Sommerleutnants

Part 16

Chapter 163,393 wordsPublic domain

Und sieh -- aus der Tür, die zum Seitenflügel führte, schlich sich da zu gleicher Zeit das jüngere Fräulein heraus und gesellte sich ganz harmlos zu den Zuschauern des Feuerwerks -- woher kam denn die --?! Na, selbstverständlich auch von einem Rendezvous! --

War denn das ganze Schloß des Teufels --?!

Keine Zeit, weiter zu beobachten ... er durfte die Fährte nicht verlieren ... er trat in die Veranda, ging zu dem Tisch, auf dem Zigarren und Zigaretten aufgestapelt waren, zündete auch wirklich ein Papyros an ... beobachtete, wie Frau Cäcilie drinnen Befehle erteilte ...

Im Augenblick, als sie auf die Diele hinaustrat, schlenderte er harmlos, nachlässigen Ganges durch den Speisesaal, gab seinem Burschen, der eben mit einem Brett voll Biergläser aus der Küche kam, einen Auftrag wegen des Sattelns für andern Morgen ... und folgte der Hausfrau ...

Er hörte ihre müden, unsichern Schritte sich die Treppe hinaufschleppen ... horchte, wie sie eine Tür öffnete und schloß ... und wollte eben hinterhersteigen, als plötzlich mit hastigen Schritten der Leutnant Quincke aus dem Küchenflur schoß. Er erblickte den Kameraden und stürzte auf ihn zu:

»Menshausen, Sie müssen mir einen Rat geben --!«

»Gern -- nachher! Erst müssen Sie mich einen Augenblick entschuldigen ... ich muß schleunigst auf mein Zimmer ... der Oberst, wissen Sie ... ich soll ... ich soll die Brigadebefehle für morgen früh holen ... bin im Moment wieder da!«

»Aber so hören Sie doch nur eine Sekunde -- ich hab' eben einen schauderhaften Auftritt mit der kleinen Molly Sassenbach gehabt! -- Bitte, sagen Sie mir doch bloß, wie ich mich verhalten soll ... Sie haben mich doch in diese Schweinerei hineingebracht, haben mir doch den Auftrag gegeben, die Damen ein wenig zu beobachten ...!«

Teufel -- dachte Menshausen ... sollte der dämliche Geselle eine Taperei gemacht haben und nun die Verantwortung auf mich selber abwälzen wollen --?!

»Na -- so erzählen Sie schon schnell!«

Quincke berichtete.

Menshausen platzte hell heraus: »Sie sind eine Kraft, Quincke -- allerhand Hochachtung! Sie verdienen, Obereunuch beim Padischah zu werden! -- Ich hatte Sie gebeten, ein wenig zu beobachten -- und Sie platzen dazwischen, ehe überhaupt was passiert ist! Na, weiter kein Unglück --!«

»Aber die Kleine hat mich tödlich beleidigt! Ich werde mich bei ihrem Vater beschweren!«

»Sie sind komplett wahnsinnig, Herr! -- Danken Sie Ihrem Schöpfer, wenn die Kleine nicht anfängt! -- Sich beschweren -- hahaha! Das Gesicht von Sassenbach!! Ne, mein Lieber, die kleine Gardinenpredigt, die stecken Sie man ruhig ein! Die haben Sie rechts und links 'rum verdient! -- Und nun lassen Sie mich nach oben! -- -- Donnerwetter, da ist der Hauptmann!«

Munter summend kam Herr von Brandeis aus dem Küchenkorridor: »Na meine Herren, wie hat Ihnen das Feuerwerk gefallen? -- pompöse Sache, was?«

»Glänzend, Herr Hauptmann -- ganz pyramidal!«

»So -- und Sie stehn hier auf der Diele 'rum und machen offizielle Gesichter? -- Marsch in den Garten -- jetzt gibt's Münchener! -- Übrigens -- weiß einer von Ihnen, wo meine Frau steckt?«

So, schöne Frau --! Jetzt kommt die Rache des Negers!

»Die gnädige Frau ist soeben die Treppe hinaufgegangen -- ich glaube, sie äußerte, sie wolle sich etwas wärmer anziehn!«

»Oho -- wärmer anziehn? -- werde mal nach ihr schauen!«

Der Hauptmann schritt die Treppe hinauf. Mit angehaltenem Atem lauschte Menshausen.

