Part 5
„‚Um acht Uhr,‘ erwiderte sie, ihre Aufregung mühsam bezwingend. ‚Herr Stangerson, sein Sekretär, sagte, es gäbe zwei Züge, einen um 9,15 und einen um 11 Uhr. Er wollte mit dem ersten abreisen.‘
„‚Und haben Sie ihn seitdem nicht mehr gesehen?‘
„Bei dieser Frage wurde die Frau leichenblaß, und es dauerte mehrere Sekunden, bevor sie das einzige Wort: ‚Nein!‘ hervorstieß. Ihre Stimme klang leise und unnatürlich.
„‚Mutter,‘ sagte die Tochter nach einem Augenblick tiefster Stille, ‚laß uns dem Herrn gegenüber aufrichtig sein. Aus einer Unwahrheit kann nie etwas Gutes kommen: Ja, wir haben Herrn Drebber noch einmal wiedergesehen.‘
„‚Verzeih dir Gott,‘ rief Frau Charpentier, und sank händeringend auf einen Stuhl. ‚Du hast deinen Bruder ums Leben gebracht.‘
„‚Arthur würde selbst wollen, daß wir die Wahrheit sagten,‘ entgegnete sie mit Festigkeit.
„‚Sprechen Sie frei heraus,‘ ermahnte ich, ‚ein halbes Vertrauen ist schlimmer als gar keines. Auch weiß die Polizei vielleicht schon mehr, als Sie ahnen.‘
„‚Mein Sohn ist völlig unschuldig,‘ beteuerte sie. ‚Wenn ich seinetwegen besorgt bin, so ist das nur, weil ich fürchte, daß er in Ihren Augen, und vielleicht in denen anderer Leute, verdächtig erscheinen könnte. Aber das ist ja undenkbar. Sein vortrefflicher Ruf, sein Stand, sein ganzes früheres Leben, bürgen dafür, daß er an dieser gräßlichen That keinen Anteil hat.‘
„‚Sagen Sie mir nur alles, was Sie wissen,‘ bedeutete ich sie; ‚wenn Ihr Sohn unschuldig ist, hat er nichts zu fürchten.‘
„‚Laß uns allein, Mary,‘ gebot Madame Charpentier. Die Tochter verließ das Zimmer und die Mutter berichtete nun in heftiger Erregung: ‚Herr Drebber hat drei Wochen lang bei uns im Hause gewohnt. Vorher war er mit seinem Sekretär Stangerson auf Reisen; nach den Zetteln an ihren Koffern zu schließen, kamen sie zuletzt aus Kopenhagen. Stangerson zeigte sich schweigsam und zurückhaltend, Drebber aber benahm sich höchst anstößig. Er war ein gemeiner Mensch von rohen Sitten. Gleich am Abend seiner Ankunft hat er sich sinnlos betrunken und nach zwölf Uhr mittags sah man ihn selten nüchtern. Im Verkehr mit den Zimmermädchen war er widerlich frech und vertraulich, ja sogar meiner Tochter Mary gegenüber erlaubte er sich ein ähnliches Betragen und sprach mehrmals in einer Weise mit ihr, die sie in ihrer Unschuld zum Glück nicht verstand. Einmal war er sogar unverschämt genug, sie in meinem Beisein zu umarmen und zu küssen, so daß sein eigener Sekretär sich ins Mittel legte und ihm seine Frechheit verwies.‘
„‚Aber warum ließen Sie sich das alles gefallen? Sie hätten doch den lästigen Menschen los werden können, sobald Sie wollten.‘
„‚Ich weiß wohl,‘ sagte Madame Charpentier errötend; ‚hätte ich ihn nur gleich am ersten Tage aus dem Hause gewiesen. Allein die Versuchung war groß. Sie bezahlten mir zusammen vierzehn Pfund die Woche, und ich hielt es für meine Pflicht, in diesen schlechten Zeiten mir eine solche Einnahme nicht entgehen zu lassen. Ich bin Witwe und mein Sohn in der Marine hat viel Geld gekostet. Nach dem letzten Auftritt zögerte ich aber nicht länger, ihm zu kündigen, das war der Grund seiner Abreise.‘
