Part 9
Den ganzen Tag lang ging es weiter durch Hohlwege und Schluchten; am Abend mußten sie nach ihrer Berechnung weit mehr als dreißig Meilen zurückgelegt haben. Erschöpft suchten sie nun unter einer vorspringenden Klippe Schutz vor dem kühlen Nachtwind, schmiegten sich fest aneinander, um sich zu erwärmen und gönnten sich einige Stunden Schlaf. Bis jetzt hatten sie nicht das geringste Anzeichen einer Verfolgung entdeckt und Jefferson Hope glaubte schon, dem grimmigen Feinde glücklich entronnen zu sein. Ach, er ahnte nicht, wie weit dessen gefürchteter Arm reichte, und wie bald er sich ausstrecken würde, um sie erbarmungslos zu zerschmettern.
Um die Mittagszeit des zweiten Tages ihrer Flucht begann ihr geringer Vorrat von Lebensmitteln auf die Neige zu gehen. Dem Jäger machte das wenig Sorge; es mangelte nicht an Wildpret im Gebirge und seine Flinte hatte ihm schon öfters die nötige Nahrung verschafft. An einer geschützten Stelle häufte er trockene Zweige auf und zündete ein mächtiges Feuer an, damit sich Vater und Tochter wärmen könnten, denn sie befanden sich jetzt in einer Höhe von 5000 Fuß über dem Meeresspiegel und die Luft wehte scharf und kalt. Jefferson band die Pferde fest, nahm Abschied von Lucy, warf die Flinte über die Schulter und zog aus, um sein Waidmannsglück zu versuchen. Als er sich noch einmal umwandte, sah er den Alten neben dem jungen Mädchen am Feuer sitzen und im Hintergrunde die drei Reitpferde, bewegungslos, wie aus Stein gehauen. Schon im nächsten Augenblick hatten die Felsen ihm das Bild verdeckt.
Mehrere Meilen wanderte er von Schlucht zu Schlucht, ohne auf eine Beute zu stoßen, wiewohl er aus mancherlei Anzeichen erkannte, daß Bären in der Nähe sein mußten. Schon wollte er nach mehrstündigem fruchtlosem Suchen unverrichteter Sache zurückkehren, als er zu seiner Freude auf einem Felsvorsprung, um einige hundert Fuß über der Stelle, an der er stand, den gewaltigen Kopf eines Dickhorns gewahrte, jenes wilden Bergschafes, das sich herdenweise in diesen Höhen findet. Rasch warf sich Jefferson zu Boden, stützte sein Schießgewehr auf einen Steinblock, zielte lange und gab Feuer. Das Tier that einen Sprung in die Luft, schwankte einen Augenblick am Rande des Abgrunds und stürzte dann jäh ins Thal hinab, wohin Jefferson eilig nachkletterte. Die ganze Beute fortzuschaffen war unmöglich, der Jäger mußte sich begnügen, mit seinem Jagdmesser einen Schenkel des Tieres abzuschneiden und auf seine Schulter zu laden. Nachdem dies geschehen, machte er sich ohne Zaudern auf den Rückweg, -- aber das war kein leichtes Beginnen. Der Abend brach schon herein und in dem ungewissen Dämmerlicht war es schwer, sich zurecht zu finden, denn das Thal verzweigte sich in viele Schluchten, die alle einander zum Verwechseln ähnlich sahen. Mühsam war Jefferson in der einen Schlucht emporgeklommen, als ihm ein Bergstrom entgegenschoß und seinen Weg hemmte; nun ging er zurück und wählte einen andern Aufstieg, aber ohne bessern Erfolg. Es war bereits Nacht geworden, als er endlich an einen Hohlweg gelangte, der ihm bekannt vorkam. Abermals kletterte er zwischen den steilen Felswänden aufwärts mit seiner Last. Der Pfad lag im tiefsten Dunkel, denn der Mond war noch nicht aufgegangen, und Jefferson strauchelte oft auf dem rauhen Wege; doch der Gedanke, daß er mit jedem Schritt seiner geliebten Lucy näher kam, trieb ihn rastlos weiter; auch brachte er ja genug Vorrat mit, um sie während der ganzen Dauer der Flucht vor Mangel zu schützen. Auf der Höhe angekommen, ward er zu seiner Freude gewahr, daß er von der Stelle, wo er seine Schutzbefohlenen verlassen hatte, nicht mehr allzufern sei; schon erkannte er, trotz der Finsternis, die schwachen Umrisse der Felsspitzen am Eingang der Schlucht. Fast fünf Stunden war er fortgeblieben -- mit wie banger Sehnsucht mochten sie ihn erwarten. Um seine glückliche Rückkehr zu verkünden, rief er ein lautes Hallo! in die Berge hinein. Dann stand er lauschend da, ob keine Antwort käme, aber nur der Ton seiner eigenen Stimme schallte in vielfachem Wiederhall von den Bergen; sonst blieb alles still. Noch stärker und dringender ertönte jetzt sein Ruf, aber kein Laut aus geliebtem Munde hieß ihn willkommen. Von unbestimmter Angst ergriffen, ließ er die schwer errungene Beute zu Boden fallen und stürmte wie rasend vorwärts.