Jetzt also platzte droben die Bombe ...!

»Was horchen Sie denn so gespannt?« flüsterte Quincke.

»Halten Sie den Mund!«

In dem Augenblick, als der Hauptmann die Tür öffnete, war's, als würde diese von drinnen aufgerissen ...

Ein Ton klang ... ein dumpfer Naturlaut, wie ein Knurren der Überraschung und des Schreckens ...

Dann hörten die Lauscher, wie der Hauptmann eintrat. Die Tür fiel ins Schloß. Nichts weiter vernehmbar.

Menshausen fühlte, wie seine Hände flogen vor Erregung ... in dieser Sekunde überfiel ihn auf einmal eine jähe Scham ... ein angstvolles Grausen ...

Herrgott -- was geschah jetzt da droben --? Morgen früh würde Blut fließen!

Und er -- er hatte die Sache zum Klappen gebracht.

Pah -- was ging's ihn schließlich an? Einmal wäre der Krach ja doch gekommen!

Aber ekelhaft war's doch, zu wissen, daß man selber -- --

Äh ... nichts mehr zu machen!

Vielleicht war ja überhaupt gar nichts passiert? Und die drei saßen da oben ganz friedlich und vergnügt zusammen --!

Horch -- da ging die Tür wieder auf ... Schritte kamen die Treppe herunter ... hastige Schritte -- Flamberg -- --

Gesenkten Hauptes, unsichern Ganges tappte der Maler die Stiege hinab, ohne die beiden Herren zu bemerken, die sich unwillkürlich jeder in einen Stuhl fallen lassen und Stellungen harmloser Zwiesprache angenommen hatten.

Er schritt geradeswegs in den Garderobenraum, der vorn neben der Eingangspforte lag ... kam gleich darauf wieder heraus ... den Helm schief auf den Kopf gestülpt ... im Begriff, den Säbel umzugürten ... Kaum konnten die fliegenden Finger die Zunge des Koppelriemens in die Schnalle bringen ...

Aufschauend bemerkte er die beiden Herren.

Er zwang sein tief erblaßtes, finster verzerrtes Gesicht zu einem verbindlichen Lächeln: »Nun, Quincke, gehn Sie noch nicht mit ins Dorf hinunter? -- Wir müssen uns morgen um drei wecken lassen, außerdem fünfundvierzig Kilometer in Aussicht!«

»Haben Sie sich denn schon von den Stäben verabschiedet?«

»Ne ... ich bin müde, drücke mich französisch! ... Na, woll'n Sie mit ...? Der Weg ist verdammt dunkel!«

»Ich habe Blowitz versprechen müssen, auf ihn zu warten --!«

»So --? Na, dann muß ich also in Gottes Namen allein --! Guten Abend, meine Herren! -- Wohl bekomm's!«

Säbelrasselnd, beherrschten Ganges schritt er von dannen.

»Donnerwetter! -- sah der aus!« sagte Quincke, »was ist dem denn passiert?!«

»Was soll ihm passiert sein?« grinste Menshausen. »Kommen Sie -- ich hab' einen scheußlichen Brand in der Kehle von dem verdammten süßen Zeug, der Pfirsichbowle! Ein Schoppen Münchener wäre nicht zu verachten!«

Als die Herren durch den Speisesaal schlenderten, kam mit raschen, festen Schritten der Hausherr hinter ihnen her: »Na, jungen Leute, wie schaut's draußen aus? -- Hat alles zu trinken?!«

Ein rauher, rostiger, geborstener Klang in seiner Stimme ...

Menshausen wagte nicht, ihn anzuschauen ...

Eine fressende Scham, ein Ekel vor sich selber würgte ihm in der Kehle ... Zweifellos -- morgen ... morgen ... morgen floß Blut ... irgendwo ... im Wald ... ein paar hundert Schritt vom Biwak des ganzen rheinischen Armeekorps. Blut ... Menschenblut ... Kameradenblut ...

Und er ... pfui Deubel ... pfui Deubel ... Er hätte ausspucken mögen vor sich selber.

In zechenden, plaudernden Gruppen standen die Gäste draußen im Garten beisammen ...