„‚Nun, und wie wurde es weiter?‘
„‚Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich ihn glücklich fortfahren sah. Mein Sohn ist jetzt auf Urlaub hier; ich habe mich jedoch wohlweislich gehütet, ihm etwas von meinen Unannehmlichkeiten zu sagen, denn er gerät leicht in Harnisch und liebt seine Schwester zärtlich. Meine Freude, jenen lästigen Menschen los zu sein, war leider von kurzer Dauer. Noch war keine Stunde vorbei, so klingelte es heftig und man sagte mir, Drebber sei wieder da, er habe den Zug versäumt. In stark berauschtem Zustand erzwang er sich den Eintritt in das Zimmer, wo ich mit meiner Tochter saß, trat frech vor Mary hin und machte ihr den Vorschlag, mit ihr zu entfliehen. ‚Sie sind großjährig,‘ sagte er, ‚das Gesetz hat keine Macht über Sie. Ich besitze Geld die Hülle und Fülle. Kümmern Sie sich nicht um die Alte, sondern folgen Sie mir auf der Stelle; Sie sollen wie eine Fürstin leben.‘ Die arme Mary war zu Tode erschrocken und wich vor ihm zurück, er aber ergriff sie am Arm, um sie mit sich fortzuziehen. Ich schrie laut auf vor Angst, und in diesem Augenblick trat mein Sohn Arthur ins Zimmer. Was weiter geschehen ist, weiß ich nicht, ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe und hörte nur Verwünschungen und ein verworrenes Getöse. Als ich wieder aufzublicken wagte, stand Arthur, einen Stock in der Hand, lachend an der Thür. ‚Der saubere Kumpan wird uns voraussichtlich nicht mehr belästigen,‘ sagte er; ‚ich will mich nur noch überzeugen, was aus ihm geworden ist.‘ Mit diesen Worten eilte er die Treppe hinunter. Am nächsten Morgen brachte man uns die Nachricht von Drebbers geheimnisvollem Tode.‘
„‚Um wieviel Uhr ist Ihr Sohn nach Hause gekommen?‘ fragte ich, als Madame Charpentier mit ihrem Bericht zu Ende war. ‚Das weiß ich nicht,‘ stammelte sie; ‚er hat sich selbst mit dem Hausschlüssel hereingelassen.‘
„‚Nachdem Sie zu Bett waren?‘
„‚Ja.‘
„‚Wann begaben Sie sich zur Ruhe?‘
„‚Gegen elf Uhr.‘
„‚So blieb Ihr Sohn also wenigstens noch zwei Stunden fort?‘
„‚Ja.‘
„‚Möglicherweise auch vier oder fünf?‘
„‚Ja.‘
„‚Wo war er inzwischen?‘
„‚Ich weiß nicht,‘ flüsterte sie mit bleichen Lippen.
„Unter diesen Umständen war ich natürlich nicht länger im Zweifel, was zu thun sei. Ich nahm zwei Polizisten mit, suchte Leutnant Charpentier auf und ließ ihn festnehmen. Als ich seine Schulter berührte und ihn ermahnte, uns ohne Widerstand zu folgen, richtete er sich stolz in die Höhe. ‚Man hegt vermutlich Verdacht, ich sei an der Ermordung des schurkischen Drebber beteiligt,‘ waren seine ersten Worte. Sie werden mir zugeben, daß das höchst verdächtig aussah.“
„Versteht sich,“ pflichtete Holmes bei.