Jetzt bog er um die Ecke und vor ihm lag der Platz, wo er das Feuer angezündet hatte. Noch glühte der Aschenhaufen, aber man hatte kein Holz zugelegt und die Flamme war erloschen. Ringsumher herrschte Todesschweigen. Seine Furcht ward zur Gewißheit; nirgends ließ sich ein lebendes Wesen erblicken -- die Pferde, das Mädchen, der Alte, waren spurlos verschwunden. Das Unheil mußte während seiner Abwesenheit urplötzlich hereingebrochen sein, zu ihrer aller Verderben.
Verwirrt und betäubt von dem schweren Schicksalsschlag, der ihn so unvermutet traf, stützte sich Jefferson auf sein Gewehr, sonst wäre er umgesunken. Doch rasch überwand er diesen Anfall von Schwäche, denn er war seiner ganzen Natur nach ein Mann der That. Mit bebender Hand zog er ein erst halbverkohltes Holzstück aus der Asche, blies die glimmenden Funken zur Flamme an und untersuchte mit Hilfe dieser Leuchte den Lagerplatz. Der Boden war nach allen Seiten hin von Pferdehufen zerstampft, ein Beweis, daß die Flüchtlinge durch eine große Schar Berittener eingeholt worden, welche dann, wie die vorhandenen Spuren vermuten ließen, die Richtung nach der Salzseestadt eingeschlagen hatten. Waren Vater und Tochter in ihre Hände gefallen und beide von ihnen mit fortgeschleppt worden? -- Jefferson Hope mochte dies zuerst geglaubt haben, allein plötzlich fuhr er zusammen, und das Blut erstarrte ihm in den Adern. Etwas abseits von dem Lagerplatz sah er einen frisch aufgeworfenen Haufen rötlicher Erde, der vorher sicherlich nicht dagewesen war. Hatte man dort ein Grab gegraben? -- Der junge Jäger trat näher hinzu -- im Boden steckte ein Stab, an dem ein Blatt Papier befestigt war. Es trug eine kurze, aber bedeutsame Inschrift:
„John Ferrier aus der Salzseestadt, gestorben den 4ten August 1860.“
Der wackere, alte Mann, den er vor wenigen Stunden erst in der Fülle der Kraft verlassen, war also tot und dies seine ganze Grabschrift. Jefferson sah sich mit wilden Blicken nach einem zweiten Hügel um, aber ein solcher war nicht zu entdecken. Die Unmenschen mußten Lucy mit sich geführt haben, um sie dem Sohn des Aeltesten zu übergeben, damit sie das ihr bestimmte Geschick erfülle und ihm als Frau in seinen Harem folge. Als Jefferson erkannte, wie völlig machtlos er sei, dies Schicksal von ihr abzuwenden, da schien ihm im ersten Augenblick der alte Ferrier beneidenswert, der da unten den stillen Schlaf des Todes schlief. Doch nicht lange überließ er sich seiner dumpfen Verzweiflung. War ihm nichts anderes geblieben, so konnte er wenigstens sein Leben der Rache weihen.