Als der Hausherr auftauchte, empfing ihn ein rasender Beifallssturm.

Der Oberst rief: »Meine Herrschaften -- unser ritterlicher, glänzender Gastgeber -- hurra, hurra, hurra -- --!«

Schmetternd widerhallte der Ruf an den Felswänden ... rollte weithin das dunkel träumende Waldtal entlang ...

»Aber -- wo ist die Königin unseres Festes, unsere schöne verehrte Hausfrau?!«

»Meine Frau ist leider nicht ganz wohl,« sagte Brandeis im Ton ruhigen Bedauerns, »sie hat sich gelegt und bittet die Herrschaften, sie entschuldigen zu wollen! -- Übrigens hat es nicht das Geringste zu sagen ...«

Allgemeines höfliches Beileid.

Die Mädchen drängten sich an den Hauptmann heran: »Dürfen wir nicht mal zu ihr hinauf?!«

»Sehr liebenswürdig, meine Damen! Haben Sie schönsten Dank! -- Aber es ist wohl besser, man läßt sie ganz in Ruhe! Es hat wirklich gar nichts zu sagen ... nur ein bißchen Übermüdung! -- Bitte, bitte, meine Herrschaften, lassen Sie sich ja nicht stören!«

»Aber nein, lieber Brandeis, die Herren von drunten waren ohnehin im Begriff, aufzubrechen! -- Übrigens wird's auch allmählich höchste Zeit ... elf Uhr vorbei -- heiliges Kanonenrohr!«

»Gewiß,« bestätigte der Major, »wir haben mehr Pfirsichbowle +intus+, als wir vor Gott und Seiner Exzellenz dem Herrn Korpskommandeur verantworten können! -- Wenn das noch eine halbe Stunde so weiter geht, brechen wir uns auf dem Heimweg Hals und Beine!«

»Ich gebe den Herren selbstverständlich einen Burschen mit einer Laterne mit! -- Aber bitte wirklich dringend, meine Herren -- setzen wir uns wieder zu Biere! -- Meine Frau würde untröstlich sein, wenn sie wüßte, die Herren ließen sich nicht halten ...«

Gott sei Dank ... sie gingen ... die von drunten ...!

»Aber wenigstens die Schloßbesatzung wird doch noch ein wenig beisammen bleiben --! Das verlange ich einfach, Herr Oberst!«

»Lieber Brandeis, Ihr Wunsch ist mir heute Befehl -- aber jetzt wird's wirklich Zeit für uns alle! -- Also -- gute Nacht, mein Verehrtester ...! es war einfach feenhaft ... direkt chimborassomäßig war's ... verstehn Sie mich ...? Aber nun Schluß! -- Und meine Herren Adjutanten werden sich auch schlafen legen, sonst werden morgen meine sämtlichen Befehle falsch ausgerichtet!«

Gott sei Dank ... nun wurde Ruhe ... nun konnte man denken ... Entschlüsse fassen ... die unvermeidlichen Entschlüsse ...

Leise ... ganz leise klinkte Fritz von Brandeis die Tür zum Schlafzimmer auf ... lauschte angespannt in das dunkle Gemach hinein ... lauschte auf Cäciliens Atemzüge ...

Vielleicht schlief sie wirklich ... vielleicht hatte es sie übermannt ... es wäre das Beste gewesen ... er fühlte sich so todesmatt ... so widerstandsunfähig ...

Jetzt nicht mehr fragen ... jetzt nicht mehr Antwort hören ... und wägen müssen ...!

Gott, wenn sie doch schliefe! -- Dann würde er sich in seinem Zimmer auf das kühle Bismarcksofa werfen ... sich in eine Decke wickeln ... und schlafen ... schlafen ... schlafen ...

Wozu noch lange fragen?! -- Was er wissen mußte, wußte er ja doch ... Er wußte, daß Raub verübt worden war an seinem Allerheiligsten ... wußte, daß er morgen Rechenschaft fordern würde für diesen Raub ... morgen, wenn es Tag war ... blutige Rechenschaft ... Rechenschaft fordern mit Einsetzung seines eigenen Lebens ... Und vielleicht war's am besten für ihn, wenn's ihn dann traf ... Sein Leben war ja doch besudelt ... verspielt ... verloren ...