„Er hielt den Stock in der Hand, von dem seine Mutter gesprochen hatte, einen schweren eichenen Knittel.“
„Wie denken Sie sich denn den Verlauf der Sache?“
„Nun, er ist Drebber bis zur Brixtonstraße gefolgt. Dort hat sich ein neuer Streit zwischen ihnen entsponnen, Drebber hat mit dem Stock einen Schlag erhalten, wahrscheinlich in die Magenhöhle, der seinen Tod verursachte, ohne eine Spur zu hinterlassen. In der regnerischen Nacht war kein Mensch unterwegs, Charpentier konnte daher die Leiche ungesehen nach dem leeren Hause schaffen. Was aber das Licht betrifft, das vergossene Blut, die Schrift an der Wand und den Ring, so sind das wahrscheinlich alles nur Finten, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken.“
„Vortrefflich,“ rief Holmes beifällig. „Sie machen wirklich Fortschritte, Gregson; es kann noch etwas aus Ihnen werden.“
„Ich schmeichle mir, daß ich alles ganz glatt abgewickelt habe,“ sagte der Polizist voll Selbstgefühl. „Der junge Mann behauptete zwar steif und fest, er sei Drebber nur eine kurze Strecke weit nachgegangen, dann habe dieser ihn entdeckt und sei in eine Droschke gestiegen, um ihm zu entkommen. Auf dem Heimweg wollte er dann einem früheren Kameraden vom Schiff begegnet sein und einen langen Spaziergang mit ihm gemacht haben. Als ich aber nach der Wohnung dieses Bekannten fragte, wußte er sie nicht anzugeben. Wie gesagt, der Fall ist mir ganz klar; es macht mir nur Spaß, daß Lestrade eine so falsche Spur verfolgt, die zu nichts führen kann. -- Aber, wahrhaftig, ich glaube, da ist er selbst.“
Lestrade war wirklich während unseres Gesprächs die Treppe heraufgekommen und trat jetzt ins Zimmer. Sein für gewöhnlich so selbstbewußtes Wesen war kaum wieder zu erkennen; seine Mienen waren verstört, sein sonst so peinlich sauberer Anzug in Unordnung. Er wollte sich offenbar bei Holmes guten Rat holen; seinen Kollegen da zu finden, hatte er nicht erwartet. Unschlüssig blieb er mitten im Zimmer stehen und drehte seinen Hut krampfhaft in den Händen. „Ein höchst verwickelter, unverständlicher Fall,“ sagte er endlich.
„Meinen Sie, Lestrade?“ rief Gregson triumphierend, „das habe ich mir wohl gedacht. Ist es Ihnen denn gelungen, den Aufenthalt des Sekretärs Josef Stangerson zu entdecken?“
„Den Sekretär Stangerson,“ erwiderte Lestrade mit tiefem Ernst, „hat man in Hallidays Privathotel heute früh gegen acht Uhr in seinem Schlafzimmer ermordet gefunden.“
Siebentes Kapitel.
Es kommt Licht in das Dunkel.
Lestrades furchtbare Mitteilung kam uns so unerwartet, daß wir einige Zeit brauchten, um uns von dem ersten Schrecken zu erholen. Gregson war von seinem Sitz in die Höhe geschnellt, und ich starrte schweigend auf Sherlock Holmes, der mit düster zusammengezogenen Brauen und fest geschlossenen Lippen dasaß.
„Stangerson gleichfalls,“ murmelte er endlich -- „der Fall wird verwickelter.“
„Und war schon verwickelt genug,“ sagte Lestrade und nahm mißmutig am Tische Platz. „Hier wurde wohl Kriegsrat gehalten?“
„Ist denn -- was Sie sagen -- aber auch ganz gewiß wahr?“ stammelte Gregson.
„Eben komme ich vom Schauplatz der That,“ lautete seines Kollegen Antwort. „Ich war der Erste, welcher entdeckte, was sich zugetragen hatte.“
Holmes sah ihn erwartungsvoll an. „Wir haben soeben Gregsons Ansicht über den Fall gehört,“ äußerte er, „vielleicht wären Sie geneigt, uns nun auch Ihre Erlebnisse und Thaten zu berichten?“
„Warum nicht?“ versetzte Lestrade; „ich gestehe offen, daß ich der Meinung war, Stangerson müsse bei Drebbers Ermordung die Hand im Spiele gehabt haben -- ein Irrtum, von dem ich durch das jüngste Ereignis gründlich zurückgekommen bin. Vor allem wollte ich ermitteln, was aus dem Sekretär geworden sei. Man hatte die beiden noch abends um halb neun zusammen auf dem Eustoner Bahnhof gesehen. Um zwei Uhr morgens war Drebbers Leiche in der Brixtonstraße aufgefunden worden. Wo hatte sich Stangerson in der Zeit zwischen 8 Uhr 30 und der Stunde des Verbrechens aufgehalten? -- das war die Frage. Ich telegraphierte eine Personalbeschreibung des Mannes nach Liverpool, damit er sich nicht heimlich auf einem amerikanischen Dampfer einschiffen könne. Dann erkundigte ich mich nach ihm in allen Hotels und Privatpensionen in der Nähe des Bahnhofs. Es schien mir wahrscheinlich, daß, wenn die Reisegefährten sich aus irgend einem Grunde getrennt hätten, Stangerson zur Nacht im nächsten Hotel einkehren und am andern Morgen Drebber sicherlich wieder am Bahnhof erwarten würde.“
„Sie werden wohl vorher verabredet haben, an welchem Orte sie sich treffen wollten,“ warf Holmes ein.
