Spitzen und ihre Charakteristik
Part 1
Anmerkungen zur Transkription
Im Original gesperrter Text wird _so dargestellt_.
Im Original in Antiqua gesetzter Text wird ~so dargestellt~.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Endes des Buches.
Spitzen
Spitzen
und ihre Charakteristik
von
Bertha von Jurie
Mit 35 Abbildungen
Verlag von Bruno Cassirer Berlin 1907
Inhaltsübersicht.
Seite:
Vorwort VII
Spitzen 1
~Punto tirato~ 18
~Punto tagliato~ und Venetianische Spitzen 20
~Colberts~ Schöpfung der französischen Spitzenindustrie 26
~Point d'Alençon~ 30
Brüsseler Nadelspitzen oder ~Point de Bruxelles~ 39
~Guipures~ 42
Flämische Klöppelspitzen 51
~Valenciennes~ 57
~Malines~ 60
~Point de Lille~ 63
~Binches~ 65
~Point de Paris~ 66
Holländische Spitzen, Pottenkant 67
Blonden 68
Brüsselerspitzen. ~Point de Bruxelles~ oder Brabanter 69
~Chantilly~ 78
Vorwort.
Ich habe absichtlich die französischen, italienischen, eventuell flämischen Ausdrücke beibehalten, da ich von der Anschauung ausgehe, daß in deutscher Übersetzung die Worte unverständlich werden. --
Meine Ansicht, was eigentlich der ~point d'Angleterre~ ist, habe ich ~Allan Cole~ Direktor des ~South Kensington~ Museum nachgebildet. --
Die englischen Spitzen berühre ich nur flüchtig, da sie mir zu wenig bekannt sind -- und ihr Unterschied nur eine Geschmackdifferenz der belgischen ~duchesse~ zu den englischen ~duchesse-honiton~ bedeutet. Über ~torchon-Cluny~ und alle die vielen Auvergnespitzen habe ich, was ihre Geschichte anbelangt, zu wenig Material gefunden, künstlerisch haben sie aber fast gar keine Bedeutung, ebensowenig für die Entwicklungsgeschichte der Spitzen, wohl aber ökonomisch. Meine Absicht ist, ein leicht faßliches Handbuch für spitzenliebende Damen zu schreiben -- eine Art Nachschlagebuch, da es in dieser Art meines Wissens in deutscher Sprache nichts gibt.
Ich versuche die charakteristischen Merkmale der einzelnen Spitzen hervorzuheben -- ihre Verwandtschaft untereinander -- und nehme einen so ziemlich neuen Standpunkt insofern ein als ich die große Bedeutung des technischen Verfahrens betone und so lege ich starkes Gewicht auf die innige Verwandtschaft der genuesischen Klöppelspitzen mit den flämischen einerseits und andererseits der Mailänder zu den Brüsselern (Brabanter und ~point d'Angleterre~ etc.) in ihrer geteilten Ausführungsart.
Ich nehme also Genua, Mailand, Flandern und Brabant als Gattungsbegriffe an.
Andererseits suche ich die Wechselwirkung der Klöppel- und Nadelspitzen der einzelnen Nationen untereinander im Stil und Zeichnung zu betonen.
Natürlich ist das Thema in keiner Weise erschöpft.
Ich habe mich tunlichst aller Anekdoten enthalten.
Ich verweise auf die Werke von ~Allan Cole, A. M. S.~, ~Bury Paliser~, ~Dreger~ etc.
Die Originale der abgebildeten Spitzen befinden sich zum Teil im Besitze der Damen: Frau Anna von Herz-Hertenried, Frau Fanny Kobeck-Steyrer, Frau Löw-Unger und ich spreche diesen Damen hiermit meinen besten Dank für die freundliche Überlassung der Spitzen zum Zwecke der Abbildung aus.
Spitzen.
Nichts ist so sehr vom Weibe, für das Weib geschaffen, wie die Spitzen. Nichts kleidet die Frau jeden Alters -- ob Kind oder Greisin -- besser und lieblicher als die Spitzen. -- Nichts aber auch ist in der Arbeit selbst so symbolisch weiblich, wie dieser schönste und edelste Schmuck, dessen Anfertigung hingebende Geduld und rastlosen Fleiß erheischt: Zu stillem, weltfremden Lebenswandel gezwungen, arbeitet und müht sich die Spitzenarbeiterin ihr Lebelang für andere! -- Es wäre daher nur zu begreiflich, wenn die Frauen stolz wären auf dieses ihr eigenstes Gebiet, auf welchem sie noch niemals vom Manne überholt wurden, das so originell und künstlerisch hochstehend ist. -- Und dennoch ist eben in den letzten Jahrzehnten eine gewisse Stagnation in diesem Zweige echt weiblicher Kunstfertigkeit zu bemerken, deren Grund wohl nicht allein in der Nachahmung durch die Maschine, sondern gewiß auch in tiefergehenden soziologischen und ökonomischen Momenten zu suchen ist.
