerer und durchsichtiger gebildet; es gibt deren eine große Auswahl, und um sie zu arbeiten werden die besten und geübtesten Arbeiterinnen verwendet. Die Kelche der Blumen und alle jene Teile des Ornamentes, die sich durch große Leichtigkeit auszeichnen sollen, werden als ~jours~ behandelt, außerdem werden oft noch ganz freiliegende Blätter aufgesetzt[2], welche die plastische Wirkung sehr steigern und einen hübschen Kontrast zwischen Licht und Schatten erzeugen; unwillkürlich wird man beim Anblicke dieser Meisterwerke an Stuckornamente erinnert. Überdies gibt es wirklich ein interessantes, offenbar vereinzelt dastehendes Beispiel für die Wechselwirkung der Nadelspitzen zu dem Stukko: In der Provinz Ferrara, in der Kirche von ~Carpi~, sind die Predellen aller Altäre mit Stukkoverzierungen geschmückt, die zum Verwechseln treu die venezianischen Reliefspitzen nachahmen.

[1] Nämlich in moderner Ausführung, bei den alten ist das selbstverständlich.

[2] ~fleurs volantes.~

Gewiß ist dies schon eine dekadente Kunsterscheinung, aber es wäre dennoch interessant zu erfahren, wieso bloß in Ferrera dergleichen gemacht wurde, und zwar mit hübscher Wirkung.

Die ~gros point de Venise~ haben sich im Laufe der Jahre fast nicht geändert; vor 250 Jahren waren die Dessins und die technische Ausführung nicht anders, und man bleibt heute noch meistens dem hergebrachten historischen Stile treu, es werden Berthe, Volants, Kragen, Manschetten etc. gemacht.