Kein Laut war vernehmbar ... nicht der leiseste Laut ...

Herrgott -- plötzlich -- ein Gedanke -- -- Nein ... das nicht ... das um Himmels willen nicht ...!!

Mit raschen, leisen Schritten trat Brandeis zu seinem Nachttischchen, drehte die Birne des rotumschirmten Stehlämpchens auf ...

Da richtete sich vom Nachbarbette die Gestalt seines Weibes halbleibs empor. Noch völlig bekleidet, hatte sich Cäcilie auf die Überdecke gelegt. Glasig stierten ihre Augen .. wirr hingen die rostfarbenen Strähnen um ihr blasses Gesicht ... das stand im roten Licht irr und verzerrt ...

Fritz stand regungslos ... ein trockenes, kurzes Schluchzen durchrüttelte seine aufrechte Gestalt ...

»Willst du dich nicht auskleiden ... und dich ordentlich hinlegen, Cäcilie ...? Ich lege mich nebenan aufs Sofa ...« Wie eine gütige, sorgsame Bitte hatte das geklungen.

»Fritz ... was ... was willst du tun --?!«

»Darüber ... hat der Ehrenrat ... zu entscheiden ...«

»Du hast -- dem Major schon Meldung gemacht --?«

»Ich tu's morgen früh!«

Cäcilie schlug die Hände vors Gesicht. Der einzige Kuß ... der Abschiedskuß ... nein, das war ja doch nicht möglich ... das durfte ja doch nicht sein ...

»Mach dir keine Sorge, Cäcilie ... ich ... schieß ihn dir nicht tot ... ich ... schieß ihn ... dir ... nicht tot ...«

Da fielen Cäciliens Hände mit einem Ruck in ihren Schoß ... die starren Augen ruhten auf dem Antlitz des Gatten mit einem langen, seltsam prüfenden, suchenden Blick ... Ein Staunen glomm in diesem Blick auf ... ein großes Sichwundern ...

Plötzlich ein zages Pochen an der Tür. Fritz fuhr zusammen: »Was gibt's --?«

»Verzeihen Herr Hauptmann, wenn ich störe!«

»Was haben Sie denn, Fräulein?«

»Der Bursche vom Herrn Major ist draußen mit einem dringlichen Befehl -- von der Brigade, sagt er!«

»Ich komme --!«

Das Fräulein stand draußen mit einem Meldekartenbriefumschlag: »An Hauptmann von Brandeis.«

Mit Bleistift von der Hand des Majors gekritzelt, drei Kreuze dabei. Sehr dringlich also. Der Hauptmann riß den Umschlag auf:

»Bataillonsbefehl!

Auf Befehl der Brigade: Hauptmann von Brandeis meldet sich morgen früh 4,30 beim Herrn Brigadekommandeur als Adjutant für den Rest der Herbstübungen an Stelle des durch Sturz mit dem Pferde heute morgen zu Tode gekommenen Hauptmanns Goettig. Die erste Kompagnie führt Leutnant der Reserve Flamberg.

v. Sassenbach.«

Ruhig zog Brandeis die Uhr, notierte die Zeit des Eingangs, elf Uhr fünfundvierzig, auf den Umschlag der Meldekarte und gab die Hülle zurück: »Das bekommt der Bursche! -- Wilhelm soll mich bereits um halb drei wecken! Frühstück um drei! -- Gute Nacht, Fräulein!«

»Gute Nacht, Herr Hauptmann!«

Einen Augenblick stand Fritz von Brandeis in tiefem Sinnen.

Hauptmann Goettig durch Sturz mit dem Pferde zu Tode gekommen ... schauerlich ... Eine glänzende Laufbahn jählings mitten durchgerissen ... eine Frau und vier Kinder des Ernährers, des Beschützers beraubt ...

Und er also der präsumtive Nachfolger ... mutmaßlich für die Dauer ... Also Brigadeadjutant +in spe+ ... das bedeutete --

Pah -- ein bitteres Lächeln spielte um des Hauptmanns Lippen. Morgen ... spätestens übermorgen stand er mit der Waffe in der Hand dem Manne gegenüber, der seines Weibes Mund geküßt ... ihm seines Weibes Herz entrissen ...