„Wohl möglich,“ meinte Lestrade. „Nun also, den ganzen gestrigen Abend brachte ich mit fruchtlosen Erkundigungen zu. Heute früh setzte ich meine Nachforschungen beizeiten fort und kam gegen acht Uhr nach Hallidays Privathotel in der kleinen Georgstraße. Auf meine Frage, ob ein Herr Stangerson dort abgestiegen sei, erhielt ich sofort eine bejahende Antwort. ‚Vermutlich sind Sie der Herr, auf den er schon seit zwei Tagen wartet,‘ meinte der Portier.
„‚Wo ist er jetzt?‘ fragte ich.
„‚Oben in seinem Schlafzimmer; er wollte um neun Uhr geweckt sein.‘
„‚Ich möchte ihn sofort aufsuchen.‘
„Mit der Absicht, ihn ganz unvermutet zu überraschen, ließ ich mir von dem Hausknecht das Zimmer zeigen. Es lag im zweiten Stock am Ende eines engen Korridors. Nun stellen Sie sich aber mein Entsetzen vor, als ich, bei der Thür angekommen, bemerkte, daß ein dünner, roter Strom über die Schwelle rieselte und auf der andern Seite des Ganges eine kleine Blutlache gebildet hatte. Der Hausknecht, der schon an der Treppe war, kam auf meinen Schreckensruf zurückgestürzt, er wäre bei dem Anblick fast umgesunken. Die Thür war von innen verschlossen, doch gelang es unsern vereinten Kräften, sie aufzusprengen. Drinnen stand ein Fenster offen, und dicht daneben lag zusammengesunken ein Mann im Nachtgewande. Er mußte schon seit mehreren Stunden tot sein, denn seine Glieder waren steif und kalt. Ein Dolchstich war ihm mitten durchs Herz gedrungen. Nun hören Sie aber noch das Seltsamste von der ganzen Begebenheit: An der Wand neben der Leiche stand geschrieben -- was glauben Sie wohl?“ --
„Das Wort ‚Rache‘ in Blutbuchstaben,“ sagte Sherlock Holmes, ohne sich zu besinnen. Mir erstarrte das Blut in den Adern vor Entsetzen.
„Das war es,“ flüsterte Lestrade, und seine Stimme bebte. Eine Weile sprach keiner von uns ein Wort. Die methodische, und doch völlig unbegreifliche Weise, auf die der unbekannte Mörder bei seinen Missethaten verfuhr, erhöhte noch ihren schauerlichen Eindruck. Unter den Greueln des Schlachtfeldes war ich kaltblütig geblieben, jetzt zuckte mir jeder Nerv vor Erregung.
„Der Verbrecher ist nicht unbemerkt entkommen,“ fuhr Lestrade fort. „Ein Milchjunge, der vom Kuhstall nach der Hotelküche ging, sah, daß an einem offenen Fenster des zweiten Stocks eine Leiter lehnte. Als er sich verwundert noch einmal umblickte, kam gerade ein Mann die Leiter herabgestiegen und zwar so ruhig und ohne jede verdächtige Hast, daß der Junge glaubte, es müsse ein Arbeiter sein, der im Hotel etwas auszubessern habe. Nach seiner Beschreibung war der Mann groß, rot im Gesicht und mit einem langen Rock von bräunlicher Farbe bekleidet. Er hat das Zimmer nicht unmittelbar nach der That verlassen, sondern sich erst noch im Becken das Blut von den Händen gewaschen und sein Dolchmesser sorgfältig an den Betttüchern abgewischt.“
Das Aeußere des Mannes war genau so, wie Holmes es früher beschrieben hatte, doch war keine Spur von Triumph oder Genugthuung in den Zügen meines Gefährten zu entdecken. „Haben Sie in dem Zimmer nichts gefunden, was auf die Spur des Verbrechers leiten könnte?“ fragte er begierig.