Ein geistreicher Franzose hat das XIX. Jahrhundert »das Zeitalter des Talmis« genannt -- Preßglas, Pakfong, Kunstmarmor und eine Unzahl anderer Imitationstechniken und Pseudomateriale versuchten die Erzeugnisse auf den betreffenden Produktionsgebieten zu überholen, im Preise zu unterbieten, und deren Nachahmungen als Massenartikel breiten Schichten zugänglich zu machen.
Als naturgemäße Reaktion gegen diese mißverständlich demokratische Tendenz sehen wir in eben demselben Jahrhunderte den Sammelgeist wie noch nie erwachen: Edle Bronzen, echte Teppiche, geschliffene Gläser, all die zahllosen Betätigungen längst dahingegangenen Kunstfleißes kamen zu noch nicht dagewesener leidenschaftlicher Würdigung. -- Denn der Mensch hat -- sei es die Schwäche, sei es den Vorzug, je verfeinerter er wird, desto mehr den Trieb sich aristokratisch von der Masse differenzieren zu wollen und den Besitz von Gegenständen eifrigst anzustreben, die nicht jedermann zugänglich sind und deren Erkenntnis und Genuß allein einen höheren Grad von Kultur voraussetzen. Merkwürdigerweise scheinen die Spitzen von dieser Strömung ausgeschlossen zu sein; wohl hat man noch selten so viele Spitzen getragen wie gerade jetzt; aber die Trägerinnen echter Spitzen sind zu zählen und Frauen, die sich schämen würden, falschen Schmuck anzulegen, schmücken ihre Kleider, ihre Wäsche, ihr Heim in unbegreiflicher Unbekümmertheit mit der Lüge der falschen Spitze! Der moderne Mensch hat offenbar das Verständnis für die Schönheit der echten Spitzen verloren und ist auf diesem Gebiete so ungebildet und abgestumpft, wie kaum einem anderen Kunstzweige gegenüber.
Früher klöppelten und nähten die vornehmen Frauen selbst, sie bildeten ihre Umgebung heran, ein fortwährender Meinungsaustausch bestand, der Ehrgeiz wurde geweckt, die Phantasie angeregt, und in diesem Wettbewerb erwuchsen die reizenden Blüten der alten Spitzenkunst.
Heute unterscheidet die Dame oftmals kaum die Nähespitzen von den Geklöppelten; sie versteht die Technik nicht, und so bleibt sie vor den schönsten Arbeiten gleichgültig. Aber ebenso wie die besten Bewunderer einer Bilder- oder Photographien-Ausstellung stets die Dilettanten sind, und das Publikum eines Pianisten meistens Selbstspielende im Konzertsaal bilden werden, ebenso würde erst dann die Dame die Spitzen voll genießen, wenn sie selbst dilettantisch Spitzen erzeugen würde; keinesfalls würde sie damit der Berufsarbeiterin Konkurrenz machen, sie würde nur mit erhöhter Neugierde den Schöpfungen ihrer ärmeren Schwestern gegenüberstehen. Wahre Freude und wirkliches Interesse kann zweifellos nur da vorhanden sein, wo ein gewisser Grad von Verständnis und Vorbildung für den Gegenstand gegeben ist: Ein derartiges Verständnis müßte sich gerade in unserem Falle sozusagen automatisch verbreiten, denn der Besitzerin und Trägerin von schönen Spitzen genügt es nicht, daß sie allein deren Wert kennt, sie möchte auch das Interesse ihrer Umgebung dafür wecken. -- So war es einstens, so ist es heute noch in weit höherem Maße als bei uns zu Lande in Frankreich, in Belgien, in England. --
Es genügt wahrhaftig nicht, daß wir im Inlande künstlerisch und technisch gleich hochstehende Spitzen zu erzeugen vermögen, daß wir von ausländischen Ausstellungen die höchsten Preise heimtragen, wenn das heimische Publikum verständnislos der eigenen Ware gegenübersteht. Zunächst müßte das Publikum verstehen lernen, worin die Schönheit der Spitzen besteht, warum der Preis bei diesen und jenen höher oder niederer ist, so wie es die kleinste und bescheidenste Bourgeoise in Paris versteht, bei ihren Einkäufen in allem und jedem zu differenzieren und zu taxieren, und nie das Gefühl des »Betrogenwerdens« hat, das jeden Einkauf zur Qual macht. Und nicht nur die modernen Spitzen, auch dem ererbten Spitzenschatze wird dann die Dame mit dem angeregten Interesse des annähernden Sachverständnisses gegenüberstehen, sie würde ihn allgemach bewerten, bewundern, und lieben lernen: »Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen« gilt auch hier.
Oft ist durch kleine Mittel viel Gutes zu schaffen: In den Schulen müssen heute noch die kleinen Mädchen obligat einen Strumpf stricken lernen; meistens bleibt es auch der einzige ihres Lebens, denn hier hat die Maschine die anerkannte Meisterschaft davongetragen. Könnte man nicht lieber in derselben Zeit die Grundbegriffe der Spitzenarbeit lehren? Den Ärmeren würde damit vielleicht die Anregung zu einem späteren Nebenerwerbe, zumindest aber eine praktische Kenntnis mehr gegeben, die ihnen einmal einen bescheidenen, gediegenen, selbstgeschaffenen Luxus erlauben würde. Die Wohlhabenden würden vielleicht den Spitzen ein regeres Interesse bewahren. Man wende nicht ein, daß die Spitzenarbeit dem Auge schädlich sei. Vierzehn und mehrstündige Arbeit im Tage, bei schlechtem Lichte, in elenden dumpfen Stuben, schadet freilich der Gesundheit, und die bleichen Gesichter, die uns in den Spitzenindustriedistrikten begegnen, geben dafür ein trauriges Zeugnis: aber ist es minder schädlich, unter denselben Verhältnissen und demselben Zwange einer unerbittlichen Not, tagein tagaus hinter der Nähmaschine zu sitzen?
Aber sollte der wunde Punkt vielleicht darin bestehen, daß es eben ein Kunstzweig des Weibes für das Weib ist? Der Mann interessiert sich außer kommerziell fast gar nicht mehr dafür; früher trugen die Männer gleich den Frauen Spitzen, aber fast parallel mit dem Aufkommen der Maschinenerzeugungen legten die Männer die Mode des Spitzenjabots ab. -- Ist es gesucht, dies in einen Zusammenhang zu bringen? Und soll man es nur damit motivieren, daß der Mann zu jener Zeit ein für allemal mit dem Putze aufhörte? -- Ich glaube nicht; denn die gestärkte Wäsche ist, so einfach sie sich ansieht, doch unverhältnismäßig teuer; auch weil sie sich unendlich schnell abnutzt.
Die Kleidung des Mannes ist durchwegs solider und reeller, die Stoffe sind fester und dauerhafter, es wird der Schein gemieden; und so bin ich überzeugt, daß, wenn heute wieder eine Modelaune oder ästhetische Einsicht die Jabots für die Männer aufbrächte, es gewiß keinem eleganten Manne einfiele, Maschinenspitzen dafür zu verwenden. Die mondaine Frau hingegen gibt jährlich viele Perzente ihres Toilettegeldes für etwas Falsches, Unschönes und Undauerhaftes aus, das nach einer Saison verschwinden muß, während die echten Spitzen, wenn auch teurer, den bleibenden Wert haben: in verschiedenster Verwendung können ein und dieselben Spitzen immer wieder aufleben und verwendet werden. Es gibt Damen, die wahre Schätze an alten Spitzen besitzen, und auf ihren Kleidern nur falsche tragen; sie wenden achselzuckend ein, einmal Tragen könnte zu viel Wertvolles vernichten, kaufen aber deshalb keine modernen echten Spitzen, weil sie zu viel alte besitzen. Die Logik hinkt in diesem Falle. Die modernen Spitzen sollen doch nicht die Erbsammlung vergrößern, und als totes Kapital liegen bleiben, sondern sollen eben, weil sie neu sind, und der Faden noch nicht mürbe und brüchig ist zum wirklichen Kleiderschmucke dienen. Es wird niemand leugnen, daß nichts so gut kleidet, wie echte Spitzen. Weiß ist stets die beste Umrahmung für ein Gesicht, besonders für ein nicht mehr ganz junges. Es löst die scharfen Schatten durch den Lichtreflex auf, der Ton der Haut wird gehoben und belebt, und erscheint durchsichtiger. Es ist oft schwer, besonders an der Winterkleidung, dieser ästhetischen Regel zu folgen. Doch Spitzen lassen sich immer anbringen, nur müssen es echte sein. Es fiele keiner Dame ein, in einem eleganten Hauswesen Porzellan auf den Tisch zu bringen, wie man es auf Bahnhöfen oder Vergnügungs-Etablissements als Massenartikel verwendet; sie nehmen aber auch gewöhnlich nicht ihr altes Meißner oder Wiener Porzellan von der Wand herab in Benutzung, sondern sie verwenden ein geschmackvolles modernes Service, das -- wenigstens im Prinzip -- kunstgewerblich so hoch steht, daß es in kommenden Tagen, wenn es die vorübergehende Periode des Unmodernseins überwunden hat, würdig seinen Platz neben den Antiquitäten anderer Zeiten ausfüllen wird.
Nun haben die Spitzen eine eigentümliche, nicht genug gewürdigte Eigenschaft: sie werden niemals unmodern, nicht nur objektiv gesprochen, sondern auch subjektiv; sie sind einfach alt oder neu. Das Odium »unmodern« haftet ihnen niemals an. Nehme man Brüsseler Spitzen aus den 40er bis 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, also gewiß keiner guten Stilzeit. Sie werden trotzdem verwendet werden können, ohne dem Kleide den Stempel der Geschmacklosigkeit aufzudrücken. Man versuche das mit einem Gold- oder Juwelenschmucke aus dieser Zeit! Oder selbst mit einem Schirmgriff, einem Retikule oder einer Gürtelschnalle.
Noch eine andere Eigenschaft haben die Spitzen, welche nicht genügend beachtet wird, obwohl sie dem Zuge unserer Zeit so sehr entspricht. Sie sind der individuellste Zierat, den eine Frau haben kann, falls sie ihn nur irgendwie anstrebt. Die exklusivste Mode wird nach einem Vierteljahre zum abgedroschenen, banalen Tragen, daher das rasche Wechseln der sich differenzieren Wollenden, und das Imitieren aus zu vergänglichem Materiale des großen Publikums, das atemlose Hasten nach Neuem; und dabei dreht sich die Mode in einem engen Kreise, hascht nach Altem und kombiniert nur Neues.
Wegen dieser Eigenschaften haben die Porträtmaler von jeher die Spitzen gerne an ihren Modellen verwendet: weil sie nicht dem Wechsel der Mode unterliegen; weil sie dem Gesichte einen milden Reflex geben, der die Schatten zart und verschwommen macht und jene von ~Leonardo da Vinci~ verlangte Beleuchtung des zerstreuten Lichtes unterstützen helfen und schließlich wegen ihres individuellen Gepräges.
Die Handarbeit, also das Kunsthandwerk, hat immer einen eigentümlichen Zauber. Ein Hauch von Seele und Charakter des Erzeugers spricht, ihm selber unbewußt, aus seiner vollendeten Arbeit zu uns. Es ist eine bescheidene und naive Sprache. Das Kunsthandwerk verhält sich zur absoluten Kunst, wie das erlauschte Volkslied zu einer die Aufmerksamkeit voll in Anspruch nehmenden Symphonie.
Kleine Unregelmäßigkeiten, kleine persönliche Züge geben der Arbeit ein reizvolles Gepräge, es liegt etwas wie latentes Gemüt in der Arbeit.
Das Milieu spielt neben der Persönlichkeit auch eine große Rolle. Wie ließe es sich sonst erklären, daß so oft Spitzen von einem Land zum andern importiert wurden, und zwar stets zur möglichst getreuen Nachahmung, weil es sich immer um eine geschäftliche Konkurrenz handelte; daß trotzdem die Art der Spitzen in der neuen Umgebung ihr Ansehen veränderte, falls sie sich als neuer Industriezweig wirklich einbürgerten. So geschah es mit den Venetianer Spitzen im XVII. Jahrhundert, die in Alençon aus Brotneid eingeführt wurden, und bereichert zu den Venetianern als ~points d'Alençon~ zurückkehrten, um sich wieder in ~points plats de Venise~, und Buranospitzen zu wandeln. Zur Zeit, als man noch alle Feinheiten der Spitzen voll würdigte, knüpfte die Tradition an manche Stadt besonders hervorragende Vorzüge; so galt es als ausgemacht, daß die Spitzen von ~Valenciennes~ unvergleichlich schöner seien, wenn sie in der Stadt selbst erzeugt waren. Dieselbe Arbeiterin, mit denselben Faden und Klöppeln könnte eine in ~Valenciennes~ angefangene Arbeit außerhalb der Stadt nicht so schön vollenden, hieß es, und ebenso sprach man von ~Malines~ und anderen Orten, und ist dies auch nur als ein Märchen hier zu wiederholen, so liegt in ihm, wie in jedem Aberglauben ein Kern Wahrheit; die Sitten und Gebräuche, die Reinlichkeit im allgemeinen, die Zartheit der Hände, der ganze Lebenswandel wird durch diesen Beruf beeinflußt. Auch waren die Spitzen wertvoller, wenn sie als fortlaufende ganz von ein und derselben Person angefertigt waren. So bringt ~Mme. Paliser~ einen Auszug einer Rechnung von ~Mme. du Barry: 2 barbes et rayons de vraies Valenciennes, 3 aunes 3/4 collet, 4 aunes, grand jabot, le tout de la même main.~
Es waren die Einfachsten der Einfachen, die Spitzen arbeiteten. Sie kamen wohl nicht oft aus dem Umkreise ihres Hauses heraus und verstanden nicht viel mehr, als ihre Nadel oder den Klöppel zu führen, ihre Ausbildung war eine einseitige, vom Zeichnen hatten sie keine Ahnung, und doch, dadurch, daß sie von frühester Kindheit geübt wurden, insbesondere die Klöpplerinnen (meistens vom fünften oder sechsten Jahre an) beherrschten sie so sehr das Mechanische ihrer Arbeit, daß diese ganz instinktmäßig vor sich ging und ihnen gar keine Schwierigkeiten bereitete, so daß der Überschuß an Aufmerksamkeit sich in einen gewissen, kaum meßbaren sehr verfeinerten Kunstinstinkt umwandelte, der einem sechsten Sinne gleich ihnen anhaftete. Dies haben die Frauen der Spitzenkaste gemein mit den Menschen der Renaissance, den Japanern und den Italienern des Volkes: das Gefühl für das Schöne, das naiv und unbewußt zum Ausdruck kommt und was es berührt, veredelt.
Der Unterschied liegt durchwegs mehr in der Behandlung durch die Verschiedenartigkeit der Technik und des Materiales bedingt, als in der Abwechslung der Zeichnungen aus ein und derselben Zeit. Bevor der ~réseau~ gefunden war, war die freie Entwicklung der Zeichnung immer an gewisse Regeln gebunden.
Die älteren Malines haben oft die fast gleiche Zeichnung wie die alten Brüssler Spitzen, dabei ist ihre Ausführung grundverschieden; ebenso verhält es sich mit Brüssler zu ~Malines~, ~Malines~ zu ~Lilles~ und ~point de France~ und ~Valenciennes~ zu Mailänderspitzen.
Man darf nicht vergessen, daß in jenen Zeiten der Stil in allen Zweigen ein einheitlicher war. Die Ornamente, sei es nun für Brokate, Gläserätzung, Waffen, Leder, Samt, Spitzen, entsprangen alle demselben sehr ausgeprägten Stilgefühle.
Bei den ältesten Spitzen mußte das Ornament in seinen Linien ganz dicht ineinander passen; das heißt, es blieb von Linie zu Linie nicht mehr Zwischenraum, als eine ~bride~ überbrücken konnte.
Das Muster war großzügig und füllte die gegebene Breite der Spitzen voll aus. Häufig ist es ein Hauptstamm, von dem aus sich Zweige ranken und Blumen verästeln und möglichst gleichmäßig über den Raum verteilen.
Eine andere Art der Zeichnung, -- ein ornamentales Labyrinth und ein bandartig verschlungener in seiner Abart muschelartiger Dessin, -- war sehr verbreitet, besonders letzterer in jenen Gegenden, wo die Spitzenerzeugung nur bäuerliche Hausindustrie blieb, wie in einem Teile Deutschlands, in Rußland und Skandinavien. Aber hier wurde sie zu einem toten Arm, und die Linien der Zeichnungen werden immer geistloser nachgeahmt, wie es stets mit stagnierenden Gedanken geschieht.
Sehr bezeichnend für diese Art hausbackener Dessin nennen die Italiener diese Spitzen ~vermicelli~. Die oft sehr hübschen Litzenspitzen sind eine bequeme und billigere Nachahmung derselben, und entarteten schließlich in die schrecklichen modernen ~point-laces~. Je schöner und vollkommener die Spitzen sich entwickelten, desto mehr trachtete Zeichnung und technische Ausführung miteinander Schritt zu halten. Um dem Zwange des Ineinanderfügens der Linien zu entgehen, machte man ~brides~, die sich in der weiteren Technik verästelten und noch später eine unregelmäßige, wabenartige Masche bildeten. Es war den Klöpplerinnen vorbehalten, den eigentlichen ~réseau~ erfunden zu haben.
Von den flandrischen Spitzen übernahmen den ~réseau~ die ~points d'Alençon~, und von denen wieder die Venezianer; erst mit dem Aufkommen des regelmäßigen ~réseaus~, welches der Zeichnung Rückhalt und Stütze gab, konnte sich diese frei entfalten. Es ist die beste Zeit für den Stil der Spitzen. Das Ornament folgte im freien Schwung, ungehemmt durch technische Rücksichten, den Eingebungen der Phantasie, und blieb edel. Man fühlt noch die traditionelle Schulung und das Maßhalten; später erst zersplitterten sich die Ornamente, wurden erfindungsarm und sparsam, was auch teilweise durch die billigere Herstellungsart, insbesondere als die Applikationen aufkamen, bedingt war. So hat die Erfindung des ~réseaus~ einen ausschlaggebenden Einfluß auf die Zeichnung und Art der Spitzen genommen. Jetzt erst konnten die leichten, zarten Volants gemacht werden. Die Spitzen individualisierten sich oder besser gesagt, nationalisierten sich. Der Zeichner konnte seiner Phantasie mehr Spielraum geben und fand reiche Anregung in den herrschenden heimatlichen Ornamenten, sowie in der Verwendung für die Volkstrachten und häuslichen Gewohnheiten. Geographisch hat aber anfangs Italien mit seinen Spät-Renaissance-Ornamenten lange Zeit die Zeichnungen ganz beeinflußt, sie wurden aber später ganz und gar von dem Versailler Stil der aufeinander folgenden drei Louis verdrängt, der von nun an, besonders in allen größeren Volants zum Ausdrucke kommt. Es ist Decadence, aber reizende Decadence, die nur leider den Übergang zu dem großen Geschmacksverfall bildet. So reizend und erfindungsreich sich die ~points d'Alençon~, die Venetianischen und ~points d'Angleterre~ in ihren abwechslungsvollen Dessins darstellen, so bringen sie doch ein Element hinein, welches eigentlich nicht mehr ganz zur Spitzendarstellung geeignet ist, schwere, zu irdische Gegenstände, die man sich gar nicht anders, als wie in den drei Dimensionen vorstellen kann, Menschen, Musikinstrumente, Gueridons, Vasen, kurz Dinge, die durch ihr Gewicht in Widerspruch mit dem Transparenten und Ätherischen der Spitzen stehen, und was schließlich in dem Mißverständnis der Ornamente der ~Chantilly~ des XIX. Jahrhunderts endet. Die Blumen sind verkürzt, und mit Voraussetzung der Perspektive dargestellt, außerdem hat man noch die absolute Imitation der Natur im Auge. Diese Spitzen verlieren trotz ihrer großen Prächtigkeit viel dadurch, daß sie bei ihrer Anfertigung durch zu vielerlei Hände gingen, daß die Zeichnung nicht mit der Technik im Einklang steht, und daß mit ihnen die Individualität, das höchste Ziel des Kunsthandwerkes abhanden kommt, denn diese kann nur erreicht werden, wenn sie, in der Hauptsache wenigstens, nur von einer Person gemacht werden. So stehen die flämischen Klöppelspitzen in dieser Beziehung an erster Stelle. Wie die Teilung der Arbeit bei ~Alençon~ und Venetianer eintrat, verlor sich die innige Fühlung des Gedankens und der Interpretation, und am schlimmsten in der Beziehung, was geistlose Arbeit anbelangt, sind auch die in der Zeichnung zu unterst stehenden ~Chantilly~.
Man versteht unter Spitzen eine Arbeit, die entweder durch Hilfe von Nadel oder Klöppel auf einem regelmäßigen Grunde, -- ~réseau~ und ~treille~ genannt -- gemacht ist, oder eine Arbeit ähnlicher Art, deren Zeichnung sich von einem unregelmäßigen Grunde abhebt. Letztere erscheint dadurch, daß sie unabhängig von einem Grund gemacht ist, freier, doch legt ihr eben diese scheinbare Freiheit mannigfachen Zwang auf.