Auf den Trümmern eines solchen Glücks baut man keine -- -- Karriere auf ...

Der andere ... der war der Sieger ... war der Stärkere ... wenn einer von ihnen bleiben sollte ... dann mußte natürlich er selber es sein ... er, der meritenlose Soldat ... der unbedeutende Mann seiner reichen Frau, die nun auch ihr Herz von ihm gewandt hatte ... ihr Schicksal von dem seinen trennte ...

Für einen solchen Adjutanten würde der General sich bedanken -- wenn er überhaupt noch in die Lage kam ...!

Schwerfällig ging der Hauptmann zum Schlafzimmer zurück, steckte den Kopf zur Tür hinein: »Gute Nacht, Cäcilie!«

»Was war's ... was hat's gegeben?« stammelte die Stimme seines Weibes aus der rötlichen Dämmerung.

»Nichts von Bedeutung ... bin für morgen abkommandiert, muß eine halbe Stunde früher fort ... Gute Nacht!«

Er schloß die Tür, wandte sich ab, hakte mechanisch den Kragen seines Waffenrocks auf.

Auf einmal klang's hinter ihm: »Fritz ...«

Brandeis fuhr herum ...

Cäcilie stand an der Tür. »Fritz ... warum kommst du denn nicht zu mir hinein ... Fritz --?«

»Ich ... schlaf auf dem Sofa ... hier draußen ... oder ist es dir lieber, wenn ich schon heut abend ... fortgeh --? hier ... das alles ... gehört ja dir ...«

»Fritz! nein -- nein ... alles ist dein -- dein ganz allein ... ich auch, Fritz -- ich auch --!!«

Fünftes Kapitel.

Das rheinische Armeekorps biwakierte gegen den markierten Feind.

Der Spätsommerabend überdeckte mit sammetnen Fittichen das gewaltige Bergplateau des Hunsrücks zwischen Idarwald und Hochwald.

Und in die Nacht hinein in endloser Reihe loderten die Lagerfeuer weithin über die endlose Ebene. Überall feierten die Mannschaften das lustige Fest des Löffelbegrabens:

Die Leute des zweiten Jahrgangs, die unmittelbar nach Manöverschluß in die Heimat entlassen werden würden, schmückten, Kompagnie für Kompagnie, einen mächtigen Baum mit Strohschleifen, und ein jeder hängte vom Inhalt seines Tornisters hinein, was nun ausgedient hatte, seinen Eßlöffel, seine abgewetzte Stiefelbürste, Putzlappen, Knopfgabeln ...

Die wunderliche Trophäe wurde unter derben Soldatenspäßen und unablässigem Absingen des Reserveliedes durch das Lager getragen und schließlich mit Hallo und Kinderjubel in die Glut des Biwakfeuers versenkt.

Heimatstimmung ... Heimkehrseligkeit überall ...

Heimkehrseligkeit --?!

Leutnant Flamberg saß mit Carstanjen und dem Fahnenjunker vorm Offizierszelt der ersten Kompagnie.

Ihren Kapitän hatte die Königliche Erste heut nur von weitem zu Gesicht bekommen, wenn die kleine Kavalkade vorübersprengte, über welcher die diagonal geteilte schwarz-weiß-rote Standarte der Brigade flatterte.

Und Martin Flamberg hatte den ganzen Tag darauf geharrt, daß Major von Sassenbach, der Vorsitzende des Ehrenrats, ihn zitieren würde ...

Dabei trug er einen Brief in der Brusttasche seines Dienstrocks, einen Brief vom Samstag, der nur das eine Wort erhielt:

»~Über-über-übermorgen~ --!!!!!«

Gott im Himmel! ... dort in der Ferne harrte seiner die sehnende Braut ... und er ... er wartete auf den Befehl, sich zu verantworten, weil er das Weib eines andern berührt ...

Wohl war es ein Abschiedskuß gewesen ... aber er würde mit seinem Leben dafür einzustehen haben ...

Das hatte an seinen Nerven gerissen den ganzen Tag ... hatte wie mit Keulen immerfort auf seinen Schädel eingedroschen, bis er ganz stumpfsinnig und apathisch geworden war ...

Nur der Soldat in ihm, der hatte funktioniert ... mechanisch ... unfehlbar sicher ...