„Nicht das geringste. Stangerson trug Drebbers Börse in der Tasche, doch war das nicht auffällig, da er die Reiseausgaben zu bezahlen pflegte. Sie enthielt etwa achtzig Pfund, die unberührt geblieben waren. Auf eine Beraubung hatte man es offenbar nicht abgesehen. In den Taschen des Ermordeten fanden sich weder Papiere noch Notizen, nur ein Telegramm, das vor etwa einem Monat in Cleveland aufgegeben worden war und lautete: ‚J. H. ist in Europa.‘ Der Name des Absenders stand nicht dabei.“
„Und das war alles?“
„Alles Wichtige. Ein Roman, mit dem sich der Mann in den Schlaf gelesen, lag auf dem Bett und seine Tabakspfeife daneben auf dem Stuhl. Auf dem Tisch stand ein Glas Wasser und auf dem Fensterbrett ein hölzernes Salbenschächtelchen, das mehrere Pillen enthielt.“
Mit einem Ausruf des Entzückens sprang Sherlock Holmes in die Höhe.
„Das fehlende Glied,“ rief er. „Nun ist der letzte Zweifel gelöst.“
Die beiden Polizisten sahen einander sprachlos vor Erstaunen an.
„Ich halte nunmehr alle scheinbar noch so verwirrten Fäden in meinen Händen,“ sagte mein Gefährte zuversichtlich. „Einzelheiten sind natürlich noch unerledigt, aber über die Hauptsache bin ich völlig im klaren. Von der Zeit an, als Drebber sich von Stangerson trennte, bis zum Augenblick, da des letzteren Leiche entdeckt wurde, weiß ich alles, als hätte ich es mit eigenen Augen gesehen. Sie sollen sogleich einen Beweis davon haben. Könnten Sie wohl die fraglichen Pillen herbeischaffen?“
„Ich habe sie hier,“ versetzte Lestrade, ein Schächtelchen hervorziehend, „ich nahm sie an mich, zugleich mit der Börse und dem Telegramm, um sie der Polizei zu übergeben. Daß ich die Pillen nicht stehen ließ, war der reinste Zufall, denn ich muß sagen, ich legte ihnen keine Wichtigkeit bei.“
„Wissen Sie, Doktor,“ wandte sich Holmes zu mir, „ob das gewöhnliche Pillen sind?“
Sie waren von perlgrauer Farbe, klein, rund und fast durchsichtig, wenn man sie gegen das Licht hielt. „Nach ihrer Beschaffenheit sollte ich meinen, daß sie sich in Wasser auflösen würden,“ bemerkte ich.
„Das glaube ich auch,“ sagte Holmes erfreut. „Bitte,“ fuhr er fort, „schaffen Sie doch einmal den kleinen kranken Dachshund herbei, der schon lange in einem so traurigen Zustand ist, daß die Wirtin Sie noch gestern bat, ihn von seinen Qualen zu erlösen.“
Ich brachte das altersschwache Tier in meinen Armen herauf und legte es auf ein Fußkissen nieder, es atmete schwer und schien bereits in den letzten Zügen.
„Jetzt schneide ich eine dieser Pillen entzwei,“ sagte Holmes, sein Taschenmesser herausziehend; „eine Hälfte bleibt zu späterer Verwendung in der Schachtel, die andere thue ich mit einem Theelöffel voll Wasser in dieses Weinglas. Sie sehen, der Doktor hat recht, sie löst sich schon auf.“
„Das mag sehr interessant sein,“ ließ sich Lestrade in spöttischem Ton vernehmen, „nur begreife ich nicht, was es mit Stangersons Tode zu thun haben soll.“
„Geduld, mein Freund, Geduld; Sie werden es bald erfahren. Jetzt gieße ich noch etwas Milch dazu, um es schmackhaft zu machen.“
Er hatte den Inhalt des Weinglases in einen Napf ausgeleert und der Hund leckte die Flüssigkeit bereitwillig auf. Wir saßen schweigend im Kreise und erwarteten eine überraschende Wirkung, welche, nach Holmes wichtiger Miene zu urteilen, bald eintreten sollte. Aber es geschah nichts dergleichen. Der Hund lag auf dem Kissen ausgestreckt, sein Zustand war unverändert.
Mein Freund hatte die Uhr herausgezogen, und wie eine Minute nach der andern erfolglos verstrich, nahm sein Gesicht einen immer kummervolleren Ausdruck an. Er preßte die Lippen zusammen, trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und verriet auf jede Weise die größte Ungeduld. Seine Gemütsbewegung war so unverkennbar, daß er mir aufrichtig leid that, während die beiden Polizisten schadenfroh lächelten und ihm den offenbaren Mißerfolg von Herzen zu gönnen schienen.
„Es kann kein zufälliges Zusammentreffen sein,“ rief er endlich, vom Stuhl aufspringend; „das ist unmöglich, völlig unmöglich. Die nämlichen Pillen, deren Anwendung ich in Drebbers Fall vermutete, werden nach Stangersons Tode wirklich gefunden -- und doch haben sie keine Wirkung. Wie läßt sich das erklären? -- Daß meine ganze Schlußfolgerung falsch gewesen sein soll, ist undenkbar. Aber der elenden Kreatur dort merkt man gar nichts an.“
Er ging aufgeregt im Zimmer hin und her; plötzlich stieß er einen Jubelruf aus: „Ich hab’s, ich hab’s!“ Er griff nach der Schachtel, schnitt die andere Pille entzwei, löste sie auf, goß Milch dazu und ließ sie von dem Hunde auflecken. Kaum hatte das arme Geschöpf sie mit der Zunge berührt, als ein krampfhaftes Zucken durch seine Glieder ging, dann lag es starr und leblos da, wie vom Blitz getroffen.
Sherlock Holmes atmete tief auf und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. „Es war unrecht, daß ich mich so leicht irre machen ließ,“ sagte er. „Wenn eine Thatsache durchaus nicht zu meinen Folgerungen passen will, hat sich noch regelmäßig herausgestellt, daß es damit eine besondere Bewandtnis hat. Eine der beiden Pillen enthielt das tödliche Gift, die andere war völlig unschädlich. Das hätte ich wissen müssen, bevor mir noch die Schachtel zu Gesicht kam.“
Wie seltsam mir auch seine letzte Behauptung klang, so lag doch der tote Hund als bester Beweis für ihre Richtigkeit vor uns. Ganz allmählich begannen sich die Nebel zu zerstreuen, die mir das Verständnis verhüllten, und es dämmerte in mir eine Ahnung von dem Zusammenhang der Dinge.
„Das alles erscheint Ihnen nur deshalb so sonderbar,“ fuhr Holmes fort, „weil Sie gleich zu Anfang die einzig richtige Spur, welche deutlich vorlag, nicht erkannt haben. Ich hatte das Glück, von vornherein darauf zu verfallen und alle späteren Ereignisse haben nur dazu gedient, mich in meiner ursprünglichen Vermutung zu bestärken, sie waren die logische Folge derselben. So kam es, daß alles, was den Fall in Ihren Augen verdunkelte, mir neues Licht brachte und meine Annahmen bestätigte. Außergewöhnliche Umstände bieten keineswegs immer die schwierigsten Rätsel; vielmehr sind die scheinbar alltäglichsten Verbrechen oft am geheimnisvollsten, weil wir ohne besondere Anhaltspunkte zu keinen neuen Schlüssen gelangen können. Die Lösung unseres Falles würde sehr fraglich sein, wenn man den Leichnam einfach auf der Straße gefunden hätte. Die merkwürdigen Nebenumstände erschweren die Nachforschung nicht, im Gegenteil, sie erleichtern dieselbe.“
Gregson hatte der langen Auseinandersetzung mit wachsender Ungeduld zugehört; endlich bezwang er sich nicht länger.