Während er starren Auges dastand und in die Asche blickte, fühlte er, daß es für seinen Schmerz keine Linderung gab, bevor er nicht mit eigener Hand blutige Wiedervergeltung an seinen Feinden geübt hätte.
Neben unermüdlicher Geduld und Ausdauer lag in Jeffersons Charakter eine nicht zu bezähmende Rachsucht, die er vielleicht von den Indianern gelernt hatte, unter denen er solange gelebt. Sein starker Wille, seine rastlose Thatkraft sollten jetzt nur noch das +eine+ Ziel verfolgen, das war sein fester Entschluß. Mit bleicher, ingrimmiger Miene kehrte er nach der Stelle zurück, wo seine Jagdbeute noch am Boden lag, darauf blies er das Feuer an und bereitete sich Speise für die nächsten Tage. Dann brach er auf, ohne seiner Ermüdung zu achten, um der Spur der Würgengel durch das Gebirge zu folgen.
Fünf Tage lang pilgerte er mit wunden Füßen durch die Schluchten und Hohlwege zurück, welche er vor kurzem hinaufgeritten war. Bei Einbruch der Nacht warf er sich unter einem Felsvorsprung nieder, um ein paar Stunden zu ruhen, und sobald der Morgen graute, begann er seine Wanderung von neuem. Als er am sechsten Tage erschöpft und abgemattet die Adlerschlucht erreichte, von wo aus ihre unheilvolle Flucht den Anfang genommen, sah er die ‚Stadt der Heiligen‘ weit ausgebreitet zu seinen Füßen liegen. In ohnmächtigem Zorn schüttelte er drohend die geballte Faust gegen den Wohnplatz der Uebelthäter. Aber halt -- was hatte das zu bedeuten? -- In den Hauptstraßen sah er Fahnen von den Dächern wehen und festlichen Schmuck an den Häusern. Während er noch darüber nachsann, schallte der Hufschlag eines Pferdes und ein Reiter kam herangetrabt. Jefferson kannte den Mann, es war der Mormone Cowper, dem er früher manchen Dienst erwiesen hatte; von ihm durfte er hoffen, Nachricht über Lucys Schicksal zu erhalten.
Der Mormone sah Jefferson zuerst mit ungläubigen Blicken an, als ihm dieser in den Weg trat und seinen Namen nannte. Wer hätte auch in dem verwilderten und zerzausten Wanderer mit den unheimlich rollenden Augen und der bleichen Miene den früher so schmucken jungen Jäger erkennen sollen? -- Sobald Cowper jedoch wußte, wen er vor sich hatte, erschrak er heftig.
„Seid Ihr rasend, daß Ihr Euch hierher wagt?“ rief er. „Wenn man mich hier im Gespräch mit Euch sieht, ist mein eigenes Leben verwirkt. Wißt Ihr nicht, daß die ‚heiligen Vier‘ einen Haftbefehl gegen Euch erlassen haben, weil Ihr den Ferriers zur Flucht behilflich gewesen seid?“
„Ich fürchte weder die Schurken noch ihren Haftbefehl,“ rief Jefferson entrüstet. „Cowper,“ fuhr er dann, seine Erregung bezwingend, fort, „wir sind immer Freunde gewesen -- bei allem, was Euch teuer ist, beschwöre ich Euch, mir eine Frage zu beantworten. Um Gottes willen, verweigert mir die Antwort nicht.“
„Was wünscht Ihr zu wissen?“ fragte der Mormone, sich ängstlich umblickend; „redet schnell, hier hat alles Augen und Ohren, auch die Felsen und Bäume.“
„Was ist aus Lucy Ferrier geworden?“
„Man hat sie gestern dem jungen Drebber zur Frau gegeben. -- Faßt Euch, Mann, faßt Euch -- Ihr werdet ja bleich wie der Tod.“
Jefferson war auf den nächsten Felsblock niedergesunken, seine Lippen bebten. „Drebbers Frau, sagt Ihr?“ stammelte er mit brechender Stimme.