Obwohl er zu Fuß war, hatte er seine Kompagnie ganz anständig durch die Wechselfälle des heißen Marsch-, Gefechts- und Biwaktages geführt. Und Major von Sassenbach hatte ihm mehrfach aufmunternd zugenickt: »Ich werde Ihnen eine ganz passable Konduite schreiben können, Flamberg --!«

Was hatte der Major nur heute? -- Er war den ganzen Tag so merkwürdig vergnügt --?

Durch Martins Herz aber zog immerfort das Erinnern jener wenigen furchtbaren Sekunden, in denen er dem Manne gegenübergestanden, dem er das tiefste Leid seines Lebens zugefügt:

»Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Herr Hauptmann ...!«

»Sie werden morgen von mir hören!«

Keine laute Szene -- kein wildes Wort der Wut -- des Grimms.

Ein paar eisig korrekte, formelhafte Wendungen -- und doch in jeder Silbe der unsühnbare Haß -- die Feindschaft bis aufs Messer -- der Racheschrei -- die Todesdrohung!

Und heute -- rätselhaftes Schweigen. -- --

Gott -- der Grund war leicht einzusehen: der Hauptmann war zur Brigade kommandiert -- der Dienst ging allem andern vor -- es hatte an jeder Gelegenheit gefehlt, die Meldung an den Ehrenrat zu erstatten.

Aber diese Situation war gräßlich -- sie erstickte die Kraft des Widerstandes -- machte stumpfsinnig und wehrlos.

Der Gedanke an Cäcilie war wie das Erinnern eines fernen, schaurig holdseligen Traumes.

Der Gedanke an Agathe folterte das Herz noch tiefer mit schmählicher Scham.

Und aus dem innersten Herzensschacht kroch die Reue herauf -- die Reue um unwiderbringlich Verlorenes -- um ein ganzes, großes, herrliches Leben des Schaffens, des Genießens -- um ein Leben voll Liebe und Schönheit -- voll freudigen Gebens und dankbaren Nehmens.

Alles war hingeworfen -- vergeudet um eines Augenblicks haltloser Leidenschaft willen.

Reue -- Reue --

Und eines nur hatte Bestand im gestaltlos wogenden Getriebe der anklagenden, schamvoll zerrissenen Empfindung.

Dies eine Wissen: daß man einstehen werde für das eigene Tun -- regungslos -- eisernen Herzens -- ohne Wimperzucken -- bis ans Ende -- bis ans Ende.

Mannesehre ... Soldatenehre ... Offiziersehre -- wahrhaftig, doch kein leerer Wahn das alles -- --!

Wenn es eine Sühne gab auf Erden, dann war es die: klaglos die Stirne, die Brust hinhalten der rächenden Kugel ... stumm und stolz zusammensinken ... hinabtauchen in den läuternden Tod ...

So sann Martin Flamberg. Und neben ihm in behaglichem Verdauungsschweigen hockten mit übergeschlagenen Beinen auf ihren Kisten die beiden blutjungen Knaben, der Leutnant, der Fahnenjunker ... unkund der Schrecknisse des Lebens, der Leidenschaft ...

Und ringsum jubelte die Heimatsehnsucht von zehntausend jungen Gesellen, die nach zwei Jahren in Königs Rock übermorgen in trunkener Wiederkehrwonne nach Hause flattern würden.

Nach zwei Jahren, die ihnen mehr, weit mehr gewesen waren, als sie heut ahnen konnten, als ihnen vielleicht jemals zum Bewußtsein kommen würde ...

Zwei Jahre, in denen sie Soldaten gewesen waren ... in denen ihr Leben seiner Vereinzelung, seiner Kleinlichkeit und Alltäglichkeit entrissen worden war und eingegliedert in die großen Verhältnisse, das mächtige Leben der Gesamtheit ... der Nation ... des Volkes ...

Zwei Jahre, in denen sie aus Gelsenkirchenern und Rheydtern, aus Erkelenzern und Neuwiedern zu Preußen ... aus Maurertagelöhnern und Bandwirkern, aus Feilenhauern und Ackerknechten zu wehrhaften, waffengeübten Soldaten geworden waren ...

Ach ja, wohl war's manchmal scharf hergegangen in den zwei Jahren -- aber das alles war ja nun überstanden ...