„Wir geben ja gern zu, Herr Holmes,“ sagte er, „daß Sie ein ungewöhnlich schlauer Mensch sind und Ihr ganz besonderes Verfahren haben. Aber mit Theorien kommt man hier nicht weit. Es handelt sich darum, den Mörder festzunehmen. Was +ich+ in dieser Sache gethan habe, scheint sich als Mißgriff herauszustellen, denn den zweiten Mord kann der junge Charpentier nicht begangen haben. Lestrade seinerseits glaubte jenem Stangerson nachspüren zu müssen und auch er war augenscheinlich auf falscher Fährte. Nach Ihren Winken und Andeutungen scheinen Sie mehr von der Sache zu wissen als wir. So gehen Sie doch einmal heraus mit der Sprache, und sagen Sie uns, wer das Verbrechen begangen hat.“
„Gregson hat ganz recht,“ nahm Lestrade das Wort. „Wir haben uns bis jetzt beide vergeblich bemüht, dahinter zu kommen, und wenn Sie wirklich, wie Sie behaupten, alle Beweise in Händen haben, so hoffe ich, Sie werden nicht länger zögern, uns reinen Wein einzuschenken.“
„Das Wichtigste scheint mir doch, den Mörder unschädlich zu machen,“ fiel ich ein, „damit er nicht noch mehr Unthaten begehen kann.“
So von allen Seiten gedrängt, schien Holmes unentschlossen, was er thun solle. Mit gerunzelten Brauen, den Kopf auf die Brust gesenkt, schritt er im Zimmer auf und ab, wie seine Gewohnheit war, wenn es eine große Entscheidung galt. Plötzlich blieb er uns gegenüber stehen.
„Es wird kein Mord mehr verübt werden, darüber können Sie außer Sorge sein,“ sagte er mit Bestimmtheit. „Sie fragen mich nach dem Namen des Verbrechers -- den kenne ich. Ja, was noch mehr ist, ich hoffe, in kürzester Frist ihn selbst in die Hände zu bekommen. Alle meine Vorkehrungen zu dem Zweck sind getroffen, aber die Ausführung erfordert große Umsicht, denn wir haben es mit einem kühnen Menschen zu thun, der zum Aeußersten entschlossen ist. Auch fehlt es ihm nicht an einem Gehilfen, der ebenso verschlagen ist wie er selbst -- davon habe ich Beweise. Solange der Mann nicht ahnt, daß man ihn beobachtet, ist es möglich, seiner habhaft zu werden. Schöpfte er aber auch nur den geringsten Argwohn, so würde er einen andern Namen annehmen und unter den vier Millionen Einwohnern dieser großen Stadt spurlos verschwinden. Ich möchte Sie beide nicht kränken, doch scheint mir, daß die Polizei jenem Manne gegenüber machtlos ist. Ich habe Sie deshalb auch nicht um Ihre Hilfe angegangen, und will lieber Tadel und Verantwortlichkeit allein tragen, wenn die Sache mißlingt. Jedenfalls verspreche ich, Ihnen Weiteres mitzuteilen, sobald ich überzeugt bin, daß meine Pläne nicht mehr gefährdet werden können.“
Die beiden Polizisten schienen durch diese Versicherung nicht sehr befriedigt und überhaupt wenig erbaut von dem abfälligen Urteil meines Gefährten. Gregson wurde rot bis zu den Schläfen und Lestrades Augen funkelten vor Aerger und Neugier. Sie fanden jedoch keine Zeit, ihrem Herzen Luft zu machen, denn in diesem Augenblick klopfte es an der Thür, und der Häuptling der zerlumpten Freiwilligenschar, der junge Wiggins, erschien in höchsteigener, unansehnlicher Person.
„Ich wollte nur melden, Herr,“ sagte er, eine stramme Haltung annehmend, „daß ich die Droschke gebracht habe; sie hält unten.“
„Bravo,“ rief Holmes beifällig. Er holte ein Paar stählerne Handschellen aus der Kommodenschublade. „Sehen Sie nur, wie die Feder zuschnappt, in einem Augenblick sitzen sie fest. Warum führt man eigentlich diese Sorte nicht bei der Polizei ein?“
„Das alte Muster erfüllt seine Zwecke gut genug,“ versetzte Lestrade; „die Hauptsache bleibt immer, den Mann zu haben, dem man sie anlegen soll.“
„Freilich, freilich,“ bestätigte Holmes lächelnd. „Höre Wiggins, bitte doch einmal den Droschkenkutscher heraufzukommen, er soll mir bei dem Gepäck behilflich sein.“