„Ja, seit gestern -- deshalb seht Ihr auch die Stadt noch im Fahnenschmuck. Drebber und Stangerson, die jüngeren, stritten sich um ihren Besitz. Bei der Verfolgung, an der sich beide beteiligt hatten, war ihr Vater von Stangersons Hand gefallen, was diesem ein größeres Vorrecht zu geben schien. Als jedoch die Frage vor die Ratsversammlung gebracht wurde, war Drebbers Anhang stärker und der Prophet entschied zu seinen Gunsten. Es wird sie aber keiner lange sein eigen nennen, sie sieht geisterbleich aus und der Tod stand ihr schon gestern im Gesicht geschrieben. -- Wollt Ihr jetzt fort?“
„Ja, ich gehe,“ sagte Jefferson, sich mühsam erhebend; sein Antlitz war bleich und starr, wie aus Marmor gemeißelt, nur in seinen Augen glühte ein wildes Feuer.
„Wo wollt Ihr hin?“
„Fragt mich nicht,“ erwiderte er und hing sich die Flinte über die Schulter. Dann schritt er die Schlucht hinab und vergrub sich tief in den Bergen, wo nur Bären und Wölfe hausten; aber keines der reißenden Tiere war grimmiger und blutdürstiger als er.
Was der Mormone vorausgesagt hatte, ging nur zu bald in Erfüllung. War es der Schmerz über den plötzlichen Tod ihres Vaters, was der armen Lucy am Lebensmark zehrte, oder der Abscheu vor der verhaßten Ehe, zu der man sie gezwungen -- sie siechte von Tag zu Tag dahin und starb noch ehe ein Monat um war. Der rohe Mensch, welcher sie nur geheiratet hatte, um Ferriers reichen Besitz in die Hände zu bekommen, trug wenig Kummer zur Schau über seinen Verlust. Aber seine andern Frauen trauerten um die Tote und hielten in der Nacht vor dem Begräbnis bei ihr die Leichenwache, nach Sitte der Mormonen. Sie saßen noch um die Bahre, als beim ersten Morgengrauen die Thür plötzlich aufging und sie mit Staunen und Entsetzen einen wilddreinschauenden, wettergebräunten Mann in zerfetzter Kleidung eintreten sahen. Ohne auch nur einen Blick auf die geängstigten Frauen zu werfen, schritt er nach dem Totenschrein, in dem Lucys entseelte Hülle ruhte. Er beugte sich über sie und berührte ihre kalte Stirn ehrfurchtsvoll mit den Lippen, dann ergriff er sie bei der Hand und zog ihr den Trauring vom Finger. „Den soll man ihr nicht mit ins Grab geben,“ murmelte er dumpf. Bevor noch jemand die rätselhafte Erscheinung anhalten konnte, verschwand sie wieder, wie sie gekommen war. Das alles geschah so rasch, und der Vorgang schien so seltsam, daß man dem Bericht der Wächterinnen schwerlich Glauben geschenkt hätte, ohne die Thatsache, daß der goldene Reif wirklich vom Finger der Toten verschwunden war.
Monatelang hauste Jefferson Hope noch in den Bergen, wo er ein unstätes Jägerleben führte und für seinen Rachedurst täglich neue Nahrung einsog. Man begann sich allerwärts von dem unheimlichen Gesellen zu erzählen, der bald hier, bald da, in der Umgegend der Stadt oder in den rauhen Bergschluchten sein Wesen trieb. Einmal kam eine Kugel durch Stangersons Fenster geflogen und pfiff dicht an seinem Kopf vorbei. Ein andermal, als Drebbers Weg ihn am Bergabhang hinführte, ward aus der Höhe ein Felsstück auf ihn herabgeschleudert. Er konnte nur dadurch einem gräßlichen Tode entgehen, daß er sich platt zu Boden warf. Die beiden jungen Mormonen errieten bald, wer ihnen nach dem Leben trachtete, und unternahmen mehrere bewaffnete Streifzüge ins Gebirge, in der Hoffnung, ihren Todfeind zu fangen oder zu erlegen -- aber immer vergebens. Sie gingen nun aus Vorsicht niemals allein oder nach Dunkelwerden ins Freie, und stellten Wachen um ihre Häuser her. Nun verstrich jedoch eine geraume Zeit, ohne weitere Angriffe von seiten ihres Gegners und allmählich schwand ihre Furcht. Sie hofften, sein heißes Blut habe sich abgekühlt und er werde das tollkühne Vorhaben aufgeben.
Daran dachte jedoch Jeffersons Seele nicht. Rache zu nehmen war und blieb sein einziger Zweck und Gedanke. Bei seiner durchaus praktischen Natur hatte er jedoch richtig erkannt, daß selbst die eisernste Gesundheit ein Leben, wie er es führte, auf die Dauer nicht ertragen könne. Mangel an gesunder Nahrung und Beschwerden aller Art mußten bald seine Kräfte verzehren. Was aber sollte aus seiner Rache werden, wenn er in den Bergen eines elenden Todes starb? -- Nein, seine Feinde durften nicht triumphieren!
So war er denn nach dem Bergwerk in Nevada zurückgekehrt, mit der Absicht, sich von den Entbehrungen der letzten Zeit zu erholen und Geld genug zu erwerben, um seinen Lebenszweck weiter verfolgen zu können. Ursprünglich gedachte er höchstens ein Jahr lang dort zu bleiben, allein die Umstände fügten es so, daß fünf Jahre vergingen, bevor er zurückkehren konnte. Doch die Erinnerung an das erlittene Unrecht und sein Verlangen nach Rache war noch ebenso lebendig in ihm, wie in jener entsetzlichen Nacht an John Ferriers Grabe. Verkleidet und unter falschem Namen kam er nach der Salzseestadt, um die gerechte Sühne zu fordern, sei es auch mit Gefahr des eigenen Lebens. Dort erwartete ihn jedoch eine schlimme Kunde, die seine Pläne zu vereiteln drohte. Einige Monate zuvor war nämlich unter dem ‚auserwählten Volke‘ eine Spaltung entstanden. Die Mißvergnügten lehnten sich gegen die Obergewalt der Aeltesten auf; viele der jüngeren Gemeindeglieder verließen Utah und gesellten sich den Ungläubigen zu. Auch Drebber und Stangerson befanden sich unter dieser Zahl. Es ging ein Gerücht, daß Drebber es verstanden habe, den größten Teil seines Eigentums zu Geld zu machen, so daß er als reicher Mann fortgezogen war, während Stangerson, sein Gefährte, wenig Mittel besaß. Wohin sie sich aber gewandt hatten, darüber war kein Aufschluß zu erlangen.
Angesichts solcher Schwierigkeiten hätte mancher noch so rachsüchtige Mensch sein Vorhaben aufgegeben; daran dachte Jefferson jedoch keinen Augenblick. Er reiste von Ort zu Ort durch die Vereinigten Staaten, um seine Feinde aufzusuchen. Das kleine Kapital, welches er besaß, sicherte ihm zur Not sein Auskommen, doch nahm er Arbeit an, wo er sie fand. Jahre vergingen, sein schwarzes Haar war grau geworden, aber immer noch wanderte er weiter, das Ziel verfolgend, dem er sein Leben gewidmet hatte. Endlich ward seine Ausdauer belohnt. In Cleveland im Staate Ohio war es, wo er eines Tages Drebbers verhaßtes Gesicht an einem Fenster gewahrte. So hatte er seine Beute doch zuletzt noch aufgespürt. Rasch kehrte er in seine ärmliche Wohnung zurück, um seinen Racheplan vorzubereiten. Aber das Unglück wollte, daß auch Drebber bei dem flüchtigen Blick seinen Todfeind erkannt hatte. Er war mit Stangerson, der bei ihm das Amt eines Privatsekretärs versah, zu einem Friedensrichter geeilt, den er um Schutz gegen einen früheren Nebenbuhler bat, welcher ihnen aus Haß und Eifersucht nach dem Leben trachtete. An jenem Abend ward Jefferson Hope plötzlich in Haft genommen und da er außer stande war, Bürgschaft zu leisten, hielt man ihn mehrere Wochen im Gefängnis zurück. Sobald er wieder in Freiheit war, begab er sich nach Drebbers Hause, allein er fand es verlassen und erfuhr, der Besitzer habe mit seinem Sekretär eine Reise nach Europa angetreten.
Wieder war Jeffersons Rachewerk vereitelt und wieder trieb ihn sein grimmiger Haß, die Verfolgung fortzusetzen. Zuvor mußte er sich jedoch die nötigen Mittel für die Ueberfahrt erwerben. Als er genug zusammengespart hatte, um unterwegs sein Leben fristen zu können, schiffte er über den Ozean und folgte der Spur seiner Feinde von Stadt zu Stadt. Immer wieder mißlang es ihm, die Flüchtlinge einzuholen. Bei seiner Ankunft in Petersburg waren sie eben nach Paris gereist, und als er ihnen dahin folgte, hatten sie sich gerade nach Kopenhagen eingeschifft; auch dorthin kam er um einige Tage zu spät, da sie bereits nach London unterwegs waren. In der englischen Hauptstadt gelang es ihm zuletzt doch noch ihrer habhaft zu werden. Auf welche Weise dies geschah, erfahren wir am besten aus Jefferson Hopes eigenem Bericht, welchen Dr. Watson ausführlich in seinem Tagebuch niedergeschrieben hat.
Wir kehren daher wieder zu den Aufzeichnungen des jungen Militärarztes zurück, denen wir schon im ersten Teil unserer Erzählung bis zu Jeffersons Festnehmung gefolgt sind.
Fortsetzung von Dr. Watsons Erinnerungen.
Trotz des rasenden Widerstands, den unser Gefangener geleistet hatte, schien er doch nicht feindlich gegen uns gesinnt zu sein. Sobald ihm klar geworden war, daß er bei unserer Uebermacht nichts auszurichten vermöge, ergab er sich in sein Schicksal und sprach mit verbindlichem Lächeln die Hoffnung aus, daß keiner von uns bei dem Handgemenge zu Schaden gekommen sein möchte.
„Vermutlich wollen Sie mich auf die Polizei bringen,“ wandte er sich an Sherlock Holmes; „meine Droschke steht noch unten; wenn Sie mir die Füße losbinden, kann ich selbst hinunter gehen; es dürfte Ihnen doch schwer fallen, mich zu tragen.“
Gregson und Lestrade wechselten bedeutsame Blicke, der Vorschlag mochte ihnen wohl allzu gewagt erscheinen, aber Holmes nahm den Gefangenen sogleich beim Wort und befreite ihn von dem Tuch, mit welchem wir ihm die Fußgelenke zusammengeschnürt hatten. Als er aufstand, dehnte und reckte er sich, wie um sich zu überzeugen, daß er wirklich der Bande ledig sei. Selten war mir ein Mann mit so gewaltigem Gliederbau vorgekommen, und dabei lag ein Ausdruck von Willensstärke und Entschlossenheit in seinem sonnverbrannten Gesicht, der mir noch furchtbarer erschien als seine riesige Körperstärke.
„Sie sollten Polizeichef werden,“ sagte er, Holmes mit aufrichtiger Bewunderung betrachtend. „Die Art, wie Sie meine Spur verfolgt haben, war meisterhaft.“
Mein Freund lächelte. „Sie kommen mit, nicht wahr?“ wandte er sich an die beiden Polizisten.
„Ich kann Sie fahren,“ versetzte Lestrade.
„Gut, und Gregson steigt mit ein; Sie auch, Doktor -- da der Fall Sie interessiert, müssen Sie ihn auch weiter verfolgen.“
Ich willigte gern ein und wir begaben uns alle zusammen hinunter. Der Gefangene machte keine Miene zu entfliehen, sondern stieg ruhig in seine Droschke und wir folgten ihm. Lestrade nahm auf dem Bock Platz; er trieb die Pferde an, und bald befanden wir uns an Ort und Stelle. Man führte uns in ein kleines Zimmer, wo ein Polizeiinspektor die Angaben des Gefangenen nebst den Namen der beiden Männer aufschrieb, als deren Mörder man ihn anklagte. Der Inspektor, ein Mann mit blassem Gesicht und bewegungslosen Zügen, wartete mechanisch seines Amtes. [Illustration]
„Im Laufe der Woche wird der Angeklagte dem Richter vorgeführt werden,“ sagte er, „inzwischen thun Sie jedenfalls am besten, Jefferson Hope, wenn Sie keinerlei Aussagen machen und Ihre Worte mit Vorsicht wägen, da dieselben vor Gericht gegen Sie zeugen könnten.“
„Ich habe sehr viel zu sagen,“ versetzte der Gefangene eifrig; „es ist mein dringender Wunsch, Ihnen meine Herren, die ganze Geschichte zu erzählen.“
„Besser, Sie schieben es auf, bis zu Ihrem Verhör,“ sagte der Beamte.
„Wer weiß, ob es dazu überhaupt kommt,“ entgegnete Hope. „Fürchten Sie nichts, ich habe keine Selbstmordgedanken, aber doch könnte ein Hindernis eintreten. -- Nicht wahr, Sie sind ein Doktor?“ Er sah mich mit seinen dunklen Augen fragend an.
Ich nickte bejahend.
„Dann legen Sie Ihre Hand auf meine Brust.“
Ich that, wie er sagte und erschrak, als ich ein heftiges Pulsieren fühlte und auffällige Geräusche im Innern vernahm. Sein Brustkasten schien zu erzittern und zu erbeben, wie ein schwacher Bau, in dem eine mächtige Maschine arbeitet.
„Was ist das?“ rief ich, „Sie haben ja ein Herzleiden, das bereits im gefährlichsten Stadium der Entwicklung ist.“
„Ganz recht,“ erwiderte er gelassen. „Letzte Woche bin ich deswegen bei einem Arzt gewesen, der mir gesagt hat, es könne nur noch wenige Tage dauern, bis der Tod eintritt. Ich habe mir das Uebel durch schlechte Nahrung und Entbehrungen aller Art zugezogen, während ich im Gebirge am Salzsee hauste und es hat sich seitdem von Jahr zu Jahr verschlimmert. Jetzt ist das Werk meines Lebens gethan und mich kümmert’s nicht, wenn es mit mir zu Ende geht; doch möchte ich zuvor berichten, wie sich alles zugetragen hat, damit man mich nicht für einen gewöhnlichen Mordgesellen hält.“
Nach einer kurzen Besprechung mit den beiden Polizisten, ob es ratsam sei, ihm den Willen zu thun, wandte sich der Inspektor an mich:
„Glauben Sie, daß eine unmittelbare Gefahr vorliegt, Doktor?“ fragte er.
„Ohne allen Zweifel,“ erwiderte ich mit Bestimmtheit.
„In diesem Fall fordert schon unsere Pflicht im Interesse der Gerechtigkeit, daß wir ein Protokoll aufnehmen. Reden Sie also, Jefferson Hope, wenn Sie es wünschen, aber vergessen Sie nicht, daß Ihre Aussagen zu Ihren Ungunsten gereichen könnten.“
„Wenn Sie nichts dawider haben, will ich mich setzen,“ sagte der Gefangene, Platz nehmend. „Seit einiger Zeit werde ich leicht müde; mein Uebel bringt das mit sich. Auch mag der Kampf, den wir vor einer halben Stunde durchgemacht haben, mir nicht sehr zuträglich gewesen sein. Ich stehe am Rande des Grabes, da pflegt man nicht zu lügen; was ich sage, ist die lauterste Wahrheit und mir kann gleichgültig sein, welchen Gebrauch Sie von meinen Worten machen.“
Er legte sich in seinen Stuhl zurück und sprach in so ruhigem, bedächtigem Ton, als handle es sich um die alltäglichsten Vorkommnisse. Für die Genauigkeit des hier folgenden Berichts kann ich mich verbürgen, denn Lestrade hat jedes Wort des Gefangenen nachgeschrieben und mir später sein Notizbuch zur Verfügung gestellt.