Was bleiben würde ... was sie mit nach Hause nahmen ... war's zu verlangen, daß sie das heute schon begriffen -- vielleicht überhaupt je begreifen lernten?!

Doch würde mancher vielleicht nach Jahren aus dem täglichen öden Einerlei der Berufsarbeit, aus der Enge beschränkter, kinderreicher Häuslichkeit mit Dankbarkeit und Sehnsucht zurückdenken an die zwei Jahre in Luft und Sonne, in Waffenglanz und munterm Kampfspiel »auf grüner Heid -- im freien Feld«!

Heut freilich -- heut hatten sie alle nur den einen Gedanken: übermorgen geht's zu Muttern!

Und unablässig, immer von neuem klangen übers weite Feld die Weisen der Reservelieder:

Nun scheiden wir aus eurem Kreise und ziehen aus den bunten Rock! Wir treten an die Heimatreise mit einem Reservistenstock.

Geschlossen geht es aus dem Tore zum letzten Mal vergnügt hinaus. Die Mütze sitzt auf einem Ohre, und keine Waffe schmückt uns aus!

»Herrgott von Bentheim!« fluchte Leutnant Carstanjen, »dieses verdammte Reservistengegröhle wächst einem, weiß der Himmel, zum Halse heraus!«

Flamberg lächelte: »Das wird Sie wohl Ihr ganzes militärisches Leben hindurch begleiten, lieber Freund! Und wenn Sie sich einmal die Mühe geben wollen, sich in die Gefühle der Burschen, die da singen, hineinzuversetzen, dann wird's Ihnen seltsam wohl und weh dabei werden -- dann werden Sie anfangen, die Würde des hohen und herrlichen Berufs, den Sie haben, ein wenig tiefer zu begreifen! -- Was da singt und jubelt, das ist das Heimatverlangen der deutschen Jugend, die euch anvertraut ist zur Erziehung in Waffenkunde und Mannhaftigkeit. -- Die Gefühle, mit denen diese Leute das Reservelied singen, sind die Gradmesser für eure Berufstüchtigkeit -- wenn sich in diese Heimkehrseligkeit nicht auch ein unverstandenes Gefühl von Abschiedswehmut mischt, wenn diese Leute nicht in spätern Jahren mit leuchtenden Augen und geheimem Erinnerungsschmerz am Stammtisch, im Familienkreise, in der Schar ihrer Kinder von der Zeit erzählen, da sie den bunten Rock trugen -- von Ihnen erzählen, kleiner Carstanjen -- ihrem muntern, liebenswürdigen kleinen Zugführer, dem es zwar zuweilen auf eine Handvoll Schweinehunde und Kamelsnasen nicht ankam ... der aber doch im Grunde seines Herzens ein todguter, lebensfreudiger und grundehrenwerter Junge war, der in seinen Rekruten und alten Kerlen etwas mehr sah als bloß die Objekte einer lästigen, stumpfsinnigen Berufstätigkeit -- wenn das nicht so wäre -- dann sähe es schlimm aus um unser deutsches Heer ... um unser deutsches Volk ...«

»Jesses, Jesses, er predigt -- die Reserve predigt!« rief Carstanjen mit komischem Entsetzen und doch innerlich gepackt -- ein wenig geschmeichelt -- ein wenig ergriffen aber auch -- »Junker, schnell 'ne neue Pulle! --«

Da trat ein Füsilier, es war der Pferdebursche des Majors von Sassenbach, zu den Herren heran, stand stramm: »Der Herr Major läßt die Herren Offiziere bitten, ins Bataillonsstabszelt zu kommen zu einer kleinen Bowle!«

»Wir werden kommen!« sagte Flamberg. »Ja, einer von uns muß natürlich bei der Kompagnie bleiben -- also zunächst mal Sie! Ich löse Sie nachher ab -- also auf Wiedersehen!«

Ein siedender Schreck hatte Martin plötzlich durchzuckt, als die Ordonnanz des Majors herangekommen war ... Auf die hatte er ja den ganzen Tag gewartet ...

Und nun erging der Ruf zu einem fröhlichen Zechen --!? Also die Stunde der Abrechnung war noch immer nicht da ... der Major wußte noch von nichts